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LESEPROBE

Petra Hahn-Lütjen (Hrsg.)

Kleine Genießergeschichten

80 Seiten, Taschenbuch € 3,50 (D) / SFr *5,50 / € 3,60 (A) ISBN 978-3-7655-4191-9, Bestell-Nr. 114191 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung


Manfred Siebald

Gipfel „Was für ein Genuss. So etwas kann man sich überhaupt nicht vorstellen, wenn man nicht selbst da oben gewesen ist. Ich meine nicht nur den atemberaubenden Rundblick, sondern auch das Gefühl, der Erste zu sein, der sich das alles anschauen kann.“ Das Gesicht des kleinen hageren Mannes rötet sich beim Erzählen und seine rechte Hand, an der drei Finger fehlen, zittert ein wenig, als er mir das Foto mit den verknickten Ecken hinhält. „Man sieht es wegen der Schutzbrille nicht, aber ich glaube, ich habe in diesem Augenblick die ganze Welt auf einmal gesehen.“ Das Bild zeigt nur eine dick vermummte Gestalt mit einem Rucksack, die triumphierend einen Eispickel in die Höhe reckt. Ringsum deuten sich tief verschneite Berge an, deren Gipfel von ausgefransten Wolken umringt sind. Ein herrenloses Gepäckstück am rechten Bildrand gehört wohl der unsichtbaren Person, die diese Aufnahme gemacht hat. Als er das Bild umdreht und mir auch die Rückseite hinhält, kann ich eine verblasste Handschrift lesen: „Paul Hartmann 25.1.1974. Aufnahme: Jasper Sorensen“. Er wartet wohl auf einen Kommentar von mir, und so frage ich: „Sie waren anscheinend nicht allein da oben.“ „Nein, natürlich nicht. Das wäre völlig unmöglich 36


gewesen. Ich hatte mir zwar irgendwann mal eine Erstbesteigung im Alleingang vorgenommen, aber jeder, der von den Bergen im Yukon etwas versteht, hat es mir ausgeredet. Alle Experten sagten, das wäre glatter Selbstmord. Und so habe ich mir einen Kumpel gesucht, einen Kanadier mit viel Erfahrung, der selbst drei Erstbesteigungen auf dem Konto hatte. Er hieß Jasper und war ein Bär von einem Mann.“ Als er das sagt, schimmert es um seine Augen. „Er wurde so etwas wie mein bester Freund, und ich vermisse ihn immer noch.“ Als ich ihn fragend anschaue, sagt er: „Er hat es nicht mehr zurückgeschafft. Wir sind beide beim Abstieg über den Westsattel abgestürzt. Ich kam mit Kopfverletzungen und schweren Erfrierungen davon. Er muss wohl sofort tot gewesen sein. Ich mache mir seither an jedem Tag meines Lebens Vorwürfe, dass ich ihn zu dieser Expedition überredet habe.“ Er schweigt. Seine Gesichtszüge haben etwas Asketisches. So mag ein Mönch im sechzehnten Jahrhundert ausgesehen haben, der sein Leben auf ein einziges großes himmlisches Ziel ausgerichtet hatte. Aber bei ihm spüre ich nur ein einziges Ziel: die Erfüllung eines ganz eigenen Wunschtraums, das Erlebnis eines Genusses, für den man unglaubliche Opfer in Kauf zu nehmen bereit ist. Wie kommt ein Mensch nur zu einem solchen Traum? Als könne er meine Gedanken lesen, beginnt er wieder zu reden. „Ich erzähle Ihnen am besten, wie es dazu gekommen 37


ist. Als kleiner Junge habe ich ein Buch verschlungen, das mein ganzes Leben geprägt hat: Das war der Gipfel: Die kühnsten Erstbesteigungen der Geschichte von Claudio Vincenzo. Von da an hatte ich den Traum, etwas zu tun, was nur richtig gute Bergsteiger schaffen: Im Winter einen bisher noch nie bezwungenen Berg zu besteigen. Ihm dann vielleicht sogar einen Namen geben zu dürfen. Nach vielen Jahren, in denen ich auf Expeditionen in den europäischen Alpen das Bergsteigen erlernte, kam ich mit Jasper über einen Gebirgsverein in Kontakt, und als ich merkte, dass er ebenso abenteuerhungrig war wie ich, erzählte ich ihm von meinem Vorhaben, mir einen der noch nicht benannten Berge in Alaska im Winter vorzunehmen. Zuerst war er skeptisch wegen der Risiken, aber nach vielen Argumenten von meiner Seite begannen wir die Planung und beugten uns über die Karten. Schon die Namen kitzelten unsere Fantasie: Da gab es Berge und Orte mit unheilschwangeren Namen wie Tombstone Mountains oder Destruction Bay. Wir haben uns dann für den Kluane National Park mit dem Mount Logan, fast sechstausend Meter hoch, entschieden. In dessen Nähe gab es mehrere Gipfel ohne Namen, die anscheinend auch noch nie bestiegen worden waren. Ein halbes Jahr recherchierten wir, kauften Ausrüstung ein und arrangierten den Transport. Kurz nach Neujahr ging es dann los. Es war eine unglaubliche Plackerei: mehr als fünfzig Pfund Gepäck auf dem Rücken und zwei Wochen ohne Dusche, schroffe Felswände ohne die Haken vorheriger 38


Expeditionen, vergeblicher Aufstieg bis zur Hälfte der Gipfelhöhe, Wiederabstieg und gefährlicher Aufstieg über eine andere Flanke … Aber das alles wurde wettgemacht durch den Anblick der Aurora borealis, dieses unbeschreiblichen Nordlichts. Und zum Schluss wurden wir durch diesen einen Augenblick auf dem Bild hier belohnt. Dann, beim Wiederabstieg, kam in einem Schneesturm der furchtbare Moment, als wir beide fast gleichzeitig den Halt verloren und einander in die Tiefe rissen. Jasper war wohl sofort tot, und ich verlor das Bewusstsein, als ich mit dem Helm auf eine Felskante aufschlug. Es ließ sich hinterher nicht mehr feststellen, wie lange ich da gelegen habe.“ Seine Stimme klingt im Laufe der Erzählung immer belegter. Die Haut auf seinen Unterarmen hat sich in Gänsehaut verwandelt, als fröstele ihn allein schon die Erinnerung. „Es war unglaublich kalt, und irgendwann spürte ich meine Finger und Zehen nicht mehr. In meinem Dämmerzustand taumelten Bruchstücke von Erinnerungen durch meinen Kopf. Manche waren eher blass, andere tauchten ganz plastisch und farbig auf. Nachmittage im Garten meiner Großeltern, ein Sturz von der Kirschbaumleiter, eine katastrophale Mathematikstunde, mein Konfirmationsspruch ‚Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist‘, meine erste Fahrstunde. Musik kam wieder, die ich als Gitarrist in unserer Band gesungen hatte, und ich versuchte, sie vor mich hin zu summen, um wach zu bleiben. Aber dann driftete ich wieder ins Leere. Als plötzlich über mir laute Stimmen fragten, ob ich 39


bei Bewusstsein wäre, wusste ich, was das für ein rhythmisches Brummen gewesen war, das ich mit halbem Ohr wahrgenommen hatte: Ein Hubschrauber hatte zwei Männer von der Bergrettung auf einem kleinen Plateau rechts über mir abgesetzt. Ich will Ihnen die Einzelheiten ersparen, wie sich einer von ihnen zu mir abseilte, wie er mich in einer Schlinge fixierte und wie ich dann hochgezogen wurde. Sehr dramatisch. Ich kann mich nur noch ganz klar an den Moment erinnern, als ich oben auf meinen Füßen zu stehen versuchte und unterhalb meiner Knie nichts mehr spürte. Als wären meine Beine eingeschlafen. Ich verlor dann auf dem Flug in die Klinik wieder das Bewusstsein und wachte erst auf, als mich jemand vorsichtig schüttelte und fragte: ‚Are you alright, Sir?‘ Es war eine freundliche Schwester, und ich lag in einem schmucklosen Krankenzimmer mit kalkweißen Wänden. Man erzählte mir von meinen schweren Kopfverletzungen und fragte, ob ich einer Amputation der Zehen an meinen Füßen zustimmte. Wegen Erfrierungen dritten Grades. Seitdem trage ich diese Spezialschuhe. Solche Sandalen, wie Sie sie anhaben, sind für mich nicht mehr drin.“ Ein paar Kinder rennen mit ihrem Vater über den Platz und kicken einen Ball hin und her, bis er zum allgemeinen Gelächter in den Brunnen mit den wasserspeienden Krähen fällt. „Dass sie mir auch noch drei Finger amputieren mussten, war zum Schluss nicht mehr wichtig. Daran gewöhnt 40


man sich nach einer Weile, auch wenn einem das Gitarrenspiel fehlt. Schlimmer ist, dass ich seit der Kopfverletzung an der Felskante nie wieder richtig habe riechen können und dass deshalb auch das Schmecken beeinträchtigt ist. Übel sind auch die Schlafstörungen, die mich seither plagen. Ganz zu schweigen von den Schuldgefühlen, die ich wegen Jasper empfinde. Natürlich bin ich nicht direkt an seinem Tod schuldig, aber ohne meine Überredung wäre er gar nicht in diese Lage gekommen.“ Das engagierte Erzählen (mit einer bisweilen recht lauten Stimme, die einige andere Cafégäste hat herüberschauen lassen) hat Paul Hartmann deutlich erschöpft. Er fährt sich mit der linken Hand durch die Haare und legt den Kopf in den Nacken. Einer der wenigen Sonnenstrahlen, die es durch das Blätterdach der Linde schaffen, ruht auf seinen geschlossenen Lidern und der Mönch des sechzehnten Jahrhunderts nimmt für einen Augenblick das Aussehen eines sich am Strande bräunenden Urlaubers an. Aber dazu ist sein Gesicht dann doch zu angespannt. Der Daumen und der verbliebene Finger seiner rechten Hand trommeln unbeholfen auf die Tischplatte. Auch mich hat seine Schilderung erschöpft. In sein Schweigen hinein mag ich nichts sagen. In einem gewissen Sinn bin ich neidisch auf ihn – einen solchen Gipfel des Glücks, wie er ihn erlebte, hat es bei mir noch nie gegeben. In dieser Beziehung lebe ich eher im Flachland und hatte bisher einfach weder Bedürfnis noch Gelegenheit, mein ganzes Leben auf eine grandiose Empfindung hin 41


zu konzentrieren. Er hat seine eine große genussvolle Erinnerung. Ich kenne nur die vielen kleinen Genüsse, das Glück vieler unspektakulärer Stunden. Wie hat er gesagt: Schmecket und sehet. In den Zweigen über uns fängt ein Vogel an zu singen, vielleicht eine Amsel. Genau so hat es heute Morgen vor meinem Fenster geklungen, als ich nach einer gut durchschlafenen Nacht allmählich aus den Träumen auftauchte. Ich kann den Duft der Lindenblüten über mir riechen, und er weckt in mir Erinnerungen an viele Ausflüge in die Weinstuben der Umgebung. Dort saß ich schon oft unter den Linden bei einem Grauburgunder und meine Sinne berauschten sich an Gerüchen und Gaumenfreuden. Das fast leere Glas ruht glatt und immer noch kühl in meiner Hand, auch wenn wir hier schon seit mehr als einer Stunde sitzen. Ich nehme den letzten Schluck und schmecke die Süße, in die die vertrauten Bittertöne gemischt sind. Schmecket und sehet. Das Relief des Getränkelogos hebt sich rau von der glatten Oberfläche des Glases ab. Auch mit geschlossenen Augen könnte ich es mit der Kuppe meines Zeigefingers orten. Zumindest die zwei großen geschwungenen Anfangsbuchstaben. Von mir unbemerkt haben sich unter dem Tisch die Ameisen eine Durchgangsstraße durch die Riemen meiner linken Sandale eingerichtet. Langsam beginnt der rege Verkehr auf meinem Fuß mich zu kitzeln. Zu anderen Zeiten wäre ich sicher aufgestanden und hätte mich woanders hingesetzt. Aber heute rege ich mich nicht – ich 42


genieße es sogar, dass einer meiner Zehen nach dem anderen wie ein Gipfel von den kleinen Wesen bestiegen wird. Ich bin ganz Gefühl. Schmecket und sehet. Was für ein Genuss.

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