PETER BOLLAG
Zwei Eisclowns erobern die Welt
CHRISTOPH MERIAN VERLAG
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PETER BOLLAG
CHRISTOPH MERIAN VERLAG 3
Inhalt Prolog auf dem Eis und im Stadion … 7 Kinder- und Jugendjahre … 11 Anfänge: Treffpunkt Kunschti … 27 Für eine Schachtel Pralinen: Die ersten Engagements … 43 Traumziel London … 57 Populär unter Pyramiden … 79 Mit ‹Holiday on Ice› in den USA … 93 Vor heimischer Kulisse … 113 Grande Finale … 125 Buddy in Japan, Otti in Basel … 143 Fussball und Fasnacht … 155 Vom Eis zurück auf die Bühne … 175 Auf dem Weg ins Golden Age – Buddy und Otti heute … 187 Epilog im Theater … 191 Drummeli-Texte … 195 Grüsse aus der Welt der Eisrevuen … 201 Sie tanzen auf dem Eis … 205
Anhang Verwendete Literatur … 212 Bildnachweis … 213 Dank … 214 Der Autor … 215 Impressum … 216
1920 Kinder- und Jugendjahre
Friedrich Rehorek (1884 – 1956) in Pilsen
Die ersten Julitage des Jahres 1922 sind für Friedrich und Rosa Rehorek-Schneider an der Fürstensteinerstrasse in Basel aussergewöhnlich, denn die vierköpfige Familie wird am Vierten dieses Monats noch um ein Köpfchen grösser: Otto, nach Stammhalter Friedrich und Tochter Trudy das dritte Kind, kommt zur Welt. Sein Taufname lautet Otto Karl, nennen werden ihn aber fast alle nur ‹Otti›. Dass er, der später für kurze Zeit auch in den USA leben wird, ausgerechnet am amerikanischen Nationalfeiertag das Licht der Welt erblickt, ist dabei eine nette Fussnote. Otto – das ist der Name des Habsburgers, der Kaiser geworden wäre, wenn die österreichisch-ungarische Monarchie das Jahr 1918 überstanden hätte. Und Karl hiess der Vater von Otto von Habsburg und letzte k.u.k. Monarch von 1916 bis 1918, vor eben diesem Zusammenbruch. Obwohl das auch in der Schweiz gebräuchliche Namen sind, verweisen Otto und Karl auch auf die Herkunft von Friedrich Rehorek. Der wurde nämlich im Jahr 1884 in Pilsen geboren – in jener böhmischen Bier-Stadt, die damals noch zur Donaumonarchie gehörte, wie auch die übrige spätere Tschechoslowakei, heute Tschechien. Familienintern trägt der jüngste Rehorek als ersten Namen den seines Taufpaten, der ein Freund des Vaters ist, und als zweiten den des Bruders der Mutter, Karl Schneider. Friedrich Rehorek kam 1908 als frisch promovierter ‹Assekuranz-Ingenieur› (so lautet in der Donaumonarchie die offizielle Bezeichnung für einen Versicherungsmathematiker) nach Basel. Hier hat er bei der Basler Lebensversicherungs-Gesellschaft, heute Bâloise, eine Stelle gefunden, die sich für ihn als Lebensstelle erweisen wird, und hier fühlt er sich bald so wohl, dass er 1914, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, seine verwitwete Mutter und seine Schwester aus Pilsen nachkommen lässt. 1918 heiratet er Rosa Schneider, die aus dem Kanton Bern stammt. Bald kommen die ersten beiden Kinder zur Welt. Nur zwei Tage nach der Geburt von Otti hat Vater Friedrich aber noch einen weiteren Grund zur Freude: Er wird nach dem Erhalt seiner Schweizer Staatsbürgerschaft nun auch ins Basler Bürgerrecht aufgenommen. Offensichtlich muss er dafür nicht Schweizer- oder gar Baseldeutsch sprechen, denn «das hat er immer ganz kategorisch abgelehnt», erinnern sich sowohl Sohn Otti als auch die beiden Enkel Ronnie und Mike (die Söhne von Otti Rehorek). In was für ein Basel wird Otti Rehorek hineingeboren? Die Rheinstadt ist Anfang der Zwanzigerjahre die zweitgrösste Stadt der Schweiz und zählt 140 000 Einwohnerinnen und Einwohner 13
Generalstreik in Basel 1919
(Stand 1. Dezember 1920). Im Stadtkanton leben knapp 72 Prozent Schweizer und 28 Prozent Ausländer, 88 987 Protestanten, 44 720 Katholiken, 2459 Israeliten und diverse andere Religionsgemeinschaften. Basel ist durchaus international, hat seit knapp zehn Jahren einen deutschen und schon länger einen französischen Bahnhof und besitzt seit einigen Jahren auch eine Messe, die Mustermesse. Das sind die Vorteile der Lage am Dreiländereck. Aber an der Grenze zu Deutschland und Frankreich, den Kontrahenten des eben zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs, bekommt Basel auch die negativen Folgen dieses ersten grossen Krieges des 20. Jahrhunderts stärker und direkter zu spüren als Schweizer Städte im Landesinneren. Im Juli 1922, dem Geburtsmonat von Otti Rehorek, organisieren beispielsweise die Gewerkschaften in der badischen Nachbarschaft einen Generalstreik wegen der starken Teuerung und der grossen Not der Bevölkerung, bald wird die Inflation die Preise im Deutschland der Weimarer Republik in absurde Höhen steigen lassen. Auch politisch sind die Zeiten unruhig, es gärt in vielen Teilen des Reiches: Die Ermordung des deutschen Aussenministers Walther Rathenau am 24. Juni in Berlin durch Rechtsradikale wirkt sich bis an die Südgrenze aus, einige rechte Organisationen werden nach dem Mord im Land Baden verboten. Auch jenseits des Rheins, in Frankreich, flammen soziale Unruhen und Proteste auf. 14
In Basel kommt es im Zusammenhang mit dem Generalstreik von 1918/19 zu beinahe bürgerkriegsähnlichen, heute nur noch schwer vorstellbaren Auseinandersetzungen. Auch hier ist nach dem Ersten Weltkrieg die soziale Not gross. Im Dezember 1921 zählt Basel beispielsweise mehr als viertausend Arbeitslose, und entsprechend polarisiert sind die politischen Verhältnisse: Seit den kantonalen Wahlen von 1920 besteht im baselstädtischen Parlament zwar zum ersten Mal in diesem Jahrhundert eine linke Mehrheit, die Regierung dagegen politisiert klar bürgerlich. Es gibt also eine Art Cohabitation, die sich erst einspielen muss, was eher schlecht als recht gelingt. Immerhin fällt in diese Zeit beispielsweise auch die Einführung des 1. Mai als Tag der Arbeiterbewegung, eine Errungenschaft des linken Basel. Doch schon bald zerstreiten sich Sozialdemokraten und Kommunisten, schuld daran sind vor allem ideologische Fragen, die weniger mit lokalen Konflikten und mehr mit der weltpolitischen Lage nach dem russischen Bürgerkrieg und dem Sieg der Bolschewiken zusammenhängen. Wohl auch aufgrund dieser Differenzen ist es 1923 mit der linken Mehrheit im Grossen Rat (vorerst) vorbei. Ausserdem herrscht auch im linken Basel jener Jahre keineswegs das Paradies sozialer Gerechtigkeit; vom Sozialstaat moderner Ausprägung, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildet, ist man noch sehr weit entfernt. So berichtet eine Baslerin, die 1923 in einer Kleiderfabrik im Gundeldinger Quartier arbeitet und allein für ihr Kind sorgen muss, weil ihr Mann sie verlassen hat: «Die Arbeitslosenversicherung war erst im Entstehen. Aber eines Tages war sie wirklich da – zwar erst auf freiwilliger Basis. Wir Arbeiterinnen und Arbeiter wollten voller Freude beitreten. Am nächsten Morgen aber hing am Saaleingang ein Plakat vom Fabrikchef, das die ganze Breite der Türe einnahm: ‹Wer sich bei der Arbeitslosenkasse meldet, wird fristlos entlassen.›» (Hans Jenny: Basler Memoiren. Bd. 2: 1920 – 1938) Im Sommer 1922 beschäftigen aber nicht nur die sozialen Gegensätze die Basler. Viel Publikum versammelt sich beispielsweise am 2. Juli, einem Sonntag, auf dem Landhof. Hier treffen sich für einmal nicht die Fussballer, sondern die Schwinger – das Basler Schwingfest steht auf der Agenda. Der Landhof ist zwar damals bereits ein klassisches kleines Fussballstadion – im Jahr 1908 fand hier zum Beispiel das erste Fussball-Länderspiel der Schweiz gegen Deutschland statt –, aber auch andere Sportarten kommen zum Zuge: 1916 gab es auf dem Landhof sogar Olympische Spiele (vor allem Leichtathletik-Wettbewerbe), wenn auch nur der Schweiz und nicht der ganzen Welt. Sie waren gedacht als nationaler Ersatz der wegen des Krieges ausgefallenen ‹richtigen› Spiele, die in Berlin hätten stattfinden 15
Familie Rehorek mit Otti (zweiter von rechts)
sollen. Der Landhof wird dann 1924 ein erstes Mal umgebaut und ein Jahr später mit dem Städtespiel Basel – Montevideo feierlich wiedereröffnet. Aber in jenen Jahren kann er die wachsende Begeisterung für den Freizeitsport nicht mehr fassen: Im Herbst 1922 wird die Sportanlage Schützenmatte in Betrieb genommen, zwei Jahre später folgt der Rankhof an der Grenzacherstrasse. Fussball-Länderspiele in Basel werden von nun an dort ausgetragen und mobilisieren schon einmal zwanzigtausend Zuschauer oder mehr. Auch andere Sportarten ziehen die Baslerinnen und Basler an: Etwas später, im Oktober 1930, veröffentlicht die ‹Schweizer Illustrierte Zeitung SIZ› (die Vorgängerin der ‹Schweizer Illustrierten›) einen Bericht mit Bildern des bekannten Basler Fotografen Lothar Jeck von einem Windhunderennen auf der Schützenmatte, und inmitten der Zuschauer ist die Familie Rehorek zu sehen, auch der achtjährige Otti. «Wir waren anscheinend damals neugierig, auch diese Art von Unterhaltung einmal kennenzulernen», sagt Otti Rehorek heute dazu. Dieser Besuch blieb allerdings eine Ausnahme, Windhunderennen standen nicht mehr auf dem Programm der Familie und fanden wohl in Basel eher selten statt, was vielleicht auch mit dem eher schwachen Zuschauerzuspruch der Veranstaltung zusammenhängen könnte. «Der Besuch hätte zahlreicher sein dürfen», bemerken etwa die ‹Basler Nachrichten› in ihrem Bericht über die Rennen, welche «mit militärischer Pünktlichkeit um acht Uhr ihren Anfang nahmen». 16
Nehmen wir nun einmal an, diese Ausgabe der erwähnten SIZ wäre dem deutschen Staatsbürger Erich Elias in die Hände gekommen und er hätte sie aufmerksam gelesen. Sein Interesse hätte wohl weniger dem Basler Windhunderennen gegolten als vielmehr den Berichten in der gleichen Ausgabe über die Eröffnungssitzung des neugewählten deutschen Reichstags in Berlin. Diese Eröffnungssitzung, so berichtet die SIZ ausführlich in Wort und Bild, sei tumultartig verlaufen, denn gegen die neugewählten 107 Abgeordneten der NSDAP, die ohne Ausnahme in braunen Uniformen erschienen waren, erhob sich wütender Protest der Linken, vor allem vonseiten der starken Fraktion der Kommunisten. Und dann gibt es noch ein kleines Bild, auf dem ein gewisser «Abgeordneter Dr. Goebbels, Führer der Berliner Nationalsozialisten» zu sehen ist – dieser allerdings nicht in Uniform, sondern im zivilen Regenmantel. Er sollte offenbar verhaftet werden, so die Zeitung, «verstand es (aber), sich der Polizei zu entziehen» und sich in die Immunität seines Abgeordnetenmandats zu flüchten. Erich Elias hätte diese Berichte aus Berlin wohl zumindest mit einem Stirnrunzeln gelesen und sich in seinen Plänen bestätigt gefühlt. Diese Pläne hatten ihn, der seit Februar 1921 in der Bankenstadt Frankfurt am Main ansässig war, ein Jahr vor den erwähnten Berliner Ereignissen nach Basel geführt. In Frankfurt liess er nicht nur seine Frau Leni, geborene Helene Frank, zurück, sondern auch seine beiden Söhne Stephan und Bernhard, den bald alle nur ‹Buddy› (zuerst ‹Buddi›) nennen werden. In Basel baut Erich Elias ab 1929 die Schweizer Vertretung der Opekta-Werke auf, einer Firma, die den Zusatzstoff Pectin herstellt. Pectin ist ein Geliermittel, das zur Verbesserung der Konsistenz von Konfitüre verwendet wird. Wie Mirjam Pressler in ihrer Geschichte der Familie von Anne Frank schreibt, war Erich Elias «der Erste, der die Konsequenzen aus der veränderten politischen Situation zog». Eine veränderte politische Situation, die sich auch auf das soziale und politische Klima Frankfurts auswirkte: Mit dem ‹Schwarzen Freitag› an der New Yorker Börse bricht in den USA im Oktober 1929 die Wirtschaftskrise aus, die sich bald zu einer Weltwirtschaftskrise ausweiten wird und den kurzen ‹Goldenen Zwanzigern› ein Ende setzt. Da Deutschland als Kriegsverlierer Reparationen bezahlen muss und für deren Finanzierung von amerikanischen Krediten abhängig ist, bedeutet der Einbruch der New Yorker Börse für die noch junge Weimarer Republik eine schwerwiegende Wirtschaftskrise, explodierende Arbeitslosenzahlen und die Gefährdung der Demokratie durch politische Radikalisierung. Wie überall im Reich gewinnen auch in Frankfurt die Links-, aber 17
Der Rรถmer, das Frankfurter Rathaus 18
vor allem die Rechtsextremen rasch an Boden, dem waren schon im Frühjahr 1929 erste politische Morde an zwei jungen Sozialdemokraten durch Nazis vorausgegangen. Erich Elias, bisher im Bankhaus Michael Frank beschäftigt, welches von seinem bereits vor längerer Zeit verstorbenen Schwiegervater gegründet worden war, entscheidet sich in diesem Krisenjahr also für die Auswanderung; nicht zuletzt deshalb, weil er jüdisch ist und auf die deutschen Juden schwere Zeiten zukommen sieht. Es ist allerdings eine Auswanderung auf Probe und in Raten, vorläufig bleibt seine junge Familie in Frankfurt und wartet hier ab, ob er in der Schweiz erfolgreich ist. Blenden wir einige Jahre zurück: Frankfurt, Pfingsten 1925. Die Feiertage fallen in diesem Jahr relativ spät, weshalb es nun, Ende Mai, fast schon sommerlich warm ist. So lockt das strahlende Wetter die Menschen am Main denn auch in Scharen ins Freie: beispielsweise zu den Rotkreuz-Werbetagen im Palmengarten oder zu Schifffahrten auf dem Main, aber auch zu den Pferderennen im Vorort Niederrad, die speziell viel Publikum anziehen. «Die Trambahn allein transportierte die Einwohnerschaft einer mittleren Stadt zu den Rennen», weiss die ‹Frankfurter Zeitung› zu berichten, und sie kennt auch das beliebteste Getränk der Rennen an diesen Tagen: «Der Himmel liess einen milden Wind zur Dämpfung der Sonne wehen, was den Konsum von Eiskaffee aber nicht beeinträchtigte.» Nicht alle pfingstfeiertäglichen Veranstaltungen in und um Frankfurt sind allerdings friedlicher Natur. Die sozialdemokratische ‹Volksstimme› erwähnt unter dem Titel «Hakenkreuzler Frechheiten» seltsame mittelalterliche Ritterspiele auf einem Schloss in der Nähe von Darmstadt, wo «Hakenkreuzler und nationalistische Jugendverbände eine Freilicht-Aufführung aus der Feudalzeit des preussischen Junkertums» in historischen Kostümen vorgeführt hätten, dem Berichterstatter der Zeitung sei allerdings der Zugang verwehrt worden. Er bekommt dennoch die Kernaussage des Stückes mit: «Was schert mich das verbriefte Recht, hier ist das Schwert, dessen Recht ist älter und auch härter!» Diese Aussage veranlasst die Zeitung mit Blick auf die NSDAP zur folgenschweren Warnung: «Seid auf der Hut, sie beginnen immer frecher zu werden!» Es ist nicht anzunehmen, dass das Ehepaar Elias die Warnung der ‹Volksstimme› gelesen hat, das sozialdemokratische Blatt ist nicht allzu verbreitet im bürgerlichen Frankfurt, zu dem sich Erich und Leni Elias zählen. Sie sind seit 1921 verheiratet, Erich wurde mit offenen Armen in die seit Langem in Frankfurt ansässige Familie Frank aufgenommen. Das gilt vor allem für Otto 19
Stephan und Buddy Elias, Ende 1925
Frank, einen von Lenis Brüdern, der sich seit dem frühen Tod des Vaters ganz besonders um Leni gekümmert hat. Die freundliche Aufnahme des künftigen Schwiegersohns und Schwagers hatte wohl auch damit zu tun, dass alle in der Familie Frank froh waren, als die bereits 28-jährige Leni nach einer unglücklichen Liebschaft den Mann fürs Leben gefunden hatte. Im ersten Jahr ihrer Ehe wurde der Stammhalter Stephan geboren und jetzt, im Frühsommer 1925, steht Leni kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes. Am 2. Juni 1925, dem Dienstag nach Pfingsten, kommt der zweite Sohn Bernhard, oder eben Buddy, zur Welt. Es sind schöne Tage und Wochen für die Familie Elias-Frank, denn nur wenige Wochen vor Buddys Geburt hatte Otto Frank in Aachen Edith Holländer geheiratet, was in der grossen Familie mit einem rauschenden Fest gefeiert wurde. Bald gibt es auch bei den Franks Nachwuchs, die Tochter Margot kommt zur Welt. Sowohl Otti als auch Buddy werden also in Familien hineingeboren, in denen schon Kinder da sind: Das Ehepaar Rehorek hat bereits einen Sohn und eine Tochter, bei den Elias ist der vier Jahre ältere Stephan der Stammhalter. Auch ihre wirtschaftliche und soziale Verankerung im Mittelstand ist beiden Familien gemeinsam. Allerdings verändern sich bei der Familie Elias die Besitzverhältnisse stärker als bei den Rehoreks, was auch mit den unterschiedlichen politischen Verhältnissen in der Weimarer Republik und in der Schweiz zu tun hat. Die Auswirkungen der unsicheren politischen Lage in Deutschland bekommt auch Erich 20
Elias zu spüren. Zwar kann er wie erwähnt ins Bankhaus Frank eintreten, also ins wirtschaftliche Umfeld der Familie seiner Frau. Die ersten Jahre nach ihrer Hochzeit sind relativ sorgenfrei, wie die beginnenden Zwanzigerjahre in vielen europäischen Ländern und auch in Deutschland von wirtschaftlicher Prosperität geprägt sind. In Frankfurt wird 1924 Ludwig Landmann zum neuen Oberbürgermeister gewählt, er gehört der (kleinen) linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei an. Während seiner Amtszeit entwickelt sich die Stadt rasant, wird durch Eingemeindung der Stadtteile Höchst und Fechenheim zur flächengrössten Stadt der Republik und gehört nach Einwohnerzahl zu den grössten Metropolen des Landes. Auch gebaut wird viel in diesen Jahren: So wird 1925, im Geburtsjahr von Buddy, die grosse Fussballarena, das Waldstadion, fertiggestellt und mit einer ‹Arbeiter-Olympiade› feierlich eröffnet. Die Wahl Landmanns steht auch für die Emanzipation der jüdischen Minderheit der Stadt, die zu den grossen jüdischen Gemeinden Deutschlands gehört. Von gut einer halben Million Einwohnern sind um 1930 circa dreissigtausend jüdisch. Denn Landmann ist Jude, «seine Biographie wies einige Parallelen zu der Familiengeschichte der Franks» auf, wie Esther Alexander-Ihme im Ausstellungskatalog ‹«Früher wohnten wir in Frankfurt …». Frankfurt am Main und Anne Frank› berichtet. Auch Landmanns späteres Schicksal wird dem der Familie Frank leider nicht unähnlich sein: Von den Nazis 1933 zum Rücktritt gezwungen, kann er 1939 nach Amsterdam ausreisen, überlebt zwar Verfolgung und Not, aber stirbt bei Kriegsende an Entkräftung in Holland – ohne seine Heimatstadt Frankfurt je wieder gesehen zu haben. «Es war natürlich eine Legende, dass Frankfurt besondere Sympathien für seine jüdischen Bürger hätte. Sicher, es hat immer wieder kurze Zeiten der Harmonie gegeben. Aber die Nachfahren von Vinzenz Fettmilch, der im 17. Jahrhundert für das grosse Judenschlachten in Frankfurt verantwortlich war, wurden wieder aktiv und machten sich immer lauter und unverschämter bemerkbar.» Dies lässt Michel Bergmann in seinem Roman ‹Die Teilacher› einen Protagonisten sagen, und so spielen 1925 nicht nur ein paar Nazi-Jünglinge auf einer Burg irgendwo weit draussen auf dem Land mittelalterliche Ritterspiele, sondern während des ‹Deutschen Stahlhelmtages› marschiert die SA mitten durch Frankfurt – zum ersten, aber leider nicht zum letzten Mal. Als Erich Elias im Jahr 1929 in die Schweiz übersiedelt, wird in Frankfurt dem Ehepaar Otto und Edith Frank ihre Tochter Anne geboren, und Buddy verbringt dort seine ersten Lebensjahre, an 21
Stephan und Buddy noch in Frankfurt
– Otti bekommt es vielleicht gerade noch mit – verkehren auf den Basler Strassen auch die sogenannten Lohnhofdroschken. Sie bringen seit den 1890er-Jahren, jeweils begleitet von einem noch als ‹Landjäger› bezeichneten Polizisten, jährlich an die dreitausend Diebe, Einbrecher, Schwindler, Hochstapler und Raubmörder ins damalige Gefängnis Lohnhof. Jeder Transport wird von einer Schar Kinder begleitet. Die Lohnhofdroschke verschwindet aus dem Basler Stadtbild, als das damalige Polizeidepartement 1925 ein eigenes ‹Gefangenenautomobil› erwirbt. Otti Rehorek erlebt in dieser Stadt eine glückliche, weitgehend unbeschwerte Kindheit. Manchmal muss er den sanften Spott seiner Mitschülerinnen und Mitschüler wegen seines seltsam klingenden Familiennamens ertragen, etwa wenn sie ihn mit ‹Otti Veloschreck› betiteln. Auch er selbst verzichtet nicht auf die üblichen Kinderstreiche, die sich aus heutiger Sicht aber ziemlich harmlos ausnehmen: So entwendet er seiner Schwester einmal fünf Franken (was damals sehr viel Geld ist) und kauft damit stolz Patisserie, die er dann in der Schule verteilt, wo die Lehrer denken, er habe das Geld als Belohnung von den Eltern bekommen. Als der kleine Diebstahl herauskommt, erhält er von seiner Mutter eine schallende Ohrfeige. «Das war damals für mich keine Seltenheit», sagt er heute nur dazu. Diese eigentlich drastischen Erziehungsmassnahmen führte die von Otti als sanft geschilderte Mutter durch: «Der Vater mischte sich da eigentlich nicht ein.» Das ist bei der Familie Elias nicht anders, allein schon aus praktischen Gründen, denn der Vater ist in Buddys ersten Lebensjahren nicht oder nur selten anwesend. Vor allem deshalb geniessen die beiden Jungen am Main sehr viele Freiheiten. Als die Familie ab 1932 endlich wieder in Basel vereint ist, lebt sie anfänglich in der Pension Wehrli an der Dufourstrasse beim Aeschenplatz. Die beiden Jungen wollen aber am neuen Ort nicht auf ihre Streiche verzichten und sorgen bei Vater Elias immer wieder für Ärger, etwa als sie mit Äpfeln auf vorbeifahrende Autos zielen. Buddy besucht bald den Kindergarten in der Elisabethenstrasse (der längst nicht mehr existiert) und eckt dort mit seinem Verhalten manchmal an. Die Elias-Jungen werden von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ansonsten aber bald akzeptiert, wobei sicher auch hilft, dass sie schnell den Basler Dialekt lernen. Bald bezieht die Familie Elias die erste Basler Wohnung in einem unscheinbaren Mietshaus an der Gundeldingerstrasse. Prominenter Mitbewohner ist der Schauspieler Leopold Biberti, der am Basler Theater engagiert ist. Buddy besucht das Gundeli25
Schulhaus und findet dort viele Freunde, obwohl er doch zweifacher Aussenseiter ist: Sein Hochdeutsch ist ohne schweizerdeutschen Akzent, und er ist Jude. Vor allem wegen Letzterem muss er später auch die eine oder andere Schmähung hinnehmen: «Ein Lehrer im RG hat mich schon während der Nazizeit einmal als ‹kleiner Saujude› beschimpft, so spielerisch, fast locker – als sei es eigentlich ein Lob.» Vater Erich ist nach Angaben seines Sohnes Mitglied der Israelitischen Gemeinde Basel und geht an den hohen Feiertagen auch in die Synagoge. «Allerdings nicht aus Religiosität, sondern aus Solidarität», erinnert sich Buddy. Die Familie Elias bekommt weiteren Zuwachs, als sechs Jahre später Erichs verwitwete Mutter Ida Deutschland den Rücken kehrt. Lenis Mutter Alice hat Frankfurt bereits 1933 verlassen und lebt ebenfalls in Basel, aber in einer eigenen Wohnung. Stephan und Buddy huldigen bald einer Freizeitbeschäftigung, die damals gerade in europäischen Grossstädten rasant zunimmt: dem Schlittschuhlaufen. Für beide hat ihr neues Hobby auch geografische Gründe, denn zur nahe gelegenen, 1934 eröffneten Kunschti sind es nur ein paar Schritte über die Strasse. In den Jahren vorher hatte ein ebenfalls nahe gelegener Tennisplatz als Ersatz gedient, der bei eisigen Temperaturen mit Wasser in ein Eisfeld verwandelt wurde. Die beiden Elias-Buben versuchen auch, das Experiment zu Hause auf dem Flachdach zu wiederholen, «worauf alle Röhren bei uns platzten und alle in der Familie frieren mussten», erinnert sich Buddy viele Jahre später an dieses Erlebnis. Als die Wohnung im Gundeldinger Quartier für die heranwachsenden Lausbuben samt Grossmutter Ida zu klein wird, mietet die Familie im Jahr 1938 ein Haus im Westen der Stadt unweit des Kannenfeldparks, an der Herbstgasse 11. Es wird das Basler Zuhause der Familie Elias werden. Otti Rehorek wiederum treibt in jenen Jahren in seiner Freizeit viel Sport, er spielt Handball und ist aktiver Leichtathlet. Doch bald verlagert sich sein Betätigungsfeld in Richtung Margarethen, wo auf der neu eröffneten Kunschti auch Buddy Elias bald öfter anzutreffen ist als an irgendeinem anderen Ort der Stadt. Dass sich die beiden dort irgendwann über den Weg laufen, ist fast unvermeidlich.
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1946 Traumziel London
Brüssel, späte Vierzigerjahre
Juli 1946, der zweite Friedenssommer: Otti Rehorek sitzt auf dem Weg zur Arbeit in der Londoner U-Bahn, der ‹Tube›, als hätte er das schon immer gemacht, dabei ist er erst gerade einige Monate in der Stadt. Die Arbeit, das ist eine durchaus spannende Tätigkeit als Werbegrafiker bei der Autofirma Roots – auch in Grossbritannien boomt die Autobranche nach dem Zweiten Weltkrieg. «Ich habe es wirklich gut getroffen», denkt sich Otti gut gelaunt, «wie sehr habe ich mir während der Weltkriegsjahre in Basel gewünscht, die Grenzen wären offen und ich könnte schon nur an einem Sonntag einmal ins Elsass oder auch ins Badische, wenn dieser ganze Nazi-Spuk nur vorbei gewesen wäre! Und nun», so sinniert Otti, während draussen die Stationen vorbeirauschen, «lebe ich in der Weltstadt London, das noch immer Mittelpunkt eines Empires ist.» Seine Glücksgefühle erhöhen sich noch beim Gedanken an seinen Arbeitsplatz, der ausgerechnet am Piccadilly Circus liegt, also mitten im Zentrum dieser quirligen Stadt. Otti hat sich bisher kurz in Paris aufgehalten, einer anderen europäischen Metropole, ansonsten war für ihn wohl der Basler Barfüsserplatz der Inbegriff von städtischem Leben. Auch wenn er in London nicht eislaufen kann, ist Otti also zufrieden mit sich und der Welt. All die tollen Kunschti-Episoden mit seinem Freund Buddy gehören in seine Jugendjahre, die wohl jetzt endgültig abgeschlossen sind: «Schliesslich bin ich nun erwachsen und endlich weg von zu Hause!» Er hat auch für sich beschlossen, hier in London möglichst wenig über das Eislaufen zu sprechen. Dabei ist er sich vielleicht zu wenig bewusst, dass der Eissport den Engländern nicht völlig unbekannt ist. Im Eishockey etwa sind sie damals gar nicht so schlecht aufgestellt, und für die theatralische Seite des Eislaufens, die Eislauf-Shows nämlich, können sich die Untertanen Ihrer Majestät seit Jahren erwärmen. Schon 1932 begeisterte beispielsweise im südenglischen Bournemouth eine sommerliche Eisrevue namens ‹Arabian Nights› das Publikum, und die amerikanische Eisläuferin Evelyn Chandler feierte nur wenig später in einem Musical mit dem Titel ‹Rita the Spy› Triumphe, in einem Kriminalstück auf dem Eis sozusagen. Der Theaterdirektor und Produzent Tom Arnold (1897–1969) erkannte denn auch die Zeichen der Zeit und importierte diese Shows teilweise aus den USA. Die Show ‹Ice Cascades› beispielsweise lief während Jahren erfolgreich im Stoll-Theater im Londoner West End. Dieses legendäre Theater war im Jahr 1911 als ‹London Opera House› erbaut worden und ging während des Ersten Weltkriegs in den Besitz eines gewissen Oswald Stoll über, der dort erfolgreich ein Kino betrieb. Als die Deutschen 1940 / 41 London bombardierten, musste das Haus geschlossen werden, 59
zwei Jahre später starb Oswald Stoll. Aber das Stoll-Theater behielt seinen Namen und erlebte ab 1947 unter dem neuen Eigentümer Tom Arnold eine Renaissance als Veranstaltungsort spektakulärer Eisrevuen. Arnold nannte sich bald und gerne ‹Ice Impresario› – ein Impresario ist damals ein Produzent von Shows. 1958 wurde das Stoll-Theater abgerissen, um einem profanen Einkaufscenter Platz zu machen. Doch 1946, ein Jahr nach Kriegsende, als Otti in London ist, hungern die Menschen auf der Insel nach Unterhaltung jeglicher Art; die Produzenten auch im Londoner Westend setzen in Sachen Eisrevuen auf Expansion und suchen händeringend nach Personal für ihre gross besetzten Shows. Deshalb ist wohl auch ein Zürcher Eiskomiker mit dem Künstlernamen ‹Ghribi› in London engagiert, sein wirklicher Name ist nicht überliefert. Ausgerechnet ihm läuft Otti an einem Sommermorgen am Piccadilly Circus über den Weg, sie kennen sich von einigen Auftritten Ottis mit Buddy Elias in Schweizer Tourneeorten während des Krieges. Natürlich freut sich Otti, mitten in London einen Landsmann zu treffen. Der begrüsst ihn enthusiastisch in seinem breiten Züridüütsch: «Jä salli, Otti, was machsch denn Du usgrächnet z Londe?» Der Basler erklärt es ihm, sagt ihm aber auch, dass das Thema Eislaufen zurzeit für ihn keines sei. Ghribi lässt das nicht gelten: «Chumm jetz, das gisch mer nöd aa … weisch, ich bi bim Tom Arnold unter Vertrag. Und mir suechet wie wild Iiisclön!» Otti will davon nichts hören, aber immerhin: Die Einladung des Kollegen, am Abend die gerade laufende Show im Stoll-Theater zu besuchen, in der Ghribi selbst auftritt, nimmt Otti sehr gerne an. Warum auch nicht? Ist mal was anderes, als alleine rumzusitzen, so viele Leute hat er in London noch nicht kennengelernt. Zudem wollte er sich schon immer einmal das renommierte Stoll-Theater von innen ansehen – eins fügt sich also zum andern. Otti Rehorek ist dann am Abend rechtzeitig im Theater, und wie es der Zufall will, läuft er ausgerechnet dem Direktor, Gerald Palmer, über den Weg: «Der hatte trotz des Krieges, wo es viel schwieriger war, an gewisse Informationen heranzukommen, schon von uns gehört und wollte deshalb unbedingt Fotos von unseren Auftritten in die Hand bekommen», erzählt Otti. «Ich musste ihm sagen, dass ich nicht wegen des Schlittschuhlaufens auf die Insel gekommen war und selbstverständlich keine Bilder von uns dabeihatte.» Er ruft also am nächsten Tag aufgeregt von einer öffentlichen Telefonzelle aus seinen Freund Buddy in der Schweiz an und brüllt in den Hörer: «Schick sofort so viele Bilder als möglich!» Buddy tut wie ihm geheissen, ohne sich allerdings allzu viel dabei zu denken. Denn er hat 60
kürzlich seine Schauspielausbildung abgeschlossen, am Basler Theater im ‹Kaufmann von Venedig› seine erste Rolle gespielt, und bereits gibt es ein zweites Engagement am Zürcher Schauspielhaus in ‹Ein Leben lang› (‹The Time of Your Life›) von William Saroyan unter der Regie von Wilfried Seifert. «Seifert hatte für die Rolle einen jungen Schauspieler gesucht, der auch tanzen konnte. Danach übernahm er (Buddy, PB) für Curt Goetz, der gerade aus Amerika zurückgekommen war und eine Tournee durch die Schweiz plante, in seinem Stück ‹Das Haus in Montevideo› die Rolle des ältesten Sohnes», berichtet Mirjam Pressler. In London findet Mr. Palmer anscheinend die Fotos und das ganze Bewerbungsdossier so überzeugend, dass er bereit ist, sozusagen die Katze im Sack zu kaufen. Der Direktor bietet den beiden jungen Schweizern einen Profivertrag an und eine mehr als interessante Gage in englischen Pfund. Das ist damals, weil die englische Währung gegenüber dem Schweizer Franken um vieles stärker als heute ist, eine schöne Sache. Bald fährt Otti zurück nach Basel, um seinen Freund von diesem Angebot zu überzeugen. Buddy ist zwar bei Curt Goetz in Brot und Arbeit, denkt sich aber: «Ein Jahr oder auch etwas länger kann man das ja mal machen, was vergeben wir uns schon?» Zumal die englische Gage die eher niedrigen Schweizer Theaterhonorare finanziell aussticht. Einerseits sind die kleinen Rollen, die er bisher gespielt hat, künstlerisch nicht besonders attraktiv; andererseits hat er bereits schöne Publikumserfolge gefeiert, etwa als Mislin im ‹HD Läppli›. So erwägt Buddy hin und her. Das höhere Hindernis vor der Verwirklichung dieses englischen Traums trägt aber den Namen Friedrich Rehorek. «Der tobte natürlich. Nachdem er sich gerade halbwegs damit abgefunden hatte, dass sein Jüngster nicht Versicherungsmathematiker sondern Grafiker wird, nun das: eine Karriere als Spassvogel auf dem Eis!», schildert Otti die Lage. Den Englandaufenthalt hatte Otti seinem Vater vor allem mit dem Erwerb karrierefördernder Englischkenntnisse schmackhaft machen können, aber die Eis-Pläne ändern natürlich alles. Zwischen Vater und Sohn wird für einige Jahre ein im wahrsten Sinne des Wortes unterkühltes Verhältnis herrschen. Daneben gibt es noch eine weitere grosse Veränderung in Ottis Leben: Er und seine gleichaltrige Freundin Rosmarie beschliessen zu heiraten. «Auch da war mein Vater zuerst dagegen. Er fand, die Beziehung sollte sich auf Distanz erst einmal bewähren, dann könnten wir heiraten.» Schliesslich fügt sich Friedrich Rehorek einmal mehr ins Unvermeidliche, und im November 1947 gibt es ein rauschendes Fest: mit einer kirchlichen 61
Hochzeit von Rosmarie Wiedmer und Otti Rehorek, November 1947, hinten rechts: Trauzeuge Buddy Elias
Zeremonie in der Basler Pauluskirche, einem Bräutigam im Frack und einer Braut in Weiss, und die beiden stolzen Väter tragen Zylinder, wohl fast eine Selbstverständlichkeit damals. Natürlich sind auch Stephan und Buddy Elias an vorderster Stelle dabei. Die Wunschliste der Brautleute, in Schönschrift verfasst, verweist darauf, dass sich hier zwei Menschen verbinden, die damit rechnen, bald viel unterwegs zu sein und aus dem Koffer zu leben, weshalb auf der Liste unter anderem«1 Föhn (umstellbar für die Reise)», aber auch Reisetasche und Hutschachtel figurieren. Als Rosmarie und Otti sich das Jawort geben, haben Buddy und Baddy bereits ihre zweite Premiere hinter sich, allerdings nicht wie vorgesehen im Londoner Stoll-Theater. Denn die Show wird nicht nur in der englischen Hauptstadt gezeigt, sondern auch im Seebad Brighton – und in Brüssel. Weil dort ein Komiker ausfällt und kurzfristig Ersatz gesucht wird, starten die beiden Eisclowns ihr erstes Auslandsengagement in der belgischen Hauptstadt, ein gewöhnliches Telegramm hat sie kurzfristig dorthin umdirigiert. So feiern Buddy und Baddy sozusagen ihre zweite Premiere in Brüssel – nach der ersten, wenig beachteten von Rheinfelden, die nun schon einige Jahre zurückliegt. Man schreibt den März des Jahres 1947. Buddy allerdings muss vorher noch ein administratives Problem lösen: seine Schweizer Staatsbürgerschaft. Reist er nun ab, kann sich das Aufnahmeprozedere verlängern; immerhin wartet er schon einige Jahre darauf, Schweizer zu werden. Doch hier hätten sich die Behörden überaus nett und kooperativ gezeigt, erinnert sich Buddy Elias: «Ich konnte rechtzeitig und ohne Probleme als frischgebackener Schweizer nach Belgien reisen.» In Brüssel ist vieles ungewohnt, nicht nur das Essen oder die Menschen, auch die Arbeit auf dem Eis. Otti und Buddy müssen sich beispielsweise erst an eine kleine Bühne gewöhnen – eine Eisfläche in einem Theater mit Guckkastenbühne und Orchestergraben unterscheidet sich doch erheblich von den Eisfeldern der Schweizer Kurorte oder der Basler Kunschti. Da nimmt es nicht wunder, dass die beiden Eisclowns in der Hitze des Gefechtes tatsächlich einmal aus Versehen in diesem Graben landen. Vorerst aber haben sie ein ganz anderes Problem: Obwohl sie bis jetzt immer nur zu zweit aufgetreten sind, lassen sie sich von ihrem Landsmann Ghribi (wohl auch aus Dankbarkeit) dazu überreden, zu dritt aufzutreten – und das funktioniert überhaupt nicht. Zum einen seien ihre Nummern einfach nur für zwei Personen konzipiert gewesen, sagt Otti Rehorek. Und ausserdem habe der Kollege aus Zürich nicht den geringsten Einsatz gezeigt: «Er markierte einfach immer nur, es war zum Verzweifeln!» 63
Auf dem Foto einer Dreiervorstellung wirkt das Ganze eher auch wie eine Aufführung auf einer klassischen Guckkastenbühne: Vorne legen zwei Eis-Schönheiten mit Aufputz und kurzen Röckchen Figuren aufs Eis, wie man es kennt. Dahinter sitzen auf zwei Stühlen und mit gesenkten Köpfen Buddy und Baddy, links von ihnen Ghribi, mit Hut im Nacken und einer Flasche vor sich, und rechts von ihnen eine Barfrau. Dieses Arrangement scheint niemanden überzeugt zu haben, die Reaktionen des Publikums fallen jedenfalls entsprechend aus – und die internationale Karriere von Buddy und Baddy wäre beinahe zu Ende gewesen, ehe sie richtig begonnen hatte. 1957 erinnert der Journalist und Autor Jo Wiedmer im ‹Schweizer Familienwochenblatt› an diese Anfänge: «Frau Rehorek, die im Parkett sass, starrte entsetzt auf das Eis. Im Büro herrschte dicke Luft, der Manager tobte, und die Situation wurde nur dadurch gerettet, dass der Star der Revue – Len Stewart – sich den Jammer der Schweizer zu Herzen nahm und ihnen in kameradschaftlicher Weise riet, diesen dritten Mann abzusetzen.» Das 64
Brüsseler Dreiervorstellung mit Buddy und Baddy (mit gesenkten Köpfen) und Ghribi (links), 1947
passiert dann auch, der «dritte Mann» wird zurück in die Schweiz spediert, und die beiden Basler bekommen bereits am nächsten Abend eine weitere Chance. Darüber berichtet dasselbe Magazin: «Schon als sie das Eisfeld betraten, gab es Lacher. Und je mehr sie sich in ihre Nummern hineinlebten, desto mehr Erfolg hatten sie. Baddy, der lange Marinesoldat, und Buddy, der kleine Sergeant, arbeiteten ihre Nummern mit phantastischer Präzision durch, ihre Komik war unwiderstehlich. Es dauerte nicht lange, und die beiden Schweizer wurden zur eigentlichen Attraktion der Show.» Zu ihrem schnellen Erfolg trägt sicher bei, dass auch das belgische Publikum die schrecklichen Kriegsjahre vergessen will und deshalb die humoristische Auflockerung der ansonsten ernsthaften Eisrevue dankbar annimmt, auch wenn diese Szenen im rund zweistündigen Programm nur etwa zehn Minuten füllen. In der Regel absolvieren Rehorek und Elias zwei Nummern in der Revue, im ersten Teil eine Tanznummer, bei der sie nicht selten in andere Kostüme schlüpfen, und als Zweites die klassische 65
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Die erfolgreichen Minstrel-Nummern: beim Schminken und auf dem Eis 67
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Buddy und Baddy als Matrosen
Clownnummer mit viel Situationskomik – etwa wenn der kleinere Buddy sich schlangenartig zwischen Ottis Beinen hindurchwindet und sich gleich anschliessend aufs Eis legt. «Umgekehrt hätte das natürlich nicht funktioniert, weil ich grösser und schwerer als Buddy war», erklärt Otti. Das Brüsseler Gastspiel läuft erfolgreich über acht Monate, die Zeitungen berichten laufend, das Publikum ist begeistert, die Karriere von Buddy und Baddy lanciert. Dabei wird an diesem Ort gleichzeitig der Grundstein gelegt für Buddys andere, ernsthafte Aufgabe als Cousin von Anne Frank und vor allem als ihr Nachlassverwalter. In Brüssel trifft Buddy nämlich zum zweiten Mal seit dem Krieg seinen Onkel Otto Frank, den Vater von Margot und Anne. Der 58-Jährige hat die Zeit nach der Befreiung aus dem KZ zuerst damit verbracht, seine beiden Töchter und seine Frau Edith zu suchen. Im Dezember 1945 konnte er nach Basel reisen und sah dort auch Stephan und Buddy. Jener Besuch stand unter dem Vorzeichen der traurigen Gewissheit, dass seine Frau und seine beiden Töchter ebenso ermordet worden waren wie Millionen andere. Er hatte nach Kriegsende von der gebürtigen Österreicherin Miep Gies das Tagebuch von Anne erhalten und seither einen Verleger gesucht, um es als Zeugnis der schrecklichen Ereignisse zu veröffentlichen. Nun kann Otto 69
Mit der Tom-Arnold-Show 1949 in London, oben rechts: Heinie Brock 71
Otto Frank (1889 – 1980)
Frank kurz nach der Begrüssung in Brüssel seinem Neffen fast feierlich das auf Holländisch verfasste Buch ‹Het Achterhuis› (Das Achterhaus) überreichen. Der Titel benennt den Ort in Amsterdam, an dem die Familie Frank während des Krieges versteckt war, der Untertitel heisst: ‹Dagboekbrieven van 14 juni 1942 – 1 augustus 1944›. Otto Frank informiert Buddy darüber, dass die ‹TagebuchBriefe› in weiteren Sprachen, darunter auch auf Deutsch, erscheinen sollen. Onkel und Neffe nutzen diese erste Begegnung auch für viele Gespräche über die schrecklichen Jahre der Schoa, die sie so unterschiedlich verbracht haben, wenn auch die Familie Elias in Basel täglich an die Verwandten im besetzten Holland gedacht hat. Und dennoch oder erst recht lässt sich Otto die Gelegenheit nicht entgehen, sich Buddys Auftritt anzuschauen. «Es hat ihm offensichtlich gefallen», erinnert sich Buddy viele Jahre später. «Wir haben ihm einen Platz in der ersten Reihe organisiert und haben so mitbekommen, dass er gelacht hat – und zwar nicht nur einmal.» Nach der Vorstellung kommt Otto Frank hinter die Bühne und verrät seinem Basler Neffen, dass er «richtig stolz» auf ihn sei. Danach trennen sich die Wege der beiden vorerst wieder. Bald danach verlassen auch Buddy und Baddy Brüssel und reisen an den Ort, wo ihre Auslandskarriere richtig in Gang kommen wird: ins südenglische Seebad Brighton. Wie wir bereits gesehen haben, haben Eislauf-Shows in den englischen Seebädern, etwa in Bournemouth seit 1932 und in Blackpool seit 1937, bereits eine längere Tradition und ergänzen das reichhaltige 72
Plakat der Tom-Arnold Show in Brighton, 1948
Matrosen-Nummer mit Akrobatik
Unterhaltungsangebot für die sommerlichen Feriengäste. In Brighton finden die Vorführungen im ‹Sports Stadium› an der West Street statt, das Mitte der Dreissigerjahre mit dem weltgrössten Meerwasserpool prunken konnte. Doch weil die einheimische Eishockeymannschaft, die ‹Brighton Tigers›, dringend eine Spielstätte suchte, wurde das Schwimm- zu einem Eisstadion und beherbergt nun im Sommer die überaus populären Eislauf-Shows. Hier, in der etwas grossspurig benannten ‹Ice Rhapsody›, haben Buddy und Baddy ihren ersten Auftritt in England. Nicht weniger pompös werden die beiden Schweizer Eisclowns im Programmheft angekündigt: «When the Swiss alps sent us these two funsters, they were doing their bit to aid our national recovery. For these crazy guys will help you to forget any blues or rationing problems which may be in the back of your minds.» Die Verfasser versprechen also, dass die beiden Spassvögel aus 74
den Schweizer Alpen offensichtlich nach England gekommen sind, um das Publikum vom schwierigen Nachkriegsalltag, etwa der Lebensmittelrationierung, abzulenken und bei der ‹nationalen Erholung› zu helfen. Marktschreierisch heisst es: «When the lights are low be prepared for anything – Otti Rehorek and Buddy Elias will certainly give it to you»; als könnten die beiden Eisclowns die Zuschauer in eine andere Welt entführen, wo es keine Sorgen gibt. Zu sehen sind neben dem Text zwei kleine Bilder: Buddy und Baddy als Matrosen mit dicken Schnäuzen und als schwarz geschminkte ‹Minstrels› mit grossen Strohhüten im Stil des ersten Tonfilm-Sängers Al Jolson. Dies bezog sich auf die sogenannten Minstrel Shows, in denen weisse Clowns schwarz geschminkt und mit wollenen Perücken schwarze Musik und Tänze karikierten. Das erste längere Engagement von Buddy und Baddy bei ‹Ice Rhapsody› beginnt im Frühjahr 1948. Was die Bühne betrifft, so fühlen sich die beiden Schweizer, nach Brüssel, eher wieder an heimatliche Gefilde erinnert – wie dort ist es hier ein grosses Eisfeld. Sonst aber ist in Brighton doch einiges anders als in den Schweizer Kurorten: Zum Beispiel gibt es hier eine regelrechte Zirkusmanege auf dem Eis, ebenso ein erhöht platziertes Orchester. Und wie im Zirkus marschieren beim Schlussapplaus alle Artisten nochmals auf. Buddy und Baddy zeigen dabei als Matrosen Ruderpaddel mit dem Schweizer Kreuz, «obwohl wir uns eigentlich nicht speziell als Schweizer Botschafter im Ausland fühlten», bemerkt Otti dazu. In Brighton treffen Buddy und Baddy auch erstmals (aber nicht zum letzten Mal) auf einen ehemaligen Eislaufstar, der seine Karriere wenigstens teilweise in Eisrevuen fortsetzt. Die Engländerin Cecilia Colledge wurde 1937 in London Eislauf-Weltmeisterin und war Europameisterin der Jahre 1937 bis 1939, damals gastierte sie auch auf der Kunschti. Sie ist die grosse Rivalin und ‹ewige Konkurrentin› der Norwegerin Sonja Henie und nahm schon an den Olympischen Spielen in Lake Placid im Jahr 1932 teil – und vor allem ist sie die erste Frau der Eislaufgeschichte, die einen doppelten Sprung, den sogenannten Salchow, schafft. Treibende Kraft hinter ihrer erfolgreichen Karriere ist anscheinend ihre Mutter Margaret, deren Ehrgeiz für ihre Tochter offenbar so weit geht, dass sie diese nicht nur trainiert und betreut, sondern auch noch als Claqueurin fungiert, wie sich Buddy und Baddy erinnern. Wichtiger als die Bekanntschaft mit Cecilia Colledge, für die diese Revue-Auftritte nur ein Zwischenspiel vor einer sehr erfolgreichen Trainerlaufbahn in Boston sind, wird für die beiden Schweizer der Kontakt mit dem amerikanischen Eiskomiker Heinie Brock. Er wird in 75
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Finale der Tom-Arnold-Show, Sommer 1948 77
der Karriere von Buddy und Baddy noch eine Rolle spielen. Daneben gibt es weitere Künstler, die heute niemand mehr kennt: die ‹Whittington Sisters›, June Pettigrew oder den aus Österreich stammenden ehemaligen Eisläufer Herbert Alward, der immerhin zu den Stars von ‹Ice Rhapsody› gehört. Nach Brighton geht es für die Rehoreks und Elias weiter nach London, für Otti so eine Art Rückkehr. Vorher wechseln Buddy und Baddy aber noch ihren Agenten, mit dem sie nicht mehr zufrieden sind, weil er sie anscheinend übers Ohr haut und sich zu wenig um Engagements bemüht. Damit hat dann auch der spätere Wechsel von Tom Arnold zu einer skandinavischen Eisrevue zu tun. Doch vorläufig ist ihr Wirkungsort London, wo auch das erste Kind der Rehoreks, Sohn Ronnie, zur Welt kommt. Wie damals üblich ist der Vater bei der Geburt im ‹Hammersmith Hospital› nicht dabei – er wird telefonisch ins Spital gerufen, als es dann soweit ist. Dafür drückt der Pfarrer einige Tage später bei der Taufe das Baby am Ende nicht Otti, sondern dessen Bühnenpartner Buddy in die Arme – weil er ihn für den Vater hält. So ganz daneben ist das nicht: Immerhin wird Buddy Ronnies Taufpate. In England fühlen sich die beiden Eisclowns sehr wohl und machen sich – abgesehen von den Problemen mit dem Agenten – noch keine Gedanken darüber, wie ihre Karriere, die nach anfänglichen Schwierigkeiten ganz gut angelaufen ist, ihre Fortsetzung finden könnte. Dass sie diese noch weiter in den Norden Europas führt, darauf hätten Buddy und Baddy nicht unbedingt gewettet, aber schon bald wird es Tatsache.
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1949 Populär unter Pyramiden
Eislauf-Shows und Eisrevuen gehören wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg unzweifelhaft zu den beliebtesten Unterhaltungsprogrammen für ein breites Publikum – und wenn sie in vielen Ländern nicht oder noch nicht existieren, dann importiert man sie einfach. Diese Marktlücke startet zum Beispiel den Siegeszug der Truppe von Tom Arnold, bei der Buddy Elias und Otti Rehorek ihre internationale Karriere lancieren. Ein anderes Erfolgsrezept ist die Idee der ‹Wiener Eis-Revue›, Elemente der Wiener Operette mit Showelementen auf dem Eis zu verbinden. Dagegen steht die international bekannteste Eisrevue, die amerikanische ‹Holiday on Ice›, erst in den Startlöchern. Sie wird in den kommenden Jahren die Welt erobern; doch davon später mehr. Ebenfalls gut im Geschäft ist in jenen Jahren eine skandinavische Eisrevue namens ‹Scan Revue› (oder ‹Scan Show›), ihr Management sitzt in Kopenhagen. Dort nimmt man die beiden Schweizer genauer unter die Lupe, denn die dänischen RevueBosse haben davon gehört, dass Buddy und Baddy auf der britischen Insel zwar erfolgreich, aber nicht mehr so zufrieden sind – solche Neuigkeiten verbreiten sich schnell in diesem Business, das eine gewisse Überschaubarkeit hat. Man wird bald handelseinig, Buddy und Baddy sind offen für Neues und lassen sich auch von der Gage in amerikanischen Dollars gerne überzeugen. Die US-Währung steht im Vergleich zum Schweizer Franken gut da (nur das englische Pfund ist noch attraktiver), und die langen skandinavischen Sommernächte, die gerade vor der Türe stehen, bieten einen zusätzlichen Reiz. Wie sich herausstellt, brauchen die Chefs der ‹Scan Revue› ihren Entscheid nicht zu bereuen, die beiden Basler treffen auch den Geschmack des skandinavischen Publikums. Vor allem in den dänischen Städten ist der Erfolg überwältigend. So kann Buddy in einem Brief an seine Mutter zu deren Geburtstag im September 1949 in launigen Worten schreiben: «Ja, liebe Clownmutter, die Zeiten ändern sich. Ich glaube nicht, dass sich der Herr AltBankdirektor Frank (Michael Frank, der Vater von Leni EliasFrank, PB) in Frankfurt jemals hat träumen lassen, dass sein Enkel mal mit grünen Haaren ein Zirkuspublikum amüsiert. Was wird er wohl gesagt haben, als er mich vom Himmel aus gesehen hat?» (Mirjam Pressler: «Grüsse und Küsse an alle») Aus reinem Zufall kreieren Buddy und Baddy während dieser Tournee eine Nummer, die sie dankbar in ihr Repertoire aufnehmen: Bei einem ihrer Auftritte wagt sich nämlich ein vorwitziger Fotograf aufs Eis, dem es offenbar nicht reicht, nur von den Zuschauerplätzen aus Bilder zu schiessen. Er tut dies mit einer Ausrüstung, die in den späten Vierzigerjahren noch immer 80
Buddys Ford, Baujahr 1934
ziemlich umfangreich ist. Prompt fährt Buddy während einer seiner Nummern unabsichtlich in den Mann hinein, dieser purzelt aufs Eis und verstreut seine ganze Ausrüstung inklusive Stativ um sich herum. Das Publikum ist davon so begeistert, dass von nun an in jeder Show in einem bestimmten Moment ein ‹Fotograf› (natürlich ein Angestellter der Show) auf dem Eis auftauchen, auffällig und umständlich agieren und von den beiden Clowns umgefahren werden wird. Die beiden Basler sind nun ziemlich eingespielt und müssen tagsüber weniger trainieren. Die Rehoreks haben so mehr Zeit für ihr kleines Baby, und der noch ungebundene Buddy hat viele freie Stunden. Er ist mit den Gedanken oft in Basel, vor allem bei seinem Bruder Stephan, der sich nur langsam von seiner Krankheit erholt. Trotz dieser Sorge geniesst er die Zeit im hohen Norden. Dabei kommt ihm auch zugute, dass er mit dem eigenen Wagen nach Skandinavien gekommen ist, einem Ford Baujahr 1934. Seinen Führerschein hatte er allerdings nicht in Basel, sondern ausgerechnet in der Metropole London gemacht, was ein wenig darauf verweist, dass Buddy und Baddy neben Training und Vorstellung immer noch Zeit für anderes fanden. Nun fällt auf den damals noch wenig befahrenen Strassen sein Basler Nummernschild auf. Und dieses Kennzeichen sorgt dann für eine lustige Anekdote: Als Buddy einmal an einen 81
Matrosen-Nummer in Kairo, 1949 / 50
diese Nummer selbstverständlich tabu. Aber dass es auch bei westlich gekleideten Frauen Probleme geben konnte, merkt Buddy eines Abends. Er erzählt: «Zur Sicherheit suchte ich mir als potenzielle ‹Opfer› für meine Nummer wenn möglich blonde Frauen aus. Ich ging einfach davon aus, dass es sich hier um Europäerinnen handeln würde, was natürlich etwas naiv war.» So landet er während einer Vorstellung auf dem Schoss einer blonden Dame – und muss entsetzt konstatieren, dass ihr Begleiter erstens Ägypter und zweitens offensichtlich alles andere als begeistert ist: «Er starrte mich mit immer weiter aufgerissenen Augen an und begann sofort, im Innern seines Anzuges herumzunesteln. Ich fürchtete, er würde ein Messer oder sogar eine Pistole hervorholen und auf mich losgehen, so eifersüchtig schien er zu sein», erinnert sich Buddy. Und flüchtet darum unter dem Gelächter und Applaus des amüsierten Publikums sofort wieder aufs Eis. Bis heute weiss er nicht, ob seine damalige Angst vor dem eifersüchtigen Begleiter begründet oder doch unnötig war. Der Aufenthalt in Ägypten ist spannend, aber auch teilweise anstrengend. Buddy fängt unter anderem eine Gelbsucht ein und muss sich in Alexandria mehrere Wochen in Spitalpflege begeben, was den Ausfall des einen oder anderen Auftritts bedeutet. 88
Ein Krokodil als Requisit am Nil 90
Und ein an sich harmloser Ausflug in die Wüste nimmt dramatische Züge an. Buddy ist mit einem ägyptischen Bekannten unterwegs, mit von der Partie sind auch eine junge Eisläuferin und ein Eisläufer. In einem Dorf werden sie plötzlich von mehreren Männern mit Gewehren umringt: «Die wollten aber kein Geld von uns, sie wollten das Mädchen.» Der ägyptische Freund am Steuer bekommt Panik und startet durch: «Ganz gelang die Flucht aber nicht, den Eisläufer zerrten die Männer aus dem Wagen.» Die Gruppe fährt ins nächste Dorf, um Hilfe zu holen, aber: «Die Polizisten, denen wir von der Sache erzählten, machten zuerst einmal die Hand auf – sie wollten ein Bakschisch.» Erst als dieses entrichtet ist, machen sich die Ordnungshüter auf den Weg und kommen noch rechtzeitig, um den bedauernswerten Kollegen zu befreien und die Kidnapper zu verhaften – glimpflicher Ausgang einer Geschichte, die auch anders hätte enden können. Weitgehend keine Rolle spielt dagegen der Umstand, dass Buddy Elias Jude ist und das jüdisch-arabische Verhältnis nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 seinen ersten absoluten Tiefpunkt erreicht hat. Dennoch wird ihm im Laufe der Tournee der ägyptische Boden etwas zu heiss. Die skandinavischen Manager haben sich vorsichtshalber bei der ägyptischen Botschaft und auch direkt im Land explizit erkundigt, ob Buddys Religionszugehörigkeit ein Problem sein könnte, was von den Behörden klar verneint wurde. Doch Mirjam Pressler berichtet, dass Buddy auf Nummer sicher gehen wollte und seinen Eltern und seinem Bruder nach Hause schreibt: «Es wird besser sein, wenn ich mich (...) als Protestant ausgebe, falls ich danach gefragt werde. Ich verleugne meine Religion nicht gern, aber für 5 Monate ist das nicht schlimm. Besser ist besser.» Entsprechend sucht er deshalb auch keinen Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft im Land. Ende 1949, als die ‹Scan Revue› in Ägypten gastiert, leben noch circa 65 000 Jüdinnen und Juden dort, die meisten davon in Kairo, vor dem Krieg von 1948 waren es etwa zehntausend mehr gewesen. Und der Suez-Krieg von 1956 wird den Exodus von weiteren etwa 25 000 ägyptischen Juden vor allem nach Israel nach sich ziehen. Im öffentlichen Leben sind die jüdischen Ägypter zwar nicht besonders präsent, doch der Zufall will es, dass mehrere Hotelangestellte, die Buddy trifft, Juden sind. Mit ihnen unterhält er sich gerne, auch über die jüdische Gemeinde im Land. Erst als sich sein Aufenthalt schon langsam dem Ende zuneigt, erhält Buddy doch noch eine polizeiliche Vorladung – der er jedoch keine Folge leistet, um kein Risiko einzugehen. Er will lieber nicht erfahren, warum genau und worüber ihn die ägyptischen Behörden ‹befragen› wollen. 91
Nach einem guten halben Jahr endet das Gastspiel in Ägypten und das Ensemble der ‹Scan Revue› reist wieder nach Nordeuropa zurück. Dies allerdings erst, nachdem alle am Zoll gefilzt werden und einige Dinge zurücklassen müssen; vermutlich haben sie es verpasst, das übliche Bestechungsgeld zu bezahlen. Der Rückflug nach Kopenhagen schliesst diese Tournee passend abenteuerlich ab, indem auch ein Teil des Dekors der Show in der gleichen Maschine transportiert wird: «Die Gänge waren vollgestellt und das Flugzeug hatte beim Start Mühe, überhaupt hochzukommen», erinnert sich Otti. Eindeutig wurden damals die Sicherheitsbestimmungen im Flugverkehr um einiges lockerer gehandhabt als heute. Noch in Ägypten wird Buddy Elias eine persönliche Entscheidung treffen, die ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart hat: Er kauft das Haus Herbstgasse 11, in dem die Familie schon lange zur Miete lebt. Die Vermieterin stellt die Elias nämlich vor die Wahl, die Liegenschaft zu kaufen oder auszuziehen. Und weil Buddy seit einigen Jahren gut verdient und anders als sein Freund Otti (noch) keine Familie ernähren muss, kann er das Haus für die Familie erwerben. «Ich hoffe nur, dass ich weiterhin gesund bleibe und so verdienen kann, sonst bin ich a. A.», schreibt er, ziemlich unverblümt, in dieser Zeit an seinen Vater. Dieser salopp formulierte Satz bezieht sich eigentlich auf die ganze Familie, denn Vater Elias wurde Ende der Dreissigerjahre als Jude aus der deutschen Firma, die ihn in die Schweiz geschickt hatte, hinausgeworfen und kann seit Jahren nur noch mit Gelegenheitsarbeiten Geld verdienen. Es ist vor allem Leni Elias, die mit ihrem Antiquitätenladen die Familie durchbringt, und Buddys Beiträge sind sicher willkommen. Die beiden Eisclowns stehen nach Ägypten noch einige Zeit bei der ‹Scan Revue› unter Vertrag. Aber schon bald kommen sie zu einer Eisrevue, die für viele zum Synonym für Showkunst auf dem Eis geworden ist: die amerikanische ‹Holiday on Ice›.
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1950 Mit ‹Holiday on Ice› in den USA
Eisclowns Buddy und Baddy zu engagieren, und zwar ‹for the run of the show› (solange diese Show läuft)», sagt er bedeutungsschwer. Vor allem Buddy Elias ahnt in diesem Moment noch nicht, dass dies für ihn ein jahre-, ja beinahe jahrzehntelanges Engagement in der ganzen Welt bedeuten wird. Otti und Buddy sind natürlich überglücklich, für die renommierteste Eislauf-Show der Welt starten zu dürfen, auch wenn sie wissen, dass dieses Engagement mehr und weitere Reisen mit sich bringen wird. Sie sollen nämlich, das ist schon klar, in den USA auftreten und dort auch wohnen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Vorerst einmal reisen sie nach Norwegen zurück, denn ihr aktueller Vertrag läuft noch für einige Monate. Gedanklich sind sie aber vermutlich schon beim neuen Arbeitgeber, so wie das manchmal Fussballspielern nicht anders ergeht, wenn der Vertrag beim neuen Club bereits unterzeichnet ist, jedoch noch einige Spiele für den alten zu absolvieren sind. Vor allem machen sie sich bereits Gedanken über das amerikanische Publikum, das schon damals als anspruchsvoller und verwöhnter als das europäische galt. Ihre Premiere als Eisclowns bei ‹Holiday on Ice› feiern sie dann aber nicht in den USA, sondern in der italienischen Hafenstadt Genua. Dabei merken sie schnell, dass diese amerikanische Revue um einiges perfekter und genauer konzipiert ist als ihre bisherigen Eislauf-Shows. Die Auftritte werden mit der Stoppuhr gemessen, auch hinter der Bühne herrscht eine fast militärische Ordnung; davon später mehr. Dazu ist die Eisfläche der Show um einiges grösser, als sie es gewohnt sind, vor allem im Vergleich zu Brüssel und zum Stoll-Theater; eine ungewohnte Umstellung für Buddy und Baddy. So sitzen sie denn nach einer der ersten Vorstellungen eines Abends in der Garderobe und überlegen, wie sie den schnellen Anschluss an die neuen Kolleginnen und Kollegen finden wollen. «Wir müssen wohl in dieser ersten Zeit noch mehr trainieren», meint Otti. Das sieht auch Buddy so und fügt noch an: «Vielleicht sogar direkt nach den Vorstellungen, ganz für uns allein.» Es folgen harte Wochen für die beiden Basler, doch ihr Einsatz wird sich bald auszahlen. Ungewohnt ist auch eine andere Besonderheit von ‹Holiday on Ice›: Buddy und Baddy müssen neben ihren eigenen Nummern am Schluss zusammen mit den anderen Komikern der Show nochmals in einer gemeinsamen ‹group comedy› auftreten. Auch das haben sie bis jetzt nicht gekannt und müssen dazulernen. Da gibt es zum Beispiel eine Nummer, in der alle Eiskomiker als Bauarbeiter auftreten, Buddy als kleinster Akrobat wird ausgestopft und von den anderen in den Schwitzkasten 98
genommen: «Schliesslich gab es einen Knall und viel Rauch, und ich – inzwischen hatte ich mich all der ausgestopften Kleider entledigt – fuhr als schlanker Bauarbeiter meine Pirouetten.» Das Publikum habe diese ‹group comedy› geliebt, bestätigen beide, «aber wir machten es eigentlich nicht besonders gerne. Diese Art von Humor erschien uns, bei aller Liebe zur Komik, denn doch zu plump und flach.» Doch der Kunde ist auch im Eisrevue-Business König, und die Schlussnummer, in der nochmals ein Feuerwerk auf dem Eis gezündet werden soll, wird jahrelang auf dem Programm bleiben. Dennoch können sie bei diesen Umstellungen stets auf die praktischen Ratschläge der neuen Kolleginnen und Kollegen zählen. Auch die Choreografin der Show steht oft an der Seite und gibt ihnen hilfreiche Tipps – alles Faktoren, die zum Erfolg von ‹Holiday on Ice›, aber auch von Buddy und Baddy beitragen. So erreicht die Show die letzte Station auf europäischem Boden, bevor die Rückreise per Schiff in die USA ansteht: die Weltstadt Paris. Das verwöhnte französische Publikum findet an den Spässen der beiden Clowns grossen Gefallen, und Morris Chalfen kann sich zur Verpflichtung von Buddy und Baddy gratulieren. Er ist denn auch optimistisch, dass das amerikanische Publikum ebenso positiv auf die Schweizer Eisclowns reagieren wird. Der Abschied von Paris und damit von Europa rückt näher – die Mitglieder von ‹Holiday on Ice› sollen rechtzeitig für die Jahresend-Shows in den USA sein. Von Flugzeugreisen für ein so grosses Ensemble war damals wohl aus Kostengründen noch nicht die Rede. Die Rehoreks und Buddy Elias gehen an Bord der ‹Caronia›, nicht dabei ist diesmal der knapp zweijährige Ronnie Rehorek. Er war in Paris an Masern erkrankt, und Otti und Rosmarie wollen ihn bei den Grosseltern in Basel lassen. So holt ihn Mutter Rehorek in Paris ab. Dass diese Trennung noch dramatische Folgen für die Familie Rehorek haben wird, kann zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Die mehrtägige Überfahrt von Portsmouth nach New York verläuft ziemlich stürmisch, die meisten Passagiere werden seekrank und lassen sich nicht blicken, schon gar nicht im Speisesaal. Ausgerechnet die Ensemblemitglieder von ‹Holiday on Ice› bleiben verschont und kommen in den Genuss der fast ungeteilten Aufmerksamkeit des Schiffspersonals. Die Rehoreks können auf hoher See sogar einmal ein wenig schmunzeln, als sie in der täglich erscheinenden Schiffszeitung als «Mr. and Mrs. Rehdrek from Switzerland» bezeichnet werden. Nach der Ankunft in New York und den Zollformalitäten warten auf dem Festland bereits Autobusse auf die Reisenden, denn die amerikanische 99
Rosmarie und Otti auf dem Schiff Richtung USA, 1950
Premiere von ‹Holiday on Ice› wird nicht in New York City selbst stattfinden, sondern in Albany, der Hauptstadt des Staates New York. Ihre erste Station in den USA ist allerdings White Plains, ebenfalls im Staat New York, wo sie untergebracht sind. Rosmarie soll hier bleiben und sich häuslich einrichten, denn sie ist wieder schwanger. Für Buddy und Baddy gilt es nun ernst: Ihre ersten Tourneewochen werden sie der Ostküste entlang nach Neuengland und bis hinauf in den Bundesstaat Maine an der kanadischen Grenze führen. Die Orte dieser ersten Auftritte auf amerikanischem Boden sind nicht gerade die grossen Zentren des Landes, sie heissen Portland, Altoona, Scranton – oder Bangor, Maine. Der Aufenthalt in dieser Kleinstadt mit gerade einmal dreissigtausend Einwohnern im Winter 1950 ist den beiden in bleibender Erinnerung, weil sie fast erfroren wären. Denn die erfolgsverwöhnte Show gastiert nicht wie üblich in einem Eisstadion oder zumindest in einem Ausstellungspavillon, sondern ausnahmsweise in einer Flugzeughalle. «Dort herrschten eisige Temperaturen, es war ein kalter Winter», erinnern sich Otti und Buddy. Die Zuschauer hätten ihre dicken Wintermäntel anbehalten. «Und wer vom Ensemble nicht gerade einen Auftritt hatte, dem oder der wurde von unserem Manager Whiskey eingeflösst, das sollte wärmen», fügt Otti schmunzelnd an. Auf die Leistungen des Ensembles habe die Kälte aber keinen Einfluss gehabt, «die Show lief genauso ab wie an fast allen anderen Orten». 100
Die beiden sind auch Profis genug, um zu sehen, dass dieses Tingeln durch die Provinz ihnen ermöglicht, erste Auftrittserfahrungen in den USA sammeln. Wenn man den Zeitungsausschnitten glauben darf, stehen sie anfangs noch ein wenig im Schatten der Stars der Show – etwa von Marshall Beard, dem früheren Eislaufpartner von Sonja Henie, oder der jungen Schwedin Gun Hammarin, mit der Buddy und Baddy schon in Skandinavien und in Ägypten auf Tournee waren. Erfolg hat nicht zuletzt der Franzose Paul André, der wie sie im komischen Fach zu Hause ist. Nach einem etwas verhaltenen Beginn gewinnen die Darbietungen des Duos jedoch bald an Fahrt, und in nicht wenigen Vorschauen werden Buddy und Baddy als «Europe’s greatest skating comedians» bezeichnet. Es kommt gut an, dass sie auch im Kostüm klassischer Zirkusclowns auftreten. So schreibt eine Lokalzeitung, die beiden brächten «traditional clowning to the ice in a delightful manner», dass sie also ganz herrlich klassische Clownnummern auf dem Eis vorführten. Auch ihre akrobatischen Fähigkeiten stossen auf Begeisterung. Und ein anderer Kritiker erklärt sich ihre Gelenkigkeit damit, dass die beiden Schweizer «probably learned to crawl on the frozen slope of some Alpine hill», dass sie wahrscheinlich auf dem eisigen Abhang eines Schweizer Berges das Laufen gelernt hätten. Klischees sind nicht totzukriegen, und für viele Amerikaner steht ‹Swiss› schnell einmal gleichbedeutend mit ‹Hochgebirge›. Buddy und Baddy stören sich daran nicht; viel wichtiger ist ihnen, dass sich ihre anfänglichen Befürchtungen, sie könnten beim amerikanischen Publikum durchfallen, als völlig unbegründet erwiesen haben. Vor allem ihre ‹Minstrel›-Nummer, bei der sie, als Schwarze geschminkt, völlig parallele Bewegungen machen, kommt gut an und wird gar als ‹amerikanisch› gelobt – wohl die höchste Auszeichnung. Dabei könnte man diese beliebten ‹Minstrel›-Nummern auch als rassistisch ansehen, weil sie eigentlich nur Klischees über die angeblich fröhlich singenden und tanzenden Schwarzen darbieten. Davon ist in der Presse jedoch nichts zu lesen. Eher wird die zweite Nummer von Buddy und Baddy (‹Happy Vagabonds› und / oder ‹Caliope Happy›) vereinzelt dafür kritisiert, dass sie zu langsam, zu europäisch sei. Letzteres gilt offenbar, im Gegensatz zum ‹amerikanischen Stil›, als wenig schmeichelhaft. Die beiden verwenden in der Folge viel Zeit darauf, diese Nummer zu perfektionieren und vor allem schneller zu machen, was ihnen auch gelingt. Nach diesen ersten, erfolgreichen Vorstellungen auf amerikanischem Boden können Otti und Buddy zufrieden einige Tage Feiertagsruhe in White Plains ins Auge fassen. Sie freuen sich 101
Vorbereitung und AusfĂźhrung der klassischen Clownnummer, mit Schweizer Paddel, 1950 102
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Essen ausnahmsweise im KostĂźm, mit Otti und Buddy
Unterbrochen werden diese Tourneewochen ‹nur› durch die Geburt von Mike, der Anfang 1951 in White Plains zur Welt kommt und damit auch einen amerikanischen Pass erhält. Otti ist wie schon bei Ronnies Geburt nicht dabei, diesmal weil er in den Südstaaten ist. Aber er erhält einen kurzen Urlaub, um den inzwischen drei Wochen alten Sohn erstmals in den Armen zu halten, bevor es noch einige Wochen weitergeht. Letzte Station der Tournee wird dann New York sein. Ein Zeichen für den lockeren Umgangston zwischen Buddy und Baddy, die inzwischen schon einige Jahre Partner sind, ist übrigens das Telegramm, das Buddy Rosmarie nach White Plains schickt: «If the baby looks like Baddy, just throw him away» (Falls das Baby aussieht wie Baddy, wirf es einfach weg) steht da tatsächlich, natürlich nicht ernst gemeint. In New York entscheidet sich die unmittelbare Zukunft von Buddy und Baddy. Dabei spielen nicht Engagements oder Tourneepläne die Hauptrolle, sondern die Politik. Nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die aktuelle Weltlage bereits wieder verdüstert, in Korea stehen sich Ost und West in einem neuen Krieg gegenüber. Der Weltkriegsgeneral Dwight D. Eisenhower kündigt in jenen Tagen mit dem eingängigen Slogan ‹I like Ike› seine Bewerbung als republikanischer Präsidentschaftskandidat an. Weil verschiedene Clowns der in Europa laufenden Show von ‹Holiday on Ice› amerikanische Staatsbürger sind und deshalb keinen Urlaub vom Militär erhalten, sollen die beiden Schweizer sie in Europa ersetzen. ‹Holiday on Ice› ist nämlich unterdessen ein regelrechtes Grossunternehmen geworden, mit vier gleichzeitig tourenden Revuen: zwei in den USA, eine in Südamerika und eine in Europa. In einer Werbebroschüre für den Berner Auftritt der beiden Eisclowns im Oktober 1951 wird es dann heissen: «Dass wir sie nun (...) am 15. Oktober in der Berner Festhalle sehen dürfen, entsprach nicht dem Willen der Direktion von ‹Holiday on Ice›, die Buddy und Baddy lieber als Spitzenstars in den USA hätte. Da aber gegenwärtig die USA ihre Bürger im dienstpflichtigen Alter nicht gerne ausreisen lassen, mussten im letzten Augenblick die zwei für die Europatournee vorgesehenen Clowns zurückbleiben. An ihre Stelle sind nun die Schweizer getreten.» Buddy und Baddy kommen im Frühjahr 1951 also wieder zurück nach Europa, in Lissabon sollen sie sich der europäischen ‹Holiday on Ice›-Tour anschliessen.
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IMPRESSUM
Diese Publikation wurde ermöglicht durch Beiträge der folgenden Institutionen an die Produktionskosten: Bollag-Herzheimer Stiftung, Christoph Merian Stiftung, E.E. Zunft zu Schuhmachern, Gemeinde Riehen, Schweizerische Israelitische Emanzipations-Stiftung, Swisslos-Fonds Basel-Stadt, Swisslos-Fonds Basel-Landschaft. Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-85616-636-6
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Lektorat: Rosmarie Anzenberger, Basel Gestaltung und Litho: a+ caruso kaeppeli gmbh, Basel Druck und Bindung: Musumeci S.p.A., Quart Schriften: Melior, Akzidenz Grotesk Papiere: Fedrigoni Freelife Cento 120 g/m2, Magno gloss 80 g/m2
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