Befreie uns vom Bรถsen
Vorwort von
RANDY CLARK
DON BASHAM
Befreie
uns vom
BĂśsen
Die widerwilligen Begegnungen eines Pfarrers mit den Mächten der Finsternis
Originally published in English under the title: Deliver us from Evil Copyright © 1972 by Don Basham Published by by Chosen Books a division of Baker Publishing Groups P.O. Box 628, Grand Rapits, MI 49516-6287 All rights reserved 1. Auflage 2017 Copyright © der deutschen Ausgabe: 2017 AwakenMedia.de (GbR) info@awakenmedia.de www.awakenmedia.de Überarbeitung: Stephan Krüger Umschlaggestaltung und Satz: Rebekka Fokkema Druck: CPI Die Bibelstellen wurden folgenden Übersetzungen entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Ohne Vermerk: Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica, Inc.® Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. ISBN 978-3-945339-04-6 Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
EINE ANMERKUNG BEZÜGLICH DER VERWENDUNG VON NAMEN
Ein Seelsorger, der über seine Erfahrungen schreibt, befindet sich in einer Zwickmühle. Er ist einerseits der Wahrheit verpflichtet und möchte nichts verschweigen oder verändern. Andererseits darf er das Vertrauen derer, denen er dient, nicht missbrauchen. Ich habe zu dem üblichen, nicht immer befriedigenden Ausweg Zuflucht genommen: Wo Menschen verletzt oder in Verlegenheit gebracht werden könnten, habe ich die Namen - gelegentlich auch die örtlichen oder sonstigen bloßstellenden Umstände - verändert. In jeder anderen Hinsicht gibt das Buch alle Ereignisse genau so wieder, wie ich sie erfahren habe. Don Basham
Inhaltsverzeichnis Vorwort.............................................................................................................. 9 1. Der Umzug............................................................................................... 11 2. Verabredung am Nachmittag................................................................. 18 3. Das einäugige Ungeheuer....................................................................... 34 4. Fünf Uhr morgens................................................................................... 38 5. Sam Jenkins erinnert sich...................................................................... 54 6. Wunder im Alltag.................................................................................... 65 7. Die Schule des Glaubens........................................................................ 74 8. Schwester Sadies Einwände.................................................................... 85 9. Cleveland in Ohio................................................................................. 101 10. Wie kommen Dämonen in Menschen hinein?................................. 117 11. Wogegen wir kämpfen.......................................................................... 130 12. Voraussetzungen für Befreiung........................................................... 140 13. Frei bleiben............................................................................................. 151 14. Fehler über Fehler................................................................................. 160 15. Ein Nachmittag im Kino...................................................................... 169 16. Der Befreiungsdienst weitet sich aus.................................................. 176 17. Gleich jetzt - in den eigenen vier Wänden......................................... 192 Anhang: Aus meinem Notizbuch............................................................... 199
Vorwort Befreie uns vom Bösen von Don Basham war eines der ersten Bücher, die ich jemals zum Thema Befreiungsdienst gelesen habe. Es war und ist ein solides Werk, das die eher kontrovers zu sehenden und nicht unbedingt biblisch begründeten Praktiken vermeidet, die ich in anderen Ansätzen des Befreiungsdienstes vorfand. Ich habe immer noch meine ursprüngliche Ausgabe des Buches im Regal stehen. Es ist mir eine Ehre, das Vorwort für die deutschsprachige Ausgabe von Befreie uns vom Bösen schreiben zu dürfen. In der heutigen Zeit besteht ein noch größerer Bedarf an Büchern, die sich auf gesunde Weise mit dem Thema Befreiung beschäftigen als zu der Zeit, als das Buch erstmals veröffentlicht wurde. Das neue Heidentum, aber auch Hexerei und diverse andere Heilungsmethoden, die das christliche Weltbild ablehnen und eine andere Sichtweise verfechten, nehmen immer mehr zu. Diese Lehren sind einerseits pantheistisch und andererseits deistisch und haben für viel Verwirrung gesorgt. Die Menschen in Europa mögen glauben, dass sie ihren Kontinent von den Mächten der früheren Götter und Idole gesäubert haben. Sie glauben, dass sie die Mächte, Herrscher, Gewalten, und Dämonen losgeworden sind, doch das stimmt nicht. Stattdessen wird der christliche Glaube bis heute durch die Kultur abgelehnt und viele Menschen suchen nach Heilungskräften in anderen spirituellen Richtungen, nur nicht im christlichen Gebet. Sie öffnen sich auch schneller als in den letzten siebzig Jahren zuvor für dämonische Erscheinungen und Bedrückung. Das Böse kann sich einer Gesellschaft bemächtigen, die sich den Mächten der Philosophie, Ethik und der politische Ideologien öffnet und diesen den rechtmäßigen Platz von Christus im Leben der Heiligen überlässt. Dies kann in einer Gesellschaft großen Schaden anrichten. Don Bashams Buch Befreie uns vom Bösen vermittelt uns Erkenntnisse zum Thema: Dämonische Belastung des Einzelnen. Es ist ein wichtiges Buch für unsere Zeit. Wichtig, weil mehr und mehr Menschen durch Dämonen gebunden und unterdrückt werden. Sie leben in einer postmodernen Welt, die keinen gesunden Respekt mehr vor der bösen Seite der Spiritualität und vor bösen Geistern hat. Und sie erkennen nicht, dass diese Mächte daran arbeiten, 9
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die Festungen des Feindes zu stärken, die gegen die Wahrheit des Evangeliums und gegen die Kirche, die das Evangelium verkündet, gerichtet sind. Ich hoffe, dass dieser Ausgabe weitere Werke folgen werden, die sich mit der Art und Weise auseinandersetzen, wie sich das Böse in der Gesellschaft neu ausbreitet, um sein absolut gewalttätiges und zerstörendes Werk zu tun. Es wird wirksam durch die Strukturen der Gesellschaft selbst, durch die Philosophie, das Bildungswesen, die Geschäftswelt und die Regierung. Diese Bereiche werden unbewusst nicht nur von niedrigeren Dämonen beeinflusst, sondern von Mächten, Herrschern und Gewalten in der himmlischen Welt, die sich auf der Erde durch diese Institutionen und Philosophien profilieren. Befreie uns vom Bösen ist ein hervorragendes Werkzeug sowohl für Christen als auch für Nichtchristen. Für Christen um ihnen zu helfen mit Angriffen, Belastung und Gebundenheit durch einen dämonischen Geist umzugehen und für Nichtchristen, die mit Besessenheit kämpfen. Wir sollten neu zu den Grundlagen unseres Glaubens zurückkehren. Und diese beinhalten Erlösung, körperliche und seelische Heilung sowie Befreiung. Wir sollten uns über dieses Buch freuen, während wir gleichzeitig auf weitere Lehre über das Böse warten, die über die dämonische Belastung des Einzelnen hinausgeht. Randy Clark, D.Min. Gründer und Präsident von Global Awakening und dem Apostolic Network of Global Awakening
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KAPITEL 1
Der Umzug „Es kann doch wohl nicht Gottes Wille sein, dass wir an einen Ort wie diesen ziehen!“ So beklagte ich mich bei meiner Frau Alice, während wir mit unserem Auto die Stadt verließen. Es war eine Einladung des Ältestenrats der East-Side-Gemeinde gewesen, die uns die 350 Meilen von Toronto in Kanada besuchsweise in die kleine Textilstadt Sharon in Pennsylvania, USA gebracht hatte. Das Wochenende war sehr angenehm gewesen, soweit es die East-Side-Leute betraf. Aber der Kontrast zwischen den breiten, sauberen Straßen von Toronto und dem düsteren Geschäftsviertel von Sharon, wirkte wie ein Zeichen für die schier unvergleichlichen Unterschiede zwischen den beiden Orten. In unserer Hillcrest-Gemeinde in Toronto standen wir inmitten einer geistlichen Erweckung und kein Pfarrer möchte von einer Gemeinde weggehen, in der Gott Wunder wirkt. Ich zumindest wollte nicht und Alice schien das gleiche Gefühl zu haben. „Ich weiß, was du meinst“, sagte sie. „Nach allem, was in Hillcrest geschehen ist, wirkt die Gemeinde hier so - vielleicht kann man sagen: selbstgefällig.“ Genau das war es. Die Gemeindeversammlung in Sharon zeigte genau die gleiche zahme, erwartungslose Grundhaltung „Wir gehen in die Kirche, weil Sonntag ist“, die die Gemeinde in Toronto hatte, bevor eine Reihe von uns von dem erfasst wurde, was als „charismatische Erneuerung“ bekannt geworden ist. Alle vorgefassten Ansichten und alle Überheblichkeit waren beiseite gefegt worden, während wir Woche um Woche Zeugen der übernatürlichen Offenbarungen des Heiligen Geistes geworden waren. Unter anderem gab es erstaunliche Heilungen als Antwort auf Gebet. 11
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Eine der ersten Heilungen hatte stattgefunden, als eine junge Frau zu einer unserer mittwochs abgehaltenen Gebetsversammlungen gekommen war; an Krücken und mit großen Schmerzen. Sie litt unter schlechter Durchblutung eines Beins, weshalb sie zuvor einige Monate im Krankenhaus verbracht hatte, aus dem sie teilweise gelähmt herausgekommen war. Davon hatte sie sich schließlich erholt aber nur, um erneut wegen der Durchblutungsstörung zu den Krücken greifen zu müssen. Das Bein war gefühllos und nicht zu gebrauchen. Dennoch bereitete ihr die leichteste Berührung des Fußes mit dem Boden quälende Schmerzen. Wir versammelten uns um sie. Schon während wir beteten, begann die Durchblutung sich zu bessern. Bevor die Versammlung zu Ende ging, hatte sie eine Krücke abgelegt und begonnen, das Bein vorsichtig zu belasten. Am folgenden Morgen rief sie an, um zu berichten, sie habe auch die zweite Krücke weggelegt und sei vollständig geheilt. Diese Erfahrung hatte die Gemeinde enorm aufgerüttelt. Neben Heilungswundern hatte es auch prophetische Träume und Visionen gegeben. Etliche Leute hatten während der Versammlungen die Erfahrung gemacht, die als Erfüllung mit dem Heiligen Geist (auch als „Geistestaufe“) bekannt ist, wie zum ersten Mal im Neuen Testament für den Pfingsttag erwähnt und häufig vom „Beten in anderen Sprachen“ begleitet. Ich war sehr dankbar für alles, was geschehen war. Lange Zeit hatte ich gepredigt, das Leben mit Christus bringe Freude, Sieg und Vollkommenheit mit sich; nun gab es lebende Beispiele für diese Wahrheit, an die ich schon lange geglaubt hatte. Es war also nicht erstaunlich, dass die Aussicht, die Hillcrest-Gemeinde zu verlassen, uns wenig begeistern konnte. Wir hatten die Einladung zu dem Besuch in Sharon nur aus Höflichkeit angenommen. Warum die East-Side-Gemeinde ausgerechnet mich ausgewählt hatte, war uns völlig unklar. Aber sowohl Alice als auch ich, wir waren beide überrascht von dem Zeitpunkt, zu dem der Brief mit der Einladung uns erreichte. Als wir 1961 eine Pfarrstelle in Washington verlassen hatten, um nach Toronto zu gehen, hatten wir uns vorgenommen, drei Jahre in Kanada zu bleiben. Jetzt schrieben wir 1964, und da kam der Brief. Während der langen Rückfahrt nach Toronto sprachen Alice und ich weiter über die Sache. East-Side bot auch reizvolle Gesichtspunkte. Es war eine „Föderierte Gemeinde“, d.h. zwei vorher getrennte Kirchen - Baptisten und Jünger Christi - hatten sich zusammengeschlossen und dabei ver12
Der Umzug
einbart, den neuen Pfarrer einmal aus der einen, einmal aus der anderen Kirche zu wählen. Ihr letzter Geistlicher war Baptist gewesen; ich war bei der Jünger-Christi-Kirche ordiniert. Dieser Umstand verblüffte uns - neben dem Zeitpunkt. Aber: Wie sollten wir uns von Hillcrest losreißen?! Zu diesem Zeitpunkt erkannten wir beide nicht, dass der Besuch in Sharon nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Ereignissen war, die unseren Lebensweg grundlegend ändern sollten. Und noch weniger ahnten wir, dass unter diesen Ereignissen auch Fehlschläge, das genaue Gegenteil zu den Siegen sein würden, die wir laufend erlebt hatten - eingeschlossen der Misserfolg bei einer Freundin, der unseren Dienst in Frage stellen und sie schließlich das Leben kosten würde. Es war lange nach Mitternacht, als wir endlich in unserer Pfarrei in Toronto ankamen. Nachdem ich unseren Babysitter nach Hause gebracht hatte, verschloss ich die Tür und trug die Koffer nach oben. In der Diele nahm ich Alice an der Hand. „Möchtest du mit mir Inventur machen?“ „Das habe ich bereits“, lächelte sie, „aber ich will es gern mit dir noch einmal tun.“ Zusammen gingen wir von Zimmer zu Zimmer und schauten zu unseren fünf schlafenden Kindern hinein. Das erste war Cindi, dreizehnjährig, so weit unter die Bettdecke gekuschelt, dass nur noch die Spitze einer kecken Nase durch einen Wust blonden Haars guckte. Cindi nahm schon regelmäßig an den Gebetsversammlungen teil. Im nächsten Zimmer lag Sharon, unsere elfenhafte, braunäugige Achtjährige. „Tag, Papi“, murmelte sie schlaftrunken, als ich mich zu ihr hinabbeugte, um ihr einen Kuss zu geben. Im Bett gegenüber lag die dreijährige Lisa, unsere zweite blauäugige Blonde. Alice drückte meine Hand, während wir sie eingehend betrachteten und ich wusste, dass sie daran dachte, wie Lisa einige Monate zuvor während einer unserer Gebetsversammlungen schlagartig von starken Magenkrämpfen geheilt worden war. Offensichtlich war die Berührung durch Gott mehr als nur körperlicher Natur gewesen, denn seit jener Zeit sprach sie über Jesus in derselben selbstverständlich-sachlichen Weise, wie über ihre Spielkameraden, die sie sehen und anfassen konnte. Wir konnten das nicht wirklich verstehen, aber es machte uns froh. In dem kleinen Raum hinter dem Badezimmer schlief der sechsjährige Glenn und sah dabei aus wie ein braunhaariger Engel. Nur die Spielzeug-Raketen, die Flugzeuge und der Football-Helm, durch die wir unseren Weg zu seinem Bett 13
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bahnen mussten, erinnerten an den kleinen Wirbelwind, der unser Haus tagsüber bewohnte. Schließlich war da noch Laura, unsere sechs Monate alte „Kanadierin“ und dritte Blonde mit blauen Augen, die in ihrem Kinderbettchen in einer Ecke unseres Schlafzimmers schlief. Wenn man sie ansah, meinte man, Cindi und Lisa als Babys zu sehen, so ähnlich waren die drei einander. Mit Alice zusammen dankte ich Gott für die fünf kostbaren Menschenleben, die er uns anvertraut hatte, damit wir für sie sorgen und wenige Minuten später, lagen wir selbst in tiefem Schlaf. „Wir sind prächtig zurechtgekommen am Wochenende, auch ohne dich und Alice.“ Es war Earl Corbett, der Vorsitzende unseres Ältestenrats, der diese halb scherzhafte Bemerkung machte, als er am Montagmorgen in mein Büro in der Kirche kam. Earl und seine Frau Irene hatten als erste in Hillcrest die Fülle des Heiligen Geistes empfangen, gefolgt von einer erstaunlichen Heilung wenige Tage darauf. Earls rechtes Auge, auf dem er von Geburt an schielte und das halb geschlossen war, war durch Gebet auf wunderbare Weise in Ordnung gekommen. Diese zweite Erfahrung hatte ihn umgewandelt von einem scheuen, zurückgezogenen Gemeindeglied in einen lebendigen, bekennenden Christen. Bei Earls Frau lagen die Dinge anders. Ihrem Mann auf stille Weise zugetan und zutiefst Anteil nehmend an dem neuen geistlichen Leben, das um sie herum quirlte, schien sie keinen vollen Zugang zu den Segnungen gefunden zu haben, die bei anderen erkennbar waren. Wenn sie auch glücklicher und in ihren Gefühlen stabiler war als in der Vergangenheit, litt sie dennoch unter einer körperlichen Schwäche, die sie schon seit ihrer Kindheit quälte. Irene war Epileptikerin. Ärztliche Behandlung erlaubte es ihr, meist ein normales Leben zu führen; nichtsdestoweniger erstaunte uns die offensichtliche Wirkungslosigkeit des Gebets in ihrem Fall. „Warum,“ so fragte ich mich, „hatte Gott Earl ein derartiges Heilungswunder geschenkt, während Irenes Zustand unverändert blieb?“ Noch seltsamer kam uns damals der Zeitpunkt vor, zu dem Irenes Anfälle meist auftraten. (Erst später sollte ich eine Ahnung davon bekommen, welch unheilvolle Bedeutung darin lag.) Die Anfälle schienen vorwiegend sonntags im Gottesdienst oder mittwochs während des Gebetstreffens aufzutreten. Zwei Wochen nach unserer Rückkehr aus Sharon - wir waren mitten in einer Gebetsversammlung - zeigten sich bei Irene wieder die Anzeichen eines epileptischen Anfalls. 14
Der Umzug
„Lasst uns für Irene beten“, schlug Alice vor. Earl, der neben ihr saß, legte schützend seinen Arm um seine Frau, während wir uns im Gebet vereinten. Plötzlich begann jenes tierhafte Lallen, das wir im Zusammenhang mit ihrer Krankheit kennengelernt hatten, von ihren Lippen zu fließen. Ihr Körper bebte gewaltig, und sie fiel gegen Earl. Nach kurzer Zeit wurde sie still und hörte auf zu zittern. Sie setzte sich auf und für einen Augenblick dachte ich, unsere Gebete hätten ihr eine rasche Erholung gebracht. Aber dann sah ich das wilde Starren ihrer Augen, wie bei einem eingesperrten Tier. Das war ein Gesichtsausdruck, den ich noch viele Male bei den Menschen sehen sollte, denen ich in den folgenden Jahren diente. „Wo bin ich?“ jammerte Irene. „Was ist das für ein Haus?“ Sie fing an, verzweifelt an ihrer Handtasche auf dem Schoß zu nesteln, um sie zu öffnen. „Du bist bei mir“, versuchte Earl sie zu trösten. „Und wir sind beim Gebetstreffen in der Kirche.“ Er streckte seine Hand aus, um ihr beim Öffnen der Handtasche zu helfen. „Lassen Sie mich in Ruhe!“ gab Irene scharf zurück und gab seiner Hand einen widerhallenden Schlag. „Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht!“ Sie stand unsicher auf und taumelte auf die Tür zu. Auf halbem Weg erreichte Earl sie, hielt sie fest und sah mich fragend an. „In so schlechtem Zustand habe ich sie noch nie gesehen. Kann uns bitte jemand nach Hause bringen?“ „Ich mache das“, sagte ich und meine Sorge um Irene vermischte sich plötzlich mit einer seltsamen, lähmenden Furcht, die ich nicht erklären konnte. „Ihr anderen betet weiter!“ Earl und ich führten Irene zur Tür hinaus und klemmten sie auf der vorderen Sitzbank meines Autos zwischen uns. Während ich die beiden nach Hause fuhr, wehrte sich Irene weiter. „Wer sind Sie?“ schrie sie Earl an. „Lassen Sie mich aus diesem Auto heraus!“ Sie tastete nach dem Türgriff, während sie versuchte, über Earl hinweg zu klettern. „Irene, hör doch bitte! Ich bin’s, dein Mann! Wir bringen dich nach Hause! Verstehst du denn nicht?“ Bei diesen Worten fühlte ich, wie Irene neben mir in sich zusammen sank. „Mann? Nach Hause? Ich habe keinen Mann und ich habe auch kein Zuhause!“ Earl hatte sein Taschentuch herausgezogen und wischte ihr die Lippen und das Kinn ab. Ich hielt vor dem Haus der beiden an. „Würdest du bitte noch einmal beten, bevor wir hineingehen?“ fragte Earl. Ich nickte, mein Herz klopfte. Was war das für eine unbestimmte Furcht, die mich innerlich aufwühlte? 15
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Sie schien nicht unmittelbar mit Irenes Epilepsie in Verbindung zu stehen; es war, als verfolgte mich ein in mir selbst hausender, längst vergessener Schrecken. Irene schien ruhiger zu werden, während sie dem Gebet zuhörte. „Ich will sie jetzt hineinbringen“, sagte Earl und wie ein folgsames Kind verließ Irene nach ihm das Auto. „Wenn Ihr weitere Hilfe braucht, lasst es mich wissen“, rief ich hinter ihnen her und hörte mit Erleichterung Irenes eigene, gewohnte Stimme antworten: „Danke, Pfarrer Basham, gute Nacht!“ Als ich zurück zur Kirche kam, konnte ich den Anwesenden versichern, dass es Irene besser ging. Später, zuhause, erzählte ich Alice von Irenes fremdartigem Benehmen im Auto. „Ich kann es einfach nicht verstehen“, schloss ich. „Warum - bei all den sonstigen Gebetserhörungen - kann sie keine anhaltende Hilfe erhalten?“ Alice nickte voll Mitleid. „Ich verstehe dich, Liebling. Ich habe mich auch schon darüber gewundert. Aber weißt du, nach Irenes Benehmen heute Abend frage ich mich, ob ihre Schwierigkeit nicht etwas mehr ist als ...“ Sie beendete den Satz nicht. „Mehr als was?“ „Mehr als eine körperliche Krankheit.“ „Was meinst du damit?“ „Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie zögernd. „Aber - Don, das war einfach nicht Irene! Während einer kurzen Zeitspanne hatte ich tatsächlich den Eindruck, jemand anderen aus ihren Augen blicken zu sehen!“ „Was willst du damit sagen?“ „Ich weiß es nicht.“ Alice hob ihre Hände mit einem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit. „Ich weiß lediglich, dass ich etwas Böses gesehen habe, etwas, das nicht zu der Irene gehört, die ich kenne.“ „Nun lass uns aber vernünftig sein“, schalt ich sie. „Ich gebe zu, dass ihr Verhalten reichlich seltsam war, aber vermutlich gehören Persönlichkeitsveränderungen zu den Äußerungen ihrer Krankheit.“ Ich war fest entschlossen, das Erlebte in mir bekannte Zusammenhänge einzuordnen. Ganz in diesem Sinn rief Earl am nächsten Morgen an, um mitzuteilen, Irene habe die ganze Nacht gut geschlafen, und abgesehen von einem gewissen Gefühl der Müdigkeit fühle sie sich vollkommen wohl. So trat unsere Besorgnis bald in den Hintergrund angesichts einer mehr uns selbst betreffenden Angelegenheit.
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Der Umzug
Obwohl Alice und ich uns auf der Rückfahrt von Sharon darüber einig geworden waren, dass wir nicht den Wunsch hatten, die Pfarrstelle zu wechseln, hatte ich es versäumt, dem Ältestenrat von Sharon unseren Beschluss mitzuteilen. Einige Tage nach der Begebenheit mit Irene erhielt ich einen Brief von der dortigen Gemeinde. Auf einer Gemeindeversammlung war beschlossen worden, uns einzuladen, dort die geistliche Leitung zu übernehmen. Während Alice und ich darüber beteten, kamen mir immer wieder Earls Worte in den Sinn. „Wir sind wirklich gut zurechtgekommen ohne euch.“ Vielleicht war das tatsächlich der von Gott bestimmte Zeitpunkt für einen Wechsel - gerade weil hier alles so gut lief. Vielleicht war es, wenn der Heilige Geist eine Sache selber in die Hand nahm, für den Geistlichen an der Zeit abzutreten, um sich einen Platz und ein Volk zu suchen, auf die Sein Feuer noch nicht gefallen war.
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KAPITEL 2
Verabredung am Nachmittag Wir begannen unseren Dienst in Sharon im September 1964, und die ersten Monate in der East-Side-Gemeinde vergingen wie im Flug, während wir die verschiedenen Arbeiten erledigten, die jedes mal mit der Übernahme eines neuen Pfarramts verbunden sind: sich in der Pfarrstelle einrichten, die älteren Kinder in der Schule einschreiben, Sitzungen mit den Gemeinde-Gremien abhalten, alle Gemeindeglieder besuchen, außerdem erste Ziele - unter viel Gebet - aufstellen. Vom Beginn meines Dienstes in Sharon an, betonte ich die Wichtigkeit des Gebetslebens. Darüber hinaus wies ich immer wieder einmal auf die charismatische Erneuerung in der Christenheit hin und hielt mit meinen Sympathien gegenüber dieser Bewegung nicht zurück. Meine Predigten stellten einen gewissen Kontrast zu denen meines Vorgängers dar, aber am Ende des ersten Jahres hatte ich das Gefühl, meine Einstellung sei durchaus akzeptiert. Zu Beginn unseres zweiten Jahres in Sharon übernahm ich auch die Aufgabe, eine große Erwachsenengruppe in der Sonntagsschule zu unterrichten und außerdem sonntagabends eine Bibelstunde zu leiten. Von dieser Bibelstunde ging der erste geistige Durchbruch aus. Alice und ich hatten zwar eine Vorstellung, wann die Zeit für einen Gebetskreis da sein könnte, doch die Erfahrung hatte uns gelehrt, dass so etwas aus einem echten geistlichen Hunger heraus entstehen muss. Ein lebendiger Gebetskreis gehört nicht zu den Dingen, die man sich einfach vornimmt und dann ansetzt. Deshalb waren wir sehr erfreut als monatelange beständige Bibellehre diesen Hunger hervorbrachte. An einem 18
Verabredung am Nachmittag
Sonntagabend traten mehrere Gemeindeglieder an mich heran: „Sollten wir nicht einen Gebetskreis beginnen? Nicht so wie vor Jahren, sondern ein Zusammensein, bei dem wir uns wirklich öffnen und die Antworten suchen, von denen die Bibel spricht.“ So kam unser Mittwoch-Gebetskreis zustande, und fast im selben Moment begann etwas zu geschehen. Es gab bemerkenswerte Gebetserhörungen, genauso wie in Toronto. Eine Frau, die bei ihrer ersten Teilnahme am Gebetstreffen eine gewisse Unruhe gezeigt hatte, kam in der folgenden Woche wieder und berichtete mit Tränen in den Augen, wie eine Herzrhythmus-Störung, unter der sie jahrelang gelitten hatte, einfach verschwunden war, während sie dasaß und mit uns Gott anbetete. Ihre Heilung erwies sich als dauerhaft. Andere, die die Kraft Jesu zur Heilung für sich beanspruchen wollten, kamen zu der Erkenntnis, Jesus selbst nie wirklich kennengelernt zu haben, zumindest nicht auf eine persönliche Weise. So machte ein erstaunter Diakon die Bemerkung: „Ich bin nun schon seit 27 Jahren Glied dieser Gemeinde, aber bis zum heutigen Abend habe ich nicht gewusst, dass eine wirkliche Beziehung zu meinem Herrn tatsächlich möglich ist.“ Zu den Ermutigungen der ersten anderthalb Jahre in Sharon gehörten regelmäßig sich wiederholende Besuche von Gliedern meiner vorigen Gemeinde in Toronto. Zweimal verbrachten Earl und Irene Corbett das Wochenende bei uns zuhause. Wir freuten uns zu hören, dass die Gebetstreffen in Toronto nach wie vor voller Kraft waren. „Und wir glauben weiterhin, dass Irene geheilt wird“, verkündete Earl freudig beim ersten Besuch. Irene war still, wie üblich, aber soweit wir feststellen konnten, hatte sich ihr Zustand nicht geändert. Ihre epileptischen Anfälle kamen weder häufiger, noch seltener. Beim zweiten Besuch der beiden sprach Earl auf unserem sonntäglichen Bibelabend. Sein Zeugnis von der Heilung seines Auges bewegte die Anwesenden zutiefst ebenso seine Berichte über andere Wunder, die bei den Gebetstreffen in Toronto geschehen waren. Einige der Geschehnisse hatte ich zuvor von der Kanzel aus mitgeteilt, aber irgendwie wirkten sie glaubwürdiger, wenn ein Laie davon berichtete. Auch während dieses zweiten Besuchs schien Earl in Bezug auf Irene sehr zuversichtlich zu sein. „Sie ist fast völlig geheilt“, erzählte er uns. „Sie hatte in letzter Zeit wesentlich weniger Anfälle. Sogar die Ärzte erkennen den Unterschied: Sie haben ihr erlaubt weniger von ihren Arzneien zu nehmen.“ 19
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Und Irene war wirklich verändert; da war eine Art innerer Glanz, der von ihr ausging. „Gott war so gut zu mir“, sagte sie. „Was für ein wunderbarer Gedanke, dass es nach all den Jahren nun wirklich besser mit mir wird!“ Das war ein ganz anderer Mensch als die Frau, die sich vor zwei Jahren so wild in meinem Auto gesträubt und gewunden hatte. Warum nur fühlte ich trotzdem ein gewisses kaltes Schaudern der Vorahnung, als die beiden am Montagmorgen vom Pfarrhaus abfuhren? „Bis in zwei Monaten“, rief Earl, als sie rückwärts die Auffahrt hinausfuhren. „Dann werden wir sicher noch mehr zu berichten haben.“ Aber die nächste Nachricht von den Corbetts sollte gänzlich anderer Art sein - und eine verheerende Wirkung auf meinen eigenen Dienst ausüben. Es ist unter Pfarrern allgemein bekannt, dass etwa das erste Jahr in einer neuen Gemeinde mit Flitterwochen zu vergleichen ist. Beide, Pfarrer und Gemeinde, zeigen sich von der besten Seite. Der Pfarrer kennt seine Leute nicht gut genug, um an ihren Problemen wirklich teilhaben zu können und die Gemeindeglieder sehen in ihrem neuen Hirten eher das, was sie von ihm erhoffen, als das, was er tatsächlich ist - ein Mann mit inneren Kämpfen und mit eigenen Schwächen. Es war etwa in der Mitte unseres zweiten Jahres in Sharon, als einiges schiefzugehen begann. Zuerst war es nichts Schwerwiegendes, lediglich die Art verwirrender Streitigkeiten, die die Stimmung und die Beziehungen in einer Gemeinde belasten. Einer der Streitpunkte betraf die Baulichkeiten. Die East-Side-Gemeinde hatte einige Jahre zuvor eine neue Kirche errichtet und als ich kam, war im alten Gebäude die Sonntagsschule untergebracht. Doch dieses alte Gebäude hatte Mängel: Termiten, ein undichtes Dach und faulende Fußbodenbretter. In den meisten der jungen Familien herrschte die Meinung vor, man würde auf die Dauer Geld sparen, wenn man das alte Gebäude abreißen und an die neue Kirche einen Flügel anbauen würde. Die älteren Leute dagegen, die seit ihrer Kindheit in „diesen heiligen alten Mauern“ zu Gott gebetet hatten, waren fest entschlossen, den alten Bau zu erhalten. Es waren Unstimmigkeiten, wie sie in jeder Gemeinde auftreten. In den Gemeinden, in denen ich vorher gewesen war, war es mir gelungen, zwischen den Parteien zu vermitteln, ohne mich selbst auf eine der Seiten zu schlagen. So hatte schließlich jeweils die Gemeinde die Entscheidung getroffen, nicht ich. 20
Verabredung am Nachmittag
In Sharon schien man mir diese neutrale Rolle dagegen nicht zuzugestehen. „Wenn Sie Ihre Stimme nicht zugunsten der Rettung der alten Kirche in die Waagschale werfen“, sagte ein älterer Mann zu mir, „sind Sie nicht mein Pfarrer.“ Am Ende wurde gegen das alte Gebäude gestimmt und ich machte mich auf, die zu besuchen, die das wohl am stärksten als Verlust empfanden. Nach und nach söhnten sich die meisten mit der Mehrheitsentscheidung aus - bis auf einige und die schienen mich persönlich verantwortlich zu machen. Der ältere Mann, den ich bereits erwähnt habe, hatte mir früher oft gesagt wie viel ihm mein wöchentlicher Besuch bedeute; es war eines der wenigen Geschehnisse in einem sehr zurückgezogenen Leben gewesen. Vom Tag der Abstimmung an war er nie mehr zuhause, wenn ich klopfte. Ich sah ihn meist auf seiner Veranda sitzen, wenn ich mit dem Auto um die Ecke bog. Bis ich die Eingangsstufen erreichte, war die Veranda leer. Lediglich der Schaukelstuhl bewegte sich auf den knarrenden Fußbodenbrettern vor und zurück. Mir kam es bald so vor, als würden, was immer ich anfing, die Gefühle von irgendjemandem verletzt. Ich hatte für die Zeitschrift Christian Life einen Artikel über unsere Mittwochabend-Treffen geschrieben. Als der Herausgeber der Zeitschrift, Bob Walker, mich eines Samstags aus einer nahegelegenen Stadt anrief, fragte ich ihn, einer plötzlichen Eingebung folgend, ob er in unserem Anbetungsgottesdienst am folgenden Morgen sprechen wolle. Er sagte freundlicherweise zu und seine Ansprache war nicht nur belebend, sondern auch - wie ich aus späteren Bemerkungen erfuhr - hilfreich. Andere Äußerungen waren dagegen weniger zustimmend. Es war nicht Bobs Predigt, gegen die jemand etwas gehabt hätte, sondern die Tatsache, dass ich ihn eingeladen hatte, ohne zuvor das zuständige Komitee zu benachrichtigen und die Zustimmung der maßgebenden Verantwortlichen einzuholen. Dazu war keine Zeit mehr gewesen, versuchte ich den Leuten bewusst zu machen, wenn wir diesen vielbeschäftigten Mann bei uns haben wollten, während er gerade in unserer Gegend war. Und außerdem war es in den meisten Gemeinden das Vorrecht des Pfarrers, seine Kanzel einem Gastredner anzubieten. Dennoch erreichten mich immer wieder mürrische Bemerkungen. Statt mit der Zeit abzunehmen, wuchs die Kritik, bis schließlich der wahre Stein des Anstoßes sichtbar wurde: Bob Walker, so schien es, war ein „Evange21
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likaler“, während die East-Side-Gemeinde liberal war und nichts von „Gefühlsseligkeit“ hielt. Dass Bobs Predigt in keiner Weise gefühlsbetont gewesen war, spielte offensichtlich keine Rolle. Irgend eine tiefsitzende Angst oder eine Neigung zum Widerstand war berührt worden. Ich versuchte, meine Überzeugung zu vermitteln, dass jede Gemeinde nicht nur die Kraft der Tradition, sondern ebenso den Anstoß durch Evangelisation benötigt. Aber ich hatte das Gefühl, eine tiefe, immer breiter werdende Kluft hatte sich zwischen der Gemeinde und mir aufgetan. Auch andere Meinungsverschiedenheiten gab es, die einen Tag oder eine Woche lang Wellen schlagen konnten - aber nichts, was gegenseitige Geduld und Liebe nicht hätten überwinden können. Für die erste ernsthafte Entzweiung war ausgerechnet der Mittwoch-Gebetskreis die Ursache. Bei aller Freudigkeit und Kraft, die von diesen Treffen ausging, war ich mir schon lange dessen bewusst gewesen, dass nur ein kleiner Teil der Gemeinde daran teilnahm - und es hatte mich beunruhigt. Sowohl von der Kanzel als auch während meiner Seelsorgebesuche hatte ich versucht, mehr Leute zur Teilnahme zu bewegen. Trotz des auffälligen Misserfolgs dieser werbenden Bemühungen war ich nicht im mindesten auf den Grad an Ablehnung vorbereitet, den die Gebetstreffen - wie ich nun erfahren musste - hervorgerufen hatten. Ausdrücke wie „exklusiv“ oder „geschlossen“ begannen bis zu Alice und mir zu dringen; von einer erzürnten Frau gar: „Geheimsitzungen“. Ich durchforschte mein Gedächtnis und mein Gewissen danach, ob an den Beschuldigungen etwas Wahres sein konnte. Treffpunkt und Zeit waren am Kircheneingang angeschlagen und wurden jeden Sonntag im Gottesdienst angekündigt. Trotzdem war es offensichtlich, dass eine große Anzahl von Leuten sich links liegengelassen fühlte, ausgeschlossen von einer erwählten Gruppe, die „dabei“ war. Waren wir, die wir an den Gebetstreffen teilnahmen, in eine Falle gegangen, indem wir uns etwa selbst als „besser“ oder „geistlicher“ oder hingebungsvoller als die betrachteten, die nicht kamen? Von allen Möglichkeiten, den Leib Christi zu verletzen und zu entehren, habe ich ein derartiges Gruppendenken stets am meisten gefürchtet. Ich dachte gerade über all das nach, während ich eines Nachmittags nach Hause ging, als Alice mir an der Haustür mit einem Brief in der Hand entgegenkam. Sie sah sehr betroffen aus, als sie ihn mir gab. Er war von einem jungen Ehepaar, beide waren Teilnehmer unseres Gebetskreises in Toronto. 22