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Blickpunkt Schloßkirche Nr.30, 2020/2021

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Ein persönliches Exemplar für:

SCHLOSSKIRCHE 2020/2021

Morgenandacht zu Reuchlins Todestag Bronzeportal Jürgen Weber

Portale der Schloßkirche Pforzheimer Denken


Zeichnung • Bauantragsunterlagen für den Wiederaufbau des Reuchlinkollegs • Freunde der Schloßkirche e.V. Prof. Bernhard Hirche • 2007


Inhaltsverzeichnis

Mitgliederinformation »Blickpunkt Schloßkirche« Ausgabe Nr. 30 • 2020/2021 • August 2020 Sehr geehrte Mitglieder und Gönner, liebe Freundinnen und Freunde der Schloßkirche, in dieser Ausgabe unseres Vereinsorgans finden Sie nachstehende Textbeiträge mit Seitenangabe:

Inhalt

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Schloßkirche aktuell • Christoph Timm

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Morgenandacht am 30. Juni 2020 zu Reuchlins Todestag • Deutschlandfunk

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Nachruf auf Gerhard Heinzmann • Olaf Lorch-Gerstenmaier

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Vereinsnachrichten

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Bronzeportal Jürgen Weber • Ulrike. Rein

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Portale der Schloßkirche. • Mathias Köhler

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Einladung zum Tag des offenen Denkmals • 3-D-Projekt

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Pforzheimer Denken • Lore Schöninger

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Der neue Schloßkirchenführer

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Weitere Limericks • Helmut Oeß

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Vorschau 2022 • Christoph Timm

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Altgold-Aktion

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Beitrittserklärung

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Bausteine

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Impressum

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Schloßkirche aktuell • Christoph Timm

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde der Schlosskirche,

Teilhabe für alle mit Respekt und Toleranz vereinbart werden? Der Philosoph Karl Popper hat das „Paradox der Toleranz“, das den Juristen Johannes Reuchlin in der Frage der Verbrennung jüdischen Literatur umtrieb, so formuliert: „Wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Besondere Umstände führen auf neue Wege. Der Vorstand der Freunde der Schloßkirche hat im Jahr der Corona-Krise zwei digitale Projekte auf den Weg gebracht: (1) Anfang Mai ging die angekündigte Webseite des Vereins online. Die neue Webpräsenz hat sich schon nach wenigen Wochen etabliert: Unter „schlosskirche-pforzheim.de“ kann man auf dem heimischen PC sowie auf mobilen Endgeräten jetzt informative Bilder und Texte zur Kirche, zum Museum, zum Verein und zu aktuellen Angeboten abrufen. (2) Pünktlich zum „Tag des offenen Denkmals“ am 13. September 2020 soll ein digitaler Rundgang durch die Schloßkirche an den Start gehen: Eine Allianz mehrerer Beteiligter (Jeff Klotz Verlag, Ökumenische Citykirche, städtisches Kulturamt, Werner-Wild-Stiftung und Freunde der Schloßkirche) hat sich gebildet, um dieses ambitionierte Vorhaben umzusetzen und das digitale Portal zur Kirche aufzustoßen.

die Corona-Pandemie prägt derzeit unseren Alltag nachhaltig. Sie wird dies auch weiterhin auf unbestimmte Zeit tun. Wie fühlt es sich an, wenn die Angst vor dem tückischen Virus das Leben bestimmt, wenn man das Haus kaum noch verlässt, wenn Gemeinschaft und kulturelles Leben weitgehend darniederliegen? Was noch gestern zeitlich und räumlich weit weg schien, zeigt uns ungewohnte Grenzen auf.

Die Schloßkirche und ihre Kunstwerke bekannter zu machen, Reuchlin ins Gespräch zu bringen: Das sind die Ziele, für die der Verein der Freunde der Schloßkirche seit mehr als 25 Jahren als Motor arbeitet, Bündnisse schmiedet und Allianzen eingeht.

Seit dem 1. August ist das Museum für Einzelbesucher wieder geöffnet.

Freuen Sie sich in diesem Heft auf eine eingehende kunsthistorische und theologische Betrachtung des 1959 geschaffenen Bronzeportals. Und auf eine Entdeckungsreise zu den zahlreichen weiteren Türen, unbekannten und bekannten Pforten und Portalen dieses Gotteshauses. Der Dank der Redaktion gilt den beiden Autoren, Ulrike Rein und Mathias Köhler. „Tut mir auf die schöne Pforte“, sang die Festgemeinde bereits 1957 anlässlich der Wiedereinweihung der Schloßkirche (Ev. Kirchengesangbuch Nr. 129 bzw. 166).

Und das ist gut so: Denn das Museum Johannes Reuchlin eröffnet eine Perspektive, die die Gesellschaft dringend benötigt: Wie können das Bedürfnis nach Sicherheit und

Die Freunde der Schloßkirche trauern um Dr. Gerhard Heinzmann, der dem Vorstand seit 2016 angehört hat und am 11. Dezember 2019 nach kurzer Krankheit ver-

Coronabedingt geschlossen war seit März auch das Reuchlin gewidmete Museum in Pforzheim. Mindestens sechs dort tätige haupt- und ehrenamtliche Aufsichtspersonen verloren vorübergehend ihre Beschäftigung und ihre soziale Einbindung in das örtliche Kulturleben.

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Schloßkirche aktuell • Christoph Timm

starb. Gerhard Heinzmanns lesenswerter Beitrag „Zur Spiritualität des Kirchenraums“, vor zwei Jahren in der Jubiläumsausgabe des „Blickpunkt“ erschienen, sei an dieser Stelle zum Nachlesen empfohlen. Für den vorliegenden „Blickpunkt“ hat Olaf Lorch-Gerstenmaier den Nachruf auf Heinzmann in der „Pforzheimer Zeitung“ zur Verfügung gestellt. Abschließend gilt es, einen Vorblick auf das Jahr 2022 zu wagen: Vor 500 Jahren starb Reuchlin, der führende, erste deutsche Humanist. Wie wird in Deutschland die Erinnerung an diesen Anlass aussehen? Unser Vereinsmitglied Lore Schöninger hat ihre Gedanken zu diesem Thema schon mal zu Papier gebracht (Seite 20). Das städtische Kulturamt wird demnächst im Kulturausschuss das Konzept eines „Reuchlinjahrs 2022“ für die Region vorstellen - mehr dazu in der nächsten Ausgabe des „Blickpunkts“. Was ist Reuchlins Botschaft für die heutige Gesellschaft? Damit beschäftigte sich kürzlich im Deutschlandfunk eine Morgenandacht, die anlässlich von Reuchlins 498. Todestag (30. Juni) ausgestrahlt wurde. Bewegende Gedanken, deren Wortlaut Sie auf der folgenden Seite finden. Bleiben Sie gesund und der Schloßkirche verbunden! Es grüßt sie herzlich Ihr Christoph Timm Freunde der Schloßkirche Vorsitzender Freunde der Schloßkirche e. V. ◊

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Andreas Britz • Morgenandacht

Deutschlandfunk Morgenandacht vom 30.06.2020 Zu Johannes Reuchlins Todestag Verschwörungstheorien sind „in“. Die Angst vor Corona verstärkt diesen Trend noch. Im Netz finden sich teilweise Vorstellungen, die nur einer krankhaften Phantasie entstammen können. Etwa, wenn erklärt wird, dass kapitalträchtige jüdische Strippenzieher mit Hilfe der Pandemie die Kontrolle über die globale Wirtschaft und das internationale Finanzsystem gewinnen wollen. So kann man es auf unzähligen Seiten lesen. Und anscheinend fallen diese grotesken Fakes auf fruchtbaren Boden. Aktuelle Studien zeigen: Der Antisemitismus ist auch bei uns wieder eine feste Größe. Und es bleibt nicht nur bei judenfeindlichen Texten und Bildern. Die gegen jüdische Mitbürger verübten Straftaten haben allein im letzten Jahr um 13 % zugenommen. Verschwörungstheorien gehörten schon immer zum festen Repertoire unbelehrbarer Antisemiten. Heute bekämpfen die christlichen Kirchen diesen gefährlichen Irrsinn. Christen stehen an der Seite der angegriffenen Juden. Das war nicht immer so in der Geschichte. Man denke an die Verfolgungen in der Zeit des „Schwarzen Todes“ Mitte des 14. Jahrhunderts. Das Gerücht, Juden hätten durch Brunnenvergiftung die Pest ausgelöst, bezahlten zehntausende mit ihrem Leben, erschlagen von ihren christlichen Nachbarn!

ten sollen, um ihren eigenen Glauben besser zu verstehen. Er schreibt: „Jedes Mal, wenn ich Hebräisch lese, glaube ich Gott selbst zu sehen, der mit mir spricht. Ich bedenke dann, dass es die Sprache ist, in der Gott (…) mit den Menschen verkehrt“ hat. 1510 wird Reuchlin landesweit bekannt. Es ist eine antijüdische Verschwörungstheorie, die ihn auf den Plan ruft. Ein gewisser Johannes Pfefferkorn behauptet, Juden verhöhnten den christlichen Glauben und wollten das Reich zerstören. Er fordert die Obrigkeit auf, die rabbinischen Schriften zu verbrennen und die Juden aus dem Land zu vertreiben. Kaiser Maximilian und einige Bischöfe geben Gutachten in Auftrag. Die Professoren in Köln, Mainz und Erfurt unterstützen die wüsten Aufrufe Pfefferkorns. Nur einer stellt sich dagegen: Johannes Reuchlin. Er schreibt: „Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt! Die Bücher der Juden enthalten die Lehre des Glaubens. Damit beleidigen sie keinen anderen Menschen. In ihrem Glauben sind sie, genau wie die Christen, allein Gott verantwortlich.“ Reuchlin argumentiert aber auch juristisch. Die Juden sind „Mitbürger“ (concives) im Reich. Der Kaiser ist ihr Schutzherr und muss daher auch ihren Besitz garantieren. Schon deshalb sind Synagogen und Bücher zu bewahren. Reuchlin setzt sich gegen Pfefferkorn durch. Die Juden werden nicht ausgewiesen, ihre Bücher nicht zerstört.

Aber auch zu Beginn der Neuzeit war die Judenfeindschaft ungebrochen. Humanisten und Theologen, die das dunkle Mittelalter durch ein neues Denken beenden wollten, blieben Gefangene judenfeindlicher Vorurteile: Erasmus von Rotterdam, Johannes Eck oder Martin Luther – sie alle verteufelten die Juden und erklärten sie zu Feinden des christlichen Abendlandes.

In der Kirche bleibt Reuchlin aber ein Außenseiter. Den Juden die Freiheit des Glaubens zuzugestehen – das ist für die meisten Christen damals, am Beginn der Reformation, noch unvorstellbar.

Aber da gab es um 1500 auch einen hellen Kopf, der sich vom Gift der Judenfeindlichkeit nicht anstecken ließ: Johannes Reuchlin aus Pforzheim. Bei einer Italienreise lernt er in Florenz einen griechischen Juden kennen, der in ihm das Interesse für das Hebräische weckt. Von seiner Ausbildung her ist Reuchlin eigentlich Jurist. Aber seine Passion wird das Studium der hebräischen Schriften. In ihnen erschließt sich ihm eine neue Welt. Und Reuchlin erkennt, dass die Christen diese Quellen ach-

Pfarrer Andreas Britz, Bellheim

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Heute ist Johannes Reuchlins Todestag. Er starb am 30. Juni 1522.

Sendezeit: 30. Juni 2020, 06:34 Uhr Autor/in: Britz, Andreas Programm: Deutschlandfunk Sendung: Morgenandacht Länge: 3:56 min Minuten ◊


Nachruf auf Gerhard Heinzmann

Abschied von einem Menschenfreund und Reuchlin-Bewunderer Ehemaliger Schuldekan Gerhard Heinzmann lebt nicht mehr. Das Gemeinsame der Religionen wichtiger als das Trennende. „Segensreich“ sei sein Wirken, „nachhaltig“ die fachliche, sprachliche und kulturelle Prägung des Lebens in der Stadt – mit Sätzen wie diesen würdigte der damalige Oberbürgermeister Gerhard Hager (SPD) die Verdienste von Gerhard Heinzmann anlässlich der Überreichung der Bürgermedaille beim Neujahrsempfang der Stadt im Januar 2017. Am 11. Dezember 2019 ist der in Hausach geborene, in Gutach aufgewachsene und 1969 als Vikar nach Pforzheim gekommene prominente Protestant nach längerer Krankheit im Alter von 77 Jahren gestorben. Die Schloßkirche, der interreligiöse Dialog, die Woche der Brüderlichkeit, Ökumene, Reuchlin-Gesellschaft, Löbliche Singergesellschaft – das alles ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Das evangelische Schuldekanat ohnehin, das er von 1990 bis 2007 leitete. Oder die Fritz-Erler-Schule, wo er als Religionslehrer mit „Tausenden von Berufsschülern Fragen der Ethik, der Religion sowie von Respekt und Toleranz“ erörterte. Jahrelang wirkte Heinzmann, der frühere leidenschaftliche Handballer, als Bezirksdiakoniepfarrer, arbeitete zehn Jahre lang am religiös-pädagogischen Institut in Karlsruhe, war Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Diakonie. In den 1990er-Jahren verteidigte er das Kirchanasyl für drei muslimische Serbinnen, die als Angehörige einer Minderheit aus dem Sandschak nach Pforzheim geflohen waren und abgeschoben werden sollten – und handelte sich prompt die Strafanzeige eines damaligen Pforzheimer Republikaner-Landtagsabgeordneten ein (die von der Staatsanwaltschaft eingestellt wurde). Heinzmanns Vorbild war der „große Sohn“ der Stadt, der Humanist Johannes Reuchlin. Wie Reuchlin studierte auch Heinzmann Hebräisch, um „ad fontes“ – zu den Quellen – zu gelangen. Immer wieder betonte er die bedeutende Rolle des Judentums, der „großen Schwester“ des Christentums. Nie wurde der promovierte Theologe müde, das Einende zwischen den monotheistischen

Religionen über das Trennende zu stellen. Leidenschaft und Standhaftigkeit paarten sich mit Mutterwitz und Bescheidenheit. Der Beruf des Theologen, sagte Heinzmann einst in einem Gespräch mit der "Pforzheimer Zeitung", sei „eine große Chance und die Profession auch Berufung“. Leidenschaftlich und sachlich diskutieren konnte er auch mit seinem ehemaligen Schulfreund, mit dem er 1961 auf dem Gymnasium Hausach das Abitur gemacht hatte: Wolfgang Schäuble (CDU), heute Bundestagspräsident, davor Finanzminister, Freund des verstorbenen früheren Staatsministers im Kanzleramt, Lutz Stavenhagen, dem Pforzheimer Bundestagsabgeordneten. Gemeindepfarrer war Heinzmann nie – gleichwohl gibt es wohl kaum eine Kirche in der Goldstadt, in der er nicht gepredigt hat. Gotteshäuser waren für ihn Orte der Kommunikation und Verständigung – „früher mehr als heute“, bedauerte er. Er erinnerte sich: „Früher war am Sonntag aus jeder Familie jemand im Gottesdienst. Diese Regelmäßigkeit ist heute unterbrochen durch viele andere Angebote.“ Die dörfliche Frömmigkeit im Kinzigtal prägte ihn – Heinzmanns Weg war vorgezeichnet. Die Trauerfeier, die dem Wunsch von Gerhard Heinzmann, seiner Frau Waltraud und den beiden Söhnen mit ihren Familien entsprechend ohne Reden und ohne musikalische Beiträge gehalten wurde, fand in der voll besetzten Auferstehungskirche statt und war von Pfarrerin Dr. Heike Springhart gehalten worden. Unter den Gästen befand sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Olaf Lorch-Gerstenmaier Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Pforzheimer Zeitung 5


Vereinsnachrichten

Angriff auf die Kunstwerke im Stiftschor - Die Freunde der Schloßkirche fordern, die nächtliche Schließung des Parks endlich umzusetzen

auf die einzigartigen bildhauerischen Werke mittelalterlicher Grabmalkunst, die unsere Schloßkirche zu bieten hat. Nochmals ein herzliches Dankeschön an alle Spender, die Kirchengemeinde sowie das Land Baden-Württemberg, die alle gemeinsam zum Gelingen dieses Projekts beigetragen haben! ◊

Ein gezielter Steinwurf aus dem Schloßkirchenpark gegen das südöstliche Fenster des Stiftschors hat Ende Juni 2020 die Schutzverglasung zerstört und eines der wertvollen farbverglasten Fenster beschädigt. Auch eines der Grabmonumente trug Schäden davon. Dies ist nicht der erste Angriff auf die Kunstwerke der Schloßkirche. Diese gehören zu den wertvollsten Kunstschätzen, die Pforzheim zu bieten hat. Der Vorstand der Freunde der Schloßkirche e. V. verurteilt die Tat und wiederholt den Vorschlag, den Schloßkirchenpark während der Nachtzeit zu schließen. Mit finanzieller Beteiligung des Vereins wurden vor etlichen Jahren die technischen Voraussetzungen für eine solche Schließung geschaffen, die jedoch von Seiten der Stadtverwaltung bislang nicht umgesetzt wurde. Ist das Maß an Zerstörungswut und Negativimage noch nicht voll? Der Vorstand appelliert an die Stadtverwaltung, in dieser Angelegenheit tätig zu werden.

Die Diagonalchöre sind nun beleuchtet Aus Anlass der 25-Jahr-Feier im Jahr 2018 hatte der Verein zu Spenden für die Objektbeleuchtung in den beiden Diagonalchören der Schloßkirche aufgerufen. Die nach Entwürfen des Lichtplaners Prof. Mathias Friedrich gestalteten Beleuchtungskörper gingen 2019 in Betrieb. Sie tauchen seither die seitlichen Chorräume in ein mildes Licht und lenken mit Streiflicht die Aufmerksamkeit 6


Vereinsnachrichten

Detail von der Grabplatte Wilhelm III. von Eberstein Foto: Christoph Timm

3-D-Darstellung der Schloßkirche Ende Juli ist das Projekt angelaufen, die Schloßkirche mit ihrer Außenansicht und allen Innenräumen als 3-D Modell zu erfassen, einschließlich Dachstuhl, Museum Johannes Reuchlin, Stiftschor und markgräflichen Grüften. Dieses Projekt soll bis zum „Tag des Denkmals“ am 13. September 2020 umgesetzt werden und einen virtuellen Rundgang durch die Räume ermöglichen. Auftragnehmer ist die Firma undefined Wunderlich Solutions GmbH aus Calw.

Die Nutzungsrechte des Projektes und der 3 D-Visualisierung liegen bei den Unterstützern des Projektes: Stadt Pforzheim, Kirchengemeinde, Jeff Klotz Verlag, Werner-Wild-Stiftung und Freunde der Schloßkirche e. V. ◊

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Ulrike Rein

Das Bronzeportal der Schloßkirche Eine Tür ist kein beliebiger Ort. Geschlossen trennt sie zwei Räume voneinander, schützt ein Drinnen vor dem Draußen. Offen verbindet sie, gibt die Schwelle frei, die zu überschreiten ist, bleibt aber Zäsur, ein Einschnitt ein Innehalten, ein Aufmerken verlangend.

Bildprogramm der Schloßkirche nicht nur äußerlich entspricht. Eine zweite Vorbemerkung gilt dem Schutzheiligen der Kirche, dem Erzengel Michael. Er ist eine der zentralen Figuren des Portals. - Der Prophet Daniel weist Michael aus als den helfenden Engelfürst, dem der Kampf gegen den Widersacher Gottes überlassen wird (Dan. 10, 13 + 21). So tritt er auch für das Volk Israel ein (Dan. 12, 1) . Als Anführer der himmlischen Heerscharen für die Sache Gottes kämpfend erscheint Michael in Off. 12, 7 als der endliche Sieger über Satan. Im Christentum war Michael

Eine Arbeit des Bildhauers Jürgen Weber von 1959: Das Bronzeportal der Schloßkirche zu Pforzheim, hier im Bild zu sehen der rechte Türflügel geöffnet (Foto: Christoph Timm)

Ganz besonders gilt dies für das Portal einer Kirche und noch mehr, wenn dies, wie das Portal unserer Schloßkirche, mit Figuren geschmückt ist. Das Bildprogramm auf den Torflügeln der Schloßkirche begegnet dem Eintretenden mit Bildthemen, die für diese Stelle ausgewählt sind und die nur an dieser Stelle ihren Sinn ganz entfalten können. Wenn wir das Portal der Schloßkirche zur Jahreswende betrachten, so sind wir uns der zeitlichen Schwelle bewusst, eines Augenblicks, der Zukunft und Vergangenes einander verbindet und der deshalb dem 8

Die zentrale Darstellung auf dem linken Türflügel: Der Erzengel Michael kämpft mit dem Drachen • Foto: Christoph Timm Sieh Fürst, Dein Volk in schwerster Zeit, „Da es versehrt vom Fluche der Dämonen, Die in den Tempeln seiner Seele wohnen, Vermessen höhnend Gottes Herrlichkeit… So rüste denn zum Kampfe Schild und Speer Und steh uns bei, Erzengel Michael, Und führe uns zum Siege der Vollendung.“ (aus der Sonnette „Der Drache und der Engel“ von Maria Gindele-Boegl, 1944/1945)


Das Bronzeportal der Schloßkirche

der Beschützer derer, die für die Sache Gottes streiten, also besonders der Soldaten und Ritter, weshalb auch viele Burgkapellen im Mittelalter dem Michael geweiht waren, wie die Schloßkirche ja auch. Ein besonderer Ort der Michaelsverehrung waren vielfach die Westwerke der Kirchen, d. h. deren mit Türmen und festen Mauern bewehrte Fronten. Den Westen stellte man sich als das Reich der Finsternis vor, da dort die Sonne untergeht. Von Westen drohten Todesschatten und böse Mächte. Michael, der Bezwinger Lucifers, war der berufene Beschützer gegen alle teuflischen Mächte, die aus dem Dunkel des Westens aufsteigen mochten. Unter dem Eindruck solcher Bedrohung erweist sich das Tor als empfindlicher Gefahrenpunkt. Es leuchtet ein, gerade das Tor unter den besonderen Schutz des Engels zu steilen. Die Türflügel des Westportals an der Schloßkirche St. Michael erhielten 1959 eine Bronzeverkleidung. Vor dem Krieg waren diese Türen mit an Zierrat reichen Beschlägen geschmückt. Dem heutigen Betrachter begegnet eine Folge plastischer Szenen auf vielfach durchbrochenem Bronzegrund, so dass das Holz der Türblätter überall durchscheint. Die neuen Portalverkleidungen sind von Jürgen Weber geschaffen. Ihm ist die künstlerische Gestaltung zu danken. Der inhaltliche Entwurf wurzelt, wie der damals amtierende Pfarrer Friedrich Ritter brieflich mitteilt, in einem Gespräch, das zwischen Ältestenkreis, Pfarrer und Künstler geführt worden ist. Unter den vorgeschlagenen Motiven und Szenen hat Jürgen Weber die folgenden sechs für seine Darstellung ausgewählt: Der Kampf Michaels mit dem Drachen, Jesus stillt den Sturm auf dem See Genezareth, die Steinigung des Stephanus, Paulus im Gefängnis, Petrus, der seinen Herrn verleugnet hat, und der Judaskuss.

Szenen. Mit ihnen, so schreibt Pfarrer Ritter, hat "sich eine Generation, die die Zerstörung der Kirche erlebt hat, von allein identifiziert": Mit der Unsicherheit im Boot, mit der Erinnerung an die Konzentrationslager durch den gefangenen Paulus und an die an Schuldlosen verübten Morde durch gesteinigten Stephanus. Der innerste Grund, der Verrat an der Sache und der Person Jesu, liegt selbst bei denen, die Jesus am nächsten waren, bei Petrus und Judas. Sie sind auch diejenigen, die am bittersten bereuen. Die biblischen Szenen sind als Prototypen der Gefährdung und des Versagens ausgewählt und sie sind so ins Bild gesetzt, dass sie sehen lassen, was sie meinen. Zunächst ist der Grund, auf dem sich das alles abspielt, nicht etwa der "tragende Grund" des üblichen Reliefs, sondern ein durchlässiges, kaum zu ordnendes Gebilde aus gebogenen, gewinkelten, gewundenen und gestreckten, kurzen, flachen Stegen. Sie verdichten sich an einigen Stellen zu unregelmäßigen Flächen, geben dabei wie zufällig auch den Figuren mehr oder weniger Standfläche und' lösen sich wieder auf zu einem durchbrochenen Gewirr, durch das der Holzgrund der Türblätter vielfach hindurchscheint.

Der Kampf Michaels mit dem Drachen, dies stand fest, sollte im Mittelpunkt stehen, um sich so auf den Namensgeber der Kirche zu beziehen und auf den Schlussstein des Gewölbes über der Vierung, der ein Bild des Erzengels Michael trägt. Die Offenbarung Johannes beschreibt mit dem Drachenkampf des Engels (Off. 12, 7-9) eine endzeitliche Vision. Sie geht zurück auf eine ältere jüdisch-apokalyptische Überlieferung wie auf ein Urbild des Ringens zwischen Gut und Böse, göttlichen und satanischen Mächten. Dieses Urbild in andere Geschehnisse zu übertragen, den Mythos in erlebte Wirklichkeit umzusetzen, ist der Sinn der begleitenden fünf 9


Ulrike Rein

Aus diesem beunruhigten und beunruhigenden Hintergrund entwickelt sich der Drachenkampf. Das Gefieder sowohl der Engels- als auch der Drachenflügel geht unmittelbar aus den Figurationen des Grundes hervor, ebenso die Schwanzspitze des geringelten Schlangenleibes, ja sogar die im Zustoßen spitz angewinkelten Ellenbogen des kämpfenden Engels. Für die Darstellung ist der letzte Moment des Ringens ausgewählt. Mit einem langen Speer stößt Michael den sich aufbäumenden Drachen Hals über Kopf in die Tiefe. Der Engel steht dazu auf unstabiler Fläche: denn es handelt sich um einen Streit in den luftigen Gefilden des Himmels. Kraft und Stehvermögen nimmt der Engel aus sich selbst. Mit federnden Knien, zurückgebogenem Oberkörper, vorgeneigtem Kopf, zum Stoß erhobenen Armen, mit um den Speerschaft geklammerten Fäusten drückt sein Körper die Anstrengung aus, die dieser Streit dem letztlich überlegenen Engel abverlangt. Die Stoßkraft des Speeres trifft den Drachen in seiner Mitte. Sein vom Schweif her gegen Michael gerichtetes Aufbegehren bricht um in den Sturz, den auch das sich sträubend gespreizte Flügelpaar nicht aufhält.

zählung in die unruhigen Lüfte und sturmgepeitschten Wellen, die das Heck des Schiffes zu verschlingen drohen, während sie seinen Bug hoch empor heben. Um den sich neigenden Mast drängen sich vier Männer zusammen. Das Schiff droht zu kippen. Die Vier verhalten sich unterschiedlich in der Gefahr. Einer umfasst das Steuer mit beiden Fäusten, ein anderer sitzt auf dem Bootsrand, an dem er sich nun festhält. Ein Dritter versucht gerade, sich aus der Schräglage wieder aufzurichten, und der Vierte ringt flehend die Hände. Alle aber schauen auf zu Jesus, der im Bug des Schiffes steht, auch er in die Bewegung des Bootes hineingenommen, Gleichwohl eine Hand im Segensgestus zur Beruhigung der Gewalten erhebend. Auch hier ist für die Darstellung der Höhepunkt der Geschichte gewählt, auf den alles andere hinzielt und aus dem alles weitere folgt: Das Stillwerden des Wassers und der Winde und Jesu mahnende Worte: „Ihr Kleingläubigen …“. Die Steinigung des Stephanus zeigt einen in die Knie gesunkenen Menschen, der seine Arme mit zusammenge-

Wie der Michaelskampf entwickelt sich auch die Schiffsszene unmittelbar aus dem unsicher gemachten Grund. Dessen Struktur verwandelt sich hier im Sinne der Er-

Jesus und seine Jünger im Sturm auf dem See Genezareth Foto: Christoph Timm „So musstest Heimat du uns untergehn, Ins bodenlose Ungemach verstoßen In roter Nächte ungestillten Bränden, Dass wir die Mahnung Gotte ganz verstehn, Indem wir irrend als die Heimatlosen Der ewigen Heimat nahes Ufer fänden.“ (aus der Sonnette „Der Drache und der Engel“ von Maria Gindele-Boegl, 1944/1945)

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Die Steinigung des Stephanus, Darstellung auf dem rechten Türflügel • Foto: Christoph Timm


Das Bronzeportal der Schloßkirche

legten Händen erhebt, eine Geste, die zugleich flehen und schützen will. Dass dieser Schutz nicht ausreicht, auch wenn der Kopf sich ausweichend zur Seite duckt, verrät die zum Wurf bereite Haltung des anderen Menschen. Der steht vor seinem Opfer, hoch aufgerichtet. Den Ausdruck des Drohenden spitzt der Künstler besonders zu: Er gibt dem zum Wurf mit dem Stein ausholenden Arm eine besondere, über das anatomisch "richtige" Maß hinausgehende Länge. Während sich die Steinigung unmittelbar als Totschlag wahrnehmen lässt, erschließt sich die Gefängnisszene vielleicht nur dem Wissenden. Da sitzt ein Mann vor Gefängnisgittern. Über seinen Knien liegt eine Rolle ausgebreitet, auf die er schreibt. Erinnert ist hier an Paulus, der seine Briefe aus dem Gefängnis schreibt .

Petrus verleugnet Jesus, Darstellung auf dem linken Türflügel Foto: Christoph Timm

Paulus auf dem anderen Türflügel unmittelbar gegenübergesetzt ist Petrus, der zweite der führenden Apostel. Petrus in der Haltung des Trauernden, sitzend mit auseinandergeklappten Knien, der ganze Mann schief, eine Schulter hochgezogen, daran hängt willenlos und schlaff ein Arm herab, die andere Schulter gesenkt, gesenkt auch das Haupt, die Hälfte des Gesichtes hinter vorgehaltener Hand verborgen. Hinter Petrus‘ Rücken, auf dem anderen Ende der Bank, hockt ein Hahn mit gegen Petrus vorgerecktem Hals und zum Schrei aufgerissenem Schnabel, das ganze Tier gestreckt wie für gezielt angreifenden Stoß. Dahinter steht die Erzählung aus der Passionsgeschichte, die damit endet, dass Petrus seinen Verrat an Jesus beim dritten Krähen des Hahnes erkennt und bitterlich weint.

Paulus im Gefängnis, Darstellung auf dem rechten Türflügel Foto: Christoph Timm „Aus tausend ungekannten Kerkern steigt Aus Marter, Qual und Schmach ein irres Stöhnen O Rausch der Henker, die dem Herren frönen, Furchtbarer Tanz, wenn seine Fiedel geigt.“ (aus der Sonnette „Der Drache und der Engel“ von Maria Gindele-Boegl, 1944/1945)

Zu den Eigenschaften des Verrates gehört es, dass er nicht sogleich offenkundig hervortritt, sondern dass er sich versteckt, oft hinter einer Gebärde des liebevollsten Vertrauens. Diese heimtückische Art des Verrats begeht Judas. Der erste Blick auf die beiden Menschen, von denen der eine den anderen umarmt und küsst, weist nicht gleich auf Verkehrtes, wohl aber näheres Hinsehen. Der Kuss, der hier gegeben wird, geschieht in hastiger Eile. Noch ehe der letzte Schritt auf Jesus zu ganz getan ist, küsst Judas seinen Herrn, gleichzeitig umfängt er ihn mit den Armen, so als wolle er den ruhig Stehenden an einer Flucht hindern. Das Stehen Jesu zeigt eine besondere Stabilität. Jesus steht aufrecht, ganz gerade bis in die Falten seines Gewandes hinein. Der Reliefgrund hat sich nicht nur unter seinen 11


Ulrike Rein

z.B. entsprechen sich soweit, dass sie sich über den Türspalt hinweg einander zuneigen. Die beiden zweifigurigen Szenen am jeweiligen Außenrand gleichen sich im Aufbau darin, dass die stehende Figur das Türfeld zum Rand hin abschließt. Als großer optischer Bewegungsablauf ergibt sich nahezu eine spiegelbildliche Symmetrie. Was als äußere Form erscheint, ist auch inhaltlich so gedacht: Der Bedrohung von außen (Stephanus und Paulus) entspricht das Versagen der Treue, der Verrat an Jesus.

Judas verrät Jesus mit einem Kuss, Darstellung auf dem linken Türflügel • Foto: Christoph Timm „Ein neuer Judas, Mensch o Mensch, bist du, Der mit den Schergen sich verbünden muss, Wenn deine Füße ihre Spuren traten.“ (aus der Sonnette „Der Drache und der Engel“ von Maria Gindele-Boegl, 1944/1945)

Füßen, sondern auch in seinem Rücken verdichtet, so dass die Figur von da einen ganz festen Halt bekommt. Anders die Gestalt des Judas. Er bewegt sich auf teilweise durchbrochenem Boden. Er geht geduckt, schiebt seinen Oberkörper vor und an Jesus heran, blickt schief von unten auf das Gesicht des Herrn. Dergestalt jeder eigenen Körperstütze bar, findet der Haltlose in der Umarmung ein momentanes Gleichgewicht. Der Verratene, das Opfer, wird selbst dem Verräter noch im Augenblick des Verrates zur Stütze. Die letztgenannten vier Szenen (Stephanus, Paulus, Petrus und Judas) gehören formal zusammen. Sie erscheinen nebeneinander in einer Reihe auf der Höhe der Türgriffe, zwei auf jedem der beiden Torflügel, einander vordergründig verbunden durch die beiden Türgriffe, die sich zu einem Riegel zusammenschließen. Was der übergreifende Türgriff deutlich macht, bestätigt die Zuordnung der Figuren untereinander. Die beiden Apostel 12

Die Beispiele inneren und äußeren Scheiterns ergänzen zwei übergeordnete Gegenbilder: Die Stillung des Sturms und der Michaelskampf. Dabei erscheint das Schiff zualleroberst unmittelbar unter dem Türsturz am inneren Rand des rechten Türblatts, der Michaelskampf tiefer in die Mitte gerückt auf der linken Seite. Dass es sich. um Gegenbilder handelt, zeigt wiederum zuerst die Form. Ein großer Abstand trennt die beiden Darstellungen von den anderen. Sie haben, jedes für sich und beide zusammen, einen eigenen Raum, weit und großzügig, so dass jeder sehen kann: Hier wird das Wichtigste gezeigt, zwei Wunder: Die Macht Jesu selbst über das Tosen der Naturgewalten und der Engel des Herrn, der den Drachen des Bösen besiegt. Die beiden Szenen sind der erlebten, in den unteren vier Bildern benannten Wirklichkeit sichtlich überlegen. Dem modernen Menschen, der betrachtend vor dieser Tür steht, wird die Kirche einiges zumuten, wenn er erst Themen, Aufbau und Hintergrund dieser Bilder entschlüsselt hat. Die geschichtliche und gegenwärtige Wirklichkeitserfahrung wird auf Wunder und damit auf die andere Wirklichkeit des Glaubens verwiesen. Dies geschieht durch Bilder, die bestimmte Ereignisse in die Zeitlosigkeit von Mythen holen. Das Besondere der Zeit nach dem Kriege, die Erschütterung eines ganzen Lebensgefüges, fangen die ausgewählten Bildthemen zwar auf, sie gehen aber über dieses Besondere hinweg und ordnen es in den vertrauten Zusammenhang biblischer Geschichten ein. Gestalterisch verzichten die Figuren und das Szenarium auf alles, was zum Verständnis der biblischen Erzählung nicht unbedingt nötig ist. Die Figuren tragen keine individuellen Züge, wirken in ihrer gespannten Konzentration eher dem Mittelalter verwandt als heutigen Zeiten. Also auch hier: Rückgriff auf Althergebrachtes, Bewährtes. Es soll und wird sich wieder neu bestätigen wie die ganz aus Schutt und Asche historisch getreu wieder errichtete Kirche.


Das Bronzeportal der Schloßkirche

Dies wäre eine Lesart. Die andere geht aus vom Hintergrund der Figuren, der die ganze Türfläche mit jener überaus brüchigen, nirgends beständigen Oberfläche überzieht. Die zeichnet nach, was den Zeitgenossen nach dem Zweiten. Weltkrieg ebenso betrifft: Die Gestalten der Überlieferung, auch die der biblischen, stehen auf zersprungenem Grund, auf einer gestörten Basis. Als Bildhauer hat es sich Jürgen Weber angelegen sein lassen, ein Bauwerk nicht nur mit einem guten plastischen Bild zu versehen, sondern im Zusammenwirken von Architektur und Plastik eine eigene künstlerische Aufgabe zu erfüllen. Das gelingt hier, indem er den dicht gemauerten Wandflächen des mittelalterlichen Bauwerks die moderne Fläche der beiden Türflügel einfügt. So macht er einen Kontrast zuerst sichtbar, dann erlebbar, der eindrücklicher kaum zu vermitteln wäre. Gemessen am ununterbrochen durchlaufenden Ebenmaß der alten Mauerfläche scheint das neue Gebilde, das den Türblättern aufliegt, kaum noch den Namen der Fläche zu verdienen. Der statischen Ruhe und festgegründeten Sicherheit des Bauwerks entgegen zeigt sich die herumirrende Unruhe der vielfach gerissenen Bronzehaut. Das Spannungsfeld derer, die nach dem Kriege weiterzuleben hatten, wird offensichtlich in diesem Gegenüber von fester Fläche, brüchigem Grund und den klaren Umrissen der vor ihm stehenden Figuren. In ihnen, in den Figuren, erklärt sich diese Spannung als ein Erkennen der schuldbelasteten Wirklichkeit und dem Vertrauen auf die schützende Macht des Herrn.

Die Bronzetüren wurden, wie die Inschrift am rechten Türflügel unten besagt, 1959 von den „Freunden der Schloßkirche“ gestiftet • Foto: Christoph Timm

Reparatur des Bronzeportals: Neubefestigung der Platten mit patinierten Bronzenägel am 15. August 2017 Foto: Christoph Timm

Ulrike Rein, Engelsbrand, Textfassung vom November 1988 ◊

Der Bildhauer Jürgen Weber (1928-2007) • Foto: https:// i.ytimg.com/vi/XYkzNbu9Pi8/maxresdefault.jpg

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Mathias Köhler

„Ich bin die TÜR, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden…“ (Joh. 10,9) Eine kleine Entdeckungsreise zu Por talen und Türen der Pforzheimer Schlosskirche Türen sind nicht nur Durchgänge, sie symbolisieren und sie repräsentieren vor allem. Das gilt nicht nur für den Profanbau, denkt man beispielsweise an Rathäuser oder Stadttore. Auch der Kirchenbau hat zu allen Zeiten viel Aufmerksamkeit und Aufwand seinen Zugängen gewidmet. So gibt es eine „Goldene Pforte“ am Freiberger Dom, eine „Schöne Tür“ an der Annenkirche in Annaberg-Buchholz oder ein „portail peinte“ an der Kathedrale von Lausanne. Und was wären die romanischen oder gotischen Kirchen Frankreichs oder Spaniens ohne ihre exorbitant reichen mit Figuren und Reliefs geschmückten Portale! Mit figürlichem Schmuck oder Malerei kann die Schlosskirche nicht aufwarten, doch sind ihre Portale, Pforten und Eingänge ein Musterbuch mittelalterlicher Formenlehre und Architektur. Baugeschichtlich bedingt stellt das Westportal den ältesten Kirchenzutritt an St. Michael dar. Hierarchisch und zumeist auch städtebaulich bilden Westportale zumeist dem Haupteingang (Ausnahmen bei doppelchörigen Kirchen wie dem Bamberger Dom oder St. Jakob in Rothenburg o.d.T.). Vom Bereich der untergehenden Sonne durchschritt der Gläubige das Gotteshaus mit dem Blick zum aufgehenden Licht im Osten. Das Pforzheimer Schlosskirchenportal ist der Rest einer wohl einst sehr repräsentativen Anlage, die wohl auch eine Vorhalle (erhalten die Konsolsteine) und reichen ornamentalen Reliefschmuck (heute willkürlich als Rahmung um das Portal angeordnet) umfasst haben dürfte oder zumindest so geplant war. Es ist ein echtes Kind der kraftvollen, etwas schwerfälligen oberrheinischen Spätromanik, ein Gewändeportal mit gedrücktem Rundbogen, Archivolten und kissenartigen Kapitellen, nächst verwandt zu Arbeiten im Umkreis der Wormser Bauhütte oder des Schwarzacher Münsters. Nicht erhalten hat sich das originale Türbogenfeld (Tympanon), das seit den Instandsetzungen des 19. Jh. einer Verglasung gewichen war. Als Beispiel für ein erhaltenes bildhauerisch gestaltetes Tympanon mag das wesentlich ältere Türbogenfeld der Pforzheimer Altstadtkirche dienen, 14

Hauptportal • Foto: Christoph Timm

dessen Deutung trotz vieler Entschlüsselungsversuche ungeklärt bleibt. Heute ist das nach 1945 in Sandstein erneuerte Tympanon leer und lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die künstlerisch hochwertig gestalteten bronzenen Türflügel aus der Hand Jürgen Webers. Anders als heute genoss der Südeingang, das Brautportal, den Rang eines zweiten Hauptportals. Vergegenwärtigt man sich die mittelalterliche Topographie der Stadt war dies völlig konsequent, führte doch eine Zuwegung direkt aus der Stadt dorthin. Wahrscheinlich war das Portal am südlichen Seitenschiff der Kirche der Alltagseingang, während das Westportal nur zu besonderen, vor allem herrschaftlichen Anlässen (Schloss!) genutzt wurde. Bis heute trägt die Pforte den Namen „Brautportal“, was auf einen spezifisch mittelalterlichen Brauch zurückzuführen ist. Da die Eheschließung dem Bereich des weltlichen Rechts zuzuordnen war, fand sie wenigstens seit dem 11. Jh. vor der Kirche statt. Erst danach geleitete der Priester die Eheleute durch eben diese Pforte zur Brautmesse in die Kirche. Mit dem Erstarken des sakramentalen Charakters der Eheschließung verlor sich dieser Brauch langsam (endgültig mit dem Konzil von Trient), wurde eigenartigerweise aber


Portale der Schloßkirche

Brautportal • Foto: Christoph Timm

von den Protestanten nach der Reformation noch lange beibehalten. Berühmte Brautportale gibt es an der Münchner Frauenkirche, dem Ulmer Münster, an St. Michael in Jena oder an der Rothenburger Jakobskirche. In Nürnberg, St. Sebald, wird bis heute das Brautpaar am Brautportal vom Pfarrer in Empfang genommen und in die Kirche geleitet.

repräsentiert halb Romanik, halb entwickelte Frühgotik. Details wie die tütenartigen Konsölchen verraten eine genaue Kenntnis der damaligen Straßburger Münsterbaustelle. Das Maßwerktympanon trug einst eine figürliche Bemalung, die 1939 noch in Resten sichtbar war. Heute erinnern nur noch Flecken daran. An die einstige Funktion als Brautpforte erinnert die lateinische Umschrift „Petite et accipietis“(„Bittet und euch wird gegeben“). Von großer Schönheit und ohne Vergleich ist die Gesamtanlage mit ihrem Blendbogen, dem Dreipassfenster über dem Portal und den säulengerahmten Schlitzfenstern mit ihren fast an orientalische Architektur erinnernden Überfangbögen.Ergraben wurden Fundamente eines polygonalen Vorbaus, der vielleicht eine Vorhalle hätte werden sollen.

Das Pforzheimer Portal ist das Ergebnis mehrerer Umplanungen und entzückt durch seine originelle Uneinheitlichkeit sowie stilistische Unentschiedenheiten. Es

Spitzbogentür zur Sakristei • Foto: Christoph Timm

Im Inneren des Vorchorjochs gibt es zwei bemerkenswerte Pforten aus hochgotischer Zeit. Die eine, eine schlichte Spitzbogentür mit profiliertem Gewände, führt zur ausgesprochen klein ausgefallenen Sakristei.

Brautportal, Zustand 2010 und 2015 • Foto Günter Beck

Interessanter ist die schräg gegenüberliegende Tür zum Treppenturm. Dieser erschließt die Dachräume 15


Mathias Köhler

Spitzbogige Tür und darüber liegendes Fenster am nördlichen Diagonalchor • Foto: Christoph Timm

Tür zum Treppenturm • Foto: Christoph Timm des Langhauses und dürfte zugleich als Zugang zu einem anzunehmenden geplanten Vierungsturm (vgl. die massiven Vorlagen im Vierungsbereich zwischen den Diagonalchören und die ausgeführten ähnlichen Anlagen in Ahrweiler oder Oppenheim) gedacht gewesen sein. Selten schön und elegant ist die kleeblattartige Bogenform, bekannt aus dem Repertoire mittelalterlicher Maßwerkfenster, die aus dem Gewändeportal ein kleines architektonisches Kunstwerk des 14. Jh. macht. Schlicht ausgefallen ist die veränderte spitzbogige Tür im nördlichen Diagonalchor. Auch das Fenster darüber diente zeitweise als Durchgang, gab es hier doch eine Brücke zum Schloss. Das veränderte Maßwerk, es fehlt der Teilungsstab, erinnert bis heute daran. Klassisch spätgotisches Formenvokabular findet sich im zwischen 1460 und 1475 von Hans Spryß von Zaberfeld errichteten Stiftschor. Hier sind es die zwei Pforten in der Südwestecke, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, beide anspruchsvoll profiliert, die eine rundbogig geschlossen, die andere in einen zeittypischen Kielbogen (so genannt, weil er den Schnitt durch ein Boot nachzeichnet) schließend. Beide Arbeiten verge16

Zwei Pforten im Stiftschor • Foto: Christoph Timm


Portale der Schloßkirche

Pforte zum Untergeschoss der Nordkapelle (sogenannte Margarethenkapelle) • Foto: Christoph Timm

Außenzugang zur Sakristei • Foto: Christoph Timm

genwärtigen die hohe steinmetztechnische Präzision der Werkleute um Hans Spryß, denen auch der Lettner und die erst nach 1945 in einem Vandalenakt zerstörte Kanzel zu verdanken sind. Das Kielbogenportal stimmt stilistisch hervorragend überein mit dem Südeingang der Nieferner Marienkirche, wo die Spryß´sche Werkstatt ebenfalls an Lettner und Kirchenschiff tätig war. Eine weitere schmucklose Pforte führte vom Lettner in das Obergeschoss der Südsakristei und ist seit Errichtung des Museums „Johannes Reuchlin“ als Durchgang wieder benutzbar. Dem 19. Jh. zu verdanken ist schließlich der Außenzugang zur Sakristei, ein Beispiel neugotischer Gestaltung, das sich dem Kontext hervorragend einordnet Die fensterartige Ausbildung des maßwerkumrahmten Bogenfelds ist bis heute die einzige natürliche Lichtquelle der Sakristei, so dass sich leise Zweifel erheben, ob dieser Raum schon immer diese Funktion innehatte oder nicht eher ursprünglich als Archiv oder Schatzkammer diente. Bleibt noch die Pforte zum Untergeschoss der so genannten „Margarethenkapelle“ am nördlichen Seitenschiff, deren zeitliche Einordnung nicht ganz sicher ist (vielleicht drittes Viertel des 14. Jh.). Sollte hier tatsächlich ein Beinhaus bestanden haben, erscheint die ein-

fache spitzbogige Tür plausibel. Seit dem Anbau einer Seitenkapelle im 15. Jh. an das nördliche Seitenschiff jedenfalls, muss der Zugang seine Funktion verloren haben, wurde vermauert und verfüllt. Die heutige Gestaltung nach Abriss der Seitenkapelle infolge schwerer Kriegsschäden ist mitsamt der Treppe der Wiederaufbauphase der 1950er Jahre zuzuordnen. Zum Schluss noch ein wenig Spekulation: Am nördlichen Obergaden des Mittelschiffs zeichnet sich unter dem Fenster des mittleren Jochs eine vermauerte hochrechteckige Tür ab. Vielleicht war dies einst der Zugang zu einer Schwalbennestorgel? Der orgelkundige und durch seine Tabulatur weithin berühmte Stiftsherr und Komponist Leonhard Kleber (1495-1556)) könnte für das Vorhandensein eines solchen Instruments in der Pforzheimer Schlosskirche stehen. „Porta patet – cor magis. Die Tür steht offen – das Herz noch mehr“, dieser Leitspruch der Zisterzienser mag auch für die Pforzheimer Schlosskirche gelten, die von Mai bis Oktober täglich ein geöffnetes Hauptportal präsentiert. Vielleicht fühlen sich in Zukunft noch mehr Menschen angesprochen, durch diese Tür in das dämmrig – kühle Innere dieses historisch wie kunstgeschichtlich so einzigartigen, aber immer noch verkannten Bauwerks vorzudringen. ◊

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Mathias Köhler

Grundriss der Schloßkirche mit den beschriebenen Portalen • Hauptpor tal (1) • Brautpor tal (2) • Innentür zur Sakristei (3) • Tür zum südseitigen Treppenturm (4) • Pfor te am nördlichen Diagonalchor (5), darüber ehedem Übergang vom Schloss • Rundbogenpfor te im Stif tschor (6) • Kielbogenpfor te im Stif tschor (7) • Außenzugang zur Sakristei (8) • Pfor te zum Untergeschoss (9) • Vermauer te Tür am nördlichen Obergaden (10)

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Tag des offenen Denkmals 2020

360° Photographie der Schloßkirche, Foto: Günter Beck

„Tag des offenen Denkmals“, 13. September 2020 Of fene Schloßkirche von 9-18 Uhr

Museum Johannes Reuchlin Bitte informieren Sie sich in der Tagespresse und im Internet

Die Deutsche Stif tung Denkmalschutz ruf t aufgrund der Corona-Pandemie zur digitalen Präsentation des baukulturellen Erbes auf.

Webseite der Freunde der Schloßkirche e. V.: w w w.schlosskirche-pforzheim.de

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Lore Schöninger

Pforzheimer Denken

Museum Johannes Reuchlin • Bildpostkarte: Günter Beck

Wer weiß denn heute noch, auf welch großen Gedanken, die dem Geist des einstigen Pforzheimer Bürgers Johannes Reuchlin entsprungen sind, die heutige moderne Stadtgesellschaft ihr humanistisches Weltbild aufbaut? 2022 gedenken wir unseres großen Pforzheimer Humanisten Johannes Reuchlin anlässlich seines 500. Todestages. Johannes Reuchlin wurde in Pforzheim geboren. Er besuchte die Pforzheimer Lateinschule, studierte Jura. Er war ein Mensch, der das Menschsein mitsamt den unterschiedlichen Religionen hinterfragte, verstehen wollte und bejahte. Reuchlin wusste, nur wer die alten Sprachen spricht, kann sich in die Philosophie anderer Völker und Religionen einfühlen, sie verstehen. Er war stolz auf seine Heimatstadt Pforzheim, trug ihren Namen auch als Beiname zu seinem Familiennamen. Reuchlin war ein hochbegabter Geisteswissenschaftler. Er bildete sich vielerorts weiter. Seine Neugierde fremde Dinge und Zusammenhänge besser zu verstehen, 20

ließ ihn zum Spezialist für alte Sprachen wie Hebräisch, Griechisch und Latein werden. Seine Studien konnte er als Reise-Begleiter des 3. Sohnes vom Markgraf von Baden in Paris betreiben. Nach seiner Pariser Zeit wurde er auf Empfehlung in Basel Magister. Während seiner Pariser Zeit begegneten ihm nahezu alle großen Denker und Humanisten Europas. Reuchlin, als ausgebildeter Rechtswissenschaftler, knüpfte viele wichtige Verbindungen. Es war für ihn wichtig, mit anderen Humanisten über die Weltanschauungen zu diskutieren, sich auszutauschen. Reuchlin war stolz auf seinen Geburtsort Pforzheim und seine Abstammung. Er war in Baden geboren, war also Badener. Sein Vater verwaltete das Pforzheimer Dominikanerkloster und sorgte dafür, dass sein wissensbegieriger Sohn eine fundamentierte Schulausbildung genießen konnte. Johannes Reuchlin wollte die Philosophie des Menschseins erforschen. Sein ganzes Denken und Wirken galt dem Menschsein. Wer die Menschen respektieren und achten wollte, brachte sich durch Menschlichkeit ins Zeitgefüge der religiösen und politischen Gesellschaft ein. Reuchlin reiste viel, war in Kontakt mit all den namhaften Humanisten seiner Zeit, auch mit weltlichen und kirchlichen Fürsten. Als er eines Tages befragt wurde, was mit den Büchern anders Denkender zu geschehen habe, meinte er, dass auch die darin festgehaltenen Gedanken es wert seien, erhalten zu bleiben. Er war strikt gegen die Verbrennung des geistigen Gutes anders Gläubiger oder anders Denkender. Johannes Reuchlin, ein Freigeist, bekam zu spüren, dass er manch einer Obrigkeit nicht nach dem Mund geredet hatte. Im Grunde genommen predigte er für die Freiheit der Seelen und träumte davon, die Europäer durch Bildung und Menschlichkeit zu vereinen. Schade, dass sein Denken im Laufe der kommenden 500 Jahre nach seinem Tod immer wieder nur aufflackerte und wieder abschwächte. Mit diesem Aufflackern und wieder Versinken seines humanistischen Denkens, wurde er in seiner Heimatstadt über viele Jahre fast vergessen. Zwar wurde in der Zeit, als sich Pforzheim nach der totalen Zerstörung vom 23. Februar 1945 wieder aus der Asche erhob, die Tradition des nach ihm benannten altsprachlichen Gymnasium fortgeführt und das Reuchlinhaus, das weltweit als Schmuckmuseum Pforzheim bekannt wurde, auf seinen Namen getauft. Aber ein richtiges Museum, das seinem Leben und Wirken gewidmet wurde, fehlte.


Pforzheimer Denken

Keiner der Stadtväter fand es damals wichtig genug, die Arbeit und das Wirken des großen, gar des größten deutschen Humanisten mit einem Museum zu würdigen. Doch das Zeitgeschehen der vergangenen 100 Jahre im zerstrittenen Europa erinnerte die Menschen, die diesen schlimmen Weltkrieg überlebt hatten, dass sie untereinander und miteinander menschlicher handeln müssen. Das war die Zeit, in der das Denken von Reuchlin wieder wichtig wurde. 1993 fand sich in Pforzheim ein Freundeskreis der Schloßkirche zusammen: Es waren, dank der Initiative von Jürgen Wahner, die "Freunde der Schloßkirche e.V." geboren. Jürgen Wahner und seine Mitstreiter wollten endlich auch den großen Humanisten würdigen und den noch fehlenden Teil seiner Bibliothek wieder aufbauen.

Die Freunde der Schloßkirche e.V. haben sich die Aufgabe gestellt, unsere Schloß- und Stiftskirche für die noch offene Zukunft als "steinernes Geschichtsbuch" zu bewahren und auch das damit verbundene Andenken an "unseren Reuchlin" vor dem Vergessen zu schützen und zu erhalten. Die große Hoffnung bleibt, dass die Gene des Humanismus in Pforzheim nie aussterben werden. Es wäre gut, wenn noch viele, auch jüngere Pforzheimer, sich anschließen würden und den Verein als Mitglieder oder durch Spenden unterstützen könnten. Pforzheim, den 22.10.2019 Lore Schöninger ◊

In heutiger Zeit breitet sich wieder Hass und Hetze im Land aus. Geht es den Menschen "gut", werden ihre Forderungen nach mehr und mehr sozialen Aufwertungen immer höher und politischer Machtkampf breitet sich aus. Das Gesellschaftsbild verändert sich durch Unzufriedenheit. Die globale Weltpolitik lässt es zu, dass immer irgendwo auf unserer Erde Kriege geführt werden. Weltweit glauben Amoktäter oder Terroristen, sie müssten mit Gewalt ihre Weltanschauungen verwirklichen, Andersgläubige oder Menschen ihres wie auch immer gearteten anderen Aussehens wegen, "abschlachten". Diese Unmenschen glauben gar menschlich, also humanistisch zu handeln. In ihren Träumen erhoffen sie sich sogar den himmlischen Segen für ihren Wahn. Sie glauben, nur sie würden in der einzig wahren Lehre ihrer Wahrheit handeln. Ihr Weltbild hat sich durch Hass und Missgunst so negativ verändert, dass sie gar nicht bemerken, dass sie schlimmer als reißende Tiere sind und ihre Seelen längst Sklaven unmenschlicher und menschenverachtender Ideologien wurden. Sie sind Gefangene gefährlicher Gedanken und leben im Wahn des Hasses. Wie die Vergangenheit lehrte, wurden immer wieder Kriege vom Zaun gebrochen, Armut und Not brachen über die Menschen herein. Seltsam, dass sie immer nach einem verlorenen Krieg erkannten, dass sie doch auch Menschen seien und so bei der Politik mehr Menschlichkeit einforderten.

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Der neue Schloßkirchenführer

Immer eine gute Idee: Der neue Schloßkirchenführer Der neue Kirchenführer, herausgegeben und finanziert von den Freunden der Schloßkirche, soll dazu beitragen, die geschichtsträchtige Schloßkirche St. Michael mit ihren exzellenten Kunstwerken noch bekannter zu machen. Die Kirche ist von April bis Oktober täglich von 9-18 Uhr geöffnet. Werden Sie zum Botschafter der Schloßkirche! Tragen Sie zur Verbreitung der Schloßkirchenführers bei! Ev. Schloß- und Stiftskirche St. Michael Pforzheim Herausgeber: Freunde der Schloßkirche e. V. Autoren: Mathias Köhler und Christoph Timm, Fotograf Günter Beck ISBN 978-3-95976-153-6 Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu Schutzgebühr 5 Euro Erhältlich im örtlichen Buchhandel, bei der TouristInfo (gegenüber Schloßkirche), im Museum Johannes Reuchlin und im J. S. Klotz Verlagshaus (Schloss Bauschlott). Bestellbar bei Amazon sowie über das J. S. Klotz Verlagshaus ◊

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48 Seiten Umfang, zahlreiche Farbfotografien und ein ausklappbarer Übersichtsplan kennzeichnen das edle Werk mit attraktiven Farbfotografien von Günter Beck.


Helmut Oeß • Limericks

Seine Fans können es kaum er war ten: Exklusiv für den Blickpunkt schmiedete Helmut Oeß weitere Limericks der Ex traklasse, …provokativ unpassend zu Corona-Zeiten…

Heut musste der Pfarrer von Gießen den Frühsommerpollenflug büßen – Sogar am Altar noch! Wie eindrucksvoll war doch beim Segen sein dreifaches Niesen! Ein Pfarrer, der nur noch auf Schock setzt, versucht´s in der Kirchen mit „Rock“ jetzt. Sucht Jugend zu locken, dem Herrn zu „frohrocken“, Vielleicht hat sie hierauf mehr Bock jetzt. Der Pfarrer ließ ununterbrochen die Glocken läuten seit Wochen. Es hoffte der Hirte vermutlich er würde dereinst mal „läutselig“ gesprochen.

Exklusiv für den „Blickpunkt Schloßkirche“ verfasste Helmut Oeß auf Anfrage von Thomas Frei weiter Limericks, die er der Redaktion mit herzlichen Grüßen an alle Fans der Schloßkirche zur Verfügung stellte - der Vorrat reicht noch für weitere Ausgaben!

Helmut Oeß erblickte als Sohn des Hauptlehrers Friedrich Oeß und Paula Oeß (geb. Kaufmann) am 26. September 1921 in der Hirsauer Straße 145 in Dillweißenstein das Licht der Welt. Er war als Pfarrer in verschiedenen badischen Gemeinden tätig, darunter in Ispringen. 1961 wurde er Militärpfarrer. Er wohnt mit seiner Frau in Dangast an der Nordsee. 1994 erschien sein Taschenbuch „Das entbäffnete Pfäffchen“ mit „Limericks aus der Pfarre“.

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Vorschau 2021

Infotafeln vor und in der Schloßkirche

Nachdem das Land als Eigentümerin der Schloßkirche in der Zwischenzeit alle Außentüren aufgerüstet und gesichert hat und außerdem die elektrischen Anschlüsse auf den neuesten Stand gebracht sind, ist von Seiten des Kulturamts und der Freunde der Schloßkirche e. V. geplant, die Klanginstallation spätestens zu Reuchlins Geburtstag im kommenden Jahr wiederherzustellen.

Zur Restaurierung der Steinmeyer-Orgel

Für die Realisierung der Infotafeln vor und in der Schloßkirche hat der Vorstand die noch fehlenden Mittel bereitgestellt. Die Vorbereitungen laufen weiter.

Klanginstallation „Genesis“

Wie die Presse berichtete, hat die Landesregierung in Sachen Orgelrestaurierung kürzlich ein Empfehlungsschreiben an die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Monika Grütters gerichtet. Darin wird vorgeschlagen, die Reparatur und Reorganisation der Schloßkirchenorgel aus Mitteln eines Bundessonderprogramms zum kulturellen Erbe zu fördern. Vor Ort liefen Anfang Juli die Vorbereitung an, das dringend überholungsbedürftige Instrument abzubauen und in die Fachwerkstatt zu bringen. Weitere Spenden nehmen die „Freunde der Schloßkirche e. V.“ entgegen, ebenso der extra für die Orgelrestaurierung gegründete „Förderverein Schloßkirche e. V.“

Der nächste Blickpunkt… Die im Jahr 2016 für das Museum Johannes Reuchlin im Stiftschor der Schloßkirche installierte Klanginstallation „Genesis“ (siehe Blickpunkt Nr. 26 /2016/2017) wurde bekanntlich Anfang 2018 bei einem Einbruch in die Schloßkirche entwendet. Die Diebe brachen drei der hölzernen Außentüren gewaltsam auf, um sich Einlass zu verschaffen. 24

…richtet den Fokus auf das geplante „Reuchlinjahr 2022“. Entsprechende Überlegungen und Vorschläge werden dem gemeinderätlichen Kulturausschuss am 23. Juli 2020 vorgestellt. ◊


Altgoldaktion

Bausteine für die Schloßkirche und das Museum Johannes Reuchlin Mit unserer Aktion „Altgold“, möchten wir Sie anregen ihre edelmetallhaltigen Abfälle der Schloßkirche und dem Museum Johannes Reuchlin zu spenden. Damit tragen Sie Baustein für Baustein bei, die Restaurierung und Wiederherstellung des bekanntesten Pforzheimer Baudenkmales voran zu bringen und den Betrieb des Museum Johannes Reuchlin zu sichern. Bei folgenden Scheideanstalten, die das angelieferte Scheidegut kostenlos ausarbeiten, können Sie Ihre edelmetallhaltigen Abfälle unter dem Kennwort „Schloßkirche“ abgeben:

C. Hafner GmbH + Co. KG, Maybachstraße 4, 71299 Wimsheim Heimerle + Meule GmbH, Dennigstr. 16, 75179 Pforzheim Sie bekommen von uns dafür eine steuerlich abzugfähige Spendenquittung über den Ertrag des Scheideprozesses. Helfen Sie mit das Projekt erfolgreich weiter zu führen Ihre Freunde der Schloßkirche

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Beitrittserklärung

Die Beitrittserklärung bitte senden an: Freunde der SchloĂ&#x;kirche e.V. c/o Camilla Glatz, Ottersteinstr 28 75173 Pforzheim

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Bausteine

74 Jahre Stiftung Freunde der Schloßkirche 27 Jahre Freunde der Schloßkirche e. V.

Am 21. Januar 1946 riefen Pforzheimer Bürger und Kirchenfreunde die ökumenische Stiftung der Freunde der Schloßkirche ins Leben. Das Ziel war die Rettung der Baudenkmale der kriegszerstörten Stadt. Der 1993 gegründete Verein Freunde der Schloßkirche e. V. setzt die Tradition der Stiftung fort. Zielsetzung des Vereins ist laut Satzung die materielle und ideelle Förderung der Restaurierung, Sicherung und Erhaltung der Schloßkirche einschließlich beweglichem Inventar, sowie der Wiederaufbau des Reuchlinkollegs und die Unterstützung der Stadt Pforzheim beim Betrieb des Museums Johannes Reuchlin als Reuchlin-Erinnerungsstätte.

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Impressum

Titelbild: Foto: Günter Beck

Impressum Herausgeber: Freunde der Schloßkirche e. V. Kontakt: www.schlosskirche-pforzheim.de Redaktion: Camilla Glatz, Thomas Frei, Dr. Christoph Timm Layout: Manfred Klinner Herstellung: Druckhaus Butscher, Pforzheim Umschlagfotos: Mit freundlicher Genehmigung der Bildautoren Blickpunkt Pforzheim erscheint jährlich. Der Verein dankt der STADTBAU GmbH PFORZHEIM, Schloßberg 20, für die freundliche Unterstützung bei der Drucklegung. Freunde der Schloßkirche e. V. Sparkasse Pforzheim Calw DE86 6665 0085 0000 6828 88 PZHSDE 66 XXX Volksbank Pforzheim DE27 6669 0000 0000 8881 11 VBPFDE 66 XXX 28


Museum Johannes Reuchlin Foto: Christoph Timm

Museum Johannes Reuchlin Foto: Ralph Koch


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Blickpunkt Schloßkirche Nr.30, 2020/2021 by Mateo Sudar - Issuu