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/ 1 Cindy Jacobs Reformation – ein Manifest


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Cindy Jacobs

Reformation – ein Manifest Ihr Platz in Gottes Plan bei der Umgestaltung der Nationen


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Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Reformation Manifesto Copyright © 2008 Cindy Jacobs Die englische Originalausgabe ist erschienen bei: Bethany House Publishers (a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan), 11400 Hampshire Avenue South, Bloomington, Minnesota 55438, USA. Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Njock 1. Auflage 2008 Alle Bibelzitate sind, wenn nicht anders angegeben, der revidierten Elberfelder Übersetzung von 1985/1991 (R. Brockhaus Verlag, Wuppertal und Zürich, 1993) entnommen. Copyright © der deutschen Ausgabe 2008 Asaph-Verlag, D-Lüdenscheid Umschlaggestaltung: The Design Works Group, Tim Green Satz/DTP: Jens Wirth/ASAPH Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EC ISBN: 978-3-940188-01-4 Best.-Nr.: 147401 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. schreiben Sie bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net – www.asaph.net


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Dieses Buch ist in Dankbarkeit Peter und Doris Wagner gewidmet. Ohne ihre Liebe und Freundschaft wĂźrde ich heute in meinem Dienst nicht dort sein, wo ich bin.


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INHALT Vorwort von C. Peter Wagner .............................................................9 Einleitung ..........................................................................................13 KAPITEL 1 Persönliche Reformation...................................................................27 KAPITEL 2 Der Verbindung der Generationen ....................................................47 KAPITEL 3 Die Nationen zu Jüngern machen .....................................................65 KAPITEL 4 Eine gerechte Sache ..........................................................................85 KAPITEL 5 Die Nationen lehren ........................................................................107 KAPITEL 6 Wer ist der Richter?.........................................................................129 KAPITEL 7 Die Herrschaft auf seine Schulter legen..........................................147 KAPITEL 8 Den Genesis-Fluch umkehren: Biblische Ökonomie ......................169 KAPITEL 9 Himmlische Gesetzgebung: Fürbitte für die Reformation ..............189 KAPITEL 10 Teure Gnade ....................................................................................207 Ausgewähltes Literaturverzeichnis .................................................225 Danksagungen .................................................................................229


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VORWORT Reformation – ein Manifest ist zweifellos ein Buch für das Zweite Apostolische Zeitalter. Ich glaube nicht, dass die Gemeinde vor zehn oder auch nur vor fünf Jahren schon für dieses Buch bereit gewesen wäre. Aber heute ist die Gemeinde bereit. Eine der vielen beneidenswerten Eigenschaften von Cindy Jacobs ist ihre Fähigkeit, durch den Heiligen Geist den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Wie der Treibstoff einer Startrakete hat das Buch in Ihren Händen das Potenzial, etwas zu entzünden, was das Reich Gottes in unserer Generation deutlich vorantreiben wird. Das Zweite Apostolische Zeitalter. Für einige ist das vielleicht ein neuer Begriff. So gut ich es berechnen kann, begann das Zweite Apostolische Zeitalter etwa im Jahr 2001. Damit ist gemeint, dass die Masse des Leibes Christi zum ersten Mal seit etwa 1800 Jahren wieder erkannt hat, dass nach biblischen Maßstäben die Leitung der Gemeinde auf der Grundlage von Aposteln und Propheten geschehen muss. Wir erleben heute die größte Umgestaltung in der Art, wie wir Gemeinde leben, zumindest seit der protestantischen Reformation. Diese neue Zeit hat den Weg für den Heiligen Geist gebahnt, um Leitern von Gemeinden Dinge zu offenbaren, die viele von ihnen zuvor nicht bereit waren zu empfangen. Der wichtigste dieser neuen Gedanken, die das Potenzial haben, den Lauf der Geschichte zu verändern, ist das Thema dieses Buches: Reformation. Was soll reformiert werden? Es geht um die Reformation der Gesellschaften, in denen wir leben. Cindy Jacobs ist nicht die Einzige, die das erkannt hat. Sie ist keine einsame Stimme in der Wüste. Im Gegenteil, sie reiht sich ein in den Chor fortschrittlicher Leiter aus einem Teil des Leibes Christi, den ich gerne als „charismatisch geprägte Evangeli-


10 / REFORMATION – EIN MANIFEST kale“ bezeichne, um zu proklamieren, dass das Reich Gottes hier auf der Erde kommt wie im Himmel und dass es schneller kommt, als mancher sich gedacht hat. Viele unter uns, ich eingeschlossen, haben zu lange an einer verstümmelten Vorstellung des Reiches Gottes festgehalten. Es begann damit, dass wir das Reich Gottes zu sehr mit der Gemeinde gleichgesetzt haben. Davon ausgehend dachten wir, dass unsere Mission die Errettung der Seelen und die Gründung von Gemeinden wäre, und dass sich andere um die Verbesserung unserer Gesellschaft kümmern sollten. So darf es nicht länger sein! Jacobs proklamiert ein „Manifest der Reformation“. Uns begegnen auch Begriffe wie: die soziale Umgestaltung; das Einnehmen von Städten; das kulturelle Mandat; die Herrschaft zurückerobern; Mission am Arbeitsplatz. Wir sind uns heute viel mehr bewusst als früher, dass ein guter Christ zu sein und ein geheiligtes Leben zu führen, mehr zu beten, hingegebener am Gottesdienst teilzunehmen und den Zehnten unseres Einkommens zu geben – so wunderbar das alles ist – in sich selbst nicht ausreichen werden, um die Gesellschaft zu reformieren. Wir müssen diese Dinge mehr tun, aber wir müssen auch tatkräftig in die Gesellschaft selbst hineingehen und dabei vielleicht sogar unsere Hände schmutzig machen. Ich liebe die Art, wie Cindy Jacobs über Themen wie den Missionsauftrag spricht. Früher dachte ich, Nationen zu Jüngern zu machen bedeute, Menschen zu bekehren und auf der ganzen Welt immer mehr Gemeinden zu gründen. Aber Cindy hebt den Auftrag auf eine ganz neue Ebene, indem sie sagt: „Jesus war nicht so sehr darauf aus, dass sich die Menschen verändern, sondern er war darauf aus, dass sich Königreiche verändern.“ Sie führt an, dass die Geschichte gezeigt hat, dass Erweckungen an sich keine anhaltenden gesellschaftlichen Veränderungen hervorgebracht haben. Erweckung ist nicht genug! Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Wenn sie über biblische Ökonomie schreibt, rügt sie sogar Franziskus von Assisi! Warum? Weil er folgende Denkweise eingeführt hat: „Armut ist gleich Geistlichkeit, und deshalb ist Reichtum sündhaft.“ Sie setzt sich dagegen dafür ein, dass wir eine „Mentalität des Überflusses“ entwickeln sollten. Das ist keine typisch religiöse Sprache. Wir hören Derartiges nicht sehr oft von unseren Kanzeln. Ein Grund dafür ist, dass die meisten unserer „geisterfüllten“ Pastoren gelehrt wurden, sich aus den Dingen


VORWORT / 11 der Welt herauszuhalten, und dass ein Engagement in der Gesellschaft gewöhnlich ein Zeichen von Liberalismus sei. Aber diese Auffassung ändert sich rasch, und prophetische Stimmen wie die von Cindy Jacobs kurbeln diesen Prozess noch weiter an. Reformation – ein Manifest ist gleichzeitig ein hochinteressantes und ein herausforderndes Buch. Es wird Sie begeistern, und es wird Sie irritieren. Aber ich weiß, dass es Ihnen helfen wird, immer klarer zu hören, was der Geist den Gemeinden in diesen Tagen sagt. Mein Gebet ist, dass Sie es nicht nur hören, sondern dass Sie auch zulassen, dass es Ihr Herz berührt. Wenn Sie das tun, werden Sie in das Heer der Diener Gottes eintreten, deren Denken und Motivation vom Reich-Gottes-Gedanken geprägt ist und die Gott sehnlichst gebrauchen möchte, um unsere Welt zu verändern! C. Peter Wagner, Vorsitzender Apostel Internationale Koalition der Apostel


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EINLEITUNG Martin Luther war sehr betrübt über das, was in der Gesellschaft, in der er lebte, vor sich ging. Sünde und Korruption waren an der Tagesordnung, und sie zerstörten nicht nur das Leben der Menschen, denen er jeden Tag in Wittenberg begegnete, sondern auch ihre Hoffnung auf die ewige Erlösung. Sittenlosigkeit zerstörte ihre Familien – den wichtigsten Pfeiler der Gesellschaft. Die Vergebung der Sünden war zu einem Geldgeschäft geworden, bei dem mit „Ablässen“ gehandelt wurde – eine Vergebung, die vom Priester vor Ort verkauft wurde und die mit aufrichtiger Buße und Umkehr oder einer erneuerten Hingabe an Gott nichts mehr zu tun hatte. Stattdessen bahnten diese Ablässe den Weg für hemmungslose Unehrlichkeit und Dekadenz. Die Kirche in den Tagen Luthers tat nichts oder nur sehr wenig, um die Absichten Jesu zu erfüllen, die er als seinen Auftrag bekannt hatte: Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Freiheit auszurufen und Blinden, dass sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn. Lukas 4,18–19 Und so nagelte Martin Luther am Abend von Allerheiligen 1517 seine „95 Thesen“ an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg und löste dadurch das aus, was als die Reformation bekannt werden sollte. Ironischerweise waren diese „Thesen“ kein Angriff auf die Kirche. Sie waren eher eine Wiedereinführung dessen, was wahre Buße eigentlich bedeutet, und ein Aufruf, dahin zurückzukehren. Luther war nicht daran interessiert, der Anführer einer neuen Konfession zu werden, sondern er


14 / REFORMATION – EIN MANIFEST wollte, dass das wahre Evangelium wieder all das bewirken konnte, was Gottes Absicht entsprach. Er rief nicht zur Revolution auf, auch wenn das aufgrund der Sturheit vieler Machthaber letztendlich die Folge war. Er rief zur Erweckung auf. Es war eine Bewegung, von der die gesamte damalige christliche Welt erschüttert wurde, und deren Auswirkungen wir heute noch spüren. Gottes Wahrheit hat ganz offensichtlich ihre bestimmte Art, Dinge zu verändern.

Ist es Zeit für eine neue Reformation? Sie haben dieses Buch aufgeschlagen und fragen sich sicherlich, warum es eine neue Reformation geben muss. Andere sagen vielleicht: „Ich fand die letzte schon nicht so gut.“ Oder: „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Oder: „Sollten wir nicht einfach für Erweckung in allen Nationen der Erde beten, damit alle zu Gott finden?“ Wir stehen am Anfang des dritten Jahrtausends, seit Jesus auf die Erde kam, und wir sehen wieder eine Welt, in der Sünde und Korruption an der Tagesordnung sind und das Leben vieler Menschen auf ganz neue Weise zerstören. Das 20. Jahrhundert war die blutigste Ära in der Geschichte der Menschheit. Wir haben die zwei Weltkriege erlebt, den Holocaust, das Aufkommen von Kommunismus und Faschismus und totalitäre Regime, die im Namen der Kulturrevolution Kinder gegen ihre Eltern aufbrachten. Die Killing Fields in Südostasien, versuchter Völkermord auf dem Balkan und in Ruanda und die Geburt des islamischen Extremismus sind nur einige Beispiele dafür, wie wenig Fortschritte die Menschheit gemacht hat, seit die Bosheit der Menschen die Sintflut verursachte. Im 20. Jahrhundert sind doppelt so viele Christen als Märtyrer gestorben wie in den neunzehn Jahrhunderten davor. Wird das 21. Jahrhundert anders verlaufen? Unser Problem heute ist jedoch nicht, dass die Kirche Kompromisse eingegangen ist, sondern dass der weltweite Leib Christi, egal welcher Strömung, es irgendwie nicht geschafft hat, die Bedeutung des Evangeliums in unsere jeweiligen Kulturen zu integrieren. Die Bibel gibt viele Hinweise für die Umgestaltung der Gesellschaft! Doch wenn wir sie umgestalten, ohne reformatorische Gesetze, Strukturen und eine biblische Weltanschauung in unseren Alltag zu integrieren, wird die Gesellschaft wieder in ihren vorigen Zustand zurückfallen.


EINLEITUNG / 15 Ich behaupte, dass der Grund, warum viele Menschen in unserer Gesellschaft die Kirche heute für völlig irrelevant halten, darin liegt, dass die Kirche nicht in der Weise Salz und Licht ist, wie sie es sein sollte, um einen Unterschied zu bewirken. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Es ist nicht so, dass die Christen nicht immer noch gute Dinge tun. Christliche Missionare sind überall auf der Welt aktiv und einige der größten Erweckungen haben im 20. Jahrhundert stattgefunden. Ich habe mit eigenen Augen die Transformationen gesehen, die sich in Südamerika vollzogen haben, wo das Evangelium gepredigt wurde und die Erweckung sich wie ein Lauffeuer ausbreitete. Unzählige Menschen und ganze Städte erfuhren dort fast über Nacht eine spektakuläre Veränderung. Und doch konnten diese Veränderungen in den Jahren nach diesen Ereignissen nicht aufrechterhalten werden. Ich bin zu der Einsicht gekommen: So wichtig und lebensverändernd Erweckung auch ist, sie ist nicht genug. Ein weiterer Teil des Problems ist die Lehre. Viele Menschen sind der Meinung, dass die Welt sich immer weiter verschlimmern wird, bevor Jesus zurückkommt, um sie zu erlösen. Ich bin mir bewusst, dass das Thema der Reformation von Nationen die Frage nach meiner Eschatologie, also meiner theologischen Position in Bezug auf die Endzeit aufwirft. Ehrlich gesagt, ist mein Herz so darauf ausgerichtet, „zu handeln und zu wirken“ (vgl. Lukas 19,13), bis er wiederkommt, dass ich mich noch nicht abschließend mit diesem Punkt auseinandergesetzt habe. Ich möchte erleben, dass Millionen aus dem Nahen Osten, aus Afrika, Asien und anderen Ländern vor dem Thron Gottes anbeten, weil es überall Erweckung gegeben hat. Ich glaube auch, dass ich als Christ den Auftrag habe, dafür zu sorgen, dass die Nationen zu Jüngern gemacht und im Herrn gelehrt werden. Mein Vater war Prediger und hatte bezüglich der Endzeit folgende Position: „Kleines“, sagte er lächelnd, „ich bin kein Postmillennialist und kein Prämillennialist, ich bin ein Zahl-Millennialist! Ich glaube, am Ende wird es sich alles bezahlt machen!“ Ich folge seinen Fußstapfen in dieser Hinsicht. Andere, die viel schlauer sind als ich und sich ganz dem Studium der Eschatologie widmen, können sich damit befassen. In den vergangenen Jahrhunderten gab es kaum eine Erweckung, die länger als ein paar Jahre angehalten hat. Die Auswirkungen großer Erweckungen, wie die von John Wesley, George Whitefield und Charles Finney während des sogenannten „Great Awakening“, hielten nur einige


16 / REFORMATION – EIN MANIFEST Jahrzehnte an, und jüngere Erweckungen, wie zum Beispiel in Wales und der Azusa Street zu Beginn des 20. Jahrhunderts dauerten sogar nur einige Jahre. Eine große Erweckung ging 1954 über Argentinien hinweg, wobei sich über 300.000 Menschen bekehrten, aber danach hatte Argentinien immer noch Probleme mit weit verbreiteter Korruption. Heute ist diese Nation auf dem Weg der Reformation und der Transformation, weil sie den Missionsbefehl ernst genommen hat, der uns aufruft, Menschen zu Jüngern zu machen und zu lehren. Reinhard Bonnke wurde in großem Maß gebraucht, die Nationen Afrikas zu verändern, und Hunderttausende wurden errettet. Trotzdem haben die Christen es in der Folge nicht geschafft, eine Lösung für das Problem der Armut auf diesem Kontinent zu finden. Städte wie meine eigene, Dallas in Texas, haben einen großen christlichen Bevölkerungsanteil, aber bisher haben wir noch nicht gesehen, dass die Regierung unserer Stadt sich an biblischen Prinzipien orientiert. Tatsache ist, dass im Zuge der letzten Wahlen eine Anzahl gottesfürchtiger Richter aus dem Amt gefegt wurden, weil Politiker gewählt wurden, die Abtreibung befürworten. Es ist also an der Zeit, sich den schwierigen Fragen zu stellen: „Warum herrschen in unseren Städten solch schreckliche moralische Zustände, wenn wir doch das Evangelium auf alle erdenkliche Art und Weise predigen?“ „Warum wird es in unseren Wohnvierteln nicht besser?“ „Was können wir tun, um unsere Städte und Nationen zu reformieren, sodass Tausende ins Reich Gottes hineinkommen und gleichzeitig die Gesellschaftsstrukturen wieder nach biblischen Maßstäben gebaut werden?“

Erweckung, Transformation und Reformation Ich habe beobachtet, dass bei einer Erweckung bestimmte Bereiche oft verändert erscheinen, weil so viele Menschen durch die Kraft des Wortes Gottes verändert wurden. Doch solche geistlichen Transformationen werden oft in eine „geistliche Box“ getan und weggepackt. Was sonntags in der Kirche passiert, überträgt sich nicht immer auf das Leben unter der Woche. Wir lassen die geistliche Veränderung nicht unser normales Alltagsleben berühren. Zum Beispiel bekehrt sich ein Geschäftsmann, aber er führt seine Geschäfte weiter auf dieselbe zwielichtige Art, die er vor dem Besuch der


EINLEITUNG / 17 Erweckungsveranstaltungen pflegte. Lehrer bekehren sich, müssen aber weiter ihren Unterricht nach den weltlichen Schulbüchern und Lehrplänen gestalten. Regierungsbeamte werden von Neuem geboren, aber sie müssen immer noch in dem gleichen korrupten System arbeiten, in dem Bestechungen und Vetternwirtschaft hochgehalten werden. Das Leben von einzelnen Personen kann zeitweilig verändert werden, aber wenn die gesamte Kultur nicht davon beeinflusst wird, wird der neue Glaube irgendwann von den allgemein üblichen Praktiken wieder eingeholt werden. Das Unkraut und die „Sorgen der Zeit und der Betrug des Reichtums und die Begierde nach den übrigen Dingen“1 nehmen wieder überhand, und das tägliche Leben wird wieder so, wie es vor der Erweckung war. Wir sollten uns nicht nur fragen: „Warum lässt die Erweckung auf sich warten?“, sondern auch: „Warum hält die Erweckung nicht an?“ Man kann es sich folgendermaßen vorstellen: Bei einer Erweckung kommen riesige Menschenmengen in das Reich Gottes hinein. Jeder ist auf einmal begeistert von Gott und von den Möglichkeiten, die ein Leben in Jesus für die Zukunft beinhalten kann. Die Mitgliederzahlen der Gemeinden schnellen in die Höhe, und unzählige christliche Bücher und Traktate werden verkauft und verteilt. Das Leben vieler Menschen wird verändert, und je mehr Menschen verändert werden, umso mehr wird Jesus zum Stadtgespräch. Er ist die Antwort auf alle Fragen, und wenn sich die Menschen ihm zuwenden mit ihren Problemen und Sorgen, geschehen Wunder. Es ist ein unglaublich mächtiges und aufregendes Ereignis, das man da miterlebt! Es ist buchstäblich ein Stück Himmel auf Erden. Doch die Zeit vergeht, und der Einfluss der Gesellschaft und der Kultur wird wieder stärker. Die Menschen gewöhnen sich daran Christ zu sein, aber sie wenden sich wieder ihren vorigen Methoden zu, um Lösungen für ihre Probleme zu finden. Und plötzlich geschehen die Wunder nicht mehr so häufig. Die Menschen sammeln sich am Eingangstor zum Königreich, aber sie gehen nicht hinein. Anstatt die Kultur um sich herum zu beeinflussen, lassen sie es zu, dass die Kultur sie zu dem verändert, wie sie vorher waren, und innerhalb einiger Jahre sieht wieder alles so aus wie vor der Erweckung. Einige würden sagen, dass wir in einem andauernden Zustand der Erweckung leben müssten. Meine eigene Berufung hat viel damit zu tun, eine Erweckungspredigerin zu sein, also möchte ich darüber ei-


18 / REFORMATION – EIN MANIFEST nige Anmerkungen machen. Erweckung passiert, wenn Gott eine tiefe Überführung von Sünde ausgießt. Menschen kommen scharenweise in das Reich Gottes, Wunder geschehen täglich, die Kraft des Herrn durchdringt Herzen und Seelen der Christen. Wir würden dies gerne regelmäßig in unseren Gemeinden erleben. Aber es gibt Schritte, die wir darüber hinaus gehen müssen, damit eine ganze Nation durch die Kraft des Evangeliums verändert wird. Wenn Menschen scharenweise ins Reich Gottes hineinkommen, müssen wir sie zu Jüngern machen und ihnen zeigen, wie sie ein verändertes Leben führen können. Dazu gehört Ausrüstung und Lehre. Der dritte Schritt ist, dieses veränderte Leben in die Gesellschaft zu integrieren, damit sie die verändernde Kraft Gottes erfährt. Wir müssen die Leute lehren, wie sie Salz und Licht an ihrem Arbeitsplatz und in anderen Einflussbereichen sein können. Jeder Christ sollte darin gelehrt werden, wie er ein Reformer sein kann, egal wo Gott ihn im Alltag hingestellt hat. Das bedeutet, dass eine Mutter ihre Kinder gemäß einer biblischen Weltanschauung erzieht und sie lehrt, wie sie ihre Nation verändern. Väter sind dabei ein Vorbild für ihre Söhne und Töchter. Gemeinden lehren eine Generation von Kindern und Jugendlichen zu verstehen, dass sie einen Auftrag haben, Gestalter der Reformation in ihrer Gesellschaft zu sein. Christen sehen ihren Beruf als Mittel, Gottes Prinzipien und die Auswirkungen seines Reiches an jedem Arbeitstag freizusetzen, ob sie nun in einem Lebensmittelgeschäft arbeiten, in einer Schule unterrichten oder ein politisches Amt innehaben. Der Reformationsauftrag wird in jeden Bereich der Gesellschaft hineingetragen durch die betende, lehrende, arbeitende „Armee des Herrn“. Ich glaube von ganzem Herzen, dass Gott einen neuen evangelistischen Vorstoß schenken wird, um unsere Nationen mit gerechten Christen zu erfüllen. Dann werden wir nicht nur die Seelen der Menschen retten, sondern zeigen, dass das Wort Gottes in unseren Nationen tatsächlich eine Auswirkung hat. Außerdem werden wir erleben, dass Menschen durch das übernatürliche Wirken der Kraft des Heiligen Geistes von Seuchen wie Aids geheilt werden und dass gleichzeitig Wissenschaftler ein Heilmittel gegen die Krankheit finden! Wenn wir eine Transformation der Nationen erleben wollen, müssen wir unseren Auftrag weiter stecken als nur die Errettung von Seelen. Wir müssen danach trachten, dass jeder Christ im Herrn wächst und dass das


EINLEITUNG / 19 Reich Gottes jeden Bereich der Gesellschaft durchdringt. Gott möchte, dass durch uns sein Wille auf der Erde getan wird! Wenn eine Nation transformiert, aber nicht reformiert wird, fällt sie bald wieder in ihren ursprünglichen Zustand des Verfalls zurück. Was meine ich mit Reformation? Ich würde Reformation definieren als eine Korrektur oder Reparatur dessen, was verdorben ist, damit die Institutionen unserer Regierung und der Gesellschaft gemäß den von Gott vorgesehenen Ordnungen und Strukturen gestaltet werden können. Das bedeutet, dass Gottes Wille zu einem festen Bestandteil dabei werden muss, wie wir unseren täglichen Geschäften nachgehen, mit den Armen umgehen, Recht sprechen, unsere Gesetze machen, unsere Kinder unterrichten und wie wir allgemein unser Leben gestalten. Es bedeutet, Menschen eine Lizenz zum Gutes Tun anstatt zum Sündigen zu geben. Es bedeutet, unser gesellschaftliches Umfeld zu einem Ort zu machen, wo die Segnungen Gottes von einer Person zur nächsten fließen, genau wie Gott sie im Himmel fließen lässt.

Die sieben Tore durchschreiten Wie würde eine Kultur aussehen, wenn sie Jesus zu ihrem Herrn und Erlöser machen würde? Was würde es bedeuten, wenn wir nicht nur einzelne Personen mit dem Herrn versöhnen würden, sondern auch unsere Städte und Länder? In Kolosser 1,20 steht: „… und durch ihn [Jesus] alles mit sich zu versöhnen – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes – durch ihn, sei es, was auf der Erde oder was in den Himmeln ist.“ In Matthäus 6,10 lehrt Jesus seine Jünger zu beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden!“ Als Jesus auf die Erde kam, wollte er nicht nur Bekehrte. Er wollte den Himmel auf der Erde neu schaffen. Er wollte sehen, dass seine Nachfolger sein Reich aufrichten – ein Ort, wo Gottes Wille in allen Dingen leicht zu erkennen wäre, sei es durch Wunderwirkungen oder durch die Demonstration christlicher Nächstenliebe. Jesus wollte, dass seine Nachfolger die Welt für ihn wieder zurückerobern. Eine Demokratie, die nicht auf der Grundlage biblischer Lehre aufgebaut ist, verkommt am Ende zu einer Gesellschaft, die von einer Militärdiktatur oder von einer anderen undemokratischen Regierungsform


20 / REFORMATION – EIN MANIFEST angeführt wird. Das liegt daran, dass sie nicht funktionieren kann, wenn ein biblischer Rahmen und eine biblische Weltanschauung nicht in den Gründungsurkunden verankert ist. Die Bibel gibt uns Glaubensgrundsätze, die eine große politische Freiheit ermöglichen, weil Gott uns mit einem freien Willen geschaffen hat. Eine Demokratie, die sich auf der Bibel gründet, wird eine rechtsstaatliche Gesellschaft entwickeln, in der religiöse Unterdrückung nicht erlaubt ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir Sozialgesetze haben dürfen, die der Mehrzahl erlaubt, gegen Gottes Gebote zu verstoßen. Eine Gesellschaft ohne göttliche Sicherheitsvorkehrungen verfällt in die Anarchie, wo jeder das tut, was in seinen Augen richtig ist. Christen wie William Wilberforce haben das Banner des Abolitionismus hochgehalten, um in Großbritannien und den USA zu bewirken, dass die Sklaverei abgeschafft wurde. Isaac Newton und andere Christen haben einige der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen der Geschichte gemacht. Die meisten Erfindungen, die zu einem nationalen Fortschritt führten, hatten ihren Ursprung in „christlichen“ Nationen. Unglaubliche Dinge geschehen, wenn das Reich Gottes freigesetzt wird, nicht nur in einzelnen Personen, sondern auch in ganzen Gesellschaften. Dass die Menschheit „von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurde, wozu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“, ist nur ein Beispiel für das Gedankengut, welches die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten durchdringt. Diesem Reich Gottes müssen wir in der Welt wieder zum Durchbruch verhelfen – ein Reich, das gegründet ist auf der Liebe, der Gerechtigkeit und der Kraft Gottes, wo Korruption die Ausnahme ist, wo der Hungernde und der Arme gespeist und bekleidet wird, wo die Gerichte gerecht richten, wo die Regierung rechtschaffen regiert, wo die Geschäfte ethisch einwandfrei geführt werden und wo es in der Bildung mehr darum geht, nach Wahrheit zu streben, als die Jugend mit der neuesten Philosophie zu indoktrinieren. Ich spreche von einer Gesellschaft, die gegründet ist auf einer Freiheit zu lieben, nicht zu begehren; von einer Regierung, die auf Ethik gegründet ist statt auf Willkür und Egoismus, auf der Freiheit, das Richtige zu tun, statt auf Manipulation von Menschen durch Appellieren an ihre niedrigsten Instinkte, um ein eigenes Machtimperium aufzubauen.


EINLEITUNG / 21 Peter Wagner und seine Mitarbeiter haben u. a. die Anregung erarbeitet, für eine Reformation unserer Nationen müssten die „sieben Tore der Gesellschaft“ beeinflusst werden. Diese sind: Das Tor der Regierung Das Tor der Medien und der Kommunikation Das Tor des Handels Das Tor der Kunst Das Tor der Bildung Das Tor der Familie Das Tor der Gemeinde und der christlichen Dienste Wie würden diese Tore aussehen, wenn sie wirklich auf der Bibel gegründet wären? Ich bin zwar auf keinem dieser Gebiete ein Experte, aber ich hoffe, dass ich so manch angeregte Diskussion unter den Experten auslösen werde. Die ersten fünf Kapitel dieses Buches werden sich näher mit der Frage befassen, was Reformation ist, und die folgenden Kapitel beschreiben näher, wie wir durch diese Tore treten und wie sie aussehen könnten, wenn sie auf die Gebote und Verheißungen der Bibel ausgerichtet wären.

Gott mit dem Verstand genauso wie mit dem Herzen lieben Als ich diese Konzepte durcharbeitete, geschah etwas in mir, und zwar etwas Erstaunliches. Ich erkannte, dass ich Gott nicht mehr nur mit meinem ganzen Herzen liebte, sondern jetzt auch mit meinem Verstand, wie es uns in Matthäus 22,37 geboten wird. Ein Gesetzeslehrer kam zu Jesus, um ihn zu prüfen, und fragte ihn, welches das größte Gebot sei. Jesus antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deinem Verstand.“ Erlauben Sie dem Heiligen Geist, beim Studieren der verschiedenen Philosophen, Reformatoren und anderer, die das Leben von Menschen in der Vergangenheit beeinflusst haben, Ihr Denken zu verändern und zu korrigieren. Lassen Sie sich im Licht der Bibel zeigen, wo Sie das Denken der Welt angenommen haben, und bringen Sie Ihre Denkmuster wieder in Einklang mit der Bibel. Ich habe den Eindruck, dass ich


22 / REFORMATION – EIN MANIFEST meinen Verstand erneuert und mein Denken verändert habe, während ich die Bibel studierte. Jetzt beurteile ich jeden Gedanken oder jede Entscheidung darüber, was in der Gesellschaft richtig und was falsch ist, mit einer biblisch fundierten Weltanschauung. Ich möchte das erläutern. Vor Kurzem besuchte ich eine Veranstaltung auf dem Gelände der Universität von Kalifornien in Berkeley. Ich sprach vor etwa tausend Menschen und sagte: „Viele von Ihnen fragen sich vielleicht, welche Meinung ich über Homosexualität habe. Meine Antwort darauf ist, dass ich keine habe. Doch lassen Sie uns in der Bibel nachlesen, dem Herstellerhandbuch, um zu sehen, was für Gesetze er darüber gegeben hat.“ Dann las ich einfach aus dem ersten Kapitel des Römerbriefs vor, wo steht, dass Gottes Zorn vom Himmel her offenbar ist gegen alle, die nicht seinen Geboten folgen, und dass ihr Verstand nichtig oder verdunkelt ist. Dann las ich die Liste der Dinge vor, bei denen die Gebote Gottes durch die Homosexualität gebrochen werden: Frauen, die den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt haben, und Männer, denen nach einander gelüstet. Gott ist der Schöpfer und hat bestimmte Gebote aufgestellt. Es macht keinen Unterschied, was ich über diese Gebote denke, genau wie es nichts zur Sache tut, was ich darüber denke, ob eine Ampel an einer bestimmten Straßenkreuzung stehen sollte oder nicht. Was zählt, ist, dass ich anhalte, wenn die Ampel rot ist, weil das Gesetz es so will. Man muss Gott mit seinem ganzen Verstand lieben, um eine Nation zu reformieren. Als ich über dieses Gebot nachdachte, gab es einen Augenblick der Bestürzung, in dem ich dachte: „Wann wurde ich jemals spezifisch darüber gelehrt, Gott mit meinem Verstand zu lieben?“ Natürlich hatte ich schon viele Predigten über die Erneuerung des Sinnes gehört, wie es in Römer 12,1–2 erwähnt wird, aber noch nicht über diesen Teil des größten Gebotes. Ich bete darum, dass Sie beim Lesen dieses Buches lernen werden, Gott noch mehr mit Ihrem Verstand zu lieben. Und dass Sie Gott stärker lieben werden, als Sie jemals für möglich gehalten hätten!

Warum ausgerechnet ich? Eins meiner größten Bedenken beim Schreiben dieses Buches ist, dass der Leser denken könnte, das Thema sei zu anspruchsvoll, um klar verstanden zu werden. Ich hoffe, dass Sie das nicht denken! Gott kann


EINLEITUNG / 23 uns helfen, das Konzept der biblischen Reformation in unseren Alltag zu integrieren. Das Evangelium ist wirksam, und das wird Ihnen klar werden, wenn Sie sich die Zeit nehmen zu studieren und Gott mit Ihrem ganzen Verstand zu lieben, so wie Sie es von ganzem Herzen und von ganzer Seele tun. Als ich dieses Buch aufs Herz gelegt bekam, stellte ich die Frage: „Warum ausgerechnet ich, Gott?“ Warum nicht jemand mit einem Diplom in Politikwissenschaften, sondern ich, die ich meinen Abschluss in Musikpädagogik gemacht habe? Ich denke, ich kenne die Antwort. Zumindest eine ist: Wenn ich diese Konzepte verstehen kann, können Sie es auch! Der Heilige Geist ist der große Offenbarer der Wahrheit. Er ist daran interessiert, dass sein Wille getan wird, im Himmel wie auf Erden! Also: Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Bitten Sie den Heiligen Geist, Ihren Verstand mit der Wahrheit des Evangeliums zu reinigen. Glauben Sie mir, als ich anfing zu schreiben, fühlte ich mich unzulänglich und überwältigt. Wie sollte ich es nur anfangen, über derart umfassende und weitreichende Themen zu schreiben, und zwar so, dass man es auch verstehen kann? Ich gestehe, dass es Momente gab, in denen ich mich so überfordert fühlte, dass ich es für unmöglich hielt, dieses Buch fertig schreiben zu können. Es gab Zeiten, wo ich auf meinem Angesicht lag und einfach vor Gott weinte und ihn anbettelte, mir bei dieser – so schien es mir manchmal – unmöglichen Aufgabe zu helfen. Ich war voller Selbstzweifel und war mir sicher, Gott hätte besser jemand viel Schlaueres als mich mit dem Schreiben dieses Buchs betrauen sollen. Doch nach und nach erklomm ich diesen Berg der Befangenheit, und während ich daran arbeitete, geschah etwas Erstaunliches in mir. Ich bin zwar kein Gelehrter, aber ich weiß, wie man auf Gott horcht und ihm zuhört, und ich kann meine Bibel lesen. Gott würde keinem von uns je auftragen etwas zu tun, wozu er nicht fähig wäre. Nichts ist zu schwierig für Gott – und er hat immer Menschen wie Sie und mich gebraucht, um seinen Willen auf der Erde auszuführen. Und so befähigte Gott auch mich und führte mich Schritt für Schritt in dem, was ich schreiben musste, und in diesem ganzen Prozess hat er mir das Herz eines Reformators gegeben. Als ich das Thema Reformation studierte, wurde etwas in meinem Herzen, meiner Seele und meinem Verstand entzündet – als wenn ein Feuer in meinem Innern eingeschlossen wäre. Ich möchte sehen, dass


24 / REFORMATION – EIN MANIFEST die Nationen reformiert werden und die wahre Bedeutung des Missionsauftrags erfüllen. Gott beruft uns nicht nur, einzelne Menschen zu bekehren, sondern die Nationen zu lehren. Es ist mein tiefer Wunsch, dass auch Sie das Herz eines Reformators erhalten, und dass der Heilige Geist die Wahrheiten Gottes in Ihnen zum Leben erweckt, während Sie dieses Buch lesen. Es ist mein Gebet, dass die Worte von den Seiten in Ihr Herz, Ihre Seele und Ihren Verstand springen und Ihnen Gottes Plan für die Aufrichtung seines Reiches in Ihrer Nation unauslöschlich einprägen. Bei der Reformation der Nationen dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, dass Jesus gekommen ist, um der Erlöser unserer Seelen zu sein. Das muss immer im Vordergrund bleiben. Eine reformierte Gesellschaft kann die Seele eines Menschen nicht so verändern wie eine übernatürliche Begegnung mit dem lebendigen Gott. Wir dürfen den Auftrag zur Evangelisation nicht vergessen, den die Bibel uns gibt: Alle müssen persönlich errettet werden – ohne Ausnahme! Aber wir können an der Stelle auch nicht aufhören. Es beginnt damit, dass einzelne Seelen errettet werden, doch dann muss es weitergehen – bis zur totalen Reformation. Das eine geht nicht ohne das andere. Peter Wagner zufolge versucht Gott heute nicht zum ersten Mal, der Gemeinde ein Verständnis davon zu vermitteln, dass Reformation nötig ist, um Problemen wie sozialer Ungerechtigkeit zu begegnen. Er schrieb mir folgende Notiz: Ende des 19. Jahrhunderts erhob sich die Stimme von Walter Rauschenbusch aus Rochester im Staat New York laut. Er versuchte, den kulturellen Auftrag wieder in den Vordergrund der Missionsbewegung zu bringen und ihn mit dem evangelistischen Auftrag auf eine Stufe zu stellen. Er ist heute einer der prominenteren Pioniere dessen, was bald danach als Social-Gospel-Bewegung („Soziales Evangelium“) bekannt wurde. Unglücklicherweise beschloss die liberale Fraktion der Kirche zu dem Zeitpunkt, das kulturelle Mandat auf ihre Fahnen zu schreiben, und das mit Erfolg. Ironischerweise war Rauschenbusch dafür, das evangelistische Mandat an erster Stelle zu halten, aber er konnte die liberale Welle nicht aufhalten. Die Anhänger seines Social Gospel entfremdeten sich von den Evangelikalen, indem sie 1. die


EINLEITUNG / 25 Wurzel aller sozialen Übel in den USA dem Kapitalismus zuschrieben und 2. das evangelistische Mandat aus ihrem Programm strichen. Das wiederum führte Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer starken, ablehnenden Reaktion unter den evangelikalen Kirchenführern. Das Resultat war, dass die Evangelikalen das Konzept der sozialen Umgestaltung verwarfen, weil es als liberale Doktrin angesehen wurde. Das hat sich jetzt geändert. Meinen Nachforschungen zufolge begann diese Veränderung in den 60er-Jahren. Zu der Zeit fing der Heilige Geist an, sehr stark zu bibelgläubigen, evangelikalen Christen über ihre Verantwortung für die Versorgung der Armen und der Unterdrückten zu reden.

Mein Freund George Otis jr. ist von Gott durch seine DVD-Serie Transformation mächtig gebraucht worden, in der das biblische Mandat, Nationen zu Jüngern zu machen und zu lehren, sehr ernst genommen wird. Viele der Konzepte, die er über Transformation lehrt, können auch auf die Reformation angewendet werden. Man braucht Reformatoren, um eine Transformation zu bewirken! Gott lässt eine neue Generation von feurigen, leidenschaftlichen Leitern in jedem Gesellschaftsbereich erstehen. Einige dieser Leiter werden Erweckungsprediger sein, in denen der Wunsch brennt, Seelen zu gewinnen und zu sehen, wie Tausende in den Universitäten, in Schulen und auf den Straßen der Städte überall auf der Welt sich bekehren. Gott wird eine Armee von Reformern aufrichten, die Nationen erschüttern und auf der ganzen Erde eine neue Heiligkeitsbewegung vorantreiben werden. Egal ob jung oder alt, klein oder groß, schlank oder diätbedürftig, rot, gelb, schwarz, braun oder weiß: Gott beruft jeden zu einer Bestimmung und hat für uns einen Plan, den wir in unserer Generation erfüllen sollen. Es ist an der Zeit, dass wir aufstehen – so wie die Reformatoren vor uns – und sein Licht in dieses neue Jahrtausend hineintragen. Möchten Sie mich dabei begleiten und lernen, wie wir das tun können? Cindy Jacobs

Anmerkungen 1 vgl. Markus 4,19.


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KAPITEL 1

PERSÖNLICHE REFORMATION Ich fühlte mich wirklich nicht wie ein Reformator, als ich mit meinen Freunden an diesem nebligen Nachmittag in Wittenberg stand. Und doch rührte sich etwas tief in meinem Herzen, als ich das Schild an der Wand betrachtete, welches verkündete, dass das Museum, das wir gerade betreten hatten, das Haus von Martin Luther gewesen war. Es war nur etwa ein Tag nach einer Konferenz in Berlin, bei der ich gesprochen hatte. Unser deutscher Gastgeber Reiner hatte sich bereit erklärt, einigen von uns ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Als wir den Flur entlanggingen, war ich etwas betroffen, dass die Lutherhalle, das Museum über das Leben und die Lehren Luthers, sogar am Nachmittag des Ostersonntags geöffnet war. Für die Leute, die das Gebäude verwalteten, schien es ein Tag wie jeder andere zu sein, und nicht der Tag, an dem die Auferstehung von Jesus Christus gefeiert wird. Als wir weiter durch die Hallen des ehemaligen Klosters gingen, das zum Heim von Martin Luther und seiner Frau Katharina (Käte) geworden war, wurden die Emotionen, die sich beim Betreten des alten Steinbodens in mir geregt hatten, noch stärker. Je länger wir gingen und darüber lasen, welche erstaunlichen Veränderungen das Leben dieses Mannes hervorgebracht hatte, umso mehr wuchs meine Bewunderung. Ständig rief ich der Gruppe zu: „Schaut mal hier!“ und: „Das müsst ihr lesen!“ Ich fing an mich zu fragen, was sich in mir rührte. Warum empfand ich so?


28 / REFORMATION – EIN MANIFEST Ja, warum! Sehen Sie, an jenen alten, muffigen Wänden standen lebendige Wahrheiten geschrieben, die heute noch genauso relevant sind wie vor fünf Jahrhunderten, als Luther betend durch genau diese Flure wandelte. Jedes Mal, wenn ich Luthers Worte las, fielen mir Parallelen ein zwischen Luthers Reformation und der Notwendigkeit für die Nationen heute, zur Gottesfurcht zurückzukehren. Zum Beispiel gebrauchte Luther die Kunst und Musik. Er revolutionierte die Kirchenkultur, indem er Lieder schrieb, die alle Menschen gemeinsam in ihrer eigenen Sprache singen konnten. Bis dahin gab es keinen Gemeindegesang in den Gottesdiensten. Lobpreis und Anbetung wurden zu einem Schlüssel für die Reformation. Mein Herz fing an zu brennen, als ich die Zeilen aus einem der bekanntesten Kirchenlieder Luthers las: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“. Ein’ feste Burg ist unser Gott, Ein’ gute Wehr und Waffen … Mit unsrer Macht ist nichts getan, Wir sind gar bald verloren; Es streit’t für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesu Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer Gott, Das Feld muss er behalten. … Das Wort sie sollen lassen stahn Und kein’n Dank dazu haben; Er ist bei uns wohl auf dem Plan Mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr’, Kind und Weib: Lass fahren dahin, Sie haben’s kein’n Gewinn, Das Reich muss uns doch bleiben. Obwohl dieses Lied 1529 geschrieben wurde, berührt es mich und Tausende andere inmitten der Kämpfe des Lebens auch heute noch – Gott wird siegen! Als wir zu den letzten Räumen des Museums kamen, merkte ich, dass eine große Zahl von ganzen Städten von dieser Reformation beeinflusst


PERSÖNLICHE REFORMATION / 29 worden war. Sowohl Deutschland als auch ganz Europa wurde davon erschüttert. Plötzlich fühlte ich mich so, als ob in mir ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch stand. Ich lief schnell aus dem Museum in den feuchten, kalten Nachmittag hinaus. Ich konnte nicht länger an mich halten. Das Gesicht zur Wand, ließ ich die Tränen aus meinem tiefsten Innern strömen und stöhnte: „O Gott, es tut mir so leid, es tut mir so leid! Meine Generation hat dich tief enttäuscht! O Herr, was stimmt mit uns nicht?“ Sehen Sie, in diesem Augenblick erkannte ich, dass uns genau die Elemente, die nötig sind, um den Zustand dieser Welt zu verändern, schon seit Jahrhunderten vor Augen stehen. Und doch sind wir irgendwie nicht fähig gewesen, den Missionsauftrag zu erfüllen. Tränen liefen mir über das Gesicht und vermischten sich mit Regentropfen, und ich seufzte: „Zweiundachtzig Millionen Menschen in Deutschland, und nur 1,6 Millionen gläubige Christen. O Gott, was stimmt nicht mit uns? Es tut mir so leid, Gott. Wie konnten wir es vor unseren Augen nur so weit kommen lassen?“ Schließlich ging ich weiter, aber ich war ziemlich aufgewühlt über das, was ich gerade erlebt hatte. Ich wusste, dass ich tief in meinem Innern für die Nation, die Luther geliebt hatte, in den Wehen gelegen hatte – das Land der Gutenberg-Bibel, der ersten gedruckten deutschen Übersetzung von Gottes Wort. Als wir weiter durch die Straßen Wittenbergs spazierten und über die Notwendigkeit sprachen, dass wieder ein Reformationsfeuer diese Nation und die Nationen dieser Welt entzündet, hielten wir Ausschau nach der Tür mit den revolutionären Worten aus Luthers Feder. Die berühmten 95 Thesen, die Martin Luther an die Tür der Schlosskirche genagelt hatte, sind an genau der Stelle, wo er sie ursprünglich angeschlagen hat, als Nachbildung aus Bronze für die Nachwelt erhalten. Beim Gehen sprachen wir über das Problem der Abtreibung in Deutschland. Nachdem Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt wurden, kam es zu einer hitzigen Debatte über die Legalisierung der Abtreibung. Eine Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten war seit 1972 in Ostdeutschland legal, aber in Westdeutschland noch nicht. Schließlich einigte man sich 1995 auf einen Kompromiss. Eine Abtreibung in den ersten drei Monaten ist gesetzlich erlaubt, vorausgesetzt, die


30 / REFORMATION – EIN MANIFEST Frau lässt sich vorher beraten.1 Seitdem werden in Deutschland jährlich etwa einhunderttausend Babys durch Abtreibung getötet2, das heißt, etwa 15 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland werden durch Abtreibung abgebrochen. In Berlin liegt dieser Satz bei etwa 28 Prozent.3 Die deutschen Feministinnen hatten sich zusammengeschlossen und ihre Stimme laut werden lassen. Sie sind durch die Straßen marschiert und haben so Einfluss auf den Prozess der Legalisierung der Abtreibung in der wiedervereinten Republik genommen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Wie kommt es, dass Feministinnen mutiger sind als wir Christen? Warum sorgen wir nicht dafür, dass gerechte Gesetze gemacht werden, die dem Maßstab Gottes entsprechen? Warum sind wir so schwach, Dinge in unserer Kultur zu verändern, wo andere sich so kühn und leidenschaftlich für ihre Sache einsetzen? „Lasst uns im Gebet übereinkommen, dass Abtreibung in Deutschland wieder gesetzlich verboten wird“, sagte ich laut zu den anderen. Alle waren einverstanden, und so hielten wir an, fassten uns an den Händen und beteten an Ort und Stelle. Dann gingen wir weiter auf dem gleichen Weg, den Luther genommen hätte, um zur Schlosskirche zu gelangen. Am späten Nachmittag fanden wir, was wir gesucht hatten: die bronzene Gedenktafel an der Tür der Schlosskirche, das Dokument, das von dem radikalen Reformator verfasst worden war, der mit seinen Worten eine ganze Nation verändert hatte. Wir hielten uns still an den Händen und beteten, dass Gott uns und andere gebrauchen möge, um eine Bewegung ins Leben zu rufen, durch die irgendwann Abtreibung in Deutschland abgeschafft werden würde. Zusätzlich riefen wir zum Herrn für die Jugend in Deutschland, dass sie aufsteht und für die Errettung ihrer ganzen Nation eintritt. Als wir unser Gebet beendeten, ertönte die Melodie von „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ vom riesigen Kirchturm neben der Schlosskirche. Es war, als ob Gott selbst sagen würde: „Amen! Es wurde auch Zeit, dass dieses Gebet gebetet wurde. Jetzt geht los und tut es!“ Wir waren völlig überwältigt. Die Klänge der Musik waren so laut, dass sie uns bis ins Mark erschütterten. Es war ein mit übernatürlicher Kraft erfüllter Moment. Doch so mächtig dieses an einen Engelchor erinnernde Erlebnis auch war, Gott hatte für unser Abenteuer ein noch stärkeres Ausrufezeichen vorbereitet, das keiner von uns hätte inszenieren können:


PERSÖNLICHE REFORMATION / 31 Als wir uns zum Gehen wandten, sahen wir ein Ehepaar, beide so um die sechzig, die Fotos machten. Wir waren überrascht sie zu sehen, weil vorher außer uns kein Mensch auf der Straße gewesen war. Fast den ganzen Nachmittag war das Wetter eher trübe gewesen, also nicht der typische Zeitpunkt, wo Touristen draußen sind um zu fotografieren, zumal es auch bald dunkel wurde. Der Mann schickte sich an, eine Aufnahme von seiner Frau zu machen, und ich fühlte vom Heiligen Geist den Impuls, ich solle mich anbieten, sie gemeinsam zu fotografieren. (Tatsächlich schlug ich vor, dass Reiner das macht, weil ich dachte, ich würde auf dem Bild sicher ihre Köpfe abschneiden.) Der Mann bedankte sich und sagte, dass seine Frau gerne ein Foto von sich vor der berühmten Wittenberger Tür hätte, weil sie Lutheranerin war. Nach dem Foto stellte ich unsere Gruppe vor – Laura, Alfred, Ben, Reiner, Huss und mich selbst. Zu unserer Überraschung stellte er sich vor als ein Pro-Life-Anwalt aus Chicago. Er war gerade auf Urlaub von seinem Amt als Berater des Obersten Gerichtshofs der USA, wo er sich für ein Abtreibungsverbot einsetzte. Die Worte überstürzten sich, als wir ihm aufgeregt erzählten, was wir gerade gebetet hatten, und wie seine Anwesenheit an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt solch eine Bestätigung für uns war, dass Abtreibung eines Tages in Deutschland wieder gesetzlich verboten sein würde. Unnötig zu sagen, dass wir fast kein Auto mehr brauchten, um nach Hause zu kommen – wir waren so aufgeregt, dass wir das Gefühl hatten zu fliegen! Eines Tages wird Abtreibung in Deutschland wieder verboten sein. Es ist tröstlich zu wissen, dass Gott gerade jetzt sowohl in Deutschland als auch auf der ganzen Welt eine neue Generation aus radikalen, eifrigen Reformatoren und Revolutionären aufrichtet, die dafür sorgen werden, dass die Gerechtigkeit in ihren Nationen am Ende den Sieg davonträgt.

Das Feuer der Reformation anfachen In meinen Reisen um die Welt habe ich Gelegenheit gehabt, mit Menschen aus allen Generationen zu sprechen, die, obwohl ganz unterschiedlich alt, eins sind in ihrem Herzen und in ihrer Leidenschaft. Sie wollen von Gott gebraucht werden, um ihre Nationen zu verändern.


32 / REFORMATION – EIN MANIFEST Wie wird man ein Reformator? Für einige ist es so, als würden sie auf einem Fahrrad einen Hügel erklimmen und dann wieder neuen Schwung bekommen, wenn die Notwendigkeit für eine Veränderung in ihrem Herzen immer klarer wird und sie merken, dass Gott möchte, dass sie etwas dafür tun. Normalerweise gibt es dann einen auslösenden Moment, in dem einem die Augen geöffnet werden für die Notwendigkeit der Veränderung. Martin Luther hatte einen solchen Moment als junger Mann während eines Gewitters. Für ihn war es ein Erlebnis wie das von Paulus auf dem Weg nach Damaskus – nur, dass er auf dem Weg nach Erfurt war. Es passierte am 2. Juli 1505, Martin war gerade einundzwanzig. Er war nur noch wenige Kilometer von zu Hause entfernt, als der Blitz so nah bei ihm einschlug, dass es ihn vom Pferd warf. Es muss wie ein übernatürlicher Weckruf gewesen sein, denn er schrie daraufhin zu Gott, tat Buße für die Sünden seiner Jugend und gelobte, dass er, sollte er mit dem Leben davonkommen, Mönch werden würde. Martin hielt Wort. Am 17. Juli 1505 trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein, das strengste aller Klöster in der Gegend, anstatt sein Jurastudium fortzusetzen. Sein Vater war wütend über seine Entscheidung, weil er große Opfer gebracht hatte, um ihn auf die Schule zu schicken, damit er später Anwalt werden könnte. (Seine Fähigkeiten als Anwalt brauchte Martin allerdings später noch, als er sich vor den religiösen Konzilen seiner Zeit verantworten musste.) Luther wurde 1507 als Priester ordiniert und begann 1508 an der Universität von Wittenberg zu unterrichten. 1512 erhielt er den Doktortitel in Theologie, doch er wurde das Gefühl nicht los, dass er ein miserabler, unwürdiger Sünder war. 1515 begann er eine Unterrichtsreihe über den Römer- und den Galaterbrief. Während er diese Themen studierte und darüber nachdachte, gab Gott ihm eine Offenbarung, die er in einem Bibelvers zusammenfasste: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Römer 1,17). Martin Luther schrieb über dieses Erlebnis: Bis Gott sich erbarmte und ich, der ich Tag und Nacht nachgedacht hatte, … begriff …: Der Gerechte wird aus Glauben leben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen, durch die der Gerechte als durch ein


PERSÖNLICHE REFORMATION / 33 Geschenk Gottes lebt, nämlich aus Glauben heraus. … Hier spürte ich, dass ich völlig neu geboren sei und dass ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten sei …4

Durch diese Offenbarung verstand Martin Luther, dass es nicht so sehr darum ging, was er tat, sondern darum, was Jesus getan hatte. Luther erlebte eine persönliche Reformation, die seine Welt auf den Kopf stellte. Nur einige Monate später nagelte Luther dann seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche. Was er im Römerbrief gelesen hatte, waren die Worte eines anderen jungen Anwalts, des Apostels Paulus, der auch durch einen Blitz vom Himmel auf seine Knie gefallen war. Als er auf dem Weg nach Damaskus war, ausgestattet mit Briefen, die ihm die Vollmacht gaben, die Anhänger von Jesus in Ketten nach Jerusalem zu führen, wurde er durch einen Blitz auf den Boden geworfen, und er erlebte eine ähnliche Reformation. Er begegnete Jesus von Angesicht zu Angesicht und erkannte, dass er seinen Eifer an falscher Stelle eingesetzt hatte. Er berichtete den Galatern später, was über ihn gesagt wurde: „Der, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er einst zu vernichten suchte.“5 Ich möchte damit deutlich machen, dass jeder von uns eine persönliche Reformation erleben muss. Natürlich ist der erste Schritt, Jesus seine Sünden zu bekennen und ihn zu bitten, der Herr in seinem Leben zu werden. Doch bei allen, die weltverändernde Reformatoren geworden sind, kommt auch ein bestimmter Zeitpunkt – so wie für mich der Besuch im Luthermuseum –, von dem an man sich leidenschaftlich dafür engagieren will, dass aus Unrecht wieder Recht wird. Viele Jahre lang hatte ich den Eindruck, dass mein Part bei der Richtigstellung von Unrecht nur auf einer persönlichen Ebene stattfinden sollte. Damit meine ich: Wenn ich jemanden sah, der Hunger hatte, gab ich ihm etwas zu essen (was ich immer noch regelmäßig tue und für richtig erachte), oder ich betete für eine verletzte Person. All das war gut, aber es beanspruchte mein Denken nicht auf einer höheren Ebene. Meine Weltanschauung musste einen neuen Fokus bekommen. Ich musste mein Denken reformieren, was meine Rolle als gläubiger Christ anging. Mein Blickfeld war eingeschränkt dadurch, wie ich Gottes Auftrag für mich persönlich aus seinem Wort verstand.


34 / REFORMATION – EIN MANIFEST 1985 begann sich meine Weltanschauung zu verändern, als Gott mir sagte, dass ganze Nationen geheilt werden könnten.6 Ehrlich gesagt, hatte ich bis dahin nicht gewusst, dass sie krank sein könnten. Ein Teil meines Problems bestand darin, dass ich mit einer Weltanschauung erzogen wurde, die sich auf das westliche bzw. griechische Denken gründete. Die griechisch-römische – bzw. die westliche – Weltanschauung geht vom einzelnen Menschen aus und trennt Übernatürliches vom Natürlichen. Wie hat das mein Handeln beeinflusst? Vor allem dachte ich, dass ich Gott gegenüber nur dafür verantwortlich wäre, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, und nicht auch für meine Nation, ihre Gesetze und die Gesellschaft im Allgemeinen. Ich war gefangen in einem individualistischen Denken. Gott denkt aber nicht nur an den Einzelnen, sondern hat dabei auch Nationen und Reiche im Blick. Das biblische Denken ist in seinem Wesen auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Man kann dieses Thema im Alten Testament beobachten: Die Sünde von Adam und Eva im Garten hatte den Fall der gesamten Menschheit zur Folge (1. Mose 3,1–8); die Sünden der Vorfahren hatten Auswirkungen auf die Generationen nach ihnen (2. Mose 20,4–6); die Sünde Achans bewirkte eine militärische Niederlage bei Ai (Josua 7); die Propheten Israels verurteilten die Ausbeutung der Armen und die soziale Ungerechtigkeit (Amos 5,7–15); Israel wurde als ganze Nation in Gefangenschaft geführt. Das Thema zieht sich auch durch das Neuen Testament, von der Betonung, dass wir nicht nur Individuen sind, sondern den Leib Christi bilden (1. Korinther 12), bis hin zu der Lehre, dass unsere Verantwortung dahin reicht, das Reich Gottes in unseren Nationen sichtbar werden zu lassen. Unsere Weltanschauung spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie wir unser Leben gestalten. Der deutsche Sozialwirtschaftler Max Weber gebrauchte eine weltanschauliche Terminologie bei seiner Analyse, inwieweit das Glaubenssystem eines Volkes sein Niveau des Reichtums bzw. der Armut bestimmt.7 Unsere Weltanschauung sollte von der Bibel geprägt, also eine biblische Weltanschauung sein. Meine Weltanschauung veränderte sich eines Tages massiv, als ich las, was allgemein als der Missionsauftrag bezeichnet wird:


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