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Mike Bickle

Alles an ihm ist liebenswert Ein Studium des Hohelieds

Kapitel 5,2 bis 8


4 / Alles an ihm ist liebenswert

© Copyright 1999 Friends of the Bridegroom Die amerikanische Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel: Song of Songs by Friends of the Bridegroom, PO Box 35003, Kansas City, MO 64134, USA. Alle Rechte vorbehalten. © Copyright der deutschen Ausgabe 2005 ASAPH Verlag Aus dem Englischen übersetzt von Doris Geitz Bearbeitet von Dorothea Appel Satz: ASAPH/Jens Wirth, D-Lüdenscheid Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum Umschlag: joussenkarliczek, D-Uhingen Umschlagfoto: Getty Images Best.-Nr. 147357 ISBN 3-935703-57-0 Printed in the EU Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid eMail: asaph@asaph.net – Internet: www.asaph.net


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Vorbemerkung des deutschen Verlags Wohl jeder Bibelleser kennt Zeiten, in denen er von dem einen oder anderen Buch der Bibel ganz besonders „gepackt“ wurde. Mike Bickle beschreibt hier, wie es ihm mit dem Buch Hohelied, dem „Lied der Lieder“, erging. Aus dem anfänglichen Gepacktsein wurde für ihn ein Lebensinhalt. Er verspürte den Auftrag Gottes, die Botschaft des Hoheliedes der heutigen Generation zugänglich zu machen. In der Vorbereitung darauf hat er unzählige Kommentare und Auslegungen zu diesem Buch gelesen, sich mit verschiedenen Schulen und Ansichten auseinander gesetzt. Das Ergebnis war nicht ein weiterer gelehriger Kommentar, sondern ein geistliches Arbeitsbuch, das dem Leser ermöglichen soll, selbst in der Tiefe zu erfahren, worum es im Hohelied letztlich geht: um eine Offenbarung der uneingeschränkten, maß- und selbstlosen Liebe Gottes zu seiner „Braut“, der Gemeinde – mit dem Ziel, dass diese mit der jungen Frau im Hohelied antwortet: „Alles an ihm ist liebenswert.“ Als Arbeitsmittel ist dieses Buch als eine Hilfe zum intensiven Studium angelegt. Entsprechend eignet es sich weniger dazu, „in einem Rutsch“ durchgelesen zu werden. Mike Bickle gibt in der Einführung einige Tipps, wie er sich wünscht, dass dieses Buch am sinnvollsten genutzt wird. Neben dem persönlichen Studium eignet sich das Buch vor allem zur Vorbereitung von Hauskreisen und anderen Bibelstudiengruppen, nicht zuletzt wegen der didaktisch sinnvollen Aufbereitung des Stoffs in „kleinen Happen“. Dieser Band behandelt die Kapitel 5 bis 8 des Hohelied, der erste Band „Den meine Seele liebt“ ging entsprechend auf die Kapitel


6 / Alles an ihm ist liebenswert 1 bis 4 ein. Diese Unterteilung (die der Autor übrigens auch in der amerikanischen Ausgabe vorgenommen hat) ist nicht willkürlich, auch liegt sie nicht nur in dem Wunsch begründet, den Umfang dieses Buches in Grenzen zu halten, die Zweiteilung hat auch, wie der Leser sehen wird, inhaltliche Gründe. Als Bibelübersetzung wurde zumeist die Revidierte Elberfelder Bibel benutzt, manchmal machte es der amerikanische Text jedoch nötig, auf andere Übersetzungen zurückzugreifen. Bei Bibelstellenangaben, die sich auf den Text des Hoheliedes beziehen, wurde auf die Voranstellung der Abkürzung („Hl.“, „Hohel.“ etc.) verzichtet, andere Bibelstellen wurden in gewohnter Weise abgekürzt.


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Inhalt Kursbeschreibung ......................................................................9 Kapitel 13: Der letzte zweifache Reifetest (5,2-8) ..............................................11 Kapitel 14: Die Antwort der Braut auf die zweifache Prüfung (5,9-6,5) ..................35 Kapitel 15: Die alles überragende Schönheit Jesu (5,10-16) .................................69 Kapitel 16: Jesus lobt sie nach der Zeit der Prüfung (6,4-10) ..............................115 Kapitel 17: Die Rechtfertigung der verfolgten Braut (6,11-7,9)...........................157 Kapitel 18: Die gereifte Partnerschaft der Braut mit Jesus (7,10-8,4) ...................207 Kapitel 19: Das Siegel der Braut in gereifter Liebe (8,5-7).................................263 Kapitel 20: Die letzte Fürbitte und Offenbarung der Braut .................................301 Kapitelzählung schließt an die von Band 1 „Den meine Seele liebt“ an.

Das „International House of Prayer“/IHOP ...........................357


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Kursbeschreibung Die acht Kapitel dieses Liebesliedes schildern das geistliche Werben des Königs Jesus um seine Braut, die Gemeinde. Mike Bickle hat zehn Jahre mit Studium, Forschung und Gebet verbracht, wobei er das Hohelied Wort für Wort, Zeile für Zeile durchging. Das Hohelied offenbart das leidenschaftliche Verlangen Gottes nach seiner noch unreifen Braut. Das Wissen darum, dass Gottes Sehnsucht uns gilt und er seine Schönheit in uns gelegt hat, verleiht der noch nicht so gereiften Gemeinde Kraft, in die Brautliebe zu Jesus hineinzuwachsen. Das Lied beschreibt die geistlichen Phasen, die jeder Gläubige durchlebt. Das biblische Muster in dem Hohelied Salomos hilft uns unsere Position auf dem Weg zu immer tieferer Liebe zu Jesus zu verstehen und macht deutlich, welches Verhalten in diesen einzelnen Phasen der Heilige Geist von uns wünscht. Wenn wir jede Zeile der Schrift mit geistlichem Verständnis „zu Gott zurückbeten“, wird unsere emotionale Beschaffenheit verändert. Mike Bickle ermutigt jeden Gläubigen, dieses Lied ernsthaft zu studieren; daraus kann sich eine Gebetssprache entwickeln, die dem tiefsten Sehnen des menschlichen Herzens entspricht.


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Kapitel 13

Der letzte zweifache Reifetest (5,2-8) „Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft: ‚Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Denn mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von Tropfen der Nacht.‘ ‚Ich habe meinen Leibrock schon ausgezogen, wie sollte ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?‘ Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung, da wurden meine Gefühle für ihn erregt. Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger von flüssiger Myrrhe, als ich sie legte an die Griffe des Riegels. Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich abgewandt, war weitergegangen. Ich war außer mir, dass er weg war. Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, doch er antwortete mir nicht. Es fanden mich die Wächter, die die Stadt durchstreifen. Sie schlugen mich, verwundeten mich. Die Wächter der Mauern nahmen mir meinen Überwurf weg. Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was wollt ihr ihm ausrichten? Dass ich krank bin vor Liebe.“ (5,2-8) I. Überblick über Hohelied 5,2-8 Jesus offenbart sich selber als derjenige, der alleine im Garten von Gethsemane gelitten hat. Mit dieser sechsten Offenbarung Jesu beginnt der zweite Teil der acht Kapitel des Hoheliedes. In den ersten vier Kapiteln wird der Blick auf das Erbe der Braut in Jesus


12 / Alles an ihm ist liebenswert gerichtet. Die letzten vier Kapitel betonen Jesu Erbe in der Braut. Die Tatsache, dass sie ihm gehört, beschäftigt ihr Herz. Unser geistliches Fundament beinhaltet beide Aspekte. Das hat sie gepackt: dass sie zu Jesus gehört. Sie fängt an, ihr Leben aus einem neuen Blickwinkel zu sehen; ihr wird klar, welche Freude sie ihm bereitet. Ihre Freude wächst dadurch, dass sie zu seiner Freude lebt. Ihre größte Freude liegt darin, vollkommen im Willen Gottes zu leben. Sie wurde eingeladen, auch in seinem Leiden mit Jesus Gemeinschaft zu haben. Sie antwortet mit augenblicklichem Gehorsam (5,3-5). Zuerst prüft Jesus ihren Glauben, indem er ihr seine spürbare Gegenwart entzieht (5,6). Danach prüft Jesus ihren Glauben, indem er zulässt, dass die geistliche Autorität in der Gemeinde sie ungerechterweise verletzt. Das führt dazu, dass ihre Funktion und auch Gemeinschaft in der Gemeinde zeitweilig von ihr genommen wird (5,7). Sie reagiert in Liebe und Demut (5,8).

Vers-für-Vers-Studium von 5,2-8 II. Jesus ruft sie in die Gemeinschaft der Leiden hinein Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft: „Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Denn mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von Tropfen der Nacht.“ (5,2) A. Jesus nähert sich ihr als der, der aus dem Garten Gethsemane kommt. [Er] klopft: „Öffne mir, … meine Vollkommene! Denn mein Haupt ist voller Tau, meine Locken voll von Tropfen der Nacht (Tau)“ (5,2). 1. Sein Kopf ist mit Tau bedeckt, was davon spricht, dass er die ganze Nacht draußen war. Er kommt mit vom Tau der Nacht durchnässtem Haar. Seine Locken sprechen von seinem Haar. Sein Haar ist bedeckt mit den Tropfen der Nacht: Die


Der letzte zweifache Reifetest / 13 Tropfen fallen auf die, die die Nacht draußen verbringen. Jesus erlebte eine andere Art von „Tropfen der Nacht“. Er schwitzte „Tropfen wie von Blut“, während er auf das Kreuz wartete (Lk. 22,44). a. Wer bekommt Tau in die Haare? Wer die ganze Nacht im Freien verbringt wie Jesus in Gethsemane. b. Er ruft sie zu sich in die Intimität der Gemeinschaft der Leiden. 2. Die Menschen, die in der katholischen Kirche im Mittelalter viel meditiert haben, sprachen von der „dunklen Nacht der Seele“ und bezogen sich damit auf Zeiten göttlicher Prüfungen, wo geistlich alles dunkel erscheint. „Die dunkle Nacht der Seele“ ist kein biblischer Ausdruck. Es ist ein praktischer Ausdruck, der sich auf Zeiten einer geistlichen Prüfung bezieht, wo nichts mehr Sinn zu machen scheint. Dieser Ausdruck wurde vom heiligen Johannes vom Kreuz im 16. Jahrhundert geprägt. Wir machen einen „Bund des Vertrauens“ mit Gott, um in solchen Zeiten an ihm festzuhalten. B. Jesus ruft sie auf, ihr Herz für eine neue Tiefe im Heiligen Geist zu öffnen. „Öffne mir, … meine Freundin, … meine Vollkommene“ (5,2d,e). 1. Jesus klopft, weil er unsere Herzen dahin ziehen möchte, dass wir uns ihm für etwas Neues öffnen und nicht neuen Umständen. a. Er möchte, dass wir uns ihm öffnen, damit unsere Herzen in Liebe wachsen. Harte Zeiten zu erdulden ist etwas Liebliches und Kraftvolles.


14 / Alles an ihm ist liebenswert b. Wenn wir uns ihm öffnen, kann das dazu führen, dass weniger Menschen uns positiv gegenüberstehen als vorher, aber es ist für ihn. 2. Wegen dessen, was er in uns investiert hat, möchte er uns ganz. Er möchte, dass wir uns einer neuen Facette seines Lebens zuwenden: dem Jesus, der den Garten von Gethsemane erduldet hat. C. Sie erlebt die „Ruhe des Glaubens“. Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft … (5,2a). 1. „Ich schlief“ spricht von einer Haltung der Ruhe und des Vertrauens im Herrn. Sie schläft in dem Sinn, dass sie völlig im Frieden ist, weil sie glaubt, dass Jesus ein sicherer Gott ist. Wie gesegnet ist es doch, „aufgeweckt“ zu sein, und nicht aus einer geistlichen Stumpfsinnigkeit erweckt werden zu müssen (Eph. 5,14). Paulus ermahnt uns, in geistlichen Dingen aufgeweckt zu sein (1. Thes. 5,6; Röm. 13,11). Jesus kannte die „Ruhe des Glaubens“, als er in dem Sturm schlief (Mt. 8,23-27). Sie hat Vertrauen, das beinhaltet auch die negativen Dimensionen der Kosten, das Kreuz in ihrem Leben zu tragen. 2. Ihr Herz ist völlig wach für geistliche Dinge. In 4,6 betete sie: „Ich will zum Myrrhenberg hingehen“, in 4,16: „Wach auf, Nordwind!“ In diesen Gebeten gibt sie sich einem Leben hin, das Ja sagt zum Kreuz. Sie sagt: „Der Nordwind mag kommen, aber ich vertraue ihm.“ In diesem Sinn schläft sie also, aber ihr Herz ist vollkommen wach. Sie lebt im Gehorsam ohne irgendeinen Kompromiss. D. Eine souveräne Unterbrechung ruft sie zu neuen Tiefen im Heiligen Geist.


Der letzte zweifache Reifetest / 15 Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft: „Öffne mir …“ (5,2) 1. Sie ist der Stimme Jesu gegenüber sensibel und reagiert auf die inneren Eingebungen des Heiligen Geistes. Es ist wieder seine Stimme, wie in 2,8. Die Stimme Jesu zieht sie in eine neue Zeit, an einen neuen Ort in der Gnade Gottes. 2. Jesus offenbart sich ihr wieder als ihr Geliebter. E. Gottes Initiative „Er klopft und sagt“ (5,2c) 1. Er klopft an die Tür ihres Herzens als Antwort auf ihr Gebet um den Nordwind (4,16). Das Klopfen zeigt die Initiative, die Gott ergreift, um uns in eine neue Dimension des Geistes zu führen. Er klopft, wenn er uns durch eine neue Tür des Geistes bringen möchte. „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet“ (Offb. 3,8). „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb. 3,20). 2. Das Klopfen von Offb. 3,20-21 führt uns an den Abendmahlstisch. Er klopft, damit wir uns an seinem Tisch ergötzen kommen. Es ist aber auch sein Klopfen, mit dem der bitterkalte Nordwind geschickt wird.


16 / Alles an ihm ist liebenswert 3. Er klopft, und wir öffnen die Türe, das bedeutet, dass wir durch eine neue Tür gehen oder in eine neue Sphäre in Gott. a. Gottes Klopfen kann manchmal ruhig und sanft sein, doch zu anderen Gelegenheiten ist es kräftig und laut. b. Doch letztlich ist Gottes Klopfen eine Demonstration seiner Fürsorge und seines Sehnens, uns weiterzubringen im Geist. Sein Klopfen führt uns manchmal in Schwierigkeiten, aber dennoch ist es ein gutes Klopfen. Letztendlich führt es uns in eine tiefere Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist. F. Die göttliche Motivation Horch, mein Geliebter klopft: „Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Denn mein Kopf ist voller Tau …“ (5,2) 1. Die Botschaft ist „Öffne mir“, die darauf folgenden vier Titel vermitteln seine göttliche Bestätigung. Er möchte sie mit Vertrauen in die Liebe Gottes bevollmächtigen, damit sie dem Jesus von Gethsemane öffnen kann. 2. Am besten kann er uns zur Veränderung motivieren, wenn er uns wissen lässt, dass etwas „für ihn“ ist. Er nimmt sie für sich selber, so wie auch in 5,1. Er fragt sie: „Möchtest du die ganzen Leiden Christi annehmen?“ Mit anderen Worten, wird sie den Nordwind bejahen, um den sie gebetet hat? Sie kommt gerade aus einer intensiven Zeit prophetischer Bestätigung (4,1-15). Sie macht keine Kompromisse. Er sieht ihren radikalen Gehorsam. Hohelied Kap. 4 ist eine starke Bestätigung. Sie erhebt sich in heiliger Hingabe. Jesus rief seine heiligen Apostel, einige seiner Leiden der Angriffe mit ihm zu ertragen. In dieser bösen Zeit gehören Satans Gegenangriffe zum evangeliumsgemäßen Wirken dazu.


Der letzte zweifache Reifetest / 17 „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden.“ (Phil. 3,10) 3. Jesus benutzt 4-mal das Pronomen „meine“. Er beschreibt sie auf vier verschiedenen Arten. Er nennt sie „meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene.“ a. Jesus gibt ihr den Titel „meine Schwester“, um seine Identifizierung mit der Menschheit anzuzeigen (Hebr. 2,16-18). b. „Meine Geliebte“ erinnert sie an seine außergewöhnliche Liebe zu ihr. „Motivation der Gnade“ geschieht durch Liebe und Dankbarkeit und nicht durch Furcht oder Verurteilung. c. „Meine Taube“ spricht von ihrem sanften, arglosen Wesen. Die Taubenaugen sprechen von Einfachheit der Sinne, die auf ihn gerichtet sind (4,1). In 5,2 sagt er: „Du bist meine Taube, meine Vollkommene“. Sie steht in voller Unterordnung Gott gegenüber. d. Meine Vollkommene – das ist eine Aussage ihrer Absicht, Gott vollkommen zu gehorchen, so weit sie es weiß. „Vollkommen“ kann mit „reif“ übersetzt werden. Sie hat einen reifen Gehorsam. „Meine Vollkommene“ kann übersetzt werden mit „die, deren Herz vollkommen auf mich reagiert“. e. Bemerke, dass Jesus sie vor dem Test (5,2) und danach (6,9) „meine Vollkommene“ nennt, weil sie jemand ist, der gehorcht und keine Kompromisse eingeht.


18 / Alles an ihm ist liebenswert III. Sie reagiert in vollem Gehorsam (5,3-5). „Ich habe meinen Leibrock schon ausgezogen, wie sollte ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?“ Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung, da wurden meine Gefühle für ihn erregt. Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger von flüssiger Myrrhe, als ich sie legte an die Griffe des Riegels. (5,3-5) A. Ihr sofortiger Gehorsam. „Ich habe meinen Leibrock schon ausgezogen, wie sollte ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie sollte ich sie wieder beschmutzen?“ (5,3a) 1. Die NIV übersetzt so, dass es klingt, als gehe sie Kompromisse ein und weigere sich, aus dem Bett aufzustehen. Einige Kommentatoren glauben auch, dass sie hier Kompromisse eingeht. Doch der Kontext zeigt klar, dass sie in geistlicher Reife und im Gehorsam ist. 2. Nachdem diese Prüfung vorüber ist, machen Jesu erste Worte sehr deutlich, dass sie gehorsam ist (6,4-5). „Schön bist du, meine Freundin, wie Tirza, anmutig wie Jerusalem, furchterregend wie Kriegsscharen (im E. ‚mit Bannern‘). Wende deine Augen von mir ab, denn sie verwirren mich (im E. ‚haben mich überwältigt‘)!“ (6,4-5a) a. Zwar verlässt er sie für eine Weile, aber als er dann wieder mit ihr redet, weist er sie nicht zurecht. Seine ersten Worte offenbaren, dass er überwältigt ist von ihrem reifen Gehorsam.


Der letzte zweifache Reifetest / 19 b. Sein Herz ist überwältigt, weil sie ihm gegenüber treu war in der Zeit der Prüfung. 3. Ihre Gewänder oder ihr Leibrock sprechen von ihren Taten oder Handlungen. „Ich habe meinen Leibrock schon ausgezogen“ (5,3a). a. Das weist auf ihre, im Gegensatz zu seinen Taten hin. b. Wir sind bedeckt mit seinem Gewand der Gerechtigkeit, während unsere Gewänder wie schmutzige Lumpen sind (Sach. 3,1-5; Jes. 64,6; 61,10). 4. Sie sagt: „Meine Kleider sind ausgezogen und deine Gewänder sind an mir. Ich werde nicht wieder meine Gewänder tragen. Ich habe deine schon angezogen.“ a. Sie sagt: „Ich habe mein Kleid ausgezogen. Ich werde nicht wieder meine eigenen Wege gehen.“ b. Sie sagt: „Ich stehe nicht vor dir aufgrund eignen Verdienstes. Ich habe versucht, in meinem eigenen Kleid der Gerechtigkeit zu gehen. Ich habe es auf meine Weise getan. Jetzt will ich deine Gewänder.“ 5. Sie fragt: „Wie kann ich wieder zurückgehen zu Sünde und Kompromissen, indem ich meine eignen Gewänder trage und meine eigene Sache tue? Meine Kleider sind schmutzig. Wie könnte ich sie wieder anziehen?“ „Wie sollte ich ihn wieder anziehen?“ (5,3b) 6. Jesus reinigt unser Leben täglich. „Ich habe meine Füße gewaschen“ (5,3c).


20 / Alles an ihm ist liebenswert a. Unsere Füße werden beschmutzt durch den Kontakt mit der gefallenen Welt in unserem Bemühen, Gott zu dienen. b. Jesus sagte Petrus, dass er rein sei, seine Füße aber noch gereinigt werden müssten (Joh. 13,6-14). Petrus forderte: „Wasch mich ganz!“, und Jesus entgegnete: „Nein, nur deine Füße.“ Mit anderen Worten, das Waschen von Füßen bedeutet eine frische Reinigung von geistlicher Beschmutzung. 7. Sie weigert sich, ihre Füße durch Kompromisse verunreinigen zu lassen. „Wie sollte ich sie wieder beschmutzen?“ (5,3d) a. Das war keine Aussage der Weigerung, ihm zu gehorchen, sondern eine Hingabe, Verschmutzung zu vermeiden. Er nennt sie „vollkommen“ oder „rein“ in 5,2. b. Wie sollte sie sich wieder durch Ungehorsam beschmutzen im Licht so großer Liebe von Jesus? Sie sagt: „Ich habe es auf meine Weise getan. Meine Füße waren schmutzig durch meinen eigenen Weg, aber jetzt sind sie gereinigt durch Gott.“ B. Gottes Gnade ist in ihrem Herzen freigesetzt. „Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung …“ (5,4a). 1. „Seine Hand“ bezieht sich auf die Gnade Gottes. Darauf, dass Gnade auf ihr freigesetzt ist durch die Hand Gottes. Die Hand Gottes auf der Gemeinde von Antiochien sprach von seiner großen Gnade (Apg. 11,21-23).


Der letzte zweifache Reifetest / 21 2. Die „Öffnung“ spricht von der Tür ihres Herzens. Das Herz ist die beständige Tür, die für den König geöffnet ist (Ps. 24,7). Die Hand Gottes ist auf dem Riegel ihres Herzens. 3. Ihr Geliebter oder der, den sie liebt, lässt seine Hand auf ihr ruhen. Sie macht keine Kompromisse, sondern die Hand Gottes lockt sie in diesem Moment. 4. Der Kontext bezieht sich auf ihre Bitte um den Nordwind, damit ihr Garten mit Gewürzen gefüllt wird. C. Gottes Hand der Gnade führt dazu, dass ihr Herz sich voller Liebe nach ihm sehnt. „… da wurden meine Gefühle für ihn erregt“ (im E.: „Mein Herz sehnte sich nach ihm“) (5,4b). 1. Wir brauchen Gottes Hilfe, um Gott zu lieben. 2. Ps. 110,3 lehrt uns, dass das Offenbarwerden der Macht Gottes in Gottes Volk Sehnsucht nach Gehorsam hervorruft. D. Augenblicklich reagiert sie und öffnet ihm die Türe. „Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen …“ (5,5). 1. „Ich stand auf“ zeigt ihren vollen Gehorsam. Sie blieb nicht im Bett. Ihre Reaktion ist das Gegenteil vom Kompromiss. Früher in ihrem Werdegang gab Jesus ihr den Ruf aufzustehen und mit auf den Berg zu kommen (2,10). Da stand sie nicht auf, sondern reagierte im Ungehorsam (2,17), bis schließlich der Gehorsam in 3,2 in ihr offenbar wurde. Hier steht sie sofort auf. 2. Sie gehorcht auf Jesu Bitte von 5,2, ihm aufzumachen. Sie hat Ja gesagt zu den Nordwinden. Sie hat Ja gesagt zu Jesus


22 / Alles an ihm ist liebenswert von Gethsemane. Sie öffnet ihr Herz für ihn. Sie tut genau das, worum er sie bittet. Sie nennt ihn „mein Geliebter“. Ihre Motivation ist nicht Furcht oder Gesetzlichkeit. Sie ist voller Liebe für ihn. Sie wird ein Leben führen, bei dem er die süße Frucht ihres Lebens genießen wird (4,16). 3. Gottes Hand der Gnade verursacht ein Verlangen von Sehnsucht und Liebe. Sie weist Jesus nicht ab, sondern sehnt sich nach ihm. Die Hand Gottes ist auf ihrem Herzen. Sie erhebt sich sofort. Sie macht keine Kompromisse. Sie sehnt sich. Die Hand Gottes ist auf ihr. Sie liebt ihn. Sie möchte sich nicht wieder beschmutzen. E. Gottes Gnade bevollmächtigt ihr Herz, Ja zu sagen zum Opfer. „… da troffen meine Hände von Myrrhe und meine Finger von flüssiger Myrrhe, als ich sie legte an die Griffe des Riegels“ (5,5d). 1. Als ein duftendes Beerdigungsgewürz spricht Myrrhe vom Tod, vom Tod selber. Sie hat Ja gesagt zum Berg der Myrrhe (4,6), zum Nordwind (4,16) und jetzt sagt sie Ja zum Jesus von Gethsemane. a. Sie ist voller Myrrhe. Ihre Hände triefen von Myrrhe. b. Ich sehne mich danach, mit noch größerer Gewissheit sagen zu können: „Herr, ich möchte, dass der Riegel meines Herzens von Myrrhe trieft durch die Gnade Gottes. Ich möchte alles tun, was immer du sagst, egal was es mich kostet.“ Das ist das Herz einer reifen Braut. c. Wir fangen an mit dem Gebet: „Herr, wir sind willig, willig gemacht zu werden. Herr, hilf mir! Lege deine Hand auf mein Herz. Lass mein Herz sich mehr nach dir sehnen, wenn


Der letzte zweifache Reifetest / 23 du die Tür meines Herzens durch die Gnade Gottes öffnest. Ich will dir öffnen, auch dem Jesus von Gethsemane.“ 2. Sie ist getränkt von triefender Myrrhe. Sie ist getränkt von der Hingabe an einen Lebensstil, in dem der Egoismus getötet wird (Stichwort: Kreuz). 3. Flüssige Myrrhe fließt reichlich wie Flüssigkeit, es ist die Gnade, das Kreuz ganz anzunehmen. Eigentlich gibt es flüssige Myrrhe nicht, aber hier floss sie so reich wie Flüssigkeit. Mit anderen Worten, es bedarf einer Menge Kraft und Gnade auf ihrem Leben. Sie nimmt die Leiden Jesu vollkommen an. 4. „… da troffen meine Hände von Myrrhe“ – ihre Hände sprechen von ihren Werken im Dienst. Alles, was sie erreicht hatte, wurde von dieser triefenden Myrrhe berührt. 5. „… meine Finger von flüssiger Myrrhe“, das spricht von handelndem Glauben, der das Kreuz in Liebe ganz annimmt. 6. „… als ich sie legte an die Griffe des Riegels“ – eine Tür, die geöffnet wird, zeigt, dass ihr Herz völlig für Gott geöffnet ist. Der Riegel ihres Herzens spricht von ihren Gedanken und ihren Werken. Die Tür ihres Herzens war mit Myrrhe gefüllt, eine Hingabe ihres eignen Lebens zum Tod am Kreuz. 7. Er sagte: „Öffne mir.“ Er bittet sie, die Türe aufzuschließen und ihr Herz zu öffnen. Sie sagt: „Mein Herz sehnt sich.“ Der Riegel ihres Herzens spricht von ihren Gedanken und ihren Werken. Der Riegel ihres Herzens ist offen, als sie der Furcht begegnet und Ja sagt zum Myrrheberg.


24 / Alles an ihm ist liebenswert IV. Erste Leidensprüfung: Entzogene Gegenwart (5,6) Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich abgewandt, war weitergegangen. Ich war außer mir, dass er weg war (im Englischen: „Mein Herz hüpfte, als er sprach“). Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, doch er antwortete mir nicht (5,6). A. Das ist die erste der beiden letzten Prüfungen. Gott will jeden reifen Gläubigen mit diesem Test prüfen. Das gehört zur göttlichen Strategie. Es ist der Werdegang, durch den alle gehen auf dem Weg zur heiligen Leidenschaft. Die Anwendung ist unterschiedlich in jedem Leben. Nur zweimal in den acht Kapiteln des Hoheliedes verbirgt er sein Angesicht (3,1-2 und 5,6-7). Dieses Training von 5,6-7 folgt auf ihren Gehorsam, deshalb unterscheidet es sich total von der Züchtigung von 3,1-2, die auf ihren Ungehorsam folgte. Hier in Hohelied 5 nennt er sie „meine Vollkommene“ (5,2), weil sie ihm total gehorsam war. So erlebte sie sein Sichzurückziehen, während sie den Weg des vollen Gehorsams ging. Niemals zuvor hatte sie solch eine Reaktion Jesu auf sie erlebt. Das ist eine sehr überraschende Erfahrung für sie. Das steht im Gegensatz zu Jesu Antwort in 2,3-4. B. Sie bezeugt, dass sie ihm gehorcht. „Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich abgewandt, war weitergegangen“ (5,6). 1. Es ist das zweite Mal, dass sie nachdrücklich sagt: „Ich habe ihm geöffnet. Ich stand auf zu öffnen.“ Jetzt sagt sie wieder wie in V. 5, dass sie aufstand, um auf Jesu Bitte von 5,2 die Türe zu öffnen. Sie hat ihr Herz ganz aufgemacht, um ihn und die Nordwinde anzunehmen.


Der letzte zweifache Reifetest / 25 2. Im Grunde sagt sie: „Ich bin dabei für dich. Ich möchte die Nordwinde. Ich weiß, du trägst die Gethsemane-Gewänder. Meine Hände triefen wie deine von Myrrhe. Alles ist dein.“ C. Ihre sofortige Reaktion des Gehorsams „Ich öffnete …, aber mein Geliebter … war weitergegangen … (engl.: ‚Mein Herz hüpfte, als er sprach‘)“ (5,6). 1. Ihr Herz hüpfte als Antwort ihres Gehorsams. Es gab keinen Widerstand. Als er sie einlud zu kommen, kam sie sofort. 2. Jesus sprach zu ihr in V. 2 und sagte: „Öffne mir.“ Wenn er spricht, offenbart er sich seinem Volk auf neue Weise. In dem Augenblick offenbarte er sich als einer, dessen Haar bedeckt war mit den Tropfen der Nacht. D. Plötzlich zieht Jesus seine Gegenwart zurück. Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich abgewandt, war weitergegangen (engl.: „mein Herz hüpfte“). Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht (5,6). 1. „Mein Geliebter“ – die größte Sehnsucht ihres Lebens in dem frühen Stadium ihrer Liebe war es, die Gegenwart Gottes zu spüren. Das war eine überraschende Erfahrung für sie. Sie hatte sie nicht erwartet. In 2,3-6 wollte sie nur die Erfahrung der Gegenwart Gottes. Aber jetzt verbirgt er sein Angesicht vor ihr. Sie weiß, dass das Erbe Jesu eine reife Braut ist. Jetzt will sie ihn von Herzen als eine Braut in der Reife des Gehorsams lieben. 2. „Mein Geliebter hatte sich abgewandt, war weitergegangen.“ – Das ist ein souveräner Akt Gottes. Er zieht seine Gegenwart zurück, um sie zu testen. Seine Gegenwart ist zurückgehalten, doch er verlässt uns niemals. Aber wir spüren seine


26 / Alles an ihm ist liebenswert Gegenwart nicht mehr. Wir lieben es, die Leidenschaft Gottes in unserer Seele zu spüren, damit wir Leidenschaft für ihn und von ihm spüren. Das ist die stärkste Leidenschaft und das größte Vergnügen für den Menschen, wenn er sich von Gott geliebt fühlt und Liebe zu ihm spürt. Aber jetzt ist es weg. „Ich öffnete meinem Geliebten, aber mein Geliebter hatte sich abgewandt.“ Das ist nicht eine Züchtigung wegen Sünde wie in 3,1-2, auch kein Angriff des Feindes, sondern ein Test, der von Gott bestimmt ist, weil sie zur vollen Reife gelangen will, wie sie in 4,16 gebetet hat. a. Die Katholiken des Mittelalters nannten wie der heilige Johannes vom Kreuz solch eine Zeit die „dunkle Nacht der Seele“. Protestanten folgern oft: Wenn Gott sein Angesicht verbirgt, dann musst du in irgendeiner Sünde verstrickt sein. b. Nach protestantischer Theologie kann man nicht in Inbrunst und Gehorsam leben, wenn Gottes Gegenwart verborgen ist. Protestanten können manchmal mehr wie die Freunde Hiobs sein, wenn Gott sein Angesicht von einem der Frömmsten wendet. Wir sagen dann: „Du musst in Sünde leben.“ Aber Gott verbirgt sein Angesicht manchmal auch vor den Frömmsten, um etwas aus ihrem Herzen zu locken, damit sie ganz und gar des Herrn sind. c. Hiob lebte in Gerechtigkeit, als er Schmerz erlitt. Gott hatte eine einmalige Aufgabe für ihn. Er wollte sich Hiob in einer besonders vertrauten Weise offenbaren. „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen“ (Hiob 42,5). d. Gott hatte das Verlangen, den gerechtesten Mann auf Erden, Hiob, in eine so tiefe Gemeinschaft zu bringen, dass


Der letzte zweifache Reifetest / 27 sie alles überträfe, was seine Freunde kannten. Deshalb erlaubte Gott diesen Glaubenstest. Es ist tatsächlich so bei Gott, dass er sich auch manchmal verbirgt, wenn wir gehorsam sind. 3. Manchmal verbirgt Gott sein Angesicht von den Gerechten, um das Sehnen ihres Herzens mehr herauszuholen. Manchmal verbirgt er sein Angesicht, um zu offenbaren, was tief im Innern des Geistes ist, oder um die Motive des Gehorsams zu offenbaren. 4. Kann sie ihm aus ganzem Herzen gehorchen ohne seine Gegenwart zu spüren? Sucht sie Gott vorrangig wegen des geistlichen Vergnügens, oder wird sie Gott allein um seinetwillen gehorchen? Kann sie ihm treu gehorchen, egal, wie schwierig ihre Umstände sind? Darum geht es vielen Christen: viele gehorchen ihm nur, wenn sie Gott in ihrem Herzen spüren und die Umstände in Ordnung sind. Der Herr hält Ausschau nach Menschen, die im Gehorsam stehen, egal was in ihrem Leben geschieht. Um das geht es hauptsächlich, wenn wir sein Erbe sind. 5. Er möchte eine Braut, die mit ihm unter demselben Joch geht, die sagt: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Auch wenn ich dich nicht spüre, ich will dir gehorchen.“ Dieser Teil des Gehorsams ist „das gleiche Joch“. Jesus hatte diese Einstellung vor seinem „Abba“, und wir ebenso: Wir sind Partner unter dem gleichen Joch. E. Eifrig sucht sie den Herrn ohne einen geistlichen Durchbruch … mein Geliebter hat sich abgewandt, war weitergegangen. Ich war außer mir, dass er weg war (engl.: „mein Herz hüpfte“). Ich suchte ihn, doch ich fand ihn nicht, ich rief ihn, doch er antwortete nicht (5,6).


28 / Alles an ihm ist liebenswert 1. „Ich suchte ihn … ich rief ihn“ – diese Prüfung ließ sich durch eifrigeres Suchen nicht abkürzen. Sie verdoppelte ihr Gebetsleben. Gebet und Fasten aber halfen bei dieser Schwierigkeit nicht, weil sie nicht durch den Feind verursacht war, sondern durch Gott. Sie war nicht durch Sünde ausgelöst. Suchen löste das Problem nicht wie in Kap. 2, als sie sich erhob und den Herrn suchte, woraufhin seine Gegenwart zurückkam. Hier erhob sie sich, suchte den Herrn, doch er kam nicht. Der Grund dafür war, dass er sie wie Hiob in eine tiefere Nähe bringen wollte, wo sie mit ihm im gleichen Joch steht. Ihr Schmerz wird offenbar, als sie ihn weiter vergeblich sucht und ruft. 2. „Doch ich konnte ihn nicht finden … doch er gab keine Antwort“ – das „Schweigen Gottes“ ist Teil seines Trainings, damit unsere Herzen reifen. In solchen Zeiten müssen wir den Anklagen des Feindes gegen Gottes Liebe widerstehen. Unser Bekenntnis des Glaubens muss konstant sein: „Sein Zeichen über mir ist Liebe“ (2,4). Mit andern Worten, alles, was Gott mit mir tut, dient letztendlich dazu, dass er seine Liebe zu mir offenbart und sie in einer tieferen Weise in mich hineinlegt. V. Zweite Leidensprüfung: Verfolgung und Ablehnung Es fanden mich die Wächter, die die Stadt durchstreifen. Sie schlugen mich, verwundeten mich. Die Wächter der Mauern nahmen mir meinen Überwurf (im E.: Schleier) weg (5,7). A. Sie begegnete geistlichen Autoritäten des Leibes Christi. Es fanden mich die Wächter, die die Stadt durchstreifen … Die Wächter der Mauern nahmen mir meinen Überwurf weg (5,7).


Der letzte zweifache Reifetest / 29 1. Die Wächter sind die geistliche Autorität in der Gemeinde. Sie waren die leitenden Diener des Leibes Christi. Es gibt zwei Arten von Wächtern (Leitern) im Leib. Da sind zum einen die helfenden, die „David-Typen“ von 3,3, die ihr helfen, zu einer tieferen Intimität mit Gott zu finden. Aber es gibt auch die fleischlich eifersüchtigen „Saul-Typen“, die danach trachten, sie zu schlagen und zu verwunden. 2. „… fanden mich“ – sie suchten sie mit dem Vorsatz, sie zu schlagen. 3. „… die die Stadt durchstreifen“ – sie würden jeden Stein umdrehen um sie zu finden. Sie wanderten durch die ganze Stadt, das spricht von der ganzen Gemeinde. Sie suchten alles von jedem, überall in der ganzen Gemeinde, um sie in Misskredit zu bringen. 4. „… Mauern“ – Gottes Stadt hat Mauern, um die Grenzen zu zeigen und die Einwohner zu schützen. 5. „… die Wächter der Mauern“ – Leiter mit einem göttlichen Auftrag, die Mauern zu erhalten, damit die Menschen geschützt waren. Sie öffneten und schlossen die Tore in der Mauer und entschieden, wer in die Stadt kommen oder hinausgehen konnte. Sie standen auch auf der Mauer, um zu sehen, wer sich der Stadt näherte. Diese hohe Position verlieh ihnen Bekanntheit, weil sie von jedermann auf der Mauer gesehen wurden. Die Hüter und Wächter sind dieselben. B. Die geistlichen Autoritäten des Leibes Christi erheben sich gegen sie. … die Wächter … Sie schlugen mich, verwundeten mich (5,7).


30 / Alles an ihm ist liebenswert 1. „Sie schlugen mich“ – sie wird der Ketzerei angeklagt. Man verbreitet, dass sie böse sei, gefährlich und falsch. Sie wird abgelehnt und ungerecht verfolgt durch die Autoritäten der Gemeinde. Sie wird stark misshandelt durch die berühmteren Glieder des Leibes Christi, die Wächter und Hüter, die sie schlugen, statt sie zu schützen. 2. „Sie verwundeten mich“ – sie wird nicht nur ungerecht geschlagen, sondern so geschlagen, dass sie „verwundet“ ist. Sie verwunden sie, weil es vor diesem Angriff eine Beziehung gab. Ein Fremder kann durch falsche Anklage schlagen, aber nur ein Freund kann tief verwunden. a. Im Haus des Freundes verwundet zu werden, ist Teil der göttlichen Strategie, der sich auch Jesus unterwarf. Diese Wunden kommen manchmal als ungerechte Attacken von einem alten Freund, der zum Feind wird (Ps. 55,12-21). Niedergeschlagen ruft sie: „Die Menschen, denen ich mich hingegeben habe, lehnen mich ab.“ Sie sieht sich verfolgt, sogar inmitten ihrer Freunde im Leib Christi. b. Beachte: Manchmal werden Menschen verwundet durch die „unreifen Davids“, denen Weisheit und Zartgefühl fehlt in ihrer Beziehung zu den Schafen. Sie lieben Gott aufrichtig und auch die Gemeinde, aber gelegentlich verwunden sie versehentlich die Herde wegen ihrer noch unreifen Leiterschaft als Wächter. C. Die geistliche Bedeckung der Braut wird weggenommen. … die Wächter … schlugen mich … Die Wächter der Mauer nahmen mir meinen Überwurf (engl.: Schleier) weg (5,7). 1. „Mein Schleier“ – das spricht von ihrer geistlichen Bedeckung. Es ist ein Zeichen, dass man in der richtigen Beziehung zur geistlichen Autorität steht (1. Kor. 11,10).


Der letzte zweifache Reifetest / 31 2. „… nahmen mir … weg“ spricht davon, dass ihre geistliche Bedeckung fortgenommen wurde. D. Zusammenfassung: 1. Sie spürt, dass sie ihr Erbe auf der Erde nicht genießen kann. Dieses Erbe ist von 1,4: „Zieh mich dir nach, lass uns eilen“, mit anderen Worten, Gott zu spüren und ihm dann zu dienen. Sie kann beides nicht. Ihr Erbe scheint verloren zu sein. Alle ihre Verheißungen scheinen genau vor ihren Augen zu verschwinden. In Wirklichkeit ist gar nichts verloren. Sie steht nur nackt und bloß vor Gott. 2. Ihr Erbe ist, sich an Gott zu erfreuen und den Menschen zu dienen. Keiner ihrer Gebetsrufe (1,4) wird beantwortet. Sie kann den Herrn nicht spüren, sie hat ihren Dienst verloren. Gottes offensichtliche Gegenwart hat sie verlassen, und der Leib Christi hat sich gegen sie gewandt. Vorübergehend hat sie ihre Funktion im Leib Christ verloren. 3. Der Herr erlaubt dies, weil er die tiefe, noch unerkannte Schwachheit in unserem Geist aufdecken möchte, z. B. stolz oder von sich selbst eingenommen zu sein. Er sagt: „Willst du Gethsemane annehmen? Willst du mir, und mir allein dienen? Ich bin nicht das Mittel zum Ziel. Ich bin das Ziel deines Lebens. Wenn alles vergeht, willst du mein sein?“ 4. Der Test ist klar. Das ist die Prüfung der Misshandlung durch den Leib Christi. Wird sie bitter werden gegen den Leib? Mit all diesen Gefühlen von Schmerz und Verletzung? Sie sagt: „Mein Gott, ich gehe darauf zu für dich. Du bist meine Leidenschaft und mein Teil, o Gott.“ Unser Glaube wird wie ein Muskel trainiert, der dadurch gestärkt wird, dass man ihn immer und immer wieder gebraucht. Ihr wird jede Möglichkeit gegeben, Jesus auch ohne Gefühle treu zu sein und dem Leib, obwohl er sie misshandelt, hingegeben.


32 / Alles an ihm ist liebenswert VI. Ihre Antwort der Demut Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was wollt ihr ihm ausrichten? Dass ich krank bin vor Liebe (5,8). A. Ihre Demut wird durch die Hingabe deutlich, sowohl Jesus als auch dem Leib treu zu sein. 1. Wir können geduldig sein mit dem Leib, wenn wir die Herrlichkeit und Freude des Herrn sehen. Wenn wir nur die unvollkommenen Menschen sehen, werden wir dem Leib widerstehen. 2. Wenn wir den Herrn als Haupt des Leibes sehen, dann müssen wir wissen, dass wir den Herrn missachten, wenn wir den Leib missachten. B. Sie bittet unreife Gläubige, ihr zu helfen, den Herrn zu finden. Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet … (5,8). 1. Die „Töchter Jerusalems“ – das sind die noch unreifen Gläubigen. 2. „Ich beschwöre euch“ – sie bittet die Töchter (Gemeinde) um Hilfe, statt sich in bittere Isolation zurückzuziehen. Hier wird ihre Demut deutlich. C. Ihre Gefühle Jesus gegenüber sind, dass sie krank ist vor Liebe, nicht etwa beleidigt. Töchter Jerusalems, wenn ihr meinen Geliebten findet, was wollt ihr ihm ausrichten? Dass ich krank bin vor Liebe (5,8).


Der letzte zweifache Reifetest / 33 1. „Ich bin krank vor Liebe“ – ihre Gefühle Jesus gegenüber sind, dass sie krank ist vor Liebe zu ihm, nicht etwa beleidigt, weil er seine Gegenwart zurückgezogen und zugelassen hat, dass sie so schwer misshandelt wurde (Mt. 11,6). 2. „Wenn ihr meinen Geliebten findet“ 3. „Mein Geliebter“ 4. „… was wollt ihr ihm ausrichten? Dass ich krank bin vor Liebe“ – sie sagt: „Ich bin nicht beleidigt, ich bin nicht zornig, dass er sich zurückgezogen hat und all dies geschehen ließ.“


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