Skip to main content

147427

Page 1

/ 1 R. T. Kendall Vรถllige Vergebung


2 / Vรถllige Vergebung


/ 3

R. T. Kendall

Vรถllige Vergebung


4 / Völlige Vergebung

Titel der englischen Originalausgabe: Total Forgiveness Die englische Originalausgabe ist erschienen bei Hodder & Stoughton Ltd. (a subsidiary of Hachette UK Ltd.), 338 Euston Road, London, NW1 3BH, England. Copyright der Originalausgabe © 2001 R. T. Kendall Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Njock Als Bibelübersetzung wurde, wenn nicht anders angegeben, die Elberfelder Übersetzung, revidierte Fassung von 1985/1991, © Brockhaus-Verlag Wuppertal, benutzt. Umschlaggestaltung: joussenkarliczek/Solveig Schäfer (unter Verwendung eines Fotos von © photocase/Daniel Schönen) Satz: Jens Wirth Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in Germany ISBN 978-3-940188-27-4 Best.-Nr. 147427 Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. finden Sie unter www.asaph.net, oder Sie wenden sich an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid, E-Mail: asaph@asaph.net


/ 5

FĂźr Melissa


6 / Vรถllige Vergebung


/ 7

Inhalt Vorwort ...................................................................................... 9 Vorwort des Autors .................................................................. 13 Einleitung ................................................................................. 15 Kapitel 1: Was ist völlige Vergebung? ...................................................... 25 Kapitel 2: Wie wissen wir, dass wir völlig vergeben haben?.................... 55 Kapitel 3: Das Vaterunser und die Vergebung .......................................... 81 Kapitel 4: Gott spielen ............................................................................ 107 Kapitel 5: Wann wir das Recht haben zu richten .................................... 123 Kapitel 6: Die Kunst, sich selbst zu vergeben und zu vergessen ............ 139 Kapitel 7: Wie man vergeben kann – und zwar völlig .............................167 Fazit ........................................................................................195


8 / Vรถllige Vergebung


/ 9

Vorwort Eine der wichtigsten Fragen des dritten Jahrtausends wird die Problematik der Beziehung zwischen den Industrieländern der westlichen Welt und den Entwicklungsländern der Dritten Welt, besonders in Afrika, sein. Eine neue Weltordnung hat sich herauskristallisiert, die eine Vermittlung auf globaler Ebene erforderlich macht. Das Hauptziel dieser Vermittlung wäre, zur Lösung einer relativ neuen Art ethnischer Konflikte beizutragen, die innerhalb einzelner, sowie zwischen verschiedenen Nationen aufbrechen. Auch sollte sie weltweit – besonders in Afrika – zu einer Förderung des Wirtschaftswachstums, der Entwicklung und des Wohlstands beitragen. Einige unter uns, die ganz praktisch in die Vermittlung dieser Konflikte involviert waren, sind zu der schlichten Erkenntnis gelangt, dass Nationen einander vergeben müssen, wenn schwächere Nachbarn in der Vergangenheit ausgebeutet und unterdrückt wurden, genau wie einzelne Personen einander vergeben müssen. Für ein Volk, das durch das Wüten des Kalten Krieges oder des Kolonialismus dermaßen traumatisiert wurde, ein Volk, das versucht, seine Geschichte der Unterdrückung, der Konflikte und des Streits zu bewältigen, ein Volk, das, wie die Menschen in Afrika, gerade erst auf dem Tiefpunkt der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit angekommen ist, kann es ohne Vergebung keine Zukunft geben.


10 / Völlige Vergebung In diesem Kontext erscheint mir Dr. R. T. Kendalls Buch „Völlige Vergebung“ außerordentlich zeitgemäß und passend für diesen kritischen Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte. Es ist ein Buch, das von jedem Volk und jeder Nation der Welt gelesen werden sollte. Afrikanische und andere Völker müssen einander vergeben für die Grausamkeiten, die sie ihren Nachbarn im Namen von politisch motivierten ethnischen Konflikten oder im Namen der Religion zugefügt haben. Beispiele hierfür aus der Vergangenheit sind Ruanda, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Nordirland, und aktuelle Beispiele Sierra Leone, Sudan, Angola, Liberia, Guinea, Somalia, der Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien, Algerien und die Demokratische Republik Kongo, um nur einige zu nennen. Doch im gleichen Maß muss auch zwischen Europa, Amerika und der arabischen Welt auf der einen und Afrika auf der anderen Seite noch viel Vergebung ausgesprochen werden. Durch den atlantischen und den arabischen Sklavenhandel in Afrika waren die Menschen aus diesen Nationen an der größten interkontinentalen Zwangsmigration unbezahlter Arbeitskräfte von einer Gesellschaft zu einer anderen beteiligt, eine Entwicklung, deren Beweggründe einzig und allein rassistischer Art waren. Dem folgte der europäische Wettlauf um Afrika zwischen 1884 und 1914, der als der größte Landraub der Geschichte bezeichnet wird. Aus diesem Grund sind Afrikaner, und zu einem gewissen Grad auch Asiaten und Lateinamerikaner, verletzt und verbittert, wenn sie auf ihre Geschichte zurückblicken und darauf, was ihnen von Menschen anderer Rassen angetan wurde. Auf die Geschichte zurückzublicken ist wichtig, weil die Menschheit ohne Kenntnis ihrer Geschichte und ihrer Verknüpfung mit der Vergangenheit an gesellschaftlichem Gedächtnisschwund leidet und keine intellektuellen und damit zu einem gewissen Grad auch keine emotionalen Wurzeln hat. Außerdem ist, wie schon der amerikanische Philosoph George Santayana einmal gesagt hat, wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, dazu verurteilt, sie zu wiederholen.


Vorwort / 11 R. T. Kendall zeigt uns jedoch in diesem Buch, dass sogar berechtigte Bitterkeit lediglich unsere Seele auffrisst und ansonsten nichts weiter bewirkt. Wir müssen deshalb lernen zu vergeben, selbst wenn wir nicht vergessen. Nelson Mandela ist wahrscheinlich das beste Beispiel des zwanzigsten Jahrhunderts für einen Mann, der uns gelehrt hat, wie man vergibt. Seine siebenundzwanzigjährige politische Haft – die längste Haftzeit eines politischen Gefangenen weltweit – hat er unbeschadet überstanden, und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sagte er seinem Volk, dass sie ihren früheren weißen Unterdrückern vergeben und sich vielmehr auf die Zukunft konzentrieren sollten, auf den Aufbau einer neuen, vereinten Nation. Trotz des schrecklichen Traumas der Apartheid wählte Mandela den Weg der Vergebung und der Versöhnung und nicht eine Politik der Vergeltung und der Rache. Die Welt hatte erwartet, dass es in Südafrika zu einem schrecklichen Blutbad kommen würde. Doch das ist nicht geschehen. Dann dachte die Welt, dass nach der Einsetzung einer demokratisch gewählten Regierung, mit Mandela als erstem schwarzen Präsidenten, all jene, denen man so lange die Rechte verweigert hatte – deren Würde so lange mit Füßen getreten worden war, herzlos und ohne Bedauern – Amok laufen und eine Orgie der Rache und Vergeltung auslösen würden, die ihr gemeinsames Heimatland völlig verwüstet hätte. Doch auch das blieb aus. Den Südafrikanern gelang ein außergewöhnlicher, einigermaßen friedlicher Übergang von der Grausamkeit rassischer Unterdrückung zu der relativen Stabilität eines demokratischen Systems ohne Bevorzugung einer Rasse. Vielleicht waren sie anfangs selbst davon überrascht, mit wie viel Fassung sie die grausamen Details der Vergangenheit ertragen haben, die später in den Sitzungen der Kommission für Wahrheit und Versöhnung zum Ausdruck gebracht wurden. Es war ein Phänomen, das die Welt nicht als unbedeutend abtun konnte. Ich bin Gott dankbar, dass er mir ermöglicht hat, bei diesem Prozess der Versöhnung und Vergebung mitzuwirken, durch den es im April 1984 zu friedlichen und demokratischen Wahlen kam und ein großer Krieg zwischen Rassen und Volksgruppen vermieden wurde.


12 / Völlige Vergebung Der Konflikt zwischen Arabern und Israelis dauert nun schon so lange an, weil er leider auf einer Politik der massiven, sofortigen gegenseitigen Vergeltung basiert – einer Politik nach dem Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Doch am Ende werden sich die Parteien, die an diesem schrecklichen Konflikt beteiligt sind, gemeinsam an einen Tisch setzen und nach dem Grundsatz des Gebens und Nehmens eine friedliche und dauerhafte Vereinbarung aushandeln müssen. Diese muss sich auf das Prinzip der Versöhnung, der Vergebung und der wiederherstellenden Gerechtigkeit stützen, und nicht auf das Prinzip der vergeltenden Gerechtigkeit. Es ist offensichtlich, dass die Welt auf genau so ein Buch gewartet hat, und R. T. Kendall hat der Menschheit damit einen großen Dienst erwiesen. Professor Washington A. J. Okumu Nairobi, im Februar 2001


/ 13

Vorwort des Autors Jeder Schriftsteller ist wahrscheinlich der Meinung, dass sein neuestes Buch das bisher beste und wichtigste ist. Auf jeden Fall ist das meine Meinung über dieses Buch. Von allen Büchern, die ich geschrieben habe, ist es bei Weitem das, welches das größte Potenzial besitzt, das menschliche Herz zu heilen. Ich bete, dass dieses Buch für jeden Leser alle Erwartungen sprengen wird. Es wurde geschrieben, um Menschen zu befreien. Ich möchte mich bei Rob Parsons, Julia Fisher, Susan Perlman, Michael Schluter und Lyndon Bowring für das Lesen des Manuskripts bedanken. Mit ihren sachdienlichen Ratschlägen und ihrer liebevolle Unterstützung sind sie für mich eine unermessliche Quelle der Ermutigung gewesen. Mein Dank geht an Sheila Penton, die das Manuskript abgetippt hat, und an David Moloney, meinem Herausgeber beim Verlag Hodder, für seine Geduld und Hilfe. Ganz besonders möchte ich Professor Washington Okumu aus Nairobi, Kenia, dafür danken, dass er bereit war, das Vorwort zu verfassen. Professor Okumu ist Absolvent der Universitäten Harvard und Cambridge und war in Harvard auch ein Schüler von Henry Kissinger. Diese beiden Männer wurden später Freunde und arbeiteten gemeinsam daran, Frieden und Versöhnung in Südafrika


14 / Völlige Vergebung zu bewirken. Professor Okumus größter Verdienst ist, dass es ihm gelang, den ehemaligen südafrikanischen Präsidenten De Klerk, Häuptling Mangosuthu Buthelezi und Nelson Mandela zusammenzubringen und mit ihnen den Frieden auszuhandeln, was weder Dr. Kissinger noch Lord Carrington erreicht hatten. Es war eines der großen Wunder des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Resultat war, dass Nelson Mandela der erste schwarze Präsident Südafrikas wurde, und die gesamte Welt ist dafür dankbar. Parallel zu diesem Ereignis war Professor Okumu mit größter Wahrscheinlichkeit auch die treibende Kraft bei der Vermeidung eines Bürgerkriegs in Südafrika. Ich widme dieses Buch in Liebe meiner Tochter Melissa. Sie weiß, was es heißt, tiefe Verletzungen zu erleiden, aber auch, was es heißt zu vergeben – und zwar völlig. R. T. Kendall Westminster Chapel, London 1. Februar 2001


/ 15

Einleitung R.T., du musst ihnen vergeben. Solange du ihnen nicht völlig vergibst, bist du in Ketten. Lass sie frei, dann wirst du auch frei sein.

Mein ganzes Leben hatte noch nie jemand so mit mir geredet. Jene Worte, die so unverhofft von meinem Freund Josif Tson aus Rumänien an mich gerichtet wurden, waren mit die wichtigsten Worte, die jemand persönlich zu mir gesprochen hat. „Treu gemeint sind die Schläge dessen, der liebt“ (Sprüche 27,6). Am 5. Juni 2000 erschien in der Londoner Tageszeitung Daily Express ein Artikel mit der folgenden Überschrift: „Kann man Vergebung lernen?“ In der Einleitung des Artikels hieß es: „Wer nachtragend ist, kann seine Gesundheit beinträchtigen oder ihr sogar schaden.“ Die Autorin dieses Artikels, Susan Pape, hatte Dr. Ken Hart interviewt, einen Dozenten der Universität Leeds, der den „weltweit ersten Lehrgang für Vergebung“ angeboten hatte. In diesem Lehrgang sollten Menschen lernen, ihren Feinden zu vergeben und ihren Groll abzulegen. Die Teilnehmer rangierten von Einbruchsopfern über von ihren Frauen verlassenen Ehemännern bis zu Menschen, die unter Mobbing litten. Alle hatten eins gemeinsam: Sie waren wütend, verbittert und wollten Rache. Soweit ich weiß, handelte es sich dabei nicht um einen christlichen Lehrgang. Es schien ein Fall zu sein, wo Menschen nach


16 / Völlige Vergebung biblischen Prinzipien handelten, ohne es zu wissen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Welt anfängt zu erkennen, welcher Wert darin liegt, anderen zu vergeben, und es ist möglich, dass die Christen in dieser Hinsicht ein wenig ins Hintertreffen geraten sind. Leider muss ich sagen, dass auch ich zu lange Zeit dazugehörte. Für die meisten von uns gibt es Zeiten im Leben, in denen wir bezüglich Vergebung an unsere Grenzen kommen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, was mir zugestoßen ist. Ich habe mich verpflichtet, diese Geschichte nicht mehr zu erzählen, deshalb möchte ich nur sagen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie so tief verletzt worden war. Das Unrecht, das mir meiner Meinung nach zugefügt wurde, beeinflusste so ziemlich alle Lebensbereiche: meine Familie, meinen Dienst, mein innerstes Selbstwertgefühl. Manchmal fühlte ich mich wie Hiob: „Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!“ (Hiob 3,26; Luther). Ich fühlte mich wie David: „Herr, erhöre mich bald, mein Geist vergeht; verbirg dein Antlitz nicht vor mir, dass ich nicht gleich werde denen, die in die Grube fahren“ (Psalm 143,7; Luther). Ich glaube nicht, dass die Personen, die all das verursacht hatten, auch nur ahnten, was ich durchmachte – und ich bete von ganzem Herzen, dass sie es nie erfahren werden. Ich schäme mich zu sagen, dass ich schon Pastor der Westmins­ ter Chapel war, als Josif Tson die oben erwähnten Worte an mich richtete. Ich hätte diese Ermahnung wirklich nicht nötig haben dürfen. Niemand sollte einen reifen Diener des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus an die offensichtlichste und grundlegendste Lehre des Neuen Testaments erinnern müssen. Da stand ich im Dienst unseres Herrn Jesus Christus und war doch von so viel Schmerz und Bitterkeit erfüllt, dass ich nur sagen kann, dass ich es nicht verdiente, dort zu sein. Deshalb schäme ich mich auch fast, es zuzugeben. Doch es gibt zwei Gründe, weshalb ich es erwähne: Erstens zeigt es, wie gnädig Gott mir gegenüber gewesen ist, trotz meines Zorns und meines Selbstmitleids, und zweitens kann es sein, dass Sie dadurch ermutigt werden.


Einleitung / 17 Noch erstaunlicher an der ganzen Sache ist wahrscheinlich, dass mich meine mangelnde Vergebungsbereitschaft bis dahin nicht sonderlich gestört hatte. Wenn Sie mich an die Worte von Jesus erinnert hätten, dass wir „einander lieben“ sollen (Johannes 13,35) oder an die Bitte im Vaterunser „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“, hätte ich geantwortet: „Natürlich, das weiß ich.“ Ich hätte wahrscheinlich angenommen, dass, weil keiner perfekt ist und wir alle zu einem gewissen Grad täglich sündigen, diese Art von Sünde (Bitterkeit) darunter einzuordnen sei. Außerdem hatte Gott vollstes Verständnis und Mitgefühl für meine besonderen Umstände, die – so dachte ich jedenfalls – außergewöhnlich waren. Mit anderen Worten: Ich hatte gute Gründe für meine innere Einstellung und mein Verhalten. Glücklicherweise wurde ich aber an jenem Tag durch Josifs Worte von der Kraft des Heiligen Geistes berührt. Zunächst aber war ich sehr wütend, mir blieb ja keine Ausrede mehr. Doch am Ende wurden Josifs Worte zu einem radikalen Wendepunkt in meinem Leben, und ich war nie wieder derselbe. Ehrlich gesagt erzählte ich ihm nur deshalb von meinem Problem, weil ich dachte, ich bekäme ein wenig Mitgefühl von einem Mann, für den ich einen großen Respekt hegte und von dem ich dachte, dass er auf meiner Seite wäre. Ich hatte gedacht, dass er seinen Arm um mich legen und sagen würde: „R. T., du hast jedes Recht, dich so zornig zu fühlen. Lass es einfach aus dir raus.“ Doch das geschah nicht. Mitfühlend, aber gleichzeitig sachlich wies er mich zurecht und ließ mich nicht vom Haken. Jene Worte erreichten mich mitten in der bis dahin größten Prüfung meines Lebens. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich mich irgendjemandem anvertrauen könnte, doch weil Josif aus Rumänien war und nie etwas darüber weitersagen würde, erzählte ich ihm alles. „Ist da noch mehr?“, fragte er. „Nein, das ist alles“, antwortete ich. Dann sagte er jene ausschlaggebenden Worte, in seinem wunderschönen rumänischen Akzent: „Du musst ihnen völlig vergeben.“


18 / Völlige Vergebung „Das kann ich nicht“, antwortete ich. „Du kannst es und du musst es“, beharrte er. „Mir fällt gerade etwas ein. Da ist noch mehr. Was ich dir noch nicht erzählt habe, …“ „R. T.“, unterbrach er mich, „du musst ihnen völlig vergeben. Lass sie frei, und dann wirst du auch frei sein.“ Es war das Schwierigste, was jemals von mir verlangt wurde. Ich sage nicht, dass es eine ganz einfache Sache ist. Worüber ich in diesem Buch schreibe, ist sehr viel leichter gesagt als getan. Noch einmal: Es war das Schwierigste, das jemals von mir verlangt wurde, aber es war auch das Größte, was jemals von mir verlangt wurde. Ein unerwarteter Segen wurde erkennbar, als ich anfing zu vergeben. Mein Herz wurde von einem Frieden erfüllt, den ich seit Jahren nicht gespürt hatte. Es war wunderbar. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt. Ich hatte diesen Frieden schon Jahre zuvor einmal gespürt, und zwar am 31. Oktober 1955, als ich an einem Montagmorgen mit dem Auto von meiner Gemeinde in Palmer, Tennessee, nach Hause fuhr. Wer meine Bücher The Anointing und The Sensitivity of the Spirit gelesen hat, wird sich an Teile dieser Begebenheit erinnern. Ich war auf dem Rückweg von meiner Praktikantenstelle zum Trevecca Nazarene College in Nashville. Während ich fuhr, sah ich den Herrn Jesus, wie er für mich zur Rechten des Vaters Fürbitte tat. Ich habe mich nie zuvor so geliebt gefühlt. Jesus betete aus ganzem Herzen für mich. Das Nächste, an das ich mich – eine Stunde später – erinnerte, war, dass Jesus zum Vater sagte: „Er möchte es empfangen.“ Ich hörte den Vater antworten: „Er kann es haben.“ In dem Moment war es, als würde flüssiges Feuer meine Brust erfüllen. Ich erinnerte mich an die Worte von John Wesley: „Ich fühlte mein Herz seltsam erwärmt.“ Ich verspürte einen unglaublichen Frieden, den man unmöglich beschreiben kann. Jesus, als Person, war für mich realer als irgendjemand oder irgendetwas um mich herum. Dies hielt mehrere Monate an, aber schließlich ließ das Gefühl nach.


Einleitung / 19 Jetzt aber kamen dieser Frieden und das Gefühl der Nähe von Jesus wieder. Und das nur, weil ich diese Menschen freiließ und ihnen vergab, weil ich sie vom Haken ließ. Wenn ich allerdings wieder darüber nachdachte, was sie mir angetan hatten, wurde ich innerlich von Neuem unruhig. Ich sagte mir: „Diese Leute werden ungeschoren davonkommen. Das ist nicht fair. Sie werden nicht erwischt werden. Sie werden nicht ertappt werden. Keiner wird es erfahren. Das ist nicht richtig.“ Und dann verließ mich dieser wunderbare Friede wieder. Ich stellte also einen interessanten Kreislauf fest. Wenn ich innerlich bereit war, jenen, die mir etwas angetan hatten, völlig zu vergeben, dann kehrte der Frieden zurück. Wenn ich verbittert darüber nachdachte, dass man sie nicht erwischen würde, verließ mich der Frieden wieder. Ich musste eine wichtige Entscheidung treffen. Was war mir lieber: der Frieden oder die Bitterkeit? Ich konnte nicht beides haben. Ich begann zu verstehen, dass ich der größte Verlierer – der einzige Benachteiligte – dabei war, wenn ich nicht vergab. Ich war der Einzige, dem meine Bitterkeit Schaden zufügte. Wenn wir verbittert sind, denken wir fälschlicherweise, dass jene, die uns verletzt haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit bestraft werden, solange wir auf Rache aus sind. Wir haben Angst, unsere Rachegefühle aufzugeben. Schließlich ist es doch so: Wenn wir keine Pläne schmieden, damit Gerechtigkeit geschaffen wird, wie soll es dann geschehen? Wir versuchen uns davon zu überzeugen, dass es unsere Aufgabe sei einzugreifen. Das ist eine Lüge – eine Lüge des Teufels: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn! Denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr“ (Römer 12,19). Wir tun uns nur selbst weh, wenn wir immer wieder darüber nachdenken, was uns angetan wurde, und uns vorstellen, wie es sein wird, wenn „sie“ bestraft werden. Vor allem betrüben wir Gottes Heiligen Geist. Deshalb verlieren wir diesen inneren Frieden.


20 / Völlige Vergebung Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir den Heiligen Geist am meisten durch Bitterkeit betrüben. Das sage ich hauptsächlich deshalb, weil es das Erste ist, was der Apostel Paulus erwähnt, nachdem er uns davor warnt, den Geist nicht zu betrüben: Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung hin! Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung sei von euch weggetan, samt aller Bosheit! Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat! (Epheser 4,30–32)

Es ist auch meine persönliche Erfahrung, dass ich den inneren Frieden am schnellsten zu verlieren scheine, wenn ich der Bitterkeit erlaube, wieder mein Herz zu erfüllen. Dann verlässt mich dieser Frieden. Das ist es nicht wert! Ich habe mich für den inneren Frieden entschieden, aber ich habe herausgefunden, dass ich diese Entscheidung durch ein täg­ liches Engagement in die Tat umsetzen musste, denen, die mich verletzt hatten, zu vergeben – und zwar völlig zu vergeben. Ich ließ sie deshalb völlig vom Haken und fand mich damit ab, dass sie erstens nie erwischt oder ertappt werden würden, dass zweitens keiner jemals erfahren würde, was sie getan haben, und drittens, dass sie in Wohlstand und Segen leben würden, als hätten sie nie etwas Falsches getan. Darüber hinaus war das sogar mein Wunsch für sie! Ich betete dafür! Ich bat Gott, ihnen zu vergeben. Aber ich musste es jeden Tag tun, um diesen Frieden in meinem Herzen zu behalten. Da ich beide Seiten kenne, kann ich sagen: Der Frieden ist besser. Die Bitterkeit ist es nicht wert. Ich schreibe dieses Buch, um alle zu ermutigen, die ein Problem damit haben, anderen Menschen zu vergeben. Ich schreibe es, damit sie die wahren Gründe erkennen, warum man vergeben muss. Ich schreibe es deshalb, um all jenen zu helfen, die verletzt worden sind, wie tief auch immer, damit sie lernen zu vergeben. Viele haben


Einleitung / 21 weitaus Schlimmeres erfahren, als ich je durchgemacht habe, aber ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass der einzige Weg nach vorne die völlige Vergebung ist – egal, was wir erlebt haben. Ich wünsche mir, dass dieses Buch Leben verändert, genauso wie mein Leben durch die liebevolle Ermahnung von Josif verändert wurde. Ich bin überzeugt, dass das Thema der völligen Vergebung zu dieser Zeit vielleicht dringender und notwendiger ist als fast alle anderen biblischen Lehren. Meine Gründe dafür sind folgende: Erstens, jedes Mal, wenn ich die Botschaft von der völligen Vergebung predige, erhalte ich eine überwältigende Reaktion. Keine andere Predigt, kein anderes Thema, über das ich spreche, hat nur im Entferntesten die Resonanz, die dieses Thema hervorruft. Das sagt mir also, dass es allgemein einen sehr großen Bedarf gibt – sogar unter Christen –, diesen Bereich in den Griff zu bekommen. Zweitens, wenn ich in meiner eigenen Gemeinde über dieses Thema spreche, was oft vorkommt, ist es gewöhnlich so, als hätte ich es noch nie erwähnt – auch wenn erst wenige Wochen zuvor davon die Rede gewesen war! Sich von Bitterkeit befreien und einander völlig vergeben – dieser Prozess ist ganz offensichtlich nicht leicht zu bewältigen. Ich frage mich manchmal, ob es nicht gut wäre, jede Woche darüber zu predigen! Drittens ist es klar, dass mich meine eigene Unfähigkeit, denen zu vergeben, die mich enttäuscht hatten, nie nachhaltig beunruhigt hat. Warum? Ich habe mir diese Frage oft gestellt. Selbstverständlich wusste ich, dass Jesus diese Botschaft verkündigt hatte, warum also hat mich dieses Thema nicht gepackt? Warum musste ich es von einem Mann hören, der hinter dem (damals so genannten) Eisernen Vorhang lebte? Legten die Christen in Osteuropa einen Schwerpunkt auf etwas, was wir im Westen für selbstverständlich hielten? Warum wurde ich mit dieser Botschaft nicht durch eins meiner Glaubensvorbilder – noch lebende oder schon verstorbene – konfrontiert? Ich habe Hunderte von Büchern der Puritaner und Re-


22 / Völlige Vergebung formatoren gelesen, und doch erinnere ich mich nicht, dass sie mir sagten, ich müsse völlig vergeben, um den Heiligen Geist nicht zu betrüben. Obwohl meine Eltern gottesfürchtige Leute waren, kann ich nicht sagen, dass völlige Vergebung etwas war, was sie mir ausdrücklich beigebracht haben. Nicht ein einziger Mentor (soweit ich mich erinnere) legte einen Schwerpunkt auf diesen Lebensstil. Im Gegenteil, ich erinnere mich eher, dass man mir sagte: „Strafe sie mit Verachtung.“ „Habe nichts mit ihnen zu tun.“ „Zeige ihnen die kalte Schulter.“ „Erteile ihnen eine Lektion.“ „Sie müssen bestraft werden“ – oder andere Aussagen in dieser Richtung. Viertens: Es ist vielleicht ein schwacher Trost zu erfahren, dass mehr und mehr sachkundige Menschen vor Kurzem diese unglaubliche Vernachlässigung erkannt haben. In einer jüngeren Ausgabe der Zeitschrift Christianity Today (vom 10. Januar 2000) mit dem fettgedruckten Titel „Der Vergebungs-Faktor“ schreibt Autor Gary Thomson, dass diese Lehre massiv übersehen wurde. Schon 1984 hob der Theologe Lewis Smedes dies als einer der Ersten hervor! Professor Robert Enright, Präsident des Internationalen Instituts für Vergebung, der sich selbst als „evangelikalen Katholiken“ beschreibt, kommentierte schon vor dem Erscheinen von Lewis Smedes Buch Vergeben und Vergessen: „Wenn man alle theologischen Bücher über die zwischenmenschliche Vergebung (im Gegensatz zur Vergebung zwischen Gott und Mensch) sammeln würde, könnte man sie in einer Hand halten.“ Wenn das stimmt, ist das zwar keine Entschuldigung für mich, aber es könnte eine Erklärung dafür sein, warum mir dieses Thema so wenig bewusst war – und auch, warum ich darüber nicht wirklich unterrichtet wurde. Manche Leute wundern sich verständlicherweise, dass eine bestimmte Lehre, die in der Bibel so unübersehbar ist, anscheinend viele hundert Jahre lang unbeachtet bleibt. Aber wenn man über die eindeutige Lehre von der gegenseitigen Vergebung nachdenkt und darüber, dass es gelungen ist, sie so lange unter den Teppich zu kehren, sollte das diejenigen unter uns, die in der Gemeindeleitung sind, zu einer gemeinsamen Buße inspirieren. Außerdem, wenn


Einleitung / 23 diese Lehre für alle, die in irgendeiner Form Autorität ausüben, zu einem Maßstab und Lebensstil geworden wäre, wäre es wahrscheinlich nicht zu all den Spaltungen und Verletzungen gekommen, von denen viele Christen gezeichnet sind. Leider ist die heutige Zeit nicht anders als alle anderen Zeiten der Kirchengeschichte, denn auch sie ist gekennzeichnet dadurch, dass Mit-Gläubige gegeneinander sprechen und schreiben. Oft wird es als Kampf um die wahre Lehre ausgegeben, aber nur zu oft ist der Anstrich hauchdünn und darunter kommen uralte Eifersüchteleien, Bagatellen und reine „Menscheleien“ zum Vorschein, die uns alle betreffen. Fünftens haben Gesellschaftswissenschaftler entdeckt, dass Vergebung dazu beitragen kann, die emotionale Gesundheit des Opfers wiederherzustellen – oder sogar körperliche Heilung und Wohlbefinden fördern kann. Noch in den 1980er Jahren versuchte Dr. Glen Hamden, in der Bibliothek der Universität von Kansas das Stichwort „Vergebung“ in den Psychological Abstracts (Auflistung von Fachbüchern auf dem Gebiet der Psychologie und angrenzenden Gebieten, Anm. d. Üs.) zu finden – und konnte keinen einzigen Eintrag finden. Doch die Dinge sind dabei sich zu ändern. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter, Erzbischof Desmond Tutu und die ehemalige Missionarin Elisabeth Elliot haben eine mit 10 Millionen Dollar ausgestattete „Kampagne für Vergebungsforschung“ initiiert, die in Form einer gemeinnützigen Organisation Spenden sammelt, um Projekte in der Vergebungsforschung zu unterstützen. 1998 gewährte die John-Templeton-Stiftung 29 Forschern Stipendien für die Erforschung der Vergebung. Eine der Hauptentdeckungen war, dass die Person, die am meisten von der Vergebung profitiert, die Person ist, die vergibt. Aber das sollte uns eigentlich nicht wundern. In diesem Buch geht es jedoch gänzlich um die biblische Lehre und nicht um die Ergebnisse psychologischer oder soziologischer Forschung. Ich möchte zeigen, was Jesus gelehrt hat und wie es von den Aposteln ausgelegt wurde. Dieses Buch hat sicherlich auch positive psychologische oder sogar körperliche Auswirkungen, aber ich werde mich auf die geistlichen Vorteile konzentrieren, die allen


24 / Völlige Vergebung zuteilwerden, die die Lehre Jesu über völlige Vergebung ernst nehmen. Kurz gesagt, es geht um den Empfang einer größeren Salbung. Weil es sehr schwer sein kann, denen zu vergeben, die uns verletzt haben, besonders wenn das Vertrauen zerstört wurde, schlägt Michelle Nelson vor, verschiedene Grade oder Typen der Vergebung zu benennen. Sie beschreibt drei Kategorien: 1. Unbeteiligte Vergebung. Diese geschieht, wenn die negativen Gefühle gegenüber dem Aggressor reduziert werden, aber keine Versöhnung stattgefunden hat. 2. Begrenzte Vergebung. Hierbei werden die negativen Gefühle gegenüber dem Aggressor reduziert und die Beziehung ist teilweise wiederhergestellt. Gleichzeitig wird die emotionale Intensität in der Beziehung verringert. 3. Völlige Vergebung. Die negativen Gefühle gegenüber dem Aggressor sind völlig verschwunden, und die Beziehung ist wiederhergestellt und wächst. Ich habe beschlossen, von „völliger“ Vergebung zu sprechen (sei es nur, weil das der Ausdruck war, den mein Freund Josif mir gegenüber gebraucht hat), aber es geht in diesem Buch auch um völlige Vergebung, selbst wenn die Beziehung nicht wiederher­ gestellt wird. Man muss auch dem völlig vergeben, der sich nicht versöhnen will. Es hat also damit zu tun, was wir in unserem Herzen tun. Auch wenn es nicht zu einer Versöhnung kommt, ist völlige Vergebung trotzdem möglich. Es betrifft also sogar jene Menschen, die jemandem vergeben müssen, der schon verstorben ist. Es muss im Herzen geschehen. Wenn es dort geschieht, dann kommt Frieden – mit oder ohne die völlige Wiederherstellung der Beziehung. Was zählt, ist, dass der Heilige Geist ungetrübt in uns wohnen kann. Es bedeutet, dass der Geist so sein kann, wie er ist, was ich in meinem Buch The Sensitivity of the Spirit versucht habe zu zeigen. In dem Grad, wie der Heilige Geist in mir so sein kann, wie er wirklich ist, in dem Grad werde ich auch sein wie Jesus und seine Lehren in die Tat umsetzen können.


/ 25

Kapitel 1

Was ist völlige Vergebung? Wir haben alle eine Geschichte zu erzählen. Vielleicht lesen Sie diese Zeilen und denken, dass es doch unmöglich ist, einem untreu gewordenen Ehepartner zu vergeben. Vielleicht denken Sie, dass Sie dem Elternteil, der Sie missbraucht hat, nicht vergeben können. Vielleicht haben Sie den Eindruck, dass Sie das, was jemand Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter angetan hat, nicht vergeben können. Wie können wir dem Gemeindeleiter vergeben, der seine Stellung ausgenutzt hat? Oder der Person, die uns angelogen oder Lügen über uns verbreitet hat, die dann viele geglaubt haben? Da gibt es den Vergewaltiger. Den Kinderschänder. Den Verwandten, der Missbrauch getrieben hat. Den Rassisten. Den Dieb. Den ehemals guten Freund, der heute unser Feind ist. Die Liste ist endlos.

Denen vergeben, die unsere Angehörigen verletzt haben Ich habe einen herzzerreißenden Brief von Leuten bekommen, die vor einigen Jahren eine Predigt über völlige Vergebung von mir


26 / Völlige Vergebung gehört hatten. Der Brief berichtete davon, was ihr Schwiegersohn ihrer Tochter und ihren Enkeln angetan hatte. Es war furchtbar. „Sind Sie der Meinung, dass wir unserem Schwiegersohn völlig vergeben müssen?“, fragten sie. Es fiel mir schwer, diese Frage zu beantworten, aber ich musste ihnen sagen: „Ja“. Ich wünschte, ich hätte ihnen den Brief selbst überbringen und dabei sein können, als sie ihn lasen. Sie taten mir von Herzen leid. Ich habe so einige Briefe erhalten, in denen alle möglichen Dinge beschrieben wurden, von Untreue über Unzucht und Vergewaltigung bis hin zu brutalen Lügen. All das lässt mich sehr darauf bedacht sein, was ich predige und was ich in diesem Buch schreibe. Das Schwierigste, womit ich in den letzten Jahren konfrontiert wurde, war nicht die Sache, über die ich mit Josif Tson gesprochen hatte. Diese Angelegenheit erscheint mir heute eine Kleinigkeit, verglichen mit dem, was ich seitdem durchgemacht habe. Am meisten hatte ich unter anderem damit zu kämpfen, dass ein Mitglied meiner Familie von anderen Christen verletzt wurde. Ich finde es sehr viel einfacher zu vergeben, was Menschen mir persönlich getan oder über mich geredet haben, als wenn es um meine Kinder geht. So ähnlich muss es Corrie ten Boom gegangen sein, die dem Aufseher vergeben musste, der so grausam zu ihrer Schwester gewesen war. Corrie hatte mitangesehen, wie dieser Mann ihre Schwester, die kurz danach gestorben war, extrem brutal behandelt hatte, als sie beide während des Zweiten Weltkriegs im KZ waren, weil sie Juden beschützt hatten. Jahre später saß Corrie auf einem Podium und bereitete sich auf ihre Ansprache vor, als sie genau diesen Mann in der Versammlung entdeckte. In ihrem Herzen spielte sich ein Kampf ab. Sie bat Gott verzweifelt, sie mit der Liebe Jesu zu füllen. Das tat er, aber die Sache wurde nicht leichter, als dieser Mann nach dem Gottesdienst ganz knapp und lässig zu ihr sagte, wie gut Gott doch ist, dass er uns allen vergibt. Sie musste sich fragen, wie leid es ihm wirklich tat.


Was ist völlige Vergebung? / 27 Oft ist es also leichter, so scheint es mir, etwas zu vergeben, was uns persönlich zugefügt wurde, als das, was jemandem angetan wurde, der uns nahesteht. Aber es ist immer noch sehr, sehr schwer, denen zu vergeben, die uns ganz direkt verletzt haben, besonders wenn sie nicht die geringsten Gewissensbisse haben. Wenn wir sehen können, dass es ihnen leid tut, macht es die Sache sehr viel leichter. Doch am Kreuz von Jesus schien es niemand leid zu tun. In seiner sogenannten „Gerichtsverhandlung“ war kein Funken von Gerechtigkeit. Schadenfreude spiegelte sich auf den Gesichtern der Leute, die bekommen hatten, was sie wollten: „Kreuzige ihn!“, hatten sie gerufen (Matthäus 15,13). Und weiter heißt es: „Und die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: Ha! Der du den Tempel abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst, und steige herab vom Kreuz!“ (Markus 15,29–30). Sie riefen: „Der Christus, der König Israels, steige jetzt herab vom Kreuz, damit wir sehen und glauben!“ (Markus 15,32). Und was erwiderte Jesus? „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Er hätte sagen können: „Ich vergebe euch“, aber solche Worte wären falsch verstanden worden und reine Verschwendung gewesen. Es hätte auch bedeutet, Perlen vor die Säue zu werfen (Matthäus 7,6). Stattdessen bat Jesus den Vater, ihnen zu vergeben. Das war auf jeden Fall eine sehr viel größere Geste. Indem er den Vater bat, ihnen zu vergeben, zeigte er, dass auch er ihnen vergeben hatte. Er setzte sie alle frei von ihrer Schuld. Er setzte auch den Vater davon frei, sie bestrafen zu müssen, indem er ihn bat, keine Rache zu üben. Es war nicht nur ein Gebet der Form halber, Jesus meinte, was er sagte. Und es wurde auf herrliche Weise beantwortet! Genau diese Leute waren auch unter der Menge der Menschen, zu denen Petrus am Pfingsttag sprach (Apostelgeschichte 2,14–41) und die zum Glauben kamen.


28 / Völlige Vergebung

Der endgültige Beweis für völlige Vergebung Der endgültige Beweis für völlige Vergebung ist dann erbracht, wenn wir den Vater ernstlich bitten können, jene, die uns verletzt haben, ungeschoren davonkommen zu lassen – sogar wenn sie Menschen verletzt haben, die uns nahestehen. Mitten in den schwierigsten Jahren meines Dienstes an der Westminster Chapel, in den 1980er Jahren, wurde ich mit einer solchen Situation konfrontiert. Ich erinnerte mich an die Worte von Josif Tson, und so betete ich für bestimmte Leute um Vergebung. Ich empfand nichts. Ich sprach es einfach aus. Doch nach einigen Augenblicken war es, als sage der Herr zu mir: „Bist du dir klar darüber, worum du mich bittest?“ Ich dachte, ich wüsste es, deshalb sagte ich: „Ja“. Darauf schien er zu antworten: „Bittest du mich jetzt, dass ich sie davonkommen lasse, als hätten sie nie etwas getan?“ Das war eine Ernüchterung. Ich musste erst einmal darüber nachdenken. Doch während ich das tat, hatte ich den Eindruck, als erinnerte mich der Herr daran, was er mir alles vergeben hatte. Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass er einige der Dinge, für die er mir vergeben hatte, offenbaren oder ans Licht bringen könnte. Ich betete dann demütig: „Ja, Herr, ich bitte dich, ihnen zu vergeben.“ Dann schien er zu sagen: „Meinst du also, dass ich sie segnen und ihnen Erfolg schenken soll?“ Wieder brauchte ich eine Weile. Dann schien der Herr zu sagen: „Wie würdest du es finden, R. T., wenn ich dir in dem Maße vergeben und dich segnen würde, wie du möchtest, dass ich ihnen vergebe und sie segne?“ Jetzt hatte ich wirklich keine Wahl mehr, und ich konnte noch nicht einmal behaupten, ich wäre sehr fromm, als ich ihnen vergab und um Segen für sie bat. Gott hatte mich in die Ecke manövriert und ich ergab mich. Jetzt betete ich wirklich und ernstlich dafür, dass Gott ihnen vergeben und sie segnen würde, als hätten sie nichts Unrechtes getan. Aber ich kann nicht sagen, dass mein Gebet besonders fromm oder selbstlos war.


Was ist völlige Vergebung? / 29 Vor einiger Zeit gab es eine Fernsehserie, in der Christen vorgestellt wurden, die Menschen, von denen sie verletzt worden waren, vergeben hatten. Der Produzent – kein Christ – war tief bewegt. Er sagte, Predigten ließen ihn zwar kalt, aber diese Berichte hätten seine Aufmerksamkeit erregt. „Irgendetwas muss in ihrem Leben geschehen sein“, sagte er. Und fügte hinzu, es sei völlig „unnatürlich“, dass jemand denen, die ihn verletzt haben, vergibt und sich um Versöhnung bemüht. Kurz gesagt, es gibt für die Verlorenen kein größeres Zeugnis als dieses. Doch schließlich ist genau das die Botschaft des Neuen Testaments: „dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von der Versöhnung gelegt hat“ (2. Korinther 5,19). „Gott aber erweist sein Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Römer 5,8). Ich sprach einmal vor einer Gruppe von Missionaren in Südfrankreich. Zu diesem Anlass wurde ich im Haus eines Mannes untergebracht, der früher Moslem gewesen, jetzt aber ein christlicher Missionar war. Ich staunte darüber und war beeindruckt von der Veränderung in seinem Leben. Er erzählte mir, dass er von britischen Soldaten zu Christus geführt worden war, als er in Madagaskar lebte. Doch was ich wirklich wissen wollte, war, wodurch er letztendlich gewonnen wurde. „Welches Argument haben sie gebraucht? Welche Begründungen haben sie eingesetzt, die Sie überzeugt haben, sich vom Islam zum Christentum zu wenden?“ Er antwortete: „Es war nicht, was sie gesagt haben. Es waren einfach sie selbst.“ Das hat mich wirklich herausgefordert. Es half mir zu sehen, wie verrückt wir sind zu glauben, dass wir Menschen nur durch bessere Argumente oder großartige Predigten gewinnen können. Wovon die Welt am meisten beeindruckt ist, das muss ich zugeben, ist eine radikale Lebensveränderung, für die es keine natürliche Erklärung gibt.


30 / Völlige Vergebung

Die Motivation zu vergeben kann auf ganz natürliche Weise erklärt werden Der zuvor erwähnte Fernsehproduzent bezeichnete es als „unnatürlich“, einander zu vergeben und sich zu versöhnen, aber das stimmt nicht ganz. Für die Motivation zu vergeben kann es eine natürliche Erklärung geben. Jesus hat nämlich eine Art zu uns zu reden, die unsere Aufmerksamkeit erregt – und wenn er dabei nur an unser Eigeninteresse appelliert. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7,1). Ein Grund, warum wir andere nicht richten, ist, damit wir selbst nicht gerichtet werden. Wenn jemand hauptsächlich daran interessiert ist, eine größere Salbung zu bekommen, und man ihm sagt, dass diese größere Salbung proportional zu seiner Vergebungsbereitschaft sein wird, dann ist das für ihn eine größere Motivation zu vergeben. Ich zumindest wollte eine größere Salbung. Wenn Sie in mein Herz hätten hineinschauen können, als Josif Tson mir sagte: „Du musst ihnen völlig vergeben“, nehme ich an, Sie hätten herausgefunden, dass ich – im Grunde genommen – damit einverstanden war, weil ich einen größeren Segen von Gott wollte. Es ist deshalb nicht völlig „unnatürlich“, dass jemand versucht zu vergeben. Zum Beispiel erblickte ich in einem unserer Gottesdienste einmal unerwarteterweise jemanden, der einem unserer Kinder sehr weh getan hatte. Es war kurz bevor ich an der Reihe war zu predigen. Ich fühlte mich, wie Corrie ten Boom sich gefühlt haben muss. In einem Sekundenbruchteil schien der Herr mir zu sagen: „Du hast gesagt, dass du in dieser Gemeinde Erweckung erleben möchtest. Was wäre, wenn diese Erweckung ganz davon abhängt, ob du dieser Person völlig vergibst?“ Ich fühlte mich schrecklich. Ich fühlte mich egoistisch. Ich saß in der Falle. Doch ich musste umgehend eine Entscheidung treffen – den Eindruck hatte ich jedenfalls –, ob ich wirklich eine Erweckung in meiner Gemeinde erleben wollte oder nicht. Ich musste mich entscheiden, was mir wichtiger war: mit der Person, die eines unserer Kinder verletzt hatte, abzurechnen, oder


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
147427 by Fontis-Shop - Issuu