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Es war allerhöchste Zeit gewesen, denn der Kopf des Kindes war schon sichtbar, als die Hebamme hereinkam. Sie hatte nicht mehr viele Anweisungen zu geben, und die erfahrene und vernünftige Gumperbäuerin befolgte sie auch, ohne viel Theater zu machen. Nach wenigen Sekunden war die schwierigste Phase schon geschafft, und der Kopf war ausgetreten. Freilich, für die erschöpfte Bäuerin war es eine ungeheure Anstrengung gewesen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte entließ sie das Kind in die Freiheit. Dann sank sie ermattet in ihre Kissen und schloss die Augen, ohne auch nur wissen zu wollen, ob sie denn den ersehnten Sohn zur Welt gebracht hatte. Dafür konnte Aloisia dem Himmel nur danken, denn im ersten Moment hätte sie nicht gewusst, wie sie Zenta Moosberger hätte vermitteln sollen, dass ihr erster Sohn nicht mehr lebte. Das Kind hatte die Nabelschnur fest um den Hals geschlungen, und während des Geburtsvorgangs war ihm die Luftzufuhr abgedrückt worden. Jede Hilfe kam zu spät, das sah die erfahrene Geburtshelferin auf der Stelle. Für einige Momente war Aloisia wie betäubt und verrichtete mechanisch alle nötigen Handgriffe, um das tote Kind abzunabeln. Geradezu mit Erleichterung vernahm sie dann aus dem angrenzenden Kreißsaal den Schrei: »Hilfe! Hilfe! Aloisia, schnell, schnell, es kommt.« Sie rannte nach nebenan und begriff erst, als sie schon dort war, dass sie Zentas tot geborenes Kind noch in der Hand hatte. Hastig legte sie es neben dem Erstgeborenen von Frau Krautwald ab, dann beeilte sie sich, der 31

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Gebärenden zu helfen, die trotz Lachgasmaske nun laut schrie. Dann endlich hatte auch Luises zweiter Sohn sich seinen Weg in die Welt gebahnt. »Sie haben das Schlimmste überstanden. Jetzt kommt nur noch die Nachgeburt, das machen wir mit links«, versicherte ihr die Hebamme, während sie sich um das leise wimmernde Kind kümmerte, es in ein weißes Frotteetuch einhüllte und neben seinen schlafenden Bruder legte. Nun lagen alle drei Kinder nebeneinander, die in dieser Nacht zur Welt gekommen waren: die Zwillinge von Luise Krautwald und der leblose kleine Körper des tot geborenen Sohns der Gumperbäuerin. Aloisia streckte die Hand nach dem toten Kind aus, um es in den Raum zurückzubringen, in dem seine Mutter lag, doch dann zog sie sie wieder zurück und sah sich die drei Kinder noch einmal an. Wie ähnlich sie sich alle drei sahen! Eigentlich hätte Zentas Bub größer sein müssen als die Zwillinge, denn die hatten im Bauch der Mutter ja viel weniger Platz gehabt – doch er war ja ein paar Wochen zu früh dran. Man hätte alle drei für Geschwister halten können. Dann durchzuckte sie ein Gedanke, der völlig verrückt war: »Was, wenn ich Zenta einen von den lebenden Buben bringe?« Nachdem der Hebamme dieser Gedanke erst einmal gekommen war, schien es ihr mit einem Mal ganz logisch, ihn auch auszuführen: War es nicht Fügung, dass hier drei Knaben vor ihr lagen, die sich so auffallend ähnlich sahen? Auch, dass beide herbeigerufenen Ärzte nicht rechtzeitig gekommen waren, schien wie von ei32

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ner höheren Macht geplant. Und sogar der Mutter der beiden Buben würde damit ein Gefallen erwiesen werden – so heftig, wie sie sich gegen ein zweites Kind gesträubt hatte. Wieder streckte Aloisia die Hand aus, doch statt nach Zentas tot geborenem Sohn griff sie nach dem zweitgeborenen Zwilling von Luise Krautwald, trat in den angrenzenden Raum, legte das Kind dort auf den Wickeltisch und kam gerade rechtzeitig an Zentas Bett, um die Nachgeburt in einer Schüssel aufzufangen. Wie ferngelenkt ging sie anschließend wieder zu Frau Krautwald zurück, bei der auch gerade die Nachgeburt kam, kümmerte sich auch darum und trat dann an den Wickeltisch, wo zwei Kinder lagen, ein lebendiges und eine totes. »Frau Krautwald, leider muss ich Ihnen eine traurige Mitteilung machen«, hörte sie sich selbst endlich wie aus weiter Ferne sagen. »Ihr zweites Kind hat seine Geburt nicht überlebt. Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich ihm wenigstens die Nottaufe geben. Welchen Namen haben Sie ihm zugedacht?« Die junge Mutter war noch kaum wieder bei Sinnen: »Nennen Sie es Franz-Josef, nach meinem Mann«, sagte sie mit schwacher Stimme. Aloisia goss von dem bereitstehenden Weihwasser ein wenig über das Köpfchen und sprach die Worte: »Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes auf den Namen Franz-Josef.« Es folgten noch einige weitere vertraute Verrichtungen, die sie ganz mechanisch vornahm: Sie wusch beide Kinder, legte das lebende, in ein frisches Frotteetuch 33

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eingeschlagen, in das bereitstehende Bettchen, damit der Arzt es später untersuchen konnte. Das tote Kind ließ sie auf dem Wickeltisch liegen, nachdem sie es verhüllt hatte. Dann füllte sie die entsprechenden Papiere aus und ging wieder hinüber in den anderen Kreißsaal, um den jüngeren Zwilling ebenfalls zu versorgen. Gerade, als sie auch ihn in sein Bettchen legen wollte, hörte sie nebenan die Tür gehen und dann eine Männerstimme, die Frau Krautwald ansprach. Die Hebamme kam gerade rechtzeitig hinüber, um zu hören, wie sich der Arzt entschuldigte und erklärte, dass es auf seiner Fahrt zum Krankenhaus einen Unfall mit zwei Schwerverletzten gegeben habe. »Ich musste erste Hilfe leisten und bei ihnen bleiben, bis sich der Krankenwagen bei dem einsetzenden Berufsverkehr durchgekämpft hatte.« Einsetzender Berufsverkehr? Aloisias Blick glitt unwillkürlich zur Uhr hin, und sie sah, dass es bereits Morgen geworden war. »Guten Morgen, Herr Doktor«, begrüßte sie ihn. »Ihre Patientin hat Zwillinge geboren, von denen leider einer tot zur Welt kam. Er hatte die Nabelschnur um den Hals geschlungen.« Der Arzt untersuchte beide Kinder, erst das lebende und dann das tote. Er bestätigte die Diagnose und stellte den Totenschein aus. Dann trat er ans Bett seiner Patientin und sprach ihr mit warmen Worten sein Beileid aus. »Aber das andere Kind, ist das völlig in Ordnung?«, wollte Frau Krautwald wissen. »Besteht für es keine Gefahr?« 34

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»Nach menschlichem Ermessen nicht, gnädige Frau. Das Kerlchen macht einen durchaus gesunden Eindruck. Der Tod Ihres zweiten Kindes war ein tragischer Unglücksfall, den auch ich nicht hätte verhindern können.« Frau Krautwald gab sich damit ohne weiteres Nachfragen zufrieden, und so konnte die Hebamme sie nun endlich dem Arzt überlassen und ging in den anderen Kreißsaal zu Zenta hinüber. Dort machte sie sich ans Ausfüllen der Papiere und ans Aufräumen. Noch während sie damit beschäftigt war, wurde die Tür, die vom Flur her in diesen Raum führte, aufgestoßen, und Dr. Fischer stürmte herein. Völlig außer Atem stieß er hervor: »Na, Zenta, wie schaut’s denn aus? Was gibt’s für mich zu tun?« Wohl durch das ruckartige Öffnen der Tür und die Stimme des Arztes wurde die Bäuerin aus ihrem leichten Schlummer gerissen und öffnete die Augen. »Gar nichts gibt es mehr für Sie zu tun, Herr Dr. Fischer«, antwortete Aloisia. »Obwohl ich zwischendurch heilfroh gewesen wäre, wenn ich Sie an meiner Seite gehabt hätte. Aber wir haben es am Ende doch alleine geschafft, die Zenta und ich. Da, schauen Sie nur. Da liegt er schon, Zentas Bub.« »Ich hab einen Buben?«, fragte die Wöchnerin aufgeregt. »Aloisia, ist das gewiss wahr? Und warum hast du mir das nicht gleich gesagt?« »Du bist doch gleich eingeschlafen«, redete die Hebamme sich heraus. »Da wollte ich dir die kurze Erholungspause gönnen.« Die Wöchnerin lächelte matt: »Ja, weißt du, für diese Nachricht hättest du mich schon aufwecken dürfen.« 35

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»Das glaub ich dir gern. Aber du weißt doch, dass ich nebenan noch eine andere Frau zu versorgen hatte, und da war ich froh, dass ich gleich hinübergehen konnte. Zwischen Tür und Angel wollte ich dir eine so großartige Neuigkeit ja auch nicht mitteilen.« Der Moosberger-Bäuerin liefen Freudentränen über die Wangen. Sie versuchte, sich aufzurichten, um ihr Kind endlich sehen zu können. »Wo ist er? Darf ich ihn jetzt mal haben, meinen kleinen Blasi?« »Ei freilich«, verkündete der Doktor und beugte sich über das Bettchen. Mit einer Behutsamkeit, die man dem poltrigen, kräftigen Mannsbild nicht zugetraut hätte, hob er das Neugeborene aus den Kissen. So stolz, als ob er es selbst zur Welt gebracht oder zumindest die Entbindung geleitet hätte, legte er es der überglücklichen Mutter in die Arme. »Blasi, mein Bub«, flüsterte sie zärtlich und streichelte ihm über die rosigen Wänglein. »Jetzt kann ich mich wieder auf dem Gumperhof sehen lassen! Ja, was wird der Blasius für eine Freud’ haben! Und dass sein Bub grad am Blasiustag geboren ist, das wird ihn noch mehr freuen.« Nun, da beide Geburten überstanden waren, kamen in Aloisia Gaßlmaier Sorgen auf, an die sie in der Aufregung bislang gar nicht gedacht hatte: Die beiden Mütter durften keinesfalls im selben Zimmer Betten bekommen, sonst war gar nicht auszudenken, was geschehen konnte, wenn sie selbst oder ein Besucher bemerkten, wie ähnlich sich die beiden Neugeborenen sahen. Auch in der Säuglingsstation wären die beiden Kinder dann nebeneinander zu liegen gekommen, und 36

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die Ähnlichkeit hätte den Säuglingsschwestern auffallen können … Aber sie hatte Glück: Frau Krautwalds Sachen waren, als sie mit ihrem Mann gekommen war, im ersten Zimmer auf dem langen Gang untergebracht worden, während Zenta Moosberger, die erst einige Stunden später hergebracht worden war, ins vorletzte Zimmer kommen sollte. Ehe die Hebamme sich nach dieser ebenso anstrengenden wie aufregenden Nacht zur Ruhe begeben konnte, hatte sie noch einen wichtigen Auftrag zu erledigen, denn sie hatte Zenta versprechen müssen, ihrem Mann die freudige Nachricht umgehend persönlich zu überbringen. Sicherlich hatte er vor Sorge kein Auge zugetan. Es verstand sich von selbst, dass er so schnell wie möglich benachrichtigt werden musste. So stellte Aloisia ihr Auto daheim am Haus ab und kämpfte sich mühsam durch den Schnee bis hinauf zum Gumperhof, und insgeheim war sie ganz froh, dass sie nur langsam vorwärtskam. Denn je mehr sie sich dem Hof näherte, desto schwerer fielen ihr die Schritte. Die freudige Botschaft, die sie überbringen sollte, beruhte nun einmal auf klarem Betrug. Nun, im Licht des neuen Tages, fühlte sie ihre Schuld erst wirklich. Im Hof war die ganze Familie nebst Gesinde nach getaner Stallarbeit um den Frühstückstisch versammelt, und alles wirkte so normal, dass niemandem, der die Familie nicht kannte, das Fehlen der Bäuerin aufgefallen wäre. Die Magd Vroni und die älteren Töchter hatten den Haushalt gut im Griff. Der Bauer freilich schien 37

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