G ITAGOV IN DA
Indiens grosse Liebesgeschichte
Im Vikram-Jahr, welches entspricht Weisen (sieben), Juwelen (acht), Bergen (sieben) und dem Mond (eins) (das bedeutet V.s. 1787 oder 1730 n. Chr.) hat die Dame Malini, welche berühmt für ihr Wohlverhalten und (auch) erfahren im Malini-Metrum war, die von den Edlen verehrt und selbst dem Ungeborenen (also Vishnu) ergeben war, dieses Bild(erbuch) des Gitagovinda verklärt von reizvoller Kalligraphie, von dem (männlichen Maler Manaku anfertigen lassen. (Kolophon; nach der Übersetzung von W.G. Archer, zitiert nach Eberhard Fischer und B.N. Goswamy)
Abb. 2 Radha und Krishna gewähren «darshan» Abschlussblatt der ersten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1730 Manaku von Guler (ca. 1700 –1760) Indien, Pahari-Gebiet, Guler 10
Lahore Museum, Pakistan
Hast in des Weltendes Sintflutenwallen den Veda gerettet, unversehrt, sacht in das Boot deiner Führung gebettet, Keshava, der du den Fischkörper annahmst, Sieg dir, Hari, o Weltenherr! (1.5)
Abb. 5 Vishnu als Matsya Avatara Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 Meister der ersten Generation nach Nainsukh und Manaku von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 18
Museum Rietberg Zürich, Geschenk Sammlung Horst Metzger
Abb. 6 Vishnu als Matsya Avatara Folio aus der ersten Guler Gitagovinda-Serie von 1730 Manaku von Guler (ca. 1700 –1760) Indien, Pahari-Gebiet, Guler 20
Museum and Art Gallery Chandigarh, Indien
Abb. 8 Krishna Govardhana Folio aus der ‚kleinen‘ Bhagavata Purana-Serie um 1770 Meister der ersten Generation nach Nainsukh und Manaku von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 24
Geschenk Lucy Rudolph, Museum Rietberg Zürich
Eine, berückendes Blinken im Blick von dem Drange des Sinnendurchdringers, sinnt, die Süsse, gar sehr auf den Lotos der Lippen des Madhu-Bezwingers, Hari in munterer Mädchen Reihen, Schwärmende, schwärmt hier, die Wonnen sich weihen. (1.41)
Abb. 9 Der bezaubernde Flötenspieler: Krishna spielt für eine Hirtenfrau Flöte Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 (Folio 27) Meister der ersten Generation nach Nainsukh und Manaku von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 26
Museum Rietberg Zürich
Wie vorm schmerzhaften Biss der Schlangen, die im Astwerk nisten, zum Gottesberg mit dem Wunsch, sich im Schnee zu baden, flieht der Wind vom Fels, wo der Sandel wächst; seh’n sie kaum, wie der pralle Mangowipfel blüht, so hebt voller Wonnegraus Kuckuck, Kuckuck! im Takt schon glucksend sich empor der Kuckucke Kunstgesang. (1.48)
Eine mächtige Schneewehe fängt den Blick des Betrachters und der Betrachterin ein. Hoch ragt sie vor blühenden Bäumen mit einem Vogelpärchen auf. Im Hintergrund stehen vom Wind gebeugte Bäume, an deren Ästen schillernde Schlangen baumeln. Es sind Sandelbäume, ihr Duft bringt Erfrischung und Wohlbefinden, nicht nur in der Hitze des Südens, sondern auch bei Wallungen, die von Gefühlen der Leidenschaft verursacht werden. Es ist der heisse Wind aus dem Süden, der im Frühling in Indien nach Norden weht und einen schnee- und eisbedeckten Berg scheinbar in die Neige zwingt. Die Kombination dieser beiden Naturschauspiele ist vermutlich mehr als nur eine poetische Anspielung auf erwachende Frühlingsgefühle. Sie lässt auch Zweifel aufkommen: Der starke Kontrast der Landschaften kann als Hinweis auf die übermenschliche Wucht der Emotionen gedeutet werden und auf die sich anbahnende Verzweiflung, in die sich Radha mit ihrer Leidenschaft für Krishna hineinmanövriert.
Abb. 15 Der heisse Südwind weht zum Himalaya Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 Meister der ersten Generation nach Manaku und Nainsukh von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler Museum Rietberg Zürich, Geschenk Sammlung Eva und 44
Konrad Seitz
Der, wenn zum lauschigen Laubhaus ich nachts kam verborgen im Lenz, wo er wachte, zitternd mir ringsumher rollendem Auge, bewältigt von Lustwallung lachte, Freundin, ach! Keshins Zermalmer, den hehren, hilf mir erfreuen, der fühlsam erfüllt unser Sinnenbegehren. (2.12)
Das Bild zeigt Radhas Erinnerung an die erste Nacht mit Krishna. Während sie ihm grollt, überkommt sie neue Leidenschaft und Sehnsucht, die sie mit Bildern aus ihrem Gedächtnis füllt. Sie ist wiederum die Einzige, die von Krishna umarmt und begehrt wird. Das Paar sitzt eng beieinander auf einem Blätterbett, blühende Bäume schützen sie vor unerwünschten Blicken. Schüchtern hat Radha den Blick gesenkt und versucht ihre Brüste zu bedecken, während Krishna sie zu sich heranzieht und ihr Untergewand hochschiebt.
Abb. 18 Radhas Erinnerung an die erste gemeinsame Nacht Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 (Folio 13) Meister der ersten Generation nach Manaku und Nainsukh von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler Museum Rietberg Zürich, Dauerleihgabe Sammlung 52
Barbara und Eberhard Fischer
Indes, als milderer Zorn sie umfing, als der uferlosen Seufzer müd war ihr Mund, der Lieblichmundigen nahend, die verschämt ins Gesicht sah der Freundin, beim Tagesende mit wonnestammelnder Rede zu ihr sprach Hari: Sprich du ein Wort nur, die Sichel der Zähne nimmt fort der gar grimmigen Düsternis Dräuen; Möge im Rauschtrank der bebenden Lippe dein Mondmund des Auges Rebhahn erfreuen! Liebste, du liebe, lass mir den Groll, den grundlosen sinken! Feuer und Sehnsucht brennt jetzt meinen Sinn; Gib Lotosmund-Nektar zu trinken. Zürnst du denn wirklich mir, Lieblichzähnige, lass scharfer Nägel Pfeil in mich dringen, Arme mich halten, den Zahn mich zerspalten, und volle Genugtuung soll dem entspringen. Liebste, du liebe, lass mir den Groll, den grundlosen sinken! Feuer und Sehnsucht brennt jetzt meinen Sinn; Gib Lotosmund-Nektar zu trinken. Du bist mein Schmuckstück, du meine Seele, du bist das Juwel im Meer meines Lebens;
Im Vergleich zu den ländlichen Umgebungen der meisten Bilder dieser Serie, erscheint dieses häusliche Setting höchst ungewöhnlich. Anstatt zwischen Bäumen, blühenden Büschen, auf blumenübersäten Wiesen am Flussufer finden sich Krishna, Radha und ihre Freundin plötzlich in einem von hohen Mauern umgebenen Innenhof wieder. Im Zentrum der Szenerie sitzt Radha mit angezogenen Beinen auf einem Stuhl. Den Kopf auf die Knie gestützt, wendet sie sich deutlich von Krishna ab. Doch ihre Körperhaltung zeugt nicht von Wut und Abweisung, vielmehr ist es eine gewisse Müdigkeit, die sie umgibt. Krishna indes scheint eindringliche Worte an sie zu richten, denn sein Oberkörper ist leicht nach vorn gebeugt, den einen Arm hält er deutlich zu ihr hingestreckt, während der andere angewinkelt an der Brust ruht. Gleichzeitig hat er seinen Schal mit beiden Oberarmen an den Körper gepresst, was die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit seiner Rede betont. Auch Radhas Freundin zu ihrer Linken neigt sich ihr zu. Die Hände bittend zusammengelegt, fleht sie Radha an, Krishna nachzugeben und seinen Worten Glauben zu schenken.
dass du auf Erden stets hängest an mir, begehrt mein Herz voll rastlosen Strebens. Liebste, du liebe, lass mir den Groll, den grundlosen sinken! Feuer und Sehnsucht brennt jetzt meinen Sinn; Gib Lotosmund-Nektar zu trinken. (10.1-4) Abb. 37 Radha schmollt und weist Krishna zurück Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 Meister der ersten Generation nach Manaku und Nainsukh von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 102
Museum Rietberg Zürich, Legat Lucy Rudolph
Gleichsam geehrt durch Korallenbaumblüten, die ihm Siegesruhm schenkt, sich selbst wie mit Mennig bestempelnd in Elefantenkampflust, als in Armringens Spiel er Kuvalayapida, das Rüsseltier, schlug, dem blutstropfensprenkligen Arm-Stamm des Mura-Bezwingers sei Sieg! (11.35)
Abb. 43 «Ein lustvoller Kampf»: Krishna tötet den Elefanten Kuvalayapida Folio aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 Meister der ersten Generation nach Manaku und Nainsukh von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 116
Museum Rietberg Zürich
Alles Zögerliche ist abgelegt. Radha tut den letzten Schritt und sinkt zu Krishna auf das Blätterbett. Krishnas Worte haben gesiegt, er hat Radha trotz aller Versäumnisse und Widerstände wiedergewonnen, und so sieht sich der Dichter veranlasst, auf andere Siegestaten Krishnas hinzuweisen. Denn der Kampf um die Geliebte ist nicht weniger ruhmreich wie der gegen einen Dämon. Das Bild zeigt die Szene, in der Krishna den Elefantendämon Kuvalayapida erschlägt, bevor er seinem Erzfeind Kamsa gegenübertritt. Die Geschichte wird sowohl im Bhagavatapurana als auch im Harivamsha erzählt, beides Texte der hinduistischen Mythologie, die weitaus älter sind als das Gitagovinda, aber gewissermassen seine Grundlage bilden. Allein die Gefahr, die für Krishna von Kamsa ausgeht, führt dazu, dass er in dieser ländlichen Umgebung zwischen Hirten und Hirtinnen aufwächst. Im Zentrum des Blattes ist der Kampf zwischen Krishna und Kuvalayapida dargestellt. Der Elefantendämon wird gerade auf den Rücken geworfen, seine Beine hängen zappelnd in der Luft. Sein Gewicht drückt einen Elefantentreiber nieder, von dem nur noch die Arme und ein Teil des Kopfes zu sehen sind, die Treibgabel liegt nutzlos am Boden. Sehr dynamisch und kraftvoll wird dagegen Krishna gezeigt, wie er eine Hand erhoben hat und mit der anderen den Elefanten zu Boden drückt. Er wird von seinen Freunden angefeuert, die dem Schauspiel beiwohnen. Weitere Zuschauer sind im Hintergrund zu erkennen. Die Kampfszene wird von einem streng symmetrischen Mauerwerk umfasst, an dessen Ende ein Durchgang zu erkennen ist. Winzig scheinen die Männer, die hier Wache stehen. Im Inneren des Tors ist sogar zu erkennen, wie ein weiss-schnauzbärtiger Mann einen anderen wegzuschicken scheint und dieser soeben hinter einem Türrahmen verschwindet.
Von zwei Armen ins Joch genommen, von der Last der Brüste gepresst, durchbohrt von den Nägeln, des Lippenbogens Kerbe wund von Bissen, vom Hüftstoss matt, hingebeugt von der Hand am Haarschopf, von der Lippen Honigtaustrom berauscht, wie gelabt sich der Liebste fühlte! So geht, ach! Begierde verqueren Gang. (12.11)
Das Liebesspiel nimmt seinen Lauf. Vers um Vers, Bild um Bild wird es vom Dichter und den Malern beschrieben und illustriert. In diesem Fragment liegt das Paar eng umschlungen zwischen den Bäumen. Diskret verdecken die Baumstämme die Scham der nackten Körper, doch die Leidenschaft der beiden ist dennoch deutlich sichtbar. Krishna stützt sich mit dem linken Fuss in einer Astgabel ab, während Radha auf ihm liegt. Radhas Haar fällt ihren gebogenen Rücken hinab, ihr Kinn ist vor Verzücken hinter der Schulter verborgen. Mit ihrer linken Hand klammert sie sich an Krishna, der sie umfasst und mit seinem unverhohlenen Blick den Betrachter oder die Betrachterin des Bildes ins Geschehen miteinbezieht. Hell leuchten auch hier die Körper aus der dunklen Nacht hervor, ihr Glanz so stark, dass selbst die Blätter, die ihnen am nächsten sind, zu schimmern beginnen. Das Bild ist ein Fragment. Links und rechts wurde es stark beschnitten und ist nur noch halb so gross, wie die übrigen Blätter der Serie. Der Intensität der Szene tut dies jedoch keinerlei Abbruch.
Abb. 45 Radha und Krishna im Liebesspiel Fragment eines Folios aus der zweiten Guler Gitagovinda-Serie von ca. 1775 Meister der ersten Generation nach Manaku und Nainsukh von Guler Indien, Pahari-Gebiet, Guler 122
Museum Rietberg Zürich