Barbara Drossel
Und Augustinus traute dem Verstand Warum Naturwissenschaft und Glaube keine Gegensätze sind
1. Die These vom Widerspruch von Glauben und Naturwissenschaft Die atheistische Variante In seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ schreibt der Oxforder Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der religiöse Glaube sei ein Wahn, also eine dauerhaft falsche Vorstellung, an der trotz starker entgegengesetzter Belege festgehalten wird (auf Seite 17/18). Seiner Überzeugung nach hat die moderne Naturwissenschaft den christlichen Glauben widerlegt. Wer also heute noch glaubt, ist in seinen Augen entweder dumm oder wissentlich blind. Nach der Meinung von Richard Dawkins bedeutet „Glauben“ das blinde Akzeptieren von dogmatischen Lehraussagen, die man nicht hinterfragen darf. Wenn man sie hinterfragen würde, würden sie zusammenbrechen. Dawkins ist der Meinung, dass alles Geschehen allein aufgrund der Naturgesetze stattfindet. Die ganze Welt sei das Ergebnis eines sinnund ziellosen Entwicklungsprozesses, der auf der Basis von Naturgesetzen und Zufall ablaufe. Auch die Eigenschaften von Lebewesen seien das Ergebnis eines sinn- und ziellosen Prozesses, nämlich der Evolution. Im Jahr 1995 schrieb er im Scientific American: „Das Universum, das wir sehen, hat genau die Eigenschaften, die wir erwarten, wenn es letztlich keinen Plan, keinen Sinn, kein Gut und Böse gibt, sondern nur erbarmungslose Gleichgültigkeit … Wenn nur DNA fortbesteht, ist es egal, wer oder was dabei leidet.“4 Mit dem letzten Satz spielt er auf das Prinzip der natürlichen Selektion an: 11
Teil I Diejenigen Gene, die sich besser vermehren können, sind nach einiger Zeit die Gewinner, die ihre Konkurrenten verdrängt haben. Wenn dabei Individuen umkommen und Spezies aussterben, so gehöre das untrennbar zu diesem natürlichen Prozess dazu. Ähnlich wie Dawkins argumentieren auch andere bekannte Naturwissenschaftler. Sein Oxforder Kollege aus der Chemie, Peter Atkins, vertritt in seinen populärwissenschaftlichen Büchern die Sichtweise, dass alles was existiert, sogar so originelle Lebewesen Gott ist angeblich zur wie Elefanten, eine logische Folge der Naturgesetze Erklärung der Welt und der in ihnen angelegten Möglichkeiten ist. Gott nicht nötig. sei daher nicht zur Erklärung der Welt nötig.5 Der bekannte Oxforder Physikprofessor Stephen Hawking vertritt in seinem neuesten Buch „The Grand Design“ ebenfalls die Meinung, dass Gott zur Erklärung der Welt nicht nötig sei, da ja das Gravitationsgesetz das Universum aus dem Nichts hervorbringen könne. Auch im deutschen Sprachraum gibt es prominente Naturwissenschaftler, die einen ähnlichen Standpunkt vertreten. Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera meint, das „christliche Glaubensdogma von der Sonderstellung unserer Spezies“ sei „durch objektive Fakten widerlegt“6. Der Österreicher Biologe und Philosoph Franz Wuketits verkündigt in seinen populärwissenschaftlichen Büchern und Vorträgen die Botschaft, dass die Evolutionstheorie den Schöpfungsglauben verabschiedet habe.7 Die Überzeugung, die Wissenschaft habe den Glauben widerlegt, schimmert auch in manchen Wissenschaftssendungen in Radio und Fernsehen durch, die damit zur Verbreitung dieser Auffassung beitragen.
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Glaube und Naturwissenschaft im Streit miteinander?
Die christliche Variante Es gibt aber auch eine christliche Variante der Widerspruchsthese. Eine Reihe von Christen glauben, dass die Aussagen der Bibel nicht mit der modernen Naturwissenschaft vereinbar sind. Sie meinen, der Schöpfungsbericht im ersten Kapitel der Bibel sei so zu verstehen, dass Gott die Welt in sechs wörtlichen Tagen geschaffen habe, und dass er dabei jede biologische Art separat geschaffen habe. Dem zweiten Kapitel der Bibel entnehmen sie, dass Gott den Menschen im wörtlichen Sinn mit seiner Hand aus Erde geschaffen habe. Folglich müssen sie viele Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft ablehnen. Der in Deutschland bekannteste Vertreter diese Position ist Dr. Werner Gitt, der ein studierter Ingenieur ist. In seinem Buch „Schuf Gott durch Evolution“ schreibt er: „Die Erde und alle sonstigen Gestirne sind – bis auf die Differenz dreier Schöpfungstage – gleich alt. Die gesamte Dauer des Schöpfungsaktes umfasst sechs Tage.“ Er ist Mitautor des 2009 erschienenen Buchs „95 Thesen gegen die Evolution“, in dem die Ansicht vertreten wird, dass die moderne Naturwissenschaft mit der Urknallthese, der Datierung des Alters des Universums auf viele Milliarden Jahre und der Evolutionstheorie das Produkt einer atheistischen Weltanschauung sei, die für Christen abzulehnen sei. Er und seine Mitautoren datieren das Alter des Universums auf weniger als 10000 Jahre. Wer diesen Standpunkt vertritt, steht im Widerspruch zu praktisch allen Gebieten der modernen Naturwissenschaft: zu der Physik, der Kosmologie, der Paläontologie, der Geologie und der Biologie. Diese Wissenschaftsgebiete kamen zu der Schlussfolgerung, dass unser Sonnensystem und auch die Erde ca. 4,5 Milliarden Jahre alt sind und dass es seit mehr als 500 Millionen Jahren Mehrzeller auf der Erde gibt. Auch die Mitarbeiter der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ verstehen „die biblischen Schilderungen der Urgeschichte im Buch Genesis als ‚historisch zuverlässig‘“8. Sie vertreten ein junges Erdalter und sind der Überzeugung, dass es vor dem Sündenfall des 13
Teil I Menschen keinen Tod in der Welt gegeben hat. Diese letzte Aussage wird durch einen zentralen Text im Neuen Testament untermauert9, und es wird argumentiert, dass die Evolutionstheorie deshalb im Widerspruch zu fundamentalen christlichen Glaubensinhalten stünde. Die Evolutionstheorie steht ihrer Meinung nach auch im Widerspruch mit der Beobachtung, dass Lebewesen eindeutige Kennzeichen von „spezifischem Design“ tragen, also dass sie zweckKreationismus steht mäßig und planvoll gestaltet sind.10 Dieses spezifische im Widerspruch mit Design weise darauf hin, dass das Leben zielgerichdem fossilen Befund tet von Gott geschaffen wurde und nicht durch einen und der wissen- „geistlosen Evolutionsprozess“. Die Mitarbeiter von schaftlichen DatieWort und Wissen bemühen sich bei aller Abweichung rung der verschiedevon der wissenschaftlichen Lehrmeinung dennoch nen Erdzeitalter. um eine richtige Darstellung der wissenschaftlichen Sichtweise und vertreten ihre Position meist sachlich. Doch sie stehen wie die anderen Kreationisten im Widerspruch mit dem fossilen Befund und der wissenschaftlichen Datierung der verschiedenen Erdzeitalter. Seit einigen Jahren wird in Deutschland das Konzept des „Intelligent Design“ zunehmend populär, das in den USA auf den Juristen Philip Johnson, den Biologen Michael Behe und den Mathematiker William Dembski zurückgeht. Viele Vertreter des Intelligent Design akzeptieren den gemeinsamen Stammbaum aller Lebewesen und das hohe Alter der Erde. Aber sie glauben, dass nicht alles durch natürliche Prozesse entstanden sei. Es gebe Dinge, die so komplex sind, dass sie nur durch ein intelligentes Wesen gemacht worden sein können. Ein viel zitiertes Beispiel ist die Geißel der Kolibakterien. Sie ist eine Art Schwanz, der in einem Rotationsmotor verankert ist und den Bakterien zum Vorwärtsschwimmen und Richtungswechsel dient. Wenn nicht alle Teile, also der Motor, die Aufhängung, die Energieversorgung und der Schwanz gleichzeitig da seien, funktioniere die Geißel nicht, sie könne daher nicht durch Evolution in vielen kleinen Schritten entstanden sein, von denen jeder einen Überlebens14
Glaube und Naturwissenschaft im Streit miteinander? vorteil bringt. Alle Teile müssten gleichzeitig entstanden sein. Dies könne aber nicht durch „natürliche“ Ursachen, also durch Zufall und Naturgesetze geschehen sein, weil dies viel zu unwahrscheinlich sei. Also müsse es eine intelligente Ursache geben. Das Handeln eines intelligenten Wesens müsse daher neben Zufall und Naturgesetzen als wissenschaftliche Erklärung zugelassen werden. Diesen intelligenten Einfluss könne man dadurch wissenschaftlich nachweisen, dass man nachrechnet, dass die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung komplexer biologischer Dinge so verschwindend klein ist, dass sie nicht „von allein“ entstanden sein können. Diese Position steht im Gegensatz zur etablierten Naturwissenschaft, in deren Theorien und Modellen Gott nicht vorkommt.
In der Vergangenheit war dies anders Oft wird der Eindruck vermittelt, der oben beschriebene Konflikt zwischen naturwissenschaftlichen Aussagen und dem christlichen Glauben bestehe schon seit jeher. Doch es ist eine traurige Tatsache, dass dieser Konflikt noch nie so stark war wie heute. Als klassisches Beispiel dafür, dass die Kirchen sich angeblich schon immer gegen den Fortschritt der Wissenschaft gewehrt haben, wird Galileo Galilei herangezogen, der von der Kirche im Jahr 1633 gezwungen wurde, seine Lehre zu widerrufen, die Erde kreise um die Sonne. Doch wenn man sich die damaligen Ereignisse genauer anschaut, zeigt sich ein vielschichtiges Bild. Damals war in der akademischen Welt die erdzentrierte Sicht und das darauf fundierte Weltbild des griechischen Philosophen Aristoteles fest etabliert und durch überzeugende Argumente gestützt, und der Widerstand gegen die neue Lehre war daher kein speziell kirchliches Phänomen. Es gab auch kirchliche Vertreter, die der neuen Lehre, dass die Erde um die Sonne kreise, offen gegenüberstanden. Es scheint, dass Galilei mehr Verständnis erfahren hätte, wenn er keine so schwierige Persönlichkeit gewesen wäre.11 15
Teil I Einen bedeutenden Beitrag zur Verbreitung der These, die Naturwissenschaft sei schon immer im Konflikt mit dem christlichen Glauben gewesen, leistete das Buch „A History of the Warfare of Science with Theology in Christendom“ („Eine Geschichte des Kriegs der Wissenschaft gegen die Theologie in der Christenheit“) des Geschichtsprofessors Andrew Dickson White aus dem Jahr 1896. Doch dies ist ein polemisches Buch, das viele unbewiesene und nachweislich falsche Behauptungen aufstellt, so z. B., man habe im Mittelalter geglaubt, die Erde sei flach.12 Entgegen einer weitverbreiteten Meinung waren die kirchlichen Reaktionen auf Darwins Evolutionslehre keinesfalls einheitlich ablehnend. Der Hauptvertreter von Darwins Lehre in den USA, der Botanikprofessor Asa Gray von Harvard, war zum Beispiel ein frommer Presbyterianer. Es gab damals in einigen kirchlichen Kreisen Zustimmung zu Darwins Lehre. Der spätere Erzbischof von Canterbury, Frederick Temple, schrieb 1884: „Die Lehre der Evolution stellt in der Naturwissenschaft wieder eine Einheit her, so wie wir es von Gottes Schöpfung erwarten würden.“13 Sogar in der vor 100 Jahren erschienenen Schriftenreihe „The Fundamentals“, die den amerikanischen Fundamentalismus begründete, findet sich ein Beitrag, der tierische Vorfahren des Menschen akzeptiert.14 Unter denjenigen, die die Abstammungslehre ablehnten, gab es eine breite Vielfalt von Auffassungen, darunter auch den sogenannten Langzeitkreationismus, der jeden der sieben Schöpfungstage als einen Äon der Erdgeschichte interpretiert. Erst ab den 1960er-Jahren wurde in den USA der heutige Kurzzeit-Kreationismus durch das 1961 veröffentlichte Buch „The Genesis Flood“ des Ingenieurs Henry M. Morris und des Theologiedozenten John C. Whitcomb in weiten christlichen Kreisen populär. In diesem Buch wird die Entstehung der meisten geologischen Formationen auf die Sintflut zurückgeführt, eine These, die in der wissenschaftlichen Welt schon weit mehr als 100 Jahre vorher aufgegeben worden war, da sie mit dem geologischen Befund nicht zusammenpasst. 16
Glaube und Naturwissenschaft im Streit miteinander? In Deutschland gab es dank frommer Naturwissenschaftler wie des Saurierforschers Friedrich von Huene (1875–1969) und des Chemikers Paul Müller (1896–1983) und dank naturwissenschaftlich gebildeter Theologen wie des Tübinger Professors Karl Heim (1874– 1958) in pietistischen Kreisen einen sehr fruchtbaren Austausch zwischen Naturwissenschaft und Glaube, Bis in die Nachkriegssodass das Thema Evolution im erwecklichen Pro- zeit: Ein fruchtbarer testantismus der Vor- und Nachkriegszeit kaum eine Austausch zwischen Rolle spielte. Erst in den 1980er-Jahren breitete sich Naturwissenschaft und Glaube im erder Kreationismus immer mehr in Deutschland aus. wecklichen ProtestanHierbei spielte der US-amerikanische Einfluss auf Teitismus. le der evangelikalen Bewegung eine wichtige Rolle.15 In der katholischen Kirche gibt es praktisch keine Kreationismus-Debatte. Papst Johannes Paul II. und auch Papst Benedikt XVI. ließen sich über wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse von Fachleuten informieren. So haben sie beide auch die Belege dafür akzeptiert, dass Menschen und Schimpansen gemeinsame Vorfahren haben.
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