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Deborah Raney

Umwege des Herzens

Deutsch von Angela Klein-Esselborn


Deborah Raney

Umwege des Herzens Roman 320 Seiten, Paperback, 13,8 x 20,8 cm Erscheinungsdatum: 7.2.2012 ISBN: 978-3-7655-1496-8 Bestell-Nr.: 111496 EUR: 14,99 (D) / SFr 22,50 / 15,50 (A)

Deutsch von Angela Klein-Esselborn Titel der amerikanischen Originalausgabe: Yesterday’s Embers Copyright © 2009 by Deborah Raney Copyright der Übersetzung: © 2012 by Brunnen Verlag Gießen Veröffentlicht mit Genehmigung von Howard Books, a Division of Simon & Schuster, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

© 2012 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Umschlagfoto: Getty Images Satz: DTP Brunnen Herstellung: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm


Prolog

Thanksgiving

K

ommt ihr auch wirklich allein zurecht?“ Douglas DeVore beugte sich über das Sofa und drückte seiner Frau einen Kuss auf den Mund. Doch Kaye drehte den Kopf weg und seine Lippen landeten irgendwo in der Nähe ihres linken Ohrs. „Tut mir leid, Schatz.“ Sie zog die Nase kraus und hielt sich eine Hand vor den Mund. „Gib mir lieber keinen Kuss. Mein Magen ist etwas durcheinander. Ich hätte nicht von Rahels Milkshake trinken sollen. Ich fürchte, ich brüte dasselbe aus wie sie.“ Kaye betrachtete ihre Sechsjährige, die in ihrem Arm schlief. Aus der Garage ertönte das Hupen eines Autos und keine Sekunde später erschien Sarah in der Küchentür. „Los, Papa, beeil dich! Louis kommandiert rum und Karen sagt, sie geht zu Fuß zu Oma, wenn du nicht endlich kommst.“ „Sag Louis, er soll damit aufhören, und Karen, sie soll Ruhe halten.“ Er machte einen, wie er hoffte, verzweifelten Gesichtsausdruck. „Und du bist dir ganz sicher, dass ich nicht zu Hause bleiben soll?“ Kaye verengte die Augen zu einem Schlitz. „Kein Gedanke daran, mein Lieber.“ Sie wandte ihr hübsches Gesicht zum Kamin, in dem das erste Feuer für diesen Herbst knisterte wie trockenes Laub unter den Schuhen. „Aber hey, danke für das Feuer.“ „Hm, na ja, ich wünschte, ich könnte hierbleiben und es in Gang halten.“ Er zog die Augenbrauen hoch, damit sie seine Anspielung auch wirklich verstand. 5


Sie lachte. „Sehr hintergründig … ich komme auf dein Angebot zurück, sobald das vorbei ist, was ich auch immer Blödes ausbrüte.“ Sie imitierte seine Augenbrauengymnastik. Er strich ihr über das zerzauste Haar. „Ich hatte Louis gebeten, Holz hereinzubringen, aber wenn es dir ausgeht, ist draußen auf der Veranda noch ein trockener Stapel.“ Er überprüfte den Kaminschieber. Meine Güte, was würde er dafür geben, Kayes Mutter anzurufen und sich allesamt vor dem Familienessen zu drücken. Mit einem guten Buch am Kamin sitzen, später das Spiel anzuschauen, ohne dass Kayes Bruder wieder den unmöglichen Kommentator mimte. Er seufzte. So würde es nicht laufen. Kayes Mama war mit Sicherheit schon seit Tagen am Kochen. Und Thanksgiving war immer das letzte Mal im Jahr, an dem sie sich alle trafen, bevor Harriet über den Winter nach Florida aufbrach. Zudem gäbe es, wenn er daheimbliebe, höchstwahrscheinlich ein paar schale Cracker und eine Dose Tomatensuppe, die er sich selbst warm machen würde. Mit dem üblichen Chaos am Abendbrottisch vor Augen und Hannah in ihrem Hochstuhl, die Suppe durch die gesamte Küche spritzte – und einer Kaye, die zu krank war, um die Aufsicht zu führen –, überlegte er es sich anders. „Ich bringe euch beiden ein paar Teller mit Leckerbissen mit.“ „Mm-hmm … das habe ich mir gedacht.“ Kaye lachte und er wusste, dass sie seine Gedanken gelesen hatte. Wie sie es immer tat. Er strich Rahel eine Haarsträhne aus der Stirn. „Meine Güte, ist sie heiß.“ Seine Frau nickte wissend. „Ich glaube nicht, dass unser Engelchen in absehbarer Zeit überhaupt etwas isst. Aber bring für alle Fälle ein paar gute Sachen mit.“ Kaye war die ganze Nacht für Rahel wach gewesen, während Doug sich angesichts der Würgegeräusche, die von seiner Tochter kamen, taub gestellt hatte. Jetzt nagten Gewissensbisse an ihm. Kaye zupfte ihn am Ärmel. „Achte darauf, dass Hannah eine 6


Mütze aufhat, wenn die Kinder sie mit rausnehmen. Ich will nicht, dass sie auch noch krank wird.“ „Wird gemacht.“ Er schnappte sich seine Jacke von der Rückenlehne des Küchenstuhls und ging Richtung Garage. „Und … noch was, Doug …“ Er wandte sich zu Kayes Stimme um. „Ich hätte gerne jede Menge Sahne auf meinem Kürbiskuchen.“ Sie wagte es, ihm zuzuzwinkern. „Entschuldige mal, ich dachte, du bist krank.“ Sie lächelte. „So krank nun auch wieder nicht.“ Die Garagentür ging erneut auf und Sabrina, Sarahs Zwillingsschwester, streckte ihren blonden Kopf herein. „Pa-paa, beeil dich. Hannah quengelt …“ Er grinste Kaye hoffnungsvoll an. „Bist du dir ganz sicher, dass ich nicht daheimbleiben soll, Süße?“ Kaye zog Rahel näher an sich und verzog eine Augenbraue in seine Richtung. „Du meinst, damit du mir helfen kannst, sauber zu machen, wenn sie wieder erbricht?“ Er schob einen Arm in seinen Mantel. „Ich bin ja schon weg. Ist wohl das geringere Übel.“ „Lieb dich!“, rief Kaye ihm nach. Ihr leises Lachen folgte ihm nach draußen und er musste einfach mitlächeln. Wenn sich diese Frau auf eins verstand, dann war es, ein Feuer in Gang zu halten.

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Kapitel 1

D

er Korso aus Rücklichtern glomm purpurrot durch die Nebelfetzen, die über dem Highway waberten. Vicky Valdez drückte mit der Spitze ihrer schwarzen Pumps auf die Bremse und versuchte, einen angemessenen Abstand zum Auto vor ihr zu halten. Die Prozession hatte bereits vor zwanzig Minuten die Kirche verlassen, doch sie waren kaum drei Kilometer außerhalb der Stadtgrenze von Clayburn. Die Autos schlängelten sich den Hügel hinauf – wenn man denn den geschwungenen Anstieg der Straße so bezeichnen konnte –, und die Straße vor ihr war übersät von rot glühenden Bremslichtern, die wie Glühwürmchen blinkten. Als Vicky die Kuppe erreichte, konnte sie hinter den schmiedeeisernen Toren des Friedhofs von Clayburn kaum die zinnfarbenen Grabsteine aus dem Nebel ragen sehen. Sie strich den Rock ihres schwarzen Georgettekleides glatt und versuchte, sich auf das Autofahren zu konzentrieren. Sie durfte jetzt nicht abschweifen zu der Trauerfeier, von der sie gerade kam. Doch als der erste Leichenwagen vor ihr auf den Kiesweg des Friedhofs einbog, verlor sie die Beherrschung. Trockene Schluchzer entrangen sich ihrer Kehle, es kamen keine Tränen, und dieses eine Mal war sie froh, allein im Auto zu sitzen. Die Autoschlange kam kaum noch voran, als der zweite Leichenwagen im Schneckentempo durch das Tor fuhr. Die beiden gleich aussehenden schwarzen Lincolns bogen vom Kiesweg ab und parkten hintereinander in der Nähe der Grasfläche, die von zwei frischen Gräbern entstellt war. Die Fahrer stiegen aus, gingen gleichzeitig zum Heck der Leichenwagen und öffneten die Heckklappen mit den Vorhängen. Vicky wandte den Blick ab. Sie konnte die beiden Särge nicht noch einmal anschauen. Als sie schließlich an der Reihe war, über das Gatter unter dem hohen Bogen der Eisentore zu fahren, wäre sie am liebsten abge9


bogen. Nach Westen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Doch Pete Truesdell, der den Besucherstrom auf den eingezäunten Friedhof leitete, stand ihr im Weg. Vicky hätte Pete fast nicht erkannt. Er trug einen verkrumpelten marineblauen Zweireiher statt des üblichen Overalls. Vicky hatte keine Ahnung, wie er durch die Tränen hindurch etwas sehen konnte. Beim Anblick des Alten brach ihr das Herz. Sie fragte sich, ob er irgendwie mit der Familie verwandt war. Anscheinend war in Clayburn jeder mit mindestens einer anderen Familie verwandt. Jeder außer der Valdez-Familie. Pete winkte das Auto vor ihr durchs Tor und stoppte sie mit der anderen Hand. Vielleicht könnte sie ja im Auto bleiben, bis der Trauerzug den Friedhof wieder verlassen hatte. Sie wollte nicht über den unebenen Rasen gehen. Wollte nicht riskieren, von den DeVore-Kindern gesehen zu werden … nicht riskieren, vor ihren Augen zusammenzubrechen. Was würde sie sagen? Was konnte man überhaupt sagen, um dem, was passiert war, irgendwie gerecht zu werden? Sie kannte sich mit Kohlenmonoxidvergiftung nicht aus. Was sie gehört hatte, war, dass Kaye und Rahel einfach eingeschlafen waren, ohne zu wissen, dass sie im Himmel wieder aufwachen würden. Sie fragte sich, ob Doug DeVore dieses Wissen tröstete. Ob es wenigstens ein kleiner Trost war, dass seine Frau und seine Tochter diese Welt gemeinsam verlassen hatten? Aber an Thanksgiving? Was hatte Gott sich dabei gedacht? Sie hatte Kaye DeVore nie richtig gut kennengelernt. Wenn Kaye die Kinder auf dem Weg zu ihrer Arbeit an der Highschool in der Kindertagesstätte abgegeben hatte, hatten sie nett geplaudert, aber normalerweise hatte Doug, der in der Stadt in Trevor Ashlocks Druckerei arbeitete, die Kinder gebracht und sie nach Feierabend abgeholt. Die Kinder der Familie DeVore waren normalerweise die letzten, die abgeholt wurden, vor allem in der Erntezeit, wenn Doug Überstunden machte, damit seine Farm am Laufen blieb. Aber Vicky 10


hatte es nie etwas ausgemacht, länger zu arbeiten. Schließlich wartete zu Hause keine eigene Familie auf sie. Und sie mochte diese Kinder sehr. Vor allem Rahel. Die süße Rahel mit dem Engelsgesicht, aus deren Augen eine Weisheit strahlte, die weit über ihr Alter hinausging. Vicky hatte regelrecht getrauert, als Rahel in die Vorschule gekommen war und nach der Schule nur noch ein, zwei Stunden zur Betreuung in den Hort kam. Nun zwang sie sich, auf den kleinen weißen Sarg zu blicken, den die Sargträger aus dem zweiten Leichenwagen holten. Es konnte doch nicht wahr sein, dass diese herzige Sechsjährige nicht mehr da war. Sie schaute durchs Tor und sah, wie Doug aus einem schwarzen Wagen stieg. Er half einem Kind nach dem anderen beim Aussteigen. Die Jüngste hatte er auf dem einen Arm, den anderen Arm versuchte er um die anderen vier Kinder zu legen, als könne er sie vor dem bewahren, was passiert war. Wie er unter der Last einer solchen Tragödie überhaupt aufrecht stehen konnte, war Vicky ein Rätsel. Doch für einen beschämenden, vernunftwidrigen Augenblick beneidete sie ihn um seine Trauer und hätte mit ihm getauscht, wenn das bedeutet hätte, sie hätte eine Liebe erlebt, die des Trauerns wert gewesen wäre, oder ihr wäre ein Kind ihres eigenen Fleisches und Blutes anvertraut gewesen. Sie schüttelte ihre Gedanken ab und war verstört, wie lange sie ihnen Platz eingeräumt hatte. Sie hatte Angst davor, Doug zu begegnen, wenn er die Kinder das nächste Mal am Morgen ablieferte. Vielleicht würden sie ja auch gar nicht mehr kommen. Sie hatte gehört, Kayes Mutter habe sich überlegt, den Winter nicht wie sonst in Florida zu verbringen. Harriet Thomas würde in Kansas bleiben und Doug helfen, zumindest eine Zeit lang. Wren Johannsen half auch bei der Kinderbetreuung und Hausarbeit, wenn sie sich von Wren’s Nest, der kleinen Frühstückspension auf der Main Street, loseisen konnte. Wren war wie eine zweite Großmutter für die Kinder. Gott sei Dank. Sechs Kinder mussten … Vicky schauderte und korrigierte sich. Jetzt nur noch fünf. Da11


mit hatte man alle Hände voll zu tun. Mitte April letzten Jahres waren die DeVores eine Woche in Urlaub gefahren – somit waren ihre Kinder nicht da und das Arbeitspensum geringer gewesen, doch in der Kinderbetreuung war es totenstill gewesen. Totenstill. Vicky war zwar allein im Auto, erschrak jedoch über ihre Wortwahl. Sie zuckte zusammen, als es auf die Motorhaube pochte, und sah, wie Pete ihr Zeichen gab, durch das Tor zu fahren. Sie legte einen Gang ein und fuhr zentimeterweise über das Gatter. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie folgte dem Wagen vor ihr und parkte neben einem Zaun am Ostende des Friedhofs. Ihr Blick fiel auf einen hohen weißen Grabstein in der Ferne und ein aufwühlender Gedanke quälte sie. Als sie das letzte Mal zu einer Beisetzung hier gewesen war, waren auch eine Mutter und ein Kind begraben worden. Trevor Ashlocks Frau Amy und ihr kleiner Sohn. Im kommenden Sommer würden es fünf Jahre. Als sei er von ihren Gedanken hergezaubert worden, parkte Trevors grüner Pick-up neben ihr ein. Vicky beobachtete ihn im Seitenspiegel und sah, wie er seiner jungen Frau auf der Beifahrerseite beim Aussteigen half. Leo hatte den Gang einer offensichtlich schwangeren Frau und Trevor führte sie mit einer Hand auf dem Rücken über den unebenen Rasen zu dem Zeltdach über der Grabstätte. Vicky schaute fort. Wenn sie Trevor sah, überkam sie noch immer große Traurigkeit. Wegen seines großen Verlustes natürlich. Aber auch wegen ihres eigenen Verlustes. Nach Amys Tod hatte sie sich haltlos in ihn verliebt – und die Hoffnung gehegt, er empfinde ebenso. Und dass sie seinen Schmerz lindern könne. Doch seine Trauer war zu groß, als dass er sie überhaupt wahrgenommen hätte. Dann war Leonie Anderson in die Stadt gezogen, und noch bevor Vicky wusste, wie ihr geschah, war Trevor verheiratet. Er und Leo machten einen sehr verliebten Eindruck und Vicky missgönnte beiden nicht ein Quäntchen ihres Glücks. Das bedeutete jedoch nicht, dass es ihr nicht jedes Mal, wenn sie sie miteinander sah, einen Stich versetzt hätte. 12


Dieser Tag musste für Trevor doppelt schwer sein. Für Doug war es sehr wahrscheinlich ein Trost, dass Trevor da war – jemand, der dasselbe durchgemacht hatte und es irgendwie doch schaffte, am Morgen wieder aufzustehen und auch am nächsten und am übernächsten. Wieder fragte sie sich, was Gott sich dabei gedacht hatte. Wo war er, als dieses Unglück geschah? Wie konnte er tatenlos zusehen, wie anständigen Menschen solch schreckliche Dinge passierten … den feinsten Männern, die sie kannte, außer ihren Brüdern? Das ergab doch alles keinen Sinn. Und der Einzige, der eine Antwort hätte geben können, hatte einfach zugesehen und das alles geschehen lassen.

Kapitel 2

D

ouglas stellte den Motor ab und schlug das Garagentor zu. Es machte ein knirschendes Geräusch, als es auf dem Betonboden aufkam. Wie ein grässliches Echo auf die Vorrichtung, die vor erst einer Stunde die Särge in die Erde hinuntergelassen hatte. „Ihr geht ins Haus, Kinder. Und zwar gleich. Zieht eure guten Sachen aus.“ Sarah und Sabrina verzogen das Gesicht. Er hatte nicht so schroff klingen wollen, aber er war zu müde, um sich zu entschuldigen. Karen und Louis merkten es anscheinend nicht, Hannah war in ihrem Autositz fast eingeschlafen und nuckelte mit einer Geschwindigkeit von anderthalb Kilometern pro Minute an ihrem Daumen. Er fragte sich, wie viel von allem sie mitbekommen hatte. „Karen, holst du bitte Hannah? Und leg sie hin, wenn du kannst; sie kann ein wenig schlafen.“ 13


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