»Ein großes Thema – möglicherweise das größtmögliche überhaupt ...« Roger Berhalter,
St. Galler Tagblatt
MANDALA
Umschlag vorne: Kuppel einer Moschee, Sydney, 2019 Foto: Candalepas Associates Vordere Klappe: Carl Gustav Jung: Das Gefüge sämtlicher Welten, 1916 Foto: Stefan Rasch (HZ-SWJZ) Hintere Klappe: Foto: Sidonia Kolster Umschlag hinten: Links: Hieronymus Bosch: Das himmlische Paradies, um 1505–1515 Foto: Peter van Ham (MPGV)
Rechts: Barnett Newman: Ohne Titel – Die Leere, 1946 Foto: CCA (BNFNY)
978-3-89790-674-7 9 783897 906747 >
AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
Das aus dem indischen Kulturraum stammende Mandala bezeichnet im ursprünglichen Sinne einen heiligen Kreis. Es dient als Meditationshilfe und ist gleichzeitig künstleri sche Übersetzung der in visionären Schauen erkannten Inhalte. Doch nicht nur in Tibet und anderen asiatischen Ländern sind Mandalas weit verbreitet. Die ihnen zu grunde liegenden Prinzipien finden sich in den Bildwerken und der Architektur nahezu eines jeden Kulturraums der Welt.
H E I L I G E G E O M E T R I E I N D E N S P I R I T U E L L E N K Ü N S T E N D E R W E LT
HEILIGE GEOMETRIE IN DEN SPIRITUELLEN KÜNSTEN DER WELT
Mitte: Sarvavid Vairochana Mandala, Nepal, Dolpo (?), 16. Jh. Foto: Christian Murtin (FAB-TMG)
P E T E R VA N H A M
Peter van Ham, Forscher, Autor, Fotograf und Ausstellungskura tor mit Sitz in Frankfurt am Main, bereist seit 40 Jahren die Welt mit Schwerpunkt Asien, Indien, Himalaya und Tibetischer Kultur raum. 15 internationale Buch publikationen, zehn internatio nale Ausstellungen und fünf TV-Dokumentationen sind bis her seinen Forschungen entsprungen, für die er in die Royal Asiatic Society und die Royal Geographical Society, London, sowie in den Explorers Club, New York, auf genommen wurde. Seit 20 Jahren ist er 1. Vorsitzender der Gesellschaft für Bewahrung und Förderung des Kulturel len Erbes Asiens (SPAH e.V.), die zahlreiche internationale Projekte verwirklicht.
P E T E R VA N H A M
MANDALA
AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
Die »heilige Geometrie« wird in allen Religionen und spi rituellen Traditionen seit Jahrtausenden als Möglichkeit eingesetzt, metaphysische Erfahrungen visuell darzustel len. Bis heute greifen Künstler und Architekten auf die uralten Symboliken geometrischer Grundformen zur Umsetzung sakraler Inhalte zurück. Anhand von Meister werken aus bedeutenden Museums- und Privatsamm lungen und Fotografien herausragender Bauwerke und faszinierender Rituale bietet das Buch eine erste Zusam menschau und Untersuchung des Phänomens der heili gen Geometrie in Kunst und Architektur unterschied lichster Kulturen sowie der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauungen.
»Die fachlich saubere Darstellung der vielen künstlerischen Parallelen zwischen den unterschiedlichen spirituellen Traditionen, die hier aufgezeigt werden, fesselt! Ihre erstaunlichen Gemeinsamkeiten werden auf spannende, inspirierende und völkerverbindende Weise vermittelt und dabei zahlreiche Konzepte konzise und anschaulich erklärt – so gab es das in der Literatur bislang noch nicht!« Dr. Vivian Wagner, Sinologin,
vormals Dozentin u. a. an den Universitäten München und Heidelberg
P E T E R VA N H A M
MANDALA AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
H E I L I G E G E O M E T R I E I N D E N S P I R I T U E L L E N K Ü N S T E N D E R W E LT
2
P E T E R VA N H A M
MANDALA AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
H E I L I G E G E O M E T R I E I N D E N S P I R I T U E L L E N K Ü N S T E N D E R W E LT
2
IN H A LT
Mandala – auf der Suche nach Erleuchtung
7
Eine Einführung
Vom Wahren im Einfachen – vom Ernst im Spiel
12
Mandalas im Alltag und deren nicht-alltägliche Hintergründe Barbara Hächler
Warum Mandala?
20
Eine Definition
Illusion und Wahrheit, Erkenntnis und Erleuchtung
31
Mandalas als Teil der Traditionen menschlicher Bewusstseinserweiterung
Erleuchtung und Ethik
54
Das Labyrinth: Der Lebensweg zur Mitte
62
Heilige Geometrie in der Natur: Wie im Himmel so auf Erden
66
Der Lotos: Aufstieg zur Reinheit
78
Weltenschlange
84
Die Geometrie des Klangs: Wie klingt der Kosmos?
90
Die Himmelskörper: Sonne-/Mondgeboren den Sternen entgegen
100
Der kosmische Punkt: Anfang = Ende
112
Der Kreis: Die Einheit, das Ungetrennte
124
Das Oval: Schöpfung durch Spaltung – Tor zur Einheit
140
Das Rad: Die unendliche Bewegung
152
Das dynamische Dreieck: Vom Licht – zum Licht
170
Quadrat Erde: Ecken und Kanten
186
Das Kreuz : Viele Welten – eine Wahrheit
198
Spiralen des Himmels und der Hölle
210
Der Heiligenschein: Kopfleuchten
228
Der Spiegel: Ich im All – alles im Ich
236
Weltbilder im Vergleich: Die Spitze des Bewusstseins
248
Das Phänomen der Vervielfältigung: Tausend ist Eins
258
Mandalamensch – Menschenmandala
262
Heilige Geometrie in der Kunst der Moderne: Einheit in der Ewigkeit
278
Die Architektur Gottes: Drei Dimensionen der Wahrheit
286
Tanz – Trance – Tod: Die letzte Grenze
354
Gelebte geometrische Rituale: Die Welt ist ein Mandala
368
Danksagung Bibliografie Sammlungen
382 384 391
4
5
IN H A LT
Mandala – auf der Suche nach Erleuchtung
7
Eine Einführung
Vom Wahren im Einfachen – vom Ernst im Spiel
12
Mandalas im Alltag und deren nicht-alltägliche Hintergründe Barbara Hächler
Warum Mandala?
20
Eine Definition
Illusion und Wahrheit, Erkenntnis und Erleuchtung
31
Mandalas als Teil der Traditionen menschlicher Bewusstseinserweiterung
Erleuchtung und Ethik
54
Das Labyrinth: Der Lebensweg zur Mitte
62
Heilige Geometrie in der Natur: Wie im Himmel so auf Erden
66
Der Lotos: Aufstieg zur Reinheit
78
Weltenschlange
84
Die Geometrie des Klangs: Wie klingt der Kosmos?
90
Die Himmelskörper: Sonne-/Mondgeboren den Sternen entgegen
100
Der kosmische Punkt: Anfang = Ende
112
Der Kreis: Die Einheit, das Ungetrennte
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Das Oval: Schöpfung durch Spaltung – Tor zur Einheit
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Das Rad: Die unendliche Bewegung
152
Das dynamische Dreieck: Vom Licht – zum Licht
170
Quadrat Erde: Ecken und Kanten
186
Das Kreuz : Viele Welten – eine Wahrheit
198
Spiralen des Himmels und der Hölle
210
Der Heiligenschein: Kopfleuchten
228
Der Spiegel: Ich im All – alles im Ich
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Weltbilder im Vergleich: Die Spitze des Bewusstseins
248
Das Phänomen der Vervielfältigung: Tausend ist Eins
258
Mandalamensch – Menschenmandala
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Heilige Geometrie in der Kunst der Moderne: Einheit in der Ewigkeit
278
Die Architektur Gottes: Drei Dimensionen der Wahrheit
286
Tanz – Trance – Tod: Die letzte Grenze
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Gelebte geometrische Rituale: Die Welt ist ein Mandala
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Danksagung Bibliografie Sammlungen
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5
MANDAL A – AUF DE R S UC HE NAC H E RLEUC HT UNG Eine Einführung »Gott geometrisiert in einem fort!«
Platon, griechischer Philosoph, 4. Jh. v. Chr.
Gegenüber: Frankreich, Champagne oder Paris Gott, der Weltengründer Bible moralisée (Codex Vindobonensis 2554), fol. 1v 1220–30 Pigmente auf Pergament ÖNBW In der gotischen Darstellung Gottes als messen dem Architekten (Demiurg) wird die Rückbesin nung auf die platonischen Gedanken zur »heili gen Geometrie« offenbar, die als wesentliche Inspiration für diese Epoche gilt, was sich u. a. auch in den Rosenfenstern der gotischen Kathe dralen widerspiegelt.
6
Seit Urzeiten versucht der Mensch, die Welt zu verstehen, das Chaos um ihn herum zu ordnen, seinen Platz darin zu finden. Kulturhistorisch gesehen war der Ausgangs punkt seiner Betrachtungen wohl die Be obachtung der Natur um ihn herum. In der Natur vorkommende Phänomene, Abläufe und Muster haben den Menschen seit jeher in Erstaunen versetzt, aber in ihm auch Zustände von Ehrfurcht oder gar Angst aus gelöst. Dazu zählen auch die vom Menschen als «perfekt« erachteten geometrischen Grundformen wie Kreis, Spirale und Drei eck, die er in ausgewählten Bereichen der Natur um ihn herum wahrnimmt, die ihn zum Nachdenken anregen und ihm über menschlich (da perfekt) erscheinen. Auf einer langen Tradition von Faszination und Anregung basierend, wurden die geometri schen Grundformen über die Jahrhunderte übereinstimmend von griechischen Phi losophen, jüdischen, christlichen und muslimischen Theologen wie auch hinduis tischen und buddhistischen Erkenntnis theoretikern mit hohem Symbolgehalt auf geladen und in den Stand der »heiligen Geometrie« erhoben. Sie galten als direkte Zugänge zu Gott und dessen Weltenplan bzw. als Hilfsmittel, um die beschränkten Vorstellungen des Menschen zu über winden und zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen, in dem sich dem Menschen die Sinnzusammenhänge des Weltgesche hens erschließen. Nach Transzendenz strebend, verweilte der Mensch nicht nur bei den auf der Erde gefundenen Zeichen einer vermeintlich höheren Macht, sondern richtete seinen Blick zum Himmel, wo er wiederum mit der Geometrie konfrontiert wurde – sei es in den reinen Kreisformen
der Himmelskörper oder deren Kreis-, Ellipsen- und Spiralbahnen – wodurch er sich in seiner Annahme der »Überweltlich keit« der Geometrie bestätigt sah. In seiner Suche nach Erkenntnis um die Zusammenhänge des Weltgeschehens ist der Mensch weltweit zu erstaunlich ähn lichen Ergebnissen gekommen, hat Halt gebende, sinnstiftende Muster entwickelt, die für seine enge Verbindung mit der Natur stehen und für seine intuitive Ver bindung mit dem Kosmos sprechen, den manche auch »Gott« nennen, »Wesenskern« oder »Ursprung«. Schaubilder, Diagramme, geordnete Ansammlungen von Kreisen und Quadraten, von den unterschiedlichsten Kulturen und zu den unterschiedlichsten Zeiten geschaffen, stellen die visionär ge schaute Entwicklung vom Himmlischen zum Irdischen, vom Göttlichen zum Menschlichen dar. Sie weisen aber auch einen Weg zurück vom Weltlichen zum Heiligen, vom Dunkel zum Licht, vom Ver gänglichen zum Ewigen. Sie reichen vom denkbar Einfachen bis zum Komplex-Drei dimensionalen, von der Stockzeichnung im Lehm bis zum ausschweifenden Granit bauwerk. Ihre Anfertigung erfolgt sowohl in individueller Zurückgezogenheit wie auch als kollektive Erfahrung und sucht gleichsam den flüchtigen Moment einzufangen wie die – vermeintliche – Dauer der Ewigkeit. Kulturübergreifend betrachtet können all diese Werke unter dem Begriff zusammen gefasst werden, der zurzeit fast inflationär in der Alltagskultur präsent ist –»Mandala«. Doch in Abgrenzung zur kommerzialisier ten/profanen Verwendung des Begriffs sind 7
MANDAL A – AUF DE R S UC HE NAC H E RLEUC HT UNG Eine Einführung »Gott geometrisiert in einem fort!«
Platon, griechischer Philosoph, 4. Jh. v. Chr.
Gegenüber: Frankreich, Champagne oder Paris Gott, der Weltengründer Bible moralisée (Codex Vindobonensis 2554), fol. 1v 1220–30 Pigmente auf Pergament ÖNBW In der gotischen Darstellung Gottes als messen dem Architekten (Demiurg) wird die Rückbesin nung auf die platonischen Gedanken zur »heili gen Geometrie« offenbar, die als wesentliche Inspiration für diese Epoche gilt, was sich u. a. auch in den Rosenfenstern der gotischen Kathe dralen widerspiegelt.
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Seit Urzeiten versucht der Mensch, die Welt zu verstehen, das Chaos um ihn herum zu ordnen, seinen Platz darin zu finden. Kulturhistorisch gesehen war der Ausgangs punkt seiner Betrachtungen wohl die Be obachtung der Natur um ihn herum. In der Natur vorkommende Phänomene, Abläufe und Muster haben den Menschen seit jeher in Erstaunen versetzt, aber in ihm auch Zustände von Ehrfurcht oder gar Angst aus gelöst. Dazu zählen auch die vom Menschen als «perfekt« erachteten geometrischen Grundformen wie Kreis, Spirale und Drei eck, die er in ausgewählten Bereichen der Natur um ihn herum wahrnimmt, die ihn zum Nachdenken anregen und ihm über menschlich (da perfekt) erscheinen. Auf einer langen Tradition von Faszination und Anregung basierend, wurden die geometri schen Grundformen über die Jahrhunderte übereinstimmend von griechischen Phi losophen, jüdischen, christlichen und muslimischen Theologen wie auch hinduis tischen und buddhistischen Erkenntnis theoretikern mit hohem Symbolgehalt auf geladen und in den Stand der »heiligen Geometrie« erhoben. Sie galten als direkte Zugänge zu Gott und dessen Weltenplan bzw. als Hilfsmittel, um die beschränkten Vorstellungen des Menschen zu über winden und zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen, in dem sich dem Menschen die Sinnzusammenhänge des Weltgesche hens erschließen. Nach Transzendenz strebend, verweilte der Mensch nicht nur bei den auf der Erde gefundenen Zeichen einer vermeintlich höheren Macht, sondern richtete seinen Blick zum Himmel, wo er wiederum mit der Geometrie konfrontiert wurde – sei es in den reinen Kreisformen
der Himmelskörper oder deren Kreis-, Ellipsen- und Spiralbahnen – wodurch er sich in seiner Annahme der »Überweltlich keit« der Geometrie bestätigt sah. In seiner Suche nach Erkenntnis um die Zusammenhänge des Weltgeschehens ist der Mensch weltweit zu erstaunlich ähn lichen Ergebnissen gekommen, hat Halt gebende, sinnstiftende Muster entwickelt, die für seine enge Verbindung mit der Natur stehen und für seine intuitive Ver bindung mit dem Kosmos sprechen, den manche auch »Gott« nennen, »Wesenskern« oder »Ursprung«. Schaubilder, Diagramme, geordnete Ansammlungen von Kreisen und Quadraten, von den unterschiedlichsten Kulturen und zu den unterschiedlichsten Zeiten geschaffen, stellen die visionär ge schaute Entwicklung vom Himmlischen zum Irdischen, vom Göttlichen zum Menschlichen dar. Sie weisen aber auch einen Weg zurück vom Weltlichen zum Heiligen, vom Dunkel zum Licht, vom Ver gänglichen zum Ewigen. Sie reichen vom denkbar Einfachen bis zum Komplex-Drei dimensionalen, von der Stockzeichnung im Lehm bis zum ausschweifenden Granit bauwerk. Ihre Anfertigung erfolgt sowohl in individueller Zurückgezogenheit wie auch als kollektive Erfahrung und sucht gleichsam den flüchtigen Moment einzufangen wie die – vermeintliche – Dauer der Ewigkeit. Kulturübergreifend betrachtet können all diese Werke unter dem Begriff zusammen gefasst werden, der zurzeit fast inflationär in der Alltagskultur präsent ist –»Mandala«. Doch in Abgrenzung zur kommerzialisier ten/profanen Verwendung des Begriffs sind 7
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Gegenüber: Schweiz, Waldau, Adolf Wölf li Die Meer und Insel=Ringe. Staab=Riisen=Fontaine in Skt.Adolf=Kuss= Riisen=Meer 1914 Bunt- und Bleistifte auf Zeitungspapier, 107 x 72,4 cm KMB, A 9253-96 Foto: Peter van Ham
Indien Rosette mit den Namen und Titeln des Shahs Jahan Das geozentrische Weltbild nach Ptolemäus
Ca. 1645 Tinte, Gouache und Gold auf Papier, 38,6 x 26,5 cm
Aus dem Astronomie-Abschnitt der Erstaus gabe der »Encyclopedia Britannica«
MMANY, Rogers Fund/Kevorkian Foundation, 55.121.10.39
England, London: James Ferguson
1771 Ca. 100–160 n. Chr. entwickelt, beherrschte dieses Weltbild, das die Erde in das Zentrum des kosmi schen Geschehens rückte, ca. 1.800 Jahre die Sicht auf die Welt in Europa und Asien. Dargestellt sind die Planetenbewegungen, wie sie von der Erde aus beobachtbar sind, deren retrograde Bewe gungen als Schleifen imponieren.
28
Anmutend wie eine unmittelbare Übertragung des geozentrischen Weltbildes auf die Person des Herrschers, dessen Namen und Titel im Zentrum des explodierend erscheinenden Blumensterns gepriesen werden, belegt diese shamsha (Sonne) die ubiquitär zu allen Zeiten herrschende Vorstel lung von Machthabenden, Repräsentanten gött lichen Willens zu sein.
Vom an Schizophrenie leidenden Maler, Dichter und Komponisten als Seite 509 seines zwölften »Geogra fisch und Algebraischen Buchs« geschaffen – insge samt betrug sein illustriertes Erzählwerk mehr als 25.000 Seiten – ist die streng symmetrische, zentral ausgerichtete Komposition als »imaginäre Welt vision« bezeichnet worden, »entstanden aus dem Bedürfnis heraus, das für den geisteskranken Künst ler allgegenwärtige Chaos formal zu ordnen und mit Hilfe musikalischer Elemente zur Harmonie zu bringen.« (Rechberg 1986, 247) Im Zusammenhang mit der Frage nach der in veränderten Bewusstseins zuständen zum Ausdruck gelangenden Formen sprache ist dieses Bild besonders aufschlussreich, da, wie die schwierige, von Gewalt geprägte Biogra fie des Künstlers und besonders sein lebenslanger Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nahelegt, eine äußere Inspiration für die Entstehung des Werks wohl eher nicht in Frage gekommen ist. Viel mehr scheint Wölfli (sein Selbstbildnis findet sich im Zent rum des Mandalas) hier tatsächlich sein Innen leben, seinen Seelenzustand nach außen gekehrt und die Mandalaform als Darstellung seiner Welt wie auch als Regulativ für diese eingesetzt zu haben.
29
Gegenüber: Schweiz, Waldau, Adolf Wölf li Die Meer und Insel=Ringe. Staab=Riisen=Fontaine in Skt.Adolf=Kuss= Riisen=Meer 1914 Bunt- und Bleistifte auf Zeitungspapier, 107 x 72,4 cm KMB, A 9253-96 Foto: Peter van Ham
Indien Rosette mit den Namen und Titeln des Shahs Jahan Das geozentrische Weltbild nach Ptolemäus
Ca. 1645 Tinte, Gouache und Gold auf Papier, 38,6 x 26,5 cm
Aus dem Astronomie-Abschnitt der Erstaus gabe der »Encyclopedia Britannica«
MMANY, Rogers Fund/Kevorkian Foundation, 55.121.10.39
England, London: James Ferguson
1771 Ca. 100–160 n. Chr. entwickelt, beherrschte dieses Weltbild, das die Erde in das Zentrum des kosmi schen Geschehens rückte, ca. 1.800 Jahre die Sicht auf die Welt in Europa und Asien. Dargestellt sind die Planetenbewegungen, wie sie von der Erde aus beobachtbar sind, deren retrograde Bewe gungen als Schleifen imponieren.
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Anmutend wie eine unmittelbare Übertragung des geozentrischen Weltbildes auf die Person des Herrschers, dessen Namen und Titel im Zentrum des explodierend erscheinenden Blumensterns gepriesen werden, belegt diese shamsha (Sonne) die ubiquitär zu allen Zeiten herrschende Vorstel lung von Machthabenden, Repräsentanten gött lichen Willens zu sein.
Vom an Schizophrenie leidenden Maler, Dichter und Komponisten als Seite 509 seines zwölften »Geogra fisch und Algebraischen Buchs« geschaffen – insge samt betrug sein illustriertes Erzählwerk mehr als 25.000 Seiten – ist die streng symmetrische, zentral ausgerichtete Komposition als »imaginäre Welt vision« bezeichnet worden, »entstanden aus dem Bedürfnis heraus, das für den geisteskranken Künst ler allgegenwärtige Chaos formal zu ordnen und mit Hilfe musikalischer Elemente zur Harmonie zu bringen.« (Rechberg 1986, 247) Im Zusammenhang mit der Frage nach der in veränderten Bewusstseins zuständen zum Ausdruck gelangenden Formen sprache ist dieses Bild besonders aufschlussreich, da, wie die schwierige, von Gewalt geprägte Biogra fie des Künstlers und besonders sein lebenslanger Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nahelegt, eine äußere Inspiration für die Entstehung des Werks wohl eher nicht in Frage gekommen ist. Viel mehr scheint Wölfli (sein Selbstbildnis findet sich im Zent rum des Mandalas) hier tatsächlich sein Innen leben, seinen Seelenzustand nach außen gekehrt und die Mandalaform als Darstellung seiner Welt wie auch als Regulativ für diese eingesetzt zu haben.
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IL LU S IO N U N D W A H R H E IT, E R K E N N T N IS U N D E R L E U C H T U N G Mandalas als Teil der Traditionen menschlicher Bewusstseinserweiterung
Gegenüber: USA, Kalifornien, Los Angeles, Hollywood: Hiromu Kira Der Denker Ca. 1930 Getönter Bromiddruck auf schwarzem Papier, 26,6 x 33 cm BA, 18.4.2015, Los 33 Der Mandala-ähnlich wirkende, Grenzenlosigkeit suggerierende Ausschnitt aus der Struktur des Mulholland-Damms scheint dem japanischen, in den USA lebenden Fotografen naheliegend er schienen zu sein, um den Eindruck von überwäl tigender, durchaus auch mit Abgrund drohender, existentialistischer Sinnkrise (seiner eigenen?) eines einsamen, in einer ihm fremden Umwelt sich verloren fühlenden Menschen zu inszenieren.
Ein Mandala als Ausdruck einer visionären Schau und gleichzeitig auch als Hilfsmittel zur Erlangung eben jener visionären Zu stände zu verstehen setzt es in Beziehung zu den vielfältigen Traditionen, mittels derer Menschen seit jeher versucht haben, ihr Bewusstsein zu erweitern und Er kenntnis über den Sinn der Existenz und die Beschaffenheit der Welt zu erlangen. Ein Mandala ist eine visuelle Darstellung eines als wesentlich erachteten Inhalts, der der Fokussierung bedarf, der Kon zentration auf einen zentralen Punkt. Mitunter wird der Weg dorthin, die not wendigerweise einzuschlagende Entwick lung, ebenfalls im Mandala – zum Beispiel in dessen äußeren Bereichen – themati siert und dargestellt. Reziprok kann man die äußeren Bereiche aber auch als Aus strahlung des Zentrums verstehen und damit eben auch als Hilfsmittel mittels derer zum Zentrum gelangt werden kann. Somit imponiert das gezeichnete Mandala als visuelle Darstellung dieses geistig durchgeführten Prozesses. Doch kann ein solcher Prozess auch in körperlicher Form inszeniert werden, zum Beispiel mittels einer Gehmeditation, einer Umwandlung oder eines Tanzes. Auch entsprechend gestaltete Ritualinszenierungen und nach speziellen Plänen errichtete Gebäude finden als dreidimensionale Medien zum Erkenntnisgewinn Verwendung. All jene Kreationen zielen auf eine Be wusstseinsveränderung innerhalb der mit ihnen konfrontierten Betrachtern oder Teilnehmenden ab und sind gleicher maßen Ausdruck der Traditionen, denen
30
sie entspringen und an deren Anfang eine entsprechende Erfahrung beziehungsweise Vorstellung, respektive Ahnung, stand. Dabei ist es interessant zu vermerken, wie ähnlich die Bildsprache ist, die Menschen unterschiedlichster kultureller Traditionen verwenden, um ihren mitunter visionär gemachten Erfahrungen Ausdruck zu ver leihen. Hier ist insbesondere die Symbol ebene zu nennen, derer sich bedient wird, um etwas zu vergegenwärtigen, was über das tatsächlich Evidente hinausgeht und rein rational nicht unbedingt erklärt wer den kann (ausführlich siehe Zimmermann 2015). Techniken zur Veränderung des Bewusstseins Die Vermutung liegt nahe, dass diesen ähnlichen Ausdrucksformen möglicher weise auch ähnliche Erfahrungen zu Grunde liegen könnten, was dafür spräche, dass auch die Bewusstseinszustände, in nerhalb derer sie entstanden und deren unmittelbarer Ausdruck sie sind, Ähnlich keiten aufweisen. Und tatsächlich lassen sich menschheitsübergreifend ähnliche Traditionen und Techniken der Bewusst seinsveränderung beziehungsweise -erweiterung feststellen. Ausgehend von den als ubiquitär anzunehmenden, den Men schen beschäftigenden existenziellen Sinn fragen nach dem Woher, Warum, Wie und Wohin, erscheinen auch die entsprechen den Denkprozesse menschheitsübergrei fend Ähnlichkeiten aufzuweisen. So erfor dern lösungsorientierte Denkvorgänge meist eine selbstgewählte Separierung von 31
IL LU S IO N U N D W A H R H E IT, E R K E N N T N IS U N D E R L E U C H T U N G Mandalas als Teil der Traditionen menschlicher Bewusstseinserweiterung
Gegenüber: USA, Kalifornien, Los Angeles, Hollywood: Hiromu Kira Der Denker Ca. 1930 Getönter Bromiddruck auf schwarzem Papier, 26,6 x 33 cm BA, 18.4.2015, Los 33 Der Mandala-ähnlich wirkende, Grenzenlosigkeit suggerierende Ausschnitt aus der Struktur des Mulholland-Damms scheint dem japanischen, in den USA lebenden Fotografen naheliegend er schienen zu sein, um den Eindruck von überwäl tigender, durchaus auch mit Abgrund drohender, existentialistischer Sinnkrise (seiner eigenen?) eines einsamen, in einer ihm fremden Umwelt sich verloren fühlenden Menschen zu inszenieren.
Ein Mandala als Ausdruck einer visionären Schau und gleichzeitig auch als Hilfsmittel zur Erlangung eben jener visionären Zu stände zu verstehen setzt es in Beziehung zu den vielfältigen Traditionen, mittels derer Menschen seit jeher versucht haben, ihr Bewusstsein zu erweitern und Er kenntnis über den Sinn der Existenz und die Beschaffenheit der Welt zu erlangen. Ein Mandala ist eine visuelle Darstellung eines als wesentlich erachteten Inhalts, der der Fokussierung bedarf, der Kon zentration auf einen zentralen Punkt. Mitunter wird der Weg dorthin, die not wendigerweise einzuschlagende Entwick lung, ebenfalls im Mandala – zum Beispiel in dessen äußeren Bereichen – themati siert und dargestellt. Reziprok kann man die äußeren Bereiche aber auch als Aus strahlung des Zentrums verstehen und damit eben auch als Hilfsmittel mittels derer zum Zentrum gelangt werden kann. Somit imponiert das gezeichnete Mandala als visuelle Darstellung dieses geistig durchgeführten Prozesses. Doch kann ein solcher Prozess auch in körperlicher Form inszeniert werden, zum Beispiel mittels einer Gehmeditation, einer Umwandlung oder eines Tanzes. Auch entsprechend gestaltete Ritualinszenierungen und nach speziellen Plänen errichtete Gebäude finden als dreidimensionale Medien zum Erkenntnisgewinn Verwendung. All jene Kreationen zielen auf eine Be wusstseinsveränderung innerhalb der mit ihnen konfrontierten Betrachtern oder Teilnehmenden ab und sind gleicher maßen Ausdruck der Traditionen, denen
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sie entspringen und an deren Anfang eine entsprechende Erfahrung beziehungsweise Vorstellung, respektive Ahnung, stand. Dabei ist es interessant zu vermerken, wie ähnlich die Bildsprache ist, die Menschen unterschiedlichster kultureller Traditionen verwenden, um ihren mitunter visionär gemachten Erfahrungen Ausdruck zu ver leihen. Hier ist insbesondere die Symbol ebene zu nennen, derer sich bedient wird, um etwas zu vergegenwärtigen, was über das tatsächlich Evidente hinausgeht und rein rational nicht unbedingt erklärt wer den kann (ausführlich siehe Zimmermann 2015). Techniken zur Veränderung des Bewusstseins Die Vermutung liegt nahe, dass diesen ähnlichen Ausdrucksformen möglicher weise auch ähnliche Erfahrungen zu Grunde liegen könnten, was dafür spräche, dass auch die Bewusstseinszustände, in nerhalb derer sie entstanden und deren unmittelbarer Ausdruck sie sind, Ähnlich keiten aufweisen. Und tatsächlich lassen sich menschheitsübergreifend ähnliche Traditionen und Techniken der Bewusst seinsveränderung beziehungsweise -erweiterung feststellen. Ausgehend von den als ubiquitär anzunehmenden, den Men schen beschäftigenden existenziellen Sinn fragen nach dem Woher, Warum, Wie und Wohin, erscheinen auch die entsprechen den Denkprozesse menschheitsübergrei fend Ähnlichkeiten aufzuweisen. So erfor dern lösungsorientierte Denkvorgänge meist eine selbstgewählte Separierung von 31
Deutschland/Frankreich, Isenheim/Colmar: Matthias Neithart Gothart, genannt Grünewald Isenheimer Altar: Die Versuchung des Einsiedlers Antonius 1512–16 Mischtechnik auf Holz, ca. 269 cm x 150 cm MUC Foto: Peter van Ham
Oben: Frankreich, Paris: Jules Bastien-Lepage Johanna von Orléans (Ausschnitt) 1879 Öl auf Leinwand, 254 x 279,4 cm MMANY, Geschenk von E. Davis, 89.21.1 Der Moment Johannas erster Erscheinung ist hier meisterhaft in Form der Spiegelung des (gött lichen) Lichts in den Augen des Mädchens ein gefangen. So wie Entbehrung, Krankheit und Schmerzen als ursächlich mit den Erscheinungen der großen Religionsstifter wie auch von vielen Visionärinnen und Visionären des Mittelalters in Verbindung gebracht worden ist, hat man in jüngerer Zeit auch bei Johanna von Orléans ver sucht, anhand der überlieferten Gerichtsprotokol le eine hirnorganische Diagnose für ihre Visionen zu stellen. Nach dieser litt sie wohl unter einer Temporallappenepilepsie mit ekstatischen Auren (Sacks 2013, 183; d’Orsi & Tinuper 2016).
42
Antonius »der Eremit« führte im 3. Jahrhundert ein asketisches Leben in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste. Ausgelöst wahrscheinlich durch mit Mutterkornpilz kontaminiertes Brot, suchten ihn quälende Visionen und Halluzinatio nen heim, die er als Versuchungen des Teufels, von seinem gottergebenen und enthaltsamen Leben abzulassen, deutete. Die nach ihm als »Antoniusfeuer« bzw. »Heiliges Feuer« benannte Krankheit war im gesamten Mittelalter stark verbreitet. Dem Erststadium der Halluzinationen folgten Krämpfe und Nekrosen an den Glied maßen (Figur vorne links), die nicht selten amputiert werden mussten. Die kranken pf legenden Mönche des Antoniter-Ordens zeigten den Patienten den Isenheimer Altar, setzten sie auf getreidefreie Diät mit Wein und Heilkräutern, die mit den Reliquien des Antonius in Berührung gebracht wurden, und behandelten die Wunden mit »Antonius-Balsam«, ein Heilmittel mit ge heim gehaltener Rezeptur, das neben tierischen und mineralischen Stoffen 14 Medizinalpf lanzen enthielt, die alle auf dem Altarbildnis dargestellt sind (Kühn 1948).
Gegenüber: Frankreich, Paris Demeter (Ceres), Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit 19. Jh. Bronze, 37,5 x 21 cm Foto: CCA Psychotrope Substanzen rituell einzusetzen hat auch in Europa eine lange Tradition. Zu den an lässlich der Ernte in Eleusis bei Athen durchge führten, kulturell für das antike Griechenland über Jahrhunderte zentralen Einweihungen in die Mysterien des Lebens (Demeter) wurde nach einer Fastenperiode ein Trank namens Kykeon aus Frauenminze (Hedeoma pulegioides) und wohl mit Mutterkorn (Secale cornutum) kontaminierter Gerste gereicht. Mit Pottasche alkalisch reagie rend, entfaltet der Trank seine halluzinogene Wirkung (Gross et al. 2018, 37–46). Diesen inten siven Erfahrungen konnten sich auch verbürgt teilgenommen habende Persönlichkeiten wie Sokrates, Aristoteles und Platon nicht entziehen, was die Postulate des letzteren zu geometrischen Formen als Zugänge zum Göttlichen in einem wesentlich anderen Licht erscheinen lässt.
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Deutschland/Frankreich, Isenheim/Colmar: Matthias Neithart Gothart, genannt Grünewald Isenheimer Altar: Die Versuchung des Einsiedlers Antonius 1512–16 Mischtechnik auf Holz, ca. 269 cm x 150 cm MUC Foto: Peter van Ham
Oben: Frankreich, Paris: Jules Bastien-Lepage Johanna von Orléans (Ausschnitt) 1879 Öl auf Leinwand, 254 x 279,4 cm MMANY, Geschenk von E. Davis, 89.21.1 Der Moment Johannas erster Erscheinung ist hier meisterhaft in Form der Spiegelung des (gött lichen) Lichts in den Augen des Mädchens ein gefangen. So wie Entbehrung, Krankheit und Schmerzen als ursächlich mit den Erscheinungen der großen Religionsstifter wie auch von vielen Visionärinnen und Visionären des Mittelalters in Verbindung gebracht worden ist, hat man in jüngerer Zeit auch bei Johanna von Orléans ver sucht, anhand der überlieferten Gerichtsprotokol le eine hirnorganische Diagnose für ihre Visionen zu stellen. Nach dieser litt sie wohl unter einer Temporallappenepilepsie mit ekstatischen Auren (Sacks 2013, 183; d’Orsi & Tinuper 2016).
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Antonius »der Eremit« führte im 3. Jahrhundert ein asketisches Leben in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste. Ausgelöst wahrscheinlich durch mit Mutterkornpilz kontaminiertes Brot, suchten ihn quälende Visionen und Halluzinatio nen heim, die er als Versuchungen des Teufels, von seinem gottergebenen und enthaltsamen Leben abzulassen, deutete. Die nach ihm als »Antoniusfeuer« bzw. »Heiliges Feuer« benannte Krankheit war im gesamten Mittelalter stark verbreitet. Dem Erststadium der Halluzinationen folgten Krämpfe und Nekrosen an den Glied maßen (Figur vorne links), die nicht selten amputiert werden mussten. Die kranken pf legenden Mönche des Antoniter-Ordens zeigten den Patienten den Isenheimer Altar, setzten sie auf getreidefreie Diät mit Wein und Heilkräutern, die mit den Reliquien des Antonius in Berührung gebracht wurden, und behandelten die Wunden mit »Antonius-Balsam«, ein Heilmittel mit ge heim gehaltener Rezeptur, das neben tierischen und mineralischen Stoffen 14 Medizinalpf lanzen enthielt, die alle auf dem Altarbildnis dargestellt sind (Kühn 1948).
Gegenüber: Frankreich, Paris Demeter (Ceres), Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit 19. Jh. Bronze, 37,5 x 21 cm Foto: CCA Psychotrope Substanzen rituell einzusetzen hat auch in Europa eine lange Tradition. Zu den an lässlich der Ernte in Eleusis bei Athen durchge führten, kulturell für das antike Griechenland über Jahrhunderte zentralen Einweihungen in die Mysterien des Lebens (Demeter) wurde nach einer Fastenperiode ein Trank namens Kykeon aus Frauenminze (Hedeoma pulegioides) und wohl mit Mutterkorn (Secale cornutum) kontaminierter Gerste gereicht. Mit Pottasche alkalisch reagie rend, entfaltet der Trank seine halluzinogene Wirkung (Gross et al. 2018, 37–46). Diesen inten siven Erfahrungen konnten sich auch verbürgt teilgenommen habende Persönlichkeiten wie Sokrates, Aristoteles und Platon nicht entziehen, was die Postulate des letzteren zu geometrischen Formen als Zugänge zum Göttlichen in einem wesentlich anderen Licht erscheinen lässt.
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Indien, Himachal Pradesh, Naggar: Nicholas Roerich
Indien, Himachal Pradesh, Naggar: Nicholas Roerich
Mohammed auf dem Berg Hir ā
Dorje, der Kühne
1925 Tempera auf Leinwand, 73,6 x 117 cm SBGH
1925 Tempera auf Leinwand, 75 x 117 cm NRMNY
Foto: Peter van Ham
Foto: Peter van Ham
Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Thema »Die großen geistigen Lehrer der Mensch heit« widmete sich der russische mystisch-visio näre Maler Roerich unter anderem Mohammed, Jesus, Buddha und auch tibetischen Meistern (Decter 1989, 148–159). Der Überlieferung nach soll Mohammed auf dem Berg Hirā nordöstlich von Mekka seine erste Offenbarung empfangen haben, als er sich einen Monat lang zur Einkehr, verbunden mit Fasten und Meditation, hierher zurückzog. Der Berg wird seither als Dschabal an-Nūr, »Berg des Lichts«, verehrt.
Yungton Dorje Pel war ein hoher tibetischer Lama und tantrischer Meister des 13. Jahrhunderts, der auch auf tibetischen Thangkas stets in Auseinan dersetzung mit Mahakala, dem Hüter der Weis heit, dargestellt wird. Dessen symbolische Be deutung steht für die Überwindung der Ängste – Voraussetzung für das Erlangen von um fassender Erkenntnis der Weltzusammenhänge (Erleuchtung).
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Indien, Himachal Pradesh, Naggar: Nicholas Roerich
Indien, Himachal Pradesh, Naggar: Nicholas Roerich
Mohammed auf dem Berg Hir ā
Dorje, der Kühne
1925 Tempera auf Leinwand, 73,6 x 117 cm SBGH
1925 Tempera auf Leinwand, 75 x 117 cm NRMNY
Foto: Peter van Ham
Foto: Peter van Ham
Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Thema »Die großen geistigen Lehrer der Mensch heit« widmete sich der russische mystisch-visio näre Maler Roerich unter anderem Mohammed, Jesus, Buddha und auch tibetischen Meistern (Decter 1989, 148–159). Der Überlieferung nach soll Mohammed auf dem Berg Hirā nordöstlich von Mekka seine erste Offenbarung empfangen haben, als er sich einen Monat lang zur Einkehr, verbunden mit Fasten und Meditation, hierher zurückzog. Der Berg wird seither als Dschabal an-Nūr, »Berg des Lichts«, verehrt.
Yungton Dorje Pel war ein hoher tibetischer Lama und tantrischer Meister des 13. Jahrhunderts, der auch auf tibetischen Thangkas stets in Auseinan dersetzung mit Mahakala, dem Hüter der Weis heit, dargestellt wird. Dessen symbolische Be deutung steht für die Überwindung der Ängste – Voraussetzung für das Erlangen von um fassender Erkenntnis der Weltzusammenhänge (Erleuchtung).
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England, Cornwall, Tintagel, Rocky Valley Labyrinth Ca. 18. Jh. Foto: SiGarb (CCA) Auf einem Felsen, der möglicherweise schon seit der frühen Bronzezeit (1800–1400 v. Chr.) mit dem Motiv des Labyrinths versehen worden war, finden sich zwei ebenso archaisch anmutende, doch wohl erst im 18. Jahrhundert mit Metall instrumenten hergestellte Labyrinthritzungen.
Indien, Karnataka, Halebid, Hoysaleshwara-Tempel Abhimanyu betritt das Chakravyuha 12. Jh. Speckstein Foto: Bilby (CCA) Im indischen Mahabharata-Epos (ca. 9. Jh. v. Chr.) dringt der Held Abhimanyu in die als Laby rinth gestaltete Kriegsformation seiner Feinde ein. Dabei nimmt die Streitkraft der Armee nach jeder Biegung des Labyrinths zu. Symbolisch ist dies als die Zunahme der Schwierigkeiten im fortschreitenden Erkenntnisprozess zu verstehen.
Gegenüber: Frankreich, Chartres, Aisne Bodenlabyrinth in Notre Dame 12. Jh. Foto: CCA Chartres besitzt das größte Labyrinth in einer französischen Kirche und eines der wenigen ori ginal aus der Gotik erhaltenen. Es weist einen Durchmesser von etwa 12,5 Meter und eine Weg länge von 261,55 Meter auf. Im Zusammenhang mit der himmelwärts strebenden und durch die Rosenfenster lichtdurchf lutete Architektur wird die Symbolik des Labyrinths als weltliche Suche nach der Mitte mit anschließendem Blick »him melwärts«, zum Universalen, Allumfassenden, besonders deutlich.
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England, Cornwall, Tintagel, Rocky Valley Labyrinth Ca. 18. Jh. Foto: SiGarb (CCA) Auf einem Felsen, der möglicherweise schon seit der frühen Bronzezeit (1800–1400 v. Chr.) mit dem Motiv des Labyrinths versehen worden war, finden sich zwei ebenso archaisch anmutende, doch wohl erst im 18. Jahrhundert mit Metall instrumenten hergestellte Labyrinthritzungen.
Indien, Karnataka, Halebid, Hoysaleshwara-Tempel Abhimanyu betritt das Chakravyuha 12. Jh. Speckstein Foto: Bilby (CCA) Im indischen Mahabharata-Epos (ca. 9. Jh. v. Chr.) dringt der Held Abhimanyu in die als Laby rinth gestaltete Kriegsformation seiner Feinde ein. Dabei nimmt die Streitkraft der Armee nach jeder Biegung des Labyrinths zu. Symbolisch ist dies als die Zunahme der Schwierigkeiten im fortschreitenden Erkenntnisprozess zu verstehen.
Gegenüber: Frankreich, Chartres, Aisne Bodenlabyrinth in Notre Dame 12. Jh. Foto: CCA Chartres besitzt das größte Labyrinth in einer französischen Kirche und eines der wenigen ori ginal aus der Gotik erhaltenen. Es weist einen Durchmesser von etwa 12,5 Meter und eine Weg länge von 261,55 Meter auf. Im Zusammenhang mit der himmelwärts strebenden und durch die Rosenfenster lichtdurchf lutete Architektur wird die Symbolik des Labyrinths als weltliche Suche nach der Mitte mit anschließendem Blick »him melwärts«, zum Universalen, Allumfassenden, besonders deutlich.
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Mexiko, Chimayó; Deutschland Menschliches Auge und Sonnenhalo (22°) 2018 Fotos: CCA, Suzanne Birell Jones (CCA) »Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn nun dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib voll Licht sein.« Jesus in der Bergpredigt (Mt. 6, 22) (Zürcher Bibelübersetzung 1931)
Nach Platon ähnelt das Auge der Sonne (Rehn 2003). Es verkörpert Helligkeit, Licht, Hellsichtig keit und Geist und gilt als menschlicher Eintritts ort der Erleuchtung. Dieser Vorstellung sehr ähn lich wird in Tibet das Auftreten sogenannter Sonnenhalos beim Tod eines Menschen als glücksverheißend in Bezug auf dessen Wieder geburt in einem Paradies oder sogar als Eintritt ins Nirvana angesehen – der Mensch hat die Augen geschlossen, die Sonne bezeugt die An nahme des frei gewordenen Bewusstseins und dessen Erreichen des Zwischenzustands zwischen Tod und Wiedergeburt.
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Tibet
Tibet
Padmasambhava im Zustand des Regenbogen körpers
Mandala der 42 friedvollen Götter des Bardo (Śânta-mandala)
18. Jh. Gouache auf Leinwand
Ca. 19.Jh. Pigmente und Gold auf Leinwand, 71 x 48 cm MOKK, A 77,7
Foto: CCA Der indische Heilige, der den Buddhismus im 8. Jahrhundert in Tibet etablierte, brachte auch die Praxis des Regenbogenkörpers mit – die Projektion der wahren, ursprünglichen Natur des menschlichen Bewusstseins außerhalb der körperlichen Hülle. Als Zeichen der Erleuchtung wird sie als Beispiel für nachfolgende Genera tionen auch im Moment des Todes präsentiert und soll dann einhergehen mit der Fortführung körperlicher Aktivität auch nach dem Tod (Lewis 2020).
Foto: Peter van Ham Laut Tibetischem Totenbuch begegnen dem Ver storbenen im Bardo, dem Zwischenreich zwi schen Tod und Wiedergeburt, ref lektorisch sanfte und zornvolle Verkörperungen von Weisheits formen. Sie spiegeln Aspekte der vom Verstorbe nen zu dessen Lebzeiten entwickelten Bewusst seinsstufe wider, die über dessen Wiedergeburt entscheidet. Auf dieser Thangka sind die sanften Erscheinungen des ersten bis siebten Tages des Zwischenzustands abg ebildet. Sie sind alle von kreisrunden Sonnenhalos umgeben und verkör pern so die Weiterführung der regenbogenartigen Lichtnatur des Bewusstseins des Verstorbenen auch nach dem Tod (Goepper & Thingo 1974, 34).
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Mexiko, Chimayó; Deutschland Menschliches Auge und Sonnenhalo (22°) 2018 Fotos: CCA, Suzanne Birell Jones (CCA) »Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn nun dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib voll Licht sein.« Jesus in der Bergpredigt (Mt. 6, 22) (Zürcher Bibelübersetzung 1931)
Nach Platon ähnelt das Auge der Sonne (Rehn 2003). Es verkörpert Helligkeit, Licht, Hellsichtig keit und Geist und gilt als menschlicher Eintritts ort der Erleuchtung. Dieser Vorstellung sehr ähn lich wird in Tibet das Auftreten sogenannter Sonnenhalos beim Tod eines Menschen als glücksverheißend in Bezug auf dessen Wieder geburt in einem Paradies oder sogar als Eintritt ins Nirvana angesehen – der Mensch hat die Augen geschlossen, die Sonne bezeugt die An nahme des frei gewordenen Bewusstseins und dessen Erreichen des Zwischenzustands zwischen Tod und Wiedergeburt.
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Tibet
Tibet
Padmasambhava im Zustand des Regenbogen körpers
Mandala der 42 friedvollen Götter des Bardo (Śânta-mandala)
18. Jh. Gouache auf Leinwand
Ca. 19.Jh. Pigmente und Gold auf Leinwand, 71 x 48 cm MOKK, A 77,7
Foto: CCA Der indische Heilige, der den Buddhismus im 8. Jahrhundert in Tibet etablierte, brachte auch die Praxis des Regenbogenkörpers mit – die Projektion der wahren, ursprünglichen Natur des menschlichen Bewusstseins außerhalb der körperlichen Hülle. Als Zeichen der Erleuchtung wird sie als Beispiel für nachfolgende Genera tionen auch im Moment des Todes präsentiert und soll dann einhergehen mit der Fortführung körperlicher Aktivität auch nach dem Tod (Lewis 2020).
Foto: Peter van Ham Laut Tibetischem Totenbuch begegnen dem Ver storbenen im Bardo, dem Zwischenreich zwi schen Tod und Wiedergeburt, ref lektorisch sanfte und zornvolle Verkörperungen von Weisheits formen. Sie spiegeln Aspekte der vom Verstorbe nen zu dessen Lebzeiten entwickelten Bewusst seinsstufe wider, die über dessen Wiedergeburt entscheidet. Auf dieser Thangka sind die sanften Erscheinungen des ersten bis siebten Tages des Zwischenzustands abg ebildet. Sie sind alle von kreisrunden Sonnenhalos umgeben und verkör pern so die Weiterführung der regenbogenartigen Lichtnatur des Bewusstseins des Verstorbenen auch nach dem Tod (Goepper & Thingo 1974, 34).
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D e r L o to s : A u f s tie g z u r R e in he it »Om mani padme hum Ich verneige mich vor der wahren Natur meines Seins, die einem Lotos aus Juwelen gleicht, und gelobe, diese zu verwirklichen.« Buddhistisches Mantra
Keine Pflanze hat den Menschen in Asien tiefsinnigere Gedanken entlockt als der Lotos (Nelumbo nucifera). Aufgrund seines Wuchses hervor aus dem schlammigen Teichunter grund und seines Hinaufsteigens an die Oberfläche, wo er, allen Schmutz von sich ab perlen lassend, im Licht erblüht, wird der Lotos als Symbol absoluter Reinheit und seine geöffnete Blüte als Symbol spiritueller Erfüllung verstanden. Im Buddhismus steht der Lotos für die wahre Natur, die »Buddhanatur« des Menschen, die unabhängig von der – trüben – Welt der vergänglichen und daher täuschenden Erscheinungen ist und sich über diese hinweg zur absoluten Erleuchtung entwickelt. In den bildlichen Darstellungen des Hinduismus und des Buddhismus ist der Lotos stets der Thron, auf dem eine Gott heit sitzt. Das göttliche Bewusstsein, das diese verkörpert, ist in der Lotosblume enthal ten und kann sich, so wie die Blüte sich öffnet, dem Menschen eröffnen (Ronnberg 2011, 158). Gegenüber:
Indien, Tibet Kailash, der kristallene Lotos – Zentrum des Universums Foto: Tenzin Dorje Gemäß der hinduistischen, jainistischen und buddhistischen Kosmogonie bildet der Berg Meru den Weltenberg, der als das Zentrum des Univer sums angesehen wird. Seine irdische Repräsen tanz ist der 6.638 m hohe Kailash im Westen Ti bets. Er wird als Spender des Lebens angesehen, da in seinem Umfeld in alle vier Himmelsrich tungen, den Blütenblättern eines Lotos gleich, vier der größten Flüsse Asiens entspringen. Gleichzeitig wird er, wie einst der Olymp in Grie chenland, als Sitz der Götter verehrt. Ein Aufstieg von den Tiefebenen Indiens und Nepals oder den tieferen Regionen Tibets zur umwandelnden Pil gerfahrt um den »kristallenen Lotos«, wie der Kailash auch genannt wird, und entlang seiner vorgelagerten Seen gleicht, wie eine Mandala-Me ditation, einer geistigen Läuterung, von der man glaubt, dass sie zur Erleuchtung führen könne (Varma 1986, 10).
Indien, Maharashtra, Ellora Kailashanath Tempel 8. Jh. Foto: Ak ant007 (CCA)
Architektonisch eifern in Indien mehrere Tempel, wie jener von Ellora, der Bedeutung des Kailash und des heiligen Himalayas nach (Var ma 1986, 21, 22). 78
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D e r L o to s : A u f s tie g z u r R e in he it »Om mani padme hum Ich verneige mich vor der wahren Natur meines Seins, die einem Lotos aus Juwelen gleicht, und gelobe, diese zu verwirklichen.« Buddhistisches Mantra
Keine Pflanze hat den Menschen in Asien tiefsinnigere Gedanken entlockt als der Lotos (Nelumbo nucifera). Aufgrund seines Wuchses hervor aus dem schlammigen Teichunter grund und seines Hinaufsteigens an die Oberfläche, wo er, allen Schmutz von sich ab perlen lassend, im Licht erblüht, wird der Lotos als Symbol absoluter Reinheit und seine geöffnete Blüte als Symbol spiritueller Erfüllung verstanden. Im Buddhismus steht der Lotos für die wahre Natur, die »Buddhanatur« des Menschen, die unabhängig von der – trüben – Welt der vergänglichen und daher täuschenden Erscheinungen ist und sich über diese hinweg zur absoluten Erleuchtung entwickelt. In den bildlichen Darstellungen des Hinduismus und des Buddhismus ist der Lotos stets der Thron, auf dem eine Gott heit sitzt. Das göttliche Bewusstsein, das diese verkörpert, ist in der Lotosblume enthal ten und kann sich, so wie die Blüte sich öffnet, dem Menschen eröffnen (Ronnberg 2011, 158). Gegenüber:
Indien, Tibet Kailash, der kristallene Lotos – Zentrum des Universums Foto: Tenzin Dorje Gemäß der hinduistischen, jainistischen und buddhistischen Kosmogonie bildet der Berg Meru den Weltenberg, der als das Zentrum des Univer sums angesehen wird. Seine irdische Repräsen tanz ist der 6.638 m hohe Kailash im Westen Ti bets. Er wird als Spender des Lebens angesehen, da in seinem Umfeld in alle vier Himmelsrich tungen, den Blütenblättern eines Lotos gleich, vier der größten Flüsse Asiens entspringen. Gleichzeitig wird er, wie einst der Olymp in Grie chenland, als Sitz der Götter verehrt. Ein Aufstieg von den Tiefebenen Indiens und Nepals oder den tieferen Regionen Tibets zur umwandelnden Pil gerfahrt um den »kristallenen Lotos«, wie der Kailash auch genannt wird, und entlang seiner vorgelagerten Seen gleicht, wie eine Mandala-Me ditation, einer geistigen Läuterung, von der man glaubt, dass sie zur Erleuchtung führen könne (Varma 1986, 10).
Indien, Maharashtra, Ellora Kailashanath Tempel 8. Jh. Foto: Ak ant007 (CCA)
Architektonisch eifern in Indien mehrere Tempel, wie jener von Ellora, der Bedeutung des Kailash und des heiligen Himalayas nach (Var ma 1986, 21, 22). 78
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Afrika, Demokratische Republik Kongo, Ituri: Efé Abani (Osani) USA, Utah, Grand Staircase – Escalante National Monument: Anasazi (?) Felsbildnis Kanada, British Columbia, Skeena River, Kitwancool: Gitksan Der Ort der Öffnung Fotos: Jean-Pierre Hallet, ca. 1955/connec tingdotz.com; CCA; Kent Sedgwick, 1978 Die Kinder der Efé-Pygmäen-Gemeinschaft bilden mit ihren Füßen einen Kreis. Jedes von ihnen be nennt ein rundes Objekt, wie z. B. die Sonne, den Mond, einen Stern, eine Frucht, ein Auge etc. Wenn sich ihr Wissen über runde Objekte erschöpft hat, beginnen sie mit bildlichen Ausdrücken wie »Der Kreis der Familie«, ein »vollständiger Regenbogen«, »Zusammengehörigkeit«, ein »Baby im Mutterleib«, ein »Ei des Lebens« etc. (...) Jedes Mal, wenn einem Kind kein »Abani« mehr einfällt, wird es für »tot« erklärt und scheidet aus dem Spiel aus. Der letzte »lebende« Pygmäe, so der Ausblick des Spielendes, wird bald heiraten und bringt die »besten Eier des Lebens« hervor (...). Abani dient seinen Mitspielern zur Schulung des Gemeinschaftsbewusstsein, des Sprachschatzes und der Sensibilität (Fassberg 2004). Nahezu identisch erscheinende Arrangements, je doch gebildet von Gruppenangehörigen allen Alters, haben sich als Felszeichnung der Anasazi und To tempole-Schnitzerei der Gitksan erhalten.
Südamerika, Brasilien, Mato Grosso, Xingú: Yanomani Das Yanomani-Runddorf Kamayurá Foto: Unbek annt
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Afrika, Demokratische Republik Kongo, Ituri: Efé Abani (Osani) USA, Utah, Grand Staircase – Escalante National Monument: Anasazi (?) Felsbildnis Kanada, British Columbia, Skeena River, Kitwancool: Gitksan Der Ort der Öffnung Fotos: Jean-Pierre Hallet, ca. 1955/connec tingdotz.com; CCA; Kent Sedgwick, 1978 Die Kinder der Efé-Pygmäen-Gemeinschaft bilden mit ihren Füßen einen Kreis. Jedes von ihnen be nennt ein rundes Objekt, wie z. B. die Sonne, den Mond, einen Stern, eine Frucht, ein Auge etc. Wenn sich ihr Wissen über runde Objekte erschöpft hat, beginnen sie mit bildlichen Ausdrücken wie »Der Kreis der Familie«, ein »vollständiger Regenbogen«, »Zusammengehörigkeit«, ein »Baby im Mutterleib«, ein »Ei des Lebens« etc. (...) Jedes Mal, wenn einem Kind kein »Abani« mehr einfällt, wird es für »tot« erklärt und scheidet aus dem Spiel aus. Der letzte »lebende« Pygmäe, so der Ausblick des Spielendes, wird bald heiraten und bringt die »besten Eier des Lebens« hervor (...). Abani dient seinen Mitspielern zur Schulung des Gemeinschaftsbewusstsein, des Sprachschatzes und der Sensibilität (Fassberg 2004). Nahezu identisch erscheinende Arrangements, je doch gebildet von Gruppenangehörigen allen Alters, haben sich als Felszeichnung der Anasazi und To tempole-Schnitzerei der Gitksan erhalten.
Südamerika, Brasilien, Mato Grosso, Xingú: Yanomani Das Yanomani-Runddorf Kamayurá Foto: Unbek annt
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Deutschland, Trier
Frankreich/Flandern, Thérouanne (?)
Christus als Weltenherrscher
Der heilige Meinrad, Einsiedler des finsteren Waldes (?)
Speyerer Evangelistar (Codex Bruchsal 1), FOL. 1v Ca. 1220 Pigmente und Gold auf Pergament, 33,2 x 25,3 cm BLBK, 31-38284 (CCA) Christus erscheint aus der Vesica, thronend als Weltenherrscher, und verkündet die Wahrheit – die mit ihm begründete neue Weltordnung/entstehung mittels der vier von ihm aus in den Ordinalrichtungen platzierten, symbolisch dar gestellten Evangelisten.
Nach 1277 Tempera, Pigmente und Tinte, Blattgold und Goldfarbe auf Pergament, 23,3 x 16,4 cm GMLA, Ms. Ludwig XV 4 (83.MR.174), fol. 17 (CCA) Die Bedeutung dieser Illustration aus einem »Wunderbuch« ist nicht überliefert. Es könnte sich jedoch um den heiligen Meinrad handeln, einen Benediktinermönch, der im 9. Jahrhundert südlich des Zürichsees als Einsiedler lebte. Der Legende nach soll er, ähnlich wie Franz von Assisi, ein solch inniges Verhältnis zur von Gott durchdrungenen Natur gehabt haben, dass die Raben, die er in seiner Einsamkeit aufzog, nach seinem gewaltsamen Tod dabei halfen, seinen Mörder zu identifizieren.
Frankreich, Poitiers, Radegundiskirche, Apsisdecke Christus als Weltenherrscher Spätes 11.–14. Jh. Wandmalerei Foto: Anke von der Hagen Das Motiv von Christus als Weltenherrscher, aus der Vesica erscheinend mit den vier in den Ordi nalrichtungen platzierten Evangelisten wird um eine Reihe von Bilddarstellungen erweitert, in der sich Maria mit dem Jesuskind f lankiert von zwei Engeln sowie die heilige Radegundis, zwei Or densfrauen sowie drei Könige finden.
Gegenüber: Deutschland, Bingen, Abtei Rupertsberg: Hildegard von Bingen Der Makrokosmos Liber Scivias (»Wisse die Wege«), 4, fol. 14 (Vision I, 3) 12. Jh. / Abschrift 1927–33 Pigmente auf Pergament Foto: CCA In dieser wuchtigen Visionsdarstellung von der Entstehung der Welt scheinen deren Bestandteile – die Elemente, die Winde, die Gestirne, die Erde – wie aus einem Geburtskanal hervorzudrängen (Saurma-Jeltsch 1998, 49–57).
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Deutschland, Trier
Frankreich/Flandern, Thérouanne (?)
Christus als Weltenherrscher
Der heilige Meinrad, Einsiedler des finsteren Waldes (?)
Speyerer Evangelistar (Codex Bruchsal 1), FOL. 1v Ca. 1220 Pigmente und Gold auf Pergament, 33,2 x 25,3 cm BLBK, 31-38284 (CCA) Christus erscheint aus der Vesica, thronend als Weltenherrscher, und verkündet die Wahrheit – die mit ihm begründete neue Weltordnung/entstehung mittels der vier von ihm aus in den Ordinalrichtungen platzierten, symbolisch dar gestellten Evangelisten.
Nach 1277 Tempera, Pigmente und Tinte, Blattgold und Goldfarbe auf Pergament, 23,3 x 16,4 cm GMLA, Ms. Ludwig XV 4 (83.MR.174), fol. 17 (CCA) Die Bedeutung dieser Illustration aus einem »Wunderbuch« ist nicht überliefert. Es könnte sich jedoch um den heiligen Meinrad handeln, einen Benediktinermönch, der im 9. Jahrhundert südlich des Zürichsees als Einsiedler lebte. Der Legende nach soll er, ähnlich wie Franz von Assisi, ein solch inniges Verhältnis zur von Gott durchdrungenen Natur gehabt haben, dass die Raben, die er in seiner Einsamkeit aufzog, nach seinem gewaltsamen Tod dabei halfen, seinen Mörder zu identifizieren.
Frankreich, Poitiers, Radegundiskirche, Apsisdecke Christus als Weltenherrscher Spätes 11.–14. Jh. Wandmalerei Foto: Anke von der Hagen Das Motiv von Christus als Weltenherrscher, aus der Vesica erscheinend mit den vier in den Ordi nalrichtungen platzierten Evangelisten wird um eine Reihe von Bilddarstellungen erweitert, in der sich Maria mit dem Jesuskind f lankiert von zwei Engeln sowie die heilige Radegundis, zwei Or densfrauen sowie drei Könige finden.
Gegenüber: Deutschland, Bingen, Abtei Rupertsberg: Hildegard von Bingen Der Makrokosmos Liber Scivias (»Wisse die Wege«), 4, fol. 14 (Vision I, 3) 12. Jh. / Abschrift 1927–33 Pigmente auf Pergament Foto: CCA In dieser wuchtigen Visionsdarstellung von der Entstehung der Welt scheinen deren Bestandteile – die Elemente, die Winde, die Gestirne, die Erde – wie aus einem Geburtskanal hervorzudrängen (Saurma-Jeltsch 1998, 49–57).
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Indien, Manipur, Maklang Ruinen des Forts von Bihu Loukon Datierung ungewiss Lehm, Mauerhöhe 4,5 x 1,5 m, Fläche ca. 2,5 ha Foto: Google Earth (CCA) In der Form nur mit französischen und japani schen Militäranlagen des 17. und 19. Jahrhunderts vergleichbar, wurden die Ruinen erst 2013 aus der Luft entdeckt.
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Gegenüber: Italien, Parma/Fontanello: Franco Maria Ricci Labirinto della Masone 2015 200 verschiedene Bambusspezies, Fläche 7 ha Foto: Aerial Imaging Das weltgrößte Labyrinth besteht aus 200.000 Bambuspf lanzen. Der es durchmessende Weg ist über drei Kilometer lang. Aus der Luft zeigt sich sein dem Motiv des Doppelquadrats folgender Auf bau (Ricci 2013).
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Indien, Manipur, Maklang Ruinen des Forts von Bihu Loukon Datierung ungewiss Lehm, Mauerhöhe 4,5 x 1,5 m, Fläche ca. 2,5 ha Foto: Google Earth (CCA) In der Form nur mit französischen und japani schen Militäranlagen des 17. und 19. Jahrhunderts vergleichbar, wurden die Ruinen erst 2013 aus der Luft entdeckt.
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Gegenüber: Italien, Parma/Fontanello: Franco Maria Ricci Labirinto della Masone 2015 200 verschiedene Bambusspezies, Fläche 7 ha Foto: Aerial Imaging Das weltgrößte Labyrinth besteht aus 200.000 Bambuspf lanzen. Der es durchmessende Weg ist über drei Kilometer lang. Aus der Luft zeigt sich sein dem Motiv des Doppelquadrats folgender Auf bau (Ricci 2013).
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Schweiz, Wurmsbach: Schnitzer von Uznach, Zisterzienserinnen vom Kloster Maria Zell Der junge Jesus Um 1760 Holz, Seide, Farbe, Stroh, 50 x 17 cm HVMSG, G8434 Foto: Stefan Rasch Jesus, dargestellt im Alter von ca. zwölf Jahren, also zum Zeitpunkt seines Aufenthalts im Tempel von Jerusalem. Seinem Haupt entströmen drei aus Stroh gefertigte Lichtstrahlenbündel, seine Göttlichkeit symbolisierend. Erstaunlicherweise zieren sein Gewand Stickereien von Lotosblumen.
Italien, Venedig: Tintoretto Moses schlägt Wasser aus dem Felsen (Detail) Ca. 1555–70 Öl auf Leinwand, 118 x 182 cm SMF, 1521 Foto: Peter van Ham Als Zeichen seiner Erfülltheit vom Geiste Gottes ist das Haupt Mose nicht nur von einer zarten Lichtaura umgeben. Vielmehr bricht das Licht gar in Form von Strahlen aus ihm heraus.
Japan Amida (Detail) Ca. 18. Jh. Holz vergoldet, Kopf mit Aureole, 50 cm HVMSG, VK 0536 Foto: Stefan Rasch Dem Haupt des »Buddhas des grenzenlosen Lichts« entströmen feine Lichtstrahlen, die ge meinsam einen Kranz bilden.
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Schweiz, Wurmsbach: Schnitzer von Uznach, Zisterzienserinnen vom Kloster Maria Zell Der junge Jesus Um 1760 Holz, Seide, Farbe, Stroh, 50 x 17 cm HVMSG, G8434 Foto: Stefan Rasch Jesus, dargestellt im Alter von ca. zwölf Jahren, also zum Zeitpunkt seines Aufenthalts im Tempel von Jerusalem. Seinem Haupt entströmen drei aus Stroh gefertigte Lichtstrahlenbündel, seine Göttlichkeit symbolisierend. Erstaunlicherweise zieren sein Gewand Stickereien von Lotosblumen.
Italien, Venedig: Tintoretto Moses schlägt Wasser aus dem Felsen (Detail) Ca. 1555–70 Öl auf Leinwand, 118 x 182 cm SMF, 1521 Foto: Peter van Ham Als Zeichen seiner Erfülltheit vom Geiste Gottes ist das Haupt Mose nicht nur von einer zarten Lichtaura umgeben. Vielmehr bricht das Licht gar in Form von Strahlen aus ihm heraus.
Japan Amida (Detail) Ca. 18. Jh. Holz vergoldet, Kopf mit Aureole, 50 cm HVMSG, VK 0536 Foto: Stefan Rasch Dem Haupt des »Buddhas des grenzenlosen Lichts« entströmen feine Lichtstrahlen, die ge meinsam einen Kranz bilden.
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W e ltb ild e r im Ve rg le ic h: D ie S p it z e d e s B e w u s s ts e ins »Mystische Erfahrungen sind biologisch. Sie sind belegbar und wissenschaftlich real.« Andrew Newberg, Professor für Neurobiologie, Pennsylvania
In ihrer Lokalisierung der höchsten Bewusstseinsstufen gleichen sich viele Menschheits vorstellungen, indem sie diese stets in großen, schier unerreichbaren Höhen ansiedeln. Weilten Götter ursprünglich noch auf – verbotenen – Bergen wie dem griechischen Olymp oder dem tibetischen Kailash, so verzeichnen Kosmogramme sie später in äonen weit entfernten Regionen. Jene visionär erlangten Einsichten zeugen in ihrer Darstellung einerseits zwar von individueller kultureller Prägung, weisen aber andererseits eine gro ße Anzahl an übergreifenden Ähnlichkeiten auf, wie z. B. die höchsten Himmel noch ein mal erhöhende, beulen- oder lampenförmige Ausbuchtungen zur Symbolisierung des (aller-)höchsten Bewusstseins, deren verinnerlichte Erkenntnis dann am Abbild des Er leuchteten (Buddha) auf ähnliche bzw. gleiche Weise dargestellt wird.
Peru, Rio Ucayali Shipibo-Conibo Gesichtsbemalung 1990 Foto: Nach Gröning 1997, 65
Gegenüber: Peru, Rio Ucayali: Shipibo-Conibo Menschengefäss (Joni Chomo) (Detail) 20. Jh. Ton, bemalt, 65 x 50 cm MUT, E 281 Foto: Stefan Rasch
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W e ltb ild e r im Ve rg le ic h: D ie S p it z e d e s B e w u s s ts e ins »Mystische Erfahrungen sind biologisch. Sie sind belegbar und wissenschaftlich real.« Andrew Newberg, Professor für Neurobiologie, Pennsylvania
In ihrer Lokalisierung der höchsten Bewusstseinsstufen gleichen sich viele Menschheits vorstellungen, indem sie diese stets in großen, schier unerreichbaren Höhen ansiedeln. Weilten Götter ursprünglich noch auf – verbotenen – Bergen wie dem griechischen Olymp oder dem tibetischen Kailash, so verzeichnen Kosmogramme sie später in äonen weit entfernten Regionen. Jene visionär erlangten Einsichten zeugen in ihrer Darstellung einerseits zwar von individueller kultureller Prägung, weisen aber andererseits eine gro ße Anzahl an übergreifenden Ähnlichkeiten auf, wie z. B. die höchsten Himmel noch ein mal erhöhende, beulen- oder lampenförmige Ausbuchtungen zur Symbolisierung des (aller-)höchsten Bewusstseins, deren verinnerlichte Erkenntnis dann am Abbild des Er leuchteten (Buddha) auf ähnliche bzw. gleiche Weise dargestellt wird.
Peru, Rio Ucayali Shipibo-Conibo Gesichtsbemalung 1990 Foto: Nach Gröning 1997, 65
Gegenüber: Peru, Rio Ucayali: Shipibo-Conibo Menschengefäss (Joni Chomo) (Detail) 20. Jh. Ton, bemalt, 65 x 50 cm MUT, E 281 Foto: Stefan Rasch
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Sri Lanka, Matale-Distrikt, Dambulla, Grotte des Großkönigs Die Wahrheit manifestiert sich 11./12. Jh. Granit, bemalt, Höhle bis 7 m hoch Foto: J. K. Singh In einer visionsgeneriert-ornamental und mandalaf örmig gestalteten Höhlenumgebung sitzen Buddhas um einen zentralen Stupa herum gruppiert, dem Symbol der buddhistischen Wahrheit und Weisheit. So bedeuten sie Manifes tationen der buddhistischen Wahrheit, geistige Prinzipien zunächst, doch im Lauf der fortschrei tenden kosmischen Entwicklung eben auch Men schen, die von den kosmischen Prinzipien durch drungen sind.
271
Sri Lanka, Matale-Distrikt, Dambulla, Grotte des Großkönigs Die Wahrheit manifestiert sich 11./12. Jh. Granit, bemalt, Höhle bis 7 m hoch Foto: J. K. Singh In einer visionsgeneriert-ornamental und mandalaf örmig gestalteten Höhlenumgebung sitzen Buddhas um einen zentralen Stupa herum gruppiert, dem Symbol der buddhistischen Wahrheit und Weisheit. So bedeuten sie Manifes tationen der buddhistischen Wahrheit, geistige Prinzipien zunächst, doch im Lauf der fortschrei tenden kosmischen Entwicklung eben auch Men schen, die von den kosmischen Prinzipien durch drungen sind.
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Vorhergehende Doppelseite: Äthiopien, Lalibela
Mandala-Bauwerke Asiens: Philosophie im Raum
Haus des heiligen Georgs (Biete Giyorgis) 1250 Foto: Wilhelm Schlesinger Einzigartige, kreuzförmige, als Monolith aus dem umliegenden Fels gehauene Kirche, deren Ein gänge, Fenster und gesamter Innenbereich eben falls herausgemeißelt wurden. Im Innenraum vieler der elf Felsenkirchen, mit denen der äthio pische Heilige und Kaiser Gebra Maskal Lalibela (»Der von den Bienen Erkorene«) ein Neu-Jerusa lem errichten wollte, zieren Mandalas die Decken.
Indien, Tamil Nadu, Madurai, Sri-MinakshiSundareshvara-Tempel Mandalas an der Decke des Umwandlungsgangs 16.–17. Jh. Foto: Meehash Das Gupta Hunderte verschiedene Mandalas zieren die De cken der weitläufigen Umwandlungsgänge des Shiva und Parvati gewidmeten Tempelkomplexes und stehen für die unüberschaubare Mannigfal tigkeit göttlicher Emanation in der Welt.
292
Gegenüber: Xinjiang, Kashgar, Apak-Hodscha-Moschee Mandalas an der Decke des Umwandlungsgangs 17. Jh. Foto: Lian Wu Wohl aus der Vorlage der zentralasiatischen La ternendecke abgeleitete Dekorationen, die ebenso in buddhistischen Tempeln zu finden sind.
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Vorhergehende Doppelseite: Äthiopien, Lalibela
Mandala-Bauwerke Asiens: Philosophie im Raum
Haus des heiligen Georgs (Biete Giyorgis) 1250 Foto: Wilhelm Schlesinger Einzigartige, kreuzförmige, als Monolith aus dem umliegenden Fels gehauene Kirche, deren Ein gänge, Fenster und gesamter Innenbereich eben falls herausgemeißelt wurden. Im Innenraum vieler der elf Felsenkirchen, mit denen der äthio pische Heilige und Kaiser Gebra Maskal Lalibela (»Der von den Bienen Erkorene«) ein Neu-Jerusa lem errichten wollte, zieren Mandalas die Decken.
Indien, Tamil Nadu, Madurai, Sri-MinakshiSundareshvara-Tempel Mandalas an der Decke des Umwandlungsgangs 16.–17. Jh. Foto: Meehash Das Gupta Hunderte verschiedene Mandalas zieren die De cken der weitläufigen Umwandlungsgänge des Shiva und Parvati gewidmeten Tempelkomplexes und stehen für die unüberschaubare Mannigfal tigkeit göttlicher Emanation in der Welt.
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Gegenüber: Xinjiang, Kashgar, Apak-Hodscha-Moschee Mandalas an der Decke des Umwandlungsgangs 17. Jh. Foto: Lian Wu Wohl aus der Vorlage der zentralasiatischen La ternendecke abgeleitete Dekorationen, die ebenso in buddhistischen Tempeln zu finden sind.
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Indonesien, Bali, Goa-Lava-Tempel Meru-Dächer (Pelinggih Meru) 11. Jh. Stein, Holz und Palmfaserdeckung Foto: Jorge Láscar (CCA) Der zu den sechs heiligsten Orten Balis zählende Fledermaustempel besticht durch seine himmel wärts strebenden Dachkonstruktionen, die für den Weltenberg Meru stehen.
Nepal, Bhaktapur: Der fünfstöckige Tempel (Nyatapola Mandir) 1708 Holz und Ziegel, 17,2 x 46,5 m Foto: Mohan Shresta (CCA) Ein fünffach abgestufter Sockel führt zur der Gemahlin Vishnus (Lakshmi) geweihten und von allen vier Himmelsrichtungen zugänglichen Pagode, die ihrerseits wiederum fünf sich nach oben hin verjüngende Dächer aufweist. In jedem der Dachgeschosse hängt eine Vielzahl Tempel glocken.
Gegenüber: Norwegen, Provinz Vestland, Lærdal Stabkirche Borgund Ende 12. Jh. Ursprünglich reiner Holzbau (außer Schlösser und Scharniere) Foto: Simo Räsänen (CCA) Die frühen Stabkirchen Norwegens zeugen von der Übergangszeit zwischen der ursprünglichen Religion der Bevölkerung und deren Annahme des Christentums. So zieren die oberen Dächer des sechsstufigen Vertikalbaus noch abwehrma gische Drachen. Der mehrstufige Auf bau der Kirche mit immer kleiner werdenden Proportio nen erzeugt eine starke Höhenwirkung, die gen Himmel strebt.
312
Indonesien, Bali, Goa-Lava-Tempel Meru-Dächer (Pelinggih Meru) 11. Jh. Stein, Holz und Palmfaserdeckung Foto: Jorge Láscar (CCA) Der zu den sechs heiligsten Orten Balis zählende Fledermaustempel besticht durch seine himmel wärts strebenden Dachkonstruktionen, die für den Weltenberg Meru stehen.
Nepal, Bhaktapur: Der fünfstöckige Tempel (Nyatapola Mandir) 1708 Holz und Ziegel, 17,2 x 46,5 m Foto: Mohan Shresta (CCA) Ein fünffach abgestufter Sockel führt zur der Gemahlin Vishnus (Lakshmi) geweihten und von allen vier Himmelsrichtungen zugänglichen Pagode, die ihrerseits wiederum fünf sich nach oben hin verjüngende Dächer aufweist. In jedem der Dachgeschosse hängt eine Vielzahl Tempel glocken.
Gegenüber: Norwegen, Provinz Vestland, Lærdal Stabkirche Borgund Ende 12. Jh. Ursprünglich reiner Holzbau (außer Schlösser und Scharniere) Foto: Simo Räsänen (CCA) Die frühen Stabkirchen Norwegens zeugen von der Übergangszeit zwischen der ursprünglichen Religion der Bevölkerung und deren Annahme des Christentums. So zieren die oberen Dächer des sechsstufigen Vertikalbaus noch abwehrma gische Drachen. Der mehrstufige Auf bau der Kirche mit immer kleiner werdenden Proportio nen erzeugt eine starke Höhenwirkung, die gen Himmel strebt.
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Moscheen: Blicke ins Paradies
Indien, Delhi Freitagsmoschee (Jama Masjid) 1657 Foto: Aerial Imaging Von oben wirkt die größte Moschee Indiens – eine der größten der Welt – wie eine Wiederholung des Prinzips der Heiligen Moschee von Mekka. Auch hier steht im Zentrum eine quadratische Struk tur – hier allerdings das für die rituellen Wa schungen vorgeschriebene Wasserbecken.
330
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Moscheen: Blicke ins Paradies
Indien, Delhi Freitagsmoschee (Jama Masjid) 1657 Foto: Aerial Imaging Von oben wirkt die größte Moschee Indiens – eine der größten der Welt – wie eine Wiederholung des Prinzips der Heiligen Moschee von Mekka. Auch hier steht im Zentrum eine quadratische Struk tur – hier allerdings das für die rituellen Wa schungen vorgeschriebene Wasserbecken.
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Gegenüber: Malaysia, Kuala Lumpur Bundesgebietsmoschee (Majid Wilayah Persekutuan)
Saudi-Arabien, Mekka Die Kaaba und die Heilige Moschee (Kaʿba, al-Masdschid al-Harām)
2000
Entstehung unbekannt; seit 632 rein islamisches Heiligtum mit Moscheengründung
Foto: Navid Shahid (CCA)
Foto: CCA
Eine regelrechte Orgie in Geometrie stellt dieser riesige Moscheenneubau dar, der 17.000 Gläubi gen Platz bietet.
Mythologisch 2.000 Jahre vor dem Beginn der Welt als kubische Struktur aufs Wasser gesetzt, wonach die Erde unter ihr ausgebreitet wurde, wird die Kaaba als Bethaus schon aus abrahami scher Zeit beschrieben. In vorislamischer Zeit galt sie als Heiligtum des astralen Gottes Hubal. Ein Überrest hiervon ist der Einbau des »Schwar zen Steins« (al-ḥaǧar al-aswad) in die östliche Ecke der Kaaba durch Mohammed, wo er seither den Beginn der rituellen Umkreisung dieses hei ligsten Ortes des Islam markiert. Heute erstreckt sich die Heilige Moschee über eine Fläche von 400.000 qm und kann mehr als eine Million Gläubige aufnehmen.
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Gegenüber: Malaysia, Kuala Lumpur Bundesgebietsmoschee (Majid Wilayah Persekutuan)
Saudi-Arabien, Mekka Die Kaaba und die Heilige Moschee (Kaʿba, al-Masdschid al-Harām)
2000
Entstehung unbekannt; seit 632 rein islamisches Heiligtum mit Moscheengründung
Foto: Navid Shahid (CCA)
Foto: CCA
Eine regelrechte Orgie in Geometrie stellt dieser riesige Moscheenneubau dar, der 17.000 Gläubi gen Platz bietet.
Mythologisch 2.000 Jahre vor dem Beginn der Welt als kubische Struktur aufs Wasser gesetzt, wonach die Erde unter ihr ausgebreitet wurde, wird die Kaaba als Bethaus schon aus abrahami scher Zeit beschrieben. In vorislamischer Zeit galt sie als Heiligtum des astralen Gottes Hubal. Ein Überrest hiervon ist der Einbau des »Schwar zen Steins« (al-ḥaǧar al-aswad) in die östliche Ecke der Kaaba durch Mohammed, wo er seither den Beginn der rituellen Umkreisung dieses hei ligsten Ortes des Islam markiert. Heute erstreckt sich die Heilige Moschee über eine Fläche von 400.000 qm und kann mehr als eine Million Gläubige aufnehmen.
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Österreich, Vorarlberg, Lech USA, Arizona, Flagstaff: James Turrell Skyspace Roden Crater
Altarbild Nr. 1, Gruppe X
2014
1915 Tempera auf Papier, 185 x 152 cm MMS
1974
Foto: Peter van Ham
Fotos: CCA
Intendiert als Triptychon für einen von ihr konzipierten, spiralförmigen Tempel drückt die erste abstrakte Malerin der Welt, die angab, zum Teil auf mediale Weise zu ihren Schöpfungen gelangt zu sein, in diesen »Altarbildern« vermut lich ihre spirituelle Einsicht aus, nach der die Evolution bidirektional verläuft: absteigend von der göttlichen zur materiellen und aufsteigend von der physischen zur spirituellen Welt (Althaus, Mühling & Schneider 2018, 87, 88).
»Wir sind uns nicht bewusst, dass wir selbst dem Himmel seine Farbe geben.« James Turrell, US-amerikanischer Künstler
Bewegliche Kuppel und Ganzfeldraum spielen im Skyspace mit der Raumwahrnehmung des Be trachters und dienen der Bewusstmachung der Eigenanteile des Menschen an der Schaffung von Realität. Seit 1974 setzt Turrell das Konzept »synästhetischer Erkenntnisarchitektur« im ge waltigen Wahrnehmungskunstobjekt des Roden Kraters um, das als Netz von Gängen und Räu men den gesamten Vulkanberg durchzieht. Seine Innenräume sind nach astronomischen Grund lagen ausgerichtet. Durch spezielle Öffnungen dringt das Licht einzelner Himmelskörper ins Innere und wird von Objekten aufgefangen und widergespiegelt, womit Turrell im Zusammen hang mit zusätzlichen Klängen die individuellen Faktoren, denen Wahrnehmung unterliegt, ver deutlicht. Erstaunlicherweise hat er hierzu eine pyramidale Bildfindung entwickelt, die mit jener von Hilma Af Klint nahezu identisch ist (siehe nebens tehend).
346
Schweden, Stockholm: Hilma af Klint
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Österreich, Vorarlberg, Lech USA, Arizona, Flagstaff: James Turrell Skyspace Roden Crater
Altarbild Nr. 1, Gruppe X
2014
1915 Tempera auf Papier, 185 x 152 cm MMS
1974
Foto: Peter van Ham
Fotos: CCA
Intendiert als Triptychon für einen von ihr konzipierten, spiralförmigen Tempel drückt die erste abstrakte Malerin der Welt, die angab, zum Teil auf mediale Weise zu ihren Schöpfungen gelangt zu sein, in diesen »Altarbildern« vermut lich ihre spirituelle Einsicht aus, nach der die Evolution bidirektional verläuft: absteigend von der göttlichen zur materiellen und aufsteigend von der physischen zur spirituellen Welt (Althaus, Mühling & Schneider 2018, 87, 88).
»Wir sind uns nicht bewusst, dass wir selbst dem Himmel seine Farbe geben.« James Turrell, US-amerikanischer Künstler
Bewegliche Kuppel und Ganzfeldraum spielen im Skyspace mit der Raumwahrnehmung des Be trachters und dienen der Bewusstmachung der Eigenanteile des Menschen an der Schaffung von Realität. Seit 1974 setzt Turrell das Konzept »synästhetischer Erkenntnisarchitektur« im ge waltigen Wahrnehmungskunstobjekt des Roden Kraters um, das als Netz von Gängen und Räu men den gesamten Vulkanberg durchzieht. Seine Innenräume sind nach astronomischen Grund lagen ausgerichtet. Durch spezielle Öffnungen dringt das Licht einzelner Himmelskörper ins Innere und wird von Objekten aufgefangen und widergespiegelt, womit Turrell im Zusammen hang mit zusätzlichen Klängen die individuellen Faktoren, denen Wahrnehmung unterliegt, ver deutlicht. Erstaunlicherweise hat er hierzu eine pyramidale Bildfindung entwickelt, die mit jener von Hilma Af Klint nahezu identisch ist (siehe nebens tehend).
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Schweden, Stockholm: Hilma af Klint
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Schweiz, Tessin, Lavizzara, Mogno, Chiesa di San Giovanni Battista: Mario Botta Rund-Symbolik 1996 Foto: Monster4711 (CCA) »Das Bedürfnis nach Spiritualität ist nicht an religiöse Gefühle gebunden.« Mario Botta, Schweizer Architekt
Naturhaft-archaisch und dabei hypermodern in ihrem Erscheinungsbild ist die Essenz der Kirche des Schweizer Architekten durch ihre angewand te universale Geometrie dennoch zeitlos: San Giovannis orthogonaler Grundriss, die Erde repräsentierend und daher knapp unterirdisch angelegt, verändert sich kaum merklich zum Rund des Glasdaches (dem Himmel).
Israel, Jerusalem, Yad Washem: Moshe Safdie, Dorit Harel u. a. Halle der Namen 2005 Fotos: K arl Fierin (CCA) Die kreisförmige »Halle der Namen« innerhalb der wie ein Prisma gestalteten »Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust (Yad Washem)« beherbergt in Regalen bislang über zwei Millionen »Gedenkblätter« – kurze biografische Notizen von HolocaustOpfern. Für sechs Millionen Gedenkblätter ist Platz. Die Decke der Halle besteht aus einem 10 m hohen Kegel, der 600 Fotografien und Fragmente von Gedenkblättern zeigt, die die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden symbolisieren. Direkt unter dem Kegel führt ein weiterer Kegel einem »jähen Abgrund des Verderbens« gleich ins Leere: Im schwarz wirkenden Wasser auf seinem Grund spiegeln sich die 600 Fotografien, womit jene bislang unbekannt gebliebenen Opfer kommemoriert werden sollen.
348
Israel, Jerusalem: David Resnick und Dov Feigin Gedenkstätte für John F. Kennedy (Yad Kennedy) 1966 Beton und Glas, Höhe: 18 m Foto: Elevation Maplogs Gestaltet als gefällter Baumstamm und so den Riss mitten aus dem Leben wie auch die der Israel-Frage aktiv-positive – »lebensspendende« – Einstellung des ermordeten US-Präsidenten symbolisierend, führen 51 Säulen der einzelnen Staaten der USA plus deren Hauptstadt wie Wurzeln zum runden Gedenkbau und gleichzeitig – die Botschaft von Freiheit und Frieden symbo lisch in die Welt tragend – von ihm weg.
Schweiz, Tessin, Lavizzara, Mogno, Chiesa di San Giovanni Battista: Mario Botta Rund-Symbolik 1996 Foto: Monster4711 (CCA) »Das Bedürfnis nach Spiritualität ist nicht an religiöse Gefühle gebunden.« Mario Botta, Schweizer Architekt
Naturhaft-archaisch und dabei hypermodern in ihrem Erscheinungsbild ist die Essenz der Kirche des Schweizer Architekten durch ihre angewand te universale Geometrie dennoch zeitlos: San Giovannis orthogonaler Grundriss, die Erde repräsentierend und daher knapp unterirdisch angelegt, verändert sich kaum merklich zum Rund des Glasdaches (dem Himmel).
Israel, Jerusalem, Yad Washem: Moshe Safdie, Dorit Harel u. a. Halle der Namen 2005 Fotos: K arl Fierin (CCA) Die kreisförmige »Halle der Namen« innerhalb der wie ein Prisma gestalteten »Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust (Yad Washem)« beherbergt in Regalen bislang über zwei Millionen »Gedenkblätter« – kurze biografische Notizen von HolocaustOpfern. Für sechs Millionen Gedenkblätter ist Platz. Die Decke der Halle besteht aus einem 10 m hohen Kegel, der 600 Fotografien und Fragmente von Gedenkblättern zeigt, die die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden symbolisieren. Direkt unter dem Kegel führt ein weiterer Kegel einem »jähen Abgrund des Verderbens« gleich ins Leere: Im schwarz wirkenden Wasser auf seinem Grund spiegeln sich die 600 Fotografien, womit jene bislang unbekannt gebliebenen Opfer kommemoriert werden sollen.
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Israel, Jerusalem: David Resnick und Dov Feigin Gedenkstätte für John F. Kennedy (Yad Kennedy) 1966 Beton und Glas, Höhe: 18 m Foto: Elevation Maplogs Gestaltet als gefällter Baumstamm und so den Riss mitten aus dem Leben wie auch die der Israel-Frage aktiv-positive – »lebensspendende« – Einstellung des ermordeten US-Präsidenten symbolisierend, führen 51 Säulen der einzelnen Staaten der USA plus deren Hauptstadt wie Wurzeln zum runden Gedenkbau und gleichzeitig – die Botschaft von Freiheit und Frieden symbo lisch in die Welt tragend – von ihm weg.
Tibet Sandmandala Fotos: The Mystical Arts of Tibet/ Alison Moulton Als Teil der religiösen Erkenntnis- und Erfah rungspraxis über die Vergänglichkeit der Welt streuen tibetische Mönche anlässlich spezieller Rituale und Einweihungen Mandalas aus gefärb tem Sand und zerstören diese wieder. Das ritua lisierte Teilhaben und Nachbauen der Schöpfung, zum Teil über Wochen, geschieht auf der Grund lage der Annahme, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, die dem Evolutionsprozess zugrunde liegenden Prinzipien zu erkennen und zu über winden. Ist diese Erkenntnis gewonnen, wird das Medium hierzu nicht mehr gebraucht.
381
Tibet Sandmandala Fotos: The Mystical Arts of Tibet/ Alison Moulton Als Teil der religiösen Erkenntnis- und Erfah rungspraxis über die Vergänglichkeit der Welt streuen tibetische Mönche anlässlich spezieller Rituale und Einweihungen Mandalas aus gefärb tem Sand und zerstören diese wieder. Das ritua lisierte Teilhaben und Nachbauen der Schöpfung, zum Teil über Wochen, geschieht auf der Grund lage der Annahme, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, die dem Evolutionsprozess zugrunde liegenden Prinzipien zu erkennen und zu über winden. Ist diese Erkenntnis gewonnen, wird das Medium hierzu nicht mehr gebraucht.
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»Ein großes Thema – möglicherweise das größtmögliche überhaupt ...« Roger Berhalter,
St. Galler Tagblatt
MANDALA
Umschlag vorne: Kuppel einer Moschee, Sydney, 2019 Foto: Candalepas Associates Vordere Klappe: Carl Gustav Jung: Das Gefüge sämtlicher Welten, 1916 Foto: Stefan Rasch (HZ-SWJZ) Hintere Klappe: Foto: Sidonia Kolster Umschlag hinten: Links: Hieronymus Bosch: Das himmlische Paradies, um 1505–1515 Foto: Peter van Ham (MPGV)
Rechts: Barnett Newman: Ohne Titel – Die Leere, 1946 Foto: CCA (BNFNY)
978-3-89790-674-7 9 783897 906747 >
AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
Das aus dem indischen Kulturraum stammende Mandala bezeichnet im ursprünglichen Sinne einen heiligen Kreis. Es dient als Meditationshilfe und ist gleichzeitig künstleri sche Übersetzung der in visionären Schauen erkannten Inhalte. Doch nicht nur in Tibet und anderen asiatischen Ländern sind Mandalas weit verbreitet. Die ihnen zu grunde liegenden Prinzipien finden sich in den Bildwerken und der Architektur nahezu eines jeden Kulturraums der Welt.
H E I L I G E G E O M E T R I E I N D E N S P I R I T U E L L E N K Ü N S T E N D E R W E LT
HEILIGE GEOMETRIE IN DEN SPIRITUELLEN KÜNSTEN DER WELT
Mitte: Sarvavid Vairochana Mandala, Nepal, Dolpo (?), 16. Jh. Foto: Christian Murtin (FAB-TMG)
P E T E R VA N H A M
Peter van Ham, Forscher, Autor, Fotograf und Ausstellungskura tor mit Sitz in Frankfurt am Main, bereist seit 40 Jahren die Welt mit Schwerpunkt Asien, Indien, Himalaya und Tibetischer Kultur raum. 15 internationale Buch publikationen, zehn internatio nale Ausstellungen und fünf TV-Dokumentationen sind bis her seinen Forschungen entsprungen, für die er in die Royal Asiatic Society und die Royal Geographical Society, London, sowie in den Explorers Club, New York, auf genommen wurde. Seit 20 Jahren ist er 1. Vorsitzender der Gesellschaft für Bewahrung und Förderung des Kulturel len Erbes Asiens (SPAH e.V.), die zahlreiche internationale Projekte verwirklicht.
P E T E R VA N H A M
MANDALA
AUF DER SUCHE NACH ERLEUCHTUNG
Die »heilige Geometrie« wird in allen Religionen und spi rituellen Traditionen seit Jahrtausenden als Möglichkeit eingesetzt, metaphysische Erfahrungen visuell darzustel len. Bis heute greifen Künstler und Architekten auf die uralten Symboliken geometrischer Grundformen zur Umsetzung sakraler Inhalte zurück. Anhand von Meister werken aus bedeutenden Museums- und Privatsamm lungen und Fotografien herausragender Bauwerke und faszinierender Rituale bietet das Buch eine erste Zusam menschau und Untersuchung des Phänomens der heili gen Geometrie in Kunst und Architektur unterschied lichster Kulturen sowie der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauungen.
»Die fachlich saubere Darstellung der vielen künstlerischen Parallelen zwischen den unterschiedlichen spirituellen Traditionen, die hier aufgezeigt werden, fesselt! Ihre erstaunlichen Gemeinsamkeiten werden auf spannende, inspirierende und völkerverbindende Weise vermittelt und dabei zahlreiche Konzepte konzise und anschaulich erklärt – so gab es das in der Literatur bislang noch nicht!« Dr. Vivian Wagner, Sinologin,
vormals Dozentin u. a. an den Universitäten München und Heidelberg