Christoph Zehendner (Hrsg.)
Als Malchus sein Ohr verlor ‌ und andere Geschichten, die (so) nicht in der Bibel stehen
Vorwort des Herausgebers Glauben Sie bitte nicht, was in diesem Buch steht. Die zehn Geschichten sind zwar lebendig erzählt, farbenfroh, nachvollziehbar, spannend, aktuell, atmosphärisch dicht oder berührend. Aber sie sind nicht wahr. Sie wurden von uns erfunden. Ausgedacht. Komponiert. Der Kern allerdings ist wahr: Die meisten Personen, die Sie in unseren Geschichten kennenlernen werden, kommen tatsächlich in der Bibel vor. Aber dort könnte man sie schon mal übersehen. Sie sind eher „Randfiguren“, tauchen als vermeintliche Statisten nur ganz kurz auf, fristen eher ein Mauerblümchendasein. Und wir finden: Das darf so nicht bleiben. Denn auch von Malchus und Rafael, von Kleopas und Kezia kann man eine Menge lernen. Wir, das sind übrigens Autorinnen und Autoren, die sich einmal im Jahr (zusammen mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern) bei der Gemeinschaft künstlerisch arbeitender Christen mit dem schönen Namen „Das Rad“ treffen (www.dasrad.org). Manche Namen von Beteiligten werden Sie kennen, andere (noch) nicht. Wir unterstützen uns gegenseitig in unserer Arbeit, sind einander Kritiker, Ideengeber, Mutmacher, Begleiter. Und wir nehmen uns von Zeit zu Zeit Projekte vor, die uns selbst brennend interessieren. Wie eben jetzt diese biblischen Geschichten, die nicht in der Bibel stehen. Die hübsche Tochter Hiobs und die von Jesus gesegneten Kinder am See Genezareth. Davids Frau Abigajil und der Hausbesitzer, dem man das Dach abdeckt. Der Kriegs7
knecht Malchus und die schlaue Eselin Bileams – all diese „Persönlichkeiten“ (und noch einige mehr) begannen uns zu interessieren. Welche Geschichte könnte hinter ihrer kurzen Erwähnung in der Bibel stecken?, fragten wir uns. Was geschah eigentlich vor oder nach dem Mini-Auftritt im Buch der Bücher? Welche Erfahrungen machten sie mit Gott, mit Jesus, mit dem Glauben? Diese Fragen haben wir uns gestellt. Dann haben wir noch einmal ganz genau in der Bibel nachgelesen. Und angefangen zu schreiben. Das Ergebnis haben Sie vor sich. Zehn Geschichten, die nicht wahr sind. Oder sagen wir besser: Sie sind so nicht wirklich passiert, sie sind nicht historisch und sie wollen das auch gar nicht sein. Aber wahr sind sie schon, weil sie manche ewige Wahrheit widerspiegeln. Vielleicht entdeckt ja der eine oder andere unserer Leserinnen und Leser sich selbst in mancher der von uns gezeichneten Persönlichkeiten. Und vielleicht schlägt mancher seine Bibel auf, um noch einmal ganz genau nachzulesen, was da denn tatsächlich über die steht, die wir hier porträtieren. Gemeinsam wünschen wir Ihnen viel Freude beim Lesen, Kennenlernen, Nachschlagen und Entdecken. Für die Autorinnen und Autoren dieses Buches Christoph Zehendner, Herausgeber
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Christoph Zehendner
Das besondere Ohr Meine Frau Amata war die Erste, die es bemerkte. „Danke, dass du mir zugehört hast!“, sagte sie nach einem Gespräch. Dabei hatten wir über so alltägliche Dinge wie die Ausbildung unserer Kinder gesprochen, über die Ebbe in der Haushaltskasse, über ihren alten Onkel, der immer schlechter alleine zurechtkam. Ganz normaler Gesprächsstoff also, Alltagsthemen. Und doch bedankte sie sich am Ende ausdrücklich für mein Zuhören. Ich stutzte. Und begann ganz allmählich das zu entdecken, was ich heute mit einem Augenzwinkern als „mein besonderes Ohr“ bezeichne. Und was mich seitdem zu ganz neuen Aufgaben und Verpflichtungen geführt hat. Heute bin ich der Zuhörer in unserer Gemeinde. Ich bin der, dem die Menschen ihr Herz ausschütten. Dem sie anvertrauen, was sie selbst nicht begreifen. Manche sehen mich als Beichtvater, andere als Seelsorger oder als Therapeuten. Dabei bin ich all das gar nicht. Ich höre einfach nur zu, höre genau zu, höre auch das, was gar nicht ausgesprochen wird. Und erlebe: Das sind die Menschen nicht gewöhnt. Das Zuhören liegt mir im Blut. Zu Hause redete nur mein Vater. Kein Wort durften wir bei Tisch wagen. Und auch sonst interessierte ihn die Meinung von uns Kindern nicht im Geringsten. Es sei denn, er brauchte Informationen. Dann schickte er mich los, zum Spielen auf den Hof 9
der Nachbarn, für ein paar Besorgungen auf den Markt, zum Fest auf einen der geschmückten Plätze der Stadt. Dort musste ich mich herumdrücken und alles aufschnappen, was die Leute so sagten. Gerüchte über Krieg oder Frieden, über Dürrezeiten oder gute Ernten, über berühmte Pilger oder berüchtigte Räuber, die in unserer Stadt erwartet wurden. Ich hörte zu und berichtete alles haargenau meinem Vater. Zufrieden war er nur selten mit mir, in der Regel forderte er mehr und präzisere Informationen. Er war Geldwechsler, hatte einen Stand im Tempelhof. Waren die Leute zufrieden und voller Hoffnung, konnte er seine Umrechnungskurse heraufsetzen. Waren sie bedrückt und ängstlich, musste er ihnen weit entgegenkommen. Meine Berichte von der Stimmungslage des Volkes garantierten seinen Geschäftserfolg. Lag ich daneben und achtete zu sehr auf die Meinung einzelner Wichtigtuer und Schwätzer, prügelte er mich windelweich. Und schärfte so mein Ohr. Nach dieser Grundausbildung wurde ich zum professionellen Spitzel. „Ebedmelech“, diesen Namen hatte mein Vater mir einst gegeben, der „Diener des Königs“. Er hatte wohl gehofft, dass sein Erstgeborener es weiter bringen würde als er, an dessen Händen das schmutzige Geld klebte und sich nicht abwaschen ließ. Tatsächlich wurde ich schon in jungen Jahren zum Diener einer hochgestellten Persönlichkeit: Der Oberste der Priester nahm mich in seine Dienste. Er brauchte zuverlässige Männer, die nicht viel redeten, sondern genau zuhören und Bericht erstatten konnten. Er brauchte Ohren, die Flöhe husten hörten – auch eine Tagesreise gegen den Wind. Meine Aufgabe war es, auf dem Laufenden 10
zu sein über Soldaten und Aufrührer, Heilige und Sünder, Gläubige und Ungläubige. Wie stark die selbst ernannten Freiheitskämpfer in den Bergen tatsächlich waren, wie brutal Roms Legionen auf dem Land ihre Steuern eintrieben, mit welchen angesehenen Frauen, Sklavinnen oder Lustknaben es die Mächtigen bei Hofe gerade trieben und wen sie aus Bett und Gunst verstießen – all das und noch mehr erfuhr Kaiphas von mir. „Gut gemacht, Malchus!“, lobte er mich, wenn ich mal wieder Bescheid wusste und ihn besser informierte als all die anderen seiner Knechte. Malchus, so nannte ich mich inzwischen. Latein klang damals ausgesprochen modern bei uns. Und wer sich im Umfeld der Mächtigen und Reichen bewegte, tat gut daran, den mächtigen Römern ein wenig entgegenzukommen – äußerlich zumindest. Die Römer. Mit ihnen hatte alles angefangen. Wie Heuschrecken fielen sie in unser Land ein und fraßen alles auf, was sie kriegen konnten. Der Zorn, den sie hervorriefen, war groß, auch mein Herr tobte hinter verschlossenen Türen. Doch er wusste von mir, wie erdrückend die Macht der Römer war. Und dass wir Juden keine Chancen hatten, diese Besatzer mit militärischen Mitteln abzuschütteln. So begann Kaiphas, mit den Römern zu verhandeln, und erkämpfte auf diese Weise kleine Zugeständnisse und Freiräume für sich selbst, seine Sippe und die Frommen im Tempel. Er war ein geschickter Diplomat, spürte genau, was er den Römern abverlangen konnte und was nicht. Und er sorgte dafür, dass sie nicht unnötig provoziert und verärgert wurden durch Aufrührer und falsche Propheten, durch selbst ernannte Heilsbringer und Messiasse. 11
Deswegen wollte Kaiphas von mir auch alles wissen, was es zu berichten gab über den Rabbi aus den galiläischen Bergen, der mit seiner kümmerlichen Schar von Fischern und Handwerkern durchs Land zog. Auf den ersten Blick eine harmlose Truppe, die von Liebe und Frieden träumte und stundenlange Reden über sich ergehen ließ. Doch die Reden des Rabbis enthielten Sprengstoff, davon überzeugte ich mich mit eigenen Ohren. Er forderte von seinen Zuhörern nicht ein bisschen Reue und ein paar gute Taten, sondern einen totalen Neuanfang. Er rief nicht zur Revolution auf, sondern sprach so selbstverständlich von einem Königreich des Himmels, als gebe es dieses Reich bereits. Kaiphas atmete tief durch, als ich ihm das alles Wort für Wort berichtete. Und dann sagte er knapp: „Tu, was zu tun ist, Malchus!“ Sein unmissverständlicher Befehl, wenn ich mal wieder einen mundtot machen sollte, der gefährlich werden könnte. Nach diesem Befehl ging alles ganz schnell. Ich gab meinem Vorgesetzten einen Tipp, erklärte ihm, wen von den Freunden des Rabbis er mit ein paar Silberstücken kaufen könnte. Und kurz darauf holte dieser Jesus-Anhänger – ein gewisser Judas – uns ab und führte uns in einen Garten am Rande der Stadt. Judas handelte wie ein Profi. Er befahl uns, wir sollten uns ein paar Meter hinter ihm halten. Dann schritt er lächelnd auf Jesus zu, umarmte ihn und begrüßte ihn mit einem Friedenskuss. So weit wäre nicht einmal ich gegangen: Einen meiner engsten Freunde verraten und dann ausgerechnet mit einem Friedenskuss. Hut ab vor diesem gerissenen Judas, dach12
te ich noch, mit dem sollten wir öfter zusammenarbeiten. Dann schlugen wir auch schon zu. Andere aus unserer Truppe, die kräftiger und gewandter mit dem Schwert waren als ich, sollten sich Jesus greifen. Ich ging von der Seite her auf einen anderen Wortführer zu, den sie Simon oder auch Petrus nannten. Doch noch bevor ich ihm Fesseln anlegen konnte, spürte ich einen scharfen Schmerz an meinem Kopf. Ich schrie auf, als ich erkannte, was mir so höllisch wehtat: Mit einem gezielten Schwerthieb hatte Petrus mir das Ohr abgeschlagen! Mein Ohr. Mein wichtigstes Handwerkszeug. Mein größtes Kapital. Meine außergewöhnliche Begabung. Zack, ab. Mit einem kurzen rasiermesserscharfen Schwert (viel später sollten Schwerter wie dieses nach mir benannt werden; Soldaten wie Meuchelmörder gingen mit einem „Malchus“ ihrem blutigen Geschäft nach). Ich brüllte wie ein Stier, nicht so sehr wegen des Schmerzes, sondern wegen der Erkenntnis des Unausweichlichen. Ich hatte in einer Sekunde meinen Broterwerb und meine Zukunft verloren. Was dann geschah, erlebte ich wie durch einen Schleier. Nein, ich hörte es wie durch ein Kissen hindurch, gedämpft, indirekt, wie aus weiter Ferne. Und doch begriff ich in jeder Sekunde ganz genau, welch unglaubliches Geschehen ich da als – bitte lachen Sie nicht über den Begriff – als „Ohrenzeuge“ im buchstäblichsten Sinn des Wortes miterlebte. Jesus, dessen Predigten ich gehört und weitergemeldet hatte, Jesus, den wir festnehmen und ins Gefängnis schleppen sollten, dieser Jesus sah mich an, bemerkte meine Verletzung, wandte sich dann an Petrus, seinen Vertrauten. Der 13
Friedensapostel Jesus säuselte nicht, sondern fuhr seinen Mann in scharfem Ton an. „Steck die Waffe weg!“, befahl er wie einer, der es gewohnt war, dass man ihm gehorchte. Und noch während er das befahl, kniete Jesus sich vor mich auf den Boden, nahm das abgehauene Ohr und legte es auf die Wunde an meinem Kopf. Im gleichen Moment konnte ich wieder so hören wie zuvor. Da war kein dumpfes Geräusch mehr, da war ein wunderschöner, einzigartiger, lieblicher Ton. Er klang wie das Plätschern von fließendem Wasser in der Wüste. Die Stimme von Jesus drang an mein Ohr, kroch mir in die Gehörgänge, erfüllte meinen Kopf, mein Herz, meinen ganzen Körper. Ich hörte ihn, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Und es kam für mich nicht auf den Inhalt seiner Worte an, nicht auf die Informationen. Es kam auf den an, den ich da hörte. Der es mir ermöglichte, dass ich wieder hören konnte. Unglaublich: Mein Ohr war wieder fest angewachsen, nur eine feine Narbe erinnert bis heute daran, dass ich dieses Ohr für kurze Zeit verloren hatte. Ich handelte wie unter Schock. Zog noch mit, als wir Jesus abführten, war aber in Gedanken nicht dabei. Wie konnte er so etwas tun? Woher hatte er diese Wunderkräfte? Und warum heilte er gerade mich, seinen Feind? Als wir am Anwesen des Kaiphas ankamen, verdrückte ich mich, so schnell es ging, nach Hause. Stammelnd versuchte ich meiner Frau von dem zu berichten, was ich am eigenen Leib erlebt hatte, dann legte ich mich ins Bett und fiel in einen tiefen Schlaf. Erst später erfuhr ich: Mein Bruder hatte sich an die Fersen des Mannes geheftet, der mich schwer verletzt hatte. Er schlich ihm 14
nach bis in den Hof, in den wir Jesus gebracht hatten. Was für ein Waschlappen dieser Petrus doch sei, berichtete mein Bruder mir, wie er feige abgestritten hatte, mit dem Gefangenen und seiner Botschaft auch nur das Geringste zu tun gehabt zu haben. Doch für mich blieb Petrus einer, der alles riskiert hatte, um seinem Freund Jesus zu helfen. Monate später machte ich mich auf die Suche nach Petrus. Sprach lange mit ihm über die Nacht, in der er sein Schwert gezückt und mich verletzt hatte. Über die Stunden, in denen er Jesus verteidigen wollte und ihn dann doch jämmerlich im Stich ließ. Die Art und Weise, wie Petrus über die dunkelste Phase seines Lebens sprach, wie er sich bei mir entschuldigte und mir gleichzeitig vorschwärmte von seinem unerschütterlichen Vertrauen auf Jesus – all das hinterließ tiefe Spuren bei mir. Mehr und mehr wandte ich mich innerlich der Botschaft zu, die Jesus (den man inzwischen hingerichtet hatte) und jetzt Petrus lebten und weitergaben. Ich hörte und hörte. Tief drangen die Worte in mein Innerstes und begannen Wirkung zu entfalten. Und dann handelte ich und schloss mich der kleinen Gemeinde von Jesus-Anhängern an, die sich bei Petrus im Haus traf. Wenig später gab ich meinen gut bezahlten Job bei Kaiphas auf. In diese Zeit fiel auch das Gespräch mit Amata, in dem sie mir bescheinigte, dass ich endlich wirklich zuhören und sie verstehen konnte. Seitdem bin ich ein neuer Mensch geworden. Einer, der weitergeben möchte, was er gehört und erlebt hat. Ein Mensch mit einem von Jesus geheilten Ohr. Mein besonderes 15
Ohr ist mir eine Verpflichtung. Und eine Gabe, fĂźr die ich Gott auf ewig dankbar sein werde. Die dĂźnne Narbe an meinem Ohr hilft mir, das nie zu vergessen. Nach Lukas 22,47-51 und Johannes 18,8-11
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