Klaus Fischer Der Lowpricelighter eins, zwei, drei & fear
Klaus Fischer
Der Lowpricelighter eins, zwei, drei & fear Gesammelte Werke und neue Geschichten
© Copyright 2012 by Asaph-Verlag, Lüdenscheid. All rights reserved. 1. Auflage 2012
Umschlaggestaltung: Vision C, Karl Gerd Striepecke, D-Varenholz Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-57-1 Bestellnummer 147457 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.net – www.asaph.net
Widmung Ich widme dieses Buch allen Menschen, die mich auf meinem bisherigen Weg mit Jesus begleitet haben. Da es zu schwierig ist, alle Namen zu nennen, gilt das insbesondere für alle ehemaligen, jetzigen und zukünftigen Mitglieder der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Rinteln, der Jesus!Gemeinde Rinteln, der EvangelischFreikirchlichen Gemeinde Bückeburg und für alle Mitarbeiter des Asaph-Verlags. Und wenn du der Meinung bist, ich hätte dich vergessen, dann sei nicht sauer, sondern geh einfach in eine der genannten Gemeinden oder fang bei Asaph an … Klaus Fischer
Inhalt Der Lowpricelighter....................................................................... 9 Prolog......................................................................................... 9 Onkel Herbert........................................................................... 10 Paul.......................................................................................... 18 Die Gebetsnacht....................................................................... 24 XR 2001................................................................................... 30 Der Psalm................................................................................. 34 Das Seminar............................................................................. 39 Papa......................................................................................... 45 Der Klavierspieler..................................................................... 54 Die Evangelisation.................................................................... 60 Lobpreis für Fortgeschrittene................................................... 65 Die erste Predigt....................................................................... 70 Gemeindeausflug..................................................................... 77 Der Urlaub................................................................................ 83 Die Hochzeit............................................................................. 92 Schlusswort............................................................................ 100 Der endgültige Durchbruch des Lowpricelighters................. 101 Wilfried................................................................................... 101 Mission mit Hindernissen........................................................110 Friede auf Erden......................................................................117 Fast ’n Rekord........................................................................ 124 Der Abschied.......................................................................... 132 Das Eheseminar..................................................................... 139 Urlaub in den Bergen............................................................. 147 Der Kindergottesdienst........................................................... 155 Die Lobpreistournee............................................................... 161 Der Blinddarm........................................................................ 168 Der Chor................................................................................. 178 Die Bußpredigt....................................................................... 184 Der Umbau............................................................................. 190 Die Rückkehr.......................................................................... 198 Schlusswort............................................................................ 204
Lowpricelighter dry (III)............................................................. 205 Einlightung.............................................................................. 205 Der Auserwählte..................................................................... 207 Die Beerdigung....................................................................... 216 Es geht weiter......................................................................... 223 Erntedankfest......................................................................... 230 Das Seminar........................................................................... 236 Midlife-Crisis........................................................................... 245 Der Krankenbesuch................................................................ 252 Billy Gairvine kommt nach Deutschland................................. 260 Die Jagd beginnt.................................................................... 271 Geistlicher Krieg..................................................................... 282 Besuch im Seniorenheim....................................................... 289 Die Aufnahme......................................................................... 297 Der Durchbruch...................................................................... 304 Alles wird gut.......................................................................... 309 Lowpricelighter fear...................................................................311 Ein richtiger Pastor..................................................................311 Revolution.............................................................................. 318 Anderthalb Jahre später......................................................... 324 Viele alte Freunde.................................................................. 330 Aaron...................................................................................... 336 Die Behörde des Grauens...................................................... 342 Arno spielt den Bruce-Blues................................................... 347 Das Grauen geht weiter......................................................... 353 Die Jugend kommt................................................................. 359 Das Gelübde.......................................................................... 365 Die Nühm-Identität................................................................. 371 Jetzt reicht es aber................................................................. 378 Alle für einen.......................................................................... 384 Ende ohne Schrecken............................................................ 390 Nachgelagertes Vorwort......................................................... 397
EIN RICHTIGER PASTOR „Wie ihr wisst, haben wir als Gemeindeleitung beschlossen, einen neuen Pastor zu berufen“, sagte Horst Adler während der Gemeindestunde und fügte hinzu: „Unser lieber Bruder Arno Nühm hatte diesen Dienst kommissarisch übernommen und möchte sich jetzt wieder verstärkt seiner eigentlichen Berufung, der Lobpreisarbeit, widmen.“ Er umschrieb meinen Rücktritt dann fast wie ein Politiker. Neben den üblichen Floskeln wie „große Lücke“, „aufopferungsvoller Dienst“ und „aus familiären Gründen“ fehlte eigentlich nur noch so etwas wie „… werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren …“ Aber so weit war es zum Glück noch nicht. Sein nächster Satz war sicher gut gemeint: „Lasst uns doch einfach mal durch einen Applaus zum Ausdruck bringen, dass wir Arno für seine Arbeit als Übergangspastor dankbar sind, auch wenn nicht immer alles so geklappt hat, wie wir uns das gewünscht haben.“ Er hätte im Prinzip auch sagen können: „Klatscht mal bitte, auch wenn der Arno ein absoluter Vollpfosten ist!“ Der anschließende Beifall war aber für eine christliche Gemeinde trotzdem recht ordentlich.
312 / Lowpricelighter fear Vielleicht wussten einige doch zu würdigen, dass es nicht immer so einfach war, der am Boden liegenden Christenheit in Todtenhausen neues Leben einzuhauchen. Horst erklärte weiter: „Am nächsten Sonntag wird Bruder Hosea Rabanna äh … Baranna oder …“ Er schaute mich hilflos an, weil er sich Hoseas Nachnamen einfach nicht merken konnte. „HOSEA NARANNA!“, sagte ich deshalb möglichst deutlich. „Ja“, fuhr Horst fort. „Also Bruder Hosea … äh … Dings … wird zu uns kommen, der ein alter Freund von Arno ist. Die beiden haben sich beim Gemeindeleiterseminar auf der Theologischen Werner-Semmelrogge-Fakultät in Herne kennengelernt. Arno hat ihn als neuen Pastor empfohlen, weil er von seiner Eignung und seinen geistlichen Qualitäten ganz fest überzeugt ist. Und wir anderen aus der Gemeindeleitung konnten ein Amen dazu finden, dass es Gottes Wille ist.“ Moment! Also soooo gut kannte ich Hosea ja nun auch wieder nicht, dass ich mich da jetzt schon auf ein „Amen“ einlassen wollte. Und ob es wirklich Gottes Wille war? Es war immerhin noch nicht allzu lange her, dass wir alle der Meinung gewesen waren, ICH sei der Auserwählte gewesen. Und – wessen Wille das nun auch immer war – es hatte sich als ziemlicher Schuss in den Ofen herausgestellt. Während ich noch diesem Gedanken nachging, bemerkte ich, dass Horst mich fragend ansah. Und alle anderen schauten mich ebenfalls an. Er musste mir offensichtlich gerade eine Frage gestellt haben, die ich blöderweise nicht mitbekommen hatte, weil ich mal wieder nicht aufgepasst hatte. „Äh … JA!“, sagte ich deshalb. Ein „Ja“ ist in frommen Kreisen eigentlich immer richtig, denn die meisten Fragen in Kirchen und Gemeinden werden doch so gestellt, dass man sie mit einem „Ja“ beantworten kann. Willst du Buße tun? Willst du geistlich weiterkommen? Willst du diese Frau …? Na gut, bei manchen Sachen hätte man sich das „Ja“ vielleicht lieber verkneifen sollen … aber das ist ein anderes Thema. In diesem Fall schien mein „Ja“ aber nicht so ganz die erwartete Antwort auf Horsts Frage zu sein. Das merkte ich nicht nur an seinem Blick und den fragenden Gesichtern der anderen, sondern auch daran, dass Gitti mir zuflüsterte: „Er hat gefragt, ob dir irgendwelche
Ein richtiger Pastor / 313 Hinderungsgründe für die Anstellung von Hosea bekannt sind oder irgendwelche Verfehlungen, von denen die Gemeinde Kenntnis haben sollte …“ Mist! Wie kam ich jetzt aus der Sache raus, ohne mich zu blamieren? Ich versuchte es mit einem kleinen Witz: „Ja, mir ist etwas bekannt, was eine Anstellung verhindern könnte …“ Kurze dramatische Pause. „Er liest zu viel in der Bibel!“, sagte ich und grinste. Ein Superwitz! Und die meisten lachten auch. Außer Günter Siekmann, der zu der Sorte Christen gehörte, die einfach keine Witze verstehen: „Man kann nie genug in der Schrift lesen!“, protestierte er. Und weil ihn ansonsten keiner beachtete, erzählte er Ina Hieling mit einem siegesgewissen Gesichtsausdruck: „Ich lese jeden Tag drei Kapitel und einen Psalm!“ Als Ina ihm jedoch entgegnete, dass sie fünf Kapitel im Alten und zwei im Neuen Testament las, war für Günter der Tag mal wieder gelaufen. So wie ich ihn einschätzte, würde er ab sofort versuchen, Ina zu überbieten. Horst erklärte uns noch, dass am folgenden Sonntag der sogenannte „Kennenlern-Gottesdienst“ mit Hosea stattfinden sollte und dass nach der Predigt noch ein gemeinsames Mittagessen geplant war. Und wie immer bat er darum, dass die Frauen (!) Salate machen, weil es einfach nicht in sein Weltbild passte, dass ein Mann vielleicht auch in der Lage sein könnte, etwas halbwegs Genießbares in eine Tupperschüssel zu bekommen. Teilweise musste ich ihm allerdings recht geben, zumindest, wenn ich beispielsweise an Axel Zuckens „Hirtensalat der sechs Köstlichkeiten“ dachte, der scheinbar aus Linsen, Fenchel und Brombeerblättern bestanden hatte. Er hatte ihn zum Weltmännerkegelabend mitgebracht, der quasi das Gegenstück zum Weltfrauengebetstag ist. Und soweit ich weiß, hatte nicht mal mein dicker Freund Reinhold Burmann diesen Salat angerührt. Und das soll schon was heißen. Horst bat also die Frauen um Salate, und zwar möglichst gleich in Regentonnen-Mengen, damit es auch für die Gäste reichte. Dann bat er die Männer, bereits am Samstag die Stühle und Tische für das gemeinsame Mittagessen zu stellen. Da man auf Gemeindeälteste wie Horst immer hören sollte – zumindest, wenn sie etwas Vernünftiges sagen –, brauchte ich mich am Salat nicht zu beteiligen (Frauensache!) und natürlich auch nicht die Stühle und Tische zu schleppen (Männersache, aber selbstverständlich nichts für empfindliche Musikerhände).
314 / Lowpricelighter fear Dann bemühte er sich noch etwas umständlich, die Gemeinde darauf vorzubereiten, dass ihr potenzieller neuer Pastor schwarz war: „Bruder Hosea Naramba … oder wie heißt der noch mal?“, fragte er in meine Richtung. „NA-RAN-NA!“, sagte ich langsam und deutlich. Horst verstand das aber wieder nicht richtig: „Ach, warum kann der nicht einfach Meier heißen? Also, unser Bruder Hosea kommt ja ursprünglich aus Afrika, und zwar aus einem Land namens Bukandi. Das liegt glaube ich so etwa zwischen Tofu und Barokko, etwas nördlich von diesem Gnubbel, den ihr sicher von den afrikanischen Landkarten kennt …“ „Gegen Gnubbel kann man beten!“, sagte Günter Siekmann reflexartig, aber Horst ignorierte ihn und redete einfach weiter: „Ihr solltet deshalb auch darauf vorbereitet sein, dass unser Bruder Hosea eine andere Hautfarbe hat. Ich weiß natürlich, dass hier niemand etwas gegen Leute aus anderen Kontinenten hat, denn wir Christen wissen ja am besten, dass Gott alle Menschen gleich lieb hat. Aber ich sage es, weil ich mir wünsche, dass ihr ihm ganz normal begegnet und ihn nicht etwa aus lauter Überraschung anstarrt oder so. Hat jemand noch Fragen?“ Horst schaute in die Runde und sah, dass Martha Pfahl sich meldete, wie sie es vor geschätzten siebzig Jahren in der Schule gelernt hatte. Und nachdem Horst ihr zugenickt hatte, fragte sie: „Also, ist der jetzt ein Neger, oder?“ Bevor Horst antworten konnte, meldete sich schon Axel Zucken zu Wort, um Martha zu belehren: „Aber Martha! Man sagt doch heutzutage nicht mehr Neger. Die heißen Farbige!“ Martha: „Wer?“ Axel: „Na, die Neger! Die nennt man jetzt Farbige!“ Martha: „Ach …“ Axel: „Oder Afro-Amerikaner!“ Martha: „Wieso denn jetzt Amerikaner? Ich denke, der kommt aus Afrika, dieser Neger?“ Axel: „FARBIGER! Nicht NEEEGER, sondern FAAARBIGEEEER!“ Martha: „Also gut, Farbiger. Und warum soll man eigentlich nicht mehr Neger zu denen sagen?“ Horst wollte gerade erklärend eingreifen, aber in diesem Fall kam ihm Werner Schibulski mit einer ziemlich interessanten Theorie zuvor: „Weil der Begriff Neger ursprünglich von dem Wort nega-tiv kommt. Deswegen!“ „Äh, nun … das ist … äh …“, stammelte Horst. Man merkte ihm an, dass er das Lachen unterdrücken musste, um Werner und seine verwegene These nicht lächerlich zu machen. Das ist ja einer der
Ein richtiger Pastor / 315 Vorteile in christlichen Gemeinden: Du kannst den größten Mist erzählen und alle müssen dich trotzdem lieb haben. Während Horst sich darum bemühte, die ganze Sache mit einem Gebet zu einem würdigen Abschluss zu bringen, hörte ich, wie Martha – während des Gebets – ihrer Sitznachbarin Bärbel Tusch halblaut erklärte: „Mein Karl, der darf sowieso keine Farbigen-Küsse oder Afro-Küsse oder wie diese Dinger jetzt heißen, mehr essen, sonst kriegt er gleich wieder Cholesterin und Herzrasen. Und der hat ja in den letzten Monaten auch sowieso gesundheitlich so abgebaut …“ Horst ließ sich davon jedoch nicht beeinträchtigen und betete dafür, dass der Gottesdienst mit Hosea zu einem Segen werden würde, dass DIE FRAUEN (!) genügend Salate mitbringen und dass DIE MÄNNER (!) die Tische vernünftig hinstellen würden, ohne sich wieder ständig die Finger einzuklemmen. Die folgende Woche verlief relativ ruhig, wenn man mal davon absieht, dass meine Kollegin Rosi mich am Mittwoch fragte, warum ich bei Facebook zu einer Gruppe namens „Die heiligen Endzeitkämpfer des Glaubens“ gehörte und was das für ein Verein sei. Ich wusste zunächst von nichts und stellte dann nach intensiven Recherchen fest, dass Günter Siekmann mich und fast alle anderen Gemeindemitglieder einfach ungefragt für diese von ihm gegründete Gruppe als Mitglieder angemeldet hatte. Mal abgesehen davon, dass mir diese ganzen Facebookgruppen wie beispielsweise „Autokorso gegen die Klimaerwärmung von Hamburg nach Nürnberg und zurück“ sowieso suspekt waren, hatte ich keine Lust, mich einfach ungefragt für irgendwas vereinnahmen zu lassen. Und Gitti, die natürlich ebenfalls ohne ihr Einverständnis als „heilige Endzeitkämpferin“ aufgeführt wurde, sah das sogar noch etwas emotionaler und wollte Günter ihre Meinung gleich noch mal gerne persönlich am Telefon sagen. Ich will dieses Gespräch (genau genommen war es wohl eher ein Monolog meiner Frau) nicht in allen Einzelheiten wiedergeben, aber es fielen die Begriffe „unverschämte Frechheit“, „weltfremde Spinnereien“ sowie der Satz: „… und wenn du uns nicht augenblicklich aus dieser Gruppe löschst, dann wirst du eine heilige Endzeitkämpferin aber mal so richtig kennenlernen …“ Nachdem sie Günter abgefrühstückt hatte, musste Gitti ihren Frust natürlich auch noch bei mir loswerden. „Ich begreife einfach nicht, wieso Günter immer so einen Quatsch veranstalten muss“, ärgerte sie sich. „Es ist für mich überhaupt kein
316 / Lowpricelighter fear Problem, wenn die Leute mitkriegen, dass ich eine Christin bin, aber man muss doch nicht immer mit solchen blödsinnigen Aktionen förmlich darum betteln, dass einen gleich alle automatisch für einen Idioten halten.“ „Tun sie doch sowieso!“, sagte ich … Und ich meinte das natürlich eher so ganz allgemein, also pauschal auf alle bezogen. Gitti hatte meinen Satz aber leider geringfügig anders verstanden und ging natürlich mal wieder davon aus, dass ich mich über sie lustig machen wollte. Irgendwie ist das doch immer das Gleiche. Man sagt als Mann etwas Normales, sie versteht das aber nicht normal, sondern weiblich – und dann gibt es Ärger. Und ich musste wieder darunter leiden, dass Günter Siekmann sich irgendwelchen Mist ausgedacht hatte. Denn ich konnte meine Frau zwar glücklicherweise nach einem etwa dreistündigen Gespräch davon überzeugen, dass sie mich falsch verstanden hatte. Aber im Laufe dieses Gesprächs hatte ich – um Gitti gnädig zu stimmen – außerdem zusichern müssen, dass ich demnächst das Wohnzimmer neu streichen, den Keller entrümpeln, das Garagentor reparieren und mich von meinen schwarzen Unterhosen trennen würde, die mich all die Jahre so treu begleitet hatten. Da war ja wohl klar, dass ich mir diesen Siekmann bei nächster Gelegenheit vorknöpfen und ihn zur Mithilfe bei den Arbeiten verdonnern würde. Außer natürlich bei der Sache mit den Unterhosen. Ich erwischte ihn am Sonntag in der Küche unserer Gemeinde, wo er gerade Inge Fahr erklärte: „Ich bete seit Jahren für eine Frau, die diesen Nudelsalat genau so hinbekommt wie du.“ Inge antwortete ganz sachlich: „Du, Günter! Dann bleib bitte an diesem Gebetsanliegen auf jeden Fall weiter dran, damit du diese Frau hoffentlich irgendwann findest. Und übrigens sind das keine Nudeln, das ist gepresster Algenschleim.“ Der anschließende Kennenlern-Gottesdienst mit Hosea verlief dann sehr gut. Er stellte sich kurz persönlich vor und erzählte uns, wie ihn sein Weg von Bukandi nach Deutschland geführt hatte. Dabei erfuhren wir auch, dass seine Familie und viele andere Christen in seiner Heimat seit vielen Jahren Probleme mit der Regierung hatten und oft genug drangsaliert und unterdrückt wurden. Viele von ihnen beteten intensiv für eine Absetzung des Präsidenten und für eine neue und frei gewählte Regierung. Er hatte schon manches wirklich Spannende erlebt und er bezeichnete schließlich auch unser Aufeinandertreffen an der Theologischen Fakultät als Führung Gottes
Ein richtiger Pastor / 317 und als Bereicherung für sein Leben. An dieser Stelle hoffte ich, dass alle anderen und insbesondere meine Gitti genau zugehört hatten, denn eigenartigerweise sahen die mich ja noch nicht immer als Bereicherung an. Hosea hielt danach eine Predigt über die Bedeutung der Bibel für unser Leben. Er machte deutlich, dass wir den Willen Gottes viel besser erkennen können, wenn wir regelmäßig im Wort Gottes lesen. Günters merkwürdige Zwischenrufe waren für die meisten von uns nichts Ungewöhnliches, aber in diesem Fall konnte nicht jeder mit der eigenwilligen Kombination etwas anfangen: „Amen, Bruder … acht Kapitel … jeden Tag … seit gestern … Algenschleim äh … Amen!“ Nach der Predigt übernahm Horst wieder die Leitung und bedankte sich bei Hosea für die „wunderbare“ Predigt. Er beendete den Gottesdienst mit einem Gebet. Einige lachten zwar, als er etwas missverständlich sagte: „… und wir danken dir für die Salate unserer Schwestern, die so lecker sind …“ Aber die meisten rissen sich zusammen, denn wir wollten natürlich gegenüber dem potenziellen neuen Pastor einen guten Eindruck machen. Hosea wurde beim gemeinsamen Mittagessen von den meisten sehr herzlich begrüßt. Seine lockere, unverkrampfte Art war offensichtlich gut angekommen. Und die Hautfarbe spielte dabei erfreulicherweise keine Rolle, wenn man mal von einer unglücklichen Bemerkung Marthas absieht: „Also, ich hab ja schon gelernt, dass man nicht mehr Neger zu Ihnen sagen darf, Herr Pastor. Aber ich muss auch mal wirklich ein Lob loswerden: Sie benehmen sich ja auch nicht wie einer …“ Hosea war gelassen genug, diese Bemerkung als den missglückten Versuch eines Kompliments von Martha aufzufassen, und reagierte mit erfrischender Ironie: „Liebe Schwester. Das freut mich, dass man mir meine Herkunft nicht anmerkt. Ich hab mir auch wirklich Mühe gegeben, denn eigentlich hätte ich am liebsten im Gottesdienstraum ein Lagerfeuer gemacht und eine Giraffe gegrillt.“ Martha schaute ihn ziemlich verwirrt an. Man konnte nach ihrem Gesichtsausdruck vermuten, dass sie gerade etwas Ähnliches dachte wie: „Soll ich jetzt vorsichtshalber den Feuerlöscher holen oder wird dieser nette junge Mann mich gleich dazu zwingen, mit ihm um das Feuer zu tanzen?“ Hosea nahm sie einfach liebevoll in den Arm und sagte: „Wir werden uns bestimmt gut verstehen.“
318 / Lowpricelighter fear
REVOLUTION Bereits wenige Wochen später war die Entscheidung gefallen. Hosea wurde unser neuer Pastor. Ich konnte mich danach endlich wieder meiner eigentlichen Berufung widmen, nämlich der am Boden liegenden Christenheit durch meine Musik neues Leben einzuhauchen. Denn Hosea hatte von Anfang an Wert darauf gelegt, dass er sich trotz seines zweifellos vorhandenen Talents zum Klavierspielen nicht in unsere Lobpreisarbeit einmischen wollte. Er hatte das mit einem dieser typischen Sätze gesagt: „Der Herr hat mich in den Dienst des Wortes gestellt.“ Für Normalsterbliche übersetzt bedeutet das in etwa: „Ich werde hier fürs Labern bezahlt, also macht ihr gefälligst den Rest!“ Hoseas Predigten waren abwechslungsreich und sie hatten das entscheidende Merkmal für eine gute Wortverkündigung: Sie waren rechtzeitig vorbei! Er fand sehr schnell Kontakt zu den Mitgliedern der Gemeinde und ließ sich auch durch kleinere Rückschläge nicht entmutigen, z. B., als Else Baluschek einige Wochen später von einem längeren Klinikaufenthalt in die Gemeinde zurückkam. Sie wurde von allen freundlich begrüßt und wirkte zunächst auch deutlich ruhiger als früher. Leichtsinnigerweise hatte Hosea ihr aber die Gelegenheit gegeben, während des Gottesdienstes ein „Zeugnis“ über ihre Erlebnisse während der Therapie zu geben. Das war sicherlich auf seine Unerfahrenheit zurückzuführen, da er Else noch nicht kannte und sie auch noch nicht singen gehört hatte. Wir anderen allerdings schon! Unser Bassist Siggi hatte deshalb aus alter Gewohnheit das Mikrofonkabel durchtrennt, als Else nach vorne kam, auch wenn sie in diesem Fall gar nicht singen wollte. „Zur Sicherheit!“, sagte er entschuldigend zu mir. Ich nickte verständnisvoll. Ich möchte Elses Darstellungen nicht in allen Einzelheiten wiedergeben, aber sinngemäß erzählte sie recht ausführlich, dass „die Ärzte“ ihr zunächst rote Pillen gegeben hatten, die aber nicht halfen. Dann habe sie grüne und gelbe Tabletten bekommen, wobei die grünen wohl gegen die Nebenwirkungen der gelben gedacht waren, bei ihr aber zu umfangreichen Magen- und Darmirritationen führten, auf die ich hier nicht näher eingehen will. Else tat es sehr umfangreich und sehr anschaulich! Als man ihr dann hinterher auch noch hellbeige Zäpfchen gegeben hatte, die wiederum die abführende Wirkung der grünen Tabletten unterdrücken sollten (oder waren es die gelben?), musste sie zur