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powerfrauen
Das Projekt wird gefĂśrdert vom:
Arbeitsstelle Weltbilder e.V. (Hrsg.)
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Ebook / StraĂ&#x;en-Kinder
INHALTSVERZEICHNIS 3 – 7
Intro
Wir stellen Ihnen eine neue Spezies im Rückkehrprogramm von weltwärts vor: die gbooks. Die sollen sich gerne als Bildungsmaterial im schulischen und außerschulischen Bereich und ebenso in der weltwärts Vor- und Nachbereitung ausbreiten. Die thematischen gbooks werden von weltwärts-Freiwilligen zusammen mit Partner_ innen aus dem Süden recherchiert und geschrieben - von uns durchaus als ReverseAktivität gedacht. Dieses gbook hat sich die Powerfrauen bzw. die Frauenpower zum Thema gemacht. Es werden starke Frauen und auch schwache Momente vorgestellt – und das von jungen weltwärts-Frauen. Eine qualifizierte Rückkehrarbeit ist nicht nur im dringenden Interesse der ehemaligen weltwärts-Freiwilligen geboten, sondern die Chance, um weltwärts in der Mitte unserer Gesellschaft ankommen zu lassen. Über die Rückkehrarbeit geht’s hinein in die Bildungs- und Kulturarbeit – und selbstverständlich in weitere gesellschaftliche Bereiche. Eine wesentliche positive Veränderung, die wir erreichen wollen, ist die eines Wissenstransfers von Süd nach Nord oder anders ausgedrückt: die Umwandlung von lebendigen Erfahrungen in handhabbare Materialien, Veranstaltungsformate und Aktionsformen für Globales und Interkulturelles L ernen. Den weltwärts-Freiwilligen wollen wir durch die Projektmaßnahmen - auch durch die Redaktionsarbeit an diesem gbook – ihren eigenen interkulturellen Kompetenzgewinn bewusst machen.
HOPE – DIE HOFFNUNG HINTER DEN KULISSEN RUANDAS Louisa Esther Glatthaar
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FRAUENPOWER Louisa Esther Glatthaar & Janinka Lutze
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ELISABETH KANEZA Janinka Lutze 14 – 16
CAROLINE ACHIENG ODERA Irina Holve 17 – 19
PETRONILLA MUKAZINE Janinka Lutze 20 – 21
MRS. SUMPHI Ursula Mathan 22
MARIE Leandra Haupt
„globalista gibt die Möglichkeit zurückzuschauen ohne die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Es ist kein sehnsüchtiges Erinnern an die weltwärts-Vergangenheit, sondern ein nach vorne gerichtetes Weiterentwickeln aus all den eigenen Erfahrungen, aber ganz besonders aus Erlebnissen und Berichten Anderer. globalista-Zeit ist eine Zeit des Hineinhorchens in mich und in meine Mitmenschen und es ist die Zeit Begeisterung über Erlebnisse zu teilen und von Anderen Leidenschaft für völlig andere Themen übertragen zu bekommen.“ Corinna Keup, weltwärts-Rückkehrerin.
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ANNET IKIMA ASERI Zora Lunhau 25 – 27
EIN LEBEN FÜR UND MIT DEN INSHUTI Z`IMANA Birte Neumann & Janinka Lutze 28 – 29
100 Bilder 30 – 31
Impressum
Hope – L o u is a E st h e r G la tt h a a r
7. APRIL 2014:
Noch vor der Dämmerung reihen sich die ersten von später unendlich scheinenden Menschenmassen in den Warteschlangen vor dem Stadion ein. Im Stadion selbst laufen die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren bis zu dem Moment, an dem Ruandas Präsident Paul Kagame, viele seiner Amtskollegen aus verschiedenen Ländern, UN Generalsekretär Ban Ki-moon und weitere hohe Persönlichkeiten die Ehrentribüne betreten und die Menge plötzlich zu einem unruhigen Schweigen verstummt. Das Stadion musste schon lange zuvor seine Tore schließen; selbst ein so riesiges Stadion ist zu klein für die ruandische und internationale Gemeinschaft der Trauer und der Erinnerung. Hope Azeda hat keine Zeit die wichtigen Persönlichkeiten in der Menschenmenge auszumachen. Sie hat nicht einmal Zeit einen einzigen Blick auf die Zuschauerränge zu werfen. Sie muss sich konzentrieren, alle Details des Kulissenaufbaus und der Technik überprüfen sowie die Verfassung ihrer Tänzerinnen und Tänzer erneut studieren, verbessern oder beruhigen. Sie spürt die Anspannung, die in der Luft hängt, die Angst und die Erwartungen der Menschen vor Ort und der tausend Anderen, die von überall auf der Welt an diesem Montagvormittag des 7. April 2014 auf das Stadion „Amahoro“ (Kinyarwanda für „Frieden“) in Kimironko, einem Stadtteil Kigalis in Ruanda und demnach auch auf sie blicken. Hope Azeda ist Verantwortliche der kompletten Performance innerhalb einer Veranstaltung, die noch ihres gleichen sucht. Der 7. April 2014 ist nicht irgendein Tag mit irgendeiner Großveranstaltung in Ruandas Hauptstadt Kigali, im hügeligen Herzen Afrikas. Es ist der Tag des 20-jährigen Gedenkens an den Völkermord von 1994.
Hope Azeda
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die Hoffnung hinter den Kulissen Ruandas
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RÜCKBLICK:
Vor 20 Jahren am 6. April wird bei einem bis heute ungeklärtem Attentat das Flugzeug des damaligen ruandischen Präsidenten Habyarimana und seines burundischen Amtskollegen über Kigali abgeschossen. Dies gilt als Startschuss für eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit des 20. Jahrhunderts. Am 7. April beginnt das Morden an den Tutsi und moderaten Hutu durch radikale Hutu. Der Völkermord war von langer Hand von den Führungseliten geplant. Erst nach 100 Tagen der Hölle gelingt es der im Exil gegründeten Opposition unter der Führung des heutigen Präsidenten Paul Kagame (seit 2000 im Amt), Kigali zu befreien und dem Terror ein Ende zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits mehr als 800.000 Menschen ermordet. Heute versucht sich die ruandische Nation wieder zu vereinen, Hutu und Tutsi leben in Frieden nebeneinander. Jedes Jahr gibt es Gedenkveranstaltungen, dieses Jahr sind sie besonders groß, es ist das 20-jährige Gedenken, welches ein zukunftsweisendes Zeichen setzen soll für Ruanda und die internationale Gemeinschaft. Das ethnische Konfliktpotenzial, welches sich 1994 in unbeschreiblichen Gräueltaten entlädt, reicht bis in die Kolonialzeit zurück und steigert sich nach Ruandas Unabhängigkeit 1962 mit der Errichtung einer „HutuRepublik“ immer weiter. Schon früh gab es aufgrund verschiedenster Pogrome der Hutu gegen die Tutsi regelrechte Flüchtlingswellen von Tutsi in die Nachbarländer Tansania und Uganda. Unter ihnen auch Hope Azedas Eltern. Hope selbst wird später im ugandischen Exil geboren. Sie und ihre Familie haben Glück rechtzeitig geflohen zu sein, die kleine Hope kann von Beginn an eine außerordentlich gute Schulbildung genießen, während in ihrem Heimatland Ruanda das Grauen erst richtig beginnt. Bereits in der Grundschule fällt Hopes Lehrer_innen auf, dass sie ein äußerst kreatives Mädchen ist, früh anfängt während der Mathestunden lieber eigene Gedichte zu schreiben als zu rechnen. Ihre Eltern entscheiden sich das künstlerische Talent ihrer Tochter zu fördern, 4 | 32
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schicken Hope auf eine private Kunstschule. Sechs Jahre lang arbeitet sie hart, konzentriert sich vor allem auf das kreative Tanzen und hat erste erfolgreiche Auftritte mit der schulischen Tanzgruppe. Im Rückblick sagt Hope, es sei eine anstrengende Zeit gewesen, manchmal seien sie zur Kreativität gezwungen worden. Doch letztlich hat es all das hervorgebracht, was nun ihren Charakter und ihr Leben ausmacht. 1998, nach dem Besuch der Universität, wo sie sich nochmals verstärkt auf Drama, Tanz und Musik spezialisierte, kehrt Hope zurück zu ihren Wurzeln nach Ruanda. Es sind noch keine vier Jahre seit dem Völkermord vergangen. Sie sagt, sie selbst sei überfordert gewesen mit der Situation. Doch dann entwickelt sie ein Motto für sich selbst – und mit ihm eine Hoffnung für Ruanda: „Was nicht gesagt werden kann, kann gesungen werden, was nicht gesungen werden kann, kann getanzt werden.“ (What can’t be said can be sang, what can’t be sang can be danced.) Obwohl die Kunst, wenn überhaupt, in Ruanda strikt den Männern vorbehalten ist, kämpft Hope, entwickelt erste Kunstprojekte mit Kindern. Und überraschend soll sie 1999 zum fünfjährigen Gedenken an den Völkermord ihre erste große Performance für den Staat vorlegen. Von dem Moment an beginnt ihre Karriere als gefragte Künstlerin in Ruanda.
„Kinder sind Bäume, die gegossen werden müssen und Vögel, die ein offenes Fenster zum Losfliegen brauchen.“ (Kids are trees to be watered and birds needing a window to fly.) Heute lehnt Hope manchmal sogar vielversprechende Anfragen ab. Sie habe schlicht keine Zeit, viel lieber bleibe sie bei „ihren Kindern“, wie sie die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Kunstakademie nennt. Obwohl diese Kinder den Völkermord von 1994 nicht direkt miterlebt haben, sind sie dennoch persönlich betroffen. In Ruanda gibt es keine Familie, die nicht als Opfer, als Flüchtling oder als Täter Teil des Völkermords war und ist. „Wenn Krieg kommt und geht, sind die Kinder des Krieges danach immer Teil davon. Auch die Kinder von heute haben Fragen über Fragen, die in ihren Köpfen verankert sind und wofür sie keine Plattform finden, weil die heutige ruandische Gesellschaft nicht über die Geschehnisse von 1994 sprechen mag“, sagt Hope Azeda. Mit ihrer Kunst möchte sie deshalb den Kindern Platz geben für Konversationen und Dialoge, für einen offenen Austausch, für Vertrauen – und damit in gewissem Maße auch einen Heilungsprozess einer ganzen jungen Nation voranbringen. Sie ist überzeugt davon, dass „es keinen Wandel ohne 5 | 32
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Kunst geben wird“ (I can’t see change happening without art.). Die Veränderungen und Entwicklungen ihrer jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestätigen diese Aussage. Durch die künstlerische Aufarbeitung werden die Kinder aufgeschlossener – und vor allem freier. Die ethnische Zugehörigkeit spielt in der Kunst keine Rolle. Somit sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur diesbezüglich Hoffnungsträger_innen Ruandas. Hope inspiriert vor allem die unglaubliche Energie, welche Kinder haben und ihre Fähigkeit, nach vorne zu schauen und nicht ständig, wie die Älteren, in Vergangenem zu verharren, erklärt sie. Sie fügt hinzu: „Ältere sind Experten der Geschichte, Junge sind die Energie der Zukunft.“ Durch ihre künstlerische Arbeit mit Kindern über die Geschichte Ruandas versucht sie gewissermaßen einen Austausch zwischen den Generationen voranzubringen. Für ihre Performance am 7. April hat sie Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von elf bis 60 Jahre gewonnen.
FRAUEN IN DER RUANDISCHEN KUNST:
Hope selbst verkörpert die Freiheit, die mit der Kunst kommt, mit Leib und Seele. Vor dem Interview bestellt sie sich eine eiskalte Coke und will am Anfang auf dem Sofa, von dem wir zuvor einen Manager höflich verdrängt haben, erst einmal entspannen und über Gott und die Welt philosophieren statt über ihre Karriere zu sprechen. Und das, obwohl ihr Tag wie immer mit Meetings von morgens bis abends gefüllt ist. Sie erklärt das mit dem Ansatz, den sie auch für all ihre Theaterstücke hat: „Fühlst du mich oder redest du nur über mich?“ (Do you feel me or are you just talking about me?) Sie erzählt all dies mit einem aufgeschlossenen Lächeln, zu welchem sie wie fast immer ein leuchtend buntes Shirt und kurze Hosen trägt. Die Dreadlocks hat sie locker nach hinten gebunden. Zu solch einem Auftritt gehört eine ganze Menge Mut – vor allem als Frau in Ruanda. Sich so direkt als Künstlerin zu outen, ist keine Selbstverständlichkeit und auch Hope musste dies erst lernen. Doch jetzt möchte sie mit ihrem eindeutigen Stil anderen Mädchen und Frauen Mut machen, zu ihren Talenten und Interessen zu stehen und sich die künstlerische Freiheit zu erkämpfen. Nur einige Wochen zuvor hatte sie genau über dieses Thema, „Frauen in der ruandischen Kunst“ im Goethe Institut mit anderen weiblichen Akteuren der Kunstszene diskutiert. Künstler_innen haben kein großes Ansehen in Ruanda, auch nicht die Männer und die stark verankerten traditionellen Muster machen es den Mädchen fast unmöglich ihr Talent zu entdecken, geschweige denn ausleben zu können. Auch Hope sieht das in den männerdominierten Anmeldungen zu ihren Kunstprojekten. Aber sie berichtet auch von ersten Erfolgen. Für ihre Performance zu der 20-jährigen Gedenkveranstaltung hat sie ausschließlich weibliche Mitarbeiterinnen im Team: Kostümdesignerin, Tontechnikerin, Co-Choreografin. Sie sagt, „Frauen seien die Bewegerinnen der Zukunft, sie müssten es nur noch der Welt vermitteln.“ (Women are the movers of our future! They simply still have to teach this the world)
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„SHADOWS OF MEMORY“ – HOFFNUNG HINTER DEN KULISSEN EINER SCHWIERIGEN PERFORMANCE:
Es war auch diese Frauenpower ihres „großartigen Teams“, wie Hope Azeda immer wieder betont, die sie weitermachen ließ, die Performance „shadows of memory“ für die größte Veranstaltung des 20-jährigen Gedenkens an dem Völkermord in Ruanda zu entwickeln. Das Stück sollte Aufklärung über den Völkermord, würdevolle Erinnerung an die Opfer und Hoffnungsgeber gleichzeitig sein. Und das für ganz Ruanda sowie für die internationale Welt. „Es gab nicht nur einen Moment, an dem ich aufgeben wollte. An dem ich die Geschichten, die ich für die Performance anhören und aufarbeiten musste, nicht mehr aushielt. Oder an dem mich der Umfang schlicht zu überfordern drohte.“ Seit Dezember 2013 arbeitete Hope an dem Skript, sie war in ständigem Kontakt mit dem Völkermordgedenken-Komitee (kwibuka20-team) und sah sich mehrere Wochen vielmehr als „ein offenes Buch denn als eine Geschichtenschreiberin“, da sie unzähligen Zeugen zuhörte und Eindrücke an Gedenkstätten sammelte. Daher auch der Name „shadows of memory“ (Schatten der Erinnerung). Seit jeher legt Hope bei ihren Stücken den Fokus auf die Verbindung von Kunst mit sozialen Problemen, Respekt und Menschlichkeit. Doch dieses Mal ist es eine besondere Herausforderung. Denn nicht nur sie selbst droht an ihre Grenzen zu stoßen, auch ihre Gruppe leidet unter dem enormen Zeitdruck und der Schwere der Aufgabe. Es ist keine Seltenheit, dass während den nur einen Monat dauernden Proben eine Tänzerin oder ein Tänzer auf Grund der traumatischen Erlebnisse zusammenbricht. Als das Stück das erste Mal komplett durchgespielt wurde, war das gesamte Team in Tränen aufgelöst. Spätestens ab diesem Moment wusste Hope, dass die Vorstellung im Stadion „heftig werden wird“. Intensiv werden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Schreie der Traumatisierten und die bedrückende Atmosphäre im Stadion vorbereitet.
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Hope ist am Vormittag des 7. April 2014 während des gesamten Stückes über immens angespannt, kann sich noch nicht einmal Ban Ki Moon von nahem anschauen. Den Moment, an dem in dem Stück das Morden symbolisiert wird, nennt sie „killer moment“; nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der bevorstehenden Reaktionen im Publikum. Sie sollte Recht behalten. Die herzzerreißenden Schreie im Stadion sind zu diesem Zeitpunkt ohne Unterbrechung aus allen Ecken zu hören. Doch dann kommt die Erlösung. Wie 1994 marschieren Soldaten ein, befreien die Überlebenden. Und das Publikum beginnt zu applaudieren. Das erste Mal traut sich Hope Azeda aufzuschauen in die Menge, die ihre Performance angeschaut und miterlebt hat und nun mit diesem unerwarteten Applaus all ihre Befürchtungen verschwinden lässt und Erwartungen übertrifft. Sie sieht die unzähligen Fernsehkameras, die der Welt dieses Bild der Versöhnung und der Hoffnung übermitteln und auf der Ehren tribüne Ban Ki Moon, der ebenfalls applaudiert. Ab diesem Moment kann sie den Rest ihrer Performance genießen, denn sie weiß, sie hat es geschafft. Erneut konnte ihre Kunst ein Stück weit die Menschen befreien. Und Hope wird nicht aufhören. Die nächste große Performance „bridges of roses“ steht an, erneut ein Stück mit Kindern und Jugendlichen in Zusammen arbeit mit Erwachsenen über die Geschehnisse von 1994. Denn sie hat sich ihren Namen „Hope“ zur Lebensaufgabe gemacht: Hinter und durch die Kulissen Hoffnung in Ruanda und der Welt zu verbreiten. Louisa Esther Glatthaar, 2013/14 mit weltwärts in Ruanda, artefact
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Frauenpower Ruanda, ein kleines Land in Zentral-Ostafrika, ist vor allem durch Bürgerkriege und den Genozid gegen die Tutsi 1994 bekannt. Doch mittlerweile erlangt es auch für seine rasante Modernisierung und das schnelle Wirtschaftswachstum internationale Aufmerksamkeit. Die Rolle der Frauen in dieser beispiellosen Entwicklung ist dabei von großer Bedeutung. Der Genozid ist hierfür ein Anstoß gewesen. Weit mehr Männer als Frauen fielen dem Abschlachten zum Opfer, zudem wurden die meisten der fast ausschließlich männlichen Täter inhaftiert und sitzen zum Teil noch bis heute in den überfüllten Gefängnissen des Landes. Der Anteil der Frauen, die 1994 ins Gefängnis kamen, lag nur bei etwa drei Prozent. Von diesen Frauen hatten ca. 20 % Säuglinge, die im Gefängnis aufwuchsen. Es lag also hauptsächlich an den Frauen, entweder verwitwet oder mit Ehemännern in den Gefängnissen, das zerstörte Land wieder aufzubauen. Die fehlende Arbeits- und auch Führungskraft der Männer zwang die Frauen, selbst schnell eigenständig und berufstätig zu werden. So bestellten sie nun allein ihre Felder, versuchten ihr Obst und Gemüse zu verkaufen oder traten gar in größere Geschäfte ein. Einige gründeten z. B. Tee- oder Kaffeefirmen, andere eröffneten kleine Shops oder gründeten Kooperativen. So gibt es z. B. eine sehr erfolgreiche Frauenkooperative in Gisenyi im Nordwesten Ruandas, die aus Stoff Puppen, Tierfiguren, Taschen und Ähnliches herstellen und an Ruander_innen sowie Tourist_innen verkauft. Auch die Frauenkooperative „IngomaNsyha“ (neue Trommeln/Trommlerinnen), die als erste weibliche Trommelgruppe im Land bekannt wurde und seit 2010 einen kleinen Eisladen in Butare im Süden Ruandas führt, ist eine Erfolgsgeschichte ehemals hoffnungsloser und nun wegweisender Frauen. Das Trommeln hat in Ruanda eine lange Tradition. Doch vor dem Genozid war es ausschließlich Männern erlaubt, dieser Tradition zu folgen. Aber die Frauen von „IngomaNsyha“ trommelten sich durch, die heute 9 | 32
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knapp 100 Mitglieder verdienen nun durch ihre Auftritte ein wenig zu ihrem täglichen Verdienst dazu. Ebenfalls im Konzept ihres Eisladens ist der starke Zusammenhalt von Frauen in Ruanda deutlich erkennbar. Der gesamte Geschäftsbetrieb wird von Frauen aufrechterhalten. Zudem werden einheimische Bäuerinnen besonders unterstützt, weil das Eis aus von ihnen produzierten lokalen Zutaten hergestellt wird. Täglich genießen Student_innen, Tourist_innen und andere Gäste das Eis in dem kleinen Café „inzozi nziza“ (schöner Traum) nahe der National University. Und auch das ist ein Ziel der Gründerinnen: „Unser Eisladen ist nicht nur für unseren Lebensunterhalt da, sondern wir wollen durch das leckere Eis auch für Freude und Glück in Ruanda sorgen.“ Agnès Gyr-Ukunda, die während der Jahre der vermehrten ruandischen Konflikte in der Schweiz gelebt hat, ist eine der erfolgreichen Frauen, die sich für die Erhaltung und Entwicklung der Kultur ihres Heimatlandes einsetzen. Sie hat bereits 1995 den bis heute einzigen Kinderbuchverlag Ruandas gegründet. Mit ihrem Verlag „Edition Bakame“ publizierte sie bereits zahlreiche Bücher auf Kinyarwanda. Der Name des Verlags kommt von dem Hasen „Bakame“, welcher auch in vielen von ihr publizierten Geschichten vorkommt. Um die Bücher möglichst vielen Ruander_innen zugänglich zu machen, arbeitet Agnès mit dem Verein „Bücher für Ruanda“ in der Schweiz zusammen und schafft es so, die Preise für die Bücher in Ruanda möglichst gering zu halten (meist weniger als 1 €). Zusammen mit dem Verein konnte Agnès vielen Schulen in Ruanda Bücher aus ihrem
Verlag spenden. Agnès möchte vor allem die früher per Erzählungen weitergegebenen Geschichten und damit ein Stück ruandischer Kultur erhalten und gleichzeitig Ruander_innen und vor allem die ruandische Jugend zum Schreiben und Lesen motivieren. Für sie ist es schön zu sehen, dass es inzwischen vermehrt ruandische Autorinnen gibt. Immer mehr Frauen schreiben sowohl für Zeitungen als auch eigene Bücher, welche meist vom Genozid handeln. So z. B. schreibt Esther Mujawayo in „Ein Leben mehr“ darüber, wie sie den Genozid überlebte, über die Zeit vor und nach dem Genozid, über den Wiederaufbau und den Umgang mit den Traumata. Esther ist selbst Therapeutin und hat AVEGA (Association des Veuves du Genocide d‘Avril) gegründet, eine Assoziation zur Unterstützung der Witwen in Ruanda. Der seit 2000 amtierende Präsident Paul Kagame (ehemaliger Anführer der Befreiertruppen 1994) setzt sich seit jeher für die Frauen ein. Er sorgte schnell dafür, dass Mädchen zur Schule gehen und vor allem, dass die Schulen eine Mindestprozentzahl an Mädchen aufnehmen müssen. Auch auf den meisten Arbeitsstellen sollen mindestens 30% der Angestellten weiblich sein. Seither gibt es zahlreiche Berufe, die in Ruanda eindeutig von Frauen dominiert werden. So gibt es mehr Lehrerinnen als Lehrer und mit Abstand mehr weibliche Krankenschwestern. Diese kämpfen noch heute oft mit den Folgen des Genozids. Etwa 2.000 Frauen (laut AVEGA) wurden während der drei Monate des Genozids 1994 vergewaltigt und von diesen ca. 80% mit dem HIV Virus infiziert, meist absichtlich. Zahlreiche Krankenschwestern und Therapeutinnen kümmern sich um diese Frauen, versorgen sie mit Medikamenten oder bieten Therapien und Selbsthilfegruppen an. Seit einigen Jahren sind die Medikamente für HIV positive Menschen in Ruanda kostenlos. Weitere Krankenschwestern und Ärzte kümmern sich um die Kinder, die infiziert sind oder unter der Krankheit der Mutter leiden. Die Frauen wurden von ihren Familien verstoßen oder sind zu schwach zum Arbeiten, viele ihrer Kinder sind mangelernährt. Doch auch diese Frauen kämpfen weiter. So gibt es z. B. im Gesundheitszen10 | 32
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trum Kabgayi zwei Frauengruppen von HIV positiven Müttern mit ihren Kindern, die sich regelmäßig treffen. Um Lebensmittel abzuholen, sich zu unterhalten, ihre Kinder zusammenspielen zu lassen und um größere Feste wie Weihnachten und Ostern gemeinsam zu feiern. Viele der Frauen sind befreundet, helfen sich regelmäßig und unterstützen sich gegenseitig um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Eine der Krankenschwestern des Krankenhauses Kabgayi kündigte ihre Arbeit vor einigen Jahren und eröffnete ein Zentrum für geistig und körperlich behinderte Kinder. In diesem Zentrum haben zurzeit knapp 200 Kinder ein Zuhause und können in die, dem Zentrum angegliederte Schule gehen.
Ein weiterer Bereich, in dem die Mädchen Ruandas gefördert werden, ist der Sport, vor allem im Fußball, aber auch Volleyball und anderen Sportarten. Besonders gute Sportlerinnen bekommen Stipendien für die Oberschule oder Universität. So kam es, dass Joselyne Mukantangire aus dem kleinen Dorf Byimana nun die Oberschule besucht, obwohl ihre Eltern das Schulgeld nicht hätten aufbringen können. Ihr Fußballmädchenteam spielt regelmäßig gegen Mannschaften aus den Nachbarländern wie z. B. Burundi und Tansania. Der Höhepunkt war bis jetzt eine Reise in die USA 2013 mit zahlreichen Spielen gegen Teams vor Ort. Ohne ihr Talent im Fußball hätten Joselyne und viele ihrer Mannschaftskameradinnen keine Chance, die Oberschule zu besuchen.
All diese Beispiele zeigen, dass die Entwicklung des „Landes der tausend Hügel“ im Herzen Afrikas vor allem mit viel Herzblut unzähliger Powerfrauen vorangetrieben wird. Der Wiederaufbau, die Erziehung der Kinder, sogar die Aufnahme der zahlreichen Waisenkinder nach dem Genozid, die Unterstützung der inhaftierten Männer und verwitweter Frauen, all dies hätte nicht so rasant zu einem so positiven Ergebnis nur 20 Jahre nach dem Völkermord führen können, wenn Ruanda nicht auf seine Frauen zählen könnte. Um dem Ganzen auch international Nachdruck zu verleihen, war Ruanda weltweit das erste Land mit einem höheren Frauen- als Männeranteil im Parlament, nach den Neuwahlen 2013 steigerte sich der Anteil der Frauen weiter auf 56 %. Und auch im alltäglichen und öffentlichen Leben erkennt jeder Tourist schnell, dass hier ebenfalls viele Frauen wichtige Arbeiten und Führungspositionen übernehmen. So gibt es z. B. zahlreiche Schul-, Krankenhaus-, Gefängnisdirektorinnen, Ladenbesitzerinnen, Polizistinnen und Firmeninhaberinnen. Und trotzdem bleiben einige Zweifel. Die Frauen in Führungspositionen und mit Erfolgsgeschichten wurden gefördert, die Frauen in Kooperationen ergriffen die große Chance sich zu vereinen und somit als eine Frauengruppe voran zu gehen. Die hart arbeitenden Frauen, die allerdings noch heute einem traditionellen Frauenbild unterliegen und ihrem Mann zu folgen haben oder die Mädchen, die abends nicht ausgehen dürfen, weil es der Vater verbietet, all die profitieren nicht vom Ruf des weltweit emanzipiertesten Landes Ruanda. Doch auch sie sind Powerfrauen. Versteckte Powerfrauen, die am Ende unseres Artikels gewürdigt werden sollen, denn letztlich kann keiner ihrer Männer und Väter ohne sie und ihre Arbeit überleben. Die Abhängigen sind also doch die Männer und die Stärkeren die Frauen. Janinka Lutze, 2009/10 mit weltwärts in Ruanda, GIZ Louisa Esther Glatthaar, 2013/14 mit weltwärts in Ruanda, artefact
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Elisabeth wurde in Ruanda als ältestes von vier Kindern geboren. Während des Völkermords 1994 zwangen die Umstände die Familie das Land zu verlassen. Ihrem Vater, der zu dem Zeitpunkt Stipendiat in Deutschland war, gelang es seine Frau und die Kinder zu sich zu holen. Sieben Jahre ihrer Kindheit hatte Elisabeth in Ruanda verbracht und musste sich nun in Deutschland neu einleben. Sie fand hier eine zweite Heimat und sah es als eine Chance, da sie und ihre Geschwister sich so fern von Gewalt und Angst auf ihre Bildung konzentrieren konnten. Doch das Leben in Deutschland war nicht immer leicht. Sie vermisste Ruanda und ihre große Familie, ebenso Menschen, die ihre Sprache Kinyarwanda sprachen und ihre Kultur verstanden. So suchte sie oft in vielen Dingen etwas Ruandisches und versuchte eine Verbindung zu ihrem Heimatland aufrecht zu erhalten, wenngleich sie sich mit dem negativen Bild, das damals von ihrem Heimatland verbreitet war, kaum identifizieren konnte. In einem Text schreibt sie: „Als ich noch ein Teenager war, war die Hip-Hop Szene fast ausschließlich amerikanisch geprägt. Ich wünschte mir auch ruandische Sänger und Rapper. Ich wünschte mir eine junge und dynamische Identität, die nichts mit Diskriminierung und gesellschaftlicher Teilung zu tun hatte.“
Ja n in k a L u tz e
E li s a b e th Kaneza
Lange Zeit traute sich Elisabeth nicht zurück nach Ruanda, zu frisch waren die bedrückenden Erinnerungen. Sie fühlte sich weder vollkommen ruandisch, noch deutsch und stellte sich viele Fragen zu ihrer Identität. Als sie dann doch zum ersten Mal zurück nach Ruanda flog, war sie sehr positiv überrascht. Vieles war für sie noch fremd und ungewohnt. Es waren viele Jahre vergangen, seit sie Ruanda verlassen hatte und das Land hatte einen Bürgerkrieg und Völkermord hinter sich. Doch sie war beeindruckt von dem, was sie vorfand: von der Entwicklung des Landes, dem Willen der Menschen zum Wiederaufbau und Weitermachen, den Familien und Kindern, die sich um die zahlreichen Waisenkinder kümmerten und vor allem von der Dynamik, insbesondere der Frauen und jungen Generation. Von ihrem Besuch berichtet sie: „Diese Bilder gaben mir den Glauben, dass junge Menschen viel für ein besseres Ruanda beitragen können. Und was mich besonders freute, war mitzuerleben, wie die Musik und Kulturszene in Ruanda 12 | 32
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wieder lebendig wurde.“ Begeistert von dem, was sie sah und miterlebte, von der Hoffnung und der Kraft der Ruander_innen, ging sie zurück nach Deutschland. Dort gründete sie mit einigen Freunden die Ruanda Connection, deren Vorsitzende sie heute ist. Die meisten Mitglieder der Ruanda Connection sind ebenfalls Ruanderinnen und Ruander, die in Deutschland leben, hier aufgewachsen oder geboren sind. Ruanda Connection soll als ein deutschruandisches Jugendnetzwerk wirken und für die Verbindung zu Ruanda sorgen. Gemeinsam haben die Mitglieder schon viele Veranstaltungen organisiert. Von Austauschtreffen bis hin zu Informationsveranstaltungen und Workshops oder Vorträgen. Auch außerhalb der Ruanda Connection ist Elisabeth sehr engagiert und hält Vorträge, beteiligt sich bei Öffentlich keitsveranstaltungen, gibt Interviews oder schreibt Artikel. So gab es schon mehrere Veröffentlichungen über ihr Leben als Migrantin, ihr Engagement für Ruanda und die Integration von jungen Menschen oder über ihr Leben als Afrikanerin in Deutschland. Elisabeth machte ihr Abitur in Aachen, studierte in Maastricht „European Studies“ und absolvierte anschießend ihren Master in „Intercultural Conflict Management“ in Berlin. Seit 2010 arbeitet sie als Pressereferentin sowie Administrative Assistentin in der Ruandischen Botschaft in Berlin. Durch ihre Arbeit ist sie viel unterwegs, auf Presseveranstaltungen, Messen (z. B. der ITB – Internationale Tourismus-Börse) oder bei Sitzungen und Tagungen. Eine ihrer Hauptaufgaben ist es Informationen über die wirtschaftliche Lage, die Entwicklung und die politische Situation in Ruanda zu veröffentlichen und mit den Ruander_innen in Deutschland zu kommunizieren. Durch ihr Talent als Sprecherin wird sie bei öffentlichen Veranstaltungen gerne als Moderatorin gewählt und nimmt an vielen öffentlichen Gesprächen, z. B. zu Themen mit Bezug zu Afrika, Ruanda, Migration und Integration, Rassismus und Jugend teil. Ihre offene und humorvolle Art sorgt bei solchen Themen für Aufmerksamkeit bei den Zuhörer_innen, ohne sie zu deprimieren und ihnen gleichzeitig doch den Ernst der Situation und die Notwendigkeit zum Handeln beizubringen. 13 | 32
Eine andere Leidenschaft ist das Schreiben. Sie schreibt regelmäßig in einem Blog – über Bildung in Entwicklungsländern, Mädchenförderung, Umgang mit Konflikten und berichtet über wichtige Ereignisse in Bezug auf Ruanda. Jeden Sonntag schreibt sie bei Facebook eine „sunday message“ mit Zitaten und Gedanken, die einen oft kurz innehalten und nachdenken lassen. Schöne Zitate zum Leben und zu positiven Lebenseinstellungen, aber auch zu Problemen in der Gesellschaft. Neben der Ruanda Connection hat Elisabeth Kaneza 2013 gemeinsam mit einigen Freunden die „Kaneza Initiative“ gegründet. Diese bietet eine Plattform für den interkulturellen Austausch und soll vor allem jungen Menschen mit Migrationshintergrund helfen, ihre Ziele zu verwirklichen. Diese haben leider noch immer oft Probleme mit Diskriminierung und Benachteiligung in Bildungseinrichtungen und auf dem Arbeitsmarkt. Die zu überwinden, möchte die Kaneza Initiative durch Mentoren-Schulungen, Trainingsworkshops und Beratungen helfen. Elisabeth Kaneza, eine sehr engagierte und starke junge Frau, wird sich auch in Zukunft weiterhin für Ruanda und junge Menschen in Deutschland einsetzen und mit vielen Beiträgen zum internationalen Verständnis beitragen. Janinka Lutze, 2009/10 mit weltwärts in Ruanda, GIZ
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www.ruandaconnection.com www.kaneza.org
Ir in a H o lv e
C a ro li n e A c h ie n g O d e ra
Mein Name ist Irina Holve und ich bin seit August 2013 Freiwillige der Organisation Solivol in Kisumu, bei der Partnerorganisation Ecofinder Kenya, welche sich dem sozialen und interaktiven Naturschutz verschrieben hat. Caroline Achieng Odera ist meine Chefin. Als das Projekt globalista mich einlud, für dieses Ebook zu schreiben, stand für mich außer Frage, dass Caroline die Frau für meinen Beitrag ist.
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Zunächst möchte ich einen allgemeinen Überblick über die Rolle und Situation der Frauen in Kenia geben, um dann Carolines Geschichte zu erzählen. Seit Beginn des patriarchalischen Systems in Ostafrika wurden Frauen in Kenia systematisch benachteiligt und ausgenutzt, wobei sie zeitgleich den wichtigsten wirtschaftlichen Faktor ausmachten. Die Frauen sind das Zentrum, das jede Familie und Gemeinschaft zusammenhält. Ein Beispiel für ihre Bedeutung ist die Landwirtschaft, welche in Kenia 80 % der Arbeitsplätze und 60 % des Landeseinkommens ausmacht. Diese Arbeit wird zum größten Teil von Frauen ausgeführt, die so gut wie keinen Anteil an den Erträgen erhalten, da sie auf dem Land ihrer Männer arbeiten und somit kein Anrecht auf deren Einkünfte haben. Selbst wenn die Männer sterben, geht das Land nicht an die (erste) Frau, sondern an die Familie des Verstorbenen. Allerdings besitzt nicht jeder Mann Land, so dass viele Frauen im informellen Sektor arbeiten müssen, um Geld zu verdienen. Dies ist jedoch nicht rentabel und beinahe all diese Familien sind extrem arm.1 Einen Ausweg aus diesem Teufelskreis gibt es sehr selten, denn nur ca. 48% aller Mädchen in Kenia erhalten eine Bildung, welche über den Grundschullevel hinausgeht. Diese Tatsache macht es den meisten Frauen, vor allem denen in ländlichen Regionen, fast unmöglich sich in einem Beruf auszubilden und sich so unabhängig von ihren Männern zu machen, statt im primären oder informellen Sektor zu arbeiten. Da ein Beruf auch mit höherem Einkommen verbunden wäre, könnte wiederum die Ausbildung der meist zahlreichen Kinder finanziert werden. Da diese Möglichkeit aber kaum zugänglich ist, sind die meisten Frauen und somit ihre Kinder in diesem (Bildungs-)Armuts-Teufelskreis gefangen.
1 http://www.fsdinternational.org/country/kenya/weissues
An dieser Stelle kommt meine Chefin Caroline ins Spiel, denn sie ist unter genau diesen Bedingungen aufgewachsen. „Mein Name ist Caroline Odera, ich bin eine 28-jährige Kenianerin aus Kisumu County. Ich bin die Älteste von fünf Kindern und in einer informellen Siedlung in Kisumu City, Kenia aufgewachsen. Zudem bin ich Mutter eines sieben Jahre alten Jungen. In einer solchen Region und in extremer Armut aufzuwachsen, war gleichzusetzen mit vielen Schwierigkeiten: Mangel an Geld für die Schulgebühren, unzulängliche Wohnbedingungen sowie schlechte sanitäre Einrichtungen, keinen Anschluss ans Stromnetz, Krankheit, Nahrungsmittelknappheit und keine Vorbilder um mich zu haben, sondern im Gegensatz sogar Familienmitglieder, die versuchten mich auszunutzen und zu unmoralischen Handlungen zu treiben. Zum heutigen Zeitpunkt lebe ich mit meiner verwitweten Mutter, meinen Geschwistern und meinem Sohn zusammen. Meiner Mutter war es nicht möglich uns alle zu versorgen, da sie nur einen kleinen Road-Side Shop besaß. Also beschloss ich nach meinem High School Abschluss allerlei Jobs anzunehmen, um ihr zu helfen. Während meiner Schulzeit war ich Mitglied eines Wildlife Clubs und entdeckte so meine Faszination für die Natur. Ich bemühte mich, neben meinen Jobs zahlreichen Volunteer Youth Groups beizutreten, um meine Begeisterung für Mutter Natur weiter zu nähren. Diese Gruppen und die dadurch erlangten Fähigkeiten ermöglichten es mir
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mich an einigen kleineren Projekten in meiner Umgebung zu beteiligen, Kontakte zu knüpfen und so einige Stipendien zu erhalten. Durch harte Arbeit und ein straffes Zeitmanagement gelang es mir, meine Fähigkeiten auszubauen und zeitgleich meine Mutter beim Begleichen der Schulgebühren und dem Kauf von Lebensmitteln zu unterstützen. Ich schaffte es sogar, noch etwas Geld für meine Studiengebühren zur Seite zu legen. Es war nicht immer einfach. Zwei Jahre in Folge konnten meine jüngeren Geschwister nicht zur Schule gehen, da wir die Gebühren für den Schulbesuch schlichtweg nicht aufbringen konnten. Aber ich habe es geschafft: Meine Geschwister konnten inzwischen ihren Schulabschluss machen und ich meinen Universitätsabschluss, so dass ich nun mein Diplom für Business habe und gerade meinen Bachelor für Business Administration abschließen konnte. Unter anderem hatte ich die Gelegenheit in Amerika zu studieren und dort für Earth Corps in Seattle und an der Ferry Beach Ecology School in Portland zu arbeiten. Dieser Weg war lang, vielseitig und mit harter Arbeit verbunden. Jetzt arbeite ich bei Ecofinder Kenya als Volunteer Program Manager und habe mit Irina ein neues Projekt mit dem Namen „Smokeless Homes“ gegründet, das Frauengruppen in den ländlichen Regionen Kenias durch das Verleihen von Solarlampen finanzielle Unabhängigkeit und eine (Feuer-) rauchfreie Umgebung ermöglicht.“
Caroline ist für mich eine Quelle von Inspiration geworden. Wenn man ihr zum ersten Mal begegnet, merkt man zunächst nicht, was alles in dieser Frau steckt. Sie ist sehr bescheiden, weiß sich diplomatisch zu verhalten, aber seitdem ich nun schon acht Monate mit ihr arbeiten darf, habe ich einen Einblick in ihre Welt erhalten und schäme mich fast ein wenig für meine. Ich habe es noch nie erlebt, dass sie sich beklagt oder durch Mitleid versucht etwas zu erlangen, was sie auch durch Arbeit bekommen könnte. Wenn ihr Sohn Ferien hat, nimmt sie ihn mit zur Arbeit. Während der Woche passt ihre Mutter nach der Schule auf den Jungen auf, da Caroline um acht Uhr morgens ins Office fährt, nach 17:00 weiter in der Universität am Unterricht teilnimmt und anschließend um acht Uhr zu Abendklassen in andere Hochschulen geht. Wenn ich dieses Maß an Disziplin und Ehrgeiz mit meiner „ausschlafenist-auch-ganz-schön“-Mentalität vergleiche, schäme ich mich ein wenig. Der gravierende Unterschied zwischen uns ist, dass sie sich jeden kleinen Schritt auf ihrem Weg hart erkämpfen, sich gegen soziale Konventionen und Frauenfeindlichkeit behaupten musste und die Anstrengung meistert, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Mir wurden allerlei Annehmlichkeiten in die Wiege gelegt, die nicht mein eigener Verdienst sind. Wenn ich eines während meines Jahres in Kenia gelernt habe, dann dieses: Dankbarkeit zu empfinden und Gegebenes zu hinterfragen. Caroline ist nicht nur für mich ein Vorbild geworden. Ich sehe, dass sie es auch für viele Frauen unserer Frauengruppen ist. Sie eröffnet eine neue Perspektive: Eine Frau kann unabhängig und selbstständig sein und großes erreichen. Passend ist auch Carolines Antwort, als ich sie fragte, was denn für sie eine „Powerfrau“ sei: “A power woman is determined to do something that others are determined not to be done. “ Irina Holve, 2013/14 mit weltwärts in Kenia, artefact
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Mamma Afreeka Welfare Association in Kenia ist eine Frauengruppe im Mathare Slum und hat Landprojekte in Kinangop seit 2011 und seit 2013 auf Lamu. Unser Motto ist `Raus aus dem Slum – zurück aufs Land!´ Durch Spenden ermöglichen wir Frauen in erster Linie Zugang zu eigenem Land, organisieren Patenschaften für die fundierte Ausbildung der Kinder und mit Solartechnologien (Lampen, Kocher) für die Familien treten wir für Umwelt und Gesundheit ein! Unsere Projektseiten bei der Spendenplattform Betterplace: https://www.betterplace.org/de/projects/16536 https://www.betterplace.org/de/projects/16537 Facebook: https://www.facebook.com/pages/Mama-Afreeka-RepatriationInitiative/138816966201941 PDF-Flyer zum Download: http://mamma-afreeka.org/
Ja n in k a L u tz e
P e tr o n il la M u k a z in e Petronilla ist seit vielen Jahren Krankenschwester im Krankenhaus Kabgayi im Distrikt Muhanga in Ruanda. Dort arbeitet sie hauptsächlich in der Pädiatrie, hilft aber auch auf anderen Stationen. Ihre kleinen Patient_innen fassen oft schnell Vertrauen zu ihr und lassen sich gern von ihr aufmuntern. Auch die Eltern der Patient_innen vertrauen ihr, denn sie ist oft die erste Ansprechpartnerin, falls Eltern Probleme oder Sorgen haben. Aber nicht nur bei den Patient_innen und Eltern ist sie beliebt, auch ihre Kolleginnen arbeiten gern mit Petronilla zusammen, treffen sich im Schwesternzimmer oder nach der Arbeit mit ihr.
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Viele der zu behandelnden Kinder hat Petronilla in ihr Herz geschlossen, vor allem Fälle, die mehrmonatige Aufenthalte im Krankenhaus zur Folge hatten oder chronisch Kranke, die regelmäßig wiederkommen. Es macht sie oft traurig zu sehen, wie einige Kinder mit ihren Krankheiten kämpfen, deswegen nicht zur Schule können oder alle paar Monate mit starker Mangelernährung in das Krankenhaus Kabgayi zurückkommen. Florent und Eric, zwei an Diabetes leidende Jungen haben mehrere Jahre im Krankenhaus bei Petronilla in der Pädiatrie gelebt, da sie Waisenkinder waren. Petronilla hat sie aufwachsen sehen, jeden Tag bei ihnen die Visite gemacht, den Blutzucker gemessen und sie gegen andere Krankheiten behandelt, da sie durch den Diabetes und die Fehlernährung geschwächt und anfällig für weitere Krankheiten waren. Eric starb 2010 und Florent 2012. Beide im Alter von 19 Jahren. Petronilla organisierte ihre Beerdigungen und übernahm sogar einen Großteil der angefallenen Kosten. Wenn sie Zeit findet, besucht sie ihre Gräber. Ein weiteres Grab besucht sie jeden Tag: das ihres Mannes Emmanuel. Sie heiratete ihn 1990 und 1991 kam ihre Tochter Raissa zur Welt. Bis 2001 folgten drei Jungen: Fabrice, Baruchi und Christian. Eines Tages im Jahr 2008 wurde sie von einer Freundin nach Hause gerufen, da es Emmanuel nicht gut ging. Sie brachte ihn ins Krankenhaus, aber es war schon zu spät. Vermutlich wurde er vergiftet, von wem weiß man nicht. Sein Grab ist in der Nähe des Hauses der Familie. Petronilla wohnt seitdem allein mit ihren vier Kindern im Haus. Petronilla liebt ihre Arbeit im Krankenhaus und die Arbeit mit den Kindern. Sie freut sich über jeden Patienten, dem sie helfen kann. Und darum ist ihr die Arbeit so wichtig. Während des Bürgerkrieges 1994 verlor sie ihre
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Eltern und einen Bruder. Von den sechs verbliebenen Geschwistern haben nur sie und zwei weitere Schwestern Arbeit. Petronilla weiß, wie wichtig ihre Arbeit als Krankenschwester ist und wie bedeutend der Zugang zu medizinischer Versorgung für arme Familien ist. Schon oft hat Petronilla Kinder sterben sehen, die durch eine rechtzeitige Behandlung höchstwahrscheinlich überlebt hätten. Die Familien hatten kein Geld, um mit ihrem Kind zum Arzt zu gehen und kamen zu spät. Wenn also Patient_innen ohne Krankenversicherung und mit nicht ausreichenden finanziellen Mitteln für die Untersuchungen und Behandlungen ins Gesundheitszentrum kommen, wird zunächst Petronilla gefragt. Sie versucht dann, trotzdem eine Untersuchung zu organisieren und die Kinder im Sozialservice unter zu bringen. Trotz ihrer oft zahlreichen Patient_innen schafft sie es, sich zusätzlich Zeit für diese Fälle zu nehmen. Und nach der regulären Arbeitszeit im Krankenhaus Kabgayi kümmert sich Petronilla weiterhin um Kranke. Zusammen mit ihrer Freundin Jeanne und deren Mann hat Petronilla vor einigen Jahren ein kleines Zweizimmergesundheitszentrum in ihrem Dorf Mpanda eröffnet. Nach der Arbeit in Kabgayi läuft sie etwa 60 Minuten nach Hause, begrüßt ihre Kinder, geht einkaufen, kocht oder geht direkt ins kleine Gesundheitszentrum. Dort arbeiten sie und Jeanne abwechselnd ehrenamtlich um Patient_innen in Mpanda zu behandeln. Die Menschen wissen dieses sehr
zu schätzen, da sie nun bei kleineren Beschwerden nicht den weiten Weg nach Kabgayi auf sich nehmen müssen oder in Notfällen schon vorher versorgt werden können. Das kleine Gesundheitszentrum hat oft nur abends geöffnet, wenn die beiden Krankenschwestern in Kabgayi mit ihrer Arbeit fertig sind. Manchmal können sie aber auch schon tagsüber für ihre Patient_innen in Mpanda da sein, wenn Petronilla gerade die Nachtschicht in Kabgayi hat. Und auch sonst wissen die Bewohner_innen Mpandas, dass sie bei akuten Fällen auch nachts bei Petronilla klopfen dürfen. Trotz ihrer vielen Arbeit für die Kranken kommen Petronillas vier Kinder nicht zu kurz. Petronilla nimmt sich viel Zeit für sie. Sie essen gemeinsam, Petronilla hilft ihnen bei den Schularbeiten und sie schauen manchmal gemeinsam fern. Die Kinder sind sehr stolz auf ihre Mutter, dass sie sich so aufopferungsvoll um die Kranken kümmert und neben der Arbeit noch mehrere Stunden wöchentlich das kleine Gesundheitszentrum betreibt. Und Petronilla ist stolz auf ihre Kinder, die alle sehr fleißig in der Schule sind. Ihre Kinder sind sehr höflich und im Dorf beliebt. Raissa und Fabrice studieren bereits und Baruchi ist ein sehr guter Schüler und wird bald sein Abitur machen. Christian hat als eines von drei Kindern der Region das nationale Examen der 6. Klasse bestanden und wurde daraufhin an einem der besten ruandischen Internate angenommen. Die drei Jungen sind nur in den Schulferien zu Hause. Raissa dagegen studiert in der Nähe von Mpanda und ist somit das ganze Jahr über Zuhause. Petronilla bekommt oft Besuch, sowohl im Gesundheitszentrum als auch privat. Viele Kinder der Nachbarsfamilien kommen zu ihr. Petronilla spielt mit ihnen, spricht mit ihnen über deren Sorgen, hilft ihnen bei Problemen und teilt das Essen mit ihnen. Außerdem hat sie einen Jungen aus einer sehr armen Fami-
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lie bei sich aufgenommen. Er ist mittlerweile ein junger Mann und verdient bei ihr durch Wasser- und Holzholen, Putzen und Kochen etwas Geld. Jeden Sonntag geht Petronilla in die Kirche und besucht so oft es geht, auch die Messen während der Woche im Krankenhaus, denn auch dieses gibt den Patient_innen wieder Kraft und sie freuen sich über die gemeinsame Zeit mit ihr in der kleinen Krankenhauskapelle. Auch durch ihre Gebete möchte Petronilla den Armen und Kranken helfen. Sie ist froh, dass sie ihren Traumberuf gefunden hat und ihre Lebensaufgabe durch das kleine Gesundheitszentrum in Mpanda weiterhin verwirklichen kann. Sie liebt ihre Kinder und ist glücklich über deren Charaktere und schulischen Leistungen, die ihnen eine gute Zukunft versprechen. Und auch wenn sie ihren Mann Emmanuel sehr vermisst und es ihr oft schwerfällt, sich um ihre Familie allein zu kümmern und das Geld für die hohen Schulgebühren aufzubringen, sieht sie positiv in die Zukunft. Sie möchte noch lange als Krankenschwester arbeiten und hofft, dass, wenn sie alt ist, sich ihre Kinder um sie kümmern können und sie ihre Enkelkinder aufwachsen sieht. Janinka Lutze, 2009/10 mit weltwärts in Ruanda, GIZ
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Hier geht’s zum Beitrag „Starke Mädchen – starke Freundschaften“ von Janinka Lutze, in dem sie einige von Petronillas jungen Patientinnen vorstellt. http://www.globalista.org/uploads/media/Starke_Maedchen_ starke_Freundschaften.pdf
U rs u la M a th a n
M rs . S u m p h i Morgens um 5 Uhr im Norden Malawis. In Ekwendeni ist es noch nicht einmal hell und trotzdem reißt der Wecker sie unsanft aus dem Schlaf. Mrs. Sumphi, 43 Jahre alt, erhebt sich wie jeden Morgen schwungvoll aus den Federn, schlingt sich einen Chitenje, eines ihrer farbenfrohen Tücher, um die Hüften und beginnt sofort mit der Arbeit. Während die fünf Liter Teig mit kräftigen Armen durchgerührt werden, fallen die ersten Regentropfen. Der Teig wird später zu ca. 140 kleinen Teigbällchen, Mandasis, geformt und in Fett ausgebacken. Mit dem Spülen der Geschirrberge vom Vortag nimmt der Regen zu und schließlich prasselt es so laut auf das Wellblech, dass man kaum noch sein eigenes Wort versteht. Von Mr. Sumphi ist noch nichts zu sehen. Alle fünf Kinder sind bereits ausgezogen, um zu arbeiten oder wohnen während der Schulzeit in einem Internat und kommen nur in den Ferien vorbei, unter anderem um ihrer Mutter unter die Arme zu greifen. Nur Flywell, ihr Neffe, elf Jahre alt, wohnt im Haus, seitdem seine Mutter nach Südafrika ausgewandert ist, um eine bessere Arbeit zu finden. Inzwischen ist das Feuer im Gang, frisst sich immer bestimmter durch die noch feuchten Äste. Die Rauchschwaden vermischen sich draußen mit der frischen Regenluft. Um halb 7 wird dann der Maisbrei „Sima“ zubereitet. Mrs. Sumphi selbst isst mittags nichts, was ihr jedoch nicht die Arbeit des Vorbereitens abnimmt, denn ihre Kultur schreibt ihr als Frau diese Aufgabe zu.
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Seit ihrem 15. Lebensjahr lebt sie in der Ehe mit Mr. Sumphi, seit ihr erster Sohn geboren wurde und somit ihr Wunsch die Secondary School zu besuchen, wie eine Seifenblase zerplatzte. Zwei Jahre später starb ihre Mutter und sie zog bei ihren Schwiegereltern ein, fügte sich in ihr Leben, das sie sich doch ganz anders vorgestellt hatte. Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden. Oder Lehrerin. Jetzt betreibt sie schon seit über 20 Jahren einen kleinen Shop am Markt, wo man von ihren allseits bekannten Mandasis über Seife, Salz und Süßigkeiten bis hin zu Schmerzmitteln so ziemlich alles finden kann. Stammkund_innen kommen vorbei, es wird gequatscht, jeder wird freundlich begrüßt, mit ihrem Bruder teilt sie sich ein paar Scheiben Brot mit Margarine und einen Tee dazu. Mrs. Sumphi, wie jeden Tag schick gemacht, scheint alle Dinge gern zu teilen. Die Zeit läuft, das Geschäft kommt dagegen nur schleppend in Gang, ab und zu kommen ein paar Kund_innen, kaufen einige ihrer guten Mandasis. Wenn sie alle an einem Tag verkauft, nimmt sie circa 2600 malawische Kwacha ein, das sind umgerechnet ein bisschen mehr als drei Euro. An den restlichen Produkten in ihrem Tante-Emma-Lädchen ist leider niemand so richtig interessiert. Kein Wunder, wenn man das Angebot der benachbarten Shops betrachtet. Diversität scheint keine Verkaufsstrategie zu sein, alle haben ein ähnliches Angebot. Grund dafür ist natürlich nicht zuletzt die Nachfrage der Käufer_innen. Also wird noch ein Mandasi zu den bereits bezahlten in die Tüte geschmuggelt, als „Price“, um die Kund_innen zu umwerben. Trotz des ähnlichen Angebots ist von Konkurrenzkampf keine Spur, die Nachbar_innen besuchen sich gegenseitig, passen mal auf den Shop des/der Anderen auf oder spielen eine Runde Bao gegeneinander, ein Brettspiel bestückt mit kleinen Samen oder Murmeln. 21 | 32
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Mittags, 12 Uhr, wird heute ausnahmsweise doch zu Mittag gegessen. Eine Freundin hat etwas vorbei gebracht: Sima, Maisbrei, zusammen mit gebratenem Ei in Tomatensoße und gekochten Kürbisblättern. Der Nachmittag verläuft dann ähnlich ruhig. Um 15 Uhr wird der Verkaufsstand vertrauensvoll der Obhut der Nachbar_innen zurückgelassen, um die Chorprobe nicht zu verpassen. Mrs. Sumphi ist sehr aktiv mit ihren Freund_innen im Kirchenchor. Wenn sie nach einer anstrengenden Probe zu ihrem Shop zurückkehrt, die Lieder noch in ihrem Kopf nachklingen, senkt sich bereits die Dunkelheit auf Ekwendeni herab und überall leuchten Lichter auf, wie Katzenaugen in der Schwärze. Wo es keinen Strom gibt, werden Kerzen auf die Tresen gestellt und die Glut der Chipsverkäufer_innen leuchtet mit dem aufgehenden Mond um die Wette. Mrs. Sumphi macht sich auf den Heimweg. Falls das Mehl am Morgen aufgebraucht wurde, wird ein neuer 10-KiloSack gekauft und in der nun leeren Mandasi-Box auf dem Kopf nach Hause transportiert. Dort angekommen, wird sich nicht hingesetzt und ausgeruht. Auch das Essen steht nicht bereits dampfend auf dem Tisch. Unsere Powerfrau sitzt gleich wieder am Feuer, um das Abendessen vorzubereiten. Nach dem Essen auf dem Sofa fallen ihr immer wieder die Augen zu und um 9 Uhr rafft sie sich noch ein letztes Mal auf, um ins Bett zu wanken und noch genug Schlaf zu finden, bevor es am nächsten Tag wieder auf ein Neues losgeht. Mit voller Power – eine Frau, an der sich jede/r ein Beispiel nehmen kann. Ursula Mathan, 2013/14 mit weltwärts in Malawi, Kolping Jugendgemeinschaftsdienste
L e a n d ra H a u p t
M a ri e
Es ist 6 Uhr morgens. Mit einem Brummen springt der Boiler im Badezimmer an. Im Halbschlaf sehe ich Marie an meiner angelehnten Zimmertür vorbei huschen. Sie ist bemüht, leise zu sein und niemanden zu wecken. Noch viel zu müde schließe ich die Augen wieder und gleite ab in einen sachten Halbschlaf, bis ich einige Augenblicke später von lautem Kindergeschrei geweckt werde. Es ist zweifellos Jenny, die kleine Tochter der Familie. Kein Morgen verläuft ohne ihre lauten Proteste und großes Gezeter. Sie wird gekämmt, angezogen und bekommt eine aufwendige Frisur für ihr langes Haar. Marie, die Mixtekin*, etwa 40 Jahre alt, hat das abgelegene Dorf in den Bergen der mexikanischen Sierra nie verlassen. Jeden Morgen kommt sie pünktlich um 6 Uhr zum Haus der Bürgermeisterfamilie, bei der ich wohne. Sie stellt den Boiler im Bad an, damit Jenny und wir anderen eine warme Dusche nehmen können. Sie bereitet ein warmes Frühstück für sieben Personen vor und macht liebevolle Pausenbrote für die fünf Kinder fertig. Sobald alle bei der Arbeit oder in der Schule sind, fängt die richtige Hausarbeit erst an. Putzen, kochen, einkaufen, Wäsche waschen, spülen und aufräumen. Jeden Tag. Sieben Tage die Woche. Ein ganzes Leben. Ob sie Mann und Kinder hätte, fragte ich sie einst. Sie verneinte. Sie hätte keine Zeit dafür, da sie ja bei dem Herrn Bürgermeister arbeitete. Ob sie irgendwann etwas anderes tun wolle, fragte ich sie. Sie könne weder lesen
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noch schreiben, entgegnete sie. Ein paarmal setzen wir uns zusammen und ich versuchte, ihr das Alphabet beizubringen. Aber stets kam ihr eine zu erledigende Aufgabe dazwischen und wir mussten die Übung abbrechen. Die nächsten Male bemerkte sie gleich, es würde keinen Sinn machen. Klingt nach einer traurigen Geschichte?! Aber nein! Ich habe selten solch eine starke Frau getroffen. Sie hat ihr Schicksal akzeptiert. Sich damit arrangiert. Nie resigniert. Sie lächelte am Morgen über die ewig zeternde Jenny. Sie sang bei der Vorbereitung des Frühstücks. Sie lachte mit uns über Späße. Sie nahm uns in den Arm, wenn wir traurig waren. Sie war, ohne es zu wissen der Kern der Familie ohne eine Familie zu haben. Sie hatte Kinder, ohne welche geboren zu haben. Sie lebte mit uns, unter uns und ohne es zu wollen, brachte sie das Leben ins Haus. Ein Haus, das dem Stillstand entgegenblicken würde ohne Marie. * Die Mixteken oder Mixteca (abgeleitet aus der aztekischen Sprache Nahuatl von Mixtecapan – Leute aus dem Wolkenland oder Mixtecatl - Wolkenvolk) sind ein altes mexikanisches Indianervolk, das den mexikanischen Bundesstaat Oaxaca besiedelte.
Leandra Haupt, 2008/09 mit weltwärts in Mexiko, ijgd
Z o ra L u h n a u
A n n e t Ik im a A s e ri
Annet wurde als viertes von zehn Kindern des Lehrerpaares Elilu Nathan und Abito Martha am 17.05.1969 in Amuria (im Osten Ugandas) geboren. 1981 kam sie nach Soroti, wo sie mit ihrem Ehemann Michael Eteng zusammenlebt. Die beiden haben drei gemeinsame Kinder. Karen (22), Walter (24) und Nathan alias „JoJo“ (20) sind aber bereits ausgezogen und studieren in der Hauptstadt Kampala oder der nahen Universitätsstadt Mukono. Nach ihrem A-Level (vergleichbar mit dem deutschen Abitur) besuchte Annet das Soroti Primary Teachers College, an dem sie zum Primaryteacher (Schullehrer_in für Klasse 1–7) ausgebildet wurde. Annet arbeitete 12 Jahre als Lehrerin, seit 2007 ist sie aber stolze Inhaberin eines kleinen Ladens für Babykleidung, Schmuck und andere Handarbeiten.
Annet ist für mich hier so etwas wie eine Ersatzmutter geworden, sie stellte sich direkt als „Toto“ (Ateso, regionale Sprache für Mutter/Mama) Annet vor und so heißt sie bis heute bei mir. Von Beginn an nahm sie mich und meine Mitfreiwillige unter ihre Fittiche und verwöhnt uns, wo es nur geht. Toto Annet ist eine sehr außergewöhnliche Frau, selten habe ich jemanden kennengelernt, der so selbstlos und herzlich ist. Meistens trifft man sie mit Handarbeiten beschäftigt in ihrem kleinen Laden im Herzen Sorotis, einer Distrikthauptstadt im Osten Ugandas. Sie näht, häkelt, strickt, stellt Schmuck aus Papier- und Stoffresten her, macht Taschen aus Zuckersäcken, verziert diese mit Webmustern, kann Körbe flechten, zeichnen und sticken. Kreativität ist eine ihrer großen Stärken. Immer ist etwas los in ihrem fast 20qm-großen Shop, ständig kommen Menschen herein, grüßen, lachen, lassen sich etwas beibringen oder fragen um Rat. Vor allen Dingen Rose Maraka und Diana Okello, Toto Annets beste Freundinnen halten sich oft bei ihr auf, klatschen über den neuesten Tratsch oder kümmern sich um die Organisation der Gruppen der Mother‘s Union*. Seit drei Jahren engagiert sich Toto Annet * Ein Verband, in dem sich Müttergruppen organisieren, die zur Verbesserung des gesellschaftlichen Ansehens von Frauen beitragen sollen und den Mitgliedern die Möglichkeit eines eigenen Einkommens durch den Verkauf von Backwaren oder selbst hergestelltem Schmuck und anderen Handarbeiten bieten soll.
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ehrenamtlich als aktives Mitglied und nimmt auch die Rolle einer Trainerin für Backen und Handarbeiten ein, dekoriert die Kirche für Hochzeiten und fertigt Hochzeitskuchen. Zurzeit ist der Antrag die sieben Gruppen rund um Soroti als CBO (Community Based Organisation) einzutragen, das Thema Nr. 1. Dazu muss eine Art Unternehmenscharta mitsamt Philosophie, Zielen, Schwerpunkten und Organisationsstruktur aufgestellt und verfasst werden. Das bedeutet viel Arbeit, denn auch in Uganda gibt es eine große und äußerst unübersichtliche Bürokratie. Dennoch geht Toto Annet diese Dinge, genau wie all ihre anderen Aufgaben und Tätigkeiten mit viel Freude und Humor an. Selten trifft man sie nicht scherzend und lachend. Nebenbei interessiert sie sich noch für Nachhaltigkeit und damit verbunden auch pflanzliche Medizin und gesunde Lebensführung. Ihr Garten ist ein wahres Paradies, unzählige Obstbäume, Gemüsearten und Nutzpflanzen finden sich dort. Nicht nur all ihre Freunde werden reichlich mit Früchten versorgt, auch die gesamte Nachbarschaft und Bedürftigen werden beschenkt, nicht ohne eine Anleitung zum Selbstpflanzen zu bekommen, damit sie sich selbst versorgen können und gleichzeitig die Welt ein bisschen grüner machen. Öl, Zucker und Fleisch werden bei Toto Annet nur sparsam konsumiert, zum einen, da ihr Mann Diabetiker ist, zum anderen, weil ihr die schädlichen Folgen eines übermäßigen Konsums sehr bewusst sind. Grundsätzlich ist Toto Annet extrem wissbegierig und immer offen für Informationen und Ansichten aus anderen Kulturen. Sie lernt zurzeit Deutsch und schlägt sich wirklich wacker, weiß eine Menge über andere Länder, und obwohl sie noch nie außerhalb Ugandas war, fragt sie viel über meine Heimat, ohne dabei wertend zu sein und freut sich über jede Erklärung von etwas ihr Fremdem. Ich bewundere ihren Tatendrang, ihre scheinbar unerschöpfliche Lebensfreude, ihren Fleiß und ihr Organisationstalent all die verschiedenen Teile ihres Lebens unter einen Hut zu bekommen. Sie macht einen großen Teil meines Lebens hier aus, macht alles sehr viel schöner und ich bin unendlich froh, dass ich sie kennenlernen durfte. Zora Luhnau, 2013/14 mit weltwärts in Uganda, artefact
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Ein Leben für und mit den Inshuti z`Imana
Nyamata, eine kleine Stadt im Südosten Ruandas. Hier kamen 1970 die „Soeurs Hospitalières de Sainte Marthe“ an, gebeten von einem Priester zur Unterstützung in einem Gesundheitszentrum. Der Schwesternorden wurde 1459 in Frankreich gegründet und ist in Europa mittlerweile ausschließlich in der Schweiz vertreten. Die Community in Nyamata weitete sich aus und einige Jahre nach der Ankunft der ersten Schweizer Schwestern traten die ersten Ruanderinnen bei. Heute sind ein Großteil und vor allem sämtliche jüngere Schwestern aus Ruanda. Mit den ersten Schweizer Schwestern kam auch die Italienerin Antonia Locatelli nach Nyamata. Sie war eine gute Freundin der Schwestern und wohnte lange Zeit mit ihnen zusammen. Sie wurde Leiterin einer Schule und fand in Ruanda ihre zweite Heimat. Als 1992 die ersten Massaker des Bürgerkrieges stattfanden, setzte sich Antonia, die von allen nur Tonia genannt wurde, sehr für die Ruander_innen ein. Sie kämpfte für ihre Rechte und versuchte durch ausländische Medien Aufmerksamkeit in der Welt zu erreichen und Hilfe für Ruanda zu bekommen, damit ein Bürgerkrieg verhindert oder gestoppt werden konnte. Doch außerhalb Ruandas war das Interesse am Völkermord in Ruanda gering. Am 9. März 1992 wurde Tonia Locatelli in ihrem Haus in Nyamata ermordet. Vermutlich sind dafür die Befürworter des Genozids verantwortlich. Sie liegt nun, mit vielen anderen Opfern des Genozids, in der Gedenkstätte von Nyamata begraben. Eine eigene Tafel erinnert an Tonia und ihre Taten in und für Ruanda. Zurzeit leben in der Community von Nyamata fünf Nonnen. Die „Soeurs Hospitalières“ haben es sich zur Aufgabe gemacht Arme und Kranke zu pflegen. In Krankenhäusern und Gesundheitszentren machten sie die Erfahrung, dass Patient_innen mit schwer chronisch verlaufenden Krankheitsbildern kaum versorgt werden können. Auch Menschen ohne pflegende Angehörige oder in armen bzw. ländlichen Verhältnissen lebende Menschen können nicht angemessen betreut werden.
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Die „Soeurs Hospitalières“ errichteten 2012 daher ihr eigenes Zentrum für chronisch kranke Frauen und Kinder in Nyamata im Bugesera Distrikt. Bei der Eröffnung im Oktober gab es bereits acht kranke Frauen in dem Zentrum, seitdem kommen weitere hinzu und in der Zukunft soll das Zentrum noch vielen chronisch Kranken als neues Zuhause dienen. Die Schwestern wollen den bedürftigen Patientinnen wieder Hoffnung und Lebensfreude schenken. Um das Wort „Kranke“ zu umgehen, entschieden sich die Nonnen dafür, sie „Inshuti z`Imana“ (Kinyarwanda: „Freunde Gottes“) zu nennen. Zusammen führen sie ein recht eng verflochtenes Leben. Die Schwestern des Ordens widmen sich sehr den „Inshuti z`Imana“, die in einem extra Gebäude neben den Schwestern wohnen. Zusätzlich gibt es ein Koch- und Essgebäude, einen Gemüsegarten sowie etwas entfernt eine kleine Farm mit Ziegen, Hasen und Schweinen. Die meisten Schwestern des Ordens sind als Krankenschwestern ausgebildet. Die anderen helfen ihnen bei der Pflege oder erledigen andere Arbeiten. Viele der Bewohnerinnen des Zentrums leiden bis heute unter dem Trauma des Genozids. So berichtet beispielsweise Bernadette, eine der ersten Bewohnerinnen des Zentrums, von ihrem Leben während des Genozids. Sie verlor in der Zeit vier ihrer sechs Kinder. Noch heute leidet sie manchmal unter Wahnvorstellungen und sieht ihre Kinder wieder lebendig vor Augen. Die Schwestern kümmern sich um sie, hören ihr zu, geben ihr Trost und helfen ihr bei der Entwirrung ihrer Erinnerungen. Die Jüngste der Gemeinschaft ist Latifa, ein 8-jähriges Mädchen, das HIV positiv ist. Neben Latifa gibt es auch noch weitere Mädchen, von denen zwei z. B. angeborene Herzfehler haben. Eines der Mädchen ist Vollwaise und ebenfalls HIV positiv. Ein zweites hat nur noch ihren Großvater. Sie sind sehr froh über ihren Platz in Nyamata, wo sich die Mädchen ein Zimmer teilen und wissen, dass sie noch lange zusammen leben werden.
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Sie genießen die Beständigkeit, das Gefühl eines wirklichen Zuhauses und gemeinsam Teil der kleinen Gruppe in Nyamata zu sein. Den Schwestern liegt sehr viel an ihren Inshuti z´Imana. Sie sehen sie nicht nur als Patientinnen und Freunde Gottes, sondern auch als ihre eigenen Freunde an. So organisierte der Orden, dass eines der Mädchen zu einer Herzoperation in die Schweiz reisen konnte und nun von ihrem Leiden geheilt ist. Trotz Krankheit und Behinderung meistern die Bewohnerinnen des Zentrums ihr Leben sehr gut in der Gemeinschaft. Es leben jung und alt unter einem Dach. Die Aufgabenverteilung sorgt dafür, dass jede der Bewohnerinnen, die dazu fähig ist, eine feste Aufgabe im Alltag hat und gezeigt bekommt, wie wichtig ihre Rolle in der Gemeinschaft ist. Einige kochen das Essen in der Küche, andere pflegen den Gemüsegarten im Innenhof. Die Arbeit macht den meisten der Frauen Spaß. Viele Bewohnerinnen sitzen auch gerne gemeinsam in der Sonne und unterhalten sich. Eine taubstumme Bewohnerin flechtet gerne Agaseke, typische ruandische (bzw. ostafrikanische) Körbe aus Pflanzenfasern, die zur Aufbewahrung dienen und durch Färbung der Fasern in verschiedenen Mustern bis hin zu Schriften auf den Körben gestaltet werden können. Der Agaseke spielt als sogenannter Friedenskorb eine wichtige Rolle im ruandischen Friedensprozess und auf Festen, wie z.B. Hochzeiten und Taufen. Die gegenseitige Akzeptanz und Hilfsbereitschaft im Zentrum ist groß. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig, muntern sich auf, wenn eine von ihnen traurig ist. Die älteste Bewohnerin des Zentrums ist wahrscheinlich schon etwa 100 Jahre alt. Sie kann nicht mehr alleine gehen und so schieben die Jüngeren sie in einem Rollstuhl durchs Zentrum und helfen ihr im Alltag. Diese Hilfsbereitschaft ist für das Zusammenleben der Gemeinschaft sehr wichtig. Das wissen auch die Schwestern, die ihr Leben der Unterstützung von Armen und Kranken gewidmet haben. Sie sehen nicht nur das Zentrum mit seinen Bewohnerinnen als eine Gemeinschaft,
sondern das Land Ruanda ebenfalls. So helfen sie auch Nachbar_innen bei ihren Problemen, unterstützen andere Schwesternorden, die sich z.B. um Straßenkinder kümmern oder sind für andere Bedürftige da. Die älteste Schwester Nyamatas und die älteste ruandische Schwester des Ordens haben z. B. einer alleinerziehenden Frau geholfen und ihr einen Arbeitsplatz im Zentrum verschafft. Die Frau ist nun für den Garten der Schwestern zuständig. Wenn eine Schwester sie morgens im Garten sieht, geht sie gerne hinaus und teilt mit ihr das Frühstück. „Ich habe gerne selbst nur die Hälfte von meinem Brot, wenn ich es dafür mit einem bedürftigen Menschen teilen darf.“ sagt sie. Diese Einstellung färbt auch auf die „Inshuti z`Imana“ ab. Vor allem die jungen Mädchen übernehmen dieses Engagement und haben große Freude an ihren Aufgaben im Zentrum und helfen gerne bei der Pflege der anderen Patientinnen. Für sie ist das Leben hier mehr von Gemeinschaft, Beständigkeit und Spaß geprägt als in einem gewöhnlichen Krankenhaus. Gerade dieses macht den Nonnen, auch bei kleineren Niederlagen, Mut weiter für ihre „Inshuti z`Imana“ da zu sein. Dabei beweisen sie jeden Tag aufs Neue viel Courage und ein großes Herz. Sie übernehmen mit ihrer Eigenverantwortung und ihrem Mut eine Vorbildfunktion sowohl im Land als auch weltweit. Janinka Lutze, 2009/10 mit weltwärts in Ruanda, GIZ Birte Neumann, hat Janinka Lutze 2012 in Ruanda begleitet.
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„100 Bilder“
Die leitende Schneiderin einer Gruppe körperlich behinderter Frauen. Die Schneiderinnen erfahren durch die Gruppe, dass es auch noch andere Frauen mit ähnlichen Problemen gibt und können sich so gegenseitig unterstützen. Mit ihren Schneiderarbeiten verdienen sie sich einen großen Teil ihres Lebensunterhaltes für sich und ihre Kinder.
Eine Auswahl von Powerfrauen aus dem Fotowettbewerb „100 Bilder“ von globalista. Informationen zu „100 Bildern“ unter: www.globalista.org/100-bilder/
Lea Strodrees, war mit weltwärts in Uganda, Eirene
Powerfrauen in Port-au-Prince (Haiti), die eine Bauhandwerksaus bil dung machen. Danach werden sie an den vom Erdbeben (2010) zerstörten Häusern arbeiten. Diana Rapp, war mit w eltwärts in der Dominikanischen R epublik, GIZ
Diese Frau bereitet jeden Abend für die Kinder der Favela ein wunderschönes Spiel vor, damit dort keine Gewalt entsteht. Unglaublich viel Energie und Kraft steckt dahinter, dies jeden Tag zu tun. Helmut Wolman, war mit weltwärts in Brasilien, Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.
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Powerfrauen in Kodaikanal (Indien): Diese und weitere alte Frauen werden nicht von ihren Verwandten gepflegt. Deswegen wohnen sie mit nur einer Betreuerin zusammen im „Mercy Home“ und finden dort eine Art Ersatzfamilie. Geesche Decker, war mit weltwärts in Indien, VNB
Zum Essen eingeladen bei einer einfachen Bauernfamilie in Phedi, nahe Pokhara der Hauptstadt des nepalesischen Distriktes Kaski. Die Mutter der Familie posiert am Fenster. Sebastian Wolligandt, war mit weltwärts in Nepal, GIZ
Frau Gurung Grundschullehrerin und Köchin – in ihrer Küche in dem kleinen Dorf Tangting, des Distriktes Kaski in Nepal. Im Dorf Tangting soll verstärkt der nachhaltige Tourismus ausgebaut werden, im Moment gibt es ein Wohnhaus in welchem homestays angeboten werden. Sebastian Wolligandt, war mit weltwärts in Nepal, GIZ
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IMPRESSUM
gbook III, 2014
Autorinnen: Louisa Esther Glatthaar ist seit August 2013 für zwölf Monate weltwärts-Freiwillige im „hügeligen Herzen Afrikas“, Ruanda. Dort arbeitet sie für die Naturschutzorganisation ARECO-Rwanda nziza mit Sitz in der Hauptstadt Kigali. Bis zum Ende ihres Aufenthaltes möchte sie mit der Organisation 100 Solarlampen an Landwirtschaftskooperativen und Einzelpersonen verteilen. In Kooperation mit der Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Ruanda hält sie außerdem zweitägige Unterrichtseinheiten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung an Se k un d arschulen im ganzen Land ab. Ihr neues Projekt startet sie gemeinsam mit Youth Literacy Organisation (YouLI) in Ruanda. In mehrtätigen Works hops sollen Schülerinnen und Schüler Grundwissen über Literatur und Schreiben bekommen um später eigene Beiträge zum Obert hema „Wie wünsche ich mir sie Welt in 20 Jahren“ zu schreiben. Diese werden abschließend in Form einer literarischen Broschüre von Jugendlichen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung veröffentlicht. Während ihres Ausland aufenthaltes hat Louisa Esther Glatthaar außerdem ein sechsmonatiges Praktikum bei der ruandischen Tageszeitung The New Times absolviert. Sie möchte später gerne als Journalistin selber zur Powerfrau in der Perle Afrikas, wie sie ihre derzeitige Heimat nennt, werden. Leandra Haupt hat 2008/09 für ein Jahr in einem kleinen Dorf im Süden Mexikos einen Freiwilligendienst absolviert. An der örtlichen Grundschule hat sie für Kinder im Alter von 6-13 Jahren Englisch unterrichtet und einen Kunstkurs angeboten. Sie hat durch weitere Projekte im Ort versucht den Zusammenhalt der Einwohner zu stärken und Umweltbewusstsein zu schaffen. Im Anschluss an ihre Rückkehr nach Deutschland begann sie ein Studium der Kunstgeschichte und Politikwissenschaften an der FU Berlin, welches sie nach 6 Semestern erfolgreich mit einem Bachelor abschließen konnte. Aktuell studiert sie Kommunikationsdesign an der HTW Berlin und wird voraussichtlich 2016 ihren weiteren Bachelor erreichen.
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Irina Holve ist 21 Jahre alt und absolviert zurzeit ein weltwärts-Jahr bei Ecofinder Kenya in Kisumu, welches direkt am Lake Viktoria gelegen ist. Dort wirkt sie in verschiedenen Projekten mit; das Hauptprojekt ist Smokeless Homes Initiative, welches Frauengruppen vermittelt, wie man Solarlampen verleiht um so eine eigenständige Einkommensquelle zu kreieren. Ansonsten baut sie gerade mit einem Kollegen clean cook stoves zur CO2-Kompensation, ein Beitrag ihrer deutschen Partnerorganisation solivol von artefact und verwirklicht mit der lokalen Eco-Tourism Gruppe DECCTA ihr Dunga BeachBeautification Project „Nach meinen Aufenthalt hier, welcher im August 2014 enden wird, werde ich Humangeographie studieren und von dort an sehen, wohin das Leben mich bringt.“
Zora Luhnau war im Rahmen ihres zwölfmonatigen weltwärtsFreiwilligendienstes in der Kleinstadt Soroti im Osten Ugandas im Church of Uganda Education Department tätig. Sie wurde zusammen mit ihrer Mit-Freiwilligen Paloma Nana im August 2013 von artefact gGmbH entsandt. In Soroti arbeitete sie mit sieben Frauengruppen zusammen, erarbeitete mit ihnen neue Handarbeiten und Backrezepte, engagierte sich im kulturellen Bereich, organisierte Kunstworkshoptage für Kinder, einen Poetry Slam für Jugendliche, studierte selbstgeschriebene Songs mit einem Kinderchor ein und arbeitete im Team des Education Departments mit. Dort erstellte sie beispielsweise Internetseiten und unterstützte beim Umgang mit Computerprogrammen. Zora Luhnau machte 2013 in Hannover ihr Abitur und wird im Herbst 2014 in Deutschland ein Studium beginnen. Janinka Lutze war während ihres weltwärts-Jahres 2009/10 mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Gitarama, Ruanda. Dort hat sie im Gesundheitszentrum und Krankenhaus in Kabgayi gearbeitet. Seitdem war sie mehrfach wieder in Ruanda um ihre Freunde dort zu besuchen und um wieder in ihrem ehemaligen Projekt zu arbeiten. Janinka absolvierte ihren Bachelor in „Naturschutz und Landschaftsplanung“ an der Hochschule Anhalt in Bernburg.
Ursula Mathan absolviert zurzeit (2013/14) ein Freiwilliges Soziales Jahr in Malawi. In Ekwendeni, einem Dorf im Norden Malawis, ist sie am „Skills Development Center“ aktiv. Diese Bildungseinrichtung in Schneiderei und Tischlerei bietet Jugendlichen, die hauptsächlich Waisen oder Schulabbrecher_innen sind, eine Ausbildung und somit Zukunftschancen. Um das Center finanziell unabhängig von Spendenorganisationen zu machen, wurde im Laufe des letzten Jahres ein Shop gebaut, wo die Produkte verkauft werden können, zudem ein Gemüsegarten angelegt, mit der Schweinezucht begonnen und eine Bücherei eingerichtet. Die Taschen, die im Center von den Schneiderinnen hergestellt werden, finden viele Abnehmer_innen in Deutschland. Zusätzlich zu diesen Projekten vermittelt die Freiwillige in verschiedenen Frauengruppen, wie man aus Plastiktüten Handtaschen häkelt, um Recycling einen höheren Stellenwert zu geben. In ein paar Wochen geht es für sie zurück nach Deutschland, aber Malawi wird wohl immer ein Stückchen Heimat sein.
Verantwortlich für das Projekt globalista sind: Arbeitsstelle Weltbilder e.V., info@arbeitsstelle-weltbilder.de Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. (lkj)
Birte Neumann studiert „Naturschutz und Landschaftsplanung“ an der Hochschule Anhalt in Bernburg. Ihre Spezialisierung ist Meeres- und Küstenschutz. Sie war 2012 mit Janinka Lutze in Ruanda und hat einen Monat lang im Krankenhaus und Gesundheitszentrum in Kabgayi geholfen. Sie ist aktives Mitglied der WinD-Gruppe Bernburg (weltwärts in Deutschland).
Gefördert wird das Projekt aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
In Kooperation mit folgenden Entsendeorganisationen: artefact gGmbH bezev – Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. Bischöfliches Generalvikariat Münster Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. (DTP) DRK – Landesverband Westf.-Lippe e.V. Jugendrotkreuz Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) Experiment e.V. Internationale Jugendgemeinschaftsdienste e.V. (ijgd) Kolping Jugendgemeinschaftsdienste Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e.V. (lkj) Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB)
Redaktionsteam: Elisabeth Marie Mars (Leitung), Eva Fedke, Melanie Heisterberg, Kristina Mauer, Verena Foth Grafik-Design: Bert Odenthal | www.bert-odenthal.de Fotonachweise: Hope Azeda, Leandra Haupt, Irina Holve, Maria Illing, kaneza.org, Adam Jones (Creative Commons, S. 18/19), Gani Lawani, Zora Luhnau, Janinka Lutze, Ursula Mathan, Diana Rapp, Sebastian Wolligandt, Helmut Wolman
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