Armin Mauerhofer
SchlĂźsselfaktoren einer wachsenden Gemeinde
VTR
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-95776-032-6 (VTR) ISBN 978-3-905290-81-3 (arteMedia) © 2015 VTR, Gogolstr. 33, 90475 Nürnberg, Deutschland http://www.vtr-online.com arteMedia, Störklingasse 60, 4125 Riehen, Schweiz http://www.arte-media.ch Umschlaggestaltung: Jutta Undeutsch, JU Desing Umschlagfoto: Markus Bertschi, aufgenommen in der FEG Aarau Satz: VTR Druck: HCB Verlagsservice, Friedensallee 76, 22765 Hamburg Printed in Germany
Inhalt Einleitende Überlegungen ...................................................................................... 9
1 Die Haltung zur Bibel ................................................................................ 13 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5
Was sagt die Bibel über ihre Verfasserschaft? ........................................ 13 Gedanken zur Inspiration ........................................................................ 17 Vom Umgang mit der skizzierten Inspirationslehre ................................ 19 Und die historisch-kritische Methode? ................................................... 23 Die Auslegung der Bibel (Hermeneutik) in der Praxis ............................. 26 1.5.1 Der Heilige Geist schließt uns den Text auf.................................. 26 1.5.2 Das Herausarbeiten der philologisch-historischen Textbedeutung ............................................................................. 28 1.5.3 Der heilsgeschichtlich-christozentrische Schwerpunkt der Auslegung ..................................................................................... 30 1.5.4 Der vorgegebene Text ist Lehre ................................................... 33 1.5.5 Das Wort Gottes drängt in die alltägliche Anwendung ................ 33 1.6 Wichtige Schlussfolgerungen .................................................................. 35
2 Es braucht eine klare Vorstellung davon, was Gemeinde ist ..... 36 2.1 Der Begriff „Gemeinde“ (Ekklesia) .......................................................... 36 2.2 Von der Entstehung bis zur Vollendung .................................................. 37 2.3 Wer gehört zur Gemeinde? ..................................................................... 39 2.3.1 Der innere Vorgang ...................................................................... 39 2.3.2 Der äußere Vorgang ..................................................................... 42 2.4 Bilder der Gemeinde Jesu ........................................................................ 44 2.5 Zusammenfassung ................................................................................... 48
3 Die Struktur der Gemeinde mit Ältesten und Diakonen .............. 49 3.1 Die Struktur der örtlichen Gemeinde soll sich an der Bibel orientieren . 49 3.2 Jesus ist der Herr der Gemeinde ............................................................. 50 3.3 Verantwortung und Aufgaben der Ältesten ............................................ 52 3.3.1 Der Dienst der Ältesten ................................................................ 52 3.3.2 Der Leitungsauftrag der Ältesten ................................................. 53 3.3.3 Der Lehrauftrag der Ältesten ....................................................... 63 3.3.4 Der Hirtenauftrag und der Prophetendienst der Ältesten ........... 64 3.3.5 Der evangelistisch-missionarische Auftrag der Ältesten .............. 68
4
Inhalt
3.4 Die Einsetzung von Ältesten.................................................................... 69 3.4.1 Die Zuteilung der Aufgabenbereiche im Ältestenkreis ................ 69 3.4.2 Wer darf Ältester sein? ................................................................ 69 3.4.3 Die Wahl von Ältesten ................................................................. 71 3.4.4 Dienstdauer und Rücktritt der Ältesten ....................................... 72 3.4.5 Die Frau und der Ältestendienst .................................................. 73 3.5 Verantwortung und Aufgaben der Diakone und Diakoninnen ............... 74 3.5.1 Jesus befähigt die Gläubigen zum Dienen ................................... 74 3.5.2 Welche Aufgaben nehmen Diakone und Diakoninnen in der Gemeinde wahr? ............................................................... 76 3.5.3 Betreuungsorientierter Aufgabenbereich: Hauskreisarbeit ........ 77 3.5.4 Aufgabenorientierte Aufgabenbereiche: Arbeitsgruppen (Teams) .............................................................. 84 3.5.5 Administrativer Aufgabenbereich ................................................ 88 3.5.6 Diakone und Diakoninnen ermöglichen eine gute Leitung der Gemeinde durch die Ältesten ................................................ 89 3.6 Die Einsetzung von Diakonen und Diakoninnen ..................................... 90 3.6.1 Wer darf Diakon oder Diakonin sein? .......................................... 90 3.6.2 Einsetzung der Diakone/Diakoninnen ......................................... 91 3.6.3 Schulungen der Ältesten, Diakone/Diakoninnen und der Hauskreisleiterehepaare ................................................ 92 3.7 Klare biblische Strukturen ermöglichen Gemeindewachstum ................ 92
4 Ein berufener und begabter Verkündiger ......................................... 94 4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.6 4.7 4.8 4.9 4.10
Der Verkündiger braucht eine Berufung ................................................. 94 Bewährung in der Gemeinde und Ausbildung ........................................ 97 Der Weg bis zur Wahl des Verkündigers ................................................. 99 Das Wahrnehmen seiner Aufgaben in der Gemeinde .......................... 101 Der Verkündiger braucht göttliche Vollmacht ...................................... 106 Schwierigkeiten gehören zu einem vollmächtigen Dienst .................... 113 Der Verkündiger braucht Unterstützung .............................................. 115 Der Verkündiger als Ehemann und Vater.............................................. 119 Die Frau als Verkündigerin – was lehrt die Bibel? ................................. 122 Zusammenfassende Überlegungen....................................................... 124
5 Ansprechende Gottesdienste.............................................................. 126 5.1 Einleitende Überlegungen zum Gottesdienst ....................................... 126 5.2 Grundelemente des Gottesdienstes ..................................................... 129 5.2.1 Hören auf das Wort Gottes ........................................................ 129
Inhalt
5.3 5.4 5.5 5.6 5.7 5.8 5.9
5
5.2.2 Die Gebete und der Lobpreis ..................................................... 131 5.2.3 Die Pflege der Gemeinschaft ...................................................... 133 5.2.4 Das Abendmahl .......................................................................... 134 5.2.5 Der Segen am Schluss des Gottesdienstes ................................. 135 Gedanken zur Leitung der Gottesdienste .............................................. 135 Die Atmosphäre der Gottesdienste ....................................................... 137 Die drei wichtigsten Ziele eines Gottesdienstes .................................... 137 Die Gottesdienste sind Orte des Gemeindewachstums ........................ 138 Hilfen für eine noch bessere Gestaltung der Gottesdienste ................. 139 Gottesdienste in den Medien ................................................................ 140 Zusammenfassungen ............................................................................. 140
6 Es braucht eine erweckliche Verkündigung.................................... 142 6.1 Grundlage einer erwecklichen Verkündigung ist das Wort Gottes ....... 142 6.2 Wesentliche Eigenschaften des göttlichen Wortes, die es zu beachten gilt ........................................................................... 143 6.3 Die erweckliche Verkündigung hat eine christozentrische Ausrichtung ........................................................................................... 145 6.3.1 Christozentrische Verkündigung will Menschen zu Jesus, ihrem Retter, führen .................................................................. 146 6.3.2 Christozentrische Verkündigung ist seelsorgerlich .................... 148 6.3.3 Christozentrische Verkündigung führt in die Heiligung ............. 148 6.3.4 Christozentrische Verkündigung festigt das Gemeindeleben .... 150 6.3.5 Christozentrische Verkündigung weckt das evangelistische und missionarische Anliegen ...................................................... 150 6.4 Es braucht vom Verkündiger Begeisterung und Leidenschaft ............... 151 6.5 Entscheidend ist auch, wie die Hörer/Hörerinnen den Verkündiger wahrnehmen ............................................................. 152 6.6 Zusammenfassung ................................................................................. 152
7 Es wird alles unternommen, die nachwachsende Generation in die Gemeinde zu integrieren ................................... 154 7.1 Warum ist die Gemeinde für heranwachsende Kinder so wichtig? ...... 154 7.2 Was gilt es besonders zu beachten, damit die Kinder den Weg in die Gemeinde finden? ....................................................................... 156 7.2.1 Die Gemeinde gibt den Eltern konkrete Hilfen im Blick auf die Erziehung der Kinder ...................................................... 157 7.2.2 Die Gemeinde unterstützt die Eltern in ihren erzieherischen Bemühungen...................................................... 161
6
Inhalt
7.3 Die Gemeinde bietet attraktive Programme für Kinder, Teenager und Jugendliche an ............................................................... 163 7.3.1 Die Kleinkinderbetreuung .......................................................... 163 7.3.2 Die Sonntagsschule .................................................................... 163 7.3.3 Der Biblische Unterricht............................................................. 165 7.3.4 Die Jungschar- und Teenagerarbeit ........................................... 166 7.3.5 Die Jugendarbeit ........................................................................ 170 7.3.6 Die Einbindung von jungen Erwachsenen.................................. 176 7.4 Die Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen der Kinder- und Jugendarbeit ........ 176 7.4.1 Es braucht viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen................... 176 7.4.2 Anleitung zur Mitarbeit.............................................................. 178 7.4.3 Ermutigung der Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen ......................... 179 7.4.4 Die Zusammenarbeit im Team ................................................... 180 7.4.5 Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ermutigen die Kinder, Teenager und Jugendlichen zur Mitarbeit in der Gemeinde ..... 183 7.5 Einbezug der Kinder und Teenager in die Gottesdienste ...................... 183 7.5.1 Kinder, Teenager und Jugendliche sollten ab und zu einen Gottesdienst mitgestalten dürfen ............................................. 183 7.5.2 Die Teenager sollten regelmäßig die Gottesdienste besuchen . 184 7.5.3 Ältere Gemeindeglieder begleiten Kinder oder Teenager im Gebet .................................................................................... 184 7.6 Gründe, warum heranwachsende Jugendliche später die Gemeinde nicht mehr besuchen ..................................................... 185 7.7 Abschließende Überlegungen zur Integration der Kinder, Teenager und Jugendlichen in die Gemeinde ....................................... 186
8 Die Gemeinde hat ein evangelistisches und missionarisches Anliegen ..................................................................... 187 8.1 Jesus gab seiner Gemeinde einen klaren Evangelisationsund Missionsauftrag.............................................................................. 187 8.1.1 Hingehen (Mt 28,19a) ................................................................ 188 8.1.2 Die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus (Mk 16,15) .................................................................................. 189 8.1.3 Die Völker sollen zu Jüngern gemacht werden (Mt 28,19 a) ..... 191 8.1.4 Das Taufen der Gläubig-Gewordenen (Mk 16,16; Mt 28,19 b) . 192 8.1.5 Die Unterweisung der Neubekehrten (Mt 28,20) ...................... 193 8.1.6 Voraussetzungen, um diesen Evangelisationsund Missionsauftrag zu erfüllen ................................................ 194 8.2 Die Gemeinde nutzt die verschiedenen evangelistischen Möglichkeiten ....................................................................................... 197
Inhalt
7
8.2.1 Die einzelnen Gemeindeglieder werden angeleitet, den evangelistischen Auftrag zu erfüllen ................................... 197 8.2.2 Die vielen Möglichkeiten der ganzen Gemeinde ....................... 198 8.2.3 Die Gemeinde setzt sich auch im sozial-diakonischen Bereich ein ................................................................................. 207 8.3 Die Gemeinde bemüht sich zudem, neue Gemeinden zu gründen ....... 209 8.3.1 Wo sollen neue Gemeinden gegründet werden? ...................... 210 8.3.2 Welche Einzelschritte sind bei der Neugründung einer Gemeinde zu beachten? ................................................... 213 8.4 Die Gemeinde sendet Missionare und Missionarinnen an die Enden der Erde ........................................................................... 219 8.4.1 Wer soll als Missionar ausgesandt werden? .............................. 221 8.4.2 Der Auftrag des Missionars ........................................................ 224 8.4.3 Die Aussendung von Missionaren .............................................. 225 8.4.4 Partnerschaft zwischen dem Missionar und der Gemeinde ...... 227 8.5 Zusammenfassung ................................................................................. 232
9 Das gemeinsame Gebet hat einen hohen Stellenwert ............... 233 9.1 Das gemeinsame Gebet in den neutestamentlichen Gemeinden ......... 233 9.2 Wie steht es heute mit dem gemeinsamen Gebet in den Gemeinden? ............................................................................... 234 9.2.1 Warum sind die Gebetsstunden heute so schlecht besucht? .... 235 9.2.2 Wie Gebetszusammenkünfte lebendig – statt langweilig – gestaltet werden ........................................................................ 235 9.2.3 Alle, die in einer Gemeinde Verantwortung tragen, sollten die Gebetsstunden besuchen ......................................... 237 9.3 Was gilt es im Blick auf das erhörliche Beten besonders zu beachten? ......................................................................................... 238 9.4 Wir brauchen dringend betende Gemeinden ....................................... 238 9.5 Zusammenfassung ................................................................................. 240 Literaturverzeichnis ............................................................................................ 241 Der Autor............................................................................................................. 266
Einleitende Überlegungen Unsere Gesellschaft befindet sich in einem großen Umbruch. Alle Lebensbereiche verändern sich. Wer sich diesem Veränderungsprozess verschließt, verliert den Anschluss an die Zeit, in der wir heute leben.1 Es ist die postmoderne Denkweise, die zu diesen ständigen Veränderungen führt. Es wird ganz bewusst das seit der Aufklärung geltende Primat der Vernunft abgelehnt. Der Auffassung einer universalen hinter allem stehenden Wahrheit begegnet man heute ablehnend. Man geht davon aus, dass es verschiedene sich teilweise widersprechende Wahrheiten gibt. Dies führt zu einem radikalen Relativismus und schließlich zum Pluralismus. Dies bewirkt in der Gesellschaft eine große Orientierungslosigkeit.2 Zudem haben traditionelle Bindungen kaum mehr eine Bedeutung. Dazu kommt, dass es vielen Menschen egal ist, ob es einen Gott gibt oder nicht. Für die mittlere und jüngere Generation ist das irrelevant.3 Trotz des immer selbstverständlicher werdenden Atheismus bricht bei vielen Menschen, vor allem bei Jugendlichen, die Frage nach dem Übernatürlichen, eigentlich die Frage nach Gott auf. Viele fragen sich, wie sie zu einer persönlichen Gottesbeziehung gelangen können. Dieses Fragen nach Gott ist in unserer Gesellschaft derart verbreitet, dass man von einer Renaissance des Religiösen spricht.4 Viele Menschen fühlen sich in unserer Zeit der Individualisierung und Pluralisierung überfordert.5 Sie suchen deshalb nach einem festen, tragenden Halt.6 Die Zeit, in der wir heute leben, ist im Blick auf die Erfüllung des evangelistischen und missionarischen Auftrags nicht schlechter aber auch nicht besser, als dies in früheren Zeitepochen der Fall war. Wichtig ist, dass wir die Chancen, die sich in
1
Kimball, D., Emerging Church. Die postmoderne Kirche. Spiritualität und Gemeinde für neue Generationen, Asslar 2005, S. 25.
2
Weber, E., Pädagogik. Eine Einführung. Grundfragen und Grundbegriffe. Pädagogische Anthropologie. Phylogenetische (bio- und kulturrevolutionäre) Voraussetzungen der Erziehung, Bd. 1/Teil 1, Donauwörth 19958, S. 158-159.
3
Kraska, W., Unser Land braucht große Gemeinden, in: Große Gemeinden. Das Geheimnis ihres Wachstums, hg. v. R. Spincke; B. Kanwischer, Witten 2012, S. 9-10.
4
Müller, M., Trends 2016. Die Zukunft lieben, Basel; Gießen 2009, S. 35.
5
Gräb, W., Predigtlehre. Über religiöses Reden, Göttingen 2013, S. 26.
6
Holthaus, St., Trends in den 90ern. Eine Analyse unserer Zeit, in: Bibel und Gemeinde, Zeitschrift des Bibelbundes, Rieskirchen Nr. 4/1996, S. 302.
10
Einleitende Überlegungen
unserer Zeit bieten, missionarisch nutzen.7 Ich bin mit Wolfgang Kraska der Ansicht, dass gerade die Freikirchen in unserer von der Postmoderne geprägten Zeit enorme Möglichkeiten haben, missionarisch etwas zu bewegen und viele Menschen zu Jesus zu führen.8 Im Blick auf das Nutzen dieser Chancen haben wir uns zu fragen: Welche Faktoren gilt es besonders zu beachten, damit sich die Gemeinden durch missionarische Bemühungen entfalten und wachsen können? Es ist mir leider nicht möglich, auf alle Faktoren einzugehen. Ich konzentriere mich in diesem vorliegenden Buch auf die aus meiner Sicht wichtigsten, die ich in meinem Dienst als Pfarrer, den ich fast 40 Jahre lang wahrnehmen durfte, besonders berücksichtigt habe. Ich habe erlebt, dass die Gemeinden, in denen ich als Pfarrer tätig war, sehr stark gewachsen sind. So wuchs z.B. der Gottesdienstbesuch in der Freien Evangelischen Gemeinde Aarau, der im Jahr 2001 bei meinem Dienstbeginn etwa 25-30 Personen umfasste, innerhalb von zehn Jahren auf 220-240 Personen an. Zudem haben wir als Gemeinde in dieser Zeit in einer Nachbarregion, wo es noch keine Gemeinden gab, ein solche gegründet. Meine Beobachtungen gründen jedoch nicht nur auf eigene Erfahrungen, sondern auch auf denen von etwa 200 Gemeinden, in die ich als Berater und Besucher Einblick erhalten habe. Hinzu kommen die Ergebnisse, die ich aus dem Lehrdienst an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) Basel im Bereich der Praktischen Theologie gewinnen durfte. Bei der Entfaltung der einzelnen Faktoren, die es im Blick auf das Wachstum einer Gemeinde zu beachten gilt, fließt neben eher theoretischen Überlegungen (Lehrdienst) immer auch das mit ein, was ich in meinem Gemeindedienst (Pfarrer) ganz praktisch umgesetzt habe. Die Beispiele beziehen sich hauptsächlich auf die Umstände, die man in einer Freikirche findet. Es lässt sich vieles aber auch in der Landeskirche umsetzen, wenn man mutig ist und diese Faktoren ernst nimmt. Manch einer mag sich fragen, ob es denn wirklich alle diese Faktoren braucht, damit eine Gemeinde wächst. Ich meine, dass eine Gemeinde nur dann wachsen kann, wenn sie sich bemüht, diese einzelnen Faktoren, die ich in diesem Buch darlege, zu erfüllen. Ich entfalte in den einzelnen Punkten mehr oder weniger Selbstverständlichkeiten. Ich habe in keinem Faktor außerordentliche, nicht zu erreichende Dinge ausgeführt. Ich möchte mit diesem Buch nicht spezifische Problemlösungen wälzen, sondern Ideale aufzeigen, die realistisch und umsetzbar sind. Na-
7
Kubsch, R., Die Postmoderne. Abschied von der Eindeutigkeit, Holzgerlingen 2007, S. 77.
8
Kraska, W., Unser Land braucht große Gemeinden, in: Große Gemeinden. Das Geheimnis ihres Wachstums, S. 26.
Einleitende Überlegungen
11
türlich fallen einem die Dinge nicht einfach in den Schoss, aber unser Herr Jesus Christus erbarmt sich, wenn wir im Gebet und mit Fasten darum ringen. Ich danke all denen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben. Zunächst danke ich meiner Frau Christine, die mir in all den Jahren helfend zur Seite gestanden ist. Ich danke auch Dr. Stefan Schweyer, der mir wertvolle Anregungen im Bereich der Gottesdienstgestaltung gegeben hat. Besonders danke ich Stefanie Krebser, die das ganze Manuskript gründlich durchgearbeitet hat, und mir viele gute Vorschläge im Blick auf die Endfassung dieses Buches unterbreitet hat. Küttigen, August 2014 Armin Mauerhofer
1
Die Haltung zur Bibel
Wenn es um die Frage nach dem Bau der Gemeinde geht, bildet die Bibel dazu die Grundlage. Die Bibel sagt, was unter Gemeinde zu verstehen ist, wie sie strukturiert werden soll und welches ihr eigentlicher Auftrag ist. Sie sagt zudem, was die Gemeinde zu beachten hat, damit sie sich entfalten und wachsen kann. Weil der Bibel im Blick auf den Bau der Gemeinde eine grundlegende Bedeutung zukommt, haben wir uns zunächst mit der Bibel und der Frage, wie wir sie zu verstehen haben, zu beschäftigen. Wir brauchen ein klares Bibelverständnis und deutliche Vorstellungen davon, wie wir die Bibel auszulegen haben, bevor wir von der Bibel her aufzeigen können, welche Faktoren sich im Blick auf eine wachsende Gemeinde herauskristallisieren.
1.1
Was sagt die Bibel über ihre Verfasserschaft?
Zuerst beschäftigen wir uns mit der Frage, was die Bibel über sich selber sagt. Sie bezeugt von sich selbst, dass sie das Offenbarungswort Gottes an uns Menschen ist. Wichtige Stellen sind 2Tim 3,16 und 2Petr 1,20-21. Den Schriften des Alten Testamentes wird von Jesus ein absoluter Wahrheitsgehalt zuerkannt.9 Was Mose lehrte, ist für Jesus „Wort Gottes“ (Mk 7,10-13). Jesus bezieht sich auf alle drei Teile des hebräischen Kanons: Thora (Mt 4,4), Propheten (Mk 7,6) und Schriften (Mt 4,6). Für ihn ist das Alte Testament auch in seinen geschichtlichen Aussagen – ob es sich nun um Noah und die Sintflut handelt (Luk 17,26f) oder um Jona im Bauch des Fisches (Mt 12,40)10 – Wort Gottes. Jesus akzeptierte die Schrift als Autorität und zwar bis in ihre scheinbar unbedeutenden Bestandteile (Jota und Strichlein) hinein (Mt 5,18-19; Mk 7,10-13; Lk 16,17; Joh 10,35).11 John Wenham schreibt:
9
Stadelmann, H., Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses, Wuppertal 19963, S. 23. vgl. Marshall, H., Biblische Inspiration, Gießen; Basel 1986, S. 31.
10
Weitere Beispiele dazu siehe Ryrie, Ch. C., Irrtum ausgeschlossen! Wahrheit und Inspiration der Bibel im Kreuzverhör, Dillenburg 1996, S. 71-72.
11
Schnabel, E. J., Die Verwendung des Alten Testaments im Neuen, in: Das Studium des Neuen Testaments. Spezialprobleme, hg. v. H.-W. Neudorfer; E. J. Schnabel, Bd. 2, Wuppertal; Gießen 2000, S. 211.
14
1 Die Haltung zur Bibel
„Die Heilige Schrift ist für Jesus deshalb Heilige Schrift, weil sie in einer Weise, wie es bei anderen Schriften nicht der Fall ist, Gott zum Autor hat.“12 Auch die Apostel gehen von der Überzeugung aus, dass die Schriften des Alten Testaments von Gott eingegeben sind. Wiederholt verwenden sie im Neuen Testament die Ausdrücke „die Schrift sagt“ und „Gott sagt“ austauschbar (Röm 9,17; 10,11; Gal 3,8). Aussagen der Propheten gelten als Aussagen Gottes (Apg 13,34; 28,25-27). Paulus fasst diese Grundüberzeugung, dass Gott das Alte Testament eingegeben hat, in den umfassenden Worten zusammen: „Die ganze Schrift ist von Gott gehaucht und nütze zur Lehre, zur Erziehung …“ (2Tim 3,16). Dieser Satz fasst die Selbstaussage des Alten Testamentes gut zusammen und spiegelt getreu die Schrifthaltung Jesu wieder.13 Dass das Alte Testament für die neutestamentlichen Autoren Autorität hatte, kommt auch darin zum Ausdruck, dass das Neue Testament über 1600 Zitate und Anspielungen aus dem Alten Testament aufweist.14 Sorgfältige Studien dieser Zitate können in vielen Fällen zeigen, dass z.B. Paulus sie weder willkürlich aus dem Zusammenhang riss, noch unbekümmert seinen Absichten anpasste, sondern ihre ursprüngliche Bedeutung bewahrte.15 Auch für die Inspiration neutestamentlicher Schriften finden wir Hinweise im Neuen Testament. Wiederholt werden die neutestamentlichen Apostel als Offenbarungsträger auf eine Stufe mit den alttestamentlichen Propheten gestellt (1Petr 1,12-13; 2Petr 3,2.15.16). Dies macht klar, dass sich die Autoren des Neuen Testaments bewusst waren, dass die Schreiben, die sie verfassten, in ihrer Art und Autorität mit denen des Alten Testaments vergleichbar sind.16 Paulus ist davon überzeugt, dass er geleitet durch den Heiligen Geist „wahrhaftiges Gotteswort“ schrieb (1Thess 2,13). Petrus bezeichnet die Apostel als Menschen, die „euch durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist das Evangelium predigten“ (1Petr 1,12) und stellt in 2. Petrus 3,16 den „Corpus Paulinum“ den „übrigen Schriften“ gleich. Johannes warnt schließlich am Schluss der Offenbarung, nichts zu den Worten der Weissagung hinzuzufügen oder wegzunehmen (Offb 22,18-19).17 Mit dieser Aussage stellt er die Offenbarung auf dieselbe Stufe wie die Thora (5Mo 4,2).
12
Zit. nach Wenham, J., Jesus und die Bibel. Autorität, Kanon und Text des Alten und Neuen Testaments, Holzgerlingen 2000, S. 44.
13
Stadelmann, H., Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses, S. 24-25.
14
Schnabel, E., Die Lehre der Inspiration nach der Heiligen Schrift, in: Der Kampf um die Bibel. 100 Jahre Bibelbund (1894-1994), hg. v. S. Holthaus; Th. Schirrmacher, Bonn 1994, S. 87.
15
Schnabel, E. J., Die Verwendung des Alten Testaments im Neuen, in: Das Studium des Neuen Testaments, Bd. 2, S. 226.
16
Marshall, H., Biblische Inspiration, Gießen; Basel S. 33.
17
Stadelmann, H., Grundlinien eines bibeltreuen Schriftverständnisses, S. 25-29.
1 Die Haltung zur Bibel
15
Wir sehen, dass die Bibel unmissverständlich ihren göttlichen Ursprung bezeugt, ohne ihre menschliche Verfasserschaft zu leugnen, denn die menschliche Abfassung verhindert nicht, dass die Schrift als letztlich von Gott selbst stammend betrachtet werden kann.18 Diese Behauptung stimmt dann, wenn Gott sich in menschlicher Sprache adäquat ausdrücken kann. Genau dies wird heute bestritten. Man ist von I. Kant herkommend der Überzeugung, dass die unzulängliche, menschliche Sprache nicht in der Lage sei, transzendente Realitäten zu vermitteln. Diese Auffassung vertreten unter anderen F. Schleiermacher, R. Bultmann, E. Brunner, K. Barth und G. Ebeling. Dem ist entgegenzuhalten, dass der Gott der Bibel selbst Sprache gebraucht. Der Mensch hat insofern Anteil an der Sprache, als er im Bild Gottes geschaffen ist. Gott hat den Menschen so geschaffen, dass er mit ihm kommunizieren kann.19 Da Gott selbst Wahrheit ist, ist sein Reden immer wahr. Insofern er sich in seiner Offenbarung an den Menschen richtet und dessen Sprache gebraucht, bleibt das, was er sagt, doch Gottes Wort. Gott redet mit seinen Geschöpfen in endlicher Sprache, aber trotzdem seinem Wesen adäquat.20 Gott hat seine Offenbarung schriftlich gegeben, weil geschriebene Sprache dauerhaft, objektiv und übermittelbar ist. Dieser uns schriftlich gegebene Text der Heiligen Schrift ist Wort Gottes, so wie es Artikel III der Chicago-Erklärung sagt: „Wir bejahen, dass die Bibel als geschriebenes Wort in ihrer Ganzheit die von Gott gegebene Offenbarung ist.“21 Diese uns schriftlich vorgegebene Offenbarung darf nicht abgeändert werden (Spr 30,6; Offb 22,18f). Es gibt für uns zwischen Text und Offenbarung keinen Unterschied. Im Blick auf die Bildung des Kanons22 können wir sagen, dass Gott sein an uns gerichtetes Wort erhalten hat. Er wachte darüber, dass bei der Festlegung des
18
Schnabel, E., Inspiration und Offenbarung. Die Lehre vom Ursprung und Wesen der Bibel, Wuppertal 19972, S. 127.
19
Kinker, Th., Die Bibel verstehen und auslegen. Ein praktischer Hermeneutikkurs, Bd. 1, Bonn 2003, S. 152.
20
Schnabel, E., Inspiration und Offenbarung, S. 130-135.
21
Zit. nach ebd., S. 142.
22
Mitte des 4. Jhs wird das Wort „Kanon“ auf die Bibel angewandt, aber zunächst im griechischen Sinn als „Liste“, „Verzeichnis“ oder „Tabelle“. Die lateinisch sprechenden Kirchen übernahmen diesen Begriff noch in demselben Jahrhundert. Der Begriff „canon“ bekam aber bei ihnen die Bedeutung „Richtschnur“ und „Norm“. (Vgl. Swarat, U., Das Werden des neutestamentlichen Kanons, in: Der Kanon der Bibel, hg. v. G. Maier; Gießen; Basel; Wuppertal 1990, S. 29-30).
16
1 Die Haltung zur Bibel
Kanons des Alten23 und Neuen Testaments24 nur sein Wort berücksichtigt worden ist.25 Der Prozess der Kanonbildung ging von Gott aus. Er hat ihn durch seine Offenbarung angestrebt, weil er seine Offenbarung grundsätzlich als geschlossene Größe versteht (2Tim 3,16). Er hat ihn dann unter der Leitung des Heiligen Geistes zum Abschluss gebracht. Der Kanon ist also nicht das Produkt der Kirche, sondern das Produkt desselben göttlichen Geistes, der die einzelnen Schriften hervorgebracht hat. Die Kirche hat den Kanon nicht geschaffen, sondern den von Gott geschaffenen Kanon anerkannt.26 Wir lehnen den Versuch der historischkritischen Theologie ab, im vorgegebenen Kanon einen letztgültigen Kanon zu suchen, da uns die Offenbarung selbst dazu keine Kriterien gibt.
23
John Wenham weist im Blick auf die Festlegung des alttestamentlichen Kanons auf Josephus hin. Dieser ging davon aus, dass es unter Esra und Nehemia zur Sammlung, Vervollständigung und Anerkennung des alttestamentlichen Kanons kam. (Vgl. Wenham, J., Jesus und die Bibel, S. 158-160) Auch Gerhard Maier zeigt, dass der alttestamentliche Kanon schon 200 v.Chr. abgeschlossen war. Er leitet diese Überzeugung aus Äußerungen von Josephus, aus dem 4. Esra und der mischnischen Tradition ab. Zudem führten ihn Ergebnisse, die er bei Philo, aus den Makkabäerbüchern und aus dem Sirachbuch gewinnen konnte zu dieser Entscheidung. (Vgl. Maier, G., Der Abschluss des jüdischen Kanons und das Lehrhaus von Jabne, in: Der Kanon der Bibel, S. 13-14) Vgl. dazu auch Hahn, A., Canon Hebraeorum – Canon Ecclesiae. Zur deuterokanonischen Frage im Rahmen der Begründung alttestamentlicher Schriftkanonizität in neuerer römisch-katholischer Dogmatik, Zürich; Berlin 2009.
24
Uwe Swarat macht in seinen Ausführungen deutlich, dass die Gemeinde nie ohne apostolische Autorität war. Als nämlich die Apostel starben, traten sogleich ihre Schriften an ihre Stelle. Deshalb haben wir davon auszugehen, dass das Nues Testament in seinen Hauptteilen (Evangelien, Paulusbriefe, Johannesoffenbarung, 1. Petrusbrief und 1. Johannesbrief), das sind mehr als drei Viertel seines heutigen Umfangs, von den Gemeinden im 1. Jahrhundert anerkannt und gebraucht (vorgelesen) wurden. Es gab aber Schriften, die erst im Verlauf des 2. Jahrhunderts und dann erst noch den Regionalkirchen entsprechend (die westliche, lateinisch sprechende Kirche, die östliche und syrische Kirche), den Weg ins Leben der Gemeinden fanden. Die endgültige Abgrenzung auf den Umfang von 27 Schriften, für die sich Athanasius eingesetzt hatte, wurde auf der römischen Synode (382), der Synode von Hippo Regius (393) und von Karthago (397) vorgenommen. (Vgl. Swarat, U., Das Werden des neutestamentlichen Kanons, in: Der Kanon der Bibel, S. 27-29.43-44).
25
Maier, G., Grundlinien eines biblischen Schriftverständnisses, in: Theologische Auseinandersetzung mit dem Denken unserer Zeit, Bd. 3, Neuhausen-Stuttgart 1984, S. 52.
26
Maier, G., Biblische Hermeneutik, Wuppertal; Zürich 1990, S. 132-134.
3 Die Struktur der Gemeinde mit Ältesten und Diakonen
3.5.6
89
Diakone und Diakoninnen ermöglichen eine gute Leitung der Gemeinde durch die Ältesten
Alle Diakone/Diakoninnen, die aufgabenorientierte oder administrative Aufgaben wahrnehmen und die Hauskreisleiterehepaare, die im betreuenden Bereich arbeiten, können die Ältesten stark entlasten, so dass diese Zeit haben, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen – nämlich die Gemeinde seelsorgerlich zu leiten.
Wenn in einer Gemeinde zu wenig Diakone/Diakoninnen und Hauskreisleiterehepaare die große Arbeit mittragen helfen, entstehen Spannungen. Viele Gemeindeglieder fühlen sich übergangen und nicht ernst genommen. Die Ältesten sind überlastet. Nur wenn in einer Gemeinde die vielfältigen Aufgaben durch den Dienst von Diakonen/Diakoninnen und Hauskreisleiterehepaare erfüllt werden, können Älteste wirklich führen. Das Wort Gottes kann von einer gut geführten Gemeinde besser aufgenommen und in die Tat umgesetzt werden als von einer Gemeinde, die wegen der mangelnden Mitarbeit durch die Diakone/Diakoninnen kaum geführt werden kann.