Dank Viele Personen haben die Entstehung von AUREA BULLA unterstützt. Ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt. Besonders erwähnt seien: Universität Basel: Martin Allemann, Henriette Harich-Schwarzbauer, Peter-Andrew Schwarz, Magdalene Stoevesandt, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt: Dagmar Bargetzi, Andrea Hagendorn, PH FHNW: Giuseppe Manno,
Band 2
AUREA BULLA
Latein. Mehrsprachigkeit. Kulturgeschichte
Augusta Raurica: Catherine Aitken, Sven Straumann, Archäologie Baselland: Andreas Fischer, Ferner: AG Latein macht Schule, Catherine Amstutz, Monika Bauder, Claudine Bauer, Austin Diaz, Judith Ehrensperger, Bernadette Schnyder, Theo Wirth, Für die Musik: Michael Bürgin. Herzlichen Dank auch an die Vertreterinnen der Auftrag gebenden Kantone, Frau Regina Kuratle und Frau Julia Weilenmann, für ihre offene und unterstützende Begleitung. Besonderen Dank schulden wir der Lektorin Rosmarie Anzenberger und Gregorio Caruso, der das Layout gestaltet hat. Dem Team um Anita Dettwiler und Dani Pelagatti aus dem Atelier bunterhund und Oculus Illustration danken wir für die schöne Zusammenarbeit.
Lehrbuch der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft Martin Müller Rolf Gutierrez, Adele Netti, Katharina Wesselmann 1
AUREA BULLA
Inhalt VORSPANN Personen Was bisher geschah
4 5
CAPUT V
AUREA BULLA
Familienrat im Tablinum
8
RES ROMANAE
Heiraten
13
FABULA
Nachdenken über die Zukunft
17
LINGUA Personalpronomen der 3. Person: reflexiv und nicht reflexiv Accusativus cum Infinitivo (AcI) Adjektive Steigerung: Superlativ und Elativ Attribute Numeri – Zahlen 11 bis 100 Wörter und ihre Bedeutungen: Metapher
21 25 26 28 29 30
MYTHOS
Dädalus und Ikarus
32
MAGAZIN
Die Olympischen Götter
37
CAPUT VI
AUREA BULLA
Reisevorbereitungen
46
RES ROMANAE Vindolanda and Hadrian’s Wall Das Wichtigste zum römischen Militärwesen Schreiben in der römischen Antike Erste Schritte in der Arbeit mit dem Wörterbuch
FABULA
Berichte aus dem Kriegsgebiet
20
51 52 56 61
63
LINGUA Der Ablativ 68 Zusammengesetzte Sätze: Beiordnung, 71 Unterordnung Wortarten 73 Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen Simplex und Kompositum 74 Vokalschwächung, Assimilation Wörter und ihre Bedeutungen: animus 75
2
MYTHOS
Der Trojanische Krieg und Homers «Ilias»
76
MAGAZIN
Das Heerlager Vindonissa
81
CAPUT VII
AUREA BULLA
Abschied
90
RES ROMANAE
Alle Wege führen nach Rom
94
FABULA Begegnung auf dem Hauensteinpass Albtraum
100 102
LINGUA Genitiv 104 Als Nomen verwendete Adjektive 110 Vom Lateinischen zum Französischen (1) 111 Wortbildung: das Suffix -tas 112
MYTHOS
Odysseus und Homers «Odyssee»
113
Romanische Sprachen im Porträt: Französisch und Bündnerromanisch
118
Weinen und Lachen
124
RES ROMANAE
Totenkult und Bestattungsrituale Das römische Theater
129 131
Im Theater von Aventicum
136
MAGAZIN
CAPUT VIII
AUREA BULLA
FABULA
LINGUA Die Demonstrativpronomen hic, 141 haec, hoc und ille, illa, illud Nomen mit dem Genus neutrum 143 der 3. Deklination Vom Lateinischen zum Französischen (2) 145 Wortbildung: die Suffixe -ōs-us, a, um, 146 -tor / -trix und -bilis, e MYTHOS Aeneas und Vergils «Aeneis» 149
MAGAZIN
In Aventicum
VOCABULA VOCABULA Vocabula Vokabelverzeichnis ANHANG
Index Nachweis der Abbildungen, Literatur Dank, Impressum
153
165 174 176 179
3
AUREA BULLA
Personen FLAVIA SEVERILLA Adlige Frau aus Aventicum. GAIUS ATTIUS SANUCIUS Gaius Attius Sanucius ist ein hochangesehener Mann in Augusta Raurica. Sein Familienname geht auf die römische Familie der Attii zurück, der die Mutter des Kaisers Augustus angehörte, und das kam so: Einer von Sanucius’ Vorfahren war als junger, kriegsgefangener Sklave mit Caesar nach Rom gekommen. Caesar schenkte den Sklaven seiner Schwester Julia, der Grossmutter des Augustus. Später wurde der Mann freigelassen und kehrte in seine helvetische Heimat zurück. Mit der Zeit wurden die Sanucii zu einer der angesehensten Familien in Augusta Raurica. Gaius Attius Sanucius, das Oberhaupt der Familie (pater familias), bewirbt sich mit guten Chancen um das Amt des Duumvir. GAIUS DOMITIUS CARASSOUNUS Helvetischer Sklavenhändler. GNAEUS IULIUS APRICOLA* Statthalter der Provinz Britannia. Heerführer. IOINCATIA NUNDINA Frau des Felix Mucapora. Nundina ist eine einfache Raurakerin, die nicht lesen und schreiben kann. IULIA ATTIA SANUCIA AUGUSTILLA geboren 196. Tochter des Gaius Attius Sanucius. MARCUS OTACILIUS BELLUS Adliger junger Mann aus Aventicum. AELIUS CLADAEUS Aareschiffer aus Aventicum. Vater der Modestina.
MARCUS SANUCIUS MESSOR geboren 187. Sohn des Gaius Attius Sanucius.
BAUDOALDUS Bronzegiesser in Basilia.
MODESTINA Tochter des Aelius Cladaeus.
CANINIA Ehefrau des Aelius Cladaeus.
QUARTILLA* Sklavin. Zofe von Julia und Cornelia.
CORNELIA Cornelia ist die Frau des Gaius Attius Sanucius. Cornelia ist auf dem Gut Munciacum in der Nähe von Augusta Raurica aufgewachsen und hat ihrem Mann fünf Kinder geboren, von denen drei überlebt haben.
QUINTUS SANUCIUS MELO geboren 189. Sohn des Gaius Attius Sanucius.
DAVUS* Sklave des Marcus Otacilius Bellus.
SOSIAS Sklave des Amphitruo im gleichnamigen Stück des Plautus.
DOVECUS Schauspieler in Aventicum.
TERENTIUS GENTIANUS war mit einer Cousine von Gaius Attius Sanucius verheiratet, verwitwet. Konsul des Jahres 211.
FELICIO* Kutscher von Julia und Cornelia auf der Reise nach Rom. FELIX MUCAPORA Felix Mucapora stammt ursprünglich aus Thrakien und hat lange in der römischen Armee gedient. Gegen Ende seiner Karriere war er Centurio in der kleinen Besatzung von Vindonissa. Als er aus der Armee entlassen wurde, liess er sich im Vicus Basilia nieder, wo er sich während seiner Dienstzeit oft aufgehalten hatte. 4
RADOARA Sklavin der Familie der Torii in Basilia.
URSUS* Sklave. Begleitet Julia und Cornelia auf ihrer Reise nach Rom. VALENS MUCAPORA geboren 194. Sohn des Felix Mucapora. * Diese Figuren sind nicht inschriftlich oder in Texten bezeugt.
Was bisher geschah Augusta Raurica im Jahr 213 nach Christus. Julia Attia Sanucia Augustilla lebt in einem der grössten und schönsten Häuser von Augusta Raurica, der Insula 30. Ihre Familie gehört der Schicht der nobiles – der Adligen – an und besitzt das römische Bürgerrecht. Ihr Vater bewirbt sich zusammen mit Marcus Valerius Paternus um das Amt der duumviri. Das sind die obersten Beamten der Stadt. Mit ihren bald siebzehn Jahren muss Julia ans Heiraten denken. Der beste Kandidat ist Primus, der Sohn des Marcus Valerius Paternus. Er würde auch gut in die Karrierepläne ihres Vaters passen. Aber Primus benimmt sich immer so arrogant, dass Julia ihn nicht ausstehen kann. Mit Valens Mucapora dagegen verbindet Julia seit der Kindheit eine herzliche Freundschaft. Doch Valens ist der Sohn eines ehemaligen Legionärs und einer Raurakerin. Er ist ein peregrinus, eine Person ohne römisches Bürgerrecht. Eine Heirat mit ihm ist rechtlich nicht möglich. Die Mucapora führen in Basilia und in Augusta Raurica Wirtshäuser mit einem Handelsunternehmen. Eines Tages übergibt Felix Mucapora seinem Sohn, während sie in der Backstube arbeiten, die eine Hälfte einer zerbrochenen goldenen Bulla (ein Amulett) und teilt Valens mit, dass er nicht sein leiblicher Sohn ist, sondern ein Findelkind. Dies stürzt Valens in eine tiefe Krise. Dass die Bulla aus Gold ist, weist darauf hin, dass seine leiblichen Eltern reich gewesen sein müssen. In der Antike hängten Eltern ihren Söhnen eine Bulla um den Hals, um sie vor Widrigkeiten zu schützen. Als Valens Julia im Landhaus von Munciacum bei Liestal alles erzählt, reagiert sie ganz erfreut. Wenn sie Valens’ Eltern finden könnten, wäre eine Heirat zwischen ihnen vielleicht doch möglich. Die fehlende Hälfte der goldenen Bulla könnte sie zu den Eltern führen. Aber wo sollen sie in dem riesigen römischen Reich nach ihr suchen? Julia hofft, dass ihre einflussreichen Eltern helfen können. Wie werden sie reagieren?
5
Aurea Bulla
CAPUT V
AUREA BULLA
Aurea Bulla
«Julia! Kommst du ins Büro deines Vaters? Wir möchten gerne mit dir sprechen.» Cornelia ging an ihrer Tochter vorbei ins Haus, Julia blinzelte in die Frühlingssonne und legte die Wachstafel weg, auf der sie gerade griechische Verse geübt hatte. Seit Arauricas Geburt waren einige Wochen ins Land gezogen; die Sanucii waren wieder in Augusta Raurica und das Leben ging seinen gewohnten Gang. Also, wenigstens einigermassen. Es war kein Zufall, dass Julias Mutter in so kühlem Ton mit ihr sprach und sie kaum noch ansah. Vor Kurzem hatten sie einen schlimmen Streit gehabt, und Julia fürchtete nun, dass die Unterredung mit den Eltern damit zu tun haben würde. Es war natürlich um Valens gegangen. Julia hatte endlich mit ihrer Mutter sprechen können: Sie hatte ihr erzählt, dass Valens als Baby ausgesetzt worden war und ihr von der wertvollen Bulla berichtet. Julia hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter das Problem einfach so lösen würde, aber sie hatte auf ein paar aufmunternde Worte gehofft, auf die eine oder andere Idee, was man jetzt tun könne. Stattdessen hatte Cornelia behauptet, Valens erfinde die Geschichte nur, um sich für Julia interessant zu machen. Die Vorstellung, Valens könnte sie anlügen, fand Julia so unerträglich und den Verdacht ihrer Mutter gegen den Jungen so niedrig und gemein, dass sie aus der Haut gefahren war. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Cornelia angeschrien. Beide hatten geweint, und seitdem hing wie eine dunkle Wolke schlechte Stimmung über der Familie. Mit einem Kloss im Hals trat Julia in das Schreibzimmer ihres Vaters, wo dieser einen Teil seiner grossen Bibliothek aufbewahrte. Sanucius sass hinter seinem Schreibtisch, Julias Mutter auf einem Stuhl ihm gegenüber. Julia wunderte sich, dass Aratus, der Sekretär ihres Vaters, nicht anwesend war – normalerweise gehörte der kleine Grieche zu dem Büro wie die dunklen Bücherregale, die Schriftrollen und die Deckenmalerei mit den neun Musen, den Göttinnen der Wissenschaft und Kunst. Sanucius räusperte sich. «Deine Mutter und ich wollten heute mit dir über eine ernste Sache sprechen, Julia», sagte er, aber er lächelte dabei seiner Tochter beruhigend zu. Ihre Mutter blickte scheinbar 8
9
CAPUT V AUREA BULLA
AUREA BULLA
unbeteiligt zu Boden. Der nächste Satz war schon etwas dramatischer: «Wir sind der Meinung, dass du bald heiraten solltest.» Julia schluckte. Sie hatte natürlich immer gewusst, dass dieses Thema eines Tages wichtig werden würde. Mit ihren siebzehn Jahren war sie weiss Gott alt genug, um zu heiraten. Aber wirklich so bald schon? Und vor allem – wen? Ihr Vater schien ihre Gedanken zu lesen, denn er fuhr fort: «Die offensichtlichste Wahl wäre natürlich Primus Valerius Paternus.» Julia verzog unwillkürlich das Gesicht. «Ja, ja, ich weiss, du kannst ihn nicht leiden, aber das sind doch Kindereien. Die Familie ist hervorragend, es wäre für uns ein grosser Vorteil, mit den Valerii in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten – und du könntest hier in Augusta Raurica bleiben, was deiner Mutter und mir viel bedeuten würde.» Wieder lächelte Sanucius und blickte seine Tochter liebevoll an. «Ich bin mir sicher, dass Primus im Grunde seines Herzens ein guter Junge ist. Du solltest ihm noch eine Chance geben.» Julia räusperte sich. Es hatte keinen Sinn, jetzt von Valens anzufangen, das wusste sie. Aber die Vorstellung, den Rest ihres Lebens mit diesem blöden, arroganten Kerl zu verbringen, konnte sie nicht ertragen. «Gibt es …», begann sie, «gibt es eine andere Möglichkeit?» «Schau Julia, es ist so», sagte ihr Vater, und bei aller Freundlichkeit war in seiner Stimme etwas Ungeduld zu spüren. «Die Valerii wären extrem beleidigt, wenn du eine Ehe mit Primus ausschlagen würdest. Marcus ist mein künftiger Amtskollege, und auch wenn er es noch nie direkt gesagt hat, geht er sicher davon aus, dass du seinen Sohn heiraten wirst. Ich habe das Gefühl, dass er mir das sehr bald vorschlagen wird – noch ein Grund, warum jetzt wirklich der Zeitpunkt gekommen ist, darüber nachzudenken.» Hier mischte sich zum ersten Mal Cornelia ein. «Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit», sagte sie. Eine Hundertstelsekunde lang stieg in Julia die irrwitzige Hoffnung auf, dass ihre Mutter nun Valens ins Spiel bringen könnte. Vielleicht bereute sie den Streit und sah ein, dass man das Glück ihrer Tochter nur so erreichen konnte, aber da sprach Cornelia schon weiter: «Erinnerst du dich noch an deinen Onkel Terentius? Du hast ihn nie gesehen, aber als Kind hattest du ein Holzpferd, das er uns zu deiner Geburt aus Rom geschickt hat.» Julia nickte unbestimmt; ihr war völlig unklar, warum die Mutter jetzt mit diesem Onkel Terentius kam. «Terentius war mit der Cousine deines Vaters verheiratet», fuhr Cornelia fort. «Er ist ein sehr reicher Mann, ein Senator in Rom, der eine ganz glänzende Karriere gemacht hat. Unter Kaiser Septimius Severus ist er sogar Konsul gewesen! Nun ist seine Frau gestorben, die er sehr gern gehabt hat, und er möchte die Verbindung mit unserer Familie gerne aufrechterhalten. Du musst verstehen, dass es für uns eine grosse Ehre wäre, wenn er wieder eine Sanucia heiraten würde – und das wäre auch beinahe die einzige Möglichkeit, den Valerii klarzumachen, dass du Primus nicht heiratest. Die Chance, einen Terentius Gentianus zu heiraten, bekommt ein Mädchen wie du nicht alle Tage. Die Valerii würden das verstehen.» In Julias Kopf drehte sich alles. Onkel Terentius … «Aber er lebt doch in Rom?», fragte sie, ohne zu überlegen. Rom war so weit weg, es war doch vollkommen unmöglich, dass sie einen Römer heiratete! «Ja. Und das würdest du dann auch», sagte ihr Vater mit ruhiger Stimme. «Glaub mir, es wird mir schwerfallen, dich gehen zu lassen. Aber du hättest eine glanzvolle Zukunft vor dir. Terentius ist
10
CAPUT V AUREA BULLA
sehr reich, du würdest in einer herrlichen Stadtvilla leben, die Sommer auf einem Landgut verbringen, in den vornehmsten römischen Familien verkehren … Davon abgesehen ist er ein sehr netter Mann. Ich habe ihn bei der Hochzeit meiner Cousine kennengelernt und später noch einmal getroffen. Er ist ein grosser Menschenfreund, sehr gebildet und stets freundlich zu allen, selbst zu seinen unbedeutendsten Sklaven.» Jetzt wusste Julia wieder, was sie fragen wollte. «Wie alt ist denn dieser Terentius?» Eine kurze Pause trat ein, Vater und Mutter blickten sich an, dann sprachen beide gleichzeitig. «Er ist etwas über fünfzig Jahre alt.» Das war zu viel für Julia, ihr kamen die Tränen. Einen fünfzigjährigen Mann heiraten! Ihr Vater war ja selber erst knapp über fünfzig. Julias Schluchzen brach die kühle Fassade ihrer Mutter auf. Gerührt ging sie auf ihre Tochter zu und nahm sie in den Arm. «Na, na», sagte sie tröstend, «beruhige dich doch, meine Kleine. Terentius ist bestimmt ein reizender Mensch, du würdest ihn sehr gern haben. Und es gibt viele Paare, die sich trotz Altersunterschied sehr gut verstehen. Weisst du, was wir machen? Wir fahren zusammen nach Rom und besuchen ihn. Dann kannst du dich in Ruhe mit ihm unterhalten und dir dann überlegen, ob du dir eine Ehe mit ihm vorstellen kannst.» Auch Sanucius war inzwischen herangetreten und streichelte Julia übers Haar. «Deine Mutter hat ganz recht, Julia. Ich finde auch, ihr beide solltet nach Rom fahren, jetzt ist genau die richtige Jahreszeit zum Reisen. Es wird für dich eine tolle Gelegenheit sein, diese herrliche Stadt kennenzulernen – Rom ist das Zentrum der Welt. Und wenn du hinterher doch lieber wieder nach Augusta Raurica zurückkommen möchtest, kannst du dir Primus noch einmal ansehen. Der ist dann auch ein paar Monate älter und vielleicht nicht mehr so kindisch, sich mit Wirtshausbuben zu prügeln.» Julia löste sich aus der Umarmung ihrer Mutter und blickte ihren Vater an. «Papa», sagte sie. «Ich tue alles, was ihr wollt. Ich möchte keine schlechte Tochter sein. Aber bitte hilf Valens dabei, seine wahre Herkunft zu erfahren. Sprich mit ihm. Lass dir die Bulla zeigen, mit der er ausgesetzt worden ist. Vielleicht findet er seine wirklichen Eltern nie. Aber es muss wenigstens … versucht werden.» Cornelia wollte gerade den Mund öffnen, aber Sanucius winkte ab. «In Ordnung, Julia», sagte er. «Ich will mit Valens sprechen und sehen, was ich tun kann. Und ihr beide fangt an, die Romreise vorzubereiten.» Julia nickte und schneuzte sich in ihr Taschentuch. Vielleicht würde das alles nichts helfen. Aber sie wollte nicht ihr Leben lang denken, sie hätte es nicht versucht.
11
AUREA BULLA
AUFGABEN HÖREN 1.
→ Warum soll Julia mit ihrem Onkel verheiratet werden? Welche Argumente bringen die Eltern vor?
LESEN 2.
3.
→ Beschreibe, was Julia während des Gesprächs alles durch den Kopf geht! → Wie würdest du auf die Vorschläge von Julias Eltern reagieren? Vergleiche deine Haltung mit Julias Reaktion!
BESCHREIBEN 4.
5.
12
→ Was fällt dir am Tablinum des Sanucius in der Illustration am Beginn von Caput V auf? → Findest du das Tablinum auf der Illustration am Beginn von Caput I?
CAPUT V RES ROMANAE
Res Romanae
Abb. 1: Aldobrandinische Hochzeit, Teilansicht. Rom, augusteische Zeit.
HEIRATEN
G
esetzlich war die Heirat für Mädchen ab einem Alter von zwölf Jahren, für junge Männer ab vierzehn Jahren erlaubt. Aufgrund archäologischer Funde, vor allem von Grabinschriften, konnte man aber feststellen, dass die meisten bei der ersten Heirat älter waren: Frauen waren normalerweise knapp zwanzig und Männer knapp dreissig Jahre alt. Oft war die Frau zehn bis fünfzehn Jahre jünger als der Mann. Viele Ehen waren arrangiert, vor allem in der Oberschicht. Die Familienoberhäupter einigten sich über die zu schliessende Ehe, die den beiden Familien finanzielle und gesellschaftliche Vorteile bringen sollte. Eheschliessungen dienten auch dazu, politische Allianzen zwischen zwei Familien zu festigen. Somit war die römische Ehe eine auf nüchternen Vernunftüberlegungen beruhende Verbindung. Eine Heirat aus Liebe hingegen galt als Ausnahme. Nur Ehepartner, die keiner Macht eines Familienoberhauptes unterstanden, konnten bei gegenseitigem Einverständnis selbständig eine Ehe schliessen. Soldaten im Dienst war es nicht erlaubt, eine Ehe zu schliessen. Verschiedene Riten begleiteten eine Hochzeit. Über sie geben die unterschiedlichen lateinischen Ausdrücke für das deutsche Verb ‹heiraten› Auskunft: 13
AUREA BULLA
Abb. 2: Römische Eheschliessung, Urnenrelief. Rom.
Aus der Sicht der Frau wird das Verb nubere mit Dativ verwendet. Das entsprechende Verb für den Mann lautet in matrimonium ducere und beschreibt den symbolischen Akt, in dem der Mann den Hochzeitszug zu seinem Haus anführt. Die Braut folgt ihm dabei in ihr neues Heim. Es war Sitte, dass die Frau eine Mitgift in die Ehe mitbrachte, um ihren Beitrag zu den ehelichen Ausgaben zu leisten. Die Mitgift diente ihr auch als Rückhalt im Falle einer Beendigung der Ehe. Vor der Hochzeit schlossen viele Paare eine Verlobung (sponsalia). Diese war jedoch, wie auch heute noch, rechtlich nicht bindend. Durch die Heirat wurde eine Frau zur uxor ‹Gattin› ihres Mannes und zu einer matrona ‹verheiratete Frau›. Der Mann wurde zum vir ‹Ehemann› seiner Frau, zu deren maritus ‹Gatte› und, falls er eine Person eigenen Rechts (sui iuris) war, auch zum pater familias ‹Oberhaupt einer Familie›. Der pater familias hatte Macht über seine Kinder, seine Untergebenen und deren Kinder. Er verwaltete das Vermögen und vertrat die familia in der Öffentlichkeit. Seine Ehefrau organisierte die Hausarbeit und kümmerte sich um die Erziehung der Kinder. Oft starb ein Elternteil früh oder es kam zu einer Scheidung. Da es Zweck einer Heirat war, legitime Nachkommen hervorzubringen, um auf diese Weise zum Fortbestand von Familiennamen und Besitz des Mannes beizutragen, war Unfruchtbarkeit ein häufiger Scheidungsgrund. 14
CAPUT V RES ROMANAE
In den meisten Fällen blieb die Frau rechtlich weiterhin Mitglied ihrer eigenen familia. In diesem Fall unterstand sie der Macht ihres Vaters. Nur selten wurde die Ehe so geschlossen, dass die Ehefrau der rechtlichen Gewalt des Ehemannes unterstand. Scheiterte eine Ehe, ging die Frau in ihre familia zurück und nahm meist ihre Mitgift entweder ganz oder teilweise wieder mit. In der Oberschicht waren Frauen dadurch relativ unabhängig, da Töchter erbrechtlich mit Söhnen gleichgestellt waren und nach dem Tod des Vaters über nicht unbeträchtliche Vermögen verfügten. Kinder blieben im Scheidungsfall beim Vater. Ehegesetze regelten, wer heiraten durfte: Nur römische Bürger besassen das conubium, die Befähigung zur Ehe. Dabei wurden die aus der Ehe hervorgegangenen Kinder als die Kinder des Ehemannes anerkannt und erbten Status, Besitz und Namen des Vaters. Ehegesetze waren auch Instrumente, um soziale Hierarchien zu festigen. So wurden die Ehegesetze für den Senatorenstand unter Kaiser Augustus stark verschärft, damit diese Schicht klar abgegrenzt werden konnte. Sklavinnen und Sklaven konnten in einer Lebensgemeinschaft leben und Kinder haben, falls ihr Besitzer dies erlaubte. Auch einem Mann und einer Frau aus unterschiedlichen sozialen Schichten war es möglich, zusammenzuleben. Ihre Kinder waren aber schlechter gestellt als Kinder aus rechtskräftigen Ehen römischer Bürger. In den nördlichen Provinzen waren rechtskräftige Ehen zwischen peregrini, freien Einheimischen ohne römisches Bürgerrecht, und römischen Bürgern möglich, falls der peregrinus bzw. die peregrina einem Volk angehörte, dem das Privileg des conubium verliehen worden war. Bei Heiraten zwischen peregrini galt das lokale, in August Raurica das keltische Recht, welches ebenfalls patriarchalisch geprägt war.
AUFGABEN In der Lerngruppe 1.
iskutiert folgende Fragen und vergleicht eure Überlegungen mit dem, D was ihr über das Heiraten in der römischen Antike erfahren habt. → Wie alt ist man in unserer Gesellschaft normalerweise, wenn man heiratet? → Ab wann darf man heute heiraten? Sucht die Antwort im Schweizerischen Zivilgesetzbuch! → Wer entscheidet, wen man heiratet? Sucht die Antwort in der Schweizerischen Bundesverfassung! → Welche Arten von Heiraten und gesetzlich anerkannten Partnerschaften existieren heute in der Schweiz und in euren Herkunftsländern?
Recherchiert über die Heiratsbräuche der römischen Kaiserzeit. → Gestaltet ein Plakat. → Erstellt weitere Plakate mit Heiratsbräuchen heutiger Kulturen, von denen ihr Kenntnis habt. → Markiert darauf jene Elemente, die ihnen gemeinsam sind! 2.
15
AUREA BULLA
VOX ROMANA UMSCHRIFT:
DM ET MEMORIE AE TERNE EVSSTATE CONIVGI DVLCI SSIME QVI VISIT A(nn) O(s) LXV AMATVS POSVIT KLASSISCHES LATEIN:
D(is) M(anibus) ET MEMORI(a) E AE TERN(a) E EUSSTAT(a) E CONIUGI DULCI SSIM(a) E QUAE VIXIT A(nn) O(s) LXV AMATUS POSUIT DEUTSCH: Den Manen und dem ewigen Andenken der Eustata,* der süssesten Ehefrau, die ? Jahre gelebt hat. Amatus hat (den Stein) gesetzt.
Abb. 3: Grabinschrift aus rotem Sandstein. Augusta Raurica, 300 – 350 n. Chr.
Das Ankersymbol und die Namen Eustata – ‹die Unerschütterliche› und Amatus – ‹der (von Gott?) Geliebte› deuten darauf hin, dass die Verstorbene vielleicht eine Christin war. Es wäre ein sehr frühes Zeugnis für das Christentum in der Region Basel. Die Weihung an die heidnischen Manen, die Totengeister, spricht allerdings gegen diese Deutung.
AUFGABEN 1.
→ Wie alt wurde Eustata?
2.
→ Trage zusammen, welche Informationen auf dem Grabstein stehen!
3.
4.
*
16
→ In der Inschrift findest du mit dulcissimae eine gesteigerte Form des Adjektivs. Suche nach einer besseren deutschen Übersetzung als ‹der süssesten›! → Vergleiche die Schreibweisen auf der Inschrift mit der Version in klassischem Latein. Welche Schlüsse ziehst du aus den Abweichungen?
Das doppelte s in ‹Eusstata› ist wahrscheinlich ein Schreibfehler.
CAPUT V FABULA
Fabula Nach dem Gespräch mit ihren Eltern zieht sich Julia in den Garten zurück. Ihre Gedanken jagen wild durcheinander. Iulia tristis peristylium intrat et Ferocem quaerit. Solacium enim ei semper praebet. Sed nunc non praebet. Iulia considit et de verbis parentum cogitat:
«Me nubere debere scio, quod annos septemdecim nata sum.» «At Primum stupidissimum me in matrimonium ducere certe nolo!»
Dum Iulia cogitat, Ferox subito apparet.
A B
H
«Hoc mihi non placet. Vetustissimus est! Sed vinculum inter familias magni momenti esse intellego. Doleo me maritum meum amare non posse.»
C
G
D
F Sed Iulia Ferocem neque in tecto considere videt neque cantare audit.
«Augustae Rauricae remanere volo. Hic vita pulchra est. Spero Valentem parentes invenire posse. Pater meus se eum adiuvare velle dicit. Patri credo.»
E
«Neque Romae vivere volo. Mater quidem Terentium hominem bonum esse dicit. Sed annos quinquaginta natus est.»
«Utinam Valenti nubere possim!»
sōlācium praebet = er spendet Trost semper = immer nunc = jetzt dē verbīs parentum = über die Worte ihrer Eltern Augustae Rauricae = in Augusta Raurica hīc = hier Rōmae = in Rom quidem = zwar
Aufgabe vor der Lektüre 1.
→V ersetze dich in die Lage von Julia und überlege dir, was sie nach dem Gespräch beschäftigt! Tragt eure Gedanken in der Lerngruppe zusammen!
LESEN UND VERSTEHEN
J ulia versucht, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die einzelnen Gedanken sowie der Schluss von FABULA sind von A bis H nummeriert. →G elingt es dir, einen logischen Gedankengang herzustellen? 2.
utinam possim = könnte ich doch! nūbĕre = heiraten in tēctō = auf dem Dach cantāre = singen hoc n. = dies vetustissimus, a, um = sehr alt vinculum n. = das Band māgnī mōmentī esse = wichtig sein at = doch, aber 17
AUREA BULLA
In der Lerngruppe 3.
4.
→V ergleicht eure Lösungen! →E rklärt euch gegenseitig, mit welcher Strategie ihr zu eurer Lösung gekommen seid.
HÖREN 5.
6.
→N otiere die Ortsnamen, die in Julias Gedanken vorkommen! →N otiere auch die Namen der Personen, die Julia durch den Kopf gehen. Was könnte sie über sie denken?
In der Lerngruppe Achtet auf Wörter oder Sachfelder, die häufig vorkommen. → S ucht in VOCABULA ihre Bedeutung heraus. →D iskutiert, wie ihr das häufige Vorkommen dieser Wörter in Julias Gedanken interpretiert! 7.
LESEN UND VERSTEHEN 8.
→A ntworte auf die folgenden Fragen!
Cui Iuliam nubere debet? Ubi Iulia sedet et cogitat? Quem Valens quaerit? Quis stupidissimus est? Quis se Valentem adiuvare velle dicit?
→K annst du die Antworten auch auf Lateinisch geben? →Ü bersetze die Einleitung! 9.
18
→ S uche die folgenden Übersetzungen im lateinischen Text und schreibe sie über die deutsche Übersetzung!
10.
CAPUT V FABULA
ENTDECKEN
Ich bedaure, dass ich meinen Ehemann nicht lieben kann.
Mein Vater sagt, dass er ihm helfen wolle. Ich hoffe, dass Valens seine Eltern finden kann. Ich verstehe, dass das Band zwischen den Familien wichtig ist. Ich weiss, dass ich heiraten muss. Mutter sagt zwar, dass Terentius ein guter Mensch sei.
→B eschreibe die Unterschiede zwischen der lateinischen und der deutschen Version!
11.
19
AUREA BULLA
Lingua PERSONALPRONOMEN DER 3. PERSON REFLEXIV UND NICHT REFLEXIV Wir kennen die Personalpronomen der 3. Person Singular und Plural bereits: 3. Person Akkusativ Singular
Akkusativ Plural
Dativ Singular
Dativ Plural
eum ihn eam sie id es
eōs sie eās sie ea sie
eī ihm / ihr
eīs/iīs ihnen
Bezieht sich das Personalpronomen auf das Subjekt des Satzes, nennt man es reflexives Personalpronomen. Im Lateinischen (wie im Deutschen und in vielen anderen Sprachen) wird nur in der 3. Person zwischen dem reflexiven und dem nicht reflexiven Personalpronomen unterschieden. Das reflexive Personalpronomen lautet im Lateinischen in der 3. Person Singular und Plural gleich: Akkusativ Singular / Plural
3. Person
sē Dativ Singular / Plural
sibī
Akkusativ
Dativ
sē sich
sibī sich
Beispiele:
reflexiv = Bezug zum Subjekt nicht reflexiv = kein Bezug zum Subjekt
20
REFLEXIV Bezug zum Subjekt
NICHT REFLEXIV kein Bezug zum Subjekt
Valens videt se.
Valens videt
Valens sieht sich.
eum.
Valens sieht ihn.
eam.
Iulia videt se.
Iulia videt
Julia sieht sich.
Julia sieht sie.
Iulia et Valens vident se.
Iulia et Valens vident
Julia und Valens sehen sich.
Julia und Valens sehen sie.
Valens sibi respondet.
Valens
Valens antwortet sich (selbst).
Valens antwortet ihm / ihr.
Iulia sibi respondet.
Iulia
Julia antwortet sich (selbst).
Julia antwortet ihm / ihr.
Iulia et Valens sibi respondent.
Iulia et Valens
Julia und Valens antworten sich (selbst).
Julia und Valens antworten ihnen.
eos / eas /ea.
ei respondet. ei respondet. eis /iis respondent.
CAPUT CAPUT VV LINGUA
ACCUSATIVUS CUM INFINITIVO (AcI) als Form der abhängigen Aussage In Caput II haben wir die Aussagesätze als jene Satzart kennengelernt, die auf einen Punkt endet, z. B.:
Terentius homo bonus est.
Terentius ist ein guter Mensch.
Aussagesätze
.
enden auf einen Punkt.
Aussagesätze können, wie die meisten anderen Satzarten auch, von einem übergeordneten Verb abhängen: Mutter sagt, dass Terentius ein guter Mensch sei / ist. Im Lateinischen werden abhängige Aussagesätze mit einem sogenannten AcI (Accusativus cum Infinitivo) ausgedrückt:
Mater dicit | Terentium hominem bonum esse. Es ist offensichtlich, dass dieser lateinische Satz nicht Wort für Wort ins Deutsche übertragen werden kann. Subjekt und Prädikat sind jedoch leicht zu erkennen:
Mater | dicit | Terentium hominem bonum esse. Subjekt Prädikat Mutter | sagt, | dass Terentius ein guter Mensch sei / ist.
Die folgenden drei Schritte führen in den meisten Fällen zu einer brauchbaren Übersetzung: • I m Deutschen wird ein Nebensatz konstruiert, der mit einem Komma abgetrennt und oft mit ‹dass› eingeleitet wird. •D er erste Akkusativ (→ Terentium) wird zum Subjekt des ‹dass›-Satzes. •D er Infinitiv am Satzende wird zum Prädikat des ‹dass›-Satzes. Danach lassen sich die restlichen Elemente einfach ergänzen. Mutter sagt, dass Terentius ein guter Mensch sei / ist. 21
AUREA BULLA
Da im Deutschen der erste Akkusativ zum Subjekt des ‹dass›-Satzes wird, bezeichnet man ihn als Subjektsakkusativ. Der Infinitiv heisst, da er zum Prädikat wird, Prädikatsinfinitiv. Die gesamte Konstruktion heisst Accusativus cum Infinitivo, kurz AcI.
Mater | dicit
Terentium | hominem | bonum | esse.
Subjekt Prädikat Subjekts- Prädikatsnomen Attribut akkusativ
Mutter | sagt | , dass | Terentius | ein guter Mensch
Prädikatsinfinitiv
| sei / ist.
→ Identifiziere bei den folgenden Sätzen zuerst Subjekt und Prädikat und wende dann die drei Schritte an: Doleo me maritum meum amare non posse.
Iulia patrem Valentem adiuvare credit.
Valens Mucaporam et Nundinam parentes naturales non esse dicit.
Der AcI ist kein eigener Satz, sondern ein Satzglied (oft das Objekt). Deshalb wird er im Lateinischen nicht durch ein Komma abgetrennt. Wenn der Subjektsakkusativ mit dem Subjekt des Satzes identisch ist, steht das reflexive Personalpronomen.
Pater Subjekt
|
se Subjekts- akkusativ
|
Valentem | Objekt
adiuvare | dicit. Infinitiv
Der Vater | sagt, | dass | er | Valens | hilft.
22
Prädikat
VERBEN DES WAHRNEHMENS:
Iulia Ferocem cantare audit. Julia hört Ferox pfeifen.
CAPUT CAPUT VV LINGUA
Abhängige Aussagesätze folgen häufig auf Verben aus folgenden Sachfeldern:
VERBEN DES SAGENS:
Mucapora Valentem filium suum non esse dicit.
Mucapora sagt, dass Valens nicht sein Sohn ist / sei.
VERBEN DES GLAUBENS UND WISSENS:
Coteius Philistam optimam obstetricem esse credit. Coteius glaubt, dass Philista die beste Hebamme ist.
VERBEN DES EMPFINDENS:
Iulia gaudet bullam auream esse.
Julia freut sich, dass die Bulla aus Gold ist.
Bei all diesen Verben ist der Kopf beteiligt; man kann sie sich als sogenannte Kopfverben merken. → Trage weitere lateinische Beispiele in die betreffenden Felder ein: audīre (wahrnehmen), credĕre (meinen / wissen),
gaudēre (empfinden), dicĕre (sagen),
Entdeckst du in einem Satz eines dieser Verben, ist es gut möglich, dass ein AcI folgt. In wenigen Fällen übernimmt der AcI auch die Funktion eines abhängigen Begehrssatzes. Zum Beispiel bei den Verben velle und nolle.
Primum stupidissimum me in matrimonium ducere certe nolo.
Ich will bestimmt nicht, dass der blöde Primus mich heiratet.
23
AUREA BULLA
ÜBERSETZUNGSVARIANTEN FÜR SÄTZE MIT AcI
Manchmal bieten sich andere Übersetzungen als ein ‹dass›-Satz an:
Mater dicit Terentium hominem bonum esse. OHNE ‹DASS›:
Mutter sagt, Terentius ist / sei ein guter Mensch.
MIT NACHSATZ:
Terentius ist ein guter Mensch, sagt Mutter.
MIT UMSCHREIBUNG:
Nach Mutters Worten ist Terentius ein guter Mensch. Terentius soll gemäss Mutter ein guter Mensch sein.
Manchmal ist auch eine wörtliche Übertragung möglich:
Iulia Ferocem cantare audit. Julia hört Ferox pfeifen.
DER AcI IM SPRACHVERGLEICH
Im Englischen tritt der AcI nach Verben der Wahrnehmung und des Wollens auf: Julia doesn’t hear Ferox sing.
I don’t want Primus to marry me.
→ Bilde einen eigenen Beispielsatz mit want!
24
CAPUT CAPUT VV LINGUA
ADJEKTIVE ADJEKTIVE DER 1. UND 2. DEKLINATION Die meisten Adjektive, die wir bisher kennengelernt haben, gehören der 1. und 2. Deklination an, z. B. carus, cara, carum. In Caput III ist pulcher, pulchra, pulchrum – ‹schön› vorgekommen. Auch dieses Adjektiv gehört der 1. und 2. Deklination an. Die einzige Besonderheit ist, dass es im Nominativ maskulin nicht die übliche Endung -us besitzt, sondern auf -er endet. In VOCABULA werden Adjektive wie pulcher immer mit der Feminin- und der Neutrumendung angegeben, so dass du sie der 1. und 2. Deklination zuordnen kannst.
ADJEKTIVE DER 3. DEKLINATION Wir haben auch verschiedene Adjektive der 3. Deklination kennengelernt.
Lernwortschatz:
pauper ferox
tristis constans
Erweiterter Lernwortschatz:
arm (Caput IV)
wild (Caput I)
traurig (Caput V)
standhaft (Caput IV)
Wie die Substantive der 3. Deklination enden auch viele Adjektive im Nominativ auf -s, pauper hingegen endet auf den Wortstamm. In VOCABULA zeigt die Angabe eines weiteren Kasus an, dass sie der 3. Deklination angehören. Es gibt Adjektive der 3. Deklination, die im Nominativ Singular für alle Genera dieselbe Endung haben:
pauper – constans – ferox maskulin, feminin und neutrum
Es gibt auch Adjektive, die im Nominativ Singular für das Maskulin und das Feminin dieselbe Endung haben, für das Neutrum eine eigene:
trist-is / trist-e
maskulin, feminin
neutrum
Nur ganz wenige Adjektive der 3. Deklination haben für jedes Genus eine Endung:
celer / celeris / celere maskulin
feminin
neutrum
cĕlĕr, ĕris, ĕ = schnell
Im Dativ und Akkusativ haben die Adjektive dieselben Endungen wie die Substantive der 3. Deklination. 25
AUREA BULLA
Die beiden Regeln, die wir für das Neutrum kennengelernt haben, sind auch für die Adjektive der 3. Deklination gültig: • Nominativ und Akkusativ lauten immer gleich. • Der Nominativ und Akkusativ Plural lautet auf -a, meist ergänzt durch ein -i-: -i-a.
NOMINATIV Singular Plural DATIV Singular Plural AKKUSATIV Singular Plural
MASKULIN / FEMININ
NEUTRUM
trist-is trist-ēs
trist-e
trist-ī trist-ibus
trist-ī trist-ibus
trist-em trist-ēs
trist-e trist-ia
trist-ia
STEIGERUNG SUPERLATIV UND ELATIV
Adjektive können auch gesteigert werden. In FABULA von Caput V ist die Steigerungsform auf -issimus, -issima, -issimum aufgetreten. Diese Steigerungsform heisst Superlativ. Die meisten Adjektive bilden den Superlativ auf diese Weise.
stupidus, a, um
→
stupidissimus, a, um
Die Adjektive auf -er jedoch bilden ihn auf -errimus, -errima, -errimum.
pauper
→
pauperrimus, a, um
Bei sehr häufigen Adjektiven wie z. B. bonus existieren Sonderformen des Superlativs:
bonus, a, um
→
optimus, a, um
Superlativformen sind auch minimus und maximus. 26
LATEINISCHES BEISPIEL
carissima amica
pulcherrimae imagines
DEUTSCHE ÜBERSETZUNG
FUNKTION
die liebste Freundin die/eine sehr/extrem liebe Freundin
Superlativ Elativ (Hervorhebung)
die schönsten Bilder sehr schöne / wundervolle Bilder
Superlativ Elativ
Auch im Deutschen existieren beide Funktionen:
CAPUT V LINGUA
Diese Steigerungsform besitzt zwei Funktionen:
SUPERLATIV: Dies sind die bisher modernsten Maschinen. ELATIV: Dieser Betrieb setzt modernste (= sehr moderne) Maschinen ein.
Die Elativ-Funktion kann im Deutschen mit umschreibenden Wörtern (‹sehr›, ‹äusserst›) ausgedrückt werden. In der deutschen Umgangssprache werden für die Elativ-Funktion viele auf das Lateinische oder Griechische zurückgehende Begriffe verwendet: ‹super›, ‹extrem›, ‹mega›. Manchmal bieten sich treffendere Übertragungen an:
vetustissimus steinalt pauperrimus bettelarm
SUPERLATIV UND ELATIV IN DEN MODERNEN SPRACHEN
Die Steigerungsform auf -issimus, -a und -errimus, -a ist in mehreren romanischen Sprachen bis heute erhalten geblieben. Ihre Bedeutung ist allerdings auf die Elativ-Funktion beschränkt. Im Spanischen und im Italienischen lautet sie:
carissimo, a carísimo, a
sehr lieb
Im Französischen wird der Elativ mit umschreibenden Wörtern ausgedrückt:
très cher, chère – extrêmement cher, chère – super cher, super chère
Für die Superlativ-Funktion wird im Französischen, Italienischen und Spanischen zu einer anderen Formulierung gegriffen: DEUTSCH
FRANÇAIS
ITALIANO
ESPAÑOL
die liebste Freundin
l’amie la plus chère
l’amica più cara
la amiga más querida
→W oran erkennt man im Deutschen und im Englischen die Form des Superlativs?
en:
the dearest
aber:
most beautiful
dt:
der / die Liebste 27
AUREA BULLA
ATTRIBUTE (Satzglieder / Satzbau) In Caput II hat sich gezeigt, dass das Subjekt und das Prädikat eine feste Einheit bilden. Ist das Prädikat aus einem adjektivischen Prädikatsnomen und einer Copula zusammengesetzt, passt sich das Prädikatsnomen an das Subjekt an. Und zwar in Kasus, Numerus und Genus. Valens | car-us | est. Nom. m. Sg.
Iulia | car-a | est. Nom. f. Sg.
Attribut
Was für ein …?
Dasselbe gilt auch für den Fall, dass ein Adjektiv ein Nomen näher beschreibt. Das Adjektiv übernimmt dann die Satzgliedfunktion eines Attributs. Die Frage nach dem Attribut lautet: Was für ein …? Für die Beziehung zwischen Nomen und adjektivischem Attribut gilt die sogenannte KöNiGsregel: Adjektivische Attribute stimmen mit dem Nomen in Kasus, Numerus und Genus überein. Valens | matrem car-am | amat.
Valens | patrem car-um | amat.
Valens liebt seine liebe Mutter.
Valens liebt seinen lieben Vater.
Valens | parentes car-os | amat. Valens liebt seine lieben Eltern.
Valens | Iuliae amat-ae | respondet. Valens antwortet seiner geliebten Julia.
Iulia | parentibus ama-tis | respondet.
Ferox | Iuliae tris-ti | solacium praebet.
Julia antwortet ihren geliebten Eltern.
Ferox spendet der traurigen Julia Trost.
Beachte, dass die Endungen zwischen den Attributen und den Beziehungswörtern manchmal unterschiedlich sind. → Findest du eine Erklärung dafür?
ADJEKTIVISCHE ATTRIBUTE IM FRANZÖSISCHEN
Im Französischen werden adjektivische Attribute ebenfalls an ihr Beziehungswort angepasst, nämlich in Numerus und Genus. → Ergänze die Übersetzungen der oben stehenden lateinischen Beispiele: Valens aime sa
mère.
Valens aime son
père.
Valens aime ses
parents.
Valens répond à sa Julie
.
Julie répond à ses parents Ferox console la Julie
→ Wie verhält es sich im Deutschen? 28
. .
CAPUT V LINGUA
NUMERI – ZAHLEN DIE ZAHLEN 11 BIS 100 ZEICHEN
LATEINISCH
DEUTSCH
XI XII XIII XIV XV XVI XVII XVIII XIX XX
undecim duodecim trēdecim quattuordecim quīndecim sēdecim septendecim duodēvīgintī (2 minus 20) undēvīgintī (1 minus 20) vīgintī
elf
→ Trage die deutschen Zahlen ein und hebe diejenigen hervor, die im Deutschen gleich wie im Lateinischen gebildet werden. DIE ZAHLEN 21 BIS 29
ZEICHEN
LATEINISCH
ZAHL
FRANZÖSISCH
XXI XXII XXIII XXIV XXV XXVI XXVII XXVIII XXIX
vīgintī ūnus vīgintī duo vīgintī trēs vīgintī quattuor vīgintī quīnque vīgintī sex vīgintī septem duodētrīgintā undētrīgintā
21 22
vingt-et-un vingt-deux
Anstelle von viginti unus ist auch unus et viginti möglich.
→ Vergleiche die lateinische Zahlenbildung 21 bis 29 mit der deutschen und französischen! DIE ZAHLEN 30 BIS 100 ZEICHEN
LATEINISCH
XXX XL L LX LXX LXXX XC C
trīgintā quadrāgintā quīnquāgintā sexāgintā septuāgintā octōgintā nōnagintā centum
DEUTSCH
FRANZÖSISCH
Die Zehnerreihe ist leicht am Ausgang -ginta erkennbar. 29
AUREA BULLA
WÖRTER UND IHRE BEDEUTUNGEN
Abb. 4: Aristoteles-Büste, römische Kopie nach einer Skulptur des Bildhauers Lysippos, Rom.
METAPHER
Die modernen Sprachen haben für ‹denken› nicht cogitare bewahrt, sondern pensare, das eine spätere Ableitung von pendĕre ist. Seine Bedeutung ist ‹wägen, abwägen›. Es zeigt sich, dass Wörter auch Bedeutungen annehmen können, die sich nicht einfach durch einen gedanklichen Zusammenhang erschliessen lassen, wie beispielsweise bei imperium (vgl. Caput II). Oft sind es Vergleiche, die dazu führen, dass ein Wort aus einem Bereich in einen anderen übertragen wird. Solche Übertragungen nennt man ‹Metaphern›. Ein Beispiel: ‹denken›, ‹nachdenken› wurde verglichen mit dem Wägen von Dingen, bei dem man genau betrachtet, auf welche Seite die Waage ausschlägt. Das bildhafte (man sagt auch übertragene) Verwenden von Begriffen ist ein ausserordentlich wichtiges Sprachmittel und eine unerschöpfliche Quelle der Kreativität. Im Magazin «Der Mensch und die Sprache» (Caput II) ist von Jugendwörtern wie ‹egosurfen› die Rede. Das Wort ‹Schuppendiadem› ist ein Beispiel für eine kreative Neuschöpfung. Es bezeichnet humorvoll eine als Schmuckstück dauerhaft in den Haaren getragene Sonnenbrille. 30
CAPUT V LINGUA
In der Lerngruppe → Erfindet selbst neue bildhafte Wörter und lasst euch gegenseitig deren Bedeutung erraten! Bei vielen Wörtern wurde die übertragene, metaphorische Bedeutung so vorherrschend, dass die ursprüngliche verblasst ist. So denkt bei ‹Wolkenkratzer› niemand mehr an die eigentliche Wortbedeutung. Dies geschah auch bei den von pensare abgeleiteten Verben in den romanischen Sprachen: fr:
penser
it:
pensare
sp:
pensar
→ Suche im Deutschen nach bildhaft verwendeten Begriffen! → Was könnte Sanucius meinen, wenn er über seine Tochter sagt: «Iulia oculus meus est.» Auch in den modernen Sprachen treten ähnliche Bilder auf: fr:
en:
« Je tiens à Julie comme à la prunelle de mes yeux. » «Julia is the apple of my eye.»
VERBA MANENT
COGITO ERGO SUM.
SCIO ME NIHIL SCIRE.
fr: Je
fr: Je
sais que je ne sais rien.
it: So
che non so niente.
pense, donc je suis.
it: Penso,
dunque sono.
sp: Pienso, dt:
luego existo.
sp: Solo dt:
sé que no sé nada.
31
AUREA BULLA
Mythos:
Dädalus und Ikarus
Abb. 5: Orazio Riminaldi: Daedalus und Ikarus (ca. 1625).
U
nter den unzähligen Inseln Griechenlands gibt es eine namens ‹Ikaria›. Das sie umgebende Meer heisst ‹Ikarisches Meer›. Im Jahr 2010 flog eine Sonde ins Weltall, um dort erstmals ein Sonnensegel zu entfalten. Sie trug den Namen ‹Ikaros›. Was hat es damit auf sich? Der folgende Mythos bringt Klärung: Ikarus war der Sohn des Dädalus, den wir als legendären Erfinder, Ingenieur und Künstler kennengelernt haben. Seine Kunstfertigkeit hatte er von der Göttin Athene erhalten. Er war ein Nachkomme des Hephaistos, des Gottes der Schmiedekunst, und gehörte dem Königsgeschlecht von Athen an. Dädalus ist ein sprechender Name und bedeutet ‹kunstfertig›, ‹geschickt›. So war er auch in seiner Arbeit in Athen. Er konnte aus Holz bewegliche Figuren bauen, Automaten, die wie lebendige Menschen wirkten, und erweiterte beständig durch die Erfindung neuer Werkzeuge seine technischen Fähigkeiten: Er erfand die Axt, den Bohrer, die Drechselbank und den Leim. Sein Ruhm war grenzenlos. Dädalus bildete Perdix, den Sohn seiner Schwester, als Lehrling aus. Der Junge erwies sich rasch als gelehriger und begabter Schüler. Als er das Rückgrat eines Fisches betrachtete, erfand er die Säge. Einmal verband er zwei Stäbe so, dass bei gleichem Abstand der eine stillstand und der andere einen Kreis beschrieb: Perdix hatte den Zirkel erfunden. Doch Dädalus konnte sich an diesen Erfolgen nicht freuen. In ihm nagte heftiger Neid. Als die beiden einmal auf dem Akropolisfelsen spazierten, gab er seinem Schüler plötzlich einen Stoss. Dieser stürzte
32
So kam Dädalus nach Kreta, wo er bei König Minos Zuflucht fand. Minos machte ihn zu seinem persönlichen Baumeister. Sein Meisterwerk wurde das berühmte Labyrinth, in dem der Minotauros hauste. Dem Dichter Ovid zufolge war Dädalus in der Fremde unglücklich und sehnte sich nach seiner Heimat. Aber der König wollte nicht auf seine Dienste verzichten. In einigen Versionen des Mythos heisst es gar, Minos habe den genialen Architekten dafür bestraft, dass er Theseus zum Sieg über den Minotauros verholfen hatte. Er sperrte ihn zusammen mit seinem noch kleinen Sohn Ikarus in das Labyrinth ein. So wurde ihm sein eigenes Meisterwerk zum Verhängnis. Eine scheinbar ausweglose Situation, doch nicht für den Meister aller Erfinder: Ein so einfallsreicher Kopf findet immer eine Lösung.
CAPUT V MYTHOS
mit einem gellenden Schrei in die Tiefe. Der Mord geschah unbemerkt von allen – ausser von Athene. Sie rettete Perdix, indem sie ihn blitzschnell in ein Rebhuhn verwandelte. Später behauptete Dädalus, Perdix sei unglücklich gestolpert. Niemand wollte ihm allerdings so recht glauben. Die Verdächtigungen zwangen ihn zur Flucht aus Athen.
«Mag Minos Land und Wasser versperren», sprach Dädalus, «der Himmel aber, der ist sicher frei; wir werden diesen Weg nehmen. Mag Minos auch alles besitzen, die Luft besitzt er nicht.»1 Sogleich suchte Dädalus nach einer Möglichkeit, mit Ikarus zusammen durch die Luft zu fliehen. Etwas Ungeheures, das noch niemand je gewagt hatte. Er nahm sich die Vögel zum Vorbild. Mit Leinen und Wachs band er Federn so zusammen, wie er es bei den Flügeln der mächtigen Raubvögel beobachtet hatte. Der kleine Ikarus schaute gebannt zu. Dann und wann ergriff er eine Feder und liess sie in der Luft schweben. Als Dädalus fertig war, schnallte er sich die Flügel um und begann, die Arme auf und ab zu bewegen. Tatsächlich, er schwebte! Ikarus konnte sich vor Aufregung kaum fassen, er sprang hoch, um die Füsse seines Vaters zu erhaschen. Am Abend, als Vater und Sohn bei Tische sassen, blickte Dädalus Ikarus ernst an. Nach einer Weile sagte er: «Mein Sohn, merke dir gut, was ich dir jetzt sage. Wenn wir in der Luft sind, musst du immer die mittlere Flughöhe halten. Fliegst du zu tief, läufst du Gefahr, dass du die Flügel nass machst. Dann werden sie schwer und du stürzt ab. Fliegst du zu nahe zur Sonne, dann erhitzt sich das Wachs an deinen Flügeln und wird weich.» Seine Stimme begann zu zittern, als er fortfuhr: «Weisst du, was dann geschieht?» Der Junge schaute ihn mit seinen dunklen Mandelaugen an. «Dann verlierst du die Federn. Sie schweben zu Boden wie bei deinem Spiel heute Nachmittag. Und du? Du stürzt aus grösster Höhe in die Tiefe.» Der Junge schaute ihn weiter wie erstarrt an. «Hast du verstanden, mein Junge? Hast du verstanden?» Erst nach einer Weile nickte Ikarus langsam mit dem Kopf. «Am besten fliegst du immer hinter mir her.» Als Dädalus aufstand, bemerkte Ikarus Tränen in den Augen seines Vaters. Der nächste Morgen war ein wunderbarer Tag. Die Sonne strahlte am unendlichen, azurblauen Himmel. Ein sanfter Wind wehte und zauberte kleine weisse Schaumkronen auf die Wellen des Meeres. Vater und Sohn schnallten sich die Federn an und prüften ihren Halt. Ikarus strahlte über das ganze Gesicht. Er konnte 1 Ovid, «Metamorphosen», Buch VIII, Verse 185 –187. Übersetzung nach Michael von Albrecht 33
AUREA BULLA
es kaum erwarten, abzuheben und über die Menschen und Städte zu fliegen. Dädalus ergriff ihn an den Schultern und küsste ihn ein letztes Mal. «Vergiss nicht, was ich dir gestern gesagt habe!», mahnte er. Dann drehte er sich um, ruderte mit den Armen und hob ab. Ikarus tat es ihm gleich. Mit einem Jauchzen liessen sie die Mauern des Labyrinths unter sich und schwebten davon. Dädalus schaute voll Bangen zurück. Doch sein Sohn flog sicher hinter ihm her. Stolz erfüllte den Erfinder. «Ich habe die Natur übertroffen», sprach er leise zu sich selbst. Dann schrie er in den weiten, leeren Raum hinaus: «Wir fliegen wie die Vögel, nur sind wir viel klüger als sie!» Was für ein Genuss war es, den Palast unter sich zu sehen! Die Menschen glichen Ameisen. Die Felder bildeten ein buntes Muster, wie bei einem Teppich. An der Küste sass ein Fischer mit seiner Rute, landeinwärts pflügte ein Bauer seinen Acker. Während der Bauer seinen Blick nicht von der Erde unter sich löste, blickte der Fischer zum Himmel und rief entsetzt und staunend zugleich: «Götter, Götter! Ich sehe Götter am Himmel!» Doch die beiden fliegenden Menschen waren bereits meerwärts entschwunden. Da überkam Ikarus eine unbändige Lust, seine Flugkünste auszuprobieren. Allmählich löste er sich von der Bahn seines Vaters, flog tiefer, stieg hoch, flog Bögen links und rechts. Was für ein Gefühl war das, sich frei im grenzenlosen Raum zu bewegen. Schliesslich stieg er höher, immer höher, ganz nah zur Sonne. Da lösten sich plötzlich einzelne Federn, dann weitere, immer mehr. Bald konnte er seinen Flug nicht mehr kontrollieren. «Vater!», schrie er, als er in die Tiefe stürzte. Dädalus blickte sich um, erschrak, schaute empor und sah nichts weiter als ein paar tanzende Federn. «Ikarus, Ikarus, mein Sohn», rief er mit Verzweiflung im Herzen. Aber sein Sohn war nicht mehr. Dädalus begrub Ikarus auf der erwähnten Insel ‹Ikaria›. Tränenüberströmt stand er am Grab und murmelte ununterbrochen: «Verflucht sei mein Genie, verflucht meine Kunst.» Aus dem Unterholz heraus beobachtete ein Rebhuhn die Szene. Es schlug mit den Flügeln und stiess schrille Laute aus, Freudenlaute. War es Dädalus’ ehemaliger Schüler? Das Rebhuhn existierte erst seit wenigen Jahren. Seine biologische Bezeichnung lautet zur Erinnerung an Dädalus’ Verbrechen perdix. In diesem Mythos geht es um einen uralten Traum der Menschheit: frei wie ein Vogel durch die Lüfte zu fliegen. Gleichzeitig zeigt die Erzählung, wie der Mensch seine Fähigkeiten dazu einsetzt, natürliche Grenzen zu überwinden. Die Vögel dienen Dädalus als Vorlage, nach der er seine Flügel baut. Er ahmt die Natur nach, um ihre Gesetze zu überwinden. Dädalus ist der homo faber schlechthin: der Mensch als Baumeister und Schöpfer, Gott gleich. Es ist kein Wunder, dass der Fischer die beiden fliegenden Gestalten für Götter hält und der Bauer sie nicht einmal wahrnehmen kann, weil sie ausserhalb seines Horizontes sind. Während der Vater das kühne Unternehmen aus einem ernsten Grund wagt, ist es für den Sohn ein Spiel. Die Geschichte handelt auch von der Vater-SohnBeziehung, von Autorität und Gehorsam. Dädalus mahnt seinen Sohn, ihm zu folgen, vorsichtig zu sein und die Extreme zu meiden. Seine Mahnungen sind nicht nur Fluginstruktionen, sondern Lebenslehren. Der Flug wird für den Jungen zur Lebensprüfung – die er nicht besteht. Sein Vater hat ihm neue Horizonte eröffnet. ‹Horizont› stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‹Grenzen›. Diese will Ikarus, berauscht vom Gefühl des Fliegens, ausloten, ohne auf die väterlichen
34
Ikarus hat es gewagt, Grenzen zu überwinden, neue Erfahrungen zu suchen. Sein Name steht für die Sehnsucht des Menschen, das Gewöhnliche hinter sich zu lassen, alles zu riskieren, um in neue Gefilde vorzustossen. Künstler, Pioniere und Wissenschaftler aller Zeiten sind seinem Beispiel gefolgt.
CAPUT V MYTHOS
Weisungen zu achten. Ist sein Tod eine Strafe der Götter? Aber für wen? Den ungehorsamen Sohn oder den verantwortungslosen Vater, der seinem Kind zu viel zugemutet hat?
Ikarus stirbt beim Versuch, wie die Vögel hoch am Himmel zu fliegen. Perdix hingegen wurde von Athene gerettet und in einen Vogel verwandelt, einen besonderen Vogel: «Freilich erhebt sich dieser Vogel nicht hoch in die Luft und baut sein Nest nicht auf Zweigen oben in den Wipfeln; nah am Boden fliegt er, legt seine Eier in Hecken, und in Erinnerung an seinen einstigen Sturz fürchtet er die Höhen.»2 Das Perlhuhn scheut das Risiko und bleibt am Boden. Sein Lebensentwurf ist das Gegenstück zu demjenigen von Dädalus und Ikarus. Sein Name perdix erinnert an Dädalus’ Neffen, an den uralten Konflikt zwischen Meister und Lehrling. Dädalus ist der Vertreter der Vätergeneration, die es nicht erträgt, von der Jugend ‹überflügelt› zu werden. Doch dies ist der Lauf der Dinge.
AUFGABEN 1.
→ Suche die Insel Ikaria auf einer Landkarte!
2.
→ Gib Ikarus das Wort: Wie würde er selber von seinem Flug erzählen?
3.
→ Kannst du Ikarus verstehen?
4.
5.
→ I karus’ Geschichte gilt als mythischer Anfang der Geschichte des Fliegens. Recherchiere über die ersten Versuche der Menschen, sich in die Luft zu erheben! → I m Mythos von Dädalus und Ikarus kommen verschiedene Gefühlsregungen vor. Versuche, sie mit Figuren des Mythos zu verbinden!
• Macht • Vorsicht • Freiheitsdrang • Erfindungsdrang • Reue • Neid • Schadenfreude • Trauer • Risikofreude • fürsorgliche Liebe • Stolz
Minos
2 Ovid, «Metamorphosen», Buch VIII, Verse 256 –259. Übersetzung nach Michael von Albrecht 35
AUREA BULLA
In der Lerngruppe 6.
→ Gestalte eine Collage zum Thema Ikarus. Nimm als Ausgangspunkt die auf Seite 35 abgebildete Figur aus einer Collage des berühmten Künstlers Henri Matisse. Schneide die Figur aus farbigem Papier aus. Füge weitere Figuren und Formen deiner Phantasie hinzu. Wähle die Farben nach der Bedeutung aus, die du ihnen zuschreibst.
→ Präsentiere deine Collage in der Lerngruppe! → Vergleicht eure Bilder mit demjenigen von Henri Matisse. Es trägt den Titel «Der Fall des Ikarus».
7.
8.
9.
→ Suche nach Songs und Musikstücken zum Thema Ikarus (z. B. «Ikarus» der Gruppe DIE PUHDYS). Untersuche, was sie zum Ausdruck bringen! → Auf Italienisch gibt es eine Redensart: «fare un volo di Icaro». Was könnte damit gemeint sein? Recherchiere ihre Bedeutung! → S puren des Mythos: Wo wird heutzutage eine Dädalus-Medaille verliehen und warum?
→ Verfasse einen kurzen Essay! → Im Mythos von Dädalus und Ikarus kommen verschiedene Spannungsfelder vor: 10.
Mass –– Freiheit
Natur –– Technik
Mensch –– Gott
→ Beschreibe in deinem Essay ein oder zwei Spannungsfelder des Mythos. Suche nach passenden Beispielen in der Gegenwart und formuliere deine eigenen Gedanken zu ihnen. → Vergleicht und diskutiert eure Texte in der Lerngruppe. Ergänze deinen Text mit Anregungen aus der Diskussion.
→ Wie verstehst du die letzten Verse aus dem Gedicht «Ikarus» von Ernst Jandl (1954): «Ikarus flog. / Ikarus ging unter. / Ikarus ging unter / hoch über den anderen.»
11.
→V iele Menschen fragen sich, ob sich der technische Fortschritt als Segen oder als Fluch der Menschheit erweisen wird. Was denkst du darüber?
12.
36
DIE OLYMPISCHEN
GÖTTER
Abb. 6: Kapitolinische Trias. Abguss eines Originals in Trier.
In der Frühzeit verehrten die Römer vor allem Natur- und Vegetationsgottheiten, etwa Faunus, einen Waldgott, der die Hirten und Bauern mit ihrem Vieh und den Äckern beschützte. Über die Jahrhunderte hinweg wurden diese von etruskischen und vor allem von griechischen Gottheiten überlagert und umgeformt. Die römische Minerva hat deshalb
viele Gemeinsamkeiten mit der griechischen Athene. Es gibt aber auch einige Unterschiede. Die Römer verehrten Minerva zusammen mit Juno und Jupiter als oberste Gottheiten der Stadt und des Reiches. Diese sogenannte Kapitolinische Trias kommt in griechischer Zeit nicht in gleicher Weise vor. Die Gleichsetzung griechischer und römischer
Namen bedeutet also nicht, dass die Gottheiten und ihre Kulte identisch sind. Gaia (Erde), Uranos (Himmel) und Eros (Liebe) sind die ältesten Gottheiten. Ihre Nachkommen sind die Titanen. Die Kinder der Titanen werden Olympier genannt, weil sie auf dem Olymp wohnen, dem höchsten Berg Griechenlands. Sie werden im Folgenden vorgestellt: 37
Abb 7: Olymp, Gipfel Mykitas, 2918 m ü. M.
ZEUS / IUPITER (römisch) Vom Gipfel des Olymp überblickt Zeus wie ein Adler alles, was auf der Erde geschieht. Er achtet darauf, dass unter den Menschen Gerechtigkeit herrscht und Gastfreundschaft geübt wird. Auch die Einhaltung von Eiden überwacht er. Notfalls schreitet er mit seinen Blitzkeilen ein. Die Titanen Kronos und Rhea sind seine Eltern. In einem gewaltigen Kampf zwischen Titanen und Olympiern hat er ihnen die Herrschaft über Himmel und Erde entrissen. Zeus ist der allmächtige Göttervater. Niemand wagt es, seine Entscheidungen anzufechten. Nur gegen das Schicksal kann auch er nichts ausrichten. Dargestellt wird er als bärtiger Mann mit einem Szepter in der einen und Blitzkeilen in der anderen Hand. Die Blitze weisen darauf hin, dass Zeus eigentlich 38
ein Wettergott ist, verantwortlich für Gewitter und Regen. Der Adler, König der Lüfte, ist das ihm angemessene Tier. Zeus ist mit Hera verheiratet. Die beiden haben drei Kinder: Ares, Hebe (Jugendkraft) und Hephaistos. Ein treuer Ehemann ist Zeus allerdings nicht, ganz im Gegenteil! Er hat zahllose Liebschaften. Bei seinen Eroberungen setzt er immer wieder neue Verwandlungskünste ein: Mal tritt er als Stier auf, mal als Schwan; einmal ist er ein Goldregen, ein anderes Mal schlüpft er in die Gestalt des betrogenen Ehemannes. Kein Wunder, dass seine Frau Hera stets misstrauisch und eifersüchtig ist. So überrascht es nicht, dass Zeus überall auf der Welt Kinder hat. Die berühmtesten sind die Götter Hermes und Dionysos und die Heroen Herakles und Perseus.
HERA / IUNO Hera schützt die Ehe und die Familie. Frauen rufen ihre Hilfe an, wenn sie gebären. Weil sie die Herrin des Olymp ist, trägt sie ein königliches Diadem. Ihr Tier ist der Pfau. Auch der Granatapfel, Symbol der Fruchtbarkeit, gehört zu ihr. Wer sich Hera vor allem als liebevolle Ehefrau und Mutter vorstellt, hat ihre Kraft vollkommen unterschätzt. Die unzähligen Affären ihres Gatten entfachen eine unbändige Eifersucht in ihr. Dann wird sie zur erbitterten Verfolgerin ihrer Rivalinnen. Diese müssen samt ihren Kindern grausamste Strafen erdulden. Niemand wünscht sich Hera als Feindin, wirklich niemand!
POSEIDON / NEPTUNUS Während sein Bruder Zeus im Himmel regiert, herrscht Poseidon über das Reich der Meere. Er lebt in einem Wasserpalast auf dem Meeresgrund und fährt mit einem Wagen, der von gewaltigen Pferden gezogen wird, über die Wellen. Als Waffe verfügt er über den Dreizack, mit dem er heftige Stürme und Erdbeben heraufbeschwört. Und das geschieht nicht selten. Denn Poseidon hat ein aufbrausendes Wesen. Ständig ist er in Streitigkeiten mit anderen Göttern verwickelt. Am meisten aber leiden die Sterblichen unter seinen Wutausbrüchen. Sein berühmtestes Opfer ist Odysseus, den er zehn Jahre lang auf dem Meer herumirren liess, weil dieser Poseidons Sohn Polyphem geblendet hatte. Poseidon kann aber auch ein sehr grosszügiger Gott sein: Er glättet die Wogen, lässt Wasserquellen entspringen und lenkt die Strömungen. Den Menschen schenkte er das erste Pferd. Der Legende nach erschuf er es mit einem Hieb seines Dreizacks aus einem Felsen. Zu seinen vielen Kindern gehören der Gott Triton, das geflügelte Pferd Pegasos und der Kyklop Polyphem.
HADES / PLUTO Unter der Erde und den Ozeanen gibt es noch eine andere Welt, die Unterwelt. Dorthin führt Hermes die Verstorbenen – jedoch nicht leibhaftig, sondern als Schatten ihres früheren Seins. Charon nimmt sie in Empfang und fährt sie in einem Nachen (einem flachen Boot) über den Fluss Styx. Auf der anderen Seite gelangen sie zum Eingang der Unterwelt. Dort wacht ein Hund, aber kein gewöhnlicher, sondern einer mit drei Köpfen.
Abb 8: Paul Wagner: Herkules und der Höllenhund Kerberos (1889 – 1893).
Kerberos, so heisst das Untier, wehrt alle unbefugten Eindringlinge ab und lässt umgekehrt niemanden aus der Unterwelt zurück auf die Erde. Niemanden? Nicht ganz. Ein paar wenige Helden haben die Rückkehr geschafft: Herakles – er hat sogar Kerberos mitgenommen, Odysseus und der unglückliche Sänger Orpheus. In der dunklen Unterwelt selbst regiert Hades. Auch er ist ein Bruder von Zeus. Die Sterblichen fürchten ihn. So erstaunt es nicht, dass es nur wenige Darstellungen dieses Gottes gibt. Seit er Persephone an seiner Seite hat, ist er etwas weniger grimmig. Und das kam so: Hades erblickte einst ein lebensfrohes Mädchen, das auf einer Wiese Blumen sammelte. Augenblicklich verliebte er sich in sie. Weil er wusste, dass sie ihm nie ins Reich der Toten folgen
würde, entführte er sie gewaltsam und machte sie zu seiner Gemahlin. Die beiden wurden ein Paar, das sich von den Nöten und dem Kummer liebender Menschen rühren liess. So erlaubten sie der früh verstorbenen Frau des Orpheus, der Nymphe Eurydike, in die Oberwelt zurückzukehren. Der wunderschöne Gesang von Orpheus erweichte ihre Herzen. Nur eine Bedingung stellten sie ihm. Er durfte sich auf dem Weg in die Oberwelt nicht nach seiner Frau umdrehen. Ach, wäre doch seine liebevolle Sorge um Eurydike nicht so gross gewesen, dass er sich, schon fast am Ziel, nach ihr umdrehte! Kann man der Liebe einen Vorwurf machen? fragt der Dichter Ovid in seinen «Metamorphosen». Wohl nicht.
39
Athene ist eine jungfräuliche Göttin. Das heisst jedoch nicht, dass sie Männer nicht mag. Ganz im Gegenteil, sie liebt alle klugen und tapferen Männer. Ihnen steht sie gerne bei, am meisten Odysseus und Herakles. Athene ist leicht zu erkennen: Sie ist mit Helm, Lanze und Schild bewaffnet, über den Schultern trägt sie die Ägis, an deren Saum zahlreiche Schlangenköpfe züngeln, auf ihrer Brust prangt das Haupt der Medusa. Wer es anschaut, wird sofort zu Stein. Der berühmte Held Perseus hat es mit ihrer Hilfe errungen und ihr zum Dank geweiht. Ihr Tier ist die Eule, das Symbol der Weisheit. Sie ist auch eine grosse Förderin des Handwerks, vor allem der Webkunst. In Athen steht immer noch ein wunderschöner Tempel, der Athene und dem Handwerkergott Hephaistos geweiht war. Die Athener nennen ihn heute nach dem Helden Theseus ‹Thision›. Abb. 9: Athena und Herakles. 480–470 v. Chr.
DEMETER / CERES Die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter hat die Macht über die Pflanzenwelt. Sie ist die Beschützerin des Ackerbaus und wird meist mit einem Blumenkorb oder einem Ährenbüschel dargestellt. Aus Liebe zur Natur zieht es Demeter vor, durch die Länder zu ziehen, statt auf dem Olymp zu verweilen. Als Hades ihre geliebte Tochter Persephone entführte, war Demeter so verzweifelt, dass sie die gesamte Vegetation verwelken liess. Menschen und Tiere litten unter Dürre und Hunger. Zeus war in grosser Sorge, fielen doch die Opfer der Menschen aus. Aber wie sollte er seinem Bruder das Mädchen wegnehmen? Ein Kompromiss brachte die Lösung: Persephone lebte ein Drittel des Jahres zusammen mit Hades in der Unterwelt und die restliche Zeit bei ihrer Mutter. Während ihrer Zeit bei Hades 40
ruht die Natur, es ist Winter. Steigt sie jedoch zur Erde hinauf, blüht die Natur auf und bringt Früchte. So lenkt Persephone den Rhythmus der Jahreszeiten.
ATHENE / MINERVA Athene ist die Göttin der Weisheit, der Künste und des Krieges. Niemand übertrifft sie an Klugheit und Begabung. Das ist nicht erstaunlich, ist sie doch Zeus’ Haupt entsprungen – eine richtige Kopfgeburt also. Hephaistos musste dafür Zeus’ Schädel mit der Axt spalten. Eine eigenartige Entbindung, dachten schon die antiken Griechen. Wegen ihrer strategischen Kriegsführung und dem Schutz der Städte wird sie überall hoch verehrt. Ihre Lieblingsstadt ist Athen und dort, auf der Akropolis, steht auch ihr berühmtestes Heiligtum: der Parthenon-Tempel.
ARES / MARS Ares, Sohn des Zeus und der Hera, ist der Gott des Krieges. Während Athene die Göttin der strategischen Kriegsführung ist, ist er der Gott des wilden und grausamen Kampfgetümmels. Als Schutzgott der Krieger ist er in voller Rüstung mit Schild, Helm und Speer abgebildet. Nichts liebt er mehr als blutige Schlachten, und er hat den Ruf, aggressiv und brutal zu sein. Deswegen meiden ihn viele Menschen. Ares ist ein kräftiger und schöner Gott, weshalb ihm das weibliche Geschlecht zugetan ist. Mehrere Frauen sind ihm verfallen. Sogar die schöne Göttin Aphrodite liess sich mit ihm auf eine aussereheliche Affäre ein. Das berühmteste Kind von Ares ist Penthesileia, die Königin der Amazonen – ein Volk von mutigen und tapfer kämpfenden Frauen.
HEPHAISTOS / VULCANUS Ares’ Bruder Hephaistos ist der Aussenseiter der Götterfamilie. Er ist so hässlich, dass ihn seine Mutter Hera nach seiner Geburt vom Olymp wirft. Aber zum Glück landet er im Meer, wo die Meeresgöttin Thetis ihn findet und zu sich nimmt. Der junge Gott ist an einem Fuss lahm, ob wegen des Sturzes oder schon seit seiner Geburt, ist nicht ganz klar. Hephaistos ist ein unglaublich talentierter Schmied. Seine Werkstätte befindet sich unter dem Vulkan Ätna. Mithilfe der vulkanischen Glut stellt er für Zeus Blitzkeile und glänzende Waffen her. Berühmt ist die Rüstung, die er für Achilleus anfertigte. Homer beschreibt sie im 18. Buch der «Ilias». Als Gehilfen stehen ihm die Kyklopen zur Seite. Überraschenderweise haben die Götter gerade ihm Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit, zur Frau gegeben. Es wird kaum jemanden erstaunen, dass diese Ehe nicht frei von Krisen war. Hephaistos überraschte seine Frau im Bett mit Ares. Er fing die beiden in einem hauchdünnen Drahtnetz und führte sie den übrigen Olympischen Göttern vor. Doch diese hatten bloss schallendes Gelächter dafür übrig.
APOLLON / APOLLO, ARTEMIS / DIANA Apollon und Artemis sind Zwillingskinder von Zeus und Leto, geboren auf der Insel Delos. Sie wurden als Sonnengott und Mondgöttin verehrt. Apollon heisst deshalb auch Phoebus, ‹der Strahlende›. Beiden sind aber noch viele andere Wirkungsbereiche eigen. Apollon liebt die Ordnung und die Schönheit. «ΑΡΙΣΤΟΝ ΜΕΤΡΟΝ (gesprochen áriston métron) – Mass ist das Beste» lautet sein Motto. Er ist der Gott der Künste, besonders der Musik. Oft sieht und hört man ihn auf der Lyra
Abb. 10: Gian Lorenzo Bernini: Apollo und Daphne (1622–1625).
spielen. In seinem Gefolge tanzen die neun Musen, jede von ihnen Patronin einer spezifischen Kunstform. Er besitzt aber auch die Macht über Gesundheit und Krankheit. Mit seinen Pfeilen bringt er Pest und Tod. Wem er gnädig ist, den heilt er von seinem Leiden. Seine heilende Kraft hat er seinem Sohn Asklepios und dessen Kindern vererbt. Alle Menschen möchten wissen, was ihnen die Zukunft bringt, ob sie eine richtige oder falsche Entscheidung treffen. In der Antike suchten sie eine der zahlreichen Orakelstätten von Apollon auf. Am berühmtesten ist diejenige von Delphi. Im innersten Teil seines Tempels gab der Gott der Priesterin Pythia seine Orakelsprüche ein. Auf einem Dreifuss sitzend und von Erddämpfen berauscht, tat die Pythia sie dann durch ein unverständliches Lallen kund. Nur die Apollonpriester konnten sie verstehen und den Orakelsuchenden
übersetzen. Doch musste man klug sein und den Orakelspruch richtig zu deuten wissen. Meist war er nämlich nicht eindeutig. Berühmt ist der König Krösus, dem das Orakel verkündet hatte, er werde, wenn er in den Krieg ziehe, ein grosses Reich zerstören – wie sich zeigte, war es sein eigenes! Sokrates brauchte viele Jahre, um herauszufinden, warum das Orakel verkündete, niemand sei weiser als er. Glaubte er selbst doch, dass er nichts wirklich wisse. Schliesslich merkte er, dass es genau dieses Wissen war, das er den anderen Menschen voraushatte. Ganz nach der Aufforderung, die über dem Eingang des Apollontempels stand: «ΓΝΩΘΙ ΣΕΑΥΤΟΝ (gnóthi seautón) – Erkenne dich selbst». Wie Sokrates soll jeder erkennen, dass er ein Mensch mit Grenzen und Schwächen ist. Apollon trägt meist einen Lorbeerkranz auf dem Kopf. Dieser erinnert an 41
Abb. 11: Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus (1485 / 86).
ein unglückliches Liebesabenteuer. Das Mädchen hiess Daphne (griechisch ‹Lorbeer›). Daphne wies den göttlichen Verehrer jedoch ab und liess sich lieber in einen Lorbeerbaum verwandeln, als sich von ihm verführen zu lassen. Überhaupt hatte dieser Gott trotz seiner Schönheit kein Glück in der Liebe. Auch die trojanische Königstochter Kassandra verweigerte sich ihm. Apollon gab ihr die Fähigkeit, Prophezeiungen zu machen, jedoch sollte ihnen niemand Glauben schenken. Weniger Liebeskummer als ihr Bruder hat Artemis. Das kommt daher, dass sie Männer verabscheut. Niemals würde sie sich einem hingeben! Als der Jäger Aktaion sie zufällig beim Baden erblickte, verwandelte sie ihn in einen Hirsch, worauf er von seinen eigenen Jagdhunden zu Tode gebissen wurde. Auch die Nymphen in ihrem Gefolge müssen einen Keuschheits42
eid ablegen. Gemeinhin wird Artemis als Jagdgöttin bezeichnet. Das heisst jedoch nicht, dass sie in den Wäldern herumzieht und Tiere tötet. – Nein, sie schützt die Tiere auch und bestraft diejenigen hart, die sie unerlaubterweise töten. Als jungfräuliche Göttin liegen ihr die jungen Mädchen besonders am Herzen. In ihre Obhut geben die Menschen ihre Töchter, bis sie reif sind, einen Mann zu heiraten.
APHRODITE / VENUS Nie hat es eine Frau von grösserer Vollkommenheit und Anmut gegeben als Aphrodite, die Göttin der Schönheit und der Liebe. Sie tauchte eines Tages aus dem Meeresschaum auf und liess sich auf einer Muschel zur Küste Zyperns treiben. Daher heisst sie auch Kypris. Überall, wo sie ihren Fuss auf die Erde setzt, blühen Blumen auf.
Aphrodite ist zwar die Gattin des Hephaistos, doch bekanntlich nimmt sie es mit der Treue nicht so genau. Mit ihrem Reiz bezaubert sie sowohl Götter als auch Sterbliche. Ihr reichte der trojanische Prinz Paris den goldenen Apfel der streitsüchtigen Eris mit der Aufschrift «Der Schönsten». Die schlimmen Folgen sind hinreichend bekannt. Ihrer Liebschaft mit Anchises, einem anderen Trojaner, entspross Aeneas. Ihn liebte sie über alles. Nach dem Untergang von Troja geleitete sie ihn durch viele Gefahren, bis er in Italien eine neue Wohnstätte fand. In Aeneas sahen die Römer ihren Ahnherrn. Aufgrund ihrer vollkommenen Schönheit wird Aphrodite meist nackt dargestellt. Ihr Zaubergürtel, von ihrem Mann aus Gold und Edelsteinen gefertigt, ist das Symbol der sinnlichen Begierde. Wer ihn trägt, wird unwiderstehlich attraktiv.
EROS / AMOR Der geflügelte Junge an Aphrodites Seite ist Eros. Auch er ist mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Seine Pfeile bringen jedoch nicht Tod, sondern Liebesverlangen. Eros schiesst sie blindlings auf alle und jeden. Und niemand kann sich vor ihnen schützen, selbst der oberste Gott Zeus nicht. Deshalb halten ihn manche für den mächtigsten Gott. Er ist auch ein sehr alter Gott. Gleich zu Beginn trat er zusammen mit Gaia (Erde) und Uranos (Himmel) auf und leitete die Entstehung der Welt ein.
DIONYSOS / BACCHUS Athene ist nicht die einzige Gottheit, deren Geburt seltsam vonstatten ging. Zeus hatte einmal eine Affäre mit der thebanischen Prinzessin Semele. Dies entfachte Heras Eifersucht. Auf hinterlistige Weise schickte sie Semele – sie trug schon Zeus’ Kind unter ihrem Herzen – in den Tod. Der Göttervater hatte Mitleid und beschloss, das Kind selbst auszutragen. Wie muss man sich das vorstellen? Nun, er schnitt mit einem Messer seinen Oberschenkel auf, legte das Baby hinein und trug es bis zur Geburt aus. Dieses Kind ist Dionysos, der Gott des Weines, des Rausches und der Fruchtbarkeit. Er führt ein ungezügeltes Leben im Wald, umgeben von trinkfreudigen Satyrn und wild tanzenden Mänaden (römisch: Bacchantinnen). Ihnen zu begegnen ist nicht ratsam. Das musste Pentheus erfahren, als er von Mänaden, darunter seiner eigenen Mutter, lebendig zerrissen wurde. Die Dionysos zu Ehren veranstalteten Feste stehen mit ihren Aufführungen von Chorliedern und Tänzen am Ursprung von Tragödie und Komödie. Dionysos gilt deshalb auch als Gott des Theaters. Am häufigsten wird Dionysos bekränzt mit Efeu und Trauben darge-
Abb. 12: Dionysos und Ariadne. Mosaik aus Vallon (VD), 2. Jh. n. Chr.
stellt, wie er zur schlafenden kretischen Prinzessin Ariadne tritt, um sich mit ihr zu vermählen.
HESTIA / VESTA Hestia war die älteste Tochter von Kronos und Rhea und damit auch eine Schwester von Zeus. Sie beschützt das Herdfeuer, das Licht und Wärme spendet und auf dem gekocht wird. Deshalb zählt Hestia, auch wenn sie keine besonders auffällige Göttin ist, doch zu den wichtigsten Gottheiten. Ihr brachten die Menschen noch vor Zeus Opfer dar. In Rom symbolisierte das Feuer im Vesta-Tempel das Gedeihen der Stadt. Die Vestalinnen, ihre jungfräulichen Priesterinnen, hatten keine andere Aufgabe, als es zu hüten. Verlosch es, drohten ihnen schlimmste Strafen.
HERMES / MERCURIUS
Dieser Gott wird in Caput VII vorgestellt.
43