Dank Viele Personen haben die Entstehung von AUREA BULLA unterstützt. Ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt. Besonders erwähnt seien: Universität Basel: Martin Allemann, Henriette Harich-Schwarzbauer, Peter-Andrew Schwarz, Magdalene Stoevesandt, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt: Dagmar Bargetzi, Andrea Hagendorn, PH FHNW: Giuseppe Manno,
Band 3
AUREA BULLA
Latein. Mehrsprachigkeit. Kulturgeschichte
Augusta Raurica: Catherine Aitken, Sven Straumann, Archäologie Baselland: Andreas Fischer, Ferner: AG Latein macht Schule, Catherine Amstutz, Monika Bauder, Claudine Bauer, Austin Diaz, Judith Ehrensperger, Bernadette Schnyder, Theo Wirth, Für die Musik: Michael Bürgin. Herzlichen Dank auch an die Vertreterinnen der Auftrag gebenden Kantone, Frau Regina Kuratle und Frau Julia Weilenmann, für ihre offene und unterstützende Begleitung. Besonderen Dank schulden wir der Lektorin Rosmarie Anzenberger und Gregorio Caruso, der das Layout gestaltet hat. Dem Team um Anita Dettwiler und Dani Pelagatti aus dem Atelier bunterhund und Oculus Illustration danken wir für die schöne Zusammenarbeit.
Lehrbuch der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft Martin Müller Rolf Gutierrez, Adele Netti, Katharina Wesselmann 1
AUREA BULLA
Inhalt VORSPANN Was bisher geschah Personen
CAPUT IX AUREA BULLA Überfall RES ROMANAE Verbrechen und Strafen im römischen Reich Martigny la Romaine – un expert répond Forum Claudii Vallensium – Martigny
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FABULA Begegnung in Forum Claudii Vallensium Nachwirkungen des Überfalls LINGUA Aktiv und Passiv Die 4. oder u-Deklination Steigerung: Komparativ Wörter und ihre Bedeutungen: grātia MYTHOS Die Gründung von Rom MAGAZIN Caesar und Augustus
21 24
CAPUT X
AUREA BULLA Caracalla-Thermen
15 18 19
26 30 31 35 36 41
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RES ROMANAE
Thermen und Badekultur bei den Römern Interview Italienisch: Rachela befragt den Direktor des Antikenmuseums Basel
54 58
FABULA
In den Caracalla-Thermen Tumult in Augusta Raurica
61 66
LINGUA Die finiten Verbformen Der Modus Das Tempus Das Imperfekt Aktiv Das Perfekt Aktiv und Passiv Adverbien Wortbildung: das Suffix -(i)tūdō
67 67 68 69 71 76 79
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MYTHOS
Heroen: Perseus, Herakles, Theseus
MAGAZIN Die romanischen Sprachen im Porträt: Italienisch und Spanisch Interview Deutsch: Vom Lateinischen zum Italienischen: Forschungsresultate von Anna und Mirjam 2
4 6
87 92
CAPUT XI
AUREA BULLA
Besuch bei Terentius Gentianus
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RES ROMANAE Die Gladiatorenspiele Wirtschaft im römischen Reich (1) FABULA Rom, eine pulsierende Weltstadt Juristische Diskussionen Blutrausch im Amphitheater
103 107
LINGUA
Das Imperfekt Passiv Das Plusquamperfekt Aktiv und Passiv Simplex und Kompositum (2)
118 119 121
MYTHOS
Heroinnen: Medea, Antigone, Helena
123
MAGAZIN
Das römische und das moderne Recht
132
CAPUT XII
AUREA BULLA
Ein aufregender Fund
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113 114 116
RES ROMANAE Ludi Circenses in Rom Spanien in römischer Zeit Interview Spanisch: Berühmte Persönlichkeiten aus dem römischen Spanien
143 146 147
FABULA LINGUA
Wagenrennen: Rennleidenschaft Fragen zur Behandlung der Christen
149 150
Das Futur Aktiv und Passiv Das Futur II Aktiv und Passiv Relativpronomen und Relativsätze Wortbildung: Das Suffix -tiō / -siō und -iō
152 156 157 158
MYTHOS
Narcissus und Echo
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MAGAZIN
Kulte und Religionen in Rom
162
CAPUT ULTIMUM AUREA BULLA
In Rom – in Basilia
172
RES ROMANAE
Wirtschaft im römischen Reich (2)
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FABULA
Fragen über Fragen
180
VOCABULA VOCABULA Vocabula VERBA Verzeichnis der Stammformen Vokabelverzeichnis ANHANG
Index Nachweise Interviews Verzeichnis der Abbildungen Dank, Impressum
182 194 196 199 205 206 208 3
AUREA BULLA
Was bisher geschah
A
ugusta Raurica im Jahr 213 nach Christus. Julia Attia Sanucia Augustilla lebt in einem der grössten und schönsten Häuser in Augusta Raurica, der Insula 30. Ihre Familie gehört der Schicht der nobiles – der Adligen – an und besitzt das römische Bürgerrecht. Ihr Vater bewirbt sich zusammen mit Marcus Valerius Paternus um das Amt der duumviri. Das sind die obersten Beamten der Stadt. Mit ihren bald siebzehn Jahren muss Julia ans Heiraten denken. Der beste Kandidat ist Primus, der Sohn des Marcus Valerius Paternus. Er würde auch gut in die Karrierepläne ihres Vaters passen. Aber Primus benimmt sich immer so arrogant, dass Julia ihn nicht ausstehen kann. Mit Valens Mucapora dagegen verbindet Julia seit der Kindheit eine herzliche Freundschaft. Doch Valens ist der Sohn eines ehemaligen Legionärs und einer Raurakerin. Er ist ein peregrinus, eine Person ohne römisches Bürgerrecht. Eine Heirat mit ihm ist rechtlich nicht möglich. Die Mucapora führen in Basilia und in Augusta Raurica Wirtshäuser mit einem Handelsunternehmen. Als Felix und Valens Mucapora eines Tages in der Backstube von Basilia weilen, übergibt der Vater seinem Sohn die eine Hälfte einer zerbrochenen goldenen Bulla (ein Amulett) und teilt ihm mit, dass er nicht sein leiblicher Sohn ist, sondern ein Findelkind. Dies stürzt Valens in eine tiefe Krise. Dass die Bulla aus Gold ist, weist darauf hin, dass Valens’ leibliche Eltern reich gewesen sein müssen. In der Antike hängten Eltern ihren Söhnen eine Bulla um den Hals, um sie vor Widrigkeiten zu schützen. Als Valens Julia im Landhaus von Munciacum bei Liestal alles erzählt, reagiert sie ganz erfreut. Wenn sie Valens’ Eltern finden könnten, wäre eine Heirat zwischen ihnen vielleicht doch möglich. Die fehlende Hälfte der goldenen Bulla könnte sie zu den Eltern führen. Aber wo sollen sie in dem riesigen römischen Reich nach ihr suchen?
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Julias Eltern entscheiden, dass Julia heiraten soll. Als Julia sich weigert, den unsympathischen Primus Valerius Paternus zu heiraten, schlagen ihr die Eltern vor, dass sie zusammen mit ihrer Mutter Cornelia und ihrem Bruder Quintus Melo nach Rom reisen soll, um dort Terentius Gentianus, einen ehemaligen Konsuln und Senator, kennenzulernen. Terentius ist über fünfzig Jahre alt. Er war mit der verstorbenen Cousine von Julias Vater verheiratet. Eine Heirat mit ihm wäre für die Sanucii ein bedeutsamer sozialer Aufstieg. Julias Brüder Marcus Messor und Quintus Melo kehren aus Britannien zurück. Sie haben Urlaub von ihrem Dienst im Heerlager von Vindolanda am Hadrianswall. Nach langer Zeit ist die Familie der Sanucii wieder einmal vereint. Marcus und Quintus berichten von ihren Erlebnissen in der Legion. Am Tag vor ihrer Abreise besucht Julia Valens in Basilia. Valens schenkt Julia zum Abschied einen Ring, auf dem der Name Augustillae eingraviert ist. Am nächsten Tag reisen Julia, Cornelia und Quintus ab. Über Salodurum gelangen sie nach Aventicum. Der professionelle Schiffer Aelius Cladaeus begleitet sie. In Aventicum erleben sie die traurige Bestattung von Modestina mit, der zweijährigen Tochter von Cladaeus und Caninia. Nach einem Theaterbesuch lernt Julia Flavia Severilla kennen, die ihr Aventicum zeigt. Der gut aussehende und reiche Marcus Otacilius Bellus lädt die Sanucii zu einem Diner in seinem riesigen Stadtpalast ein. Beim Abschied schenkt er ihr einen Ring mit der Aufschrift vive vitam – Lebe dein Leben! Wird es Julia gelingen, ihr Leben zu leben?
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AUREA BULLA
Personen
AELIUS CLADAEUS Aareschiffer aus Aventicum. Vater der Modestina. BAUDOALDUS Bronzegiesser in Basilia. CAIUS COTEIUS Caius Coteius ist Hausherr im Landgut Munciacum, Bruder der Cornelia. Vor Jahren war Coteius’ Frau Sabina im Kindbett gestorben, zusammen mit der kleinen Tochter, die sie geboren hatte. Nun lebt Coteius mit seiner ehemaligen Sklavin Araura zusammen, die er sehr liebt. CANINIA Ehefrau des Aelius Cladaeus. CORNELIA Cornelia ist die Frau des Gaius Attius Sanucius. Cornelia ist auf dem Gut Munciacum in der Nähe von Augusta Raurica aufgewachsen und hat ihrem Mann fünf Kinder geboren, von denen drei überlebt haben. DOMITIUS ULPIANUS Ehemann der Iulia Attia. Er leitet die kaiserliche Kanzlei a libellis, in der Rechtsfragen und Anliegen geklärt und entschieden wurden. Ulpianus gehört zu den besten Juristen der Kaiserzeit. FELICIO* Kutscher von Julia und Cornelia auf der Reise nach Rom. FELIX MUCAPORA Felix Mucapora stammt ursprünglich aus Thrakien und hat lange in der römischen Armee gedient. Gegen Ende seiner Karriere war er Centurio in der kleinen Besatzung von Vindonissa. Als er aus der Armee entlassen wurde, liess er sich im Vicus Basilia nieder, wo er sich während seiner Dienstzeit oft aufgehalten hatte. GAIUS ATTIUS SANUCIUS Gaius Attius Sanucius ist ein hochangesehener Mann in Augusta Raurica. Sein Familienname geht auf die römische Familie der Attii zurück, der die Mutter des Kaisers Augustus angehörte, und das kam so: Einer von Sanucius’ Vorfahren war als junger, kriegsgefangener Sklave mit Caesar nach Rom gekommen.
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Caesar schenkte den Sklaven seiner Schwester Julia, der Grossmutter des Augustus. Später wurde der Mann freigelassen und kehrte in seine helvetische Heimat zurück. Mit der Zeit wurden die Sanucii zu einer der angesehensten Familien in Augusta Raurica. Gaius Attius Sanucius, das Oberhaupt der Familie (pater familias), bewirbt sich mit guten Chancen um das Amt des Duumvir.
PRIMUS VALERIUS PATERNUS Geboren 196. Sohn des Marcus Valerius Paternus.
GAIUS DOMITIUS CARASSOUNUS Helvetischer Sklavenhändler.
QUINTUS SILIUS SATURUS Duumvir von Forum Claudii Vallensium. Er gibt Quintus und Julia Auskunft über Martigny und die Überquerung des Passes Grosser Sankt Bernhard.
GANNICA Raurakerin. Geliebte des Terentius, als er in Vindonissa weilte. IOINCATIA NUNDINA Frau des Felix Mucapora. Nundina ist eine einfache Raurakerin, die nicht lesen und schreiben kann. IULIA ATTIA MAIOR Julias Tante, die Schwester ihres Vaters. Mit Domitius Ulpianus verheiratet. Lebt in Rom auf dem Aventin-Hügel. Sie beherbergt Julia und ihre Familie.
QUARTILLA* Sklavin. Zofe von Julia und Cornelia. QUINTUS SANUCIUS MELO Geboren 189. Sohn des Gaius Attius Sanucius.
TERENTIUS GENTIANUS Konsul des Jahres 211. War mit einer Cousine von Gaius Attius Sanucius verheiratet, verwitwet. URSUS* Sklave. Begleitet Julia und Cornelia auf ihrer Reise nach Rom. VALENS MUCAPORA Geboren 194. Sohn des Felix Mucapora.
IULIA ATTIA SANUCIA AUGUSTILLA Geboren 196. Tochter des Gaius Attius Sanucius. IULIA MAMAEA Cousine von Kaiser Caracalla. MAGO* Ägyptischer Sekretär von Ulpianus. MARCUS OTACILIUS BELLUS Adliger junger Mann aus Aventicum. MARCUS SANUCIUS MESSOR Geboren 187. Sohn des Gaius Attius Sanucius. MARCUS VALERIUS PATERNUS Marcus Valerius Paternus gehört zu den vornehmsten und einflussreichsten Personen von Augusta Raurica; er bekleidet das Amt des Decurio. Er ist einer der beiden Duumvirn und wünscht sich Gaius Attius Sanucius, den er von klein auf kennt, als nächsten Amtskollegen. ll MODESTINA Tochter des Aelius Cladaeus.
* Diese Figuren sind nicht inschriftlich oder in Texten bezeugt. 7
Aurea Bulla
CAPUT CAPUTIX V
AUREA BULLA
Aurea Bulla
Von Aventicum machte sich die kleine Truppe am nächsten Tag zum Lacus Lemannus auf, einem noch grösseren See als denen, die sie vor einigen Tagen befahren hatten. Diesen überquerten sie freilich nicht, sondern fuhren ihm entlang zur Mündung des Rhodanus und dann weiter bis nach Forum Claudii Vallensium, einem von Händlern und Reisenden überfüllten Ort am Fusse des Summus Poeninus, des Alpenpasses, den sie auf dem Weg nach Italien überqueren mussten. Bei einer kleinen Taverne machten sie halt, um die Pferde zu tränken und selbst etwas zu sich zu nehmen. Julia hörte zu, als Quintus mit einem Händler ins Gespräch kam. «Du hast da zwei kräftige Gäule», lobte Quintus die beiden Kaltblüter, die den Wagen des Händlers zogen. Der lachte auf. «Das ist richtig. Aber wenn wir über den Pass fahren, muss die Ware trotzdem aussteigen.» Er winkte zu einer Gruppe hellhaariger Frauen und Kinder hinüber, die sich am Brunnen erfrischten. «Germanische Sklaven», sagte der Händler. «Alle wohlgenährt und kräftig, die schaffen den Aufstieg problemlos.» Quintus runzelte die Stirn. «Im Wagen können sie nicht sitzen bleiben?» «Unmöglich», erwiderte der Mann. «Der Aufstieg ist zu steil und dauert zu lange. Kann ich meinen Gäulen nicht zumuten. Was ist mit euch? Ich hoffe, ihr könnt auch ein bisschen bergsteigen!» Wieder lachte er, während Quintus besorgt zu seiner Mutter und seiner Schwester hinübersah. Tatsächlich war der Aufstieg das Beschwerlichste, was Julia je erlebt hatte. Sie hatte selbst angeboten, auszusteigen. Nur ihre Mutter blieb beim Gepäck im Wagen, Cornelia war ein solch steiler Weg nicht zuzumuten. Zunächst genoss Julia die warmen Sonnenstrahlen und die frische Bergluft. Aber schon bald musste sie so heftig schnaufen, dass sie sich vor Ursus und Quintus schämte, die mit grossen Schritten vorangingen; auch Quartilla, die grösser war als Julia, schritt rascher aus. Julias Tunika war leicht, trotzdem klebte sie ihr nach kurzer Zeit am Körper. Als sie nach einigen Stunden an einem Bergbach haltmachten, um sich zu erfrischen, sah Quintus seine Schwester an und lachte. «Julia, du siehst aus wie eine rote Rübe!», rief er, was Julia nur noch mehr erröten liess. Schweigend spritzte sie sich das Bachwasser ins Gesicht, es fühlte sich herrlich an. «Setz dich 10
CAPUT IX AUREA BULLA
für eine Weile in den Wagen», sagte Quintus, «die Pferde werden’s vertragen.» Julia nahm das Angebot erleichtert an, setzte sich aber zu Felicio auf den Bock, um sich umsehen zu können. Denn nie zuvor hatte sie eine Landschaft wie diese gesehen. Immer kahler wurde es, immer niedriger die Pflanzen, und doch blühte alles in einer Farbenpracht, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Endlich waren sie ganz oben auf dem Pass angekommen. Dort war es stiller als auf dem Hauenstein, und Julia stockte der Atem angesichts der Grossartigkeit der kargen Landschaft mit dem eisigen See und den Schneemassen. Wenn nur Valens das sehen könnte! Es fröstelte sie auf dem Kutschbock, sie musste sich in Wolldecken wickeln. Beim Abstieg wurde es zunehmend wärmer, und Augusta Praetoria, die nächste Stadt auf der anderen Seite des Passes, empfing die Reisenden bereits mit einer südlichen Brise. Auch hier gab es ein herrliches Theater und einen Triumphbogen für Augustus zu bewundern, aber Quintus verdarb Julia die gute Laune, indem er ihr von der grausigen Geschichte des Ortes erzählte. Die Strasse über den Pass war für römische Bürger erst problemlos nutzbar geworden, nachdem man einen ganzen Stamm ausgerottet hatte: die Salasser, die hier ansässig gewesen waren und den Reisenden Schwierigkeiten gemacht hatten. Kaiser Augustus hatte die Leute einfach ausradiert, 36 000 Menschen verschleppt, versklavt, getötet. Julia wusste natürlich, wie wichtig der Pass für das römische Reich war, aber beim Gedanken an die vielen Toten wurde ihr etwas mulmig zumute und sie fragte sich, ob die Geister vielleicht weiterhin an diesen Ort, wo einst das Legionslager stand, zurückkehrten. Dann ging es noch weiter bergab, noch weiter weg von den majestätischen Bergen, in die Ebene des Flusses Padus. Dort herrschte so dichter Nebel, dass sie sich beinahe verirrten. Zum Glück hörten sie immer wieder die Rufe der Flösser, welche Waren auf dem Wasser transportierten oder Menschen über den Fluss setzten. Nach zwei Tagen erreichten sie eine hügelige Region, an deren Ende sich ihnen plötzlich ein weiter Ausblick bot. Felicio rief: «Videte mare nostrum!» Julia öffnete die Tür und sprang aus dem Wagen. «Das Meer! Wie schön! Viel schöner als in meinen Träumen!» Julia konnte sich nicht sattsehen an der glitzernden Fläche. Sie war wie berauscht von der gewaltigen Natur, die sie in den letzten Tagen erlebt hatte: erst die stillen, kargen Berggipfel, nun das riesige Meer mit seinen ständig wechselnden Farben. Wieder dachte sie an Valens in seiner kleinen Taberna in Basilia und war untröstlich, dass er diese Pracht nicht sehen konnte – wie sehr würde es ihm gefallen! Aber wer weiss, was das Leben noch für ihn bereithielt. Vielleicht würde er auf einer Handelsreise einmal hier vorbeikommen. Ob sie ihn je wiedersehen würde? Die Sanucii nächtigten in der geschäftigen Stadt Genua. Die nächsten Tage reisten sie gemütlich auf der Via Aurelia, das Meer immer in Sicht- und Riechweite. Julia war begeistert von den vielen Fischgerichten, die ihnen in den Herbergen serviert wurden. Ihre Mutter weniger; sie war praktisch pausenlos grün um die Nase. Aber der beschwerlichste Teil der Reise war vorüber. Die Via Aurelia war sehr gut zu befahren, und verirren konnte man sich auch nicht mehr. Alle waren in Gedanken schon in Rom, als es kurz vor Pisae krachte und der Wagen sich gefährlich zur Seite neigte. Das linke Vorderrad war gebrochen. Es blieb nichts anderes übrig, als Felicio nach Pisae zu schicken, um Hilfe zu holen. Er würde wohl einige Stunden brauchen. Also setzten sich Julia, Cornelia und Quartilla draussen ins Gras, während Ursus und Quintus im Wagen Würfel
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AUREA BULLA
spielten. Ein ziemlicher Leichtsinn, wie sie bald feststellten. Auf einmal tauchten drei fremde Männer auf. Sie eilten geradewegs auf die Frauen zu. «Du lieber Himmel!», schrie Cornelia auf, als sie die Gestalten kommen sah. Es gab keinen Zweifel, das waren Räuber. Die Männer waren zerlumpt und schmutzig: ein grosser, hagerer Kerl mit einem wilden schwarzen Bart, ein Hüne mit verfilzten roten Locken und ein kleiner, gelblicher Kahlkopf, dessen linkes Augenlid schlaff über der Pupille hing. Alle drei sahen sie hungrig und verzweifelt aus und bereit, alles zu tun, um sich ein Abendessen zu sichern. Julia rannte wie der Blitz zum Wagen. «Quintus!», rief sie. «Ursus! Hilfe! Kommt rasch!» Sofort steckte Quintus seinen Kopf aus dem Wagen, verstand glücklicherweise schnell und bedeutete Ursus, mit ihm gemeinsam auszusteigen und den Männern entgegenzugehen. Quintus griff zu seinem Schwert, Ursus nahm den dicken Knüppel mit, den er sich noch in Augusta Raurica für einen Fall wie diesen besorgt hatte. Cornelia und Quartilla hatten sich inzwischen ebenfalls in die Nähe des Wagens geflüchtet. Als die drei Kerle Quintus und Ursus sahen, stutzten sie einen Moment. Ursus war ein kräftiger Riese, und Quintus sah man den Soldaten auch dann an, wenn er keine Uniform trug. Julia hoffte für einen Moment, dass sie einfach kehrtmachen würden. Aber nichts dergleichen. Der Bärtige grinste und zog einen Dolch aus dem Gürtel, der Kahlköpfige ebenso. Der Rothaarige ballte die Fäuste und marschierte schnurstracks auf Ursus zu. Dann ging alles schnell. Ursus liess den Rothaarigen recht nahe herankommen, ohne sich zu rühren, dann schwang er den Knüppel und liess ihn mit voller Wucht auf dessen Schädel niedersausen. Der Mann sprang zur Seite, Ursus setzte nach. Mit erhobenem Arm wehrte der Rothaarige einen weiteren Schlag von Ursus ab und stach dann selbst mit seinem Messer zu. Doch Ursus wich zurück, so dass der Angreifer ins Leere stürzte. Die beiden Männer packten sich am Leib und verkeilten sich in einem zähen Ringkampf. Beide stöhnten, keiner gab nach. Währenddessen zog Quintus sein Schwert aus der Scheide und stürzte auf den hageren Schwarzbart zu. Der leistete ihm mit seinem Dolch geschickt Widerstand. «Der Mann kann kämpfen», dachte Quintus. «Sicher auch ein ehemaliger Soldat.» Der dritte Räuber, der Kahlköpfige, hatte sich blitzschnell vor Cornelia aufgebaut und hielt ihr die Klinge an den Hals. «Schmuck, Geld! Her damit!» Cornelia war wie erstarrt. Julia löste mit zittrigen Fingern ihre Ohrringe und streckte sie dem Mann zaghaft hin. Dieser wandte sich ihr zu, blickte aber nicht auf die dargebotenen Schmuckstücke, sondern sagte: «Na Süsse, wie wär’s mit uns beiden?» Er trat ganz nahe an sie heran, zog seine Lippen zu einer runden Öffnung zusammen und streckte seine Zungenspitze heraus, die er auffordernd hin und her bewegte. Julia wurde fast ohnmächtig vor Übelkeit, als sein ekelhafter Mundgeruch zu ihr drang. Als der Kerl dies sah, begann er zu grinsen und entblösste dabei seine braunen, fauligen Zähne. Zumindest die wenigen, die ihm noch verblieben waren. Da warf sich Quartilla mit einem gellenden Schrei zwischen sie. Der widerliche Kerl wich mit einem Fluch zurück und stiess Quartilla sein Knie in den Unterleib. Julia schrie auf, Quartilla stürzte und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Er wendete sich erneut Julia zu. Sie zitterte am ganzen Körper und wich langsam zurück, bis sie an die Rückwand des Wagens stiess. «Lass sie doch!», schrie Cornelia und warf sich ihm zu Füssen. «Sie ist ja noch ein Kind!» Gerade als der Kahlkopf sie mit einem Hieb wegstossen wollte, schrie Quartilla, die sich wieder aufgerappelt hatte: «Per Mercurium! Ecce beneficiarii!» «Darauf fall ich nicht herein, du blöde Kuh», grinste der Räuber, wurde aber eine Sekunde später eines Besseren belehrt, als auch der Bärtige die berittenen Soldaten erblickt hatte. «Schnell! hauen wir ab!», zischte
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CAPUT IX AUREA BULLA
AUREA BULLA
er seinen Kumpanen zu. Blitzartig ergriff der Räuber Julias Hand und entriss ihr die Ohrringe, dann warf er ihr einen letzten Blick aus seinem trüben Auge zu und rannte davon. Julia schaute zu ihrem Bruder. Der kniete keuchend am Boden und hielt sich den linken Unterarm. Seine Tunika war rot gefärbt. Ursus umklammerte seinen Gegner mit beiden Armen. Dieser wand sich wild. Auf einmal liess ihn Ursus los. Als er davonstürzte, traf ihn Ursus’ Knüppel am Hinterkopf. Röchelnd fiel er ins Gras und blieb regungslos liegen. Wenige Augenblicke später waren die beiden berittenen beneficiarii bei der Reisegruppe angelangt. «Alles in Ordnung?», fragte der ältere der beiden Männer. «Sieht so aus, ausser ein paar Kratzern», antwortete Quintus mit einem Blick auf die Frauen. Julia schluckte und nahm sich mit Gewalt zusammen. «Meine Ohrringe sind weg», sagte sie mit brüchiger Stimme. «Aber das ist egal. Wir leben noch. Quartilla, wie geht es dir? Bist du verletzt?» Quartilla winkte ab. Quintus fuhr fort: «Merkur sei Dank, dass ihr vorbeigekommen seid. Ich weiss nicht, ob wir mit allen dreien hätten fertigwerden können.» – «Den Roten hier habt ihr jedenfalls erledigt», antwortete der jüngere beneficiarius, der sich neben den bewusstlosen Räuber ins Gras gekniet hatte. «Er scheint noch zu leben, aber wer weiss, wie lange noch.» Ursus schluckte. Er wusste genau, dass diese Räuber arme Schweine waren, die kaum eine andere Wahl hatten, als zu stehlen oder zu verhungern. Aber auch sie hatten keine Wahl gehabt. Der Rest der Reise verlief ereignislos. Es dauerte lange, bis sich die Sanucii von dem Überfall erholt hatten. An den ersten Tagen danach wurde nicht viel geredet. Oft lag Julia in den Armen von Cornelia oder Quartilla und machte fest die Augen zu. Am Abend des 35. Reisetags waren die Sanucii vor Rom angelangt. Felicio liess die Pferde auf dem Mons Ianiculus halten und hiess die Fahrgäste kurz aussteigen. Julia bot sich ein Anblick wie Berge und Meer, nur menschengemacht. Die Stadt Rom, urbs, wie sie die Römer einfach nannten, breitete sich vor ihnen in einem riesigen Häusermeer aus. Unter ihnen schlängelte sich das tiefblaue Band des Tibers mit seinen vielen Brücken und der Tiberinsel, auf der das berühmte Asklepios-Heiligtum stand. Julia konnte mehrere Theater erkennen und einen riesigen Zirkus, links davon ein hohes Gebäude mit unzähligen Arkadenbögen. Das musste das berühmte Amphitheatrum Flavium sein. Ihnen gegenüber machte sie eine Kuppel aus. Aber was war das zuoberst auf der Kuppel? War das ein Loch im Dach? Zum ersten Mal seit dem Überfall spürte sie wieder Neugierde, ja Vorfreude. Atemlos blickte sie auf die aufregendste Stadt des Universums. 34 Tage lang hatte sie es nicht eilig gehabt, nach Rom zu kommen, war auch etwas ängstlich gewesen beim Gedanken an das, was sie dort erwartete. Nun brannte sie darauf, die Stadt endlich kennenzulernen.
AUFGABEN LESEN UND VERSTEHEN
→V erfolge auf der Karte den Weg, den Julia mit ihrer Familie zurücklegt! →R echerchiere, wie viele Höhenmeter die Reisegruppe von Martigny bis zur Passhöhe ersteigen muss!
2.
→W elchen Namen hat Augusta Praetoria heute?
1.
3.
14
→ S uche auf der Romkarte die Gebäude, die Julia vom Mons Ianiculus aus erblickt!
CAPUT IX RES ROMANAE
Res Romanae
Abb. 1: Damnatio ad bestias, 3. Jh. n. Chr.
VERBRECHEN UND STRAFEN IM RÖMISCHEN REICH
D
iebstahl und Raub gibt es seit Menschengedenken. Wie die Gesellschaft damit verfuhr, war zu allen Zeiten unterschiedlich. Heutzutage haben wir staatliche Institutionen, die derartige Verbrechen ex officio, d. h. ‹von Staates wegen› verfolgen und bestrafen. Das war im römischen Reich nicht der Fall. Auch die Strafen und die Auffassung davon, was mit Strafen erreicht werden soll, haben sich immer wieder geändert. Beim Überfall gab es für die Sanucii keine Möglichkeit, die Polizei zu rufen. Die beneficiarii hatten zwar die Aufgabe, die Strassen zu sichern, aber es gab keine funktionierende Alarmierung. Die Sanucii hatten Glück, dass die beneficiarii zufällig aufkreuzten. Die Verfolgung und Bestrafung der Räuber erfolgte nicht automatisch, sondern musste von den Opfern durch eine gerichtliche Klage bei den duumviri beantragt werden. Als duoviri iure dicundo waren sie für die Gerichtsbarkeit zuständig. Einen Staatsanwalt gab es in römischer Zeit nicht. Wurden die Täter gefasst, kamen sie vor ein städtisches Strafgericht. Schwere Fälle mussten vom Statthalter der Provinz entschieden werden. Er konnte auch 15
AUREA BULLA
Abb. 2: Forum Claudii Vallensium. Zeichnung B. Clarys.
Todesurteile aussprechen. Bei römischen Bürgern brauchte er für die Vollstreckung die Zustimmung des Kaisers. Das Strafmass fiel bei höher gestellten Personen niedriger aus als bei niedrig gestellten. Bei leichteren Vergehen gab es Geldbussen, Peitschenhiebe, Verbannung und Zwangsarbeit. Bei schweren Vergehen drohte die Todesstrafe. Mehrere Arten wurden praktiziert: etwa Enthauptung, Kreuzigung oder ad bestias. Letzteres meint, dass die Verurteilten während Gladiatorenspielen in Amphitheatern wilden Tieren ausgeliefert wurden. Diese Hinrichtungen bildeten an einem Tag mit Gladiatorenkämpfen Bestandteil des Morgenprogramms und stimmten das Publikum auf die Gladiatorenkämpfe ein. Aus diesen Praktiken lässt sich schliessen, dass die Römer mit den Strafen Vergeltung und Abschreckung bezweckten. Im Unterschied zu vielen anderen Gesellschaften verliefen Gerichtsprozesse in römischer Zeit auf gesetzlicher Grundlage. Zentrales Gesetzeswerk war das Zwölftafelgesetz aus der Zeit um 450 v. Chr. Bis zum Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts wurden verschiedene weitere Gesetze erlassen, die einzelne Tatbestände regelten, beispielsweise Verwandtenmord, Fälschungen, Hochverrat, Gewaltverbrechen etc. Die lex Cornelia de sicariis et veneficis aus dem Jahr 81 v. Chr. setzte beispielsweise die Strafen für Mörder und Giftmischer fest. In der Kaiserzeit kamen Erlasse der Kaiser hinzu, die Gesetzeskraft besassen. 16
CAPUT IX RES ROMANAE
In der Stadt Rom gab es Geschworenengerichte für die jeweiligen Deliktgruppen, wie Hochverrat, Fälschung, Mord etc. Diese Gerichte tagten auf dem Forum und zogen viele Schaulustige an. Die Leitung der Verfahren lag in den Händen von Prätoren, den zweithöchsten Beamten nach den Konsuln. Quelle: Detlef Liebs (2011): Vor den Richtern Roms – Rechtsprechung, Gesetze, Strafen, in: Gefährliches Pflaster. Kriminalität im römischen Reich. Hg. von M. Reuter und R. Schiavone. Xanten, S. 255–267.
AUFGABEN 1.
→ Vergleiche die römischen Strafen mit den heutigen!
Recherchiere: → welche Ziele die schweizerische Gesetzgebung verfolgt! → wann in der Schweiz die Todesstrafe abgeschafft wurde! → in welchen Ländern die Todesstrafe noch existiert! 2.
In der Lerngruppe 3.
→ Diskutiert, welche Ziele Strafen in einem Justizwesen haben sollen! 17
AUREA BULLA
MARTIGNY LA ROMAINE Un expert répond
Professeur Wiblé est l’ancien archéologue cantonal du Valais. Il a un savoir immense sur l’histoire romaine du Valais. Anna et Mirjam, qui veulent savoir plus sur MARTIGNY LA ROMAINE, en profitent pour lui poser quelques questions.
désigner = bezeichnen le bourg = die Marktstadt loin = weit entfernt perdurer = fortbestehen l’évêque m. = der Bischof découvrir = entdecken le combattant = der Krieger étroit, e = eng estimer = schätzen vraisemblable = wahrscheinlich assuré = gesichert particulier, ère = bestimmt élever = errichten la maçonnerie f. = das Mauerwerk enfoncer = eingraben excaver = ausgraben le talus = der Abhang le bois = das Holz modeste = bescheiden contrarier = widerlegen les acquis m. = das Wissen s’apercevoir = erkennen la trace = die Spur probable = wahrscheinlich condamner = absperren les gradins m. = die Zuschauerränge
M. Wiblé, la ville de Martigny a deux noms antiques: Octodurus et Forum Claudii Vallensium. Lequel des deux est le nom correct? Eh bien – Les deux sont corrects, puisque le nom Octodurus désigne le bourg gaulois qu’a connu le lieutenant César, et que Forum Claudii Vallensium est le nom d’une nouvelle ville, fondée non loin d’Octodurus par les Romains vers 50 après Jésus-Christ. Mais le nom d’Octodurus a perduré puisque, au quatrième siècle, l’évêque de Martigny sera désigné du nom d’episcopus Octodorensis, évêque d’Octodure. Qu’est-ce qu’on sait à propos des habitants de Martigny avant l’arrivée des Romains? Relativement peu de choses, parce qu’on n’a pas découvert justement Octodurus. On sait que les habitants de la région s’appelaient les Véragri, un nom gaulois qui veut dire les super-combattants, et qu’ils étaient en relations économiques très étroites avec l’Italie du Nord. Combien d’habitants avait Forum Claudii Vallensium en l’année 200 après JésusChrist? Quelques milliers. C’est très difficile d’estimer le nombre, parce qu’on ne sait pas combien d’étages avaient en général les habitations. Ce n’est pas parce que l’amphithéâtre pouvait contenir cinq mille personnes que ces cinq mille personnes venaient de Martigny, ils pouvaient venir de toute la région et on sait que … une ville déjà importante, c’est une ville de dix mille habitants. Donc, si on dit une ville de quelque cinq mille habitants, je pense que c’est vraisemblable, sans que ça soit du tout assuré.
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L’amphithéâtre est très connu. Y a-t-il des caractéristiques particulières comparé à ceux d’Aventicum et d’Augusta Raurica? L’amphithéâtre de Martigny était un petit amphithéâtre, construit à l’économie. Il n’a pas été élevé avec des maçonneries, mais on l’a plutôt enfoncé dans le terrain, ce qui était une grande économie de moyens, puisque le terrain qu’on a excavé à l’emplacement de l’arène, on l’a utilisé pour créer les talus sur lesquels étaient disposés les bancs en bois pour les spectateurs. C’est un amphithéâtre de modestes dimensions, qui va très bien avec une ville de modestes dimensions comme était Martigny, même si c’était la capitale de la province des Alpes Poenines. Est-ce qu’il y avait aussi un théâtre à Forum Claudii Vallensium? Nous ne savons pas s’il y en avait un. En tout cas, on n’en a, encore à ce jour, pas trouvé de traces. Mais peut-être que ça viendra, peutêtre même cette année, qui le sait? Pour ma part, vu la modestie de l’amphithéâtre, je pense qu’il est peu probable qu’il y ait eu un théâtre, que si on avait besoin de monter des spectacles théâtraux, on pouvait très bien le faire dans l’amphithéâtre en condamnant une partie des gradins de la cavea et en construisant une scène en bois tout simplement. Qu’est-ce qui vous fascine dans le métier de l’archéologue? Ce qui me fascine dans le métier de l’archéologie? Alors, d’abord c’est un métier où il n’y a pas de routine. On ne sait jamais ce qu’on va trouver, heureusement. Il y a toujours quelque chose de nouveau. Chaque jour apporte une pierre à un édifice, un élément nouveau
CAPUT IX RES ROMANAE Abb. 3: Amphitheater, Martigny.
FORUM CLAUDII VALLENSIUM MARTIGNY Octodurus était un oppidum du peuple celte des Véragri. En fait, c’était leur chef-lieu. Pendant les guerres que Jules César menait en Gaule, Octodurus a été le théâtre d’une bataille. En 57 avant Jésus-Christ la douzième légion romaine sous le commandement de Servius Galba a été attaquée par les Véragri alliés aux Sédunes et aux Nantuates. La bataille était dure et cruelle. Selon César les Véragri et les Sédunes ont été vaincus, mais l’armée romaine a dû se retirer. Vers 47 après Jésus-Christ l’empereur Claude y a fondé une cité romaine nommée Forum Claudii Vallensium. Elle était le chef-lieu du Valais jusqu‘au déplacement du siège épiscopal à Sion au VIe siècle.
qui peut contrarier un ancien élément. C’est aussi une discipline dans laquelle il faut toujours se remettre en question. On a les acquis, on pense vraiment que … on a une bonne hypothèse, mais cela reste une hypothèse. Deux jours après, dix ans après, quarante ans après, on s’aperçoit finalement que
ce n’était pas la bonne. Ça peut arriver. Alors surtout, ce qui est intéressant, oui justement, c’est qu’on apprend toujours quelque chose.
Merci beaucoup, Monsieur Wiblé. 19
AUREA BULLA
VOX ROMANA ZWEI FLUCHTAFELN GEGEN DIEBE
A
us der Antike sind zahlreiche Fluchtäfelchen aus Blei gefunden worden, auf denen jemand eine andere Person mit einem Fluch belegt. Häufig war der Anlass dazu ein Diebstahl. Die Sprache dieser Tafeln ist häufig umständlich und nicht immer korrekt. Die Übersetzungen versuchen, den Sinn wiederzugeben. Sie sind deshalb nicht wörtlich. HUMANUM, QUI SUSTULIT VERIONIS PALLIOLUM SIVE RES ILLIUS, QUI ILLIUS MINUS FECIT: UT ILLIUS MENTES, MEMORIAS DEIECTAS SIVE MULIEREM SIVE EAS, CUIUS VERIONIS RES MINUS FECIT: UT ILLIUS MANUS, CAPUT, PEDES VERMES, CANCER, VERMITUDO INTERET, MEMBRA MEDULLAS ILLIUS INTERET.
DEAE SULI MINERVAE SOLINUS DONO NUMINI TUO MAIESTATI PAXSAM BALNEAREM ET PALLEUM. NEC PERMITTAS SOMNUM NEC SANITATEM EI, QUI MIHI FRAUDEM FECIT, SI VIR SI FEMINA, SI SERVUS, SI LIBER, NISI SE RETEGENS ISTAS SPECIES AD TEMPLUM TUUM DETULERIT ...
Abb. 4: Fluchtafel, ca. 100 v. Chr.
Dem Menschen, der Verios Umhang gestohlen hat oder seinen Besitz geringer gemacht hat: Dass dessen Gedanken und verworfenen Erinnerungen – sei es eine Frau, seien es mehrere, die Verios Besitz verringert haben: Dass in dessen Hände, Kopf, Füsse die Würmer, der Krebs und Verwurmung eindringen, dass sie in dessen Glieder und Mark eindringen. Übersetzung nach Jürgen Blänsdorf
Dir, Göttin Sulis Minerva, deiner Allmacht und Hoheit überantworte ich, Solinus, meinen Bademantel sowie meinen Ausgehmantel. Gewähre dem, der mir Unrecht getan hat, sei es ein Mann, sei es eine Frau, sei es ein Sklave oder ein Freier –, weder Schlaf noch Gesundheit so lange, bis er sich zu erkennen gibt und diese Gegenstände in deinen Tempel bringt ... Übersetzung nach Markus Scholz
AUFGABEN 4.
20
→ S chreibe im Namen von Julia ein Fluchtäfelchen gegen den Räuber, der ihre Ohrringe (inaures, ium f. Pl.) gestohlen hat. Richte es an eine passende Gottheit!
CAPUT IX FABULA
Fabula A. BEGEGNUNG IN FORUM CLAUDII VALLENSIUM
Abb. 5: Grosser St. Bernhard.
Julia durchstreift mit Quintus das Städtchen Forum Claudii Vallensium. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
«Hic montes altiores sunt quam mons Iura. Locus montibus tamquam muris inclusus est. Summi montes per totum annum nive tecti sunt.» Quintus: «Vallis alta est. Certum est hieme neminem Summum Poeninum ascendere posse.» Iulia: «Fori Claudii Vallensium similia aedificia sunt, quae domi. Sunt thermae, sunt templa, est amphitheatrum.» Quintus: «Sed non est theatrum. Ecce forum. Id visitare volo.» Iulia: «Mihi hoc forum minus quam nostrum esse videtur.» Quintus: «Nostrum certe maius est. Sed hic plures merces offeruntur.» Iulia: «Et magis variae. Offeruntur pruna Armeniaca, mala Persica, cerasa, uvae. Veni! Basilicam intrare volo.» Iulia: «Ecce taurus aeneus. Quantus est!» Quintus: «Sed vide! Cur tauro tria cornua in capite sunt?» Iulia:
tamquam = wie inclūsus = eingeschlossen nix, nivis f. = der Schnee vallis, is f. = das Tal hiems, hiemis f. = der Winter Fori Claudii Vallensium = in F.C.V. similis, e = ähnlich quae = die, hier: wie domī = daheim thermae f. Pl. = die Bäder hīc Adv. = hier prūnum Armeniacum = die Aprikose mālum Persicum = der Pfirsich cerasum = die Kirsche ūva, ae f. = die Traube taurus = der Stier aeneus, a, um = aus Bronze
Da tritt Quintus Silius Saturus, ein Einwohner von Forum Claudii Vallensium hinzu, und erklärt: 15 16 17
18
«Taurus animal sacrum est. Fortissimus est. Tria cornua sunt signum divinum. Avete! Appellor Quintus Silius Saturus. Duumvir sum. Et vos, qui estis, unde venitis?» Quintus: «Ego appellor Quintus Sanucius Melo. Haec soror mea est. Ei nomen Iulia Attia Sanucia est. Venimus Augustā Rauricā.» Sat.:
sacer, a, um = heilig divīnus, a, um = göttlich quī = wer? avete = seid gegrüsst!
21
AUREA BULLA
Quintus Melo befragt Saturus: antequam proficiscimini = bevor ihr aufbrecht sacrificāre = opfern viātor, ōris m. = der Reisende tūtātur = er schützt quā dē causā = deshalb quālis, e = wie beschaffen, wie secundus, a, um = der Zweite, der Folgende mille passuum = die Meile curru vehitur = man fährt mit dem Wagen vesperī = am Abend hospitium, i n. = die Herberge ūsque ad beim Akk. = bis zu arduus, a, um = steil hīc = hier itur = man geht serēnus, a, um = heiter Iovis = Gen. Sg. von Iupiter equus = das Pferd alĕre = ernähren, füttern tabula vōtīva = die Weihtafel deinde Adv. = darauf sacerdōs, ōtis m. = der Priester recreātur = man erholt sich tempestās, ātis f. = das Wetter turbidus, a, um = stürmisch necesse est = es ist nötig, man muss perīculōsus, a, um = gefährlich utinam prōtegant = sie mögen schützen utinam iuvet = er, sie, es möge helfen
20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36
37 38 39
«Antequam proficiscimini, deis sacrificare debetis.» «Cui deo sacrificatur?» Sat.: «Et Mercurio et Iovi Optimo Maximo. Mercurius viatores protegit, Iupiter Summum Poeninum tutatur. Qua de causa appellatur Iupiter Poeninus.» Quintus: «Qualis via est?» Sat.: «Prima pars viae peior, secunda melior est. Milia passuum XX curru vehitur. Vesperi in hospitio dormitur. Ab hospitio usque ad Summum Poeninum milia passuum V ascenditur. Via maxime ardua est. Hic pedibus itur. Si caelum serenum est, quattuor horas ascenditur. Summo in monte duo aedificia et templum Iovis Poenini sunt. In altero aedificio equi aluntur. In hospitio emuntur tabulae votivae. Deinde acceditur ad templum. Primum deis sacrificate, postea tradite sacerdoti tabulam vestram! Tum recreatur in hospitio. Descenditur usque ad Augustam Praetoriam circa septem horas. Si tempestas turbida est, non licet descendere. Necesse est in hospitio remanere. Compluribus locis periculosis animum attendite.» Iulia: «Tibi gratias maximas agimus. Vale! Sat.: «Utinam et Mercurius et Iuppiter vos protegant! Valete!» Quintus: «Utinam fortuna te iuvet. Vale!» Sat.:
Quintus:
LESEN
Im ersten Teil unterhalten sich Julia und Quintus über verschiedene Dinge, die ihnen in Forum Claudii Vallensium auffallen. Sie vergleichen sie mit denjenigen von Augusta Raurica. →W as vergleichen die beiden? Markiere die Stellen im Text! →W elche Aussagen werden gemacht?
1.
Betrachte den Stier auf der Abbildung 6. →W as wird im Gespräch über ihn ausgesagt? 2.
→W as erfährst du über Quintus Silius Saturus? →W elches ist das Gesprächsthema des zweiten Teils? →M arkiere die Stellen, die du verstehst! 3.
In der Lerngruppe 4.
→T auscht aus, was ihr vom zweiten Teil verstanden habt.
ÜBERSETZEN UND VERSTEHEN 5.
6.
22
→W elche Früchte werden in Forum Claudii Vallensium angeboten? → S telle die Meilen- und Stundenangaben zusammen und vergleiche sie mit den Angaben auf einer modernen Karte!
CAPUT IX FABULA
Abb. 6: Dreihörniger Stierkopf aus Bronze, Martigny.
7.
→W elche Aussagen stimmen? a) Auf dem Grossen Sankt Bernhard stehen zwei Gebäude. b) Vor dem Abmarsch opfert man Jupiter und Merkur. c) Bei schlechtem Wetter reist man in sieben Stunden vom Pass bis nach Aosta. d) Bis zur Passhöhe kann man über zwanzig Meilen mit dem Wagen fahren.
8.
richtig
richtig
falsch falsch falsch
richtig
falsch
richtig
→ S chreibe für Julia, Cornelia und Quintus die Votivtafel, die sie Jupiter Poeninus weihen wollen! (vgl. Band 2, Seite 50)
ENTDECKEN
Im Text tritt die mittlere Steigerungsform auf. Sie heisst Komparativ. → Stelle alle Komparative in einer Liste zusammen. → Füge jeweils die Positiv- und die Superlativform dazu! → S ammle die Superlativformen. Entscheide jeweils, ob die Superlativ- oder die Elativfunktion vorliegt! 9.
10. Viele Prädikate enden auf -tur. Es handelt sich dabei um die 3. Person Singular Passiv. Die Verwendungsweise in diesem Text ist meistens unpersönlich, also zum Beispiel: sacrificatur – ‹es wird geopfert›. → Findest du eine treffendere deutsche Übersetzung? 23
AUREA BULLA
B. NACHWIRKUNGEN DES ÜBERFALLS Der Überfall hat die gesamte Reisegruppe traumatisiert. Beim Abendessen haben sie die Ereignisse immer wieder von Neuem diskutiert. In der Nacht liegt Julia lange wach. Immer wieder sieht sie Einzelheiten vor ihren Augen, als passierten sie gerade jetzt. Als sie einschläft, vermischen sich die Erlebnisse mit ihren schlimmsten Ängsten. gladius, i m. = das Schwert latrō, ōnis m. = der Räuber iterum Adv. = abermals, wiederum tertius = der Dritte ictū pugiōnis = durch einen Dolchstich superāre = überwältigen ruit = er stürzt mortuus, a, um = tot simul Adv. = zur selben Zeit fortitūdō, inis f. = die Tapferkeit paulō = ein wenig secundus, a, um = der Zweite vincīre, vinciō, vīnctus = fesseln latrō, ōnis m. = der Räuber sequitur = er verfolgt iam Adv. = schon dēspērāre = verzweifeln ā tergō = hinterrücks at = aber, doch tandem Adv. = endlich servitūs, ūtis f. = die Sklaverei nonne Fragepartikel = nicht ...? dēlectāre = Vergnügen bereiten urgēre = drängen hūc Adv. = hierher currus, ūs m. = der Wagen in miseriam incidimus = wir sind ins Elend geraten lacrima, ae f. = die Träne abripĕre = wegreissen tunica, ae f. = Untergewand squālidus, a, um = schmutzig instāre = bevorstehen utinam veniret = würde er doch kommen! auxiliō Dat. = zu Hilfe utinam adiuvarent = würden sie doch helfen!
1 Quintus se gladio suo a latrone defendit. Nunc procedit. 2 Ille non recedit, sed iterum offendit. Quintus reicitur. 3 Alter alterum capit. Quis fortior est? Et premunt et premuntur. Quintus non videt se a tertio latrone offendi. Ictu pugionis 4 5 vulneratus ruit. Mortuusne est? 6 Simul Ursus magna cum fortitudine pugnat. Non reicitur. Subito a 7 tribus latronibus circumventus est. Illi exclamant: «Nunc te superamus. Non fortior es quam tres viri. Te vivum capere volumus, quia vivus 8 9 nobis pretiosior es quam mortuus.» Sed Ursus animo constanti se 10 defendit. Tum unus accedit, capit manum Ursi. Ursus eum reicit, sed 11 nunc a secundo capitur. Paulo post vinctus est neque moveri potest. 12 Dum Quintus et Ursus cum latronibus pugnant, Iulia fugit. 13 Unus e viris sequitur. Celerior est quam ea. Iam proximus est.
14 Iulia desperat. A tergo capitur. Exclamat. At nemo ei adest. Fortibus 15 manibus tenetur. Latro clamat: «Tandem te habeo. Pulchra es. Pretiosa 16 es. Nunc in servitutem abduceris. Vos omnes in servitutem abducimini!» 17 Accedit. «Virgo amabilis es. Nonne vis me delectare?» Subito a socio 18 appellatur. «Veni, stupide, tempus urget. Duc virginem ad nos! 19 Debet cum duabus aliis feminis vinciri.» Ille respondet: «Tibi non licet 20 mihi imperare. Servus tuus non sum.» Alter dicit: «Tace! Age virginem 21 huc!» Iulia agitur ad currum, ubi mater et serva remanent. Cornelia 22 exclamat: «Quantam in miseriam incidimus?» Quartilla prae lacrimis 23 nihil dicere potest. Omnes desperatae sunt. 24 Feminis ab avidis latronibus vestimenta pretiosa abripiuntur. 25 Pro his tunicae squalidae eis traduntur. Iulia dicit: «Nunc servae 26 esse videmur. 27 Tristis fortuna nobis instat. Utinam pater nobis auxilio veniret! 28 Utinam Valens et pater eius nos adiuvarent!»
I
II
III
IV
V
Julia erwacht mit von Tränen verklebten Augen.
LESEN
→V on welchen Personen ist in den einzelnen Abschnitten die Rede?
11.
In Julias Vorstellung verlaufen die Ereignisse anders als in der Wirklichkeit. → Findest du die Unterschiede? 12.
24
13.
→ Ordne die italienischen Sätze den einzelnen Abschnitten zu!
a) V iene tenuta da mani forti. b) Non sono il tuo schiavo. c) Un triste destino ci attende (sta davanti). d) Finalmente ti tengo. Sei bella. Sei preziosa. e) Ma quello non recede, colpisce invece di nuovo. f) Non sei più forte di tre uomini.
Abschnitt Abschnitt Abschnitt
CAPUT IX FABULA
ÜBERSETZEN UND VERSTEHEN
Abschnitt Abschnitt Abschnitt
→B eschreibe die Gemütsverfassung von Julia am Ende des Textes!
14.
Obwohl der Text Julias Phantasie entspringt, ist er nicht unrealistisch. →B egründe diese Aussage mit deinem Wissen aus AUREA BULLA 1 und 2! 15.
→W as könnte Julia, falls sie wirklich als Sklavin verkauft würde, alles drohen? Recherchiere über das Schicksal von Sklavinnen! 16.
→B eschreibe die Charaktereigenschaften der Räuber!
17.
ENTDECKEN
→M ache zwei Aussagen mit deutschen Passivformen. →E rkläre, wie im Deutschen das Passiv ausgedrückt wird!
18.
Im Text kommen viele neue Verbformen vor. Meist handelt es sich um lateinische Passivformen. → S ammle alle Prädikate mit neuen Verbalendungen. →V ersuche sie auf die drei Personen des Singulars und des Plurals Passiv zu verteilen! 19.
SINGULAR 1. Person 2. Person 3. Person
PLURAL
→ S telle die Personalendungen des Passivs zusammen! SINGULAR 1. Person 2. Person 3. Person
PLURAL
→F indest du auch Infinitive, die im Passiv stehen? Es kommt vor, dass lateinische passive Prädikate nicht mit deutschem Passiv übersetzt werden. → Suche nach treffenden Wendungen für: Mortuus esse videtur. (Ursus)
non reicitur.
(Ursus)
paulo post moveri non potest. 25
AUREA BULLA
Lingua AKTIV UND PASSIV (VERBEN) Wir haben gelernt, dass jeder Satz ein Subjekt und ein Prädikat hat. Bis anhin sind uns vor allem Sätze begegnet, in denen das Subjekt etwas machte, also Urheber einer Handlung war. Meist richtete sich diese Handlung auf etwas, auf ein Objekt.
|
Latro Subjekt
|
capit Prädikat
= Urheber der Handlung = Handlung
Der Räuber |
packt
|
Iuliam. Objekt = Ziel der Handlung
Julia.
Diese Handlungsart heisst Aktiv (von lt. agĕre, actus = handeln). Es ist aber auch möglich, die Wirkung der Handlung auf das Subjekt auszudrücken. Das Subjekt wird dann zum Empfänger der Handlung, es erleidet die Handlung. Diese Handlungsart heisst Passiv.
|
Iulia
Subjekt
capitur. Prädikat
= Empfänger der Handlung = Handlung
Julia
|
wird gepackt.
Aktiv und Passiv gehören in die Bestimmungskategorie Genus verbi (Handlungsart).
DIE FORMEN DES PASSIVS Das Passiv hat folgende Personalendungen: Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
2. Person
3. Person
-or -ris -tur -mur -minī -ntur
Die Personalendungen treten an den Stammauslaut. Bei der konsonantischen Konjugation tritt oft ein Bindevokal zwischen den Stamm und die Endung (-ĕ, -ĭ, -ŭ). 26
CAPUT CAPUT IX V LINGUA
PRÄSENS PASSIV A-KONJUGATION Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
am-or
amā-ris amā-tur
ich werde geliebt du wirst geliebt
Infinitiv:
2. Person
3. Person
amā-mur amā-minī ama-ntur
er/sie wird geliebt, wir werden geliebt ihr werdet geliebt man liebt
sie werden geliebt
amā-rī geliebt werden
PRÄSENS PASSIV E-KONJUGATION Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
vide-or
vidē-ris vidē-tur
ich werde gesehen du wirst gesehen
Infinitiv:
2. Person
3. Person
vidē-mur vidē-minī vide-ntur
er/sie wird gesehen, wir werden gesehen ihr werdet gesehen sie werden gesehen man sieht
vīdē-rī gesehen werden
PRÄSENS PASSIV I-KONJUGATION Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
audi-or
audī-ris audī-tur
ich werde gehört du wirst gehört
Infinitiv:
2. Person
3. Person
audī-mur audī-minī audi-u-ntur
er/sie wird gehört, wir werden gehört man hört
ihr werdet gehört
sie werden gehört
2. Person
3. Person
audī-rī gehört werden
PRÄSENS PASSIV KONSONANTISCHE KONJUGATION Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
dīc-or
díc-ĕ-ris dīc-i-tur
ich werde genannt du wirst genannt
Infinitiv:
dīc-i-mur dīc-i-minī dīc-u-ntur
er/sie wird genannt, wir werden genannt ihr werdet genannt sie werden genannt man nennt
dīc-ī genannt/gesagt werden
PRÄSENS PASSIV GEMISCHTE KONJUGATION Singular Plural 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person
capi-or
cápĕ-ris capi-tur
ich werde gepackt du wirst gepackt
Infinitiv:
2. Person
3. Person
capi-mur capi-minī capi-u-ntur
er/sie wird gepackt, wir werden gepackt ihr werdet gepackt sie werden gepackt man packt
cap-ī gepackt werden 27
AUREA BULLA
VERWENDUNGSWEISEN DES LATEINISCHEN PASSIVS 1. MIT HANDELNDER PERSON:
Das Subjekt Julia erleidet die Handlung. Der Täter, die handelnde Person, wird im Lateinischen mit der Präposition a/ab beim Ablativ hinzugefügt, im Deutschen mit der Präposition ‹von› beim Dativ oder ‹durch› beim Akkusativ.
Iulia
|
|
a latrone
capitur.
Julia wird vom Räuber gepackt.
2. REFLEXIVE VERWENDUNGSWEISE
Das lateinische Passiv kann oft mit der deutschen Wendung ‹sich lassen› und Infinitiv oder reflexiv wiedergegeben werden. Bei dieser Verwendungsweise spricht man auch vom Medium. Zwischen Aktiv und Passiv bildet es das ‹mittlere› Genus verbi.
Ursus
|
|
non
repellitur.
Ursus lässt sich nicht zurückdrängen.
Ursus vinctus
|
moveri non
|
potest.
Der gefesselte Ursus kann sich nicht bewegen.
3. UNPERSÖNLICHE VERWENDUNGSWEISE
Manchmal wird das Passiv in der 3. Person Singular verwendet, ohne dass ein bestimmtes Subjekt genannt wird. In diesem Fall spricht man von einer unpersönlichen Verwendungsweise. Anstelle der Übersetzung mit ‹es› bietet sich ‹man› an.
28
Ridetur.
Es wird gelacht. | Man lacht.
In senatu Romano de periculo latronum consulitur. Im römischen Senat berät man sich über die Gefahr von Räubern.
Usque ad Summum Poeninum milia passuum V ascenditur. Man steigt bis zum Grossen Sankt Bernhard noch fünf Meilen hoch.
DEUTSCH: Im Deutschen existieren wie in den meisten anderen europäischen
Sprachen keine passiven Personalendungen. Das Passiv wird mit den Hilfsverben ‹werden› oder ‹sein› und Partizip Perfekt ausgedrückt.
CAPUT CAPUT IX V LINGUA
DAS PASSIV IN DEN MODERNEN SPRACHEN
a: Die Sanucii werden überfallen. Hier wird das Geschehen, der Vorgang dargestellt. Man spricht deshalb vom Vorgangspassiv. Es wird mit ‹werden› und Partizip Perfekt ausgedrückt.
b: Der Schmuck ist gestohlen. Hier steht der erreichte Zustand im Vordergrund. Die Passivform mit ‹sein› und Partizip Perfekt heisst deshalb Zustandspassiv. Im Deutschen stehen von 1000 Prädikaten durchschnittlich nur etwa 80 im Passiv. Am häufigsten kommt das Passiv in Texten vor, in denen die handelnde Person, das Subjekt, nicht in Erscheinung treten will, um objektiv oder neutral zu wirken. Dies ist oft in amtlichen oder wissenschaftlichen Texten der Fall. Achtung! Im Deutschen existiert noch eine zweite mit ‹werden› zusammengesetzte Form: das Futur. → Findest du den Unterschied in der Bildung?
Julia wird vom Räuber gepackt.
Julia wird an Valens schreiben.
FRANZÖSISCH: Im Französischen wird das Passiv durch die Kombination von
être mit dem participe passé gebildet. Dabei muss das participe passé in Bezug auf das Genus und den Numerus an das Subjekt angepasst werden. Der Täter, die handelnde Person, steht nach der Präposition par.
Julie
|
est
|
saisie
|
par le brigand.
|
par le brigand.
Julia wird vom Räuber gepackt.
Ursus
|
est
|
saisi
Ursus wird vom Räuber gepackt. Les voyageurs
sont
|
saisis
Die Reisenden werden von den Räubern gepackt.
|
par les brigands.
ENGLISCH: Auch im Englischen wird das Passiv mit der Kombination to be und
participle ausgedrückt. Der Täter steht nach der Präposition by.
Julie | is | seized Julia wird vom Räuber gepackt.
|
by the robber.
29
AUREA BULLA
DIE 4. ODER U-DEKLINATION (NOMEN) Die 4. Deklination ist von der 2./o-Deklination und der 3. Deklination beeinflusst. Weil der Vokal ‹u› in den meisten Fällen auftritt, heisst sie auch u-Deklination.
frūctus, ūs m.
Nominativ Genitiv Dativ Akkusativ Ablativ
= die Frucht → der Ertrag → der Erfolg Singular
Plural
frūct-us frūct-ūs frūct-uī frūct-um frūct-ū
frūct-ūs frūct-uum frūct-ibus frūct-ūs frūct-ibus
→ Suche Einflüsse der 2./o-Deklination und der 3. Deklination! Die 4./u-Deklination besteht nur aus Nomen. Es gibt keine Adjektive. Im Vokabular werden sie mit der Angabe des Genitivs kenntlich gemacht:
frūctus, ūs m.
= die Frucht → der Ertrag → der Erfolg
Die allermeisten Nomen der 4./u-Deklination haben maskulines Genus. Zu den seltenen femininen Nomen gehören:
domus, ūs f. = das Haus
manus, ūs f. = die Hand
porticus, ūs f. = die Säulenhalle
Daneben existieren noch wenige Nomen mit neutralem Genus. Sie enden auf -ū. Im Nominativ und Akkusativ Plural enden sie wie alle sächlichen Nomen auf -a.
cornū, ūs n. = das Horn genū, ūs n. = das Knie
Nom./Akk. Pl.: corn-ua Nom./Akk. Pl.: ge-nua
WORTBILDUNG
Viele Nomen der 4./u-Deklination sind vom Partizip Perfekt Passiv abgeleitet. Diese Nomen bezeichnen jeweils eine Handlung.
rīdēre, rideō, rīsus → rīsus, ūs m. = das Lachen, das Gelächter advenīre, adveniō, adventus → adventus, ūs m. 30
= das Ankommen, die Ankunft
CAPUT CAPUT IX V LINGUA
→ Bestimme die Bedeutung von: cursus, ūs m. =
dt: der Kurs; fr: le cours; it: corso; sp: curso; en: course
conventus, ūs m. =
dt: der Konvent; it: convegno
aspectus, ūs m. =
dt: der Aspekt; fr: l’aspect m.; it: aspetto; sp: aspecto; en: aspect
actus, ūs m. =
dt: der Akt, fr: l’acte m.; it: atto; sp: acto; en: act
habitus, ūs m. =
fr: l’habit m. (Kleidung); it: abito; sp: hábito; en: habit (die Gewohnheit)
STEIGERUNG: KOMPARATIV FORMEN
Der Komparativ ist die mittlere der drei Steigerungsformen eines Adjektivs. Der Komparativ wird gebildet, indem für das Maskulinum und das Femininum das Suffix -ior, für das Neutrum das Suffix -ius angefügt wird.
alt-ior mons
= ein höherer Berg
long-ior via = ein weiterer Weg pulchr-ius aedificium = ein schöneres Gebäude Die Komparative gehen nach der 3. Deklination. Die Kasusendungen werden an den auf -or- auslautenden Stamm gehängt. Singular maskulin + feminin neutrum
Plural maskulin + feminin
neutrum
altior alt-ius altiōr-ēs altiōr-a Genitiv altiōr-is altiōr-is altiōr-um altiōr-um Dativ altiōr-ī altiōr-ī altiōr-ibus altiōr-ibus Akkusativ altiōr-em alt-ius altiōr-ēs altiōr-a Ablativ altiōr-e altiōr-e altiōr-ibus altiōr-ibus Nominativ
Gelegentlich werden Adjektive auch mit magis und maximē gesteigert:
ardua via
= ein steiler Weg
magis ardua via
maximē ardua via
= ein steilerer Weg
= der steilste Weg 31
AUREA BULLA
Einige wenige Adjektive weisen in ihren Steigerungsformen unterschiedliche Stämme auf. Es handelt sich um die folgenden sehr gebräuchlichen Adjektive:
Positiv
Komparativ
gut
bonus, a, um
mel-ior, mel-ius optimus, a, um
schlecht
malus, a, um
pe-ior, pe-ius
pessimus, a, um
klein
parvus, a, um
min-or, min-us
minimus, a, um
gross
magnus, a, um
ma-ior, ma-ius
maximus, a, um
viel
multum plūs
plūrimum
viele
multī, ae, a
plūrimī, ae, a
plūr-es, plūr-a
Superlativ
Vergleiche dazu die französischen Komparativformen: gut
bon, bonne meilleur, meilleure schlimm mauvais, mauvaise pire
le meilleur, la meilleure le, la pire
gering
le, la moindre
petit, petite
moindre
Es gibt auch Steigerungsformen zu Orts- und Zeitadverbien: nach, hinter
nahe
post
posterior, posterius postrēmus, a, um
der, die, das Spätere
prope
vor
propior, propius
proximus, a, um
der, die, das Nähere
der, die, das Nächste
(prae)
prior, prius
prīmus, a, um
der, die, das Frühere
der, die, das Erste
oberhalb, darüber
suprā
unterhalb
īnfrā
innerhalb
intrā
ausserhalb
extrā
→ Erkläre folgende Begriffe! extrem gut approximativ eine intime Frage Der Gegner war inferior. Priorität die Extremitäten 32
der, die das Letzte
superior, superius
suprēmus, a, um
der, die, das Obere
der, die, das Oberste
īnferior, īnferius
īnfimus, a, um
der, die, das Untere
der, die, das Unterste
interior, interius
intimus, a, um
der, die, das Innere
der, die, das Innerste
exterior, exterius
extrēmus, a, um
der, die, das Äussere
der, die, das Äusserste
1. VERGLEICH
Die Steigerung gehört in das Gebiet der Vergleiche. Daran erinnert schon der Begriff ‹Komparativ›. Er stammt vom lateinischen Verb comparare – ‹vergleichen› ab. In einer Sprache können unterschiedliche vergleichende Aussagen gemacht werden.
Zum Beispiel:
Julia ist gleich gross wie Valens. (Gleichheit) Valens ist weniger reich als Julia. (Ungleichheit)
CAPUT IX LINGUA
FUNKTIONEN DES KOMPARATIVS
Mit den Komparativformen wird eine Ungleichheit ausgedrückt, und zwar im Sinne eines höheren Grades einer bestimmten Qualität. Die Person oder Sache, mit der verglichen wird, leitet man im Deutschen in der Regel mit der Konjunktion ‹als› ein, im Lateinischen steht oft quam.
Hic montes altiores sunt quam mons Iura.
Diese Berge sind höher als der Jura.
Manchmal steht anstelle der Wendung mit quam ein Ablativ. Da er die Funktion des Vergleichs hat, heisst er komparativer Ablativ. Die Übersetzung in Klammern zeigt, dass der komparative Ablativ ein separativer Ablativ ist.
Hic montes altiores sunt monte Iurā. Diese Berge sind höher als der Jura.
(Vom Jura aus gesehen sind diese Berge höher.)
2. HERVORHEBUNG
Besteht kein Vergleich, hat der Komparativ eine hervorhebende Funktion, jedoch weniger stark als der Elativ.
Via peior est.
Der Weg ist ziemlich schlecht.
In den folgenden deutschen Wendungen wird der Komparativ ähnlich verwendet:
Wir arbeiten an einem grösseren Projekt. ein älterer Mann 33
AUREA BULLA
STEIGERUNG IN DEN MODERNEN SPRACHEN ENGLISCH: Wie beim Superlativ treten auch beim Komparativ zwei Formen auf:
das Suffix -er und das Adverb more.
In der Regel werden Adjektive mit drei oder mehr Silben mit dem Adverb more / most gesteigert. Bei den zweisilbigen Adjektiven können beide Steigerungsformen auftreten. hübsch
pretty prettier gentle gentler / more gentle intelligent intelligent more intelligent sanft
the prettiest the gentlest / the most gentle the most intelligent
Der Vergleichsgegenstand wird mit than ausgedrückt. These mountains are higher than the Jura.
FRANZÖSISCH: Das Französische kennt im comparatif de supériorité nur die mit
plus zusammengesetzte Ausdrucksweise. hoch
haut, haute
plus haut, plus haute
Der Vergleichsgegenstand wird mit que ausgedrückt.
Ces montagnes sont plus hautes que le Jura.
ITALIENISCH: Im Italienischen wird der Komparativ mit più ausgedrückt. hoch
alto, alta
più alto, alta
Der Vergleichsgegenstand wird mit di (bei Substantiven und Pronomen) sowie che (bei Adjektiven und Verben) eingeleitet.
Queste montagne sono più alte del (de + il) monte Jura.
SPANISCH: Im Spanischen wird der Komparativ mit más ausgedrückt, das auf das
lateinische magis zurückgeht.
34
Estas montãnas son más altas que las montãnas Jura.
CAPUT IX LINGUA
SPRACHGESCHICHTE: Im gesprochenen Latein trat schon früh die einfachere und
deutlichere Steigerung mit magis und maxime auf. Sie begann, die Komparativ- und Superlativformen zu verdrängen. Vom ersten Jahrhundert an verbreitete sich plus im ganzen römischen Reich und verdrängte magis. Deshalb finden wir Ableitungen von plus im Italienischen (più) und im Französischen (plus). Die äusseren Ränder des Reiches erreichte diese Veränderung jedoch nicht. Im Portugiesischen werden Adjektive mit mais, im Spanischen mit más und im Rumänischen mit mai gesteigert. Sie alle sind vom lateinischen magis abgeleitet.
WÖRTER UND IHRE BEDEUTUNGEN: GRĀTIA Das lateinische Nomen gratia besitzt im Deutschen verschiedene Bedeutungen, die alle gedanklich zusammenhängen. Zunächst bedeutet das Wort so viel wie ‹Anmut›, ‹Charme›. Personen, die über ‹Charme› verfügen, wecken in anderen Menschen ‹Sympathie›. Sympathischen Menschen erweist man gerne eine ‹Gefälligkeit›, die wiederum ‹Dank› hervorruft. → Suche im Deutschen und in den modernen Fremdsprachen nach von gratia abstammenden Begriffen, welche die verschiedenen Bedeutungen des Wortes wiedergeben!
Abb. 7: Lucas Cranach der Ältere: Die drei Grazien (1530).
IS TREM RTIUS IN EX S, FO U I T L S, A CITIU ULTRA PLUS NON
VERBA MANENT 35
AUREA BULLA
Mythos:
Die Gründung von Rom
Abb. 8: Kapitolinische Wölfin, Rom.
7-5-3,
Rom schlüpft aus dem Ei! Diesen einfachen Merkspruch lernt jedes Kind in der Schule. Um auf dieses Gründungsjahr zu kommen, führten die antiken römischen Geschichtsforscher die kompliziertesten Berechnungen durch. Es galt, die Eroberung von Troja, die Ankunft des Aeneas in Italien, die Regierungszeit von sieben Königen und den Übergang zur Republik in Einklang zu bringen. Das Jahr 753 vor Christus setzte sich erst zur Zeit des Augustus als allgemein anerkanntes Gründungsjahr von Rom durch. Rom war damals die wichtigste Stadt der Welt. Die Frage, wann und wie sie entstanden war, beschäftigte die Menschen sehr. Doch schon die antiken Historiker mussten feststellen, dass es nahezu unmöglich war, aus den verschiedenen überlieferten Geschichten herauszufinden, wie die Stadt wirklich gegründet worden war. Eine wichtige Figur war stets der Troja-Flüchtling Aeneas. Er galt auch als Gründer von Rom. Der Name Rom wurde auf eine seiner Begleiterinnen namens Rome zurückgeführt. Diese Frau sei des langen Reisens überdrüssig gewesen und habe die anderen Frauen dazu angestiftet, die Schiffe zu verbrennen. Den Männern sei nichts anderes übrig geblieben, als dort eine Stadt zu gründen. Eine andere wichtige Rolle spielte Odysseus. Auf seinen langen Irrfahrten soll er verschiedene Kinder gezeugt haben, darunter einen Sohn namens Romus – und der habe die Stadt Rom gegründet. Die Kriege, welche Rom gegen die grosse Rivalin Karthago führte, waren für die Römer so prägend, dass sie das Gründungsdatum von Rom in die Nähe desjenigen von Karthago rücken wollten. Rom sollte nun um das Jahr 800 v. Chr. gegründet worden sein.
36
CAPUT IX MYTHOS
Für das Jahr 296 v. Chr. berichtet der Historiker Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) über die beiden Ädile Gnaeus und Quintus Ogulnius Folgendes: Ad ficum Ruminalem simulacra infantium conditorum urbis sub uberibus lupae posuerunt.1 Das ist der erste Hinweis auf die Geschichte um die Zwillinge Romulus und Remus. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie immer wieder umgeformt und mit anderen Geschichten verbunden, besonders derjenigen des Aeneas. Vor allem Caesar und sein Adoptivsohn, der spätere Kaiser Augustus, nahmen auf ihre Ausformung Einfluss. Caesar führte seine Familie, die gens Iulia, auf Iulus, den Sohn des Aeneas, zurück. Da Iulus der Verbindung des Aeneas mit der Göttin Venus entsprungen war, konnten sich Caesar und Augustus gar göttlicher Abstammung rühmen. Ein gutes Argument für die eigenen Herrschaftsansprüche. Nach dieser Version gründete Aeneas nicht Rom, sondern Lavinium. Sein Sohn Iulus – er heisst auch Ascanius – gründete eine weitere Stadt namens Alba Longa. Danach vergingen bis zum König Proca rund 400 Jahre ohne nennenswerte Ereignisse. Proca hatte zwei Söhne, Numitor und Amulius. Obwohl Numitor der ältere war und Anspruch auf die Nachfolge von Proca gehabt hätte, riss der gewalttätige und machthungrige Amulius die Herrschaft an sich. Er liess Numitors Sohn ermorden und machte dessen Tochter Rhea Silvia zur VestaPriesterin. Da Vestalinnen jungfräulich bleiben mussten, glaubte sich Amulius sicher vor weiteren Nachkommen seines Bruders. Doch es kam anders. Als Rhea Silvia einmal im heiligen Bezirk des Gottes Mars Wasser für den Tempeldienst holen wollte, traf sie auf einen riesigen Wolf. Voller Angst flüchtete sie in eine nahegelegene Höhle. Dort erschien ihr der Gott Mars höchstpersönlich und vereinigte sich mit ihr. Rhea wurde mit Zwillingen schwanger. Das brachte sie in eine schlimme Situation. Als der Vorfall ans Licht kam, nutzten all ihre Beteuerungen nichts: Sie hatte das heilige Gesetz der Vestalinnen gebrochen. Amulius kannte keine Gnade. Er liess die Unglückliche im Tiber ertränken. Nicht besser sollte es den Zwillingen ergehen. Sie wurden in einen Korb gelegt und im Tiber ausgesetzt. Der Fluss führte gerade Hochwasser. Als dieses zurückging, blieb der Korb in den Zweigen eines Feigenbaumes, eben dieses ruminalischen Feigenbaumes, hängen. Die Kinder wimmerten hilflos. Da tauchte eine Wölfin auf, die soeben Junge geworfen hatte. Sie erblickte die Säuglinge, leckte ihre Leiber sauber und gab ihnen schliesslich ihre Zitzen, damit sie Milch trinken konnten. So überlebten sie. Ein Specht, ein dem Mars heiliger Vogel, brachte ihnen feste Nahrung. So verging einige Zeit.
Abb. 9: Mars, 2. Jh. n. Chr.
Eines Tages kam Faustulus, einer der königlichen Hirten, vorbei und entdeckte die Kinder. Der Anblick machte ihn fassungslos. Er hob die Kinder auf und trug sie nach Hause zu seiner Frau Acca Laurentia. Acca und Faustulus nannten die beiden Romulus und Remus. In ihrer Obhut wuchsen sie zu tatkräftigen, mutigen jungen Männern heran. Da geschah es, dass Remus während eines religiösen Festes infolge eines Streites gefangen genommen wurde. Er wurde vor den greisen Numitor geführt, der ihn bestrafen sollte. Romulus setzte alles in Bewegung, um seinen Bruder zu befreien. Er rief Faustulus herbei. Dieser erzählte Numitor die Geschichte der beiden Brüder. Numitor, den die beiden 1B eim ruminalischen Feigenbaum stellten sie die Figuren der beiden Kinder, der Stadtgründer, unter den Zitzen der Wölfin auf. Livius, «Ab urbe condita», X. 23, 12 37
AUREA BULLA
Abb. 10: Federico Barocci: Aeneas flieht aus dem brennenden Troja (1598).
Jungen gleich an seine Tochter erinnert hatten, verstand alles und nahm sie voll Freude als seine Enkel in die Arme. Romulus und Remus organisierten einen Aufstand gegen Amulius. Amulius wurde getötet, Numitor als rechtmässiger König eingesetzt. Wieder verging einige Zeit, bis Romulus und Remus das Verlangen verspürten, dort, wo sie ausgesetzt worden waren, eine Stadt zu gründen. Wer aber sollte der neuen Stadt den Namen geben und sie beherrschen? Wer von ihnen sollte den Vorrang haben? Der Grossvater riet, die Entscheidung den Göttern zu überlassen und durch das Orakel des Vogelfluges (auspicium) den Gründer zu bestimmen. Wem als Erstem bedeutsamere Vogelzeichen erschienen, der solle die neue Stadt anführen. So einfach wurde es jedoch nicht. Noch in der Nacht stieg Remus auf den Aventin, Romulus auf den Palatin, um nach Vögeln Ausschau zu halten. Als die Morgenröte erschien, sah Remus sechs Geier. Voll Begeisterung schickte er Boten zu seinem Bruder. Als diese eintrafen, erblickte Romulus zwölf Geier. Wer sollte nun der Stadtgründer sein? Derjenige, der zuerst ein Vogelzeichen gesehen hatte, oder derjenige, dem sich das grössere gezeigt hatte? Ein heftiger Streit brach aus. Schliesslich wurde Romulus zum neuen Gründer und Herrscher ausgerufen. Remus, obwohl zornig, fügte sich der Entscheidung. Romulus ging an die Arbeit. Er hob eine Grube aus und legte Früchte und wertvolle Gegenstände hinein. Das sollte der Mittelpunkt der neuen Stadt sein. Dann spannte er eine Kuh und einen Stier vor den Pflug und zog eine Furche um den Mittelpunkt. Dort, wo ein Tor sein sollte, trug er den Pflug. Remus sah ihm dabei gelangweilt zu. Plötzlich hatte er einen übermütigen Einfall. Er stand auf, rannte 38
CAPUT IX MYTHOS Abb. 11: Jacques-Louis David: Die Sabinerinnen (1799).
zur Furche und überschritt sie mit einem leichten Sprung. Als Romulus das sah, geriet er ausser sich vor Wut. Er trat zu seinem Bruder, zückte den Dolch und stach ihn nieder. Sic deinde, quicumque alius transiliet moenia mea.2 Diese Worte rief Romulus seinem sterbenden Bruder nach. Doch es ging nicht lange, bis er seine unbeherrschte Tat bereute. Tiefe Trauer erfasste ihn. Er liess neben seinem Thron einen zweiten aufstellen, um allen zu zeigen, wie sehr ihm Remus fehlte. Die neue Stadt erhielt den Namen ihres Gründers. Sie zog Männer aus den benachbarten Regionen an, Siedler, Sklaven, Heimatlose, ja sogar Diebe und Räuber. Alle waren willkommen. Aber es kamen eben nur Männer, keine Frauen. Romulus schickte Gesandte in alle Himmelsrichtungen, um Ehen zu vereinbaren. Alle kamen sie mit leeren Händen zurück. Die Nachbarn hatten nur Hohn und Spott für ihr Anliegen übrig. In der Not ersann Romulus eine List. Er lud alle Nachbarn zu Wettkämpfen ein. Alles wurde aufs Schönste vorbereitet. Und die Nachbarn, vor allem die Sabiner, kamen in grosser Zahl. Als die Spiele begannen, stürzten sich die Römer auf ein Zeichen von Romulus hin auf die Sabinerinnen und entführten sie. Die Sabiner flohen entsetzt – aber es verging nicht viel Zeit, bis sie zurückkehrten, dieses Mal mit Waffen. Bei den folgenden Kämpfen gewannen einmal die Sabiner, ein anderes Mal die Römer. Doch mitten in 2 So wird es jedem ergehen, der nach dir über meine Mauer steigt. Livius, «Ab urbe condita», I. 7,2 39
AUREA BULLA
einer Schlacht geschah etwas völlig Unerwartetes: Die geraubten Sabinerinnen kamen vom Palatin-Hügel heruntergerannt und warfen sich zwischen die feindlichen Schlachtreihen. Sie riefen den Männern zu, dass dieser Krieg nur Verlierer kennen werde, entweder verlören sie ihre Brüder und Väter oder ihre Männer. Leidtragende seien immer sie, die Frauen. Wenn die Männer weiterhin kämpfen wollten, müssten sie zuerst ihre Frauen und Mädchen töten. Dieser Auftritt machte auf die Männer einen so grossen Eindruck, dass sie die Kämpfe einstellten und Frieden schlossen. Die Sabiner und die Römer vereinigten sich in einem Staat mit der Hauptstadt Rom. Dies wurde für die Römer die gültige Gründungsgeschichte ihrer Stadt. Wie so viele Gründungsgeschichten ist sie nicht historisch. Weder ein Gründungsdatum noch ein Gründungsakt lassen sich finden. Die Forschung geht davon aus, dass zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus verschiedene Stämme die italische Halbinsel in Besitz nahmen, darunter die Latiner, Sabiner und Samniten. Diese Stämme kamen in Kontakt mit den kulturell weiter fortgeschrittenen Etruskern und im Süden mit den griechischen Kolonisten. Beide hatten grossen Einfluss auf ihre weitere Entwicklung. Im achten Jahrhundert vor Christus schlossen sich die Siedlungen auf den verschiedenen Hügeln zusammen. Dabei spielte eine grosse Rolle, dass der Tiber an dieser Stelle aufgrund einer Furt leicht zu überqueren war. Aus den Siedlungen entwickelte sich in kurzer Zeit eine Stadt, Rom, die lange Zeit unter dem Einfluss der Etrusker stand. Verschiedene Könige waren etruskischer Abstammung. Um 500 wurde der letzte etruskische König, Tarquinius Superbus, von den Latinern aus Rom vertrieben. Die Latiner organisierten ihre Stadt neu. Anstelle eines Königs sollten zwei Konsuln als oberste Beamte walten. Es entwickelte sich ein Staatsgebilde, das die Römer res publica – ‹öffentliche Angelegenheit› nannten. Rom konnte in den folgenden Jahrhunderten durch Kriege oder Bündnisse seine Macht auf die ganze italische Halbinsel ausdehnen. In drei harten Kriegen rang es danach Karthago, seine mächtige Rivalin im westlichen Mittelmeer, nieder. Im Jahr 146 v. Chr. zerstörten die Römer die Stadt Karthago. Darauf folgten die Eroberung von Griechenland und weiteren Gebieten im östlichen Mittelmeer. Zur Zeit von Caesar und Augustus war Rom zur unbestritten grössten Macht im Mittelmeerraum geworden.
AUFGABEN In der Geschichte werden zwei der sieben Hügel von Rom genannt. → Suche auf der Romkarte die restlichen fünf! 1.
2
→ Wie heissen die folgenden Personen?
Aeneas’ Sohn: der Grossvater der Zwillinge: der Hirte: die Frau des Hirten: die Mutter der Zwillinge: der böse Grossonkel der Zwillinge:
40
CAESAR & AUGUSTUS Denken wir heute an die Römer, kommen uns meist als Erstes die Kaiser in den Sinn: Caligula, der sein Pferd zum Konsul machte, oder Nero, der sich als Sänger gefiel. Vor allem aber Caesar, der machtgierige, hochnäsige Römer aus den Asterix-Comics oder der Frauenverführer aus den Cleopatra-Filmen. Manchen fällt vielleicht auch Augustus ein. Aber war Caesar überhaupt Kaiser? Was hat Caesar mit Augustus zu tun? Welche Rolle spielen die beiden in der römischen Geschichte? Caesar war kein Kaiser. ‹Caesar› ist der Beiname. Von seiner adligen Familie, der gens Iulia, stammt sein Familienname Iulius. Gaius war sein Vorname. Sein voller Name lautet also Gaius Iulius Caesar. Er lebte von 100 bis 44 v. Chr., in einer Zeit, als der römische Staat von Krise zu Krise taumelte. Augustus hiess eigentlich Gaius Octavius. Er war der Sohn der Atia, einer Nichte von Caesar.
Abb. 12: Nicolas Coustou: Julius Caesar (1713).
Zu Caesars Lebzeiten war Rom eine Republik. Die Römer waren stolz auf ihre res publica, da sie den Bürgern aller Stände Mitsprache ermöglichte – zumindest auf dem Papier. In Wirklichkeit bestimmten die reichen Ritter und vor allem die Adligen den Gang der Dinge. Obwohl in der Minderheit, hatten sie das Abstimmungssystem so eingerichtet, dass die Entscheidungen gefallen waren, ehe das einfache Volk, die plebs, überhaupt zur Abstimmung kam. Die nobiles hatten Vorteile bei den Wahlen und stellten deshalb den Grossteil der Beamten, welche die Geschicke der Stadt lenkten. Caesar wurde nacheinander in wichtige Ämter der res publica gewählt. Im Jahr 65 wurde er Ädil. In diesem Amt musste er die Abhaltung der Märkte beaufsichtigen und 41
Abb. 13: Lionel Royer: Vercingetorix wirft seine Waffen Caesar zu Füssen (1899).
die Getreideversorgung sicherstellen, war aber auch für die Organisation der Spiele verantwortlich. Dies bot ihm die Chance, sich beim Volk bekannt und beliebt zu machen. Er nutzte sie ohne Rücksicht auf Verluste. Seine grossartigen Spiele hinterliessen beim Volk einen bleibenden Eindruck. Einziges Problem: Caesar verschuldete sich bis
Abb. 14: Silberdenarius: Caesar. Dictator Perpetuus, 44 v. Chr. 42
über beide Ohren. Im Jahr 62 wurde er zum Prätor gewählt. Die Prätoren leiteten die Rechtsprechung, manche walteten auch als Statthalter in Provinzen. Caesar war Statthalter im südlichen Spanien. Dort erwarb er sich erste militärische Lorbeeren und machte durch Kriegsbeute und Ausbeutung der Provinz viel Geld. Im Jahr 59 dann wurde er ins höchste Amt gewählt: Caesar wurde einer der beiden Konsuln. In diesem Amt hatte er mit seinem Kollegen die Heerführung inne. Er berief die Senatsversammlungen ein und leitete sie. Er war auch dafür verantwortlich, dass die Senatsbeschlüsse ausgeführt wurden. Der Senat selbst hatte eigentlich nur eine beratende Funktion. Kaum ein Beamter wagte es aber, sich einem Senatsbeschluss zu widersetzen. Die Senatoren stammten überwiegend aus den wichtigsten Adelsfamilien. Meist waren sie ehemalige Beamte. Caesar gehörte natürlich auch zum Kreis der
Senatoren. Zwei Ämter hatte Caesar nicht inne: Er war nicht Quästor (Finanzbeamter) und nicht Volkstribun. Aufgabe der Volkstribunen war es, die Interessen der plebs zu wahren. Das republikanische System hatte verschiedene Kontrollmechanismen, die verhindern sollten, dass jemand zu mächtig wurde. Jedes Amt war zumindest doppelt besetzt, so dass der eine Beamte seinen collega kontrollieren konnte. Jedes Amt war zeitlich begrenzt, bei den Römern in der Regel auf ein Jahr. Alle Ämter wurden durch Wahlen besetzt. Die Amtsbewerber erkannte man an ihrer schneeweissen Toga. Daher ihr Name candidati. Nach dem Konsulat übernahm Caesar die Verwaltung von Provinzen. Caesar wurden die Provinzen Gallia Narbonensis im heutigen Südfrankreich, Gallia Cisalpina im norditalienischen Po-Ge-
Abb. 15: Jean-Léon Gérôme: Der Tod von Caesar (1867).
biet und Illyrien anvertraut. Was Caesar aus dieser Aufgabe machte, war aussergewöhnlich. Der Auswanderungszug der Helvetier diente ihm als Anlass, einen äusserst brutalen Eroberungskrieg zu beginnen. In sieben Jahren, vom Sieg über den Helvetier Divico bei Bibracte (58 v. Chr.) bis zum Sieg über Vercingetorix bei Alesia (52 v. Chr.), unterwarf er ganz Gallien. Abertausende Tote und grosse Zerstörungen blieben zurück – und ein steinreicher Caesar mit einem ihm ergebenen, kampferprobten Heer. Dem Senat war das zu viel Macht in der Hand eines Einzelnen. Er versuchte mit allen Mitteln, Caesar zu entmachten. Zu spät. Mit der Überschreitung des Grenzflusses Rubico entschied sich Caesar, seine eigenen Interessen über diejenigen Roms zu stellen. Er zog gegen Rom. Noch im kalten Flusswasser soll er das berühmte Alea iacta est – ‹Der Würfel ist geworfen› gesprochen haben. Damit meinte er,
dass er dazu bereit war, das Wagnis eines Krieges gegen die eigene Heimatstadt einzugehen. Die Entscheidung über den Ausgang liege nun in der Hand des Schicksals. Und dieses entschied sich für ihn. Caesar überwand in jahrelangen Kämpfen alle Widerstände. Im Jahr 45 war er unumschränkter Herrscher. Doch er blieb der republikanischen Tradition formal treu. Er waltete als Diktator. Dies war ein Amt, das die Verfassung der Republik für Krisenzeiten vorsah. Der Diktator sollte in der Not rasch und entschieden zum Wohle der Stadt handeln können, allerdings maximal ein halbes Jahr lang. Im Jahr 44 liess sich Caesar zum Diktator wählen – auf Lebenszeit. Das war zu viel. An den Iden des März 44 wurde Caesar von einer Gruppe Senatoren mit 23 Dolchstichen ermordet. Unter ihnen war auch sein Freund Brutus, dem Caesars letzte Worte Tu quoque, Brute fili – ‹Auch du, mein Sohn Brutus› galten.
Caesar hat aber nicht nur Kriege geführt und Politik betrieben. Er war auch ein glänzender Redner und Autor diverser Bücher. Berühmt sind seine Berichte über den Gallischen Krieg und den Bürgerkrieg. Seine Kalenderreform legte die Grundlagen unseres heutigen Kalenders. Damit seine Leistungen auf diesem Gebiet auch ja nicht vergessen wurden, liess er gar einen Monat nach seinem Familiennamen umbenennen. Aus dem mensis Quin(c)tilis wurde der mensis Iulius. Caesar ist eine Figur, die nicht nur auf die Weltgeschichte grossen Einfluss hatte, sondern auch viele Schriftsteller, Maler und Filmemacher inspirierte. Der skrupellose, machtgierige Alleinherrscher war eben auch ein charismatischer Mann, der von seinen Soldaten und vom Volk geliebt wurde, auch aufgrund seiner für die damalige Zeit offenbar ungewöhnlichen Milde 43
und Fairness. Caesar war einer der Ersten, der erkannte, dass er damit weiter kam als mit Hass und Rache. Er besass hohe Intelligenz und sogar Sinn für Humor. Der Dichter Catull schieb mehrere ziemlich derbe Spottlieder über ihn. Darin überschüttete er Caesar mit Ausdrücken wie ‹Lustmolch›, ‹Hurenbold› und ähnlichen Beleidigungen. Caesars Reaktion: Er lud Catull zum Essen ein. Sein glamouröses Privatleben war Stadtgespräch. Natürlich erregt seine leidenschaftliche Affäre mit der ägyptischen Königin Kleopatra bis heute die Phantasie der Menschen. Kein Zufall also, dass Caesar in unzähligen Filmen, Dramen und Romanen auftaucht. Man denke an die Stücke von William Shakespeare, die Hollywoodfilme mit Rex Harrison und Liz Taylor oder Romane von Thornton Wilder bis Bertolt Brecht.
Abb. 16: Augustus in der Tracht des Oberpriesters, 1. Jh. n. Chr. 44
Brutus und die anderen Caesar-Mörder hatten geglaubt, mit der Beseitigung des Diktators sei die Freiheit der Republik gerettet. Sie täuschten sich. Die römische Republik steckte seit über hundert Jahren in der Krise und hätte schon längst reformiert werden müssen. Daran hatten sie nicht gedacht. Und sie hatten auch nicht mit Gaius Octavius, dem neunzehnjährigen Erben von Caesar, gerechnet. Trotz seiner Jugend agierte dieser äusserst geschickt und vollkommen skrupellos. Er hatte ein grosses Ziel: Er wollte die Alleinherrschaft seines Adoptivvaters fortführen. Aber er musste, wollte er überleben, andere Wege finden. Erst machte er sich den Senat gefügig, der ihn mit etwas mehr als zwanzig Jahren zum Konsul machen musste. Was für ein Skandal. Ein Konsul musste traditionell mindestens 43 Jahre alt sein. Dann wechselte er urplötzlich die Seiten und schloss sich Marcus Antonius an, dem treuen Weggefährten von Caesar. Zusammen besiegten sie 42 v. Chr. die Verteidiger der Republik in der Schlacht bei Philippi. Nun stand ihm noch Antonius im Weg. Dieser
Abb. 17: Jean-André Rixens: Der Tod von Kleopatra (1874).
hatte sich im ägyptischen Alexandria mit Kleopatra zusammengetan. In einer beispiellosen Schmutzkampagne machte Octavius die beiden schlecht. Er suchte die Entscheidung. Sie fiel in der berühmten Seeschlacht beim griechischen Actium 31 v. Chr. Octavius siegte, Antonius und Kleopatra nahmen sich das Leben.
In den über Jahrzehnte dauernden Bürgerkriegen hatten viele ihr Leben verloren, viele Soldaten, aber auch Senatoren. Octavius war zwar am Ziel, aber hinter ihm lag eine grässliche Blutspur. Mit einer umfassenden Friedenspolitik versuchte er, sich reinzuwaschen. In seiner Jahrzehnte dauernden Herrschaftszeit gelang es ihm, das
römische Reich zu stabilisieren und zu einer beispiellosen wirtschaftlichen und kulturellen Blüte zu führen.
Wie schaffte Octavius das, ohne das Schicksal seines Adoptivvaters zu erleiden? Hier zeigte sich, wie raffiniert er war: In einer feierlichen Zeremonie gab Octavius dem Senat all seine Machtbefugnisse ab. Darauf verlieh dieser ihm die corona civica – die ‹BürgerkroSKRUPEL Skrupel stammt vom lateinischen scru- ne› als Ehrenzeichen dafür, dass er die pulus – ‹spitzes Steinchen›. Der Begriff Bürger gerettet und dauerhaften Friewurde im 16. Jahrhundert gebildet. Er den eingerichtet hatte. Freiwillig, zubedeutet so viel wie ‹Bedenken, Schuld- mindest sollte es so scheinen, übertrug bewusstsein›. Dahinter steckt die Er- der Senat ihm im Jahr 27 die Amtsgefahrung des stechenden Schmerzes, den walt der wichtigsten Ämter und verso ein scrupulus verursachen kann. Im lieh ihm den Ehrennamen Augustus – Deutschen sprechen wir auch von ‹Ge- ‹der Erhabene›. Der Monat Sextilis wurwissensbissen›, einer ähnlichen Meta- de in Augustus umgetauft. Die Repubpher. Das Adjektiv ‹skrupellos› bezeich- lik bestand formell also weiter. Doch net also eine Person oder Handlung als waltete Octavius’ Macht in ihr unanAbb. 18: Scrupulus. gewissenlos. gefochten. Er selbst bezeichnete sich selbst schlicht als princeps – ‹erster 45
Bürger›. Anreden liess er sich von nun an mit Imperator Caesar, divi fili, Augustus – ‹Imperator Caesar, Sohn des Göttlichen (gemeint ist der vergöttlichte Adoptivvater), Augustus›. Diese Namen wurden zum Titel all seiner Nachfolger, so dass aus dem Eigennamen Caesar schliesslich der Titel ‹Kaiser› wurde. Unter Augustus verwandelte sich Rom zu einer Prunkstadt aus Marmor. Er starb im Jahr 14 n. Chr. in hohem Alter, verehrt und geliebt vom römischen Volk. Das von ihm geschaffene politische System überdauerte viele Jahrhunderte. Es ertrug die verrücktesten Kaiser und fand erst im Jahr 476 ein Ende, als der letzte römische Kaiser – er hiess Romulus Augustulus – vom Germanen Odoaker abgesetzt wurde. Augustus dehnte auch die Grenzen des römischen Reiches durch zahlreiche Eroberungen beträchtlich aus. Unter anderem wurde in einem grossen Alpenfeldzug das Gebiet der Schweiz der römischen Herrschaft unterworfen. Mit Aventicum und Augusta Raurica entstanden in dieser Zeit die beiden bedeutendsten römischen Städte der Schweiz. Augustus wurde in späteren Zeiten ganz unterschiedlich betrachtet. Während er im Mittelalter und in der Renaissance als vorbildhafter Herrscher galt, der seinem Volk Frieden und Wohlstand brachte, wird er vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg viel kritischer gesehen: Zu abschreckend waren die schlimmen Erfahrungen der Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit dem Kult um Hitler, Stalin oder Mao. Man wird eine Figur wie Augustus nie abschliessend bewerten können. Einerseits war er der Kaiser der Stabilität und des Friedens für Millionen Menschen, andererseits haben durch ihn Unzählige das Leben verloren.
Abb. 19: Augustus Primaporta, 1. Jh. n. Chr. 46
Abb. 20: Oben: Caesar – Kopf eines gallischen Kriegers. Mitte: Brutus – Cleopatra VII. Unten: Augustus – Marcus Antonius.
MÜNZEN
ALS POLITISCHES INSTRUMENT Caesar war der erste Römer, der es wagte, sich selbst auf Münzen darzustellen. Er machte damit Werbung in eigener Sache. Er bezeichnet sich als Imperator und Pontifex Maximus, als politischer und religiöser Herrscher. Wenn er auf der Rückseite Venus darstellt, die eine Statue der Victoria in der Hand hält, will er etwas ganz Bestimmtes aussagen: Die Familie der Julier führt ihre Abstammung auf die
Göttin Venus zurück. Ihr Name leitet sich von Iulus her, dem Sohn von Venus und Roms Stammvater Aeneas. Venus verleiht ihm, Caesar, Sieg und Macht.
Kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Philippi liess Brutus Silbermünzen prägen. Die Inschrift EID MAR sollte an den Tag der Ermordung von Caesar erinnern. Brutus präsentiert sich als Befreier der Republik und als Imperator – ‹Feldherr› im Kampf gegen Marcus Antonius und Gaius Octavius.
Münzen sind ziemlich zuverlässige Quellen zum Aussehen der historischen Personen. In der Regel sind sie wenig oder gar nicht idealisiert, anders als Porträts und Statuen. Über das Aussehen der Kleopatra geben die Quellen nur vage Informationen. Die Münze mit ihrem Porträt stammt aus der Zeit ihrer Liaison mit Marcus Antonius, dessen Kopf auf der untersten Zeile dargestellt ist.
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