Skip to main content

147354

Page 1

EinfĂźhrung / 1

Katja Wolff

Brief an einen Magier


2 / Ich habe dich berufen


Einführung / 3 Katja Wolff

BRIEF an einen

MAGIER


4 / Ich habe dich berufen

Copyright © 2005 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 2005 Umschlaggestaltung: JOUSSENKARLICZEK, D-Uhingen Satz/DTP: dms, D-Leverkusen Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum Printed in the EU ISBN 3-935703-54-6 Bestellnummer 147354 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH

D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net www.asaph.net


Vorwort

Einführung / 5

Wer sich unter einem Magier einen Finstermann vorstellt, der bei Vollmond schwarze Katzen schlachtet, um ihr Blut zu trinken, damit er noch mächtiger wird, der irrt gewaltig. Jedenfalls in den allermeisten Fällen. Auch ist ein Magier nicht notwendigerweise ein Mensch, der ein bewusstes Bündnis mit Satan geschlossen hat, damit die Mächte der Finsternis ihm zu Diensten sind bei allerlei bösartigen Machenschaften. Gemessen an „weltlichen“ Maßstäben, kann ein Magier durchaus „edel, hilfreich und gut“ sein. Er hält sich dann für einen Weißmagier, der im Gegensatz zu einem Schwarzmagier nur solche Dinge tut, die anderen Menschen nützen. Seine Absichten können tatsächlich die besten sein. An einen solchen Magier richten sich die fiktiven Briefe dieses Buches – und damit gleichzeitig an jeden, der sich auf den Weg der Magie begeben hat oder mit dem Gedanken spielt, es zu versuchen. Oft ist es die Neugier, die einen treibt. Oder die Faszination, die sich aus den verschiedensten Buchveröffentlichungen, angefangen bei Harry Potter, speist. Man hört und liest immer mehr über Magie. Prominente äußern sich zu verschiedenen Aspekten der Esoterik. Die Sängerin Madonna beispielsweise setzt sich für die Verbreitung der Kabbala ein. Die Liste der Beispiele würde viele Seiten füllen. Schenken wir uns das. Ein Blick auf das, womit sich unsere Kinder beschäftigen, was sie lesen, womit sie spielen und was sie sich im Fernsehen anschauen, sollte uns nachdenklich machen. Ohne Hexen, Zauberer oder irgendwie magisch-dämonische Dinge läuft offenbar gar nichts mehr im Kinderzimmer. Vielleicht war Magie immer ein Teil der kindlichen Vorstellungswelt. Aber früher wurden die Hexen im Märchen noch bestraft. Heute sind sie die Heldinnen. Zauberei als Pro-


6 / Brief an einen Magier blemlösungsstrategie wird schon kleinen Kindern als sinnvoll dargestellt. Wer das für harmlos hält, der hat einfach keine Ahnung und weiß nicht, wohin das alles führen kann. Eine Lawine okkultismusgeschädigter Menschen wird in den kommenden Jahrzehnten auf uns zurollen. Magie funktioniert tatsächlich. Die geistige Welt ist real existent. Man kann zu ihr Kontakt aufnehmen. Und das kann sogar eine gewisse Zeit gutgehen und handfeste Vorteile bringen. Aber irgendwann wird die Rechnung präsentiert. Und dann gnade uns Gott! Ich weiß, wovon ich rede. In Theorie und Praxis. Ich habe sogar das fragwürdige „Kunststück“ zuwege gebracht, an Gott zu glauben und mich trotzdem mit Magie zu beschäftigen. Und da die Thematik durchaus spannend und die Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen eher mangelhaft ist, fühlt man sich durch schnelle Anfangserfolge natürlich ermuntert, den Weg weiter zu gehen. Bis man, wie es bei Goethe heißt, die Geister, die man rief, nicht mehr los wird. Der Einstieg ist zumeist ganz „harmlos“ und unspektakulär. Vielleicht hat man ein Zeitungshoroskop gelesen. Oder ein Buch über die eine oder andere Wahrsagemethode geschenkt bekommen. Oder einen Film gesehen. Oder man kennt jemanden, der sich die Karten hat legen lassen und begeistert war. Man wird neugierig. Man will mehr wissen. Und wenn man dann mehr weiß, wird man es natürlich auch konkret in der Praxis ausprobieren. Und wenn sich dann Erfolge einstellen, was eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich ist, dann folgt eben ein Schritt dem nächsten. Wenn man Glück hat, zieht Gott irgendwann die Notbremse. Wenn nicht, dann geht es mit der Zauberei jahrzehntelang „gut“, so wie in den Fall des Magiers, an den sich die fiktiven Briefe dieses Buches richten. Die Briefe sind fiktiv. Der Magier nicht. Den gibt es tatsächlich. Er ist jetzt ein alter Mann mit würdevollen grauen


Vorwort / 7 Haaren. Fast wie aus dem Bilderbuch. Wer ihn kennt, ist von ihm begeistert. Praktisch niemand weiß, dass er ein Magier ist. Und wenn, würde man ihn wohl auch dafür noch bewundern. Was ich mit ihm erlebt habe, ist „echt hammerhart“, und ich würde diese Geschichte wohl kaum geglaubt haben, wenn ich sie nur gehört und nicht selbst erlebt hätte. Dabei wusste ich auch vorher schon einiges über Astralreisen und Magie. Ich wusste so viel, dass ich, bevor Gott die Notbremse bei mir gezogen hat, sogar Bücher darüber geschrieben habe. Heute würde ich sagen: Ein Fall für den Kamin. Aber immerhin legitimieren sie mich als jemanden, der ansatzweise weiß, wovon die Rede ist, wenn es um Magie geht. Magie ist der direkte Weg in die Hölle. Man kann Gott nur danken, wenn man diese Tatsache schon zu Lebzeiten begreift. Dieses Buch richtet sich an alle, die es noch nicht begriffen haben, und an solche, die es denen begreiflich machen wollen, die es noch nicht wissen (wollen).


8 / Brief an einen Magier


Brief an einen Magier / 9

Eins

Was ich Ihnen sagen möchte, lässt sich mit einem einzigen Satz auf den Punkt bringen. Dann wäre die Sache für mich erledigt. Für Sie aber auch. Denn diesen einen Satz könnten Sie, wie ich Sie kenne, niemals akzeptieren. Damit wäre das Thema dann für Sie vom Tisch. Aber so leicht möchte ich es Ihnen nicht machen. Ungefähr zu der Zeit, als ich geboren wurde, haben Sie sich für die Magie entschieden. Knapp dreißig Jahre später traf ich dieselbe Entscheidung. Sie haben mir niemals die nötige Sachkenntnis abgesprochen, insofern existiert zumindest eine minimale Gesprächsgrundlage. Wäre ich den langen Umweg nicht gegangen, dann könnten Sie mir unterstellen, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Vielleicht bin ich die abwärts gerichtete Sackgasse nicht so weit gegangen wie Sie. Aber weit genug, um zu wissen, was alles möglich ist. Und das ist viel mehr, als die meisten Menschen sich vorstellen können. Es war (und ist zum Teil noch heute) eine weit verbreitete Vorstellung, Hexen und Magier hätten ihre magische Macht durch ein bewusstes Bündnis mit den Mächten der Finsternis erhalten. Das mag in manchen Fällen vielleicht zutreffen. Doch die weitaus meisten Menschen, die sich mit Magie beschäftigen, sind überzeugt davon, sie täten nichts anderes als brachliegende, in kollektive Vergessenheit geratene Kräfte der Seele wieder zu aktivieren, die in jedem Menschen schlummern. Das ist auch Ihre Sicht der Dinge. Die Magier der heidnischen Naturvölker wissen noch ganz genau, was sie tun, dass sie nämlich die Dienstleistungen von Dämonen in Anspruch nehmen. In unserer westlichen Zivilisation muss alles einen pseudowissenschaftlichen Anstrich haben, um akzeptiert zu werden. Aktivierung brachliegender Kräfte der Seele – das ist ein Terminus, mit dem man sich


10 / Brief an einen Magier bei uns notfalls anfreunden kann. Ich konnte es auch. Und Sie können es bis heute. Schlechte Erfahrungen haben Sie in Ihrem langen Leben bisher eigentlich nur mit habgierigen, verlogenen oder feigen Menschen gemacht. Mit Leuten, die Ihr Vertrauen missbrauchten oder Ihre Gutmütigkeit ausnutzten. Deshalb lieben Sie Tiere. Von Tieren kann man nicht enttäuscht werden. – Jedenfalls ist Ihnen noch nie mitten im Schlaf ein glutäugiger Dämon auf die Brust gesprungen, um Sie zu erwürgen. Mir übrigens auch nicht. Und glaubwürdige Zeugnisse ehemaliger Magier würden Sie wohl als christliche Horrormärchen von sich weisen. Vielleicht deshalb, weil Ihnen bislang noch nicht die Rechnung präsentiert worden ist.

Zwei Einer wie Sie hat vor dem Tod keine Angst. Seit etwa vierzig Jahren machen Sie Astralreisen. Sie wissen, dass das eigentliche Ich des Menschen auch außerhalb des physischen Körpers existieren kann. Außerhalb des Körpers und daher wahrscheinlich auch unabhängig davon. Dass es so ist, glauben viele. Aber nur wenige wissen es aus konkreter praktischer Erfahrung. Sie haben es auf diesem Gebiet zu einer gewissen Meisterschaft gebracht, wovon ich mich zu meinem großen Entsetzen selbst überzeugen konnte. Ich denke, diese Geschichte war der Grund dafür, dass Sie den Kontakt zu mir abgebrochen haben. Dass jemand, den Sie von ganzem Herzen verachten, nämlich Jesus Christus, eine solche Macht hat und diese Macht auch konkret unter Beweis stellt, dürfte nicht in Ihr Weltbild gepasst haben. Vielleicht besteht über dieses Thema noch ein gewisser Gesprächsbedarf. Ich hatte mal Kontakt zu einem sehr intelligenten jungen


Brief an einen Magier / 11 Christen, der die These vertrat (und mit brillanten Argumenten untermauern konnte), es gäbe gar keine außerkörperlichen Erfahrungen. Keine Astralreisen. Der Mensch sei eine Einheit aus Geist, Seele und Körper, und sein Ich könne sich nicht vom Körper loslösen, um, frei von physischen Einschränkungen, andere Orte oder sogar „höhere Welten“ zu besuchen. Seiner Meinung nach handelt es sich bei dem Phänomen der Astralreisen lediglich um lebhafte Visionen, die den Menschen von Dämonen vorgegaukelt werden. Tja. Hohe Intelligenz in Kombination mit mangelnder eigener Erfahrung produziert oft Thesen, die haarscharf an der Wahrheit vorbei gehen. Dass jemand wie Sie nur müde lächelnd abwinkt, wenn schlichte Unkenntnis unter dem Deckmäntelchen des Christentums daherkommt, ist kein Wunder. Aber daraus ableiten zu wollen, Christen hätten keine Ahnung von gar nichts und wären bemitleidenswerte Dummköpfe, wie Sie es indirekt immer wieder getan haben, ist ebenso wenig legitim. Menschen, die von Kindesbeinen an Christen gewesen sind, können manche Dinge nicht aus eigener Erfahrung kennen. Vielleicht ist das sogar besser so. Denn viele Erfahrungen müssen teuer bezahlt werden. Wie auch immer – aufgrund Ihrer zahlreichen außerkörperlichen Erfahrungen haben Sie weder Angst vor dem Tod noch vor dem, was nach dem Sterben auf Sie zukommen könnte. Dass man vor den Richterstuhl Gottes treten muss, um ein ewigkeitsrelevantes Urteil zu empfangen, halten Sie für ein frommes Ammenmärchen. Es steht zwar so in der Bibel. Aber die Bibel hat für Sie keine Bedeutung. Jedenfalls keine große. In gewisser Weise sind Sie Ihr eigener Gott, und Vokabeln wie Sünde, Erlösung oder Gnade Gottes kommen in Ihrem aktiven Wortschatz nicht vor – es sei denn, Sie haben ein wenig getrunken und sind zum Spotten aufgelegt.


12 / Brief an einen Magier In manchen Punkten gestehen Sie mir zu, dass ich weiß, wovon ich rede. Einer von uns beiden muss total auf dem falschen Dampfer sein. Und Sie glauben wenig Anlass zu der Vermutung zu haben, Sie wären es. Sie sind ungefähr doppelt so alt wie ich und stolz auf Ihre Lebenserfahrung. Sie haben Dinge erlebt, von denen andere nicht zu träumen wagen. Kaum jemand würde Ihnen glauben, wenn Sie das alles erzählen würden. Und was Sie im Leben erreicht und an Erfolgen vorzuweisen haben, scheint Ihre Überzeugungen nur zu bestätigen. Sie haben alle Dinge, die Sie wollten, auch tatsächlich bekommen. Und Ihre Wünsche waren durchaus nicht bescheiden. Aber sie haben sich erfüllt. Größtenteils durch Magie. Das haben Sie zugegeben. Und auch darauf sind Sie stolz. Denn Sie meinen, es sei eine bewundernswerte Leistung, brachliegende Fähigkeiten der Seele entdeckt und aktiviert zu haben. Und es sei völlig in Ordnung, seinen Nutzen daraus zu ziehen. Genau das haben Sie getan. Wenn es der Erfolg ist, der darüber entscheidet, ob eine Sache gut und richtig ist oder nicht, dann gibt der Erfolg Ihnen Recht. Falls aber andere Kriterien als der Erfolg entscheidend sind, könnten Sie irgendwann all das bereuen, worauf Sie heute so stolz sind. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät.

Drei Sie haben sich durch Magie handfeste Vorteile verschafft. Tut das nicht jeder auf seine Art? Versucht nicht jeder, auf die eine oder andere Weise seine Begabungen so einzusetzen, dass sie ihm den größtmöglichen Nutzen eintragen? In solche Fragen kleiden Sie Ihre Rechtfertigungsversuche. Das heißt – eigentlich haben Sie sich nie gerechtfertigt. Denn wer


Brief an einen Magier / 13 sich rechtfertigt, erkennt bis zu einem gewissen Grade die Berechtigung eines Vorwurfs an, mit dem er konfrontiert wurde. Und das ist bei Ihnen durchaus nicht der Fall. Moralische Bedenken dieser Art haben für Sie nie eine große Bedeutung gehabt. In der Tat hält man Sie für einen recht guten Menschen. Sie gelten als sehr großzügig, hilfsbereit, tolerant und freundschaftlich. Und auch Sie selbst sind mit sich ganz und gar im Reinen. Ihr Gewissen klagt Sie nicht an. Sie sind sich nicht bewusst, jemals einem Menschen vorsätzlich und absichtlich Schaden zugefügt zu haben. Im Gegenteil – Sie haben vielen geholfen. Mit Geld, mit persönlichem Einsatz, auf viele Arten. Aber trotzdem behaupte ich, dass Sie an irgendeinem Punkt in Ihrer Vergangenheit Ihr Gewissen abgetötet und an die Stelle des Gewissens eine Sammlung eigener, dem Anschein nach menschenfreundlicher Grundsätze gesetzt haben müssen. Letztlich heiligt bei Ihnen der Zweck die Mittel. Und der Zweck war Ihrer Meinung nach stets ein guter. Und das Mittel war: Magie. Sie machen einen Unterschied zwischen Weißer und Schwarzer Magie. Das tut praktisch jeder, der sich in den Okkultismus verstrickt hat und in seinen eigenen Augen nicht als gewissenlos dastehen möchte. Weiße Magie nützt, Schwarze Magie schadet, so wird gesagt. Und alles, was nützt, muss ja wohl gut sein, so wird geschlussfolgert. Also kann man sich einreden, Magie sei etwas Gutes, wenn sie zum Nutzen der Menschen eingesetzt wird. Genau das habe ich auch geglaubt. Und genau das ist ein fataler Irrtum. Es gibt eine ganze Reihe grundsätzlicher Fragen, die wir beide jeweils unterschiedlich beantworten: Gibt es einen allmächtigen Schöpfergott? Ist die Bibel tatsächlich sein Wort?


14 / Brief an einen Magier Warum verbietet Gott jede Form der Magie? Was versteht man unter „gut“? Worauf kommt es im Leben wirklich an, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist? Ich meine, dies sind zunächst einmal die wichtigsten Fragen, über die wir (derzeit) keine Einigung erzielen können. Um auf die Geschichte zurückzukommen, über die vielleicht noch ein gewisser Gesprächsbedarf besteht: „Ihr mit eurem Jesus!“, haben Sie damals voller Verachtung gesagt. Genau: Wir mit unserem Jesus. Und Sie mit – wem?

Vier Ich würde wirklich gern mal wissen, was nach dieser bewussten Geschichte in Ihnen vorgegangen ist. Wenn jemand, den Sie immer wieder verächtlich gemacht und verspottet haben, nämlich Jesus Christus, seine Macht so eindeutig unter Beweis stellt – müsste da nicht zumindest für einen kurzen Moment Ihr bisheriges Weltbild ins Wanken geraten sein? Macht müsste doch eigentlich etwas sein, was Sie überzeugt. Vielleicht tue ich Ihnen bitter Unrecht, dann bitte ich vielmals um Verzeihung. Aber: Könnte es sein, dass Sie die ganze Sache als kränkend und beleidigend empfanden? Über vierzig Jahre lang haben Sie an nichts und niemanden geglaubt als an sich selbst und die eigene magische Macht. Und in diesem Glauben wurden Sie fast täglich bestätigt und bestärkt. Und dann passiert so etwas! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie davon begeistert waren. Danach habe ich dann ja nichts mehr von Ihnen gehört. Ich habe aber monatelang für Sie gebetet. Wer weiß? Vielleicht sind Sie ja mittlerweile längst Christ und halten diese Tatsache nur geheim? Aber ich will mir keine falschen Hoffnungen


Brief an einen Magier / 15 machen. Sie sind ein zäher Brocken. Auf jeden Fall werden Sie kaum noch behaupten können, ein Magier sei mächtiger als ein betender Christ. Sie sind an Ihre Grenzen gestoßen. Nach über vierzig Jahren. Und Ihre Grenzen sind genau da, wo der, den Sie verspottet haben, sie Ihnen setzt. Sicherlich hat ein erfahrener Magier wie Sie große Macht, jedoch keine unbegrenzte. Das zu erfahren, muss eine höchst kränkende Überraschung für Sie gewesen sein.

Fünf Das Motto der englischen Hexen lautet: „Do what thou wilt an’ it harm none“. (Tu, was du willst, und es möge niemandem schaden.) Der berühmt-berüchtigte Magier Aleister Crowley machte daraus „Quod vis id fac“ – dasselbe auf Latein unter bewusster Auslassung der zweiten Hälfte: Tu, was du willst. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass dies tatsächlich der zentrale Imperativ der Magie ist, in wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Der eigene Wille wird zum Maßstab aller Dinge. Was gleichzeitig bedeutet: Das eigene Ich wird zum Götzen erhoben. Selbstvergottung – die Ursünde. Dazu ließ Eva sich verleiten, als sie dem Versprechen der Schlange Glauben schenkte: „Ihr werdet sein wie Gott.“ Ich weiß genug über Magie aus eigener Erfahrung, um sagen zu können, wie man sich als Magier fühlt. Wie Gott. Oder als Gott. Durchschnittliche Alltagsmenschen, die einerseits nichts über Magie, andererseits aber auch praktisch nichts über das Gebet wissen, erfahren sehr häufig ihre eigene Ohnmacht. Etwas zu wollen und keine Chance zu haben, dieses Ziel zu erreichen, ist eine mit unangenehmen Gefühlen einhergehende Erfahrung, die niemandem erspart bleibt – es sei denn, er lernt beten. Oder Magie. Diese zwei Wege gibt es,


16 / Brief an einen Magier und beide führen heraus aus der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ein Weg ist richtig, ein Weg ist falsch. Welcher Weg falsch ist und welcher richtig, darüber konnten wir bislang bedauerlicherweise keine Einigung erzielen. Wer seinen eigenen Willen absolut setzt und ihn mit allen Mitteln durchzusetzen versucht, der geht stillschweigend von der Annahme aus, er wisse, was das Beste ist. Und er sei in der Lage, die möglichen Konsequenzen auf lange Sicht einschließlich aller Eventualitäten richtig einzuschätzen. Doch damit ist der Mensch überfordert. Wer sich trotzdem anmaßt, diese Verantwortung zu übernehmen, der riskiert, große Schuld auf sich zu laden – „schlechtes Karma“, wie solche Menschen, die Ihnen geistesverwandt sind, sagen würden. Wer einem allmächtigen, liebenden Gott vertraut, dem fällt es nicht schwer zu sagen: „Dein Wille geschehe!“ Ein Christ ist davon überzeugt, dass der Wille Gottes in jeder Hinsicht für ihn das Beste ist. Den eigenen Willen absolut zu setzen ist für einen Christen letztlich Rebellion gegen Gott, basierend auf Unglauben. Selbstvertrauen oder Gottvertrauen – das ist eine der grundlegenden Entscheidungen, die man zu treffen hat. Je nachdem, wofür man sich entscheidet, schlägt man die eine oder die andere Richtung ein. Sie haben sich dafür entschieden, an sich selbst und an die Kraft Ihrer Fähigkeiten zu glauben. Konsequenterweise können Sie dann auch von sich sagen: „Ich brauche keinen Gott.“ Und trotzdem haben Sie einen: Sie sind Ihr eigener Gott. Luther hat einmal gesagt, dass das, worauf wir unser Vertrauen setzen, unser wahrer Gott ist. Bei vielen ist es das Geld. Bei Ihnen ist es das eigene Ich. „Ihr werdet sein wie Gott“, hat die Schlange versprochen. Sie haben ihr geglaubt.


Brief an einen Magier / 17

Sechs Über die Funktionsweise der Magie gibt es zwei verschiedene Auffassungen. Manche sagen, Magie sei die Inanspruchnahme von Dienstleistungen der Dämonen. Andere sind der Meinung, Magie basiere auf der Aktivierung brachliegender und in Vergessenheit geratener Fähigkeiten der menschlichen Seele. Es ist durchaus nicht so, dass Christen das eine glauben und Magier das andere. Beide Erklärungen haben in beiden Lagern ihre Verfechter. Es gibt Magier, die bewusst mit Dämonen zusammenarbeiten. Es gibt auch Magier, die noch nicht einmal an Dämonen glauben und sie für Hirngespinste christlichen Denkens halten. Zu dieser Kategorie zählen Sie. Ich schätze Sie so ein, dass Sie sich niemals bewusst mit dem Bösen verbünden würden, wenn es sich Ihnen in seiner wahren Gestalt zeigte. Subjektiv sind Sie eigentlich fest davon überzeugt, auf der Seite des Guten zu stehen. – Wodurch Sie sich allerdings nicht zu totaler Selbstlosigkeit verpflichtet fühlen … Trotzdem zweifle ich nicht daran, dass Sie die Magie niemals dazu eingesetzt haben, um anderen Menschen bewusst Schaden zuzufügen. „Do what thou wilt an’ it harm none“ – ich denke schon, dass Sie sich, was Ihre Absichten betraf, immer an diesen Grundsatz gehalten haben. Wenn Sie mich fragen, welches der beiden Erklärungsmodelle der Magie – Aktivierung von Seelenkraft oder Zusammenarbeit mit Dämonen – mich eher überzeugt, muss ich Ihnen eine klare Antwort schuldig bleiben. Vielleicht ist Magie ein Zusammenspiel beider Faktoren, wobei die Anteile des einen und des anderen bei jedem Magier individuell verschieden sind. Das Spektrum reicht wohl von 1 % Seelenkraft und 99 % Dämonendienste bis zu 99 % Seelenkraft und 1 % Dämonendienste. Ich glaube, dass man hier allgemeine


18 / Brief an einen Magier Richtwerte kaum festlegen kann. Außer Zweifel steht für mich aber die Tatsache, dass man durch Magie unter den Einfluss Satans und der Dämonen gerät. Und sei es auch einfach nur durch die zunehmende Gottesferne, in die man zwangsläufig kommt, sobald man sich auf Magie einlässt. Dass Sie sich in ziemlicher Gottesferne befinden, werden Sie wohl kaum abstreiten wollen. Sie wollen ein guter Mensch sein, aber unabhängig von Gott, den Sie, wenn man allen Ihren hämischen Spott einmal auf einen gemeinsamen Nenner bringen will, immer wieder gern gleichsetzen mit den Verfehlungen der römisch-katholischen Kirche. Dass das redlich und legitim ist, wage ich anzuzweifeln. Ich habe Sie gebeten, die Bibel zu lesen, wenn Sie unverfälschte Informationen über Gott bekommen wollen. Ihre Antwort war beißende Kritik an der katholischen Kirche. Also gehe ich davon aus, dass Sie die Bibel nicht angerührt haben. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? In Ihrem Weltbild existiert kein Schöpfergott. Urknall und Evolution, angereichert mit gewissen spirituellen Elementen, beantworten Ihre Fragen nach dem Woher. Auch das Wohin steht bei Ihnen unter evolutionistischen Vorzeichen – fortschreitende Höherentwicklung ist für Sie das Ziel. Sie glauben an eine Evolution der Seele. An die Wiedergeburt. An wiederholte Erdenleben, an abstrakte Gesetze des Schicksals – ohne dann freilich nach einem Gesetzgeber zu fragen. Aber: Wenn es Gesetze gibt, muss sie doch jemand aufgestellt haben. Oder entstehen Gesetze Ihrer Meinung nach auch durch Evolution? Hat sich auch das Gesetz der Schwerkraft nach und nach entwickelt? Oder war es von Anfang an da und gültig? Wenn ja: Woher kam es? Aus dem Nichts? Kann aus dem Nichts ein Etwas entstehen ohne den Willen und die Einwirkung eines allmächtigen Schöpfergottes? Ein Weltbild, das Gott gewaltsam ausklammert, steht auf


Brief an einen Magier / 19 dem Fundament vieler unbeantworteter Fragen. Eine reichlich wackelige Angelegenheit, sollte man meinen.

Sieben Wenn jemand sich bewusst und willentlich entschlossen hat, nicht an Gott zu glauben, wird er dafür seine Gründe haben. Kein Mensch wird ihn mit welchen Argumenten auch immer davon überzeugen können, dass er sich falsch entschieden hat. Insbesondere dann nicht, wenn es so aussieht, als hätte die Entscheidung gegen Gott höchst vorteilhafte Folgen gehabt. So wie in Ihrem Fall. Argumente werden bei Ihnen keine Sinnesänderung herbeiführen können. Für Sie zählt nur die konkrete praktische Erfahrung. Wahrscheinlich könnte einer wie Sie nur dann an Gott glauben, wenn Gott auf unmissverständliche Weise in sein Leben eingreift und etwas tut oder geschehen lässt, was ein – subjektiv – unwiderlegbarer Gottesbeweis wäre. Wollte Gott Ihnen noch eine Chance geben, müsste er sich Ihnen auf irgendeine Art offenbaren. Meiner Meinung nach hat er genau das getan. Und Sie waren durchaus nicht begeistert davon. Wie es aussieht, hat diese Sache eher noch Verstocktheit bei Ihnen bewirkt. Damit haben Sie wohl die größte Chance Ihres Lebens vertan. – Was möglicherweise ein untypisches Verhalten für einen Magier ist. Denn auch Sie haben Ihren Weg begonnen mit der Suche nach der Wahrheit. Nach der Wahrheit oberhalb unserer physischen Alltagsrealität. Jeder kennt die „Heiligen Drei Könige“. Aber in der Bibel steht nicht, dass es drei waren. Da steht auch nicht, dass sie Könige waren, sondern Magier. Vielleicht „nur“ Astrologen. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass sich jemand ernsthaft mit Astrologie beschäftigt, ohne gleichzeitig auch die praktischen Aspekte im Blick zu haben. Wer die Zukunft


20 / Brief an einen Magier kennen möchte, der hat üblicherweise auch die Absicht, korrigierend in den Lauf der Dinge einzugreifen. Man will sein „Schicksal“ kennen, um es gegebenenfalls zu ändern. Um unerwünschte Entwicklungen zum Guten zu wenden und vorteilhafte Ereignisse herbeizuführen. Wer also sein „Schicksal“ kennen will, der will es auch beeinflussen. Manchmal mit allen Mitteln. Also auch mit Magie. Es waren mindestens zwei. Darauf verweist der Plural. Wie viele es genau waren, wissen wir nicht. Da sie aber drei verschiedene Geschenke mitbrachten, nimmt man an, es waren drei. Egal. Jedenfalls waren sie Magier. Aus dem Osten. Dem Morgenland. Sie hatten einen Stern entdeckt und sich auf den Weg gemacht. Der Stern war ein Hinweis, dem sie folgten und der sie dazu veranlasste, sich auf die Suche zu machen. Zuerst am falschen Ort – am Königshof von Jerusalem. Aber dann fanden sie den Weg, die Wahrheit und das Leben: Jesus. Und sie beteten ihn an. Ich meine, dass sie ab diesem Moment genau genommen eigentlich keine Magier mehr gewesen sind. Wer die Wahrheit gesucht und Jesus gefunden hat, der hat sein Ziel erreicht. Ich finde es bemerkenswert, dass es ausgerechnet Magier waren, die als zweite Personengruppe nach den Hirten den neugeborenen Heiland sehen durften. Nicht die Priester, nicht die Schriftgelehrten, nicht die Berufsfrommen. Sondern Magier. Zauberer. Okkultisten. Personen, die bewusst oder unbewusst mit den Mächten der Gegenseite zusammengearbeitet hatten. Aber ihre Suche führte zum Ziel. Andere haben gar nicht erst gesucht, weil sie nicht wirklich glaubten. Die Magier suchten, gleichgültig, wie weit der Weg auch sein mochte und wohin er führte. Wer nicht aufhört, dem Stern zu folgen und das Absolute zu suchen, der wird früher oder später unweigerlich Jesus finden. Gleichgültig, woher man kommt und was man ist. Und sei es auch ein Magier aus einem heidnischen Land.


Brief an einen Magier / 21 Sie sind ein Magier. Wenn ich Sie überhaupt um irgendetwas bitten dürfte, dann darum, dass Sie dem Stern folgen, sobald Sie ihn sehen. Anders gesagt: dass Sie nicht aufhören, die Wahrheit zu suchen. Denn dann werden Sie Jesus finden.

Acht Niemand wird versuchen, etwas zu bekommen, wenn er meint, dass er es gar nicht braucht. Ihr subjektiver Erlösungsbedarf dürfte irgendwo bei Null liegen. Sie sind überzeugt, keinen Retter nötig zu haben. Gott macht uns in Jesus Christus ein Erlösungsangebot. Sie haben dazu „Nein danke“ gesagt. Dass der Mensch von Natur aus sündig ist, glauben Sie nicht. Für Sie ist der Mensch ein potenzieller Gott, der seine Bestimmung und sein wahres Wesen vergessen hat. Der Glaube an „das Gute im Menschen“ ist weit verbreitet. Wenn es „das Gute im Menschen“ wirklich gäbe, müsste man nur dafür sorgen, dass der Mensch wieder so wird, wie er eigentlich ist. Man müsste das Gute lediglich freilegen und aktivieren. Man müsste den Menschen dazu bringen, seinen wahren Wesenskern zu finden und entsprechend zu leben. Wäre dem so, dann bräuchte der Mensch weder Rettung noch Erlösung, sondern nur Hilfe bei der Selbsterkenntnis. Das ist, vereinfacht dargestellt, im Grunde auch Ihre Überzeugung. Entsprechend erklären Sie dann das Böse als die Konsequenz aus dem Mangel an Selbsterkenntnis. Als wäre das Böse ein anerzogener Defekt der menschlichen Seele, der sich durch wahre Selbsterkenntnis beheben ließe. Die Ursache des Bösen wäre demnach letztlich nichts anderes als die kollektive Vergesslichkeit des Menschengeschlechts. Aber wie kann das Gute vom Bösen in den Hintergrund und in die Vergessenheit gedrängt werden, wenn das Wesen des


22 / Brief an einen Magier Bösen angeblich darin besteht, dass das Gute bereits verdrängt worden ist? Glauben Sie an eine Art Evolution des Bösen, die rückgängig gemacht werden muss? Unwissenheit oder Unbewusstheit werden oft als Ursache für das Böse genannt. Also müssten entsprechendes Wissen und die Entwicklung von Bewusstheit das Gute im Menschen zutage fördern. Das ist die Überzeugung aller Menschen, die gut sein wollen und gleichzeitig Gott nicht zu brauchen meinen. Unzählige Philosophien, Konzepte, Therapien und Heilslehren basieren darauf. Die Menschheit hat sich als überaus kreativ erwiesen im Ersinnen von Möglichkeiten, wie man etwas ohne Gott oder an Gott vorbei erreichen oder bekommen kann. Und alles klingt so logisch und überzeugend – vorausgesetzt, man stimmt dem gedanklichen Grundsatz zu, der all diesen Theorien zugrunde liegt. Und dieser Grundsatz lautet: Es geht auch ohne Gott. Ist man bereit, diese Annahme zu akzeptieren, bietet sich einem ein schier unüberschaubares Sortiment an Lehren, Philosophien und Theorien. Wenn nicht, dann reduziert sich die breite Angebotspalette auf ein einziges Angebot: Jesus. Dafür habe ich mich entschieden. Und ich wünschte, Sie täten es auch.

Neun Als ich zum ersten Mal von Magie hörte – und zwar im richtigen Leben, nicht aus Märchen oder Kinderfilmen –, war ich dreizehn. Ich weiß noch, dass ich es damals witzig und interessant fand. Vielleicht neigt man in diesem Alter dazu, Dinge witzig und interessant zu finden, von denen man instinktiv spürt, dass sie irgendwie nicht so ganz in Ordnung sind. Ein Freund erzählte mir davon. Er war begeistert und entsetzt zugleich, doch überwog die Begeisterung. In seiner


Brief an einen Magier / 23 Schule war angekündigt worden, dass am nächsten Tag eine Mathearbeit geschrieben werden sollte. Das traf ihn gänzlich unvorbereitet. Die Schule zu schwänzen kam nicht in Frage, da hätten seine Eltern nicht mitgespielt. Aber praktisch unvorbereitet die Arbeit zu schreiben war ebenfalls nicht drin, denn das Ergebnis wäre bestenfalls eine Fünf gewesen. Und auch das hätte Probleme mit den Eltern bedeutet. Er sah nur einen Ausweg – die Arbeit musste verschoben werden, am besten dadurch, dass der Lehrer krank wurde. Das schien die einzige Möglichkeit zu sein, drohendes Unheil abzuwenden. Er hatte mal etwas über Voodoo gehört. Genaueres wusste er nicht, aber doch so viel: Man sticht mit Nadeln in Puppen, die das Opfer repräsentieren. Er fand eine alte Puppe seiner großen Schwester und im Nähkästchen seiner Mutter alles Weitere. Gemeinsam mit einem Mitschüler machte er sich ans Werk. Am Ende sah die Puppe aus wie ein Nadelkissen. Und am nächsten Tag war der Mathelehrer krank, die Arbeit fiel aus. Wir haben uns dann für etwa 15 Jahre aus den Augen verloren, ich zog in eine andere Stadt. Eines Tages war ich auf dem Weg zum Einkaufen, als plötzlich ein rotes Auto neben mir hielt. Es war der ehemalige Junior-Voodoo-Zauberer. „So ein Zufall“, dachte ich. Aber es war kein Zufall. Wir verabredeten uns, und bei dem Treffen erzählte er stolz, er habe an verschiedene Freunde von früher gedacht, auch an mich, und er sei nun in der Lage, Ereignisse willentlich herbeizuführen. So war unser „zufälliges“ Treffen zustande gekommen. Er hatte sich also in der Zwischenzeit weitergebildet und dazugelernt. Mittlerweile sind noch einmal 15 Jahre vergangen, und ich frage mich, was er jetzt alles kann. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken. Auch Sie sagen von sich, Sie wären in der Lage, erwünschte Ereignisse bewusst und willentlich herbeizuführen. Wenn Sie wollen, dass etwas geschieht, was Ihnen vorteil-


24 / Brief an einen Magier haft erscheint, können Sie – so Ihre Überzeugung – dafür sorgen, dass sich alles entsprechend fügt. Sie haben beeindruckende Beispiele dafür genannt, was aber gar nicht nötig gewesen wäre. Vierzig Jahre lang ist es Ihnen gelungen, andere Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun oder Entscheidungen zu treffen, von denen Sie profitiert haben. Sie mussten nicht argumentieren oder überzeugen. Überredungskunst war ebenso überflüssig wie physische Anwesenheit. Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wie Sie das bewerkstelligt haben. Sie haben mir ja eine überzeugende Probe Ihres Könnens geliefert. Magie ist immer auch Manipulation. Nun werden Sie sagen: „Jeder versucht seine Interessen durchzusetzen und wendet dabei auch manipulative Techniken an.“ Das mag wohl sein. Aber vielleicht ist es doch ein gewisser Unterschied, ob man im Gespräch durch Argumente etwas zu erreichen versucht oder ob man die Entscheidungen eines anderen Menschen ohne dessen Wissen durch Anwendung von Magie so manipuliert, dass er glaubt, er habe aus freien Stücken gehandelt, während er in Wahrheit unter einem Zwang stand, der ihm gar nicht bewusst war. Welche moralischen Kriterien lassen Sie gelten? Reicht es wirklich, wenn man von sich behaupten kann, man habe niemals einem anderen Menschen absichtlich geschadet? Manipulation ist ein bewusstes Sich-Hinwegsetzen über das Recht auf Willensfreiheit eines anderen Menschen. Darüber könnte man natürlich stundenlang diskutieren. Aber mich erschreckt, dass Ihr Gewissen Ihnen etwas erlaubt, was es eigentlich verbieten müsste. Spitzfindige Argumente hin oder her – Ihnen ist meiner Meinung nach das Gefühl dafür abhanden gekommen, dass Sie etwas Verbotenes tun. Anders gesagt: dass Sie sündigen. Und das scheint völlig normal zu sein bei Menschen, die entdeckt haben, dass es oberhalb der Alltagsvernunft Bereiche gibt, in denen das Wort „unmög-


Brief an einen Magier / 25 lich“ keine Bedeutung hat und wo die Grenzen des Machbaren nicht mehr permanent in unmittelbarer Sichtweite sind. Sehr schnell zieht man dann unbewusst den Trugschluss: „Was möglich ist, muss auch erlaubt sein.“ Und wenn plötzlich alles möglich erscheint, scheint auch alles erlaubt zu sein. Es sei denn, Gott zieht die Notbremse. Aber das hat er bei Ihnen bis heute nicht getan. Vierzig Jahre lang hat er Sie gewähren lassen. Über seine Gründe dafür zu spekulieren, ist letztlich sinnlos. Es bleibt aber eine Tatsache, dass Magie in den Augen Gottes ein Gräuel ist. Ein abscheuliches Verbrechen. Dieses Argument zieht bei Ihnen zwar nicht, aber ich denke doch, man sollte einmal darüber nachdenken, warum Magie in Gottes Augen etwas Abscheuliches ist.

Zehn Betrachten Sie die Sache als ein Gedankenspiel, das zunächst einmal von zwei Grundannahmen ausgeht. Erstens: Es gibt einen allmächtigen, allwissenden und gütigen Gott, der – zweitens – strikt dagegen ist, dass die Menschen sich auf Magie einlassen. Großen Erfolg hatte die Schlange mit ihrem Versuch, Eva zu dem Verdacht zu verleiten, Gott wolle den Menschen irgendetwas Gutes vorenthalten. Ich glaube, die Geschichte vom Sündenfall kann sich auf die eine oder andere Art im Leben jedes Menschen wiederholen. Gott stellte im Paradies nur ein einziges Verbot auf. Hätte Eva Gott vorbehaltlos vertraut, dann hätte es für sie nicht den Hauch eines Zweifels daran geben können, dass Gottes Warnungen und Verbote nur einen Zweck haben, nämlich den Menschen vor Unheil zu bewahren. Doch der Schlange gelang es, Misstrauen gegen Gott zu säen. Es ist dasselbe Miss-


26 / Brief an einen Magier trauen, das auch heute noch jeder Mensch hegt, der ernsthaft mit dem Gedanken spielt, Gottes Warnungen in den Wind zu schlagen. Wenn eine Sache verlockend erscheint, die Gott jedoch verboten hat, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man vertraut darauf, dass Gott als der Schöpfer am besten weiß, was für seine Geschöpfe gut oder schädlich ist. Oder man schlägt seine Warnungen in den Wind und lässt Zweifel an den Motiven Gottes zu. Etwa in der Art, dass man glaubt, Gott sei ein großer Spaßverderber, der seinen Geschöpfen die großartigsten Dinge vorenthalten will, weil er ihnen einfach nichts Gutes gönnt. Hier schwingt dann schon eine unbewusste Feindseligkeit Gott gegenüber mit. Einem Gott, von dem ich glaube, er würde mir Gutes missgönnen und Großartiges vorenthalten, könnte ich nicht vertrauen. Ich müsste an ihm zweifeln, ihn in letzter Konsequenz sogar bekämpfen. Oder aufhören, an ihn zu glauben. In gewisser Weise beides. Bei diesem Gedankenspiel aber gehen wir davon aus, dass Gott gütig ist. Fürsorglich. Dass er also nur Gutes bezweckt. Wenn Gott ausschließlich Gutes bezweckt, dann haben auch seine Ge- und Verbote ausschließlich das Wohlergehen der Menschen zum Ziel. Man sollte Gott zutrauen dürfen, dass er besser weiß als wir, was für uns auf lange Sicht das Beste ist. Wenn er Zauberei verbietet, dann nur aus dem Grund, dass er uns vor Schaden bewahren will. Worin könnte dieser Schaden bestehen? In erster Linie darin, dass man sich durch Magie immer weiter von Gott entfernt. Das liegt in der Natur der Sache. Manchmal hilft es, die Dinge danach zu beurteilen, was sie aus einem Menschen machen. Wohin sie einen bringen. Magie bringt den Menschen in Gottesferne. Ich denke, diese Tatsache können wir beide bestätigen, auch ohne uns darüber einig zu sein, wie sie zu bewerten ist.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
147354 by Fontis-Shop - Issuu