DR. JAZZ | JEAN-ALEXANDER NTIVYIHABWA | CORD LAPPE
Dietrich Schulz-Köhn
DR. JAZZ EINE DEUTSCHE KARRIERE ZWISCHEN SUBVERSION UND ANPASSUNG
KONZEPT Jean-Alexander Ntivyihabwa Cord Lappe
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Logline Das Doku-Drama Dr. Jazz erzählt die aufregende, widersprüchliche und in Teilen geheimnisvolle Geschichte des Dr. Dietrich Schulz-Köhn (1912-1999), der einerseits nationalsozialistischer Parteigänger und vaterlandstreuer Luftwaffenoffizier im besetzten Paris ist, andererseits aber auch als einer der wichtigsten Geburtshelfer der Jazz-Kultur in Deutschland gilt. Das Doku-Drama konzentriert sich in seiner Erzählung auf die Jahre 1930-1950, in denen SchulzKöhn noch als Gymnasiast ein internationales Netzwerk von Jazz-Liebhabern aufbaut, das von London über Paris bis Stockholm reicht und alle ideologischen Antagonismen seiner Zeit zu überbrücken vermag. Zumindest aus der Perspektive Schulz-Köhns. Allen Verboten zum Trotz wird er der
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erfolgreichste Jazz-Produzent der Nazi-Zeit. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, legt Schulz-Köhn seine nationalsozialistische Gesinnung rasch ab und nimmt seine Mission als „Swing-Reformator“ beim Hörfunk des NWDR wieder auf. Als „Dr. Jazz“ macht er im Nachkriegsdeutschland Karriere. In fiktionalen Spielszenen leuchtet der Film die ambivalente Figur des Dietrich Schulz-Köhn näher aus. Der dokumentarische Teil stellt sein Wirken zwischen Subversion und Anpassung in einen kulturhistorischen Kontext und macht mit zeitgenössischen Archivmaterialien und Musikstücken das Lebensgefühl der 30er und 40er Jahre wieder lebendig, in denen der Jazz trotz aller Widerstände Teil der deutschen Alltagskultur wurde.
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Synopsis 1.Bild Reenactment
Das Konzert ist aus. Das Publikum gibt noch Beifall für den Hot Swing American Style. Die Außentür des Pariser Clubs Le Cigale wird von der ausgepowerten schwarzen Band geöffnet. Sie haben alles gegeben, schwitzen. Die ersten beiden stecken sich schon eine Zigarette an, als weitere Menschen hinter der Band aus dem dunklen Flur auf die sonnig heiße Straße treten. Jean Django Reinhardt ist unter ihnen, Henri Battut, ein untergetauchter französischer Jude und
ein 31jähriger Leutnant der deutschen Luftwaffe in Uniform, Dr. Dietrich Schulz-Köhn. Er ruft einen Wehrmachtsgefreiten von der Straße zu sich. „Kommse mal, Herr Obergefreiter.“ Dieser tritt heran, grüßt militärisch und übernimmt die von Schulz-Köhn gereichte Rolleiflex. „Machen Sie mal bitte ein Foto von uns.“ „Jawoll, Herr Leutnant!“ Der junge Soldat fotografiert die von Schulz-Köhn zum Gruppenbild antretenden Männer. Klack. Das Bild gefriert zum monochromen Foto.
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Synopsis
Doku / IT / Archiv > „Exposition Thema / Protagonisten“
Aus dem Reenactment der Entstehung des Fotos blenden wir über in das Original. Es ist Sommer 1943. Die Stimmung der Männer wird schnell ernst. Es ist Krieg. Paris ist von der deutschen Wehrmacht besetzt. Der mit seiner runden Brille etwas an den jungen Brecht in Uniform erinnernde Schulz-Köhn bemüht sich um seine Musikfreunde und will den Moment noch nicht loslassen. Jazz wird im besetzten Frankreich zwar vielerorts von den Besatzern protegiert. Doch hat sich hier die letzte Jazzkapelle mit „nicht arischen“ Musikern in Paris zum Schnappschuss versammelt. Als rassisch minderwertig von den Nazis gejagt, müssen sie stets um ihr Leben fürchten, wie der Jude Battut und der Sinti Django Reinhardt. Nach ihrer Entrechtung 1940 drohen ihnen nun auch Verschleppung und Ermordung. Seit März 1942 rollen auch Züge aus Frankreich nach Auschwitz. Das ungewöhnliche Gruppenfoto wird von unterschiedlichen Stimmen kommentiert. Darunter Linda Reinhardt, eine Großnichte von Django Reinhardt. Der Leiter des Grazer Jazz Archivs, Prof. Edward Partyka. Der Historiker und Autor Michael H. Katz, Oder Giovanni Weiss von der Gruppe Django Deluxe, ein junger Sinti Virtuose, der die Musik und die Geschichte von Django Reinhardt studiert. Wir erfahren, wie verrückt nicht nur das Pariser Publikum nach dem feinen Swing Django Reinhardts ist. Der „König der Zigeunermusik“ kann auch unter deutscher Militärverwaltung weiter auftreten und zusammen mit dem legendären Jazz-Quintett des „Hot Club De France“ Platten aufneh-
men. Einem Teil seiner Sintifamilie dürften die Begeisterung und der Schutz der deutschen Musikfreunde das Leben gerettet haben. Doch nicht alle Familienmitglieder entgehen den Deportationen der Nazischergen und ihrer Kollaborateure in Frankreich...
1. Bild Reenactment / Vignette Dietrich und Django Das Foto ist im Kasten. Am Rande der Szenerie steht Schulz-Köhn neben Django Reinhardt. Die Vertrautheit des Umgangs zeigt: Die Männer kennen sich.
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Synopsis
Doku / IT / Archiv > „Exposition Thema / Jugend Kindheit“
Wir erfahren, dass Django Reinhardt und Dietrich Schulz-Köhn sich bereits einige Jahre vor dem Krieg kennengelernt haben. Der Deutsche war ein junger Musikproduzent, bewunderte Djangos virtuose Kompositionen. Er wurde 1935 erstes deutsches Mitglied des Pariser „Hot Club De France“, befreundet mit den „Hot Club“ Gründern Charles Delauny und Hugues Panassié. Und war ein Nazi. Seit 1934 SA Mitglied, seit 1938 Parteigenosse. Ein aufregendes Leben voller Widersprüche. Wie passt das zusammen? Geboren wurde Schulz-Köhn noch im Kaiserreich in Sonneberg/Thüringen als Sohn eines Lehrers.
Den Nationalismus und die Verehrung Bismarcks hat der Bürger-Sohn vom Vater erlernt und niemals hinterfragt. Dass er schon als Schüler in Magdeburger Swing-Bands Posaune und Schlagzeug spielte, SwingPlatten sammelte und über Zeitschriften wie den Britischen Melody Maker mit anderen Jazz-Fans korrespondierte, war kein Widerspruch. Die Kinder der aufstrebenden Mittelklasse in den dreißiger Jahren brachten einen gesunden Patriotismus und eine kosmopolitische Orientierung spielend unter einen Hut.
Doku / IT / Archiv > „Musikstudium in Frankfurt“
Wir erfahren, dass es zu Beginn der 30er Jahre bereits einen Jazzlehrstuhl an der Frankfurter Musikhochschule gibt. Schulz-Köhn studiert Posaune bei Prof. Mátyàs Seiber und Prof. Bernhard Sekles, der den Jazz-Lehrstuhl gegen den Wiederstand konservativer Kreise 1928 durchsetzt und sich dabei viele Feinde macht. 2. Bild Reenactment / Im Keller von Crazy Otto (ca. 1932) Die kleine Szene der Swingliebhaber Magdeburgs trifft sich im Keller der Eltern von Crazy Otto. Zeitschriften liegen herum. Schulz-Köhn sitzt abseits gedankenverloren an einer Schreibmaschine, während sich alle anderen – vor allem die Mädchen – um das Upright Piano drängen, an dem Crazy-Otto sitzt. Schulz-Köhn schreibt seinen ersten Artikel für den Melody Maker! Crazy Otto lässt die Jungs und Mädels durch sein Spiel dahinschmelzen, während SK an der Schreibmaschine sitzen die Szene beobachtet. Die Wirkung der Musik ist immer wieder frappierend. Halb bewundernd, halb neidisch auf den hochtalentierten Schulfreund entschließt sich SK, selbst als Musiker die Herzen zu erobern.
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Synopsis
3. Bild Reenactment / Konservatorium Frankfurt / erster Konflikt SA
Die Kamera beobachtet Schulz-Köhn, der in einem Probenraum die immer gleichen Passagen auf der Posaune übt. Gemeinsam mit einem Kommilitonen schlendern er nach den Proben durch die Gänge des Konservatoriums, als ihnen zwei uniformierte SA-Kader entgegenkommen. Sie blicken den ungewohnten Besuchern nach und sehen, wie sie laut an der Tür ihres Institutsleiters klopfen, um mit energischen Schritten sein Büro zu betreten. Schulz-Köhn begreift sofort, dass dieser Besuch nichts Gutes bringt.
Doku / IT / Archiv > „Musikstudium in Frankfurt“
Noch während Schulz-Köhn in Frankfurt studiert, wird Bernhard Sekles wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen und stirbt ein Jahr darauf an Lungentuberkulose. Aus der Erfahrung am Frankfurter Konservatorium lernt Schulz-Köhn zweierlei: Den Repressalien der Nazis will sich der bekennende Jazz-Fan nicht aussetzen. Erstmals arrangiert sich Schulz-Köhn mit dem Nazi-System. 1933 tritt er, wie viele Studierende seiner Zeit, in die SA ein. Und er erkennt, dass sein Talent an der Posaune für eine Karriere als Jazz-Musiker nicht ausreicht.
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Schulz-Köhn sattelt um, studiert Volkswirtschaft und Sprachen in Exeter, macht sein Volkswirtschaftsdiplom in Königsberg, promoviert zur Ökonomie des Schallplattenhandels. Seinem Nachnamen hat er zu dieser Zeit bereits das „Köhn“ anhängen lassen. Schulz ist für einen wie ihn ein zu banaler Name. In der NS-Hochburg Königsberg gründet er 1934 das erste Jazz Lokal, den Melodie Club, und wird als junger Mann einer der drei wichtigsten deutschen Jazz-Produzenten der 30er Jahre in Deutschland. Den entscheiden Schritt vollzieht
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5. Bild Reenactment / London The Palladium / Backstage
London, The Palladium, Juni 1933. An der Bar im Backstagebereich. Nach einer Session von Duke Ellington sind Musiker und einige Gäste in Feierlaune. Der junge Schulz-Köhn hat es auf den Duke abgesehen, der sich mit seiner Sängerin Ivie Anderson, Louis Armstrong und anderen Gästen gerade gut gehen lässt. Der Deutsche hat eine Idee und Champagner für alle: Warum ihre frischen Tiger Rags nicht auf den deutschen Markt bringen? Die Gäste werden neugierig auf Musik: Duke Ellington feat. Ivy Anderson (1932) It Don´t Mean A Thing If It Ain´t got that Swing. (Youtube) Louis Armstrong: (1933 LIVE IN COPENHAGEN) I Cover The Waterfront (Youtube) Doku / IT / Archiv > „Brunswick Katalog / DG“
Schulz-Köhn erlebt die Ausgrenzung, Entrechtung, Flucht und Verfolgung vieler ihm bekannter Musiker, u.a. seines Professors Bernhard Sekles, dem gar eine „antideutsche Verschwörung“ zu Last gelegt wird. Viele jüdische Künstler emigrieren. Wenn sie können. Selbst die Comedian Harmonists müssen sich trennen. Dezent gespielte Jazz Musik kann zwar teils als deutsche moderne Tanzmusik weiterproduziert werden, trotz aller Versuche sie als „entartete Negermusik“ zu verbieten. Doch eine viele Platten umfassende Anthologie moderner amerikanischer Jazzmusik herauszubringen, wie den „Brunswick Katalog“, das bleibt für ein SA-Mitglied ein irritierendes Husarenstück. 6. Bild Reenactment/ Berlin, Büro Deutsche Grammophon
Schulz-Köhn betritt das Büro der Deutschen Grammophon. Durch eine so rotzfreche wie berechtigte Kritik an den drögen, von Unkenntnis zeugenden Begleittexten der Jazz-Platten, hat sich Schulz-Köhn bereits eine Anstellung als Musikredakteur ergattert. Nun schlägt er der Geschäftsleitung vor, den Katalog der amerikanischen Brunswick – mit den großen Stars Duke Ellington und Louis Armstrong – auch in Deutschland herauszubringen. Das Risiko könne er kontrollieren. Die Plattenbosse sind begeistert.
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Doku / IT / Archiv > Einstieg in die Musikindustrie
Ob seine frische SA Mitgliedschaft für diesen dynamischen Einstieg in die deutsche Musikindustrie hilfreich ist? Möglicherweise ist sie nützlich, um dem von ihm seit Ende 1934 in Königsberg als Präsident geführten „Melodie Club“ mehr Legalität zu verschaffen. Denn der von Schulz-Köhn geliebte und dort gespielte amerikanische Hot Jazz ist nach nationalsozialistischer Vorstellung degeneriert, entartet und eine sittliche Gefahr für die Jugend. 1935 erlässt Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das „endgültige Verbot des Niggerjazz für den ganzen
7.1 Bild Reenactment Berlin Büro Deutsche Grammophon
Berlin Anfang 1935. Dr. Jazz gut gelaunt im Büro der Deutschen Grammophon. Die Veröffentlichung des amerikanischen „Brunswick Katalogs“, seine Musikkenntnis und seine internationalen Kontakte sichern seinen guten Ruf in der Branche. Sein Magdeburger Schul- und Jazzfreund, der hervorragende Pianist Fritz „Crazy Otto“ Schulz-Reichel kommt mit seiner Freundin, die mit Schampus bewaffnet ist, hereingeplatzt. Er will sich für Schulz-Köhns Vermittlung ins Orchester von James Kok bedanken, denn es ist ein Karrieresprung, in eines der führenden Orchester für moderne Tanzmusik in Deutschland aufgenommen zu werden. Und „Crazy Otto“ verdient an den Einspielungen für die Deutsche Gramophon. Alles könnte so schön sein.
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deutschen Rundfunk“ um die „sinnlose Anwendung von Synkopen“, die „Schlagzeugorgien“, „künstlerische Zuchtlosigkeit“, „Verlotterung und Verschlampung im musikalischen Ausdruck“ und die „unanständigen Tanzformen“ zu unterbinden. Doch SA Mann Schulz-Köhn scheint keine ideologischen Probleme mit der „Dschungel-Musik“ und ihren nach NS-Vorstellung rassisch minderwertigen Schöpfern zu haben. Er liebt die Swinging Ballrooms der 30er – seine Bühne für Freizeit und gute Geschäfte mit der Musik.
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Doku / IT / Archiv > Repressalien gegen Jazzmusiker
Jazzmusiker und Fans wagen den Tanz auf dem Vulkan. Von den Experten erfahren wir, dass die Kriterien selten eindeutig sind und die Nationalsozialisten den Kulturkampf gegen den Jazz recht willkürlich führen. Manche Jazz- und Swingmusiker werden am selben Abend bejubelt und anschließend verprügelt, inhaftiert oder deportiert. Der Kauf von Jazzplatten ist in einzelnen Geschäften, z.B bei Alberti-Schallplatten in Berlin möglich, aber eine Gefahr. In Königsberg erlebt Schulz Köhn 1936, wie Nationalsozialisten am Strand Jazz-Platten verbrennen. 1938 wird der Verkauf von Schallplatten „nicht-arischer“ Autoren schließlich ganz verboten.
7. Bild Reenactment: SS bedroht Crazy Otto
Crazy Otto ist 1933 im Bierrausch in die SS eingetreten. Nun hat er Schwierigkeiten wegen konsequenten Schwänzens der SS-Veranstaltungen und seiner ständig wechselnden Freundinnen. Die Kameraden wollen
ihm eine Lektion erteilen. Wir sehen, wie Crazy Otto in sich wiederholenden Szenen von SS-Kameraden bedroht oder aus dem Bett geschmissen wird, stets an der Seite einer anderen Frau.
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7.2 Bild Reenactment / Berlin Büro Deutsche Grammophon
Doku / IT / Archiv > Repressalien gegen Jazzmusiker
Spätsommer 1936. Dietrich Schulz aus der sächsischen Provinz ist mit 24 Jahren ein festes Mitglied der mondänen europäischen Jazz-Elite. Schulz-Köhn, wie er sich nun nennen lässt, besucht stolz seinen französischen Freund Hugues Panassié auf dem Schloss seiner Eltern. Dort trifft er auch die anderen Gründer des Pariser Hot Club de France zum Schwofen, Musikhören, Fachsimpeln, wie er seinem Vater nach Thüringen schreibt. Bereits 1934 hat Schulz-Köhn wesentlich an Panassiés amerikanischer Jazz-Anthologie mitgewirkt und wird im Vorwort dankend erwähnt. Die großbürgerliche Attitüte seiner Freunde beherrscht er inzwischen perfekt.
Wir sehen verschiedene Schellackplatten Ausgaben des „Brunswick Katalogs“ der Dt. Grammophon Gesellschaft von 1936 und den nachfolgenden Jahren. Dietrich Schulz-Köhn kuratiert diese erste große American Jazz Anthologie in Deutschland. Und – wie zwei Jahre vorher in England versprochen – bringt er Ellington und Armstrong auf den deutschen Markt. Und viele andere Musiker wie Teddy Wilson, Louis Prima, Chick Webb, Ella Fitzgerald usw... Experten bewerten die Wirkung, die diese Aufnahmen auf die deutsche Musikkultur hatten.
7.3 Bild Reenactment / Chateau de Gironde bei Bordeaux
Spätsommer 1936. Dietrich Schulz aus der sächsischen Provinz ist mit 24 Jahren ein festes Mitglied der mondänen europäischen Jazz-Elite. Schulz-Köhn, wie er sich nun nennen lässt, besucht stolz seinen französischen Freund Hugues Panassié auf dem Schloss seiner Eltern. Dort trifft er auch die anderen Gründer des Pariser Hot Club de France zum Schwofen, Musikhören, Fachsimpeln, wie er seinem Vater nach Thüringen schreibt. Bereits 1934 hat Schulz-Köhn wesentlich an Panassiés amerikanischer Jazz-Anthologie mitgewirkt und wird im Vorwort dankend erwähnt. Die großbürgerliche Attitüde seiner Freunde beherrscht er inzwischen perfekt.
Musik: Hot Club De France (Stephane Grappelli, Django Reinhardt u.a.)(1937): Minor Swing (Youtube)
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Doku / IT / Archiv > Olympiade 1936 / Import von US Platten
Im Sommer 1936 steht Berlin im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Dr. Jazz hat gut lachen. Die internationale Aufmerksamkeit anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin lässt die Jazzfeinde in den NSInstitutionen zeitweilig zurückhaltender auftreten. Wir sehen auf den 1936er Platten Cover des Brunswick Katalogs Matrosen die US-Flagge schwenken. Erst ab 1941 werden die Pressungen amerikanischer Jazz Hits pietätsvoller für den deutschen Markt umhüllt. Keine US-Flag-
gen mehr. Ab 1942 ist auf den Hüllen nicht mehr wie zuvor zu lesen, dass es sich um „die schönste Tanzmusik aus Amerika“ handelt. Der Verkauf läuft weiter. Wie kann der sich so unrassistisch verhaltende Schulz-Köhn 1938 entscheiden, in die NSDAP einzutreten, während der NS Staat sich anschickt, die Nürnberger Rassegesetze von 1935 umzusetzen, und die mörderische Gewalt des Regimes stetig zunimmt? So ist er unter seinen Mitstreitern und Jazzfreunden nicht unumstritten.
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Bild 8 Reenactment / Heimatbesuch bei den Jazz-Freunden in Frankfurt
Eine Wohnung in Frankfurt, 1943. SchulzKöhn macht während eines Heimaturlaubs aus Frankreich bei seinen Jazzfreunden und Freundinnen von der Frankfurter Hotclub Combo Station. Einige – wie der Winzersohn Hans Otto Jung – konnten sich mit viel Wein vom Kriegsdienst freikaufen, andere sind als Berufsmusiker „an der Heimatfront“ unabkömmlich oder können sich wie „Crazy Ottto“ Fritz Schulz-Reichel zur Truppenbetreuung ins sichere Norwegen und Dänemark verpflichten. Die klandestinen „Musik Mitteilungen“ sind bei vielen Flaschen Rüdesheimer Weins und französischem Cognac von Dr.Jazz Thema – dazu natürlich bald die katastrophale Kriegslage. Ein heikles Thema, auch unter guten Bekannten nicht ungefährlich. Dr. Jazz will sich auf die grauenvollen Geschichten von den Fronten und den Massakern im Osten nicht einlassen. Es sei Krieg, da geschähen nun mal Verbrechen auf allen Seiten. Die exklusive deutsche Schuld will Dr. Jazz noch nicht wahrhaben. Dem Jazz gehe es aktuell doch ganz gut. Und nach dem Endsieg werde es noch besser. Die Freunde von Dr. Jazz sind konsterniert und erklären ihn für schizophren. Möglicherweise rettet er die Situation mit seinen neuen Platten vom Hot Club De France und legt „It Don´t Mean A Thing“ in der Version von Reinhardt, Grappelli und Co auf.
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Doku / IT / Archiv > Dr. Jazz lebt gefährlich
Wie passen seine anscheinend unkritisch-affirmative Haltung zum NS-Staat, sein nationalistischer Patriotismus und seine Laufbahn als Luftwaffen-Offizier im Zweiten Weltkrieg zu seinen gleichzeitigen subversiven und höchst gefährlichen Jazz-Aktivitäten? Sein Freund HansOtto Jung sagt später über ihn: „Er war der einzige in unserem Jazz Club der nicht wahrhaben wollte, was in Deutschland passierte. Er verhielt sich wie ein Antinazi. Doch wenn Du mit ihm sprachst: Es war schizophren.“ Während sich andere entschließen zu fliehen, zu desertieren, einen „ehrenvollen Tod“ zu sterben, oder in die innere Emigration zu gehen und den Krieg irgendwie zu überleben, richtet sich Dietrich Schulz-Köhn sein richtiges Leben im falschen ein. Er beginnt für „Feindmusik“ sein Leben zu riskieren. Er produziert und vertreibt 1943
(mit Hans Otto Jung, Gerd Peter Pick, Hans Blüthner, Kurt Michaelis u.a.) eine illegale Jazz Zeitschrift, die Musik Mittelungen, die vor der Zensur erfolgreich getarnt in Rundbriefen verschickt wird. Als Luftwaffenoffizier nutzt er seine Aufenthalte in Frankreich, Belgien und Skandinavien zum Import von Feindmusik, hat stets ein paar Kisten voller Schellack Platten im Gepäck. Er publiziert auch in Schweden, hält in Uniform im Juni 1943 einen Vortrag im französichen Radio von Nimes, in dem er in fließendem Französisch u.a. die Musik von Django Reinhardt würdigt und im Anschluss auflegt. Vor allem im besetzten Paris ist die Stimmung liberaler. Protegiert von den deutschen Besatzern in Paris, kann das legendäre Quintett de Hot Club De France nicht nur auftreten, sondern auch Schelllackplatten aufnehmen und verkaufen.
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Bild 10 Reenactment / Sommer 1943. Deutscher Feldflugplatz bei St.Nazaire. Nachts
Ein JU 52-Transportflugzeug wird für den Flug nach Brüssel beladen. Wir sehen eine Ärztin, zwei Krankenschwestern und einen Feldwebel bei der Kontrolle der Fracht. Wie selbstverständlich lässt Schulz-Köhn seine in neutralen Holzkisten verpackten Schellackplatten heranschleppen und mit in die Maschine zur medizinischen Fracht stapeln. Die Krankenschwestern sind überrascht – aber die Ärztin und Jazzfreundin gibt ihr Ok.
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Sie steigen ein. Die Tür wird geschlossen, die JU 52 rollt an. Im Flugzeug schnallen sich die Passagiere auf ihren Plätzen fest. Schulz-Köhn und die Ärztin gucken sich erleichtert an. Dr. Jazz zaubert einen großen Flachmann und zwei kleine Metallbecher aus seinem Uniformmantel hervor. Ein kurzer Checkerblick auf die anderen Passagiere – die beiden prosten sich unauffällig zu.
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Doku / IT / Archiv > Wer war Dr. Jazz
Selbst seine Swingfreunde sind sich in der Bewertung von Dietrich Schulz-Köhn nicht einig. Der Mitherausgeber der illegalen Jazz Postille, der Berliner Hans Büthner, ist sich sicher: „Wer sich für Jazz interessiert, kann kein Nazi sein.“ So sehen es anscheinend auch SchulzKöhns Bekannte wie der französische Jazz-Pionier Charles Delaunay, dessen Resistance Aktivitäten mit dem „Hot Club De France“ Dr. Jazz nicht verborgen geblieben sein dürften. Zumal Schulz-Köhn als Luftwaffenoffizier und Parteigenosse seine raren Jazz Musik-Schätze teilt, in ihren Clubs auflegt, Lebensmittelmarken und vielleicht etwas
Schutz verschenken kann. Doch es bleibt ein eigenartiger, geheimnisvoller Widerstand. Den Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ erlebt Schulz-Köhn als Oberleutnant in der bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 von der US-Armee belagerten Festung St.Nazaire. November 1944 kommt es auf Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes zu Verhandlungen zwischen den deutschen Festungstruppen und den US-Belagerern über den Austausch von Kriegsgefangenen. Der perfekt englisch und französisch sprechende Schulz-Köhn wird von der deutschen Seite zum Unterhändler mit den Alliierten bestimmt.
Bild 11 Reenactment / Trümmerlandschaft und Bunker im Niemandsland vor der Festung St.Nazaire
(die Szene ist Anfang 1945 auch von verschiedenen US-Medien wie der „Stars and Stripes“ beschrieben worden.) Oberleutnant Schulz-Köhn nähert sich mit weißer Fahne dem US Army-Offizier. Dieser mustert ihn, interessiert sich für die umgehängte Rolleiflex des Deutschen und fragt ihn, wie viele Lucky Strike-Packungen er zum Tausch für die Kamera wolle. Der lehnt ab – doch er sei an Jazzplatten interessiert. Der US-Offizier bietet das Budapest String Quartet und Leopold Stokowski – doch Schulz-Köhn lehnt erneut ab und fragt nach neuen Aufnahmen von Count Basie, Benny Goodman und Lionel Hampton. Der Amerikaner ist entgeistert: „Haben Sie jemals von Panassié gehört? Kennen Sie Delaunay?“ Schulz-Köhn: „You are an expert!“ Das Eis ist gebrochen. Eine Waffenruhe wird vereinbart. Der Austausch geht über die Bühne. Auch französische Zivilisten dürfen die Festung verlassen.
Musik zum Bild: Ernst „Bimbo“ Weilandt: Sahara Oriental Foxtrott (1941)
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Doku / IT / Archiv > Wer war Dr. Jazz
Wir erfahren, dass Schulz-Köhn in Kriegsgefangenschaft sofort einen Jazz Club gründet und für seine Mitgefangenen Vorlesungen über den Jazz abhält. Und wir erfahren, dass Dr. Jazz aufgrund seiner zahlreichen Kontakte selbst in die Resistance hinein bei den amerikanischen Soldaten einen Sonderstatus genießt.
Bild 12 Reenactment / Frankreich Sommer 1945 Kriegsgefangenenlager
Wir sehen die Franzosen Charles Delaunay und Hugues Panassié am Eingang eines Kriegsgefangenen Lagers. Dr. Jazz kommt zum Eingang und bekommt von seinen Vereinsfreunden und Hot Club De France Begründern ein CARE-Paket ge-
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schenkt. Ein besonderes Geschenk, denn auch im befreiten Frankreich wird noch gehungert. Musik zum Bild: Hot Club De France (Reinhardt, Grappelli) Tea For Two
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Doku / IT / Archiv > Dr. Jazz im Nachkriegsdeutschland
Nach dem Krieg nimmt Schulz-Köhn seine Rolle als Wegbereiter des Jazz unvermittelt wieder auf. Er gründet den „Hot Club Düsseldorf“, wird Dozent an verschieden deutschen Unis. Durch seine Musik-Sendungen wird er als „Dr. Jazz“ im westdeutschen Nachkriegsdeutschland bis zu seinem Tod 1999 zur Rundfunkinstitution. Hat sich SchulzKöhn als NSDAP-Parteigenosse und LuftwaffenOffizier mitschuldig an den deutschen Verbrechen gefühlt? Seine ambivalente Rolle im Nationalsozialismus wird niemals problematisiert. Er heiratet die Sängerin Inge Klaus. Die beiden führen bis zu
ihrem Tod 1980 eine kinderlose Ehe. Doch wie lebt und liebt er in den 30er und 40er Jahren? Welche Rolle spielen die Frauen in seinem Netzwerk als Musikproduzent und Teil der Swinging Ballrooms? Welche Rolle bei Herstellung und Vertrieb der klandestinen „Musik Mitteilungen“? Wickelt der alerte Schulz-Köhn zu Nazi-Zeiten Männer und Frauen systematisch um den Finger? Und wenn ja, zu welchem Zweck? Auf welcher Seite steht er? Steht er überhaupt auf einer? Wird es auf diese Fragen jemals Antworten geben?
Bild 13 Reenactment / NWDR Musikstudio
Sommer 1949, Dr. Jazz bei einer Musikübertragung im NWDR. Die Mangelsdorf-Bbrüder Albert und Emil von der Frankfurter Hotclub Kombo spielen den frischen deutschen
Nachkriegsjazz auf. Das Bild könnte auf dem energetischen Dr. Jazz enden, der mit voller Begeisterung und Wissen die Überleitung zum nächsten Stück moderiert.
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