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APO THE KE RIN HEREINSPAZIERT Hobby und Beruf zugleich: In Mariazell hat Angelika Prentner ihren idealen Wirkungskreis gefunden.
Die Apotheke zur Gnadenmutter in Mariazell kann auf 300 Jahre heilkundiges Wissen zurückblicken. Vor acht Jahren hat Angelika Prentner dieses Erbe angetreten – mit Kompetenz, Tatkraft und Leidenschaft
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TEXT Elisabeth Melzer FOTOS Kilian Blees
FUNDGRUBE Das Ladengeschäft wirkt zunächst unspektakulär. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dessen Bedeutung.
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m zentralen Platz von Mariazell, gegenüber der Wallfahrtskirche und unterhalb der Standerl mit den Wallfahrtssouveniren, liegt die Apotheke der 1500-Einwohner-Gemeinde in der Obersteiermark. In einem Wallfahrtsort von internationalem Rang, dessen Basilika das Nationalheiligtum der österreichischen Katholiken beherbergt, hat die Apotheke eine besondere Bedeutung. Nach der Kirche führte der zweite Gang der Wallfahrer nicht selten dorthin – um die wunden Füße zu salben, Verletzungen zu kurieren oder um nach ausgiebiger Feier der Ankunft Kräutertropfen für
den Magen zu erstehen. Die entsprechende Magentinktur wird seit 1781 nach einem gut gehüteten Rezept hergestellt. Sie ist ein Aushängeschild des Ortes geworden, was sich nicht nur an der Hauswand der Apotheke ersehen lässt. Das Ladengeschäft mit der grün-weiß-gestreiften Markise, der Schaufensterauslage, den hölzernen Fensterrahmen und dem Mosaik der Gottesmutter wirkt von außen unspektakulär. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Bedeutung. Angelika Prentner, eine energiegeladene Mittvierzigerin im weißen Kittel, nimmt uns in Empfang. Sie führt uns an der Apotheke vorbei und geradewegs in die Drogerie, die im gut erhaltenen Teil des historischen Gebäudes untergebracht ist. Die Regale und Kommoden aus Zirbenholz quellen über mit braunen Fläschchen und Dosen mit weißer Banderole. Die meist pflanzlichen Heilmittel reichen von der Magentinktur, die auch gegen Kater wirkt, über den Mariazeller Melissengeist, die Heilweine der Hildegard von Bingen bis zu regionalen Kräuterschnäpsen. „Es sind mehr als 100 verschiedene Heilmittel, die wir selbst herstellen“, erzählt Angelika Prentner stolz, während sie einzelne davon aus dem Regal holt und über deren Entstehung und Anwendung spricht. Alle hier verwendeten Arzneipflanzen haben Arzneibuchqualität, einige davon werden auf Biohöfen in der Region angebaut. „Wir sind in Österreich die einzige Apotheke, die alle Auflagen erfüllt, um Arzneimittel selbst zu produzieren.“ Die Chefin der Apotheke führt uns in den Produktionsraum, wo Helmut Fluch gerade eine Ringelblumensalbe ansetzt. Auf dem gekachelten Holzherd,
der in die kleine Destillieranlage integriert ist, schmilzt in einer metallenen Schüssel Vaseline. Der langjährige Mitarbeiter und Produktionsleiter holt eine Dose mit getrockneten Ringelblumen aus dem Nebenraum, wiegt die benötigte Menge ab und gibt sie zur Vaseline. Dann legt er Holzscheite nach. „Wir arbeiten nur mit Holzfeuer“, erklärt Angelika Prentner, „auch beim Destillieren der Melisse für unseren Melissengeist und die anderen Pflanzendestillate. Holz erzeugt eine andere Art von Wärme. Feuer und Holz sind Elemente der Natur, und Ganzheitlichkeit
wird bei uns großgeschrieben.“ Seit Angelika Prentner die Apotheke 2007 übernahm, hat sie manches umgebaut, einiges abgebaut, aber noch viel mehr ausgebaut. Allem voran die selbst hergestellten pflanzlichen Heilmittel und andere naturheilkundliche Therapien. Ob Klostermedizin, Bachblüten oder Schüsslersalze, Homöopathie, Signaturen- oder Säftelehre – in der Apotheke scheint alles seinen Platz zu haben, was an traditionellen Heilweisen Rang und Namen hat. Im Mariazeller Land war die Erfahrungsheilkunde seit jeher ein selbstver-
ständlicher Teil des alltäglichen Lebens der Menschen. „Unser Dorf liegt abgeschieden in den Bergen und war im Winter oft monatelang von der Außenwelt abgeschnitten“, erklärt die Apothekerin. „Deshalb gab es schon immer Frauen und Männer, die Heilkräuter sammelten, verarbeiteten und verabreichten. Dieses Wissen wurde stets weitergegeben, es war nie unterbrochen.“ Einer der bekanntesten Heilkundigen aus dieser Region ist der Pharmazeut Michael Hölzl. Er führte von 1821–1871 die Apotheke zur
PFLANZEN HEILEN Regale und Kommoden quellen über mit braunen Fläschchen und Dosen mit vorwiegend pflanzlichen Heilmitteln. Die Magentropfen haben weit über Mariazell hinaus Bekanntheit erlangt.
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tive Pflanzen seit jeher in einem rituellen Kontext verwendet, wobei die heilende Wirkung im Vordergrund stand“, erläutert sie ihr Interesse an diesem Forschungsgebiet. „In unserer Kultur werden solche Pflanzen ohne genauere Betrachtung sofort in die Drogenecke geschoben. Das hat mich dazu bewogen, einmal selbst vor Ort nachzuschauen“, sagt sie augenzwinkernd.
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ALTES WISSEN
Gnadenmutter und war zudem Botaniker und Spezialist für Alpenkräuter. Hölzl erforschte die endemischen Pflanzenschätze, kreierte Arzneimittel und erweiterte das vorhandene Heilwissen beträchtlich. Sein Nachfolger Magister G. Schopf machte dieses Wissen weit über die Grenzen des Wallfahrtsortes hinaus bekannt, indem er auf Welt ausstellungen Magentropfen, Edeltannenduft sowie andere Mariazeller Heilmittel präsentierte und dafür sogar Preise gewann. „Heute würde man ihn als guten Marketingmann bezeichnen“, begeistert
Seltenheitswert haben nicht nur die betagten Handschriften von Apotheker Hölzl sondern auch alte Utensilien, z. B. um Pulverbriefchen herzustellen. Helmut Fluch füllt die noch flüssige Ringelblumensalbe in kleine Dosen ab. Über allem wacht die Mariazeller Gottesmutter, hier als Mosaik an der Apotheke.
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sich Angelika Prentner. „Bis nach Wien, Budapest oder Florenz hat er seinerzeit Arzneimittel versandt.“ Auch heute verschicken die Apothekerin und ihr 18-köpfiges Team Produkte auf Bestellung in alle Welt. Schon während des Studiums in Graz hat sich die junge Frau für Heilpflanzen und deren Potenzial stark gemacht. Sieben Jahre lang ist sie immer wieder nach Südamerika gereist, um bei den Guarani-Indianern bewusstseinsverändernde Pflanzen zu erforschen und ihre Doktorarbeit darüber zu schreiben. „In Südamerika wurden psychoak-
ie erste Stelle nach dem Studium in einer klassischen Apotheke war für die weltoffene und wissbegierige Frau eher ernüchternd. „Ich habe für meine Heilpflanzenbegeisterung seinerzeit viel Ablehnung erfahren“, erinnert sie sich. „Das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an der Pflanzenmedizin hat sich erst in den vergangenen zehn Jahren entwickelt.“ Angelika Prentner kehrte zurück an die Universität, diesmal nach Bern, und analysierte Heilpflanzen und andere traditionelle europäische Heilmittel. Aber auch dort spürte sie: Ich bin noch nicht angekommen. „Die Forschung war nicht meines“, bekennt sie. „Ich wollte wieder in die Praxis, und deshalb habe ich nach einer eigenen Apotheke gesucht.“ Die Mariazeller Apotheke stand schon seit fünf Jahren zum Verkauf, als die Pharmazeutin davon erfuhr. Anscheinend hatte diese auf Angelika Prentner gewartet. Dann ging alles ganz schnell. „Innerhalb einer Woche habe ich mich entschieden“, sagt sie und strahlt. „Schwierig war nur der erste Winter in den Steirer Bergen, denn ich komme aus der Südsteiermark. Von September bis Mai ist der Schnee meterhoch in Mariazell gelegen. Mein Sohn war damals noch kein Jahr
alt, und wir sind mit dem Kinderwagerl kaum vor die Türe gekommen. Bis zur Autobahn hat man eine Stunden gebraucht, und jede Autofahrt war ein Wagnis.“ In diesem ersten Mariazeller Winter hat Angelika Prentner beim Aufräumen auf dem Speicher der Apotheke einen Schatz gefunden. „In einer
eingestaubten Kiste lagen drei Bücher mit fast 200 Jahre alten Aufzeichnungen und Rezepturen von Apotheker Hölzl.“ Angelika Prentner konnte ihr Glück kaum fassen. Das spürt man heute noch, wenn sie die alten Bände herzeigt. „Die Blätter waren schon fast zerfallen, man konnte sie nur vorsichtig
SENSATIONELLER FUND In ihrem ersten Winter in der Apotheke hat Angelika Prentner beim Aufräumen auf dem Speicher einen Schatz gefunden.
In einer eingestaubten KISTE lagen drei BÜCHER mit heilkundlichen Aufzeichnungen und nahezu 200 Jahre alten REZEPTEN
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DAS WAHRZEICHEN von Mariazell ist die dreischiffige Basilika direkt am zentralen Platz. Es ist der wichtigste Wallfahrtsort in Österreich und einer der bedeutendsten Europas. Der im 12. Jahrhundert gegründete Gnadenort beherbergt das Nationalheiligtum der österreichischen Katholiken, eine spätromanische Statue der Gottesmutter mit Kind auf dem Arm.
mit Pinzette und Baumwollhandschuhen anfassen. Ich habe sie sofort zum Restaurieren gegeben.“ Danach wurde der Schatz gesichtet und ausgewertet. Manche der Rezepturen mussten an die heutige Zeit angepasst werden, andere hat sie so übernommen wie sie waren. „Heute haben die Menschen viel mehr Stress und brauchen andere Sachen als früher“, sagt sie, „und damals war der Ansatz ein anderer. Er lag überwiegend in der P rävention.“ „Das Mariazeller Land und das gesamte Ötscher-Gebiet ist reich an Heilpflanzen“, erzählt Angelika Prentner weiter. „Das Kalkgestein ist nährstoffarm, was die Heilpflanzen beson-
ders gerne mögen.“ Monokulturen hat es in der Bergregion nie gegeben. „Wenn ich im Sommer Kräuterwanderungen mache, dann muss ich mit meinen Teilnehmern nur ein paar Schritte vor das Dorf gehen und ich finde 50 verschiedene Heilpflanzen auf ein paar Quadratmetern.“ Angelika Prentner begleitet nicht nur Heilkräuterwanderungen, sie hat vor drei Jahren eine Heilpflanzenschule gegründet und auch schon Frauen in Moldawien in Kräuterheilkunde unterrichtet. Sie hält Vorträge über Teilgebiete der traditionellen europäischen Medizin, bei denen sie mit umfangreichem Wissen aus den verschiedenen Diszi-
plinen punkten kann. Das alte mitteleuropäische Heilwissen zu systematisieren und mit der Schulmedizin zu vernetzen, ist ihr größtes Anliegen. An der Oberösterreichischen Landesausstellung 2015 ist die Apotheke mit Heilpflanzengärten beteiligt.
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elmut Fluch hat die Ringelblumensalbe durch ein Tuch filtriert, die Rückstände ausgepresst und die noch warme und flüssige Salbe in kleine Dosen abgefüllt. Jetzt ist Zeit für das eine oder andere Kräuterschnapserl und die dazugehörige Geschichte. Der Produktionsleiter schenkt uns als erstes einen Ranti Putanti ein. Der ist einem Mariazeller Original gewidmet, das die Härte des Lebens so umschrieben hat: Ranti Putanti, die Welt ist hanti! Damit dies nicht so endgültig stehen bleibt, gibt es anschließend ein Glaserl Wurzelklauber, eine Reminiszenz an einen Wurzelsammler, der, einst als Wilderer verdächtigt, unschuldig sein Leben lassen musste. „Die Rezeptur stammt aus dem Jahr 1935“, fügt Helmut Fluch der Geschichte vergnügt hinzu und den Geschmack kommentiert er so: „A bisserl süß, a bisserl bitter – so wie das Leben halt is.“ Seine Chefin steht daneben und muss schmunzeln: „Die Leute sagen immer: Eine typische Apotheke seid’s ihr net.“ Und es hört sich so an, als würde Angelika P rentner dies als großes Kompliment verstehen. Apotheke zur Gnadenmutter, Hauptplatz 4, A-8630 Mariazell, Tel. +43/38 82/21 02, www.zurgnadenmutter.at
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