Skip to main content

143962

Page 1

HANS-RUDOLF BACHMANN

KLEINE SCHULE DES SCHWEIGENS

arteMedia 1


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Der Autor: Hans-Rudolf Bachmann, geboren 1950, verheiratet mit Kathrin Bachmann-Schaub, vier erwachsene Söhne. Gehört zum Drittorden der Kommunität Diakonissenhaus Riehen. Studium der Theologie. Nach ersten Erfahrungen im Pfarramt von 1989–2003 theologischer Mitarbeiter im Sinnhotel Scesaplana in Seewis. Zurzeit Pfarrer der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Othmarsingen. Ausbildung zum Exerzitienleiter. Musik, Malerei und Sprache sind ihm von Kindsbeinen an lieb und wichtig.

ISBN 978-3-905290-62-2

Alle Rechte vorbehalten © 2011 by Verlag arteMedia in Riehen/Basel www.arte-media.ch Umschlaggestaltung: Victor Winteler unter Verwendung eines Gemäldes von Hans-Rudolf Bachmann Druck: CPI Ebner & Spiegel GmbH, Ulm Printed in Germany

2


Meinen Eltern – sie sind meine frühesten Lehrmeister in diesen Dingen und den Schwestern der Kommunität Diakonissenhaus Riehen, die – nahe der lauten Stadt – zum Schweigen Sorge tragen.

3


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

7

Einleitung

9

Erinnerungen an das Schweigen

15

Das Schweigen und unsere Wörter

19

Schweigen und Zerstreuung

23

Schweigen als Gefäß der Stimme Gottes

28

Schweigen und Umkehr

32

Abgründe des Schweigens

37

Worte der Bibel im Schweigen

42

Unterscheidungen im Schweigen

48

Schweigen und Anbetung

53

Unser Schweigen und Gottes Schweigen

58

Bücher, die mich inspiriert haben

63

5


Vorwort Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. (Benediktusregel Prolog 45) Die »kleine Schule des Schweigens«, eine leuchtend klare Perle geistlichen Lebens, ist über Jahre im Innern des Autors gereift. Sensibilität, Lernbereitschaft, Übung, geistliche Erfahrung, Leben aus der lebendigen Beziehung zum dreieinen Gott und die Gabe differenziert und farbig zu schreiben bilden den Hintergrund der Perle. Hans-Rudolf Bachmann ist erfahren im Schweigen. Er übt es in unterschiedlichen Formen und hat die Gabe, seine Alltagserfahrungen geistlich zu deuten. In der vorliegenden Schrift lässt er zahlreiche Facetten der heilvollen Kunst »Schweigen« aufleuchten, die wir natürlicherweise nicht mit spirituellem Schweigen in Verbindung bringen. Sie machen uns vertraut mit dem stets neu zu hebenden Reichtum geistlichen Lebens. Warum sollen wir schweigen lernen? Schweigen ist uns zumal doch als peinliche Reaktion vertraut, wenn es uns die Sprache verschlägt, wenn uns die Worte fehlen, wenn wir stumm und starr stehen. Die vorliegende Schrift lädt uns dazu ein, eine einzigartige Schule zu besuchen, die uns im Wesentlichen unterrichtet. Wir erlernen eine neue Sprache. Es ist die Sprache des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Sie führt zur Mitte, dorthin, wo uns oft der Zugang fehlt: zu Christus, zu unserem Selbst, dann zu unseren Mitmenschen und der Mitwelt. Es ist die Sprache der achtsamen Wahrnehmung, der geistlich verarbeiteten 7


Erlebnisse: Der klare Bergsee zum Beispiel weist über sich selbst hinaus und wird so zum Bild für die tiefgründige Wirklichkeit des Schweigens. Kann unser Herz, der innerste Raum unseres Seins, still und klar sein wie ein Bergsee, auch wenn äußere Stürme brausen? Nicht allein die Natur ist Gegenstand der geistlichen Reflexion: Der Nächste und Allernächste, ich selbst in meinem Verhalten, meine innere Wahrheit, meine Beziehungen. Alles ist eingebettet in die lebendige Beziehung zu Jesus Christus und zum Wort der Heiligen Schrift. Dieses Büchlein hat nicht viele Seiten. Die wenigen Seiten aber sind dicht und tragen einen Mehrwert. Im Jahr der Stille 2010 waren die vorliegenden zehn Impulse einmal pro Monat im Abendgebet der Kommunität Diakonissenhaus Riehen eingebettet, vorgetragen von Hans-Rudolf Bachmann. Sie mündeten jeweils in einen Übungsauftrag. Wer die Hausaufgabe mitnahm wurde belohnt: mit einer größeren Sensibilität für Gott und sein Wirken, mit einem weiten Herzen, das die Dinge neu sehen lernt. Hans-Rudolf Bachmann und seine Frau Kathrin sind Mitglieder des Drittordens der Kommunität Diakonissenhaus Riehen. Sie leben verbindlich – zurzeit noch in räumlicher Distanz – mit der Kommunität. Sie bewegen sich unter uns als Lernende und als Lehrende und verstehen mit uns in Anlehnung an die alte Benediktusregel das kommunitäre Leben als »Schule für den Dienst des Herrn« (Benediktusregel Prolog 45), deren Lehrer Christus und deren zentraler Lerninhalt das Evangelium ist. Sr. Doris Kellerhals, Oberin der Kommunität Diakonissenhaus Riehen 8


EINLEITUNG

Irgendwo … sollte eine Schule der Aufmerksamkeit und des Schweigens gegründet werden. (Paul Claudel)1

W

ie ich selbst das Schweigen entdeckt habe? Musik – sie ist Geschenk meiner Mutter in meine Kindheit hinein – Musik gehört zu meinen allerersten Lehrmeistern. Nirgendwo habe ich das Ganz-Ohr-sein so intensiv geübt, wie beim Hören von Musik. Von ihr sagt Max Picard: »Musik ist Schweigen, das, träumend, anfängt zu tönen. Nie ist das Schweigen mehr hörbar, als wenn der letzte Ton der Musik vergangen ist.«2 Eine meiner frühesten Erinnerungen ist jener Ärger, der über mich kam, wenn am Radio Nachrichten gesendet wurden. Denn dies bedeutete immer, dass die Musik aufhörte. – Mein Vater zählte sich nicht zu den Musikalischen. Doch auch er verstand sich auf stille Dinge. Unzählige Male sind wir miteinander unterwegs gewesen im Wald. Er lehrte mich, alle meine Sinne zu gebrauchen, ganz da zu sein, zu schauen und zu staunen. – Sobald ich als Kind alleine bis zum Wald gehen konn1

2

Zitiert in Ruhbach, S. 68 Picard, S. 21

9


te, war ich oft dort zu finden. Ich liebte es, ganz alleine zu verweilen. Irgendwie war da etwas, das sich in mir zu Wort melden wollte, das nur in solcher Stille des Waldes wahrgenommen werden konnte. – Einmal war ich lange krank und musste das Bett hüten. Da kam meine Großmutter zu Besuch. Als Geschenk brachte sie mir Blumen. Auf einen Stuhl neben meinem Bett stellte sie eine Azalee mit vielen noch geschlossenen Blüten und sagte zu mir: »Jetzt kannst du zuschauen, wie die Blütenknospen langsam aufgehen.« Von da an hingen meine fiebrigen Augen buchstäblich an den sich langsam öffnenden Wundern. Ja, diese Frau gehörte auch zu meinen Lehrmeistern in stillen Dingen.…… ………………. Später dann lernte ich Traugott Schelker kennen, meinen langjährigen, blinden Seelsorger. Die folgende Episode habe ich während meiner Studentenzeit festgehalten: Es meldete sich bei ihm ein Professor zum Gespräch. Er trat ein, setzte sich an den Tisch und begann zu erzählen und zu analysieren. Wortgewandt entfaltete er seine Situation. Es blieb keine Wortspalte frei für sein blindes Gegenüber. Im Inneren des Seelsorgers aber bewegte sich viel. Als gelernter »Wegglibeck« fühlte er sich solch gelehrtem Reden nicht gewachsen. Nicht wissend blieb er vor seinem großen Gott. Nach gut einer Stunde fiel die ununterbrochene Rede wie in sich zusammen. Der Professor schaute den Seelsorger an und fragte: »So, was säged Sie jetz?« – »Herr Profässer, Sie müend lehre schwige. Und Ihne fählt s Du.« Ohne auf eine Antwort zu warten stand der Blinde auf: »Uf 10


widerluege, Herr Profässer!« Nachdem dieser gegangen war, schüttelte es den erfahrenen Seelsorger: »Was han i jetz aagrichtet! Dä chund ganz sicher nie meh.« Er ging hart mit sich ins Gericht und ließ dann alles wieder los. Nach zehn Tagen klingelte das Telefon. Es war der Professor: »I muess unbedingt wider zuenene choo. Es zieht mi mit hundert Ross an Ihre Tisch.«………………………………………………………………... Durch Traugott Schelker stieß ich auf Erich Schick. Die Begegnung mit ihm war für mich so etwas wie das Herzstück meines Studiums. Hans Bürki – einer seiner Schüler – beschreibt Erich Schicks Gesprächsführung so: »Oft im Gespräch konnte er für einige Sekunden – oder waren es Minuten – versinken, aber ich empfand das eigentlich nie störend, sondern er half mir selbst zu einer Besinnung, und ich habe ihn dabei nie unterbrochen. Und aus diesem Wegtreten oder dieser Stille kamen dann einzelne Sätze sehr langsam, oft wie Fragen, und es schien, sie kämen aus einer anderen Welt. Es waren aber nicht Sätze der Illusion, der Verschleierung, sondern der höchsten Transparenz, der Klarheit, der Durchsichtigkeit. Überhaupt ist Klarheit und Verklärung eines seiner Lieblingsworte, und ich glaube, es bezeichnet auch sein Wesen – ein verklärter Mensch in einem ganz unschwärmerischen Sinn.«3 Erich Schick verfasste eine Schrift mit dem Titel »Heiliges Schweigen«.……

3

Zitat aus Friso Melzer »Erich Schick zum Gedächtnis« in Evangelisches Missionsmagazin, Heft 4, 1974, S. 214

11


Durch Erich Schick wiederum lernte ich die prophetischen Worte Kierkegaards kennen: »Schaff Schweigen, hilf andern zum Schweigen! Wenn man, wozu man dem christlichen Verständnis nach gewiss berechtigt ist, den jetzigen Zustand der Welt betrachtet, das ganze Leben, wie es nun ist, dann müsste man sagen: Es ist eine Krankheit. Und wenn ich ein Arzt wäre und mich jemand fragte: Was meinst du wohl, was getan werden sollte? – ich würde antworten: das erste, die unbedingte Bedingung dafür, dass überhaupt etwas getan werden kann, also das erste, das geschehen muss, ist: Schaff Schweigen, hilf andern zum Schweigen! Gottes Wort kann nicht gehört werden; und soll es durch lärmende Mittel bedient, ausgeschrien werden, um in all dem Spektakel noch mitgehört zu werden, dann wird es nicht Gottes Wort. Schaff Schweigen! O alles lärmt, und wie man von einem hitzigen Getränk sagen kann, dass es das Blut erregt, so ist in unsrer Zeit jedes, auch das unbedeutendste Unternehmen, auch die nichtssagendste Mitteilung nur darauf berechnet, die Sinne aufzupeitschen, die Massen in Bewegung zu bringen, die Menge, das Publikum, den Lärm! Und der Mensch, dieser gerissene Kopf, ist wie schlaflos geworden, um immer neue Mittel zu erfinden, den Lärm zu vermehren und ihn mit dem größtmöglichsten Maßstab zu verbreiten. ………………………………………………………….. Ja, das Umgekehrte ist bald erreicht, die Mitteilung ist schon bald an dem tiefsten Punkt der Inhaltslosigkeit angelangt, und gleichzeitig haben die Mitteilungsmittel das Höchste erreicht in Richtung auf hastige und alles überschwemmende Ausbreitung, 12


und andrerseits, was hat größere Ausbreitung als das Gewäsch! O schaff Schweigen!«4………… ……………. Zur erschütternden Erfahrung aber wurde mir die Welt des Schweigens erst, als ich selbst anfing bei der Jesus Bruderschaft in Gnadenthal das Schweigen zu üben. Was ich dort im Schweigen erleben und lernen durfte, das gehört für mich zum Wertvollsten überhaupt. Wer das Schweigen wählt (und dafür von seinem Umfeld freigegeben wird), tritt ein in einen Prozess, den Willi Lambert – im Zusammenhang mit den geistlichen Übungen des Ignatius – so skizziert: »Der Rückzug in die Einsamkeit, die Absonderung ist der Wechsel des Herrn, dem man dient … Die Stille und Einsamkeit sollen helfen, im Finden des Willens Gottes echte, selbständige Entscheidungen zu treffen … Die Einsamkeit ist ein Raum, in dem die Freiheit ihre zersplitterten Kräfte wieder sammeln kann … Die Einsamkeit der geistlichen Übungen ist die Entscheidung dafür, man selber sein zu wollen: nicht von anderen für sich denken und entscheiden zu lassen, das eigene Ich nicht zu delegieren, sondern sich auf die Wirklichkeit der eigenen, unverwechselbaren Existenz einzulassen.«5 Die Übung des Schweigens ist Baustein jenes wichtigen Anliegens, das der Apostel Paulus seinem geistlichen Sohn Timotheus ans Herz legt: »Habe acht auf dich selbst und die Lehre!« (1Tim 4,16).

4 5

Zitat aus Schick »Lobpreis der Stille«, S.19 Lambert, S. 34

13


Gedanken über das Schweigen können nur Ermutigung zum eigenen Üben sein. Durch bloßes Nachdenken wird man es niemals entdecken.

Vorübung: Leben Sie in den kommenden Tagen mit der bekannten Strophe von G. Tersteegen. Leben Sie singend … Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten, und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

14


ERINNERUNGEN AN DAS SCHWEIGEN

Wo das Wort aufhört, fängt zwar das Schweigen an. Aber es fängt nicht an, weil das Wort aufhört. Es wird nur dann deutlich. Das Schweigen ist ein Phänomen für sich. (Max Picard)6

I

m Jahr der Stille wurde viel von Schweigen und von Stille gesprochen und manches auch geübt. Doch: Was ist Schweigen? Ist uns klar, was wir damit bezeichnen? In kleinen Schritten will ich versuchen, mit Ihnen darüber nachzudenken. Heute ermuntere ich Sie, sich in den kommenden Tagen einen Moment Zeit zu nehmen, um Erlebnissen nachzuspüren, bei denen Sie den Eindruck haben: Da erlebte ich etwas von dem, was Schweigen sein könnte. Lassen Sie mich – um Ihre Erinnerungen zu wecken – einige Beispiele erwähnen, die mir beim Vorbereiten eingefallen sind: Verschiedene Male nahm mein Vater meinen Bruder und mich auf Bergtouren mit. Damit wir sorgfältig 6

Picard, S. 9

15


auf den Weg (und auch auf unsere Kräfte) achteten, legte er immer Wert darauf, dass wir während des Gehens nicht redeten. Schon dieses achtsame Nichtreden war eine besondere Erfahrung. Das Schweigen aber berührte mich aus einem andern Grund: Wir brachen immer sehr früh, vor Tag, auf und marschierten in den langsam anbrechenden Tag hinein. Dieser wortlose Gang durch die Nacht kam mir als Erstes in den Sinn, als ich versuchte mich an meine Schweige-Erlebnisse zu erinnern. Nichts war da zu hören als unsere Schritte, und die waren aufgehoben in einem gewaltigen Raum des Schweigens. Noch verstärkt wurde dies, wenn wir auf den Skiern im frischen Schnee unterwegs waren. Frisch verschneite Landschaften erlebte ich immer ganz besonders schweigsam, als hätte der Winter das Amt, das Schweigen zu hüten. ………………………………………………. Noch etwas begleitet mich seit jenen Touren: Der Bergsee. Wie können uns diese kleinen Seen überraschen mit ihrer Ruhe, Klarheit und Leuchtkraft. Und wie können sie zum Spiegel werden, zum Spiegel von allem, was sie umgibt, ja zum Spiegel des Himmels! Der ruhige, klare Bergsee ist für mich so etwas wie ein Leitbild zu unserem Thema: Er weckt in mir eine tiefe Sehnsucht. Eben, dass mein Herz wenigstens von Zeit zu Zeit wie ein Bergsee werde, in dem sich der Himmel spiegeln kann. Der Bergsee macht mir aber auch bewusst, wie so Vieles schnell Unruhe bewirken kann. Während beim Bergsee Wind und Wetter über ihn verfügen, ist es bei uns anders: Wir haben eine Verantwortung für den Zustand un16


seres Herzens. Ob sich da Schweigen ausbreiten kann wie ein spiegelnder Bergsee, das hängt weniger von äußeren Stürmen und anfallenden Arbeiten ab, sondern es hängt viel mehr mit inneren Aufgaben zusammen, die wir aktiv anzugehen haben.… Kürzlich besuchte ich ein Konzert des großen Kletzmer-Musikers Giora Feidmann. Er spielte zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester. Am andern Tag habe ich mir einige Notizen gemacht, damit ich das Erlebte etwas länger festhalten kann. Daraus ein paar Gedanken: »Der letzte Satz des Stückes vor der Pause heißt ›Prayer‹, Gebet. Still klingt es aus. Doch nun – ist es der Höhepunkt des ganzen Abends? – während des letzten, langen, immer leiser werdenden Tons erhebt Giora Feidmann die eine Hand, gebietend, ohne ein einziges Wort. Auch der Dirigent steht da, lässt seine Arme unbeweglich erhoben. Die Musik mündet ein in tiefes und andauerndes Schweigen. Noch nie habe ich so etwas erlebt. Als würden alle nach dem Gebet noch vor dem unergründlichen Geheimnis Gottes stehen bleiben. Oder als müssten alle Klänge wieder zu ihrem Ursprung heimkehren. Erst dann – wie lange dauerte wohl das Schweigen? – lässt Giora Feidmann seine Hand fallen. Der Dirigent folgt ihm und ein großer Applaus setzt ein.« Ja, Schweigen ist nicht Leere. Schweigen ist etwas sehr Dichtes. Es wäre in jenem Konzert unsäglich viel verloren gegangen, wäre jene Zeit des Schweigens nicht gewesen. Und wir ahnen gar nicht, was in unseren Gesprächen und in unseren Gottesdiensten verlorengeht, wenn sie ohne Schweigen sind. Schweigen ist 17


nicht Leere, Schweigen ist ein kostbares, aber sehr zerbrechliches und gefährdetes Gefäß. Darum haben wir zu ihm ganz besonders Sorge zu tragen. Die tiefste Erfahrung dessen, was Schweigen ist, machte ich bald nach der Geburt unseres ersten Sohnes. Ich saß in der Stube und hielt den Kleinen in meinen Armen. Unsere Augen fanden sich. Die Worte waren noch nicht da. Aber der Kleine schaute mich an mit Augen des Schweigens. Was wird sich alles aus diesem Schweigen entfalten? Ja, entfalten wird es sich. Denn gegenwärtig ist es schon. In seinem Schweigen schwingt die ganze Fülle mit, alles, was sich da einmal ausdrücken wird – und noch viel mehr. Seine Worte werden sich aus seinem Schweigen entfalten, nicht bloß auf das Schweigen folgen. Wenn ich Sie darum hinführen will zum Schweigen, dann habe ich nicht vor, von Leere zu reden und auch nicht das Verstummen zu predigen. Schweigen ist für mich ein Ort größter Dichte, hat mit Lebendigkeit und Entfaltung zu tun.

Übung 1: Nehmen Sie sich bis zum nächsten Mal einen Moment Zeit und suchen Sie nach eigenen Erlebnissen, in denen Sie das Schweigen berührt hat.

18


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook