Cara Lynn James
Eine Liebe in Summerhill Roman
Verlag Giessen . Basel
Cara Lynn James
Eine Liebe in Summerhill Roman 336 Seiten, Paperback, 13,8 x 20,8 cm Erscheinungsdatum: August 2012 ISBN: 978-3-7655-1514-9, Best.-Nr. 111514 EUR 14,99 (D) / SFr 22,50 / 15,50 (A)
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Love on a Dime – A Ladies of Summerhill Novel“ bei Thomas Nelson, Nashville, Tennessee/USA. Thomas Nelson is a registered trade mark of Thomas Nelson, Inc. © 2010 by Carolyn James Slaughter Alle Rechte vorbehalten. Namen, Personen, Orte und Ereignisse sind fiktiv. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Deutsch von Dr. Friedemann Lux
© der deutschen Ausgabe Brunnen Verlag Gießen 2012 www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: shutterstock; istockphoto/Josh Baker/Terry Healy Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
Dieser Roman ist mit all meiner Liebe meinem Mann, Jim, gewidmet. Danke f端r deine Liebe, Unterst端tzung, Ermutigung und Geduld. Du bist mein Held!
Prolog New York, Mai 1893 Jack verlangsamte seinen Schritt. Sein Mut sank beim Anblick des Westbrook’schen Hauses auf der anderen Straßenseite. Die Nervosität drückte ihm auf den Magen. Aber ein Blick auf Lilly, die im Dämmerlicht des frühen Abends vor Zuversicht strahlte, ließ seine Hoffnung wieder aufleben. Sie kannte ihre Eltern doch viel besser als er. Wenn sie glaubte, dass ihr Vater seinen Segen zu ihrer Heirat geben würde, was sollte er zögern? Arm in Arm schlenderten sie über die Straße. Das Haus der Westbrooks stand in einer Reihe mit mehreren anderen dreistöckigen, aus Ziegeln gebauten Patrizierstadthäusern, mit seinen hohen Sprossenfenstern, die auf den Washington Park hinausgingen. Mr Ames, der alte Butler, öffnete die Haustür. Jack und Lilly betraten die schwach erleuchtete Eingangshalle. „Wo ist mein Vater heute Abend?“, fragte Lilly den Butler. „Im Salon, Miss.“ „Soll ich mitkommen, Jack?“ „Nein“, flüsterte er und drückte ihre Hand. „Ich mache das lieber allein. Bete, dass alles gut geht.“ Jack marschierte den langen, schmalen Flur zum hinteren Teil des Hauses entlang, entschlossen, sein Anliegen vorzutragen. Jeder Nerv seines Körpers fühlte sich lebendig an – und vibrierte vor Angst. Er würde tief Luft holen und dann bei Mr Westbrook um Lillys Hand anhalten, 7
respektvoll und ernst, aber nicht unterwürfig. Er würde seine übliche forsche Art zügeln und darauf hoffen, dass Mr Westbrook dieser Ehe zustimmen würde, auch wenn sie in den Augen der meisten Leute gesellschaftlich unpassend war. Wenn er über seine Chancen auf Erfolg nachdachte, würde er es am liebsten gar nicht erst versuchen. Er holte tief Luft und ging schneller. Die Wandleuchten warfen ihren blassen Schimmer auf den Perserläufer, der seine Schritte verschluckte. Das Haus war still; alles, was er hörte, war der Hammer, der von innen gegen seine Brust klopfte. Jack schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Er hatte Gott nicht oft um etwas gebeten, aber das hier war zu wichtig, als dass er allein auf seine eigenen, unerfahrenen Kräfte vertrauen sollte. Vor der Tür zum Salon blieb Jack stehen, zog seine Fliege gerade und straffte die Schultern. Als er eintreten wollte, hörte er Stimmen aus dem Zimmer. Er erkannte die hohe, mädchenhafte Stimme von Mrs Westbrook. Gut, er würde eine Pause in dem Gespräch abpassen und dann anklopfen, um Entschuldigung für die Störung bitten und fragen, ob er Mr Westbrook sprechen dürfe. Er wartete einige Augenblicke, als er plötzlich seinen Namen hörte. „Thomas, mir ist aufgefallen, dass Jackson Grail ziemlich an Lilly interessiert scheint. Er wird sie doch wohl nicht heiraten wollen?“ Die Besorgnis in ihrer Stimme ließ Jack zusammenzucken. Er trat näher zur Tür. Dann hörte er Mr Westbrook leise lachen. „Nein, Liebling, er ist Georges Freund, nicht der von Lilly. Sie ist ja noch ein Kind.“ „Kind? Lilly ist neunzehn, also sicherlich alt genug, um einem jungen Mann aufzufallen.“ „Gut, sie ist vielleicht nicht mehr meine Kleine. Aber bereit für die Ehe? Nein, Nessie, das glaube ich nicht. Sie hat alle Zeit der Welt, sich einen Mann auszusuchen. Das hat nun wirklich keine Eile.“ „Hmm. Ich finde, sie sollte nicht zu lange warten. Ich habe mir schon einige Gedanken über ihre Zukunft gemacht.“ „Das kann ich mir denken“, murmelte Mr Westbrook. Jack konnte förmlich sein gequältes Lächeln sehen. 8
„Als ihre Mutter habe ich eben die Pflicht, sie anzuleiten. Ich denke an Oliver Cross oder Pelham Mills als passende Anwärter. Oder Harlan Santerre. Er ist so ein höflicher junger Mann, und seine Mutter und ich kennen uns seit unserer Kindheit. Ja, doch, Harlan wäre meine erste Wahl.“ Jack hielt den Atem an. Er sollte sich besser losreißen und nicht mehr länger lauschen. „Die wären mir alle recht“, sagte Mr Westbrook. „Aber was hältst du von dem jungen Grail? Du hast doch eben gesagt, er interessiert sich für sie. Er ist doch ein vernünftiger junger Mann.“ „Aber er hat keinen Penny in der Tasche! Muss ich noch deutlicher werden?“ Jack runzelte die Stirn. Er versuchte zu schlucken, aber sein Mund war trocken. Mr Westbrook seufzte. „Du hast ja recht, Liebling. Er kommt nicht infrage, auch wenn ich ihn mag.“ „Ich mag ihn auch. Und genauso gut ausgebildet wie unser George ist er auch. Aber um um Lillys Hand anzuhalten, müsste er ziemlich schnell viel Geld machen. Und das ist höchst unwahrscheinlich.“ „Leider fast unmöglich. Hoffen wir, dass du nicht recht hast und der junge Grail sein Herz nicht an Lilly gehängt hat.“ Lillys Vater seufzte. „Er ist ein intelligenter Junge. Ich bin mir sicher, er weiß es besser. Vor allem, weil Lilly eine ehrgeizige Mama hat, der so viel daran liegt, die perfekte Partie für ihre Tochter zu finden.“ Mrs Westbrook lachte. „Thomas, hör auf damit, mich zu necken.“ Jacks Schulter stieß an einen goldverschnörkelten Bilderrahmen. Fast hätte er ihn heftig weggestoßen, doch dann hielt er inne. Nein, er würde nicht die Beherrschung verlieren. Er ließ das Ölbild schief an seinem Platz hängen und stolperte den dicken Läufer entlang zurück, weg von den furchtbaren Stimmen. Er erreichte die Eingangshalle und ließ sich auf einen Rosenholzstuhl fallen. Den neugierigen Blick von Mr Ames ignorierte er. Er vergrub das Gesicht in den Händen und versuchte, zu sich zu kommen, bevor er Lilly gegenübertreten musste. Aber das Gespräch ihrer 9
Eltern hallte durch seinen Kopf. Arm. Er kommt nicht infrage … Wie hatte er je glauben können, dass sie ihn als Schwiegersohn akzeptieren würden? Seine Liebe zu Lilly hatte ihm wohl den Verstand geraubt. Die letzten Monate hatte er in einem Nebel der Hoffnung verbracht, aber der lichtete sich jetzt. Leise Schritte. Er schaute hoch. „Was hat Papa gesagt?“ Lilly nahm seine beiden Hände. Er musterte sie stumm und sah, wie sein Schmerz sich in ihren Augen spiegelte. Wie er sich wünschte, dass seine Antwort ihr Freude bringen könnte. Vorsichtig zog sie ihn in ein schwach erleuchtetes Wohnzimmer. Die Gardinen und die schweren Samtvorhänge ließen nur einige letzte Strahlen des Tageslichts durch die Fenster, hinter denen sich der Park erstreckte. Vor dem unbeleuchteten Marmorkamin sahen sie sich an, seine Arme fest um ihre schlanke Taille, ihre Hände locker auf seiner Weste. „Sag es mir,“ sprach sie mit rauer, kaum hörbarer Stimme. „Als ich zur Tür vom Salon kam, hörte ich, wie deine Eltern schon über geeignete Ehemänner für dich sprachen. Mein Name war nicht auf der Liste.“ „Weil sie nicht wissen, dass wir uns lieben. Papa hat mir noch nie einen Wunsch abgeschlagen. Es wird vielleicht etwas Überredungskünste brauchen, aber du schaffst das. Am besten sprechen wir zusammen mit ihm.“ Die reizende, verwöhnte Lilly, der das Herz ihres Vaters gehörte – außer, wenn es um ihren Zukünftigen ging. In den Kreisen der Reichen war das Heiraten ein Handelsgeschäft. Dort hatte jemand wie Jack keine Chance. Er hatte zwar zusammen mit den Reichen in Yale studiert, aber als Stipendiat hatte er einfach nicht dazugehört, egal, wie sehr er sich auch anstrengte. Vielleicht hätte er sie akzeptiert, die undurchdringliche Barriere, wenn nicht plötzlich Lilly in sein Leben gekommen wäre. Er schaute sie an, spürte ihre Leidenschaft, prägte sich ihre großen, ausdrucksvollen Augen und ihre makellose Haut ein, ihre große, schlanke Figur und ihr dichtes braunes Haar, das ihr Gesicht umrahmte. In ihren Augen leuchtete es. „Komm mit. Wir reden mit Papa. Jetzt.“ 10
Jack packte ihre Handgelenke. „Nein, das kann ich nicht. Es tut mir so leid. Er wird sich nicht umstimmen lassen, wir brauchen es gar nicht erst zu versuchen.“ Erspare mir diese Demütigung … Ihr unterdrückter Aufschrei stach ihm ins Herz. „Du willst es noch nicht mal versuchen? Aber wir lieben uns doch. Ist es das nicht wert, darum zu kämpfen?“ Lillys Stimme wurde laut vor Fassungslosigkeit. Wie sollte er ihr erklären, dass er das Nein ihres Vaters nicht ertragen könnte? Noch einmal hören, dass er nicht gut genug war, um um ihre Hand anzuhalten? Ein Mal war genug. Und er wollte nicht, dass sie einfach mit ihm durchbrannte. Jack seufzte auf. Er liebte, verehrte Lilly, aber für ihre Familie kam er als Schwiegersohn nicht infrage. Als Tochter eines reichen Bankers konnte Lilly niemanden heiraten, der ohne Vermögen war. „Wir können auch ohne ihre Zustimmung heiraten“, flüsterte sie. „Du wirst eine gute Arbeitsstelle bekommen, das weiß ich. Wir brauchen die Erlaubnis meiner Eltern nicht, denkst du das nicht auch, Jack?“ „Aber ich möchte, dass sie mich akzeptieren.“ Er würde nie ihre Wertschätzung erhalten, wenn er ihnen ihre Tochter stahl. Jack wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand durchs schwarze Haar. Er hatte sich selbst etwas vorgemacht. Wie konnte er für Lilly sorgen, wie ihr bieten, was sie von ihrem Elternhaus her gewöhnt war? Was konnte er ihr versprechen? Eine Einzimmerwohnung in einem schäbigen Stadtviertel, während er versuchte, sein Glück zu machen – falls ihm das gelang. Wie lange würde es dauern, bis seine schöne, junge, idealistische Braut merkte, dass sie zu viel geopfert hatte für einen unrealistischen Traum? Er würde ihr Unrecht tun, wenn er sie ihrer Familie wegnahm. Er blickte sie an und sah die trotzige, naive Hoffnung in ihrem Gesicht. Aber er verstand die Wirklichkeit, wie sie es nie tun würde. Er hatte seine Liebe zu früh aufblühen lassen. Jack machte langsam einen Schritt zurück und wappnete sich für den Schmerz, der jetzt kommen musste. „Deine Eltern haben recht. Ich kann nicht heiraten. Ich hätte dir nie einen Antrag machen sollen, weil ich dir nichts bieten kann.“ 11
Sie stürzte zu ihm und schlang die Arme um seinen Hals, während die Tränen ihr über die Wangen liefen. „Und unsere Liebe? Warum brauchst du mehr als das?“ „Lilly, wir können nicht von Träumen leben. Ich muss für uns das Brot verdienen. Von einem Bürogehilfengehalt kann ich dich nicht ernähren. Du würdest dein altes Leben vermissen.“ In ihrem weichen, hübschen Gesicht sah er ihre Anspannung. „Denkst du, meine Liebe ist zu schwach, um etwas zu ertragen? Sie ist stark genug für alles! Warum zweifelst du so an mir?“ Jack schüttelte den Kopf. „Ich zweifle an mir, nicht an dir.“ Was, wenn ihr Glaube an ihn jeder Grundlage entbehrte? Was, wenn er es nie weiter brächte als zu einem Bürogehilfen, trotz seines Studiums? Ein Mädchen aus so einer stolzen und anerkannten Familie wäre nie zufrieden damit, selbst Wäsche zu waschen, Essen zu kochen und auf Knien den Fußboden zu schrubben. Schon bald würde sie das verbittern. „Ich kann mit weniger auskommen. Ein schönes Zuhause bedeutet mir nichts. Ich will nur dich.“ Die Enttäuschung ließ ihre Stimme lauter werden. Es hatte keinen Zweck, wenn er mit ihr darüber stritt, was Armut aus einem Menschen machen konnte. Sie würde es nicht verstehen. „Wenn wir beide in den gleichen Kreisen aufgewachsen wären, würde ich nicht zögern, mit deinem Vater zu sprechen. Aber es ist nun mal anders.“ „Aber du wirst mit ihm sprechen, das weiß ich! Ich warte, bis du bereit bist, mich zu heiraten. Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Ich bin geduldig, ich kann ewig warten.“ In ihren schönen Augen glänzten Tränen. „Nein, bitte warte nicht auf mich.“ Jacks Stimme hörte sich hart und gleichzeitig brüchig an. Er wollte, dass sie wartete, aber er durfte ihre Chancen auf eine passendere, vielleicht sogar glückliche Ehe nicht ruinieren. Die Aussichten, es ohne Beziehungen in der Geschäftswelt zu etwas zu bringen, waren schlecht. Wenn er etwas aus sich gemacht hatte, würde er zurückkommen und hoffen, dass sie ihn immer noch wollte. Und ihm vergab. Aber er durfte sie nicht bitten zu warten. Er trocknete ihre Tränen mit seinem Taschentuch, aber sie strömten 12