Der junge Boris Johnson, schon damals unverkennbar, beim „Sultans Ball“ 1986 im Rathaus von Oxford
FOTOGRAFIE
ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT
In den 80er Jahren hielt ein junger Fotograf das studentische Treiben in Oxford fest. Und damit eine Elite, die Großbritannien bis heute prägt – und den Brexit möglich machte Von Michael Streck; Fotos: Dafydd Jones
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Ein Bad im Fluss, im University Park, 1983. Was kostet die Welt, die Klamotten sind morgen wieder trocken
DIE HEITEREN SPIELE DER HÖHEREN KREISE Ein Mitglied des „Dangerous Sports Club“ schwebt über der High Street, 1983
Am Ende der Rudersaison verbrennen die Sieger rituell ihr Boot und springen durch die Flammen
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PARTYS, SCHAMPUS, SEX. EIN FESTIVAL DES HEDONISMUS In Oxford gingen die Damen auch schon mal den Herren an die Wäsche – mit deren offenkundigem Einverständnis
Nach all den Jahren und nach all den Dingen, die der Fotograf Dafydd Jones in Oxford gesehen, erlebt und mit seiner Kamera festgehalten hat, ist ihm eine vergleichsweise unspektakuläre Episode in nach wie vor lebhafter Erinnerung, denn sie steht für ihn exemplarisch für das Oxford von damals und eine Geisteshaltung, die bis ins Heute lappt. Die Episode geht so: Der junge Jones, Schüler damals, bewarb sich für eine Verkehrserhebung, um ein paar Pfund dazuzuverdienen, und dort traf er auf ein paar Studenten der berühmten Uni. Die jungen Herren waren ihm sogar vorgesetzt, obwohl der Job nun alles andere als intellektuell anspruchsvoll war. Sie sollten eine Stunde lang Autos an einer Kreuzung zählen. Gesagt, getan. Aber nach zehn Minuten verließ die Herren Studenten Geduld und Lust, und einer sprach für alle: „Lasst uns doch einfach die Zahl mal sechs nehmen, das entspricht der Stunde, und fertig.“ Für Jones, geboren in Wales und aufgewachsen in Oxford, illustriert diese Begebenheit diesen elitären Habitus, wonach Regeln vor allem fürs Fußvolk gelten, nicht aber fürs Establishment. „Daran“, sagt er, „hat sich leider bis heute nicht viel geändert.“ Formvollendet dargeboten vor wenigen Monaten auf dem Scheitelpunkt der ersten Corona-Welle von Boris Johnsons Chefberater und Einflüsterer Dominic Cummings, der sich dreist über die landesweit verfügten Lockdown-Regelungen hinwegsetzte und, mutmaßlich selbst infiziert, seine mit Covid-19-Symptomen erkrankte Frau und den kleinen Sohn quer über die Insel zum Landsitz seiner Eltern chauffierte. Der unlautere Trip flog auf, der Aufschrei war groß, das Vertrauen in die politische Klasse sank rapide. Aber Cummings blieb. Natürlich blieb er. Zumindest gegen Kritik scheint der Mann immun zu sein und macht so weiter wie immer. Und wie. Angetrieben von Cummings steuert Boris Johnson Großbritannien stur auf Crashkurs mit der EU Richtung „No Deal“. Bitte anschnallen, wir düsen auf die Klippen zu. Studiert hatte Dominic Cummings im Übrigen, na klar, in Oxford, der weltberühmten Machtmaschine, die wie keine zweite Uni Staats- und Regierungschefs produziert, allein 28 britische Premierminister, unter ihnen sieben der letzten
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Ein Mitglied des – kein Scherz – „Onanist Dining Club“ bei einer Party der Oxford Union, 1981
Das ist doch … genau; der junge Hugh Grant im Leopardenkostüm (l.). 1983 noch Student, später Weltstar
zehn. Doppelt so viele wie Cambridge, das ewig rivalisierende Bildungsinstitut, nur 100 Kilometer Luftlinie entfernt, gefühlt allerdings Galaxien, weshalb sie in Oxford den Namen tunlichst meiden und entweder herablassend von „the other place“ sprechen oder einfach nur „C-Word“ sagen. Das C-Wort meint zugleich das weibliche Geschlechtsorgan. Der Waliser Jones hat das Oxford der 80er Jahre in seinem Fotoband „The Last Hurrah“ dokumentiert, eine Ära in Schwarz und Weiß, wobei der Titel „Letztes Hurra“ durchaus doppelbödig auch als Metapher für die gegenwärtige Lage der Nation taugt. Damals wie heute Krise im Königreich. Damals wie heute Zeitenwende. Damals stellte Maggie Thatcher das Land auf den Kopf, heute besorgt das Boris Johnson – mit dem Unterschied, dass Thatcher zumindest einer klaren Strategie folgte. Damals besuchte Jones Bälle und Bootsrennen und in jeder Hinsicht ausschweifende Feste als Chronist und Außenseiter. Heute wundert er sich rückblickend, wie konservativ die jungen Akademiker tickten, von denen sich einige anschickten, das Land gravierend zu verändern. Manche ließen ihn spüren, dass er nicht dazugehörte, andere nicht, aber wenn sie gewusst hätten, dass Jones eher die Orte der Anarchisten präferierte, wären die Fotos vermutlich nie entstanden. Großbritannien, muss man wissen, durchlief seinerzeit eine düstere Phase, „das Land war grau und permanent bestreikt“, wie Jones sagt, aber Oxford stand da wie ein pralles Paralleluniversum. Und zwar auch, weil die Upperclass, per se schon wohlhabend, von Thatchers Politik profitierte und dem Nachwuchs ein unbeschwertes Campus-Leben finanzierte. Teure Kleidung, Fliegen und Hüte, Schampus, Sex, Exzesse, 70
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VON TISCHEN, STÜHLEN UND BÄNKEN: „RULE, BRITANNIA!“ „Rule, Britannia!“-Gesänge von Tischen, Stühlen und Bänken. New Romantic nannte sich diese Welle, ein Reflex auf die zügellosen 60er und 70er Jahre. Das Ganze fühlte sich an wie ein dauerhaftes Revival von Evelyn Waughs Gesellschaftsklassiker „Brideshead Revisited“, in dem er das Leben der Eliten nachzeichnete und für den er, natürlich, in Oxford Inspiration suchte und, natürlich, fand. Später notierte Waugh giftig, in Oxford verbringe man das erste Semester damit, interessante und aufregende Leute zu treffen. Und den Rest der Zeit, genau denen aus dem Weg zu gehen.
Ein Tagebuch stellt die Eliten bloß
Warmlaufen für Westminster Das studentische Treiben in den späten 70er und frühen 80er Jahren wirkte – jenseits der reinen Lehre – jedenfalls wie ein Anachronismus. Es streikten die Bergleute, der Strom fiel ständig aus, aber die junge Elite lebte das Gegenteil. Und Jones dokumentierte dieses Festival des Hedonismus. Kam, fotografierte und haute wieder ab, ehe „die Dinge außer Kontrolle gerieten“. Das taten sie regelmäßig. Einmal verirrte er sich in ein Schlafzimmer, wo sich auf einem Wasserbett die jungen Damen und Herren soeben ihrer sündhaft teuren Garderobe entledigt hatten und zur Tat schreiten wollten. „Sorry“, sprach er und entschwand zügig wieder.
Im Laufe der Jahre entstand eine stattliche Kollektion von Bildern und damit auch ein Stück Zeitgeschichte, wie man heute weiß. Auf einigen Fotos ist der junge David Cameron zu sehen, auf anderen der junge Boris Johnson. Und man kann inzwischen mit einiger Berechtigung sagen, dass ohne das Oxford der Achtziger das moderne Britannien anders aussähe. Oder: Der Schlamassel der Gegenwart wurzelt im Gestern dieser Periode. Der kluge Autor und Journalist Simon Kuper, selbst Oxford-Student zu jener Zeit, hat im vergangenen Jahr für die „Financial Times“ einen bemerkenswerten Essay über seine Alma Mater geschrieben und festgehalten, dass sich das seit 2010 herrschende Establishment der konservativen Partei exakt in jenen Jahren in Oxford konstituierte, sich die Tory-Größen von morgen in den berühmten Debattierklubs warmliefen für eine politische Karriere in Westminster. Der Geist des Brexit waberte auch schon durch die Hallen. „Politiker aus dieser Zeit in Oxford dominierten sowohl die Leave- wie auch die Remain-Kampagne“, notiert Kuper, dem auffiel, dass die Pro-Europäer meist Politik, Philosophie und Wirtschaft studierten, wohingegen die späteren Brexit-Advokaten zu Tradiertem neigten – Geschichte und Literatur. Anwesend mehr oder weniger alles, was Jahrzehnte danach Rang und Namen haben sollte: Boris Johnson, David Cameron, dessen Schatzkanzler George Osborne, Michael Gove, selbst Theresa May, die sich von den Herren aber fernhielt und schon deshalb ein Frauen-College besuchte, weil sie sich „das Trauma des Anblicks von Männern beim Frühstück“ ersparen wollte.
Schlaftrunken. Die junge Dame döst (mindestens) auf dem Rasen, niemand stört sich daran im Mindesten, Mai-Ball 1986
Einige der künftigen Tory-Stars, unter ihnen die künftigen Premiers Cameron und Johnson, trafen sich abseits des akademischen Lebens im legendären Bullingdon Club, einem schwer zugänglichen Verein trinkfreudiger junger Männer, cineastisch verdichtet zum „Riot Club“, einer bitterbösen Abrechnung mit den jungen Schnöseln aus gutem Hause, die im Film wie im richtigen Leben die Sau rausließen. Erst fein dinierten, vor allem aber zechten, hernach oft randalierten und das Mobiliar zer legten und zum Dessert schon mal Prostituierte orderten. Moneten machen noch lange keine Manieren. Ein Zufall nur, aber ein passender, dass auf der Insel momentan ein Buch für Wirbel sorgt, das die politische Klasse des Landes ziemlich bloßstellt. Geschrieben hat es Sasha Swire, Gattin des mäßig begabten Tory-Politikers Hugo Swire und, bis zur Veröffentlichung zumindest, gut
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David Cameron tanzt im Frack (M.). Er schrieb später als Premier mit dem Brexit Geschichte. Und musste zurücktreten
befreundet mit den Camerons. Das Œuvre trägt den Titel „Diary of an MP’s Wife“, Tagebuch einer Abgeordneten-Ehefrau, und am Inhalt weiden sich seriöse wie Revolverblätter. Auf 500 Seiten entfaltet sich nämlich ein Panorama aus Dünkel, Dekadenz und Dandytum. Der ganze BoysClub aus Oxford kriegt sein Fett weg: Cameron, sein Vize George Osborne, Minister Michael Gove und natürlich auch Boris Johnson. Die Einblicke aus dem Binnenleben dieser konservativen Kamarilla sind gleichermaßen unterhaltsam wie verstörend. Immerhin gesteht Cameron in einem Anflug von Einsicht, er habe den Brexit verkackt, „completely fucked up over Brexit“. Und weil das für alle Welt offensichtlich ist und er seither viel Zeit hat, schaut der Premier im Ruhestand nunmehr Netflix leer. Man spottet in den vermeintlich feinen Kreisen über den irrlichternden dekorativen Geschmack von George Osborne und schwiemelt in hoher Frequenz über Sex und die Beschaffenheit der daran beteiligten Organe. Bei einem Spaziergang an der Küste gerät David Cameron in Wallung, als er Lady Swires Parfüm wittert und ihr nahelegt, sie möge bitte ein paar Schritte vorangehen, andernfalls könne er kaum an sich halten und würde sie am liebsten gleich im Gebüsch vernaschen. Wogegen Frau Swire im Zweifel nicht mal protestiert hätte, denn nach Lektüre drängt sich dem Leser der Eindruck auf, sie sei in etwa so dauerbrünftig wie der amtierende Premier Johnson, über den sie schreibt: „Jeder weiß, dass er ein Sexsüchtiger ist …“ Einmal sitzt die Lady bei einem Bankett neben einem Staatssekretär und möchte von dem eigentlich frischen Klatsch abmelken, worauf der langatmig über die EU zu dozieren beginnt und sie ihn unterbricht, „Nein, nein, nein. Ich meine: Wer vögelt gerade wen?“ 72
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CAMERON HAT JETZT VIEL ZEIT UND SCHAUT NETFLIX LEER „The Last Hurrah“ von Dafydd Jones, ACC Arts Books, bisher nur auf Englisch erhältlich, 96 Seiten, 21,99 Euro
Swires Sittengemälde der Mächtigen ist aber auch fern aller libidinösen Preziosen sehr aufschlussreich. Sie schreibt ohne große Scham über „little people“, die kleinen Leute, bezeichnet normales Parteivolk als „toilet seats“ und unterscheidet fein zwischen „People Like Us“ (PLU) und dem großen Rest. Sie selbst entwickelte sich im Laufe der Zeit zum überzeugten Brexiteer.
Karriere ist wohl doch käuflich Wie weit die aktuell Herrschenden vom Bürger entfernt sind, war neulich auch der „Times“ zu entnehmen, der aus dem Inner Circle der Downing Street pikante Details zugespielt wurden. Während in England eine Debatte darüber tobt, ob Kinder aus armen Elternhäusern in den Ferien Schulessen bekommen sollten, lamentiert Johnson offenbar ständig über sein Gehalt von 150 000 Pfund, das kaum reiche, um seine vielen Sprösslinge zu alimentieren. Auch sei das berühmte Domizil nicht unbedingt nach seinem Gusto. Wenn er oder seine Lebensgefährtin Carrie Symonds in den „Rose garden“ hinters Haus wollten, müssten sie – wie furchtbar – immer durchs Büro. Nach
außen dagegen verkauft sich der Premier als kumpeliger Volkstribun, der sein Volk auf einen ungemütlichen Abschied von der EU vorbereitet. Auch in dem bequemen Wissen, dass er und seinesgleichen selbst nach einem harten Brexit schon weich landen. Das Fundament solcher Gesinnung ist angeboren und wird qua Erziehung zementiert. Annähernd die Hälfte des akademischen Nachwuchses in Oxford und der übrigen berühmten Universitäten hat zuvor teure Privatschulen besucht, die sich gerade einmal sieben Prozent der Briten leisten können. Aus diesen sieben Prozent speist sich aber wiederum mehr als die Hälfte der Führungselite. Die sieben Prozent stellen zwei Drittel der Top-Richter in Großbritannien, mehr als die Hälfte der Diplomaten und überdurchschnittlich viele überdurchschnittlich bezahlte Manager. Privatschulen sind gewissermaßen die Fortschreibung des britischen Klassensystems, ein geschlossener, inzestuöser Kreislauf. Karriere ist sehr wohl käuflich. Das fiel dem Fotografen Jones selbstverständlich bereits vor 40 Jahren auf. Zuweilen wunderte er sich, „wie vielen Idioten“ er auf seinen Streifzügen mit der Kamera begegnete. Falls im Oberstübchen der Sprösslinge Leere gähnt, hilft notfalls immer noch Papas Brieftasche. Das gilt explizit nicht nur für Oxford und Cambridge, sondern für die meisten renommierten Lehranstalten im Land. In Zeiten des Brexits blüht vielerorts ein rückwärtsgewandter Nationalismus. Zu später Stunde steigt die nächste Generation junger Snobs gern auf Tische und Stühle, hebt das Glas „To the Empire“ und schmettert „Rule, Britannia!“. Fast wie einst, als Jones das elitäre Paralleluniversum Oxford abmalte, während außerhalb der Blase die Bergleute ums Überleben kämpften. Manchmal kehrt diese dunkle Phase an die Unis zurück. Vor drei Jahren kam das Rugby-Team der ehrwürdigen Universität zu Durham auf die Idee, einen Kostümball unter dem Motto „Miners vs. Thatcher“ zu veranstalten. Durham, das nur zur Erklärung, war mal Kohlerevier, aber damit nicht genug. An die Teilnehmer erging der Rat, man möge beim Verkleiden die hohe Arbeitslosenquote von damals im Sinn haben, „zwölf Prozent im Jahr 1984“, und empfahl als Utensilien für den heiteren Abend „Flachkappen und Spitzhacke“. Manche Dinge ändern sich eben nie.
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So jung sah Dafydd Jones (l.) aus, als er in den 80er Jahren in Oxford fotografierte, das Michael Streck während seiner Jahre als Großbritannien-Korrespondent immer wieder besuchte. Mitarbeit: Dagmar Seeland