Brennan Manning/Jim Hancock
The Real Me Echt. Ehrlich. Entspannt.
Verlag Giessen . Basel
Brunnen Verlag Gießen Brennan Manning/Jim Hancock
The Real Me Echt. Ehrlich. Entspannt. 208 Seiten, Paperback, 13,8 x 20,8 Erscheinungsdatum: 6.8.2012 ISBN: 978-3-7655-1522-4 Bestell-Nr.: 111522 EUR 14,99 (D) / SFr 22,50 / 15,50 (A)
Die Originalausgabe erschien in englischer Sprache unter dem Titel „Posers, Fakers and Wannabees – Unmasking the real you“ bei NavPress, Colorado Springs/USA. Die deutsche Ausgabe erscheint auf Grundlage eines Vertrags mit NavPress, einem Arbeitsbereich von The Navigators, USA. Copyright © 2003 bei Brennan Manning und Jim Hancock Alle Rechte vorbehalten. Deutsch von Anja Findeisen-MacKenzie
© der deutschen Ausgabe: Brunnen Verlag Gießen 2012 www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: shutterstock Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Satz: DTP Brunnen Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Inhalt Warum dieses Buch?
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1. Komm aus deinem Versteck!
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2. Der Poser
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3. Wer ist dein Daddy?
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4. Die zärtliche Liebe Gottes
75
5. Heiliger als Gott
101
6. Die Auferstehung ist heute
127
7. Heilige Leidenschaft
153
8. Fest stehen
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Anmerkungen
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1. Komm aus deinem Versteck!
1. Komm aus deinem Versteck! Es ist Nacht. Ruller liegt wach und hört seine Eltern im Zimmer nebenan reden. „Ruller ist ein ungewöhnlicher Junge“, sagt sein Vater. „Warum spielt er immer allein?“ „Woher soll ich das wissen?“, antwortet Rullers Mutter. Übrigens: Ruller ist eine Erfindung der amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor. Er ist ein Kleinstadtjunge, der beginnt, sich für die Welt zu interessieren. Es ist Tag. Ruller jagt im Wald einen wilden Truthahn, der verletzt ist. Wenn ich ihn doch nur kriege, denkt er. Zum Kuckuck – er wird ihn kriegen, und wenn er dafür noch so viele Meilen rennen muss. Ruller sieht sich schon durch die Haustür marschieren, den Truthahn über die Schulter geworfen, und die ganze Familie ruft erstaunt: „Seht doch nur Ruller mit dem wilden Truthahn! Ruller, wo hast du nur diesen Truthahn her?“ „Ach, den hab ich im Wald gefangen. Vielleicht kann ich euch ja auch mal einen bringen.“ Doch den verletzten Vogel zu fangen, ist schwieriger, als er dachte. Ein anderer Gedanke schießt Ruller durch den Kopf: Gott lässt mich wahrscheinlich den ganzen Nachmittag diesem blöden Vogel hinterherjagen, für nichts und wieder nichts. Er weiß, dass er so nicht über Gott denken sollte – aber so fühlt er sich eben. Und wer kann ihm schon vorwerfen, dass er sich so fühlt? Ruller stolpert, fällt hin, liegt da im Dreck und fragt sich, ob er wirklich ungewöhnlich ist, wie sein Vater gesagt hat. Plötzlich ist die Jagd vorbei. Der Truthahn, der durch einen Schuss verletzt ist, fällt tot um. Ruller wirft sich den Vogel über die Schulter und beginnt seinen Siegesmarsch nach Hause, mitten durch die Stadt. Er
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erinnert sich an das, was er über Gott dachte, kurz bevor er den Truthahn erwischt hat. Das war wohl ziemlich schlecht, denkt er. Vielleicht will Gott seine Aufmerksamkeit erregen, ihn aufhalten, bevor er genauso ausflippt wie sein Bruder. „Danke, Gott“, sagt er. „Das war echt großzügig von dir.“ Vielleicht ist der Truthahn ja ein Zeichen. Vielleicht will Gott ja, dass Ruller Prediger wird. Ruller möchte etwas für Gott tun. Wenn er heute einen Bettler auf der Straße sieht, dann wird er ihm sein Zehncentstück geben. Es ist sein einziges, aber er ist bereit, es diesem Menschen zu geben, für Gott. Ruller geht jetzt durch die Stadt, und die Leute sind hin und weg von seinem großen Truthahn. Männer und Frauen starren ihn an. Ein paar Dorfkinder laufen ihm hinterher. „Was denkst du, wie viel der wiegt?“, fragt ein Mann. „Mindestens zehn Pfund“, sagt Ruller. „Wie lange hast du ihn gejagt?“ „So ungefähr ’ne Stunde“, antwortet Ruller. „Das ist wirklich beeindruckend.“ Aber Ruller hat keine Zeit für ein Schwätzchen. Er kann es kaum erwarten, was sie zu Hause sagen werden, wenn er den Truthahn anschleppt. Er wünscht sich, auf einen Bettler zu treffen. Dann würde er ihm ganz bestimmt sein einziges Zehncentstück geben. „Herr, schick mir einen Bettler. Schick mir einen über den Weg, bevor ich nach Hause komme.“ Und er weiß ganz genau, dass Gott ihm einen Bettler schicken wird, weil er ein ungewöhnliches Kind ist. „Bitte, einen Bettler, genau jetzt“, betet Ruller – und in dem Moment, als er das sagt, kommt eine alte Bettlerin genau auf ihn zu. Sein Herz fängt an zu hüpfen. Er springt auf die Frau zu und ruft: „Hier! Hier!“ Blitzschnell drückt er ihr die Münze in die Hand, dann schießt er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Langsam beruhigt sich sein Herz und er fühlt etwas völlig Neues –
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so als ob er gleichzeitig glücklich und verlegen wäre. Ruller scheint zu schweben – er und Gottes Truthahn. Jetzt bemerkt Ruller die Dorfkinder, die hinter ihm her schlurfen. Er dreht sich großmütig zu ihnen um, sieht sie an und fragt: „Wollt ihr auch mal meinen Truthahn sehn?“ Sie starren ihn an. „Ich hab ihn gejagt, bis er tot war. Guckt mal, er wurde unter dem Flügel getroffen.“ „Zeig her“, sagt einer der Jungen. Dann geschieht etwas Unfassbares: Der Junge wirft sich den Truthahn über die Schulter, dreht sich um und trifft Ruller mit dem Vogel im Gesicht. Und das war’s. Die Jungen hauen mit Gottes Truthahn ab. Sie sind schon einen Block entfernt, bevor Ruller sich auch nur rühren kann. Als sie in der Dämmerung verschwinden, schleicht Ruller los Richtung zu Hause, und dann fängt er an zu rennen. Flannery O’Connor beendet Rullers bemerkenswerte Geschichte mit den Worten: „Er lief immer schneller, und als er in die Straße zu seinem Haus einbog, raste sein Herz genauso wie seine Füße. Er war überzeugt, dass etwas Schreckliches hinter ihm herrannte, das seine Arme nach ihm ausstreckte und dessen Finger ihn fast schon gepackt hatten.“1 Etwas Schreckliches.
Angst „Was uns als Erstes in den Sinn kommt, wenn wir an Gott denken, sagt mehr über uns selbst aus als über ihn.“2 A. W. Tozer, von dem dieser Satz stammt, befasst sich damit, wie Menschen ihre Vorstellungen von Gott auf die Welt übertragen. Dabei fragt er uns, die an Gott glauben – die meisten Menschen tun das –, an welchen Gott wir eigentlich glauben. Gute Frage. Viele denken über Gott so wie Ruller. Der Gott, an den wir glauben,
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ist einer, der uns mit der einen Hand einen Truthahn schenkt und ihn uns mit der anderen wieder wegnimmt. Das Geschenk ist ein Zeichen, dass wir Gott wichtig sind. Wir fühlen uns Gott nah, wenn er uns gibt, was wir wollen. Und das lässt uns auch anderen gegenüber großzügig sein. Damit ist doch allen geholfen, oder etwa nicht? Anders aber, wenn wir einen Truthahn verlieren – ein klares Zeichen der Ablehnung. Wir suchen nach einem Grund. Was hab ich falsch gemacht? Warum ist Gott wütend auf mich? Will Gott mir irgendwas damit sagen? Meistens sprechen wir diesen Gedanken nicht aus und wagen es noch nicht einmal, ihn längere Zeit zu denken. Doch wenn wir einen Truthahn verlieren, denken wir automatisch, dass Gott unberechenbar ist. Launisch, gemein, unfair. Diese Gedanken treiben uns von Gott weg, bis wir nur noch uns selbst haben. In unseren Augen ist Gott dann ein Buchhalter, der jeden falschen Schritt zählt, jeden Fehler, jedes Versagen, und dann alles gegen uns verwendet. Gott ist nachtragend und rächt sich an uns, indem er uns die Familie, Freundschaften, Gesundheit, Geld, Zufriedenheit, Erfolg und Freude wegnimmt. Doch dann denken wir: Wer kann Gott schon einen Vorwurf daraus machen? Mal im Ernst. Schaut mich doch nur an. Schaut mich an! Ich bin ein totaler Versager. Ich hätte den Truthahn gar nicht erst bekommen sollen. Und wenn er nicht vor meinen Augen tot umgefallen wäre, dann hätte ich ihn auch nicht gekriegt. So übertragen wir unsere schlimmsten Eigenschaften und unsere Gefühle für uns selbst auf Gott. Wie jemand einmal treffend bemerkt hat: „Gott hat uns nach seinem eigenen Bild erschaffen, und dann haben wir es mit ihm genauso gemacht.“ Wenn wir für uns selbst Hass empfinden, dann ist es doch nur logisch, dass Gott uns hasst. Stimmt’s? Nein, eben nicht. Es ist überhaupt nicht gut, wenn wir meinen, dass Gottes Gefühle für uns identisch sind mit dem, was wir für uns selbst empfinden. Es sei denn, wir lieben uns selbst intensiv, bedingungslos, mit vollkommener
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Weisheit und nie endendem liebevollem Mitleid. Wenn die Sache mit dem christlichen Glauben wirklich stimmt, dann zeigt Gott seine Liebe für uns überall und in allem. Absolut und endgültig aber drückt er seine Liebe durch das aus, was Jesus für uns getan hat. Damit ist die Sache erledigt, dem ist nichts mehr hinzuzufügen und davon ist nichts mehr wegzunehmen. Noch Fragen? Na ja, eigentlich schon. Wir haben sogar eine ganze Menge Fragen. Es ist für Christen viel leichter, über Gottes Liebe zu reden – vor allem mit anderen Leuten –, als wirklich daran zu glauben. Juliana von Norwich hat ihren FinWenn wir einen Truthahn verlieger in die Wunde gelegt, als sie schrieb: „Manche von ren, denken wir uns glauben, dass Gott allmächtig ist und alles tun automatisch, dass kann und dass er allwissend ist und vielleicht alles tut. Gott unberechenAber dass er allliebend ist und alles tun wird – davor bar ist. Launisch, schrecken wir zurück. Meiner Meinung nach ist diese gemein, unfair. Unwissenheit das größte Hindernis für alle, die Gott lieben.“3 Und wohin wollen wir eigentlich, wenn wir vor Gott zurückschrecken? Die kleinen Götter, die wir verehren, wenn wir uns vom wahren Gott zurückziehen, sehen genauso aus wie wir, weil wir sie gemacht haben. Es braucht schon tief greifende Umkehr, um akzeptieren zu können, dass Gott uns ununterbrochen zärtlich und vorbehaltlos liebt. Und zwar genau so, wie wir sind – nicht trotz unserer Sünden und Fehler, sondern gerade in ihnen und durch sie. „Das Geheimnis ist: Gott liebt uns genau so, wie wir sind, und er liebt uns zu sehr, um uns so zu lassen, wie wir sind. Ich lerne gerade, darauf zu vertrauen.“4 Zwei Dinge werden hier klar: Gott hört nicht auf, an uns zu arbeiten, bis er die Sache zu Ende gebracht hat, und Gott hält seine Liebe nicht zurück, nur weil in uns das Böse steckt. Nicht heute und auch nicht in Zukunft. Ein Freund von mir fragte seinen behinderten Sohn eines Abends: „Daniel, wenn du siehst, wie Jesus dich anschaut, was kannst du dann in seinen Augen erkennen?“
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