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Blickpunkt Schloßkirche Nr.29 2019-2020

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Ein persönliches Exemplar für:

SCHLOSSKIRCHE 2019/2020

Günter Beck 80. Geburtstag

»her Johan frigraf uß klein egipten« Das Zigeunergrabmal in der Schloßkirche Mitgliederversammlung 10.10.2019


Inhaltsverzeichnis

Mitgliederinformation »Blickpunkt Schloßkirche« Ausgabe Nr. 29 • 2019/2020 • August 2019 Sehr geehrte Mitglieder und Gönner, liebe Freundinnen und Freunde der Schloßkirche, in dieser Ausgabe unseres Vereinsorgans finden Sie nachstehende Textbeiträge mit Seitenangabe:

Inhalt

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Grußwort • Anita Gondek

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Schloßkirche aktuell • Christoph Timm

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Einladung zur Mitgliederversammlung • 10.10.2019

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Einladung zum Vortrag Günter Beck • 23.09.2019

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Vereinsnachrichten

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Festakt 25-Jahre Freunde der Schloßkirche • Bilderstrecke

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Günter Beck zum 80. • Ein goldenes Schlüssel-Geschenk • Thomas Frei

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Schlüssel für Eingangspforte ruht auf rotem Samtkissen • Thomas Frei

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»her Johan frigraf uß klein egipten« • Günter Beck

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Gibt es diesen Grabstein noch? • Christoph Timm

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Tag des offenen Denkmals 2019 • Grundriss der markgräflichen Grüfte

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Der neue Schloßkirchenführer

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Neue Limericks • Helmut Oeß

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Vorschau 2020

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»Sehr geehrter Herr Reuchlin«

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Beitrittserklärung

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Altgold-Aktion

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Impressum

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Günter Beck

„...beherbergt die Schloßkirche in Pforzheim heute weltweit das einzige erhaltene Zigeuner-Grabmal...“ so zitiert Gerhard Brändle aus einem Artikel von Gerda Pfrom­merer im Pforzheimer Kurier 19.07.1980 in seinem 27-seitigen Beitrag „Jo­hann Freigraf aus Kleinägypten“ (in Band I „Ängste und Auswe­ge“, herausgegeben von der Löblichen Singergesell­schaft von 1501 Pforzheim zu ihrem 500-jährigen Bestehen 2001). Er hat umfänglich zu diesem „Grab eines Zigeunergrafen...“ re­ cherchiert und kommentiert, besonders auch in Hinsicht auf in der Vergangenheit und heute verfolgte bzw. diskriminierte Gruppen wie z.B. Emigranten. Ich möchte aus seinen verdienstvollen Recherchen und weiterer Literatur eini­ges zusammenfassen oder erweitern und eigene Erkenntnisse hinzufügen. Die Grabplatte aus rotem Sandstein (genau 100 x 200 cm) be­f indet sich auch nach den Zerstörungen am 23. Februar 1945 und dem Wiederaufbau der Schloßkirche an der südöstlichen Wand des nördlichen Diagonalchors, wo sie wohl seit der Renovierung der Schloßkirche 1887 angebracht ist. Nach Pflüger (1862) war sie zuvor „an dem Pfeiler der

bei der Sakristei das Mittelschiff von der vorderen linken Seitenkapelle scheidet... aufgestellt.“ Oskar Loos, der die Steinmetz- und Bildhauerarbeiten beim Wiederaufbau weitgehend ausgeführt hat, versicherte, dass die Grabplatte beim Luftangriff keinen Schaden genommen hatte (Bühler). Ursprünglich war sie „im Mittelgang... nahe der Kanzel“ im Boden eingelassen und dort fast vier Jahrhunderte den Schuhen der darüber gehenden Besucher ausgesetzt. Dadurch wurde sie etwas abgeschliffen, ist jedoch „gut erhalten“ (Seeliger-Zeiss).

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Zigeuner-Grabmal

1498: MCDXCVIII oder 1448: MCDXLVIII ? Die Umschrift der Grabplatte ist in gotischen Minuskeln (Kleinbuchstaben) und mit zwei Majuskeln (Großbuchstaben) für Anno und M = Tausend ausgeführt. Sie lautet von oben beginnend im Uhrzeigersinn: „Anno dni

Mcccc xc viii uf mentag nach · urbani · starb · der wolgeborn · her johan · frigraf · uß klein · egipten · dem . got gnad · des sel got barmhercig sy.“ (Im Jahr des Herrn 1498 auf Montag nach Urban starb der Wohlgeborene Herr Joann Freigraf aus Klein-Egipten, dem Gott gnade, dessen Seele Gott barmherzig sei). Die Lesung des Sterbejahrs 1498 war in der Vergangenheit umstritten, aber für die Darstellung des Themas ­von großer Bedeutung:

Nördlicher Diagonalchor: Der „Zigeunergrabstein“ zwischen den Epitaphien des Kanzlers Achtsynit und dessen erster Gattin.

Urbanstag ist der 25. Mai. Der Urbanstag 1498 war ein Freitag, Johann starb also am Montag 28. Mai. Das Todesjahr wird bei den Beschreibungen des Epitaphs des Johann Freigraf von Klein-Ägypten unterschiedlich angegeben:

Bei flach seitlicher Beleuchtung sind bisher Wappen und Umschrift ganz gut zu sehen. Aber als „kulturgeschichtliche Rarität“ (Pfrommer) hat das Zigeuner-Grabmal eine eigene plastische Beleuchtung verdient, die im Herbst 2019 unter maßgeblicher finanzieller Beteiligung der Freunde der Schloßkirche e.V. installiert wird. Links neben der Grabplatte ist in schrägem Winkel und einigem Abstand das prächti­ge Renaissance- Epitaph des badischen Kanzlers Martin Amelius Achtsynit (1526 – 1592) und rechts, direkt angefügt am Zigeuner-Grabmal, die Grabplatte der ersten der beiden Gemahlinnen von Achtsynit, die der Elisabeth von Yestetten.

Da das L in einem Wort der Umschrift mit Oberlänge geschrieben ist, muss die Lesung als C richtig sein. XL = 50 minus 10 = 40, XC = 100 minus 10 = 90 = 1498

Nur wenn das lateinische C als L gelesen wird, ergäbe MCCCC XL VIII das Jahr 1448

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Günter Beck

Jahr der Beschreibung :

Lesung des Todesjahres:

1595

Crusius: „Annales suevicicis“ 1498 Er war Schüler der Pforzheimer Lateinschule und könnte das Epitaph selbst gesehen haben

1737

Bürcklin: Diözesanbeschreibung mit Zeichnung und Farbangaben

1444

1747

Deimling in Herbster: „Kollektaneen“

1445

Das Todesjahr wird in den ausgewerteten Unterlagen elf mal 1444-1488 gelesen und sechs mal 1498.

1792/1811 Gehres: „Pforzheims kleine Stadtchronik“ 1445 Er kritisiert Crusius, denn er (Gehres) hätte es doch mit eigenen Augen gesehen 1858/1862 Pflüger: „Geschichte der Stadt...“ 1939

1498

Emil Lacroix: „Kunstdenkmäler Badens- 1448 Stadt Pforzheim“

1948/1962 Oskar Trost: BNN & „Die Schloßkirche...“ 1448 1950

E. Sch. (Esther Schmalacker?) PF Kurier 1498

1956

Künzig/Ehmann: „Pforzheim – Ein Heimatbuch“

1448

1980

Gerda Pfrommer, Pforzheimer Kurier

1448

1985

Irmentraud Bühler: „blickpunkt pforzheim“

1996 2001

Curiosa Epitaphium 1737 im Generallandesarchiv Karlsruhe

1445/1448

Das Dokument von 1737 mit Beschreibung von drei Zigeuner-Epitaphien

Gerhard Brändle: „Zeitensprung“ „Ängste u. Auswege“ Bd.1

1448

2002

Christoph Timm: „Kunst-und Kulturdenkmale in Pforzheim und Enzkreis“

1448

2003

Seeliger-Zeiss: „Inschriften der Stadt Pforzheim“

1498

Im Generallandesarchiv Karlsruhe konnte ich vor Jahren eine alte und brüchige Akte aus zwei Blättern fotografieren. Auf dem ersten Blatt werden drei Zigeuner-Epitaphien beschrie­ben. Es hat die Überschrift: „Annalibus Svevicis“ (etwa: „Chronologische Aufzeichnungen aus Schwaben) und den später von anderer Hand hinzugefügten Vermerk „Curiosa Epitaphium – Zu Pforzheim

2004

Christoph Timm: „Kulturdenkmale der Stadt Pforzheim“

1498

2013

K.M .Bogdal: „Europa erfindet die Zigeuner“ 1448

2015

Michael Stanzer, (Uni Budapest), 1498 „Die Roma und Sinti in Zentral- u. Osteuropa...“

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in der Schloßkirch begrabenen Grafen Petri von Klein Egypten“. Der Schreiber des Zusatzes verwechselte den Johann mit dem Petrus des zweiten Epitaphs. Zunächst werden die beiden älteren Grabplatten teils in Latein beschrieben. Die dritte Beschreibung ist die Wiedergabe der Umschrift an der Grabplatte unseres Johann in deutsch. Sie ist auf dem Dokument nicht genau abgeschrieben, sondern in der Sprache der Zeit formuliert:

„p.510 Pforze 1498. auf montag nach Urbani, starb der


Zigeuner-Grabmal

Wohlgeborn Herr Johann, Frey Graf aus Klein Aegypten: deß Seel Gott gnädig wöll Seyn“.

So weit ich die Beschreibung unterhalb der Zeichnung entziffern kann, auch mit Hilfe eines Besuchers des Museum Johannes Reuchlin – Herrn Brünlisauer aus Basel, dem ehemaligen Leiter eines Chors für mittelalterliche Musik, der mir seine Lesung geschickt hat, lautet sie: „In

der Schloß Kirch Pforzheim: Die person ist im gesicht braun roth, die kappe schwartz beltz, der Feder busch weiß, in einer gültenen... steckent, der rechte arm, mit dem halben leib ist in feinem weißen hempt, und rothen hosen (träger?), daß über kleit, od: über hang, ist nach Zigeuner art übern Leib habenten schwarzen teppich in dieser hand ein schwert als einen stab haltend, der griff halb schwarz u. golt. – N0ta bene: in dem Bröt­zinger Epitaphium hat die person statt des Schwerts einen nackent neben sich führenden knaben an der hand. – Die füß seind roth belleist, die schuh schwarz und offen, in der lincken handt eine fahne roth, blau, und ein gültenr stern im halben mondt. Der schilt. die 4 Felder. blau u: roth, die figuren darin alles von golt, der helm silbern und schwartz auß chattirt, der helm baust blau u: golt, wie auch die…..?.., auf dem helm eine gültene Cron in der selben der halbe mont, die sichel (?) über sich, in dem selben ein vollkomener großer gültner Stern mit 6 zinkhen.“ Die Unterschrift wird nach Seeliger-Zeiss „f (ecit ?) Herbst(er)“ gele­sen.

Zeichnung und Beschreibung der Tafel an der Kanzel der Schloßkirche auf dem zweiten Blatt

Die Gedenktafel an der Kanzel Philipp Ludwig Weygold hat 1747 die fürstlichen Grabdenkmäler in der Schloßkirche abgezeichnet. Sie sind in drei Heften im Generallandesarchiv enthalten. Bei der farbigen Wiedergabe der Wappentafel in der Schloßkirche vermerkte er: „Dißes Wappen hängt mitten der

Canzel“ Der frühere stellvertretende Leiter des Stadtarchivs Stefan Pätzold schreibt in seinem Buch über den Pforzheimer Hauptfriedhof: Als „...eine von mehreren Möglich-

keiten Totengedächtnis und Prestige-Demonstration miteinander zu verbinden... ging man auch dazu über, an den Wänden oberhalb der Grabstellen Totenschilde anzubringen... die den Toten bei den Begräbnissen nachgetragen worden waren.“

Simulation der Lage der Grabplatte nahe der Kanzel und der Tafel über der Kanzel der Schloßkirche

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Günter Beck

Nach der Abzeichnung und Beschreibung der Tafel an der Kanzel der Schloßkirche im Dokument des Generallandesarchivs war das Wappenschild ge­genüber dem Grabstein horizontal gespiegelt, was insofern heraldisch richtig ist, als Wappenschilder vom Träger des Schildes her beschrieben werden und nicht aus der Sicht des Betrachters. Helm und Helmzier sind dagegen nicht seitenverkehrt wiedergegeben.

jetzt wieder in deutscher Sprache, wird vermutet: „Es

wird ein Zigeuner gewest seyn.“ Die Beschreibung des zweiten Epithaphs lautet: „p.401. Epithaphum majusculis Literis circa insigma / zu Bautma bey Brailnang (?).“ – „Anno Domini MCCCCLIII obijt nobilis Comes Petrus de minori Clypeo in die Philippi et Jacobi apostolorum. In Clypeo brachium stella circulo circumdata. Intra Clypeum canis auritus zecubans. Supra Clypeum galea clausa cui insistit gallus galinaceus coronatao Supra coronam tres plumie. Suspicabar cum viderem annon freisset Zygenis, de quibus antebae scriptum est.“ Der unverbindliche Übersetzungsversuch, auch mit Hilfe von Dr. Gerhard Heinzmann, ergibt: „Epitaph

Links Abbildung von Weygold und rechts von Gehres

Bei diesen zwei Abbildungen der Tafel entspricht das Wappen demjenigen auf dem Dokument von 1737. Die eine ist ­– ganzseitig auf getöntem Papier – der schon erwähnten Beschreibung bei Gehres als einzige Abbildung seiner Stadtgeschichte von 1811 beigegeben. Die andere stammt aus Weygolds „Epitaphia“ von 1747. Jedoch steht bei Gehres der Freigraf links oben neben dem Helm und bei Weygold links unter dem Wappen.

Die Beschreibungen der beiden anderen Zigeuner-Epitaphien im Dokument von 1737 Das erste Epitaph wird beschrieben: „p.384 Steinbachi in Coenobiolo (C kann auch L sein) sub Eichelstado ad Myblingan (Lesung unsicher) Secus arcem Furstenoiam ad Comites Erpachensis pertinentem. Epitaphium.“ Es folgt in deutsch: „Als man zaehlt nach Christus unseres Seligmachers Geburts 1448 (oder 1843) auf St. Sebastians Abend ist gestorben der Hochgeborn Herr, Herr Panuel, Herzog in Klain AEgypten und Herr zum Hirschhorn (?) desselben Lands.“ Dann weiter in Latein: „Cums insignia in Campo, dimidiata (oder dinudiata) aqvila com corona in Capite: super galea corona in qua clyvinum (?) cornu erecturm“ Es ist hier die Rede von einer Adlermütze, einer Krone auf dem Kopf und einem Helm mit Flügel, soweit les- und übersetzbar. Im letzten Satz, 16

mit umlaufenden Majuskeln zu Bautma bey Brailnang (Backnang ?). – Im Jahre des Herrn 1453 verstarb der vornehme Graf Petrus des kleinen Schildes (clipeus = Rundschild) am Tag des Philippus und Jacobus, der Apostel. Im Arm ein Schild darunter ein Stern vom Kreis umgeben. (In der Hand ein türkisches Schwert?). Zwi­schen (dem?) Schild ein ruhender langohriger Hund. Oberhalb des Schildes ein geschlossener Helm mit einer Krone. Über der Krone drei Fe­dern. (Andere Lesung bei Brändle: „..halbierter Adler mit Krone... in ihr ein aufsteigendes Hirschgeweih.) „Ich vermutete, als ich sah ob er nicht ein Zigeuner gewe­sen sei, über welche vorher geschrieben worden ist.“ Es ist also von drei Zigeuner-Grabsteinen und zwei Gedenktafeln die Rede: Panuel im Kloster Steinbach 1445 oder 1443 Petrus in Bautma (r) / Backnang (?) 1453 Johann in Pforzheim 1498 (Stein und Tafel) Antoni in Brötzingen 1552 (Tafel) Nach bisherigem Kenntnisstand sind es wohl die einzigen bekannten historischen Grabdenkmäler von Zigeunern in Kirchen, und der Grabstein in der Schloßkirche dürfte der weltweit einzige erhaltene sein.

Zu den Standorten der Epitaphien: Steinbachi in Coenobilio (Zelle in Steinbach)... sub Eichelstado...Comites Erpachensis (Erbach): Steinbach ist heute ein Stadtteil von Michelstadt im Odenwald. Das Schloss Fürstenau wurde im 14. Jahrhundert zum Schutz der Umgebung und des Klosters Steinbach erbaut, das


Zigeuner-Grabmal

1535 aufgehoben wurde. Es war bei der Einhardsbasilika im heutigen Michelstadt. Die bedeutende, gut erhaltene Basilika stammt aus karolingischer Zeit. Die Kreisstadt Erbach grenzt unmittelbar südlich an Michelstadt an.

Ausschnit der Karte von 1640 „Erpach Comitatus“ der Grafschaft Erbach

Bautmar (?) bei Bracknang (Backnang ?): Epitaph für Graf Petrus von Klein Ägypten, gestorben 1453. Den „Grafen Peter, der 1453 in Batma bei Backnang gestorben ist“, erwähnt Suchy in seiner „Rassengeschichte der Menschheit“: „Der Herzog Panuel wurde im Kloster

Überschrift.“ Das entspricht in etwa auch der genannten Notiz in der Beschreibung der Tafel an der Kanzel der Schloßkirche, nur ist es dort ein „nackender Knabe“. In einer Liste von Straßennamen war in Brötzingen 1773 ein „Heydengässle“, um 1880 ist es die „Zigeunergasse“, dann Lindenstraße (Erstnennung 1904), die bei der Eingemeindung 1906 in Bürgerstraße umbenannt wurde. Schon 1550 wird ein „Zigeunergässle“ in Pforzheim erwähnt. Es ist seit 1858 die Lindenstraße. 1878 gibt es dort noch das Gewann „Am Zigeunergässle“. Noch einige andere Erwähnungen in unserer Gegend: Zwischen Niefern und Öschelbronn gab es ein „Zigeunerwegle“, in Maulbronn und in Zaisersweiher eine „Zigeunereiche“ und das „Zigeunerwäldle“ in Mühlacker. In Stuttgart wurde seit dem Mittelalter im Westen vor der Stadtmauer ein Gebiet den durchziehenden „Zigeunern“ als Lagerplatz angewiesen. In Erinnerung daran wurden deshalb die ehemaligen Spitalwiesen und -äcker noch „Zigeunerinsel“ genannt, als sie längst bebaut waren. Die Karnevals-„Gesellschaft Zigeunerinsel Stuttgart“ ging 1910 aus einer dortigen Stadtteil-Bürgerinitiative hervor.

Steinbach im Jahr 1445 begraben. Sein wahrscheinlicher Nachfolger starb in Bautma bei Bracknang im Jahr 1453.“ Der Leiter des Stadtarchivs Backnang und Mitarbeiter konnten zur Aufklärung nichts ermitteln. Pforzheim: Epitaph und Totenschild für Freigraf Johannes aus Klein Ägypten, gestorben 1498. Brötzingen: Totenschild für Antoni Frei-Graff aus KleinEgipten, gestorben 1552. In der Beschreibung des Totenschildes in der Schloßkirche wird ­– wie schon erwähnt – ein Schild in Brötzingen genannt, aber kein Name und Todesdatum. Aber bei Crusius wird 1595 und bei Pflüger 1862 eine Grabtafel genannt, auf Holz gemalt, mit Wappen und Umschrift: „Anno domini 1552 den

28 April starb der Wohlgeborne Herr Antoni Frei-Graff aus Klein-Egipten des Seel Gott gnädig und barmherzig seye.“ Bürcklin erwähnt 1737 in seiner Diözesanbeschreibung die Brötzinger Tafel „An der Wand gegen der große Kirchenthür.“ Sie zeigte „die Figur eines Mannes mit einem Kind an der Hand, dabei ein Wappen und eine

Im Plan oben: Zigeunergässle und Oberes Schloßtor (nach Julius Naeher)

„Zigeuner“ in Pforzheim Als nach Erscheinen der ersten Zigeunergruppen weitere nachkamen, wurden sie in Deutschland zu­meist nicht in die Städte eingelassen, sondern mussten vor der Stadtmauer lagern. Betreffend des Johann in der Schloßkirche berichtet Oskar Trost von der Überlieferung: „Angeblich soll im Jahre 1448 (statt 1498) Pforzheim seine 17


Günter Beck

Tore einer großen Zigeunerbande verschlossen haben... Nur der kranke Zigeunerführer sei eingelassen worden und hier gestorben.“ Interessant wäre es, ob seine „Bande“ den Stein mit der aufwändigen Steinmetzarbeit im Voraus bezahlt hat und dann weiterzog, oder ob sie bis zur Fertigstellung und dem Begräbnis in der Schloßkirche gewartet hat. Wie lange hätte wohl die Steinmetzarbeit damals gedauert und was hat sie wohl gekostet? Ein befragter Steinmetz schätzt die Arbeitszeit mit damaligen Werkzeugen auf zwei Monate. Wahrscheinlich wurde – außer für die Steinmetzarbeit – auch für die Grablege in der Schloßkirche ein ordentlicher Betrag fällig. Die „Zigeuner“ lagerten wohl im Bereich des Zigeunergässles und brachten ihren toten Anführer, der vielleicht schon vorher in ein Pforzheimer Spital aufgenommen worden war, durch das Obere Schloßtor zur Schloßkirche. Vielleicht war das Edikt gegen die „Zigeuner“, das sie 1497 für vogelfrei erklärt hatte, im Mai noch nicht nach Pforzheim gedrungen, oder man ignorierte es (gegen Bezahlung?). Pforzheim war um 1498 (drei Jahre vor der großen Pest 1501) die größte und wohlhabendste Stadt im Herrschaftsbereich von Markgraf Christoph, der auf Burg Hohenbaden bei Baden-Baden residierte. Im Todesjahr des Freigrafen Johann wurde 1498 eine Schultheißenordnung erlassen. Der Vorgesetzte des Schultheißen und Verbindungsmann zum Markgrafen war der Vogt. Jedoch ist zwischen 1487 und 1502 keiner in Pforzheim nachweisbar, sodass die Verantwortung beim Schultheiß lag, der „ohne Zuthun der Gemeinde vom Fürsten ernannt wurde“. Er war Träger der eigentlichen Verwaltung, deren Maßgaben vom Stadtrat, seinem Bürgermeister und dem Schöffengericht durchzusetzen waren. Der Schultheiß hatte alle Schlüssel zu den Stadttoren und er gewährte Fremden Durchzug und Zuzug. Es galten Markgraf Christophs Freiung und Polizeiordnung von 1491, die auf Pforzheim zugeschnitten waren und das Ziel des Aufschwungs der Stadt hatten, durch Aufhebung der Leibeigenschaft, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, Marktfrieden, Lockerung der Bindungen an die Zünfte, Abschaffung von Grund- und Vermögenssteuern zugunsten der Einführung indirekter Steuern (nach Jolande Goldberg / Rummer 1980).

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Um unseren Zigeuner-Grabstein ranken sich weitere tradierte aber unbelegte Geschichten (z.B. bei Künzig/ Ehmann), die aber meist das Jahr 1448 zugrunde legen, und das ist der springende Punkt. Die Situation der „Zigeuner“ war um 1498 eine ganz andere. Deshalb noch über Baden und Pforzheim hinausreichend einige Aspekte zur Zeit um 1498, an der Schwelle zur Neuzeit, je nachdem wie diese Epoche definiert wird. In Fortsetzung des Wormser Reichstags von 1495 finden 1496/97 in Lindau und 1497/98 in Freiburg Reichstage statt, auf denen die „Zigeuner“ im ganzen Reich für vogelfrei erklärt werden, als angebliche Verräter der Christenheit, Bundesgenossen und Spione der moslemischen Türken, als Zauberer und Überträger der Pest. Reuchlin kehrt am 30. März 1498 von seinem zweijährigen Exil aus Heidelberg nach Stuttgart zurück. Er war vor Herzog Eberhard II. geflüchtet. Im März 1498 befreite sich Württemberg von Eberhards Misswirtschaft. Maximilian I. nahm ihm am 28. Mai das Land Württemberg ab. Am 23. Mai 1498 wird in Florenz der Mönch Savonarola mit zwei Mitbrüdern erst gehängt, dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Reuchlin, ist zu dieser Zeit auf dem Weg nach Rom auch in Florenz. Im Alter äußert er für diese Hinrichtung eines Häretikers Verständnis. Im Sommer hält er in Rom vor Papst Alexander VI. seine Verteidigungsrede für Kurfürst Philipp von der Pfalz. Der Portugiese Vasco da Gama findet mit drei Schiffen den Seeweg nach Indien und erreicht am 20. Mai 1498 die Malibarküste. Fünf Jahre zuvor, 1493, war die Welt von Papst Alexander VI. in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufgeteilt worden. Der Vertrag von 1494 begründete den päpstlichen Anspruch auf Weltherrschaft und die Grundlage für den Aneignung entdeckter Territorien durch Spanien und Portugal.

Wappen, Hirsche, Stern und Mondsichel Kehren wir nochmal zurück zum Wappen des Freigrafen Johann. Sein Wappenschild wird bekrönt von einer mächtigen Helmzier mit stilisierten Federn und einem Stern mit sechs Strahlen der etwa zu Drei­vierteln von einem liegenden Halbmond umschlossen ist. Diese Kombination wiederholt sich im viergeteilten Wappen, wo sie diagonal gegenüberliegend angeordnet ist. Die bei-


Zigeuner-Grabmal

den anderen Wappenfelder zeigen je einen springenden Hirsch. Stern und Mondsichel sind ein Symbol, das in verschiedenen historischen Kontexten verwendet wird, aber heute als Sinnbild des ehemaligen Osmanischen Reiches und der islamischen Welt bekannt ist. Es entwickelte sich in der Ikonographie der hellenistischen Periode (4.-1. Jahrhundert v. Chr.). Mit seiner Einführung als Flagge und Emblem des Osmanischen Reiches und später der Türkei des 19. Jahrhunderts und anderer muslimisch geprägter Staaten, ist es sozusagen ihr Logo. Es ist immer eine nach rechts gerichtete Mondsichel und darin ein sechsstrahliger Stern. In den „Zigeuner“-Epitaphien handelt es sich aber um ein Mondschiffchen mit nach oben gerichteten Spitzen, die manchmal auch als Hörner („Hirschhörner“) gesehen werden und den aufsteigenden Mond symbolisieren. Die Kombination wie auf den „Zigeuner“-Epitaphien findet sich in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Heraldik äußerst selten. Eine Verbindung des Mondsymbols zu den Drei Königen kommt in der Ikonographie nicht vor, immer nur der Stern. Crusius interpretiert den Mond auf dem Helm des Panuel von Klein Egypten als Hirschhorn und schreibt „Herr zum Hirschhorn deselbigen Landes in Erbach“ und als „Krone worinnen ein Hirschorn auf-

gerichtet ist“ . In der Weltchronik „Cosmographia“ von Sebastian Münster (Basel 1544), der in Pforzheim Vorsteher des Franziskanerklosters (= Barfüßerkloster) gewesen war, ist im Abschnitt „Von den Zigeunern oder Heyden“ die Abbildung einer Zigeunerfamilie mit teppichartigen Umhängen und turbanähnlichen Kopfbedeckungen. Münster lässt sich im Text negativ über diese Menschen aus. Es wirkt sich hier wohl das 1510 erstmals in Pforzheim bei Thomas Anshelm gedruckte „Liber vagatorum“ (etwa: „Buch der Umherziehenden“) aus, einem Compendium der Bettlertypen und ihrer Rotwelsch-Sprache. Als Verfasser gilt Matthias Hütlin, der 1500-1524 in Pforzheim Spitalmeister war. Die darin enthaltenen Schilderungen von Vaganten (Landstreichern) wurden im 16. Jahrhundert auf die „Zigeuner“ übertragen, die ja nicht ansässig werden durften und denen sich „Vagabunden“ und Kriminelle oft anschlossen.

Sebastian Münster, Cosmographia: Kapitel „Von den Zigeunern oder Heyden“

Warum „Ägypten“? Es ist seltsam, dass sich „Zigeuner“ als aus „Klein-Egypten“ Geflohene bezeichneten. Sie erzählten dazu zwei Variationen: Sie seien aus Klein Ägypten vertrieben worden, weil Sie vom christlichen Glauben abgefallen wären und deshalb zur Buße sieben Jahr durch die Welt pilgern müssten, bis sie wieder zurückkehren könnten. Der seltener vorgebrachte Grund der Vertreibung war, dass sie der Heiligen Familie bei deren Flucht nach Ägypten nicht geholfen hätten. Klein Agypten ist am ehesten im heutigen Syrien zu verorten. Zwischen diesem Land und Ägypten liegt Israel. Vom griechische „Aiguptos“ werden „gypsy“ (englisch), „gitano“ (spanisch), „gitan“ (französisch) hergeleitet. Gerhard Brändle hat in seinem eingangs erwähnten Artikel intensiv nach entsprechenden Ortsbezeich­nungen zu „Ägypten“ recherchiert und fand damals nur den Wohnplatz „Egypten“ beim Dorf Dötlingen (12 Einwohner) und die Häuser­gruppe „Egypten“ der Gemeinde Oyten (22 Einwohner), beides Orte in Niedersachsen. Bei weiterer Suche stieß ich noch auf die Straße „Ägypten“ in Bergkamen (Ruhrgebiet). Aber bei meiner Aufsicht im Muse­um Johannes Reuchlin traf ich in der Schloßkirche Herrn Studiendirektor a.D. Paul Habermehl aus Neu19


Günter Beck

stadt/ Weinstraße, der wegen des Zigeuner-Grabmals gekommen war. Er hat mehrere Bücher und Artikel zur Geschichte von Neustadt und dieser Region verfasst, beson­ders auch zur ehemaligen Vorstadt „Aegypten“ in Neustadt, die vor 1464 ent­standen sein muss. Es war die Vorstadt der Zigeuner außerhalb der Stadtmauer. Ein schmaler Gang zwischen Häusern, der „Ägyptenpfad“, ist dort noch vorhanden.

durch arabische Eroberer verdrängte, vertriebene, aus­ gewanderte Menschengruppen wandten sich in mehreren Wellen nach Westen über die Türkei, Böhmen, den Balkan nach Mittel- und Westeuropa. 1422 werden sie erstmals in Baden erwähnt. 1418 sind sie in Frankfurt und München nachweisbar. In der betreffenden Münchner Stadtrech­nung heißt es: „...Brot, Wein, Geld dem

Die aus Vorderindien (Nord-West-Indien / Punjab, heute hauptsächlich Pakistan) im 9. und 10. Jahrhundert

(z.B. „Cype“), erklärt sich sehr wahrscheinlich so: Die Festungsstadt Medon (heute Methoni) im damaligen Morea, dem westlichen Finger der griechi­schen Halbinsel Peloponnes, war bei den von Venedig logistisch organi­sierten Reisen ins „Heilige Land“ eine wichtige Zwischenstation vor der Wei­terfahrt über's Mittelmeer. Mehrere Kreuzfahrer beschreiben in Medon eine von „Zigeunern“ bewohnte Siedlung aus Hütten, außerhalb der Stadt am Berg Gype. Man liest im Reisebericht des Arnold von Harff 1497: „...ihre Eltern waren in der

Auschnitt Stadtplan von 1739 Neustadt a.d.W. mit Vorstadt „AEgypten“. Unten: Der Ägyptenpfad zur ehemaligen Vorstadt

armen Volk den Zigeunern und ihrem Herzog aus Klein Ägypten...“ gereicht. Ägypten, in vielerlei Schreibungen

Gegend von Gype, die Tsingania genannt wird... geboren...“, oder in der Beschreibung der Pilgerfahrt nach Jerusalem von Bernhard von Breydenbach 1483: „...dass es in Deutschland Menschen gab, die sich Sarazenen nannten und behaupteten aus Ägypten zu sein. Sie kamen aber in Wahrheit aus Gype unweit von Medon.“

Vor den Mauern von Modon die Siedlung „Gype“

Man erklärte es sich also: Wenn die „Zigeuner“ angäben, aus „Ägypten“ zu kommen, es sich dabei in Wirklichkeit um „Gype“ handeln würde. Vielleicht hatten diese anfänglich aber auch erklärt, dass sie aus „Gype“ kämen, die Zeitgenossen dies auf Ägypten bezogen und von ihnen übernommen wurde. Offen bleibt, ob sie nicht ihrer Ansiedlung auf Morea bereits den Namen ihrer angeblichen Herkunft (Klein-)„Agypten“ gegeben hatten und daraus „Gype“ wurde. 20


Zigeuner-Grabmal

Vor den Mauern von Modon die Siedlung „Gype“ Auch in der handgeschriebenen und -gemalten Beschreibung der Reise von Konstanz nach Jerusalem des Patriziers Konrad Grünemberg in der Badischen Landesbibliothek heißt es: „Morea ist gar ain Edle Insel / dazu

meist abgewiesen, sie blieben heimatlos. Grunderwerb und die meisten Berufe waren ihnen in den Edikten verboten worden. Ihre Erwerbe waren als Kesselmacher (Kalderasch), Schmiede, Holzschnitzer, Messer- und Scherenschleifer, Korbflechter, Seilmacher, Musikanten, Wahrsager/innen, Gaukler, Feuerschlucker, Ar­tisten, Bärenführer (Türkei) usw.

habend al Ziginer oder Haiden in Außen landen gehaußen syn versprengt un alda dahaim.“

Freigraf, Wojwode, Herzog, König...

Modon im Bericht der Pilgerfahrt von Grünemberg

Sicher beobachteten die „Zigeuner“, dass es üblich war, Pilger mit Geld, Nahrung und Unter­kunft zu unterstützen. Beim Weiterzug ihrer An­gehörigen nach Zentraleuropa, z.B. über Ungarn, Böhmen (Bohèmiens) haben sie sich deshalb als Pilger aus Agypten erklärt. Zu ihrer dunklen Hautfarbe passte diese Herkunft. Im „Heiligen Römischen Reich“ wurden sie deshalb anfänglich unterstützt und mit Geleitbriefen (Pässen) versehen, z.B. mit einem Schutzbrief Kaiser Sigismunds (1423) oder dem Geleitbrief des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz (1472) für den „edel Bartholomäus, grave zu clein-egypten

genant...und sin geselschaft.....daß sie us christlicher, bebstlicher gehorsame um buß und besuchung willen heiliger stadt mit dem almusen in christlichen landen ziehen mussten...“. 9 Monate später wurde der Schutz in der Pfalz wieder aufgehoben Es folgt eine lange Liste von Ausweisungen und Verfolgungen, die Gewalt gegen sie zuließen. Allein zwischen 1497-1577 werden 146 solcher Edikte gezählt (Städte, Fürstentümer, Reich). Trotz­ dem wurden auch weiterhin Duldungsbriefe (meist gegen Bezah­lung) ausgestellt und oft waren „Zigeuner“ auch als Handwerker, für Dienstleistungen und Söldnerheere gefragt. Anträge auf Heimatrecht wurden

Zur Hebung des Ansehens führten Anführer der Zigeuner Adelstitel. Es ist nicht zu ermitteln, warum unser Johann in der Schloßkirche sich den ungewöhnlichen Titel „Freigraf“ angeeignet hatte. Vielleicht, weil er am wenigsten nachprüfbar war. Im frühen Mittelalter gab es in sogenannten Freigrafschaften Frei- oder Femegerichte neben den obrigheitlichen Formen der Rechtsprechung. Diese Institutionen mit einem Freigrafen als Vorsitzenden bestan­den teils bis ins 19. Jahrhundert weiter, besonders in Westfalen. Vor einem solchen geheimen Femegericht konnte jeder klagen bzw. dort verurteilt, z.B. auch geächtet werden. Meist ging es um Grenzfragen oder privaten Ausgleich, bei dem sich die Prozesspartner auf eine Sühne des Schuldigen, z.B. durch Setzen eines Sühnekreuzes und/oder materieller Entschädigung einigten. Es ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass unser Johann ein sol­cher Freigraf gewesen sein könnte. Die Übereinstimmung mit den anderen „Zigeunergrafen“, sein Wap­pen, seine beschriebene braune Hautfarbe, seine Kleidung mit einer Art Turban – das alles spricht dagegen.

Roma und Sinti Sie sind die größte ethnische Minderheit in Europa. Die Vielfalt der Bezeichnungen mit denen ihre Angehörigen benannt wurden oder sich selbst bezeichneten, macht den Überblick, besonders für uns Außenstehende schwierig. Das liegt auch an ihrem Selbstverständnis, inner­halb der Sippen ihre Traditionen weiterzugeben, aber Festschrei­bungen zu vermeiden. Als Sinti werden die Volksgruppen bezeichnet, die seit Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutschland und die Nachbarländer eingewandert sind. Nach einem wikipedia-Eintrag hätten 2/3 der Wörter der Sinti indischen Ursprung, die übrigen überwiegend persi­schen, armenischen, griechischen. Der Name wird teils erklärt als Sprachrest aus Sindh überwiegend persi­schen, armenischen, griechischen. Der Name wird teils erklärt als Sprachrest aus Sindh 21


Günter Beck

(Region in Nordindien) oder aus Sindhu (Sanskrit für den Strom Indus). In der „Sulzer Zigeunerliste“ (1793) werden sie „Sende“ genannt. Tabus mit denen Dinge und Tätigkeiten belegt werden, be­ stehen abgeschwächt noch heute. Die Berührung mit Nicht-„Zigeunern“ sollte möglichst vermieden werden. Hier mag noch eine Spur zu den Unberührbaren Indiens vorliegen. Als Roma werden die in ost- und südosteuropäischen Ländern lebenden Volksgruppen bezeichnet und als „deutsche Roma“ diejenigen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von dort hierher gekommen sind. Die Bezeichnung „Zigeuner“ leitet sich wohl von „Athingani“ ab (slowakisch cigán, italienisch Zingaro), denn eine der Thesen über ihre Herkunft wird mit dem griechischen Wort „Athinganoi“ („Unberührbare“) in Verbindung gebracht. Die Theorie geht auch dahin, dass Sinti auf ihren Wanderungen mit den Atsigani oder Athinganoi, einer gnostischen Sekte auf dem Gebiet West-Anatoliens lebten, einer Landschaft der heutigen Türkei. Diese Gemeinschaft agierte im 8. und 9. Jahrhundert und zeichnete sich durch zahlreiche Gebote und Verbote aus, die körperliche Reinheit und Unreinheit betrafen. Andere behaupten daneben, dass die unterste Kaste, denen die Sinti in Indien angehört haben sollen, ihnen den Status der „Niedersten“, also der „Unberührbaren“ zusprach, und dieser im Byzantinischen Reich weiter zum Tragen kam. Athingani bezog sich dann auch auf be­stimmte Berufe und wird manchmal mit Musikern gleichgesetzt. Manche deutsche Zigeuner lehnen die Bezeichnung Roma oder Sinti ab. Zigeuner sei nicht negativ belegt. Das z. Zt. vorhandene Tabu des Wortes „Zigeuner“ mag auch damit zu tun haben, dass ab dem 18. Jahrhundert die Behauptung aufkam, das Wort leite sich von „ziehende Gauner“ her.

hängigkeit bis zur Un­berührbarkeit, darin gesehen, dass sie mit umherziehenden Kriminellen ohne „Zigeuner“Herkunft (Räubern, Vaganten...) gleichgesetzt wurden, die sich oft unter fahrende „Zigeuner“-Gruppen mischten und sie ausnützten. Auch heute werden Zugewanderte (Bürgerkriegsflüchtlinge, Armutswanderung) nicht selten vom organisierten Verbrechen ausgenutzt (Bettlerringe, Einbruch, Prostitution). Herkunftsländer des heutigen Neuzuzugs von Roma und Sinti sind Rumänien, Kosovo, Bulgarien. Schwerpunkte ihres Aufenthalts sind bei uns das Ruhrgebiet, Bremen, Hamburg.

„Die sind doch katholisch?“ Es bestand ein jahrhundertelanges Bestreben der Kirche, die „Zigeuner“ zum christlichen Glauben zu zwingen. Maria Theresia verordnete, dass man ihnen die 7-14 jährigen Kinder wegnahm, um sie in Hospitälern und Waisenhäusern christlich umzuerziehen. Umgekehrt wurde „Zigeunern“ nachgesagt, dass sie Kinder raubten. In vielen alten Taufbüchern findet sich der Vermerk auf getaufte „Heiden“. Trotz ihrer Christianisierung wurde ihnen auf den Kirchhöfen ein ausgegrenzter Bereich für Begräbnisse zugewiesen. „Heiden“ erscheint oft als Synonym für diese Volksgruppen. Schon in einer Illustration zur Ankunft der „Zigeuner“ in Bern 1414 werden sie so bezeichnet. Ein Grund für die damalige Gleichsetzung mit Nichtchristen ist in ihrer dunklen Haut, ihren turbanartigen oder spitzmützigen Kopfbedeckungen und ihrer Sprache zu suchen, ebenso darin, dass sie ja teils selbst ihre „Pilgerschaft“ damit erklärten, in „Ägypten“ vom Glauben abgefallen zu sein.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Romani erklärte, „Zigeuner – so haben wir Sinti und Roma uns niemals selbst genannt". Da darf man korrigieren. Rose selbst hat den Begriff ohne Bedenken verwendet, zumindest, als er noch nicht Vorsitzender des Zentralrats war. (Aus dem Artikel „Wir sind Zigeuner“ in DIE WELT 21.01.2012.) Ein Grund für ihre Ausgrenzung und zeitweise Verfolgung wird, neben ihrem eigenen Streben nach Unab22

„Von den schwartzen getauften Haiden die miteinander gen Bern kament (1414).“


Zigeuner-Grabmal

Die Wallfahrt in Saint-Maries-de-la-Mer

ben. Jene Elemente, die ihren eigenen Vorstellungen am nächsten kamen, wie Taufe, Hochzeit, Beerdigung und Wallfahrt, wurden den christlichen oder muslimischen Vorstellungen angepasst. Die Mehrheit von bis zu 80 Prozent der Sinti und Roma in Deutschland, der französischen Manusch, der spanischen Calé und in den katholischen Ländern Südeuropas, Nord- und Südamerikas gehört der römisch-katholischen Kirche an. Die Sinti- und Roma-Gruppen aus Griechenland, Rumänien, Jugoslawien und Russland sind vielfach Mitglieder der griechisch- bzw. russisch-orthodoxen Kirche.

Linke Tafel des Altar-Triptychons von Lucas Moser in der St. Magadelenkirche Tiefenbronn

In der berühmten Altartafel des Lucas Moser (1432) in der Tiefenbronner Kirche St. Maria Magdalena wird diese Maria als Büßerin gezeigt. Lucas Moser malte sie, wie sie der Legende nach zusammen mit dem Bischoff Lazarus, mit Martha und dem Hl. Maximus auf einem segellosen Schiff von den Juden auf dem Meer ausgesetzt wurde. Dieses Boot wurde in einem Fischerdorf, dem heutigen Saintes-Maries-de-la-Mer bei Marseille, angetrieben. Bei den Ausgesetzten soll auch ihre Dienerin, die schwarze Sarah, gewesen sein, die dort als Patronin der Sinti und Roma u.a. in einer jährlichen Wallfahrt verehrt wird. Sinti und Roma haben als Zugewanderte auf ihrem langen Weg die Konfession der „Gastländer“ übernommen, ohne jedoch ihre eigenen Traditionen völlig aufzuge-

Evangelische Sinti und Roma gibt es vor allem in Niedersachsen. Der reformierten Kirche nahe stehen die Sinti und Roma aus Ungarn, sowie jene aus dem ungarisch-sprachigen Teil Rumäniens. Überwiegend Muslime sind die Roma aus der Türkei, in Nordafrika, in Bosnien, Bulgarien und anderen Regionen des Balkans. Noch zwei Zitate aus dem vorher angeführten Artikel „Wir sind Zigeuner“ in DIE WELT 21.01.2012: Der in Rumänien geborenen, deutschen Literatur-Nobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, wurde auf einer Reise nach Rumänien von Roma gesagt: „Wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.“ Natascha Winter, die 2012 verstorbene Gründerin der Sinti Allianz Deutschland erklärte: „Eine positive Einstellung zu uns und unseren Kulturen erreichen wir nicht, indem wir leugnen, Zigeuner zu sein und jedem mit Strafverfolgung drohen, der den Begriff Zigeuner wertfrei verwendet. 23


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Blickpunkt Schloßkirche Nr.29 2019-2020 by Mateo Sudar - Issuu