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Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Krampf, Gerhard J.: Briefe aus der Neuen Welt – Auf den Spuren der Chrischonabrüder unter den deutschen Einwanderern in den Vereinigten Staaten 1845–1950 arteMedia 2005 ISBN 978-3-905290-36-3

Inhalt

Geleitwort

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Vorwort

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Initiant – Förderer – Begleiter Der Initiant Der Förderer Der Begleiter

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Pionierjahre 1845–1860 Auswandererschicksale und Hoffnungen Aufbruch in Texas Die Reaktion auf St. Chrischona Gemeindegründungen und -aufbau

17 18 19 22 28

Bürgerkrieg und die Nachkriegsjahre 1860–1869 Ein Haus im Zwiespalt Hilfe tut Not Texas als Herausforderung Vom Süden in den Norden Kirchenschulen und Kirchenmusik

41 43 47 54 60 66

ISBN 978-3-905290-36-3 © 2005 by Verlag arteMedia in Riehen/Basel 2., überarbeitete und ergänzte Auflage 2008 Umschlaggestaltung: Victor Winteler Druck: St. Johannis-Druckerei, 77922 Lahr Printed in Germany

Expansionsjahre 1870–1879 Folgen des Deutsch-Französischen Krieges Das Band der Gemeinschaft Und wenn die Welt voll Teufel wär Neue Arbeitsfelder im Westen

73 74 78 83 93


Grenzen des Wachstums 1880–1889 Auf dass sie alle eins seien Synoden im Umbruch Hoher Besuch von St. Chrischona Arbeitgeber- und Arbeitnehmerprobleme

101 102 108 118 132

Depressionsjahre 1890–1899 Probleme der Indianermission Ernüchterungen und Enttäuschungen Stadtpastoren in multikulturellem Umfeld Feiern und Loben Kirche und Politik

134 135 140 148 153 156

Progressive Jahre 1900–1919 Die Mormonenkirche Russland-Deutsche und Mennoniten Ein Blick zurück Deutschtum in Mißkredit

162 164 167 172 179

Zwischenkriegsjahre 1920–1939 Neue Chancen 75 Jahre Texas Synode Wirtschaftliche und geistliche Depression

189 190 197 199

Zweiter Weltkrieg und die Folgen 1940–1950 Die Reihen lichten sich

204 207

Wer sie waren

209

Literaturverzeichnis

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Quellen

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Anhang

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Geleitwort

N

achdem bis heute die Geschichte der Pilgermission St. Chrischona vor allem in Jubiläumsschriften nachzulesen war, gab es in letzter Zeit Veröffentlichungen, die sich vermehrt mit der Geschichte von Chrischona in einzelnen Themen beschäftigt hatten. Immer wieder wurden biographische Schriften zu verschiedenen Persönlichkeiten rund um Chrischona oder speziellen Abschnitten innerhalb ihrer Geschichte verfasst. Eine Gesamtschau von der Gründung, dem Werdegang und ihrer Wirkung in gesellschaftlicher wie theologischer Hinsicht des vor über 165 Jahren gegründeten Werkes gibt es bis heute nicht. Erfreulicherweise schließt nun Gerhard J. Krampf mit der »Geschichte der Chrischonabrüder in Amerika« eine Lücke. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die Epoche von 1845 bis 1950 zu einer der wesentlichen in der amerikanischen Kirchengeschichte zählt. Dass der Gründer der Pilgermission, Christian Friedrich Spittler, ein offenes Ohr hatte für die Hilferufe aus Amerika, bezeugt zweifelsohne Pioniergeist und Mut für die Anliegen des Reiches Gottes, die kennzeichnend für seine Persönlichkeit waren. Der Beitrag der Pilgermission für die Entwicklung der Kirchen in Nordamerika ist beeindruckend. Mehr als dreihundertfünfzig Chrischonabrüder wurden entweder direkt nach Studienabschluss nach Amerika ausgesandt, oder sie entschieden sich zu einem späteren Zeitpunkt für den

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Dienst in den USA. Der Autor geht ihren Spuren nach, dokumentiert ihre Geschichte in authentischen Zeugnissen, Briefen und Berichten. Das eine oder andere mag einen heute zum Schmunzeln verleiten, anderes stimmt aber auch nachdenklich. Die Brüder suchten und fanden ihren Weg und Platz in der Neuen Welt auf oft abenteuerlichen Wegen, geprägt von Glaubensmut trotz Entbehrungen, Krankheiten und Rückschlägen. Gerhard J. Krampf legt ein Dokument vor, das in mancher Hinsicht beispielhaft ist für die Geschichte der Pilgermission St. Chrischona. Mit Akribie und Leidenschaft ist er den Spuren der Chrischonabrüder in Amerika nachgegangen und hat so vergessene Pioniertaten und ein Stück Missionsgeschichte in Erinnerung gerufen. Dr. Markus Müller Direktor der Pilgermission St. Chrischona

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Vorwort

A

ls Sohn eines Missionsehepaars wurde ich sehr früh mit Erzählungen aus der Mission vertraut. Schon in jungen Jahren zeigte ich Interesse an Geschichten fremder Länder und Menschen. Daher durchsuchte ich auch bei Gelegenheit im Studierzimmer meines Vaters die dort liegenden »Glaubensboten«, das Nachrichtenblatt der Pilgermission St. Chrischona, nach Abenteuergeschichten aus der Mission. Dabei sind mir auch die Berichte und Adressen von deutschen Amerika-Missionaren in Texas, Kansas, Nebraska, Missouri in die Hände gekommen. Durch die Lektüre solcher Missionsberichte, aber auch der Indianergeschichten aus Coopers »Lederstrumpf«, wurde meine Phantasie beflügelt und ich wünschte mir, einmal Amerika bereisen zu können. Viele Jahre später verwirklichte ich diesen Wunsch und reiste – zwar nicht als Missionar – sondern als frisch verheirateter Jungkaufmann zur Ausbildung in Marketing in die USA, wobei ich im Laufe des Studiums interessante Parallelen zwischen Mission und Marketing feststellen konnte. In der Ausbildungszeit und bei späteren beruflichen Aufenthalten in den USA hatten meine Frau und ich die Gelegenheit, das geistliche und gesellschaftliche Leben verschiedener Denominationen kennen zu lernen. Nach meiner Pensionierung vom Berufsleben bin ich auf den Gedanken gekommen, den Spuren der Chrischona Missionare in Amerika nachzugehen und sie in einen geschichtlichen Zusammenhang zu

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stellen. So ist dann dieses Buch entstanden. Es ist kein wissenschaftliches kirchengeschichtliches Werk, kein Roman, auch keine Anekdotensammlung, sondern eine Zusammenfassung von ausgewählten Briefauszügen und Berichten der Chrischonabrüder aus den verschiedensten Kirchen und Staaten Amerikas. Dabei bin ich von der einwanderungsgeschichtlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Amerikas zwischen 1845 und 1950 ausgegangen. Speziell die Pionierjahre in der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche von Texas, dem größten Arbeitsfeld der Chrischonabrüder, sind ausführlich beschrieben worden. Korrespondenzen und Berichte habe ich chronologisch und thematisch gegliedert, wo nötig übersetzt und kommentiert. Ich habe dazu die einschlägige Fachliteratur konsultiert, bin den Quellen von Synodalberichten und Protokollen nachgegangen, und habe wo nötig im Text darauf hingewiesen. Das Kernstück des Buches, die Briefe und Berichte, habe ich so weit möglich mit Absender und Datum versehen. Sie sind der heutigen Schreibweise angeglichen und meist gekürzt wiedergegeben. In den starken Auswanderungsjahren hatten zahlreiche deutsche und schweizerische Missionshäuser, theologische Seminare und Vereine eine große Zahl von Seelsorgern zu den deutschsprachigen Einwanderern in Amerika gesandt. Dies geschah auf dringendes Ansuchen von reformierten, lutherischen und anderen protestantischen Kirchen, respektive deren Vertreter in Amerika. In diesem Sinne entstand ein Missionsfeld mit ganz besonderen Merkmalen. Der Beitrag von Chrischona in den Jahren 1850 bis zum 2. Weltkrieg mit seinen gut dreihundertfünfzig Sendboten war anteilmäßig beachtlich, vor allem aber bemerkenswert in seiner Art.

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Ein vertieftes Studium dieser kirchen- und immigrationsgeschichtlichen Ereignisse wäre vor allem dann interessant, wenn es gelänge, die Zusammenhänge zwischen den zahlreichen Missionshäusern und Seminaren im deutschsprachigen Europa und den zahlreichen Synoden in Amerika zu analysieren, mit ihren Auswirkungen auf das religiöse Leben in den USA. Jedenfalls war für mich die Geschichte der Chrischonabrüder in Amerika, auch als Stückwerk, eine befriedigende Arbeit und ein eindrückliches Geschichtserlebnis. Abschließend möchte ich meinen amerikanischen Freunden und Bekannten aus den verschiedenen Kirchen für ihre Mithilfe bei der Beschaffung von Dokumenten und Daten danken, besonders Rev. Luther W. Oelke von der ELCA Seguin, Texas. Ferner haben mir nahestehende Fachleute mit der Durchsicht der Manuskripte, mit Korrekturen und Anregungen einen wertvollen Dienst erwiesen. Ein besonderer Dank gilt dem Theologen Pfr. Dr. Jochen Eber, dem Pädagogen Dr. Max Röthlisberger, dem Psychologen Dr. Werner Gasser und nicht zuletzt meiner Frau Anneliese für ihre kritisch-konstruktive Projektbegleitung. Gerhard J. Krampf Juni 2005

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Initiant – Förderer – Begleiter

D

ie nachfolgende Geschichte der Chrischonabrüder in der Neuen Welt Amerika ist ein beachtlicher Teil der eindrücklichen, weitverzweigten Chrischona-Missionsgeschichte. Es ist daher mehr als angebracht, die drei verantwortlichen Persönlichkeiten auf St. Chrischona vorzustellen und in die gut hundertjährige Chrischonageschichte in Amerika einzubeziehen. In den verschiedenen Phasen hatten sie, zusammen mit ihren Komitees zu entscheiden und zu handeln.

St. Chrischona mit erstem Brüderhaus 1860.

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Der Initiant: Christian Friedrich Spittler (1840–1867) Der 1782 geborene, württembergische Pfarrerssohn C. F. Spittler, entwickelte sich vom Verwaltungsangestellten zu einem Unternehmer im Reiche Gottes. Seine geistliche Laufbahn begann 1801 als Sekretär der Deutschen Christentumsgesellschaft in Basel. In der Folge rief er dreißig missionarisch-diakonische Werke ins Leben, darunter die Basler Bibelgesellschaft, die Basler Missionsgesellschaft und das Riehener Diakonissenhaus. Sein liebstes Werk sollte aber die Pilgermission St. Chrischona werden. Die Entwicklung in eine Predigerschule erfolgte stufenweise. Die Ausbildung der Kandidaten fand unter harten Lebensbedingungen statt. Anfänglich mussten die Brüder eigenhändig Bauarbeiten ausführen und für Haushalt und Lebensunterhalt sorgen. Für den Einsatz seiner Brüder hatte Spittler keinen festen Plan. Er wollte sie je nach Bedarf, gemäß ihren Fähigkeiten, in den Dienst Gottes stellen. Sie wurden eingesetzt als Bibelkolporteure, Werkmissionare in Afrika, Katecheten in Kirchgemeinden und Seelsorger in Heimen und Anstalten. Mit der Einwanderungswelle in Amerika, Mitte des 19. Jahrhunderts, tat sich auf dem nordamerikanischen Kontinent ein großes Missionsfeld auf. Es kamen Hilferufe von deutschen und schweizerischen Einwanderern sowie Kirchenbehörden, die dringend nach evangelischen Seelsorgern verlangten. Auch C. F. Spittler konnte sich diesen

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Gesuchen nach geistlicher Nothilfe nicht verschließen. Von den Erlebnissen dieser Glaubensboten, die in der Folge den Atlantik überquerten, und dort angekommen deutschsprachige Kirchgemeinden gründeten und betreuten, handelt die nachfolgende »Geschichte der Chrischonabrüder in der Neuen Welt«. In der Aufbauphase war Spittler die treibende Kraft. Er bewirkte, dass rasch gehandelt wurde und dass die zur Aussendung bestimmten Kandidaten eine zweckgerechte Vorbereitung, sowie eine anerkannte Ordination für den Kirchendienst erhielten. Er stellte die Verbindung zu den Evangelischen Synoden her, welche in Amerika die Chrischonabrüder in ihre Dienste nahmen. Er bemühte sich um die Reservation und die Bezahlung der Schiffspassagen und scheute keine Mühe, nach Möglichkeit den Brüdern mit Wort und Tat beizustehen. Und dies alles gleichzeitig zu dem gewagten Missionsprojekt »Apostelstraße«, dem Aufbau einer Kette von Missionsstationen von Jerusalem über Ägypten nach Äthiopien. 1867 starb Christian Friedrich Spittler, zu einem Zeitpunkt, als sich das Werk in einer personellen und finanziellen Krise befand. Er war jedoch getrost, dass Gottes Hilfe nicht ausbleiben werde.

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Der Förderer: Carl Heinrich Rappard (1868–1909) Nach dem Tode von C. F. Spittler berief das Komitee Carl Heinrich Rappard, geboren 1837 im Kanton Waadt, zum neuen Inspektor des Missionswerkes. Der junge Rappard war 1861–1864 auf St. Chrischona ausgebildet worden und hatte anschließend in Schottland eine Zusatzausbildung absolviert. Mit seiner jungen Frau Dora, geborene Gobat, die ihn in seiner Arbeit wirksam unterstützte, setzte er sich erfolgreich in seinem vielseitigen Aufgabenbereich ein. Dass Gott auch in finanzieller Hinsicht sorgen werde, glaubte er fest und erlebte, dass dies auch geschah. Mit dem Wachstum des Werkes entstanden auf dem Chrischonaberg unter seiner Leitung neue Bauten für Schüler, Lehrer, sowie für die Landwirtschaft. Rappard gab der Pilgermission ihre eigentliche Prägung, indem er die Evangelisation und die Sammlung der Gläubigen in Gemeinschaften als neue Hauptaufgabe betonte. Im Unterricht der Seminaristen legte er Wert auf »eine bibeltreue, möglichst gründliche Ausbildung zur Erbauung, Durchbildung und Erstarkung des inneren Menschen«. 1871 wurde der Unterricht von drei auf vier Jahre erweitert. Nach wie vor betonte er die Bedeutung des Zusammenlebens und das praktische Arbeiten als Möglichkeit zur geistlichen Erziehung und Charakterschulung. Das Arbeitsfeld Amerika war für ihn ebenso wichtig wie für seinen Vorgänger Spittler. Bis zu seiner

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Amtsübernahme 1868 waren bereits hundertzwanzig Aussendungen erfolgt, wovon etwa hundert Brüder im aktiven Dienst standen. In den folgenden Jahren wurde der größere Teil aller Absolventen nach Amerika gesandt, oft zu den gleichen Kirchen in den gleichen Staaten, was in einigen Synoden zu starken »Chrischonafraktionen« führte. Seine guten Englischkenntnisse ermöglichten ihm, auf allen Ebenen in Amerika Kontakte zu pflegen und seinen Einfluss geltend zu machen. Rappard förderte auch die Bestrebungen zur Gründung einer Pilgermissionsagentur, einer Buchhandlung und einer christlichen Zeitschrift. Die Stärkung der Zusammengehörigkeit von Mutterhaus und den Brüdern in der Neuen Welt war ihm ein Anliegen. Von großer Bedeutung war auch seine viermonatige Inspektionsreise 1887 zu seinen Chrischonabrüdern, ihren Gemeinden und Synoden. Die Entwicklung in den protestantischen Kirchen Amerikas analysierte er sorgfältig und erkannte auch die Gefahr eines starren Konfessionalismus. Carl Heinrich Rappard starb 1909 im Alter von zweiundsiebzig Jahren, im aktiven Dienst seines Herrn, so wie er es sich gewünscht hatte.

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Der Begleiter: Friedrich Veiel (1909–1950) Nach dem Tode von C. H. Rappard berief das Komitee dessen Schwiegersohn, Friedrich Veiel, geboren 1866, zum neuen Leiter und Inspektor der Pilgermission. Veiel hatte 1886–1890 ebenfalls die Seminarausbildung auf Chrischona durchlaufen. Anschließend wirkte er für einige Jahre als Stadtmissionar in Frankfurt und kehrte 1900 nach Chrischona zurück, wo er in leitender Stellung in Schule und Gästebetrieb das vielseitige Missionswerk kennen lernte. In seine Amtszeit fielen der erste und der zweite Weltkrieg. Obwohl das Chrischonawerk seinen Standort in der Schweiz hatte, wurde die bedeutende deutsche Brüder-, Schüler- und Trägergemeinde von den Kriegsfolgen stark betroffen. Die Zwischenkriegsjahre waren für Chrischona in mancher Beziehung Wachstumsjahre. So kam es zur Gründung des Diakonissen-Mutterhauses und zum Bau eines neuen Brüderhauses, um die steigende Zahl der Seminaristen unterbringen zu können. Beim Amtsantritt von F. Veiel 1909 standen in Amerika noch gut zweihundert Brüder im Einsatz. Der Zuwachs war allerdings rückläufig, weil mit der zunehmenden Bedeutung der englischen Sprache die Kirchen Amerikas weniger auf deutschsprachige Prediger aus Europa angewiesen waren. Zudem entstanden innerhalb der verschiedenen Denominationen zahlreiche theologische Schulen, so dass der Predigernachwuchs aus den eigenen Reihen gewähr-

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leistet war. Daher lag der Schwerpunkt von Chrischona, wenn auch ohne direkte Verantwortung, auf der Betreuung und Begleitung der im Dienste stehenden Amerika-Brüder. Die Verbindung blieb aber nicht mehr bloß auf Briefwechsel beschränkt, sondern in Friedenszeiten waren auch vermehrt persönliche Kontakte möglich. Reisen von der neuen Heimat in die alte – und umgekehrt – wurden einfacher, schneller und kostengünstiger. In den Briefen aus Amerika an das Mutterhaus waren im Laufe der Jahre vermehrt Nachrichten über Dienstjubiläen, Altersbeschwerden und Ruhestandsvorbereitungen, aber auch Todesanzeigen und Nachrufe zu lesen. Immerhin waren es gemäß Chrischona-Jahresbericht von 1939 noch vierundsiebzig Brüder, die in den USA zu Beginn des zweiten Weltkrieges in Gemeindearbeit oder Innerer Mission teil- oder vollzeitig aktiv waren. Mit dem Tode von Friedrich Veiel 1950 ging für die Pilgermission St. Chrischona das erlebnis- und segensreiche Kapitel Amerika zu Ende, nicht aber für viele der Nachkommen der Chrischonabrüder und auch nicht für eine große Zahl von Kirchgemeinden lutherischen oder reformierten Glaubens, in denen Erinnerungen an eine geistliche Pionierzeit bis heute weiterleben.

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Pionierjahre 1845–1860

I

n der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand Amerika mehrheitlich aus einer Landbevölkerung. Von der Gesamtbevölkerung von 23 Millionen im Jahr 1850 lebten über achtzig Prozent als Farmer und Gewerbetreibende auf dem Land, das sich in den meisten Siedlungsgebieten noch als unwegsames Gelände mit Urwald- oder Prärievegetation präsentierte. Diese Siedler waren echte Pioniere, trotzten den Gewalten der Natur, der Hitze und Kälte und auch den Angriffen feindlicher Indianer. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kamen die europäischen Einwanderer zu Hunderttausenden nach Amerika. Bedrohliche politische Umwälzungen, Wirtschaftskrisen, Missernten und Diskriminierung bewogen sie, ihre Heimat zu verlassen. Mehr als 1,5 Millionen Iren und nahezu 1,3 Millionen Einwanderer aus deutschen Landen wurden in der Bevölkerungsstatistik von 1860 erfasst. Die industrielle Expansion Amerikas – vor allem in den nordöstlichen Staaten – war in vollem Gang. Gleichzeitig entwickelte sich das Eisenbahn- und Telegraphennetz mit ungeahnter Dynamik. An dieser Entwicklung hatten die Einwanderer einen bedeutenden Anteil. Bei mehreren wirtschaftlichen Leistungen waren Herkunft und Tradition der Erzeuger klar erkennbar. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, stand damals am Anfang einer gigantischen Entwicklung. Damit waren gesellschaftspolitische Konflikte und Zerreißproben absehbar und warfen ihre Schatten voraus.

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Auswandererschicksale und Hoffnungen Auf der anderen Seite des Atlantiks warteten Hunderttausende auf einen Schiffsplatz zur Überfahrt nach Amerika. Es waren Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nach einem besseren und sicheren Leben und mehr Freiheit sehnten: Männer und Frauen, die als Folge der napoleonischen Kriege Hab und Gut verloren hatten. Familien, die von Großgrundbesitzern und Industriellen schamlos ausgebeutet wurden. Kleinbauern, die sich infolge Ernteausfällen verschuldeten oder auf Grund der vorherrschenden Erbrechte keine Existenz aufbauen konnten. Angehörige von Glaubensgemeinschaften, die in der Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt, verfolgt oder zum Militärdienst gezwungen wurden. Aber auch die Aktivisten der Revolution von 1848, die ihre politischen Ziele verfehlten, versuchten sich durch Auswanderung der Verfolgung zu entziehen und in Amerika ihre Freiheitsideale zu verwirklichen. Daneben gab es auch die »Abenteurer«, die »Glücksritter« und die »Drückeberger«, denen der Boden im eigenen Land zu heiß wurde. Für viele war Amerika die große Hoffnung, ein erstrebenswertes Ziel, wofür es sich lohnte, Opfer zu bringen und unbekannte Risiken in Kauf zu nehmen. In den deutschen Ländern gab es auch einflussreiche Kreise, welche die Auswanderung aus verschiedenen Gründen verhindern oder fördern wollten. In den übervölkerten Regionen war man daran interessiert, die sozial Schwachen nach Amerika abzuschieben und die Leistungsfähigen und guten Steuerzahler an der Auswanderung zu hindern. An-

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dere wirtschaftliche und politische Kreise spielten ferner mit dem Gedanken, unbesiedelte Gebiete in Amerika mit Deutschen zu kolonisieren und auf diese Weise ein »Übersee-Deutschland« zu schaffen. Diese Überlegungen deckten sich allerdings in den wenigsten Fällen mit den persönlichen Zielen der Auswanderer. Für sie war die Entscheidung zur Auswanderung entweder eine existenzielle Notwendigkeit oder eine einmalige Chance, die sich nur im Einwanderungsland Amerika bot. Gelegentlich stößt man auch in Geschichtsbüchern auf die These, dass die Deutschen seit jeher zu den mobilen Stämmen Europas gehörten. Ihr abenteuerlicher Geist habe sich später als »Wanderlust« zu einem deutschen Charakteristikum entwickelt und die Auswanderungen beeinflusst. Wie dem auch sei, es gibt zwei hauptsächliche Faktoren, welche einer Einwanderung zu Grunde liegen, nämlich der Push- und der Pull-Effekt. Zwingende Gründe, wie Hungersnöte oder Verfolgung, welche eine Auswanderung zur Überlebensfrage machen, haben einen Push-Effekt. Vom PullEffekt spricht man, wenn sich materielle oder ideelle Anreize und Chancen im Einwanderungsland anbieten. Durch positive Rückmeldungen von Auswanderern an ihre Angehörigen und Freunde in der Heimat wurde der Pull-Effekt erheblich verstärkt. Somit hatte auch der Missionsruf »Kommt herüber und helft uns« eine Pull-Wirkung.

Aufbruch in Texas Zu den aufstrebenden Staaten Nordamerikas gehörte das südlich gelegene Texas, das nach hart um-

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