Danny Smith
Raoul Wallenberg – der Mann, der 100 000 Juden rettete
Inhalt Vorwort des Gründers von Amnesty International
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Teil 1: Der Auftrag 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11.
Ein schwedischer Diplomat in geheimer Mission Der unzufriedene Träumer Auschwitz Europa ist „judenrein“ … fast! Das furchtbare Geheimnis Wallenberg in Budapest Der rettende Schutzpass Rettungsmission Todesmarsch Auf der Flucht Die letzten Tage in Budapest
13 25 39 53 59 71 84 93 103 118 133
Teil 2: Das Geheimnis 12. Wo war Raoul Wallenberg? 13. Diplomatische Katastrophe 14. Die Antwort der Sowjetunion 15. Lebendig begraben 16. Unbeantwortete Fragen 17. Die Überlebenden kommen zu Wort Schluss 5
143 153 159 174 182 197 207
Anhang Dank Verwendete Literatur Anmerkung Namensregister
210 217 218 220 222
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Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen. (Psalm 18,31)
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15,13)
Teil 1
Der Auftrag
1. Ein schwedischer Diplomat in geheimer Mission
1944, auf dem Weg nach Auschwitz …
W
allenberg tritt aus dem Schatten wie ein geheimnisvoller Held; er erscheint, als alle Hoffnung verloren und jedes Herz vor Angst erstarrt ist. Ein schwarzes Buch fest unter den Arm geklemmt, bewegt er sich schnell zwischen den vielen Menschen hindurch, die dicht aneinandergekauert in dem trostlosen, dunklen Backsteingebäude an der ungarisch-österreichischen Grenze liegen. Mit dem schwarzen Ledermantel und dem Hut wirkt er unscheinbar, fast verweichlicht. Aber dieser Eindruck täuscht! Mit leiser Stimme wendet er sich an die Gefangenen: „Ich möchte Ihnen allen gern helfen, aber bitte verzeihen Sie mir, ich kann nur wenige retten.“ Er spricht wie zu sich selbst, in gedämpfter Lautstärke. „Ich muss die Jungen zuerst befreien; ich habe so wenig Zeit …“ Mit wenigen Blicken nimmt er das jammervolle Bild im dunklen Raum in sich auf. Ungarische Jüdinnen, junge Mädchen und ältere Menschen, sind nach einem qualvollen 240-Kilometer-Fußmarsch von Budapest bis hierher vor Erschöpfung zusammengebrochen. Von Durchfall geschwächt, ausgedörrt und hungrig, vom Schmutz und Staub der Reise bedeckt, von Läusen geplagt, ohne privaten Bereich für Hygiene sind sie an die österreichische Grenze 15
gestolpert. Von hier sollen sie wie Schlachtvieh in Güterzüge geschoben und nach Auschwitz transportiert werden. An ihrer Brust ist ein gelber Stern befestigt: das Zeichen ihres Todesurteils. Wallenberg sieht diesen Menschen an, dass viele von ihnen wohlhabend und stolz gewesen sind, unberührt vom Schicksal der Juden in den benachbarten Ländern. Jetzt sind sie wie benommen. Völlig entgeistert und wie unter Schockeinwirkung starren sie vor sich hin, ohne ihre Lage zu begreifen; stumm, niedergeschmettert von dem furchtbaren Schicksal, das ihnen droht. Unfähig zu glauben, was sie gesehen und erlebt haben, gefangen in einem grauenvollen Albtraum, ohne irgendeine Hoffnung. Der Todesmarsch hat ihnen den letzten Rest ihrer Würde genommen. Wie in Trance kämpften sie sich vorwärts, hilflos den höhnischen Bemerkungen und Flüchen der GestapoAufseher und der ungarischen Gendarmen ausgesetzt. Müde Nachzügler erhielten brutale Kolbenschläge in den Rücken. Wer nicht Schritt halten konnte, brach zusammen und wurde in Matsch und Schlamm am Straßenrand dem Tod überlassen. Im eiskalten Regen bewegte sich die Kolonne durch die ungarische Landschaft vorwärts, an ländlichen Steinhäusern vorbei. Von zuckenden Blitzen begleitet, krachten gewaltige Donnerschläge am Himmel, wie ein Wehklagen für die, die nicht mehr weinen konnten, und ein Totengeläut für die, die gefallen waren. Adolf Eichmann hatte zuvor Ungarn in sechs Zonen aufgeteilt. Da die Deportation der Budapester Juden im Ausland für Aufsehen gesorgt hätte, beschloss man, sie zuletzt zu deportieren. Die Deportationen der ungarischen Juden hatte am 27. April 1944 begonnen. Als Wallenberg im Juni in 16
Budapest eintraf, waren bereits 437402 Personen in die KZs deportiert worden. Obwohl Hitlers gefürchtete Gestapo die europäischen Juden fast überall systematisch vernichtet hatte und Gerüchte über die „Endlösung“ auch nach Ungarn gedrungen waren, hatten sich die jüdischen Gemeinden dort vor diesem Krebsgeschwür sicher geglaubt. Das änderte sich mit dem Pochen an der Tür um Mitternacht. Mütter pressten ihre Kinder an sich, als sie in die überfüllten Waggons stiegen. Wer sich widersetzte, erhielt kurzerhand eine Kugel in den Kopf. Und dann schließlich die Todesmärsche zur österreichischen Grenze. Die schlimmsten Ängste bestätigten sich – es gab kein Entrinnen vor dem Henker. Die Frauen und Männer erkennen den Schweden sofort. Sein legendärer Ruf eilt ihm voraus. „Das ist Wallenberg“, flüstert eine ältere Frau. „Retten Sie uns, bitte retten Sie uns – wir werden alle sterben!“, geht ein Schrei durch den Raum, als sich ihre Stimmen zu dieser einen Bitte vereinigen und den geheimnisvollen Mann anflehen, sie mit dem Wink eines Zauberstabes in ihre friedlichen Häuser zurückzubringen. Selbst Raoul Wallenberg war nicht gefasst auf das Bild der Erniedrigung und Demütigung, das sich ihm hier bietet. Man sieht ihm seine Erschütterung an; manchmal zuckt er zusammen. Diese Bilder werden ihn nicht wieder loslassen – Menschen, die wie Schlachtvieh auf ihr Ende warten. Auf seinem Gang durch den Raum hält er unter dem einen Arm das schwarze Buch. Immer wieder schlägt er es auf und notiert sich die Namen der Personen, mit denen er spricht. Er wiederholt seine Worte, damit sie auch im letzten Winkel der Scheune jeder hört: „Bitte verzeihen Sie mir. Sie 17
müssen mir verzeihen. Ich wünschte, ich könnte Ihnen allen helfen. Ich habe den Auftrag, die jüdische Nation zu retten. Ich kann nur ein paar Hundert retten, ich muss mich vor allem um die Jungen kümmern.“ Mitten in Gestank, Schweiß und einer Traube von Menschen, die alle seine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen, fällt sein Blick auf eine junge Frau in einer dunklen Ecke. Sie liegt auf dem kalten, feuchten Boden, wo sie hingekrochen ist. Sie fühlt sich schwach und fast unfähig, sich zu bewegen, als habe alle Kraft ihren Körper verlassen. Obwohl sie jung ist, knapp siebzehn Jahre, haben der Marsch von Budapest und die entsetzlichen Erlebnisse unterwegs sie fast umgebracht. Sie hat einen starken Überlebenswillen, aber es gelingt ihr nicht, ihre Sinne zusammenzunehmen und ihren Körper aufzurichten, um sich an diesen geheimnisvollen Mann zu wenden. Sie beobachtet ihn genau und verfolgt jede seiner Bewegungen mit den Augen, bis sich ihre Blicke für einen winzigen Moment begegnen. „Ich dachte nicht, dass er mir wirklich helfen würde“, erinnert sie sich später. „Ich weiß noch, wie überrascht ich war, dass er so gut aussah – und so sauber – in seinem Ledermantel, wie ein Wesen aus einer anderen Welt, und ich dachte: Warum gibt er sich mit so elenden Geschöpfen wie uns überhaupt ab?“ Als sie ihn sagen hört, dass er die jüdische Nation retten will, bekommt sie Herzklopfen. „Ich hatte noch nie zuvor etwas von einer jüdischen Nation gehört. Von dem jüdischen Volk, das schon, aber nicht von einer jüdischen Nation.“ Zu diesem Zeitpunkt droht Hitlers „Endlösung“; das Ziel des Dritten Reiches ist die vollständige Vernichtung von bis zu elf Millionen europäischen Juden. 18
Vorsichtig steigt Wallenberg über die im Raum liegenden Menschen und nähert sich der jungen Frau. Er beugt sich zu ihr hinunter und sieht ihr offen ins Gesicht. Seine Augen sind freundlich und sanft. „Wie heißen Sie?“, fragt er mit seiner beruhigenden und tröstenden Stimme. Sie spürt, dass er hinter ihre Scham und Erniedrigung sieht. Flüsternd antwortet sie ihm, versucht, den Lärm zu durchdringen, den seine Anwesenheit in der Scheune verursacht. Er hält das Buch mit einer Hand und kritzelt mit seinem silbernen Füller schnell eine Notiz hinein: Miriam Herzog … Im nächsten Moment ist er verschwunden. Die Begegnung dauerte nur wenige Sekunden, aber sie rettete Miriam Herzogs Leben; diese kostbaren Augenblicke würde sie niemals vergessen. Susanne Tabor, eine weitere junge Frau, geriet bei einer anderen Gelegenheit unter den Schutz des legendären schwedischen Diplomaten. Sie erklärt, was ihr die Begegnung bedeutete: „Er gab mir wieder das Gefühl, ein Mensch zu sein. Zum ersten Mal schöpfte ich wieder Hoffnung. Ich glaube, jeder von uns fühlte sich anders nach seinem ersten Besuch. Er zeigte uns, dass wir keine Tiere waren, dass sich jemand um uns kümmerte. Die entscheidendste Erfahrung für uns war, dass er selbst kam, persönlich. Für uns blieb er stehen, für jeden Einzelnen von uns …“ In der Zeit der brutalen Todesmärsche, die sich der berüchtigte SS-Führer Adolf Eichmann ausgedacht hatte und bei deren Durchführung Tausende ungarischer Juden ums Leben kamen, verbreiteten sich die Nachrichten vom beinahe unglaublichen Wirken Raoul Wallenbergs in kürzester Zeit. Wie Miriam Herzog wurden viele durch die persönliche Begegnung mit dem schwedischen Diplomaten buchstäblich in 19
letzter Minute vor dem Tod bewahrt. Wallenberg veranlasste, dass jedem, den er erreichen konnte, durch Pässe, Reisepapiere und frei erfundene Dokumente, die manchmal nur aus Papierfetzen bestanden, sichere Durchreise gewährt wurde. Er setzte sich für die Gejagten und zum Tode Verurteilten mit dem Eifer eines von Gott beauftragten Mannes ein. Sein Wagemut kannte keine Grenzen. Mit charismatischer Energie trat er den Kampf gegen die bösen Mächte des Nationalsozialismus an und weigerte sich, eine Niederlage hinzunehmen. Raoul Wallenberg wurde 1944, in den letzten Tagen von Hitlers Völkermord, mit einem geheimen Auftrag vom amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt nach Ungarn geschickt. Seine Aufgabe war, Juden zu retten. Nachdem der amerikanische Präsident und das Außenministerium in einem Bericht beschuldigt worden waren, den Völkermord an den Juden zu dulden, gründete Franklin D. Roosevelt den „War Refugee Board“ (Kriegsflüchtlingsrat). Dieser machte es sich zur Aufgabe, den Holocaust endlich zu stoppen. Daher äußerte sein amerikanischer Vertreter, Herschel V. Johnson, die Bitte gegenüber seinem schwedischen Kollegen Iver C. Olsen um einen schwedischen Gesandten in Ungarn, der sich dort für die Juden einsetzen sollte. Auch der Jüdische Weltkongress bat um Hilfe. Wallenberg war dann der Legationssekretär der schwedischen Gesandtschaft, der sich ausschließlich um die Rettung der Budapester Juden kümmerte. Irgendwo in den Straßen Budapests wurde dieser Auftrag 1944 zu einem persönlichen Kreuzzug, als die einsame Gestalt Wallenbergs den Kampf gegen seinen Widersacher Adolf Eichmann aufnahm. Die beiden Männer verkörperten das klassische Ringen von Gut und Böse in einer Welt, die vor dem Zusammenbruch stand. 20