LESEPROBE
Eva-Maria Busch (Hrsg.)
Blumen sind das Lächeln der Erde Kleine Erzählungen für Gartenfreunde 64 Seiten, Taschenbuch € 4,99 (D) / SFr *7,50 / € 5,20(A) ISBN 978-3-7655-4201-5, Bestell-Nr. 114201 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung
Hildegard Fillbrandt
Ein Wunder kommt selten allein Das erste Wunder war geplant. Sofern man Wunder überhaupt planen kann. Auch überraschen geplante Wunder nicht wirklich, man erwartet sie ja. „Eine Wunderblume für einen wunderbaren Menschen. Du bist ein Engel! Dich schickt der Himmel immer zur rechten Zeit. Du hast mir wieder mal so aus der Patsche geholfen!“ Komplimente dieser Art machen mich immer verlegen. Meist empfinde ich sie übertrieben und unangenehm. Und meine Bekannte neigte zu Übertreibungen. Ich kam mir weder wunderbar noch wie ein Himmelswesen vor. Ich hatte ihr nur gelegentlich einen guten Rat gegeben, Hilfe zur Selbsthilfe, nachdem sie vor kleinsten handwerklichen Herausforderungen kapitulierte, seit ihr Mann sie verlassen hatte. Auch immer wieder ihre vielen Fragen über den Sinn des Lebens, Gott und die Welt hatte ich versucht zu beantworten, sie ermuntert in ihrer schwierigen Lebenslage. Als Dankeschön schenkte sie mir ein Tütchen mit Samenkörnern. „Und was ist so besonders an dieser Blume?“ „Jede einzelne Blüte blüht in einer anderen Farbe: gelb, orange, weiß, rosé, pink, lila. Wie ein bunter Blumenstrauß. Das ist die Überraschung. Man weiß nie, was kommt. Ich hatte diese Wunderblume letzten Sommer auf meinem Balkon, ist ein richtiger Busch geworden. Das sind die Samen 5
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davon. – Und vielleicht“, fügte sie keck schmunzelnd hinzu, „könnte man dies sogar als kleinen Hinweis dafür deuten, dass Gott doch Humor hat. Diese Frage konntest du mir bis heute nicht schlüssig erklären. Warum sonst ließe er sich solche Spielereien einfallen?“ Ich pflanzte also im Spätfrühling die Samen in meinen Vorgarten. Sie keimten, die ersten Blättchen zeigten sich. Aber man kennt das ja. Die einen wachsen schneller, die andern kümmern eher vor sich hin. Wartend auf das versprochene Farbenwunder, formierte sich – erst unbemerkt – ein zweites Wunder. Eine Pflanze tat sich besonders hervor. Sie benahm sich wie ein Kuckuck in seinem Nest, wurde größer und größer, die Blätter veränderten sich, kriegten Zacken. Die normalen Wunderblümchen wirkten immer kümmerlicher und unscheinbarer in ihrem Schatten. Ich wunderte mich täglich mehr, was das wohl werden sollte. Im Vergleich zu den anderen Pflänzchen war sie schon zu sehr mutiert, um als Wunderblume durchzugehen. Sieht wie eine Gurkenpflanze aus, dachte ich zuerst. Eine große weiße glockenförmige Blüte zeigte sich. Oder eher Zucchini? Etwas später tippte ich auf Kürbis, die Frucht entwickelte sich rundlich. Aber Kürbisse werden groß und mein Wunderding blieb klein und stachlig, sah eher wie eine Kastanie aus. Gartenkenner aus meinem Bekanntenkreis waren ebenso ratlos. Also forschte ich im Internet. Und fand des Rätsels Lösung. Meine Wunderblumenmutation war ein Stechapfel. Na gut, dann eben Stechapfel, warum auch nicht? Aber dann las ich weiter über die sonderbaren Merkmale dieser 6
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Pflanze und kam aus dem Wundern nicht mehr heraus. Ein sehr seltenes Gewächs, hochgiftig in allen Pflanzenteilen, schon 300 v. Chr. angewandt, als Heilmittel und Droge gleichermaßen, unter deren Einfluss man sein blaues Wunder erleben kann. Deshalb auch Hexenkraut oder Tollkraut genannt. Auf welch wundersame Weise dieser Samen wohl in meinen Garten gelangte? Um niemanden in Versuchung zu führen oder, noch schlimmer, um nicht in den Verdacht des heimlichen Drogenanbaus zu geraten, erzählte ich keinem Menschen von meinem Gartenwunder. Ich freute mich still und heimlich vor mich hin an dieser gefährlichen Schönheit. Im Herbst würde ich sie vernichten. Der Stechapfel entfaltete sich zu einer stattlichen Größe, brachte eine Blüte nach der andern hervor, ein Stechapfel nach dem andern entwickelte sich, und er thronte über den nicht mal halb so großen Wunderblumen wie ein majestätischer Baldachin. Die Wunderblumen allerdings enttäuschten mich. Als sie endlich blühten im August, sah eine Blüte genau wie die andere aus. Pink, pink, pink. Von Farbenvielfalt keine Spur. Das geplante Wunder war am Ende kein Wunder. Wäre auch zu viel des Wunderlichen gewesen. Ob Gott etwa doch Humor hat? Jedenfalls bleibt er der souveräne Gott der Schöpfung, der uns täglich neu das Staunen lehrt.
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