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Philip D. Yancey

Spuren der Gnade Erlebnisse auf meinen Reisen 304 Seiten, Paperback € 16,99 (D) / SFr *25,50 / € 17,50 (A) ISBN 978-3-7655-1617-7, Bestell-Nr. 111617 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung

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Das Massaker auf dem Campus … Im Februar 2007 war ich auf der Rückfahrt von einem Vortrag in Los Alamos, New Mexico. Ich hatte gerade die Grenze nach Colorado überquert und war auf eine Nebenstraße abgebogen, um mal etwas anderes zu sehen. In den Tagen zuvor war Schnee gefallen …. Ich fuhr gerade bergab in eine Kurve, als mein Ford Explorer ins Schleudern geriet. Ich steuerte gegen, riss das Lenkrad nach links, dann nach rechts und wieder nach links. Das rechte Hinterrad rutschte von der Fahrbahn und geriet auf weichen Untergrund. Der Wagen … stürzte die Böschung hinunter. Das war’s dann wohl, dachte ich, während ich mich mit beiden Händen am Lenkrad festkrallte. So endet alles. Für Furcht blieb keine Zeit. Mein Herz begann zu rasen, und ich empfand eine seltsame Mischung aus Sorge und Hilflosigkeit, als sich der Wagen überschlug, fünfmal insgesamt. Der Lärm war ohrenbetäubend, ein Crescendo aus splitterndem Glas, gebrochenem Plastik und nachgebendem Blech. Die Radiokonsole schoss wie ein Projektil aus dem Armaturenbrett. Keine Scheibe blieb heil. Skier, Stiefel, Schlittschuhe, mein Laptop, ein Fresskorb und das übrige Gepäck verteilten sich draußen in der Landschaft. Schließlich kam der Wagen aufrecht zum Stehen. Nichts wie raus, sagte ich mir, Bilder aus Filmen vor Augen, in denen Autowracks in Flammen aufgingen. Ich löste meinen Gurt, zwängte mich unter dem zusammen89


gedrückten Dach ins Freie und stürzte zu Boden. Meine Nase blutete, ich hatte Schnittverletzungen im Gesicht, an Armen und Beinen, und mein Rücken schmerzte brennend direkt unterhalb des Nackens. Benommen rappelte ich mich auf, … suchte im Dreck nach meinem Handy und fragte mich, wie lang es wohl dauern würde, bis sich ein anderer Wagen auf diese einsame Straße verirrte. Keine fünf Minuten später kam ein Auto. Ein Mormone in weißem Hemd und Krawatte bestand darauf, mir einen Mantel umzulegen, setzte mich in sein Auto und stützte meinen Kopf, bis ein Rettungswagen eintraf. „Ich leite das Sanitätsteam in diesem County. Machen Sie einfach, was ich sage, dann kommen Sie wieder in Ordnung.“ Es war tröstlich, einfach nur Anweisungen befolgen zu müssen. Er überprüfte meinen Bewusstseinsstatus, fragte mich nach dem Wochentag, nach dem Namen des amtierenden Präsidenten, nach meinem zweiten Vornamen. Ein paar Stunden später, ich lag festgeschnallt auf einer Tragbahre in einem nahe gelegenen Krankenhaus, erfuhr ich die Ursache meiner Rückenschmerzen. „Es ist nicht einfach zu erklären, Mr Yancey“, begann der junge Arzt, nachdem er die Resultate der Computertomografie begutachtet hatte. „Ihr Genick ist gebrochen, genauer, der C3-Wirbel, und zwar handelt es sich um einen Trümmerbruch.“ Die gute Nachricht war: Der Bruch hatte das Rückenmark nicht beschädigt, sonst wäre mir ein ähnliches Schicksal beschieden wie dem querschnittsgelähmten Superman-Darsteller Christopher Reeves. Die schlechte Nachricht: Der Wirbel war direkt neben einer 90


wichtigen Arterie, die möglicherweise durch einen Knochensplitter verletzt war. „Ein Flugzeug steht bereit, das Sie wenn nötig nach Denver bringen wird“, fuhr der Arzt fort. „Wir schieben Sie noch mal in den Computertomografen, diesmal mit einem Kontrastmittel im Blut. So können wir erkennen, ob die Arterie ein Leck hat. Ich muss betonen: Das ist eine lebensbedrohliche Situation. Falls aus der Arterie Blut austritt, werden Sie es nicht bis Denver schaffen. Hier ist ein Telefon – Sie sollten Ihren Lieben schon mal Auf Wiedersehen sagen, nur für den Fall des Falles.“ Insgesamt lag ich an jenem Tag sieben Stunden lang auf der Krankenbahre festgeschnallt, während die Ärzte sich über meinen Fall berieten. War eine Operation nötig? Was für Schäden waren bereits aufgetreten? Was war sonst noch verletzt? Das kleine Krankenhaus hatte einen Computertomografen, aber keinen Radiologen, und hatte die Diagnose an ein Radiologenteam in Australien outgesourct. Das bedeutete stundenlange Übertragungen, hin und zurück, via Satellit. Ich lag unterdessen bewegungslos da, telefonierte mit meinen Angehörigen, hielt Rückschau auf mein Leben und bereitete mich auf den Tod vor. Gott sei Dank ergaben die Untersuchungen, dass die Arterie unverletzt war. Das Hospital entließ mich noch am selben Abend, eingezwängt in eine starre Halskrause, die für die nächsten zwölf Wochen jede Kopfbewegung verhindern sollte. „Nehmen Sie die Halskrause nie ab“, warnte mich der Arzt. „Tragen Sie sie rund um die Uhr. Besondere Vorsicht beim Duschen. Einmal ausgerutscht und Sie sind tot.“ 91


In den folgenden drei Monaten habe ich keine Nacht durchgeschlafen. Zum Lesen musste ich BĂźcher auf einem steilen Pult fixieren. Beim Zähneputzen verteilte ich regelmäĂ&#x;ig Zahnpasta auf dem Badezimmerspiegel, denn ich konnte mich ja nicht Ăźber das Waschbecken beugen. Ich konnte weder Auto noch Fahrrad fahren, und noch nicht einmal joggen. Aber ich war am Leben! In den Wochen nach dem Unfall lief ich wie vom GlĂźck benebelt durch die Gegend und nahm alles mit neuen Augen wahr: den Himmel, die Bäume, das Gras, meine Frau, meine Freunde. Zwar meldete sich mein ramponierter KĂśrper mit immer wieder anderen Schmerzen und Beschwerden, aber jeder neue Tag brachte auch neue Erweise der Gnade. Schon beim Aufwachen konnte ich mich unbändig freuen Ăźber die einfachsten Dinge: VĂśgel, die von Ast zu Ast schwirren, dicke Wattewolken am Morgenhimmel, das Plätschern eines Baches, die Fähigkeit, einen Finger zu rĂźhren, mich selbst anzuziehen. Ich begann die Welt mit anderen Augen zu sehen. Jedes Mal wenn ich ein Kreuz oder einen Blumenkranz am StraĂ&#x;enrand passierte, zuckte ich zusammen im plĂśtzlichen Bewusstsein, dass da jemand etwas Ă„hnliches erlebt hatte wie ich – nur mit tragischerem Ausgang. Das Leid der Welt, das uns täglich durch CNN und das Internet nahegebracht wird, berĂźhrte mich stärker, und ich empfand mehr Dankbarkeit fĂźr die SchĂśnheit des Lebens und die Freude an diesem Leben, das mir durch Gottes Gnade erhalten geblieben war.

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Sechs Wochen nach meinem Unfall … klingelte das Telefon. Ein junger Mann namens Matt Rogers stellte sich vor. „Sie kennen mich nicht, aber Ihr Buch Von Gott enttäuscht hat mir viel gegeben, als ich eine depressive Phase durchlitten habe“, sagte er. „Das hat mir geholfen, am Glauben festzuhalten. Ich wollte Ihnen schon lange dafür danken – aber das ist nicht der Anlass für meinen Anruf.“ Er musste unterbrechen und schluckte hörbar. „Ich bin sicher, Sie haben von den Ereignissen an der Virginia Tech gehört.“ Eine ganze Woche lang hatte das Massaker an zweiunddreißig Studenten und Dozenten der Virginia Polytechnic Institute and State University in Blacksburg, kurz Virginia Tech, die Schlagzeilen gefüllt. Ein geistesgestörter koreanischer Student hatte die Tat verübt und sich anschließend selbst getötet. „Nun, ich bin dort Studentenpastor. Sie haben ja auch ein Buch mit dem Titel ‚Wo ist Gott, wenn es wehtut?‘ geschrieben, und genau diese Frage stellt jetzt jeder bei uns. Von den zweiunddreißig Opfern hatten neun Verbindung zu unserer Gemeinde, die sich auf dem Campus trifft. Wir planen einen offenen Gottesdienst für die gesamte Hochschulgemeinschaft am nächsten Sonntag und wir wollten fragen, ob Sie zu diesem Thema sprechen können.“ Um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, stellte ich ein paar Fragen nach der Stimmung auf dem Campus und der inneren Verfassung der Gemeinde. Schließlich sagte ich: „Normalerweise würde ich Ihnen direkt zusagen. Ich fühle mich durch Ihre Einladung geehrt. Es gibt da nur ein Problem.“ Ich erklärte die Sache mit meinem 93


Unfall. „Die Knochen in meinem Nacken wachsen gerade wieder zusammen, und der Neurologe hat mich gewarnt vor jeder größeren Erschütterung oder Belastung. Ich muss sein Einverständnis einholen, dass ich fliegen kann. Ich werde es versuchen – versprochen. Was Sie vorhaben, ist sehr wichtig, Matt. Ich wäre wirklich gerne mit von der Partie.“ Der Arzt hatte seine Bedenken, vor allem, weil es keine Direktflüge nach Blacksburg gab – ich würde den Flieger wechseln müssen … Ich war schon so weit, zum Telefon zu greifen und Matt bedauernd abzusagen, als mich ein verwegener Gedanke durchzuckte. Ich kannte einen Firmenanwalt in Denver in Diensten einer großen Möbelfirma, die dem für seine Spendenfreudigkeit bekannten Christen Greg Ruegsegger gehörte. Der Unternehmer hatte etwas ähnlich Schlimmes durchgemacht wie die Angehörigen der Opfer des Virginia-Tech-Massakers: Seine Tochter Kacey war 1999 an der Columbine High School zusammen mit sechsunddreißig anderen Schülern und Lehrern ins Visier zweier Amokläufer geraten. Dreizehn Menschen starben, die anderen wurden zum Teil schwer verletzt. Kacey überlebte dauerhaft behindert, und sie und ihr Vater hatten öffentlich über ihre Erfahrungen berichtet … Sie wissen genau, was die Virginia-Tech-Studenten gerade durchmachen, dachte ich. Sie können wie niemand sonst Rat und praktische Hilfe geben. Beim nächsten Gedanken, der mir in den Sinn kam, konnte ich ein Grinsen nicht unterdrücken: Kommt dazu, dass Gregs Unternehmen einen Firmenjet hat. 94


Ein paar Dutzend Telefonate später war alles arrangiert für einen Flug im Privatjet nach Virginia, zusammen mit meiner Frau, einem engen Freund und vier Mitgliedern der Familie Ruegsegger. Privatflugzeuge sind eine feine Sache, sagte ich mir. Der Abflug war auf Samstag 10.00 Uhr vormittags angesetzt, die Piloten baten uns, um 9.50 Uhr zur Stelle zu sein … Während des Fluges erzählte uns Kacey Ruegsegger ihre Geschichte. Sie war erst im Jahr des Attentats auf die Columbine High School gewechselt. Zwei Freundinnen an ihrer alten Schule hatten sich umgebracht, und auch sie hatte Selbstmordgedanken geäußert. Ihre Eltern hatten alle Türschlösser ausbauen lassen, selbst im Badezimmer. Ihr Bett stand einige Zeit im elterlichen Schlafzimmer – die Eltern wollten ein waches Auge auf sie haben, und sie suchten auch nach einer anderen Umgebung, in der Kacey einen Neuanfang machen konnte. Columbine erschien geeignet. Kacey war in der Schulbibliothek und blätterte in einer Zeitschrift, als die Schießerei an jenem 20. April begann. Als Eric Harris und Dylan Klebold, zwei ihrer Mitschüler, bewaffnet in den Raum stürmten, versteckte sich Kacey unter einem Tisch und zog einen Stuhl vor sich. Sie hörte, wie die beiden systematisch schossen und sich allmählich der westlichen Seite des Raums näherten, wo sie und andere sich versteckt hatten. Sie sah, wie Eric Harris wenige Meter entfernt niederkauerte und seine Waffe auf den Jungen direkt neben ihr richtete. Im nächsten Moment füllten der Krach und der Rauch eines Schusses den Raum. 95


Dann wandte sich der SchĂźtze Kacey zu. Sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, und das hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Der Schuss auf kĂźrzeste Entfernung lieĂ&#x; ihr Trommelfell platzen und zerschmetterte ihre Schulter, aber verfehlte ihren Kopf. Sie schrie auf. Als der Amokläufer „HĂśr auf zu winseln!“ brĂźllte, stellte sie sich tot. Von den ersten sechs SchĂźlern, die in der Bibliothek niedergeschossen wurden, Ăźberlebte nur Kacey. Sie musste diese Geschichte schon hundert Mal erzählt haben, dennoch brach sie dort im Flugzeug erneut in Tränen aus. Wir anderen schwiegen, hatten wir doch eine Ahnung bekommen, was uns in Bälde erwarten wĂźrde auf einem Campus in Schockstarre ‌

íˇž Die Stadt Blacksburg liegt eingebettet in die Blue Ridge Mountains ‌ rosa blĂźhende Holzapfelbäume zierten die Innenstadt. Wir bezogen Quartier in einem Hotel und marschierten zum Campus. Die Architekten hatten das Hauptgebäude der Universität in eine Fassade aus „Hokie Stones“ gekleidet, grauem und gelbem Dolomit, der in nahe gelegenen SteinbrĂźchen abgebaut wird. Ich hatte nicht erwartet, eine Hightech-Universität in derart traditioneller Bauweise vorzufinden. Gelbe Absperrbänder der KriminalbehĂśrden rahmten eines der schĂśnsten Gebäude ein, die Norris Hall, wo die meisten SchĂźsse gefallen waren ‌ Cho Seung-Hui hatte die Tore von Norris Hall mit Ketten abgesperrt und sich systematisch einen Seminarraum nach dem nächsten vorgenommen. 96


Nicht weniger als 174 Patronen verschoss er auf Dozenten und Studenten; schließlich richtete er die halb automatische Pistole auf sich selbst. … Es kam uns unwirklich vor, uns zwischen den schönen Steingebäuden und den mit Tulpen und Narzissen bepflanzten Rabatten zu bewegen, an improvisierten Gedenkplätzen vorbei, die an die wenige Tage zuvor Ermordeten erinnerten. Die Hochschule hatte versucht, das Gedenken auf einen Ort zu konzentrieren, und hatte mitten auf dem zentralen Paradeplatz ein gestreiftes Zelt von der Größe eines Tennisplatzes errichten lassen. Es enthielt mittlerweile Zehntausende Botschaften und Kondolenzschreiben von Kindergärten, Universitäten, Kirchgemeinden und Einzelpersonen. Für jeden der dreiunddreißig Getöteten (auch für den Mörder Cho) gab es innerhalb des Zeltes eine Nische, in der Freunde und Angehörige persönliche Erinnerungsstücke deponieren konnten: einen Baseball, einen Teddybär, ein Exemplar des Buches Der große Gatsby, eine Starbucks-Tasse. Während ich das Zelt durchmaß, wurde mir klar, was die medial verbreiteten Nachrichten mit unserem Bewusstsein anstellen. Ich hatte die dreiunddreißig Getöteten als eine Gruppe betrachtet, Opfer des „größten Massenmordes der US-Geschichte“, wie mir das Fernsehen eingehämmert hatte. Aber nun wanderte ich zwischen persönlichen Dingen umher und lernte Ryan und Emily und Juan und Waleed und Julia kennen – dreiunddreißig einzelne Menschen, keine Gruppe. Die handgeschriebenen Botschaften unterstrichen das: Ich liebe dich. Ich war mit dir bekannt. Ich kannte dich nicht. Ich wünsch97


te, ich hätte dich gekannt. Ich vermisse dich. Es tut mir so leid, was passiert ist. Du hast mir viel bedeutet. Danke, Gott, dass du meinen Sohn gerettet hast; nimm dich der 32 an. Ruht in Frieden. Jenseits des Paradeplatzes war spontan eine weitere Gedenkstätte entstanden. Sie bestand aus zweiunddreißig Hokie Stones, im Halbkreis angeordnet, jeder mit einer Plakette versehen, die den Namen eines der Opfer trug. Besucher hinterließen dort in Plastik eingeschweißte Gedichte, Notizen auf einem vom Wetter bereits fleckigen Poster, Fotos, amerikanische Flaggen, Blumensträuße, Ballons aus Mylarfolie, Stofftiere … Keine Plakette trug den Namen des Täters. Aber Menschen hinterließen auch für ihn Botschaften und Blumen. Ein dreiunddreißigster Hokie Stone war der Gedenkstätte hinzugefügt worden, verschwand wieder, tauchte wieder auf … Auf einem … Zettel stand: „Für Cho: Ich hoffe, dass du im nächsten Leben nicht zur Gewalt greifen musst, um gehört zu werden.“ Die Menschen traten zumeist schweigend an die Steine heran, hielten einander fest, als ob ein Sturm toben würde, wischten sich Tränen aus den Augen hinter ihren Sonnenbrillen, beugten sich vor, um die Botschaften zu lesen … Am Samstagabend trafen wir uns mit dem Team … unserer gastgebenden Gemeinde. Matt Rogers, der uns eingeladen hatte, sagte: „Als Jugendpastor bin ich gut vorbereitet auf Trauungen, aber nicht auf Beerdigungen. Wir haben keine Agende für so etwas.“ Niemand hat für so etwas eine Agende. Aber Hunderte auf dem Campus 98


erwarteten Wegweisung, Hilfe und Trost von der Gemeinde, und darauf musste sie reagieren. Ein Dutzend Mitarbeiter berichteten, was sie selbst erlebt hatten und wie es ihnen im Gespräch mit Studenten aus dem Wohnheim und den Seminarräumen ergangen war, wo die Schüsse gefallen waren. Es war eine intensive Zeit. Fragen, Berichte, Tränen, die Ruegseggers konnten viel Hilfe leisten. Greg sagte: „Es gibt nur eine sehr kleine Bruder- und Schwesternschaft von Menschen, die ermessen können, was Sie durchmachen. Wir gehören dazu. Deshalb sind wir hier.“ Einzelne Mitglieder der Gemeinde waren bereits auf CNN, Fox News und in anderen Nachrichtenkanälen befragt worden. „Die ganze Welt hört zu“, schärften ihnen die Pastoren ein. „Reagiert nicht mit Hass oder Bitterkeit; vermehrt nicht noch den Schmerz einer ohnehin schon schmerzlichen Situation. Folgt dem Rat des Apostels Paulus in Römer 12: ‚Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.‘“ Wir hatten auch eine Begegnung mit Studenten, die unmittelbar von der Tragödie betroffen waren. Das Gespräch lief anfangs schleppend und tastend, bis ein koreanischer Student aufstand. „Ich ging gerade an Norris Hall vorbei, als Studenten aus Fenstern sprangen und rannten. Ich habe erst später erfahren, was passiert war. Als Koreaner empfinde ich Scham und Schuld. Einer meiner Landsleute hat das getan! Nachts habe ich Albträume, tagsüber möchte ich schlafen. Ich bin ständig erschöpft. Was soll ich mit meiner Schuld anfangen?“ Kacey reagierte sofort. „Mir bricht das Herz bei dem, 99


was du erzählst“, sagte sie und ließ ihren Tränen freien Lauf. Dann berichtete sie von ihren Empfindungen nach dem Columbine-Massaker. Auch sie hatte sich als Überlebende schuldig gefühlt, obwohl sie ja selbst Opfer war – ihre Schulter war zerstört. Trotzdem hatte sie sich angeklagt gefühlt, wenn sie mit den Familien der Getöteten zusammen war. „Was ihr durchmacht, ist normal. Aber ihr lebt nun mit einer anderen Normalität als vor dem Amoklauf. Einige von euch sind zornig. Ich muss sagen, ich habe nicht viel Zorn empfunden bis vor Kurzem, acht Jahre nach Columbine. Ich habe hart gearbeitet, um einen Abschluss als Krankenschwester zu bekommen, aber als meine Schulter sich weiter verschlimmerte, musste ich mich berufsunfähig schreiben lassen. Eric Harris hat mir an jenem Tag weit mehr geraubt als meine Gesundheit; er hat mir meine berufliche Zukunft verbaut. Ich bin immer noch dabei zu lernen, was ‚eine andere Normalität‘ für mich bedeutet …“ Einzelne Studenten trauerten ganz offen. Andere wollten dem Thema am liebsten ganz ausweichen. Und wieder andere konnten über nichts anderes reden. Als ich ihnen zuhörte, wurde mir bewusst, was für ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen dem distanzierten Beobachten eines solchen Vorfalls via Fernsehen – und dem tatsächlichen Durchleben und Erleiden … viele der unmittelbar Betroffenen wandern verängstigt durch eine Art Nebel, müssen sich mit Empfindungen auseinandersetzen, die sie nie zuvor hatten, und die Einordnung und Deutung des Geschehenen liegt noch ganz fern. Gefühle können sich mit einem Windstoß wandeln. 100


Später am Abend sagte Greg: „Ich bin besorgt, was wohl als Nächstes mit diesen jungen Leuten geschehen wird. Columbine ist dort, wo wir lebten, im Mittelpunkt geblieben, und wir hatten jede erdenkliche Unterstützung. Aber diese jungen Leute hier zerstreuen sich bald in alle Himmelsrichtungen und kommen heim zu Menschen, die nicht wissen, wie mit ihnen umgehen. Es ist wie bei Soldaten, die mit einem posttraumatischen Stresssyndrom aus dem Krieg heimkehren ins beschauliche Vorstadtleben.“ Am Sonntag hielten wir in einem Studentenzentrum auf dem Campus zwei Gottesdienste mit zusammen 1.200 Besuchern … Greg berichtete etwas von seinen Erfahrungen nach Columbine, und ich sprach zum Thema „Wo ist Gott, wenn es wehtut?“ … Ich kann mich nicht erinnern, jemals vor einer so stillen, bedrückten Hörerschaft gesprochen zu haben. Dass ich eine Halskrause trug, hatte zwar nichts mit dem zu tun, was die Studenten durchmachten, aber es half mir doch, mich einzufühlen. Jeder Schmerz tut weh, habe ich gelernt … Was bringt der Glaube in solchen Zeiten? Wozu ist Gott gut? Und was für Antworten konnte ich bieten? …

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Wo ist Gott, wenn es wehtut? Virginia Tech, im April 2007 … Oklahoma City, Columbine High School und nun Virginia Tech – in unseren Kalendern stehen diese Ereignisse künftig alle auf eine Spanne von nur fünf Tagen verteilt. Eine Woche tiefen Kummers. Ich danke für die Ehre, heute mit Ihnen zusammen zu sein, und ich sage das auch im Namen von Greg und Kacey und den anderen, die aus Colorado mitgekommen sind. Sie haben uns eingeladen, einige der schwersten und empfindlichsten Momente Ihres Lebens zu teilen, und wir nehmen das nicht leicht. An diesem Morgen sind wir zusammengekommen mit dem Anliegen, einen Sinn zu finden in dem, was auf diesem liebenswerten Campus in Blacksburg vorgefallen ist. Wir versuchen immer noch, das Unbegreifliche zu begreifen. Wir haben uns in einer Kirche versammelt – teils, weil wir keinen besseren Platz kennen, an den wir unsere Fragen und unseren Schmerz bringen könnten, teils auch, weil wir nicht wissen, an wen sonst wir uns wenden sollten. So wie der Apostel Petrus einmal zu Jesus gesagt hat in einem Moment der Verwirrung und des Zweifels: „Herr, zu wem sollten wir denn gehen?“ Als ich überlegte, was ich Ihnen sagen soll, habe ich zwei verschiedene gedankliche Fäden gesponnen. Der erste Faden ist das, was ich Ihnen gerne sagen will, Wor102


te, von denen ich wünschte, ich könnte sie sagen. Der zweite Faden ist die Wahrheit. Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass der Schmerz, den Sie empfinden, vorbeigeht. Verschwindet. Für immer. Zweifellos haben Sie Sprüche wie diese von Eltern und anderen gehört: Alles wird wieder gut. Du wirst darüber hinwegkommen. Auch das geht vorbei. Sie meinen es gut, wenn sie so etwas sagen, und richtig daran ist: Sie werden nicht immer das empfinden, was Sie gegenwärtig empfinden. Aber genauso wahr ist: Was am 16. April 2007 passiert ist, wird für immer zu Ihnen gehören. Ihr Leben hat sich verändert an jenem Tag durch die Taten eines verwirrten jungen Mannes. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem drei meiner Freunde starben. Ich war in den Dreißigern und hatte noch wenig Erfahrung mit dem Tod. Mitten in meiner Trauer habe ich einen Zweizeiler von George Herbert entdeckt, der mir Trost gab: Grief melts away like snow in may/ as if there were no such cold thing. („Trauer schmilzt dahin wie Schnee im Mai, als ob es etwas derart Kaltes gar nicht gäbe.“) Daran habe ich mich festgeklammert, auch als der Kummer mich wie eine Lawine zu verschütten drohte. Die Trauer ist tatsächlich dahingeschmolzen, aber wie der Schnee kehrt sie auch wieder zurück, heftig, unerwartet, ausgelöst durch einen Ton, einen Geruch, ein Foto, eine flüchtige Erinnerung an einen meiner Freunde. Ich kann Ihnen also nicht sagen, was ich sagen möchte – dass alles, auch das, vorbeigeht. Stattdessen möchte ich den Schmerz, den Sie empfinden, und auch zukünftig


empfinden werden, als ein Zeichen des Lebens und der Liebe deuten. Ich trage eine Halskrause, weil ich mir bei einem Autounfall das Genick gebrochen habe. In den ersten Stunden, als ich auf einer Krankentrage festgeschnallt lag, bekam ich keine schmerzstillenden Medikamente, solange der Arzt meine Reflexe testete. Er bewegte meine Gliedmaßen, zwickte mich, pikste mich mit einer Nadel und fragte jedes Mal: „Tut das weh? Spüren Sie das?“ Jedes Mal antwortete ich: „Ja! Ja!“, und jedes Mal lächelte er und sagte: „Das ist gut!“ – Dass ich etwas spürte, war das untrügliche Zeichen, dass mein Rückenmark nicht verletzt war. Schmerz war der Beweis für Leben, für funktionierende Verbindung, ein Zeichen dafür, dass mein Körper heil geblieben war. Vor einem Körper, der nichts empfindet, muss die Medizin kapitulieren. In der Trauer münden Liebe und Schmerz in eins. Cho Seung-Hui hat nicht getrauert, als er Ihre Kommilitonen niederschoss, denn er empfand keine Liebe für sie. Sie dagegen empfinden Trauer, weil Sie in Liebe verbunden waren. Auch wenn Einzelne unter Ihnen engere Verbindungen zu den Opfern hatten als andere – Sie alle gehören zur selben Gemeinschaft, bildlich gesprochen zum selben Körper wie die, die gestorben sind. Wenn dieser Körper leidet, leiden auch Sie. Das sollten Sie sich bewusst machen, wenn sich der Schmerz meldet. Bitte versuchen Sie ihn nicht einfach zu betäuben. Erkennen Sie ihn an als Zeichen des Lebens und der Liebe. Medizinstudenten können Ihnen erklären, dass bei einer tiefen Wunde zwei verschiedene Sorten Gewebe


heilen müssen: Das verletzte Bindegewebe und die äußere, schützende Hautschicht. Dass diese Gemeinde hier und andere christliche Organisationen auf dem Campus Seelsorge anbieten und Gottesdienste wie diesen hier abhalten, soll der Heilung des Bindegewebes in der Tiefe dienen. Erst später wird die Wunde auch an der Oberfläche heilen in Form einer Narbe. Wir sind hier als Christen zusammen, und als solche haben wir uns vorgenommen, einem zu folgen, der vor zweitausend Jahren von Gott zu uns gekommen ist. Lesen Sie die Evangelien, und Sie werden nur eine Szene finden, in der Jesus direkt und ausdrücklich als Gott angesprochen wird: „Mein Herr und mein Gott!“ Wissen Sie, wer das gesagt hat? Es war der zweifelnde Thomas, der Jünger, der in Trauer feststeckte, der letzten Verteidigungslinie gegen den Glauben an das Unglaubliche – an die Auferstehung. Jesus ist Thomas in seinem eben erst verwandelten Leib erschienen und hat die Zweifel weggefegt. Freilich, was den Durchbruch zum Glauben markiert hat – „Mein Herr und mein Gott!“ – das war das Vorhandensein von Narben. Lege deinen Finger auf meine durchbohrten Hände, sagte Jesus zu Thomas. Leg sie in die Wunde an meiner Seite. Blitzartig muss Thomas das Wunder begriffen haben: Der allmächtige Gott, der Herr des Universums, beugt sich zu uns herunter, teilt unseren Schmerz und stellt die zerbrochene Einheit mit der Menschheit wieder her. Nicht einmal Gott bleibt der Schmerz erspart. Gott hat sich zu uns gesellt und das Wohl und das Wehe des Menschseins geteilt. Thomas hat darin die grundsätz105


lichste Wahrheit des Universums erkannt, nämlich: dass Gott Liebe ist. Liebe erweist sich auch im Schmerz, in der Trauer. Schmerz manifestiert Leben. Die Juden, geschult durch die Prophezeiungen des Alten Testaments, haben ein Sprichwort: „Wo der Messias ist, ist kein Elend.“ Seit Jesus kann man das Sprichwort umkehren: „Wo Elend ist, da ist auch der Messias“ …

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