Jochen Eber
Tertullian »Gott ist gut und groß« Tertullians Spiritualität in Lehre und Leben
WINTELER•johannis 3
FrĂźhchristliche Ă–llampe aus Nordafrika mit dem Christus-Monogramm
2
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Eber, Jochen: Tertullian – »Gott ist gut und groß« Tertullians Spiritualität in Lehre und Leben / von Jochen Eber. WINTELER und johannis 2000 ISBN 3-905290-27-8 (WINTELER)
Die Zitate sind der Bibliothek der Kirchenväter. Kösel-Verlag entnommen (vgl. S. 81). Zitate aus Tertullians Werken, die nicht in diesen deutschsprachigen Ausgaben vorliegen, wurden nach dem Text der Reihe Corpus Christianorum übersetzt. Umschlagbild: »Ruinen von Karthago«, Holzstich aus dem 19. Jahrhundert.
ISBN 3-905290-27-8 (WINTELER)
© 2000 by Buch+Kunst Winteler, Bettingen Umschlaggestaltung: Victor Winteler Druck: St. Johannis-Druckerei, 77922 Lahr Printed in Germany 4
InhalT Vorwort Einführung Verzeichnis der zitierten Schriften Tertullians
7 9 22
Zitate zu: Auferstehung Ausbreitung des Christentums Bekehrung Bekenntnis Christsein in nichtchristlicher Umwelt Dreieinigkeit Ehe Falsche Vorwürfe gegen Christen Fürbitte Gebet Geduld Glaube Gottesdienst Götzendienst Heilige Schrift Irrlehren Jesus Christus Kirche Kirchenzucht Letzte Dinge Martyrium
23 24 24 26 27 30 32 34 35 35 38 39 42 44 46 47 48 50 52 53 54 5
Mensch Militärdienst Montanismus Not lindern Schmuck Sßnde Taufe Tod Unterhaltung Vaterunser Verfolgung der Christen Die eine, gleichbleibende Wahrheit Welt
57 58 59 61 63 64 65 67 67 70 72 74 76
Anmerkungen Literaturverzeichnis Stichwortverzeichnis
77 81 84
6
Vorwort Tertullian (ca. 160 bis ca. 220 n. Chr.) – ein »katholischer« Schriftsteller als Vorbild für evangelische Christen – ist das nicht eine Zumutung? Nein! Sondern: Ein Christ aus der Zeit der Christenverfolgungen, von dem Katholiken und Evangelische etwas lernen können. Weil er zu einer ganzen Reihe von Themen, die uns auch heute interessieren, etwas zu sagen hat: zu theologischen Fragen wie Auferstehung, Bekehrung, Dreieinigkeit und Weltende, aber auch zu praktischen Fragen des christlichen Lebens wie Gebet, Geldverschwendung, Vergnügungssucht, Schmuck, Geduld und anderen. Tertullians Aussagen sind oft provozierend, bringen zum Nachdenken, regen zu Diskussionen an und fordern zum Teil vielleicht auch zum Widerspruch heraus. Das hängt wohl auch mit seinem Lebenslauf zusammen: Als Mitglied der schon beinahe im gesamten römischen Reich verbreiteten Kirche – die noch keineswegs so »katholisch« war, wie das aufgrund der heutigen Begriffe oft angenommen wird – war er ein waches und kritisches Glied seiner Kirche. Sensibel und kompromißlos zugleich steht er in dieser Situation für klare christliche Maßstäbe ein. Mehr als hundert Jahre vor der vielbeschworenen »konstantinischen Wende«, durch die das Christentum erlaubte Religion, ja sogar Staatsreligion wurde und die Verfolgungen aufhörten, sieht er gefährliche Tendenzen in der Kirche, die christliche Disziplin aufzuweichen. Tertullian selbst neigt hingegen dazu, disziplinarische Probleme eher zu streng als zu locker zu lösen. So sieht er für sich keine andere Wahl: er kündigt mit seinen Anhängern die Kirchengemeinschaft auf und gründet mit ihnen in Karthago eine eigene Gemeinde. Diese beruft sich auf den Propheten 7
Montanus, den Gründer der damaligen »Pfingstkirche« des Montanismus, wenn man einen modernen Vergleich heranziehen will. In dieser Weise steht er für die Torheit des christlichen Glaubens ein (vgl. 1. Kor. 1, 18-31), den er mit ganzem Einsatz gegen Mißverständnisse und falsches, laxes Christsein verteidigen will. Selbstverständlich kann dieses Bändchen nur eine Auswahl aus Tertullians umfangreichem Lebenswerk bieten. In ihm spiegelt sich das spannungsreiche Leben von Christen in der frühen Zeit der Kirche, um das Jahr 200 herum. Der interessierte Leser wird auf die größeren Tertullian-Ausgaben in den Literaturangaben verwiesen. Die vorliegende Sammlung soll dem Andenken an den Augustinus-Forscher Professor Dr. Johan Bouman (1.3.1918 bis 7.10.1998) gewidmet sein.
8
Einführung Tertullian als Person Über das Leben Tertullians, genauer: das Leben des Quintus Septimius Florens Tertullianus, ist nur wenig bekannt geworden. Die wichtigsten Informationen, deren Zuverlässigkeit häufig in Frage gestellt wird, hat der Kirchenschriftsteller Hieronymus (ca. 347-420 n. Chr.) überliefert. Hieronymus selbst war ein hochgebildeter Mönch, der die lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata, anfertigte, die über Jahrhunderte maßgebliche Bibelausgabe für die gesamte Kirche. Er berichtet über Tertullian im 53. Kapitel seines Buches über berühmte Männer überwiegend aus dem Raum der Kirche1: Tertullian kam aus der Stadt Karthago in der römischen Provinz Nordafrika, die hauptsächlich das Gebiet des heutigen Staates Tunesien und etwa die Hälfte des Küstengebietes des heutigen Libyen umfaßte. Er sei der Sohn eines Hauptmanns (Zenturio) der römischen Besatzungstruppen in Afrika gewesen. Sein Charakter soll leidenschaftlich und feurig gewesen sein. Hieronymus behauptet, Tertullian habe bis in seine Lebensmitte das Amt eines Presbyters in der Kirche gehabt. Dann sei er aufgrund von Anfeindungen vonseiten des römischen Klerus zur Lehre des Montanus2 abgefallen. Es wird auch überliefert, daß er sehr alt geworden sei. Tertullians Hauptwirkungszeit datiert Hieronymus in die Zeit der römischen Kaiser Septimius Severus und Antoninus Caracalla. Diese regierten in den Jahren zwischen 193-211 und 211-217 n. Chr., ihre Familie stammte selbst aus der römischen Kolonie Lepcis Magna in Nordafrika. Hieronymus geht bei Tertullian besonders auf seine 9
schriftstellerische Tätigkeit ein: er sei noch in seiner eigenen Zeit, gut 200 Jahre nach Tertullians Tod, »der Erste« unter den lateinischen Kirchenschriftstellern nach dem römischen Bischof Victor und Apollonius, die gegen Ende des 2. Jahrhunderts gelebt haben3. Da von den beiden zuletzt genannten, aber auch von anderen lateinisch schreibenden Theologen dieser Zeit keine Sammlung von Werken bekannt und überliefert worden ist, die auch nur annähernd der Tertullians vergleichbar wäre, kann man Tertullian als den wichtigsten christlichen Schriftsteller lateinischer Sprache vor Augustinus (354-430 n. Chr.) bezeichnen. Die vielen Bücher, die Tertullian geschrieben hat, sind nach Hieronymus Angaben den meisten seiner Leser gut bekannt. Es handelt sich hierbei wohl um diejenigen Werke, die Tertullian vor seinem Übertritt zu den Montanisten verfaßte, aber auch um einige von denen, die er nach seinem Austritt geschrieben hat. Allerdings waren es nicht seine polemisch gegen die Gesamtkirche gerichteten Schriften über Fragen der kirchlichen Disziplin und über die montanistische Prophetie4. Diese werden wiederum von Hieronymus separat aufgeführt. Man kann vermuten, daß sie ihm nicht zugänglich waren. Viele kleinere Werke Tertullians sind nach Hieronymus nicht erhalten geblieben. Besonderes Interesse erweckt eine Erzählung, die Hieronymus in seinen Lebenslauf Tertullians einflicht, um den Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit der Tertullianlektüre in der Kirche zu demonstrieren: Er selbst, Hieronymus, habe einen betagten Herrn namens Paulus aus der norditalienischen Stadt Concordia kennengelernt, der als junger Mann Sekretär des Bischofs Cyprian von Karthago (ca. 200/210-258 n. Chr.) gewesen sein soll, als dieser schon fortgeschrittenen Alters war. Nach Auskunft von Paulus aus Concordia habe Cyprian keinen Tag vorübergehen las10
sen, ohne in Tertullians Werken zu lesen. Oft habe er zu ihm gesagt: »Gib mir den Meister!«, wenn er Tertullian lesen wollte. Dieser Paulus besaß selbst Tertullianwerke und war über hundert Jahre alt, wie Hieronymus in seinen Briefen mitteilt5. Außer diesen Hinweisen bei Hieronymus erfahren wir nur wenig Vertrauenswürdiges über das Leben des Tertullian. Bischof Eusebius von Caesarea in Palästina (ca. 263-339 n. Chr.) berichtet in seiner Kirchengeschichte, daß Tertullian die römischen Gesetze sehr gut gekannt und zu den herausragenden Gestalten der Kirche Roms gehört habe6. Daraus haben einige Forscher geschlossen, Tertullian sei von Beruf Rechtsanwalt gewesen und habe in Rom gelebt. Nach seiner Bekehrung zwischen 180 und 190 n. Chr. sei er vermutlich nach Karthago gegangen. Nun sind diese Angaben über Tertullians Leben nicht unhinterfragt geblieben. Römisch-katholische Forscher tun sich schwer mit der Aussage des Hieronymus, daß Tertullian das kirchliche Amt eines Presbyter verwaltet haben soll, denn er war verheiratet7. Der englische Forscher Barnes möchte ausdrücklich die gängigen Annahmen und die Aussagen des Hieronymus über Tertullians Lebenslauf kritisch untersuchen, so daß bei ihm schließlich nur noch das Zusammentreffen des Hieronymus mit Paulus von Concordia als sichere Tatsache feststeht8. Hieronymus habe als Tertullian-Bewunderer diesen als vom römischen Klerus verfolgten Priester darstellen wollen, weil er selbst von dessen Mitgliedern schlecht behandelt worden war, so Barnes. Doch diese Thesen sind nicht unwidersprochen geblieben. Die Kritik von Barnes stellt oft eine überzogene Interpretation schwer zu verstehender Texte dar, und bei vielen Argumenten ist er wegen fehlender Fakten auf Vermutungen angewiesen9. 11
Deshalb gibt es auch Gründe zur gegenteiligen Annahme, daß Hieronymus eventuell auch zutreffende Informationen aus uns unbekannten Quellen zur Verfügung gestanden haben könnten. Tertullian wird uns als Persönlichkeit nicht nur durch äußere Zeugnisse, sondern auch durch seine eigenen Schriften bekannt10. Sie zeigen, daß Hieronymus mit seiner Schilderung des feurigen Charakters Tertullians nicht unrecht hatte. Die Geduld fehlt ihm völlig, und wie sein Traktat Über die Geduld zeigt, leidet er sehr darunter. Ungeduld ist nicht nur Sünde, sie wird ihm sogar zur Ursünde: war es nicht Ungeduld, die Eva dazu trieb, nach der verbotenen Frucht zu greifen? (Pat. 5) Dagegen offenbart Gott in seinem Wesen und Wirken höchste Geduld, ja die Fleischwerdung des Sohnes Gottes ist die Offenbarung seiner Geduld mit den Menschen (Pat. 3). Tertullian war besonders in Rhetorik und in den Rechten, aber auch sonst sehr gebildet, über einhundert verschiedene Autoren zitiert er in seinen Werken; vermutlich war er aber nicht Jurist von Beruf11. Er hat sich anscheinend laufend fortgebildet, denn die Zahl der angeführten Bücher anderer Schriftsteller steigt in seinen späteren Schriften. Er ist »stürmisch, heißblütig, mitunter gewollt rücksichtslos«12 und benutzt auch den Spott, um seine Gegner in der Diskussion zu besiegen. In der Mehrzahl von Tertullians Schriften spiegelt sich seine Persönlichkeit; sie wenden sich polemisch gegen die Gegner der Kirche, die diese von innen und von außen bedrohen. Aber auch in seinen sieben belehrenden Traktaten, zum Beispiel über die Taufe, über die Buße oder über das Gebet, spürt man sein persönliches Profil, wie er um Fragen der rechten Lehre und der eindeutigen, strengen christlichen Sitte ringt. Diese Schriften haben viele Forscher 12
vermuten lassen, daß Tertullian als Katechet am Unterricht der Taufanwärter in der Kirche mitgewirkt hat. Über Tertullians Bekehrung ist wenig bekannt; er wird etwa in der Mitte seines Lebens durch das Zeugnis christlicher Märtyrer zum christlichen Glauben bekehrt worden sein. Als Zeichen seiner Lebenswende trägt er nun nicht mehr die Toga, das Festkleid der römischen Männer, über seiner Tunica, sondern das Pallium, die einfache Alltagskleidung, die damals auch die Philosophen trugen13. Mit dieser Kleidung erregt er in Karthago Aufsehen, weil sie nicht seinem Stand entspricht. Man könnte das Tragen des Palliums auch als »nationalen« Protest gegen die »römische« Toga auslegen. Tertullian rechtfertigt jedoch sein Auftreten mit einem religiösen Argument. Die Toga wird von Menschen getragen, die moralisch verderbt sind: Gladiatoren, Fechtmeister und andere. Sie verdienen es nicht mehr, »Römer« genannt zu werden. Diesen steht die sittliche Integrität der Christen, die die wahren guten Staatsbürger sind, gegenüber (Pal. 5). Ihre neue Kleidung weist auf ihren neuen Lebenswandel. Das Pallium soll nun der göttlichen Weisheit dienen (Pal. 4). Dieses Kleidungsstück tragen normalerweise die Lehrer, aber auch Dichter und Dirigenten, ja überhaupt alle, die nach Wissenschaft streben (Pal. 6). Tertullian beschließt seine Betrachtung über das Pallium: »Freue dich Pallium und frohlocke! Eine bessere Philosophie hat dich nunmehr ihrer gewürdigt, seitdem du einen Christen zu bekleiden angefangen hast« (Pal. 6). Christen in Karthago Die Stadt Karthago ist zu Tertullians Zeit eine der größten Städte des römischen Reiches, zugleich eine der wichtigsten Handelsstädte. Nach der Zerstörung der Stadt im Jahr 13
146 v. Chr. wurde sie im Jahr 44 v. Chr. als römische Kolonie geographisch in der Nähe der alten punischen Siedlung durch Julius Caesar neu gegründet. Nach Cäsars Tod durchlebt die Stadt einige unruhige Jahre, bis sie 29 v. Chr. unter Kaiser Octavian (Augustus) wieder aufgebaut wird14. Zur Zeit Tertullians gegen Ende des zweiten Jahrhunderts läßt sich die Zahl der Einwohner Karthagos nur schätzen: es können einhunderttausend oder auch mehrere hunderttausend gewesen sein. Die Stadt lag nur mit Alexandria in Nordägypten im Wettstreit um den zweiten Platz der größten Städte des Altertums, nach Rom selbst. Außerdem war Karthago einer der drei größten Häfen der Antike; von hier wurde der Überschuß an Korn und Öl aus dem Hinterland exportiert. Die Anfänge der christlichen Gemeinde in Karthago sind unbekannt15. Das erste Dokument des Christentums in dieser Gegend ist der Bericht des Martyriums von Christen aus Scili aus dem Jahr 180 n. Chr.16. Zur Zeit Tertullians wird die Zahl der Christen bei über einhunderttausend Einwohnern Karthagos schon auf tausend bis mehrere tausend, in der gesamten Provinz mit Sicherheit auf mehrere tausend geschätzt17. Von außen war die Christengemeinde von Karthago durch Verfolgungen bedroht. Diese konnten schon damit beginnen, daß der Pöbel aus Haß18 gegen die Christen deren Leben mit Steinwürfen oder sogar mit Brandstiftung bedrohte, ohne daß dieses Vorgehen von staatlicher Seite gedeckt worden wäre (Ap. 37). Außerdem gab es regional oder überregional ausgelöste Christenverfolgungen; auf lokaler Ebene begannen sie meist durch Anzeige der Christen vonseiten nichtchristlicher Mitbürger. In der römischen Provinz (des nördlichen) Afrika lag die Verwaltung in der 14
Hand des Prokonsuls, der in der Regel für eine einjährige Amtszeit tätig war. Schon 194-198 n. Chr. kam es zu einer solchen Verfolgung, die Tertullian dazu veranlaßte, sein berühmtestes Werk, das Apologeticum, zu schreiben. Durch ein Gesetz verbot der Kaiser Septimius Severus ungefähr im Jahr 201 n. Chr. die Bekehrung zum Christentum. Mit dem Martyrium der Perpetua und Felicitas in Karthago, vermutlich im Jahr 203 n. Chr., ist aus dieser Zeit ein bewegendes Zeugnis christlicher Leidensbereitschaft überliefert19. Im Jahr 212 n. Chr. gibt es unter dem Prokonsul Scapula heftige Ausschreitungen gegen die Christen, die Tertullian veranlassen, an den römischen Statthalter zu schreiben, um ihn zum Einlenken zu bewegen (Scap.). Von innen wurde die christliche Gemeinde in Karthago durch drei Strömungen gefährdet, die die Kirche zu unterwandern drohten: durch die Gnosis (grie: »Erkenntnis«), die Lehre Marcions und die Lehre des Montanus. Während Tertullian die ersten beiden Gruppen radikal bekämpft, ergreift er in seinen Schriften zunehmend Partei für die Montanisten, bis er sich förmlich von der Gesamtkirche trennt. In den gnostischen Systemen verschiedener Richtungen wird der christliche Glaube durch ein System ersetzt, das auf »Erkenntnis« aufbaut: ein göttlicher Lichtfunke ist im Menschen. Er soll aus seinem Leib und aus der schlechten materiellen Welt erlöst werden. Tertullian bekämpft gnostische Ideen unter anderem in seinen Schriften gegen Hermogenes und die Valentinianer20. Marcion ist ein Gnostiker eigener Art. Nach seiner Herkunft war er ein reicher Kaufmann und Reeder aus Sinope an der kleinasiatischen Schwarzmeerküste und kam gegen 140 n. Chr. nach Rom. Er hält das Alte Testament für vor15
christlich, läßt die (später so genannten) neutestamentlichen Schriften nur beschränkt gelten und trennt einen unvollkommenen Schöpfergott des Alten Testaments vom guten Erlöser in Christus trennt. So urteilt Tertullian zusammenfassend: »Die Separation von Gesetz und Evangelium ist das eigentliche und hauptsächliche Werk Marcions«21 (Marc. 1, 19). Deshalb wird Marcion 144 n. Chr. aus der Kirche ausgeschlossen und gründet seine eigene Sekte. Tertullian gibt den Anhalt zur Datierung Marcions, indem er festhält, daß dieser etwa 115 Jahre nach Christus seinen »Gott« bekannt gemacht habe (Marc. 1, 19): Es kann doch nicht sein, so Tertullian, daß die Wahrheit so lange warten mußte, um erst durch Marcion bekannt zu werden, daß es bis dahin keine rechte Gotteserkenntnis und Kirche gegeben habe (Praescr. 29)! Dieses Argument kann man auch heute Sekten der Gegenwart entgegenhalten. Gegen Marcion verfaßt Tertullian fünf Bücher, die das umfangreichste erhaltene Werk der frühen lateinischen Kirchenväter überhaupt bilden, aber auch kürzere Abhandlungen wie Vom Fleisch Christi (Carn.)22. Tertullian verspottet Marcions Kirche; sie ist defizitär, weil sie nicht alle Geistesgaben aufweist, während die Montanisten den Nachweis mit Leichtigkeit erbringen können: »Laß daher Marcion die Gaben seines Gottes zeigen: einige Propheten, die nicht aus menschlichem Verstand, sondern aus Gottes Geist geredet haben, die Zukünftiges vorhergesagt und das Verborgene der Herzen geoffenbart haben. Er möge einen Psalm, eine Vision, ein Gebet nennen, natürlich vom Geist eingegeben, in Ekstase, das heißt: als er außer sich war, oder wann er eine Auslegung einer Sprache gehabt hat. Er soll mir auch beweisen, daß eine Frau bei ihm (in seiner Kirche) prophezeit habe unter seinen ach so heiligen großen Frauen: Wenn ich alle diese (Gabenerweise) leichter vorbringen kann und ihre Übereinstimmung mit den Regeln, Anordnungen und Unterweisungen des Schöpfers, dann gehören doch zweifellos Christus, der Geist und die Apostel auf die Seite meines Gottes.« [Marc. 5, 8, 12]
16
Tertullian und der Montanismus Der Montanismus ist von besonderer Wichtigkeit für Tertullian, weil er die montanistischen Lehren zunehmend verteidigt, nachdem er um 205 n. Chr. den Bruch mit der Großkirche vollzogen hat23. Montanus trat um 150 n. Chr. in der kleinasiatischen Provinz Phrygien auf. Er und die beiden Prophetinnen Prisca und Maximilla sprechen in Prophezeiungen. Sie werden von einer wachsenden Nachfolgerschaft als echte Propheten im neutestamentlichen Sinne anerkannt; die Kirche jedoch stößt sie nach eingehender Prüfung als illegitim aus. Montanistische Sondergemeinden und Gruppen gibt es vorwiegend in Kleinasien, aber auch an anderen Orten im römischen Reich. In Karthago scheinen sich die Sympathisanten der montanistischen Bewegung erst mit Tertullian von der Kirche getrennt zu haben. Vereinzelt halten sich montanistische Gruppen auch nach der konstantinischen Wende, kirchlichem Verbot zum Trotz, bis ins siebte Jahrhundert24. Entscheidend für Tertullians Übertritt war sein Plädoyer gegen eine zweite Verheiratung der Christen nach dem Tod des ersten Ehegatten; eine Rolle spielte auch die Wiederaufnahme von Ehebrechern durch Buße in die Kirchengemeinschaft, während man Christen, die nach Folterung dem Glauben abgesagt hatten, nicht aufnahm25. Dagegen war bei den Montanisten die zweite Heirat verboten26. Tertullian begründet dieses Verbot mit dem Pseudo-Argument, Jesus habe nur die eine Hochzeit zu Kana besucht, deshalb sei er für die Einehe gewesen27. Bei den Montanisten gab es die Lehre von Sünden, die – im Gegensatz zum großkirchlichen lockeren Bußverständnis – von der Vergebung ausgeschlossen waren: Ehebruch, Mord und Abfall vom Glauben. Außerdem fasteten 17
sie öfter als die anderen Christen. Wegen diesen ethischen und kirchendisziplinarischen Fragen hätten sich die Montanisten nicht von der Kirche trennen müssen, wußte man sich doch in allen wichtigen theologischen Lehrfragen eins mit allen Christen28: »Denn zweifelsohne wird bei uns allen, die wir Verehrer des einzigen Gottes, des Schöpfers und seines Christus sind, Häresie und falsche Prophetie darnach beurteilt werden, ob eine verschiedene Gottheit ins Spiel kommt oder nicht.« [De ieiunio 11]
Zur Trennung von der Kirche mußte jedoch der Anspruch führen, mit dem die neue Lebensregel vorgetragen wurde: Sie sei vom Geist aktuell durch Propheten offenbart worden; der Paraklet präzisiere Gottes Willen und Gebot. Diese seien in den neutestamentlichen Schriften nur unvollkommen offenbart worden und daher bestehe die Gefahr, daß Häretikern eine Chance für falsche Lehre gegeben werde29. Der Geist, der aus den Propheten spricht, tritt als zweite und bessere Offenbarungsquelle neben die heiligen Schriften. Wer dessen geistliche Offenbarungen anerkennt, gehört zu den »Pneumatikern«; die kirchlichen Gegner schimpft Tertullian dagegen »Psychiker«. Doch auf beiden Seiten, nicht nur auf der der Montanisten, wird schweres Geschütz aufgefahren. Die Kirche urteilt: »Entweder ist es Pseudoprophetie, wenn eine Geistesstimme diese Übungen vorgeschrieben hat, oder aber es ist Häresie, wenn menschliche Anmaßung sie erfunden hat« (Iei. 11), ja sogar: »es ist ein Teufelsgeist30, behauptest du, o Psychiker« (Iei. 11). Tertullian hält dagegen, daß der Geist, der sich offenbart, ja keine neuen theologischen Lehren offenbare und deshalb derselbe Geist sein müsse31. Wenn der Paraklet durch die Propheten ein in der Bibel offengelassenes theologisches Problem erhelle, so etwa die »körperliche« Beschaffenheit der Seele, so stehe dies in keinem Widerspruch zur Lehre der Kirche: 18
»Es gibt bei uns jetzt eine Schwester, die für die Gnadengaben der Offenbarungen erwählt ist, die ihr während des Sonntagsgottesdienstes durch Ekstase im Geist widerfahren: Sie spricht mit Engeln, manchmal auch mit dem Herrn selbst; sie sieht und hört Geheimnisse, sie erkennt die Herzen einiger Menschen und und verteilt Arzneimittel denen, die sie brauchen. Vollends kann es vorkommen, daß die Schrift verlesen wird oder Psalmen gesungen werden, Ansprachen vorgetragen oder Bitten vorgebracht werden: dabei werden ihr durch Visionen Inhalte zuteil. Ich weiß wirklich nicht, was wir über die Seele besprachen, als jene Schwester im Geist war. Nachdem am Ende des Gottesdienstes die Menschen entlassen waren, meldet(e) sie uns [wie] gewöhnlich, was sie gesehen hat – denn sehr sorgfältig werden sie [die Visionen] geprüft, damit sie auch als glaubwürdig erwiesen würden –. ›Unter anderem‹, sagt sie, ›wurde mir eine leibhabende Seele gezeigt32 und ein Geist war zu sehen, aber nicht schemenhaft [leer] und von leerer Beschaffenheit, sondern von der Art, daß man ihn auch ergreifen könnte: zart und hell, von ätherischer Farbe, und in jeder Hinsicht menschlich geformt.‹« [An. 9]
Augustinus berichtet um 428 n. Chr., Tertullian sei zuerst zu den Montanisten übergetreten, dann habe er sich wiederum von diesen getrennt und eigene, noch kleinere Konventikel gegründet33. Die Gründe für Tertullians Trennung von den Montanisten sind unbekannt, jedenfalls erwähnt sie Augustinus nicht. Augustinus selbst habe die Tertullianisten bei einem Besuch in Karthago vor einigen Jahren kennengelernt. Ihr Zahl habe kontinuierlich abgenommen, so daß die wenigen Übriggebliebenen schließlich wieder in die Kirche eingetreten seien und ihre Basilika der katholischen Kirche vermacht hätten34. Tertullians Ausscheiden aus der Großkirche zeigt nicht nur, wie diese im zweiten Jahrhundert im Blick auf die Bußdisziplin im Kirchenvolk zunehmend kompromißbereit wurde. Es zeigt vielmehr auch, daß man sich nicht unkritisch seine Aussagen aneignen kann, besonders wenn er übertriebene Strenge in Fragen der christlichen Lebensführung erkennen läßt. Man kann ihn nicht nur als einen Prototyp des Geister unterscheidenden Theologen hinstel19
len. Statt dessen müssen auch bei ihm die Geister unterschieden werden, ob sie aus Gott sind. Seine Aussagen sind am Maßstab der Heiligen Schrift, deren zentralste Aussagen im Glaubensbekenntnis – damals »Glaubensregel« – zusammengefaßt sind, gemessen werden. Dieses Glaubensbekenntnis läßt keine Beliebigkeit in der Schriftauslegung zu35; vielmehr werden Tertullians theologische Aussagen erst dort willkürlich, wo er über die Bibel hinausgeht und die Neuoffenbarungen des Parakleten als zweite verbindliche Norm neben die alt- und neutestamentlichen Schriften stellt. Die auswahl aus Tertullians Werken Aus allen Werken Tertullians wurden Zitate ausgewählt, um sein theologisches Denken und sein Christsein im Übergang von der Gesamtkirche zum Montanismus zu zeigen. Nicht nur theologisch-dogmatische Aussagen werden angeführt – bei Tertullian findet man erstmals die Begriffe der »Trinität« und der drei »Personen« Gottes –, sondern auch seine Schriften über ethische Fragen: über Schauspiele36, Schmuck, Keuschheit, Fasten und andere praktische Probleme. Tertullians Sprachgewalt wurde schon von den Kirchenvätern hervorgehoben. Im deutschen Text wirken seine Sätze oft nicht so brilliant und geschliffen wie im lateinischen. Aber dennoch beeindrucken sie nicht nur durch ihre Sprache, sondern auch durch die Art und Weise, wie Tertullian den Inhalt erfaßt und auf den Punkt bringt. Dies kann sich bis hin zu äußerst knapp und thetisch formulierten Paradoxien steigern: »Gekreuzigt wurde Gottes Sohn! Dessen muß man sich nicht schämen, weil es [für die Welt] zum Schämen ist. Und gestorben ist der Sohn Gottes! Es ist glaubhaft, weil es töricht ist. Und nachdem er begraben ward, stand er wieder auf! Das ist sicher, weil es unmöglich ist.« [Carn. 5]37
20