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Encountering – Retracing – Mapping

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MAREILE FLITSCH / MAIKE POWROZNIK / MARTINA WERNSDÖRFER (HG.)

Das ethnografische Erbe von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter

Seit 40 Jahren bewahrt das Völkerkundemuseum der Universität Zürich kulturhistorisch bedeutsame Sammlungen von Heinrich Harrer (1912  –  2006) und ­Peter Aufschnaiter (1899 –1973): mit Schwerpunkt Tibet, Neuguinea, Brasilien, Surinam und Französisch-Guyana. Dieser Band stellt das umfangreiche ethnografische Erbe der beiden öster­reichischen Reisenden und Bergsteiger erstmals in Ausschnitten aus allen Sammlungen vor. Ausgehend von den Artefakten fragen wir nach dem wissenschaft­lichen, ideellen und ethischen Wert solcher historischer Sammlungen heute – für uns wie für die Nachfahren der ehemaligen Hersteller/innen und Nutzer/innen der Objekte.

ISBN 978-3-89790-534-4

Harrer/Aufschnaiter_Umschlag_D.indd 1

28.09.18 10:13


Inhalt 7 8

Prolog MAREILE FLITSCH

Objektwissen strukturiert präsentieren Die digitale Vermittlung eines historischen Stadtplans von Lhasa

Geleitwort

LIVIA NEYER

MAREILE FLITSCH

12

93

104

Danksagungen der Kuratorinnen

Mit Objekten lernen Das Museum als Forschungsfeld für Kinder

MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

MELANIE DE VISSER

112

CHARLOTTE BUTTY

EINFÜHRUNG

14

Geschichte erzählen Ein Beispiel der Vermittlung von Geschichte für Kinder

Welten und Geschichten im Objekt Sammlungsforschung aus dem Museumsdepot

SPUR

MAREILE FLITSCH

24 Das ethnografische Erbe von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter im Völkerkundemuseum der Universität Zürich

120

MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

„Dies könnte eine eigene Story abgeben ...“ Die Saamaka-Sammlung von Heinrich Harrer aus Surinam MAIKE POWROZNIK MIT EINEM BEITRAG VON VINIJE HAABO

BEGEGNUNG

KARTE

37

152

Sammlungen begegnen MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

40

Wenn jemand eine Reise tut ... Heinrich Harrer als Expeditionsreisender durch das westliche Neuguinea 1962

MARTINA WERNSDÖRFER

164

K AT H A R I N A W I L H E L M I N A H A S LW A N T E R

50

Die Zähmung des Reisenden Vom Tauschhandel und der Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen im Xingu-Nationalpark 1966

Ethnografisches Sammeln Einzelstücke, Serien, Sachgruppen, Mustersammlungen aus Tibet MARTINA WERNSDÖRFER

184

K AT H E R I N E K L E M E N Z U N D N I C O L E M A A G

64

Ethnografisches Dokumentieren Unterwegs in Tibet mit Tagebuch, Messgerät, Zeichenmaterial und Fotoapparat

Das tibetische Schlagfeuerzeug Werkzeug, Statussymbol und Gegenstand kosmopolitischer Verflechtungen LOBSANG YONGDAN

Erzählte Reise Ein Tondokument der Expedition nach Französisch-Guyana 1969 als Forschungsgegenstand MICHELLE FERRU

71

Ur-rdo: Steine schleudern Die materiell-technische Erkundung einer tibetischen Steinschleuder

198

Nachwort MAREILE FLITSCH

JOSEPHA GRAF

78

Federkopfschmuck, Insektentafeln und Tanzzubehör Ein Objekt-Ensemble im Spannungsfeld einer interkulturellen Begegnung 1966 BARBARA FREY

86

Von Geisterhäusern und Hausgeistern ,Aberglaube‘ als Inspiration für eine Forschungsreise 1968 ANGELA WIDMER

199 206

Bibliografie Zeittafel


Inhalt 7 8

Prolog MAREILE FLITSCH

Objektwissen strukturiert präsentieren Die digitale Vermittlung eines historischen Stadtplans von Lhasa

Geleitwort

LIVIA NEYER

MAREILE FLITSCH

12

93

104

Danksagungen der Kuratorinnen

Mit Objekten lernen Das Museum als Forschungsfeld für Kinder

MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

MELANIE DE VISSER

112

CHARLOTTE BUTTY

EINFÜHRUNG

14

Geschichte erzählen Ein Beispiel der Vermittlung von Geschichte für Kinder

Welten und Geschichten im Objekt Sammlungsforschung aus dem Museumsdepot

SPUR

MAREILE FLITSCH

24 Das ethnografische Erbe von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter im Völkerkundemuseum der Universität Zürich

120

MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

„Dies könnte eine eigene Story abgeben ...“ Die Saamaka-Sammlung von Heinrich Harrer aus Surinam MAIKE POWROZNIK MIT EINEM BEITRAG VON VINIJE HAABO

BEGEGNUNG

KARTE

37

152

Sammlungen begegnen MAIKE POWROZNIK UND MARTINA WERNSDÖRFER

40

Wenn jemand eine Reise tut ... Heinrich Harrer als Expeditionsreisender durch das westliche Neuguinea 1962

MARTINA WERNSDÖRFER

164

K AT H A R I N A W I L H E L M I N A H A S LW A N T E R

50

Die Zähmung des Reisenden Vom Tauschhandel und der Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen im Xingu-Nationalpark 1966

Ethnografisches Sammeln Einzelstücke, Serien, Sachgruppen, Mustersammlungen aus Tibet MARTINA WERNSDÖRFER

184

K AT H E R I N E K L E M E N Z U N D N I C O L E M A A G

64

Ethnografisches Dokumentieren Unterwegs in Tibet mit Tagebuch, Messgerät, Zeichenmaterial und Fotoapparat

Das tibetische Schlagfeuerzeug Werkzeug, Statussymbol und Gegenstand kosmopolitischer Verflechtungen LOBSANG YONGDAN

Erzählte Reise Ein Tondokument der Expedition nach Französisch-Guyana 1969 als Forschungsgegenstand MICHELLE FERRU

71

Ur-rdo: Steine schleudern Die materiell-technische Erkundung einer tibetischen Steinschleuder

198

Nachwort MAREILE FLITSCH

JOSEPHA GRAF

78

Federkopfschmuck, Insektentafeln und Tanzzubehör Ein Objekt-Ensemble im Spannungsfeld einer interkulturellen Begegnung 1966 BARBARA FREY

86

Von Geisterhäusern und Hausgeistern ,Aberglaube‘ als Inspiration für eine Forschungsreise 1968 ANGELA WIDMER

199 206

Bibliografie Zeittafel


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BEGEGNUNG

Die Zähmung des Reisenden

Die Zähmung des Reisenden

2 Heinrich Harrer tauscht am 18.9.1966 Ethnografika gegen mitgebrachte Waren im Dorf der Kamayurá ein. Filmstill (Ausschnitt) aus Heinrich Harrer berichtet: Bei den Xingu-­Indianern im Mato Grosso. EA 5.9.1967, 30'33".

BEGEGNUNG

tete Münzel das Thema „Sammeln im Alto Xingu“ – daher der Titel dieses Beitrags – aus der Sicht der Kamayurá als einen „Akt der Zähmung von Fremden und anderer gefährlicher Gestalten“.6

Die Region des Alto Xingu und die dort lebenden Menschen

Tauschpartner den Tauschobjekten beimessen, eine grosse Rolle spielt, ist Kommunikation, im Sinne von Verstehen, was das Gegenüber meint, zentral. Dies erwies sich in der Tauschbeziehung von Harrer mit den einheimischen Handelspartnern als Problem. Ihm fehlte das Verständnis, welche Rolle Tausch bei ihnen als Mittel zur Ordnung von Beziehungen tatsächlich spielte. Aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen kam es zu unterschiedlichen Auffassungen von Wert und Gegenwert. Ein weiteres Hindernis für Harrers Forschungen war der eingeschränkte Zugang zum Xingu-Nationalpark, in dem mehrere Ethnien verschiedener Sprachgruppen lebten. Der Nationalpark war 1961 auf Anregung der Brüder Cláudio, Orlando und Leonardo Villas Bôas zum Schutz von indigenen Gemeinschaften eingerichtet worden. Als Verwalter regelten sie den Zugang für Fremde. Trotz der eingeschränkten Be­­wegungs­ freiheit entstanden bei diesem Aufenthalt die oben genannten zwei Filmepisoden und das Buch. Aus heutiger Perspektive beinhaltet Harrers Nachlass von Objekten und Archivalien aus dem Alto Xingu

ein Erkenntnispotenzial, das weit über seine veröffentlichten ethnografischen Beschreibungen hinausgeht. Denn dank ethnologischer Forschungen in der Region verfügen wir heute über mehr Informationen, insbesondere aus jener Zeit. Erwähnt seien hier der brasilia­ ni­sche Ethnologe Pedro Agostinho, der während Harrers Aufenthalt vor Ort war, oder der deutsche Ethnologe Mark Münzel, der nur wenige Monate nach Harrer eine mehrmonatige Feldforschung im Dorf der Kamayurá antrat. Dieser Beitrag beleuchtet einiges von dem, was in Harrers Veröffentlichungen eben nicht zur Sprache kommt. Nach einer kurzen historischen Einführung zu seiner Reisedestination wenden wir uns Fragen zum Sammeln, zur Gestaltung von Tauschbeziehungen und nach der Rolle von Objekten im historischen und kultur­ wissenschaftlichen Kontext zu. Auf dieser Grundlage werden anschliessend die Handlungsmacht (agency) und der Wert der Objekte für den Akt des Tauschhandels diskutiert. Die Reflexionen von Mark Münzel dienen uns dabei als Rahmen und als Basis für einen Ausblick auf weiterführende Forschungen. Rückblickend betrach-

Durch seine aufgrund geografischer Gegebenheiten isolierte Lage wurde das Quellgebiet des Xingu-Flusses im Bundesstaat Mato Grosso schon früh zum Rückzugsgebiet für verschiedene indigene Gruppen. Diese gliedern sich in die Sprachfamilien Tupi, Carib, Aruak und in eine Gruppe isolierter Sprachen.7 Nach der ersten deutschen Expedition des Forschungsreisenden Karl von den Steinen im Jahre 1884 stieg das Interesse für dieses Gebiet als Expeditionsdestination. In der Folge traten Xinguanos immer öfter in Kontakt mit Vertretern der westlichen Welt – mit weitreichenden Auswirkungen.8 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die indigene Bevölkerung um 80 % dezimiert. Orlando Villas Bôas schreibt in seinen Memoiren, dass vielfältige Faktoren dafür verantwortlich waren, unter anderem eingeschleppte Krankheiten, aber ebenso blutige Auseinandersetzungen um Landbesitz zwischen den Indigenen selbst.9 1961 wurde schliesslich von der brasilianischen Regierung, auf Initiative der Brüder Villas Bôas, der Parque Nacional do Xingu gegründet, und sie selbst wurden zu dessen Verwaltern ernannt. Orlando, Leonardo und Cláudio Villas Bôas zählten zu den Indigenistas, von denen viele meinten, dass der Einfluss der westlichen Zivilisation für die Indigenen schädlich sei. Sie befürworteten deshalb eingegrenzte, der Lokalbevölkerung vorbehaltene Gebiete als deren Lebensräume. Eine der politischen Massnahmen der Indigenisten-Bewegung war es auch, den Import von Konsumgütern zu beschränken.10 Es wurde dabei nicht nur die Einfuhr von Waren eingeschränkt, sondern es galten auch Einreiseverbote für bestimmte

Während des Totenfestes kwarup im Dorf der Kalapálo wurden zwei urua-Flöten gespielt, die sich heute zusammen mit dem rechten Federkopfschmuck im VMZ befinden. (VMZ 33368–33369, 26285). Foto: Heinrich Harrer, 1966. HHM SA_00012. 3

Personen. So waren beispielsweise Missionare unerwünscht.11 Möglicherweise beeinflusste das Wissen um das ver­ ­meintlich abgeschottete Dasein der indigenen Gruppen im Alto Xingu Harrers Vorstellung von ihnen als „mythische Wilde“ und von ihrem Lebensumfeld als Region, wo „Menschen und Dinge noch unberührt geblieben“ sind.12 Sein romantisches Bild von „den Xingu-Indianern“ als „Naturkinder im Paradies“ kommt in seinen Fotos 3 und TV-Folgen deutlich zum Ausdruck: „Sie [die Xingu-Indianer] jagen und fischen, wo und wann sie wollen, sie baden im Fluss oder See, wenn sie Lust dazu verspüren. Die Natur ist freigiebig, Jahr

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BEGEGNUNG

Die Zähmung des Reisenden

Die Zähmung des Reisenden

2 Heinrich Harrer tauscht am 18.9.1966 Ethnografika gegen mitgebrachte Waren im Dorf der Kamayurá ein. Filmstill (Ausschnitt) aus Heinrich Harrer berichtet: Bei den Xingu-­Indianern im Mato Grosso. EA 5.9.1967, 30'33".

BEGEGNUNG

tete Münzel das Thema „Sammeln im Alto Xingu“ – daher der Titel dieses Beitrags – aus der Sicht der Kamayurá als einen „Akt der Zähmung von Fremden und anderer gefährlicher Gestalten“.6

Die Region des Alto Xingu und die dort lebenden Menschen

Tauschpartner den Tauschobjekten beimessen, eine grosse Rolle spielt, ist Kommunikation, im Sinne von Verstehen, was das Gegenüber meint, zentral. Dies erwies sich in der Tauschbeziehung von Harrer mit den einheimischen Handelspartnern als Problem. Ihm fehlte das Verständnis, welche Rolle Tausch bei ihnen als Mittel zur Ordnung von Beziehungen tatsächlich spielte. Aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen kam es zu unterschiedlichen Auffassungen von Wert und Gegenwert. Ein weiteres Hindernis für Harrers Forschungen war der eingeschränkte Zugang zum Xingu-Nationalpark, in dem mehrere Ethnien verschiedener Sprachgruppen lebten. Der Nationalpark war 1961 auf Anregung der Brüder Cláudio, Orlando und Leonardo Villas Bôas zum Schutz von indigenen Gemeinschaften eingerichtet worden. Als Verwalter regelten sie den Zugang für Fremde. Trotz der eingeschränkten Be­­wegungs­ freiheit entstanden bei diesem Aufenthalt die oben genannten zwei Filmepisoden und das Buch. Aus heutiger Perspektive beinhaltet Harrers Nachlass von Objekten und Archivalien aus dem Alto Xingu

ein Erkenntnispotenzial, das weit über seine veröffentlichten ethnografischen Beschreibungen hinausgeht. Denn dank ethnologischer Forschungen in der Region verfügen wir heute über mehr Informationen, insbesondere aus jener Zeit. Erwähnt seien hier der brasilia­ ni­sche Ethnologe Pedro Agostinho, der während Harrers Aufenthalt vor Ort war, oder der deutsche Ethnologe Mark Münzel, der nur wenige Monate nach Harrer eine mehrmonatige Feldforschung im Dorf der Kamayurá antrat. Dieser Beitrag beleuchtet einiges von dem, was in Harrers Veröffentlichungen eben nicht zur Sprache kommt. Nach einer kurzen historischen Einführung zu seiner Reisedestination wenden wir uns Fragen zum Sammeln, zur Gestaltung von Tauschbeziehungen und nach der Rolle von Objekten im historischen und kultur­ wissenschaftlichen Kontext zu. Auf dieser Grundlage werden anschliessend die Handlungsmacht (agency) und der Wert der Objekte für den Akt des Tauschhandels diskutiert. Die Reflexionen von Mark Münzel dienen uns dabei als Rahmen und als Basis für einen Ausblick auf weiterführende Forschungen. Rückblickend betrach-

Durch seine aufgrund geografischer Gegebenheiten isolierte Lage wurde das Quellgebiet des Xingu-Flusses im Bundesstaat Mato Grosso schon früh zum Rückzugsgebiet für verschiedene indigene Gruppen. Diese gliedern sich in die Sprachfamilien Tupi, Carib, Aruak und in eine Gruppe isolierter Sprachen.7 Nach der ersten deutschen Expedition des Forschungsreisenden Karl von den Steinen im Jahre 1884 stieg das Interesse für dieses Gebiet als Expeditionsdestination. In der Folge traten Xinguanos immer öfter in Kontakt mit Vertretern der westlichen Welt – mit weitreichenden Auswirkungen.8 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die indigene Bevölkerung um 80 % dezimiert. Orlando Villas Bôas schreibt in seinen Memoiren, dass vielfältige Faktoren dafür verantwortlich waren, unter anderem eingeschleppte Krankheiten, aber ebenso blutige Auseinandersetzungen um Landbesitz zwischen den Indigenen selbst.9 1961 wurde schliesslich von der brasilianischen Regierung, auf Initiative der Brüder Villas Bôas, der Parque Nacional do Xingu gegründet, und sie selbst wurden zu dessen Verwaltern ernannt. Orlando, Leonardo und Cláudio Villas Bôas zählten zu den Indigenistas, von denen viele meinten, dass der Einfluss der westlichen Zivilisation für die Indigenen schädlich sei. Sie befürworteten deshalb eingegrenzte, der Lokalbevölkerung vorbehaltene Gebiete als deren Lebensräume. Eine der politischen Massnahmen der Indigenisten-Bewegung war es auch, den Import von Konsumgütern zu beschränken.10 Es wurde dabei nicht nur die Einfuhr von Waren eingeschränkt, sondern es galten auch Einreiseverbote für bestimmte

Während des Totenfestes kwarup im Dorf der Kalapálo wurden zwei urua-Flöten gespielt, die sich heute zusammen mit dem rechten Federkopfschmuck im VMZ befinden. (VMZ 33368–33369, 26285). Foto: Heinrich Harrer, 1966. HHM SA_00012. 3

Personen. So waren beispielsweise Missionare unerwünscht.11 Möglicherweise beeinflusste das Wissen um das ver­ ­meintlich abgeschottete Dasein der indigenen Gruppen im Alto Xingu Harrers Vorstellung von ihnen als „mythische Wilde“ und von ihrem Lebensumfeld als Region, wo „Menschen und Dinge noch unberührt geblieben“ sind.12 Sein romantisches Bild von „den Xingu-Indianern“ als „Naturkinder im Paradies“ kommt in seinen Fotos 3 und TV-Folgen deutlich zum Ausdruck: „Sie [die Xingu-Indianer] jagen und fischen, wo und wann sie wollen, sie baden im Fluss oder See, wenn sie Lust dazu verspüren. Die Natur ist freigiebig, Jahr

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66

BEGEGNUNG

Erzählte Reise

Reiseroute mit Umwegen Die Nachzeichnung der detaillierten Reiseroute ermöglicht eine gute geografische Orientierung, welche für das Verständnis der Expedition und der Sammlung grundlegend ist. Die Reise begann für Harrer, König Leopold III. und Gosse in Paris. Von dort flogen sie mit Zwischenlandungen auf den Inseln Guadeloupe und Martinique nach Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-­Guyana, bis heute ein Überseedépartement Frankreichs. Der erste Teil der Expedition führte mit dem Auto der Küste entlang nach Kourou. Dort durften sie einem Raketenstart des Centre Spatial Guyanais beiwohnen und die Teufels­ inseln im Atlantischen Ozean besuchen. Weiter ging es nach Saint-Laurent du Maroni im Westen des Landes; von der benachbarten Stadt SaintJean du Maroni begann die Flussreise mit gemieteten, motorisierten Einbäumen und einer lokalen Mannschaft auf der französischen Seite des Maroni-Flusses Rich-

König Leopold III. von Belgien (links), Jean-Pierre Gosse (Mitte) und Heinrich Harrer (rechts) in einem Restaurant in Saint-Georges. Fotograf unbekannt, 1969. 2

tung Süden. Nach einer Übernachtung in Grand Santi erreichten sie am Folgetag schliesslich Maripasoula. Von dort unternahmen sie während der nächsten zehn Tage verschiedene Ausflüge und besuchten mehrere Wayana-Dörfer entlang des Tampok- und des Litani-­ Flusses,7 unter anderem die Dörfer Aloïke, Elahé, ­Wempi und Twanike. Bei Tolinga, einem Dorf der Boni Marron südlich des Marouini-Zuflusses, kehrten sie um und fuhren zurück nach Maripasoula, da die direkte Weiterreise nach Osten wegen des bereits zu niedrigen Wasser­ standes nicht mehr möglich war. Von dort flogen sie über Cayenne in den Osten nach Saint-Georges 2 . Nun begann der zweite Teil der Expedition, diesmal auf dem Grenzfluss zu Brasilien, dem Oyapock. Am 26. November legten sie mit Pirogen die Strecke über Maripa bis nach Saut Cachiri zurück. Nach einer schwierigen und langsamen Weiterfahrt erreichten sie zwei Tage später den Posten Camopi. In den nächsten Tagen fuhren Harrer und König Leopold III. (ohne Gosse, der in Saint-Georges geblieben war) zusammen mit dem französischen Gendarm Tixier und vier lokalen Kanuführern weiter stromaufwärts, um schliesslich ihr Ziel, die Wayãpi-Dörfer Zidoc und Trois-Sauts, zu erreichen. Über Alicoto, Massikiri, Akoumenaye, Oscar, Pahan Tapele und Maripa Itou erreichte die Gruppe am Mittwoch, dem 3. Dezember, Zidoc. Im einen Kilometer weiter südlich gelegenen Trois-Sauts, dem Sitz des Häuptlings Palassissi, durften sie in einer der Hütten ihre Hängematten aufhängen. Ganze fünf Tage blieben Harrer und König Leopold III. in diesen beiden Dörfern, bis sie von einem Helikopter abgeholt wurden und ihre Rückreise antraten. Über Camopi und St. Georges gelangten die beiden am 11. Dezember wieder nach C ­ ayenne. Am 20. Dezember traten sie den Rückflug nach Paris an. Eine Problematik bei der Beschäftigung mit der sehr kleinen ethnografischen Sammlung dieser Reise liegt darin, dass Harrer selbst sie nie gesondert behandelt hat. Auch in der oben genannten Fernsehfolge bespricht er nur wenige der Objekte, die er in den beiden Wayãpi-­ Dörfern sammeln konnte. Um die Kulisse interessanter zu gestalten, wurden im Studio jedoch zahlreiche Ethnografika aus früher zusammengetragenen Sammlungen aufgehängt oder auf den Tisch gelegt. Diese stammen von

3 Vier massue. Gesammelt am 5.12.1969 in Trois-Sauts. VMZ 27187– 27190 (L 64/55/64.5/35 cm).

Xinguano- und vermutlich auch Wayana-Gruppen, die Harrer 1966 in Brasilien und Surinam besucht hatte. Die Objekte der Wayãpi gehen in den Objektlisten zu Surinam und in der „Indianer-Liste“ (Brasilien und Surinam 1966 sowie Französisch-Guyana 1969) auf beziehungsweise unter. Zudem scheinen sich die Gesellschaften der Wayana und Wayãpi in vielen kulturellen Aspekten sehr ähnlich zu sein, so dass eine Zuordnung anhand der Fotos schwerfällt. Die genaue Kenntnis der Reiseroute macht zumindest klar, dass Harrer 1969 nicht nur Wayãpi, sondern auch mehrere Dörfer von Wayana besucht hat. Einige Objekte der Wayana-Sammlung könnten also auch erst 1969 in Franzsösisch-Guyana nahe Maripasoula gesammelt worden sein. Zusammen mit den Beschreibungen

des Audiotagebuches lassen sich bei vergleichender Forschung Situationen und Individuen entlang der Reiseroute erkennen, die nach und nach Rückschlüsse auf das Zustandekommen der Sammlung möglich machen.

„Vier schöne Totschläger“ Anhand des Beispiels von vier gleichartigen Objekten wird im Folgenden das Extrahieren und Verarbeiten von Informationen aus dem Audiotagebuch vorgeführt. Die jeweils etwa 60 cm langen Holzobjekte mit Ritzverzierungen und mit Baumwolle umwickelten Griffen


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BEGEGNUNG

Erzählte Reise

Reiseroute mit Umwegen Die Nachzeichnung der detaillierten Reiseroute ermöglicht eine gute geografische Orientierung, welche für das Verständnis der Expedition und der Sammlung grundlegend ist. Die Reise begann für Harrer, König Leopold III. und Gosse in Paris. Von dort flogen sie mit Zwischenlandungen auf den Inseln Guadeloupe und Martinique nach Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-­Guyana, bis heute ein Überseedépartement Frankreichs. Der erste Teil der Expedition führte mit dem Auto der Küste entlang nach Kourou. Dort durften sie einem Raketenstart des Centre Spatial Guyanais beiwohnen und die Teufels­ inseln im Atlantischen Ozean besuchen. Weiter ging es nach Saint-Laurent du Maroni im Westen des Landes; von der benachbarten Stadt SaintJean du Maroni begann die Flussreise mit gemieteten, motorisierten Einbäumen und einer lokalen Mannschaft auf der französischen Seite des Maroni-Flusses Rich-

König Leopold III. von Belgien (links), Jean-Pierre Gosse (Mitte) und Heinrich Harrer (rechts) in einem Restaurant in Saint-Georges. Fotograf unbekannt, 1969. 2

tung Süden. Nach einer Übernachtung in Grand Santi erreichten sie am Folgetag schliesslich Maripasoula. Von dort unternahmen sie während der nächsten zehn Tage verschiedene Ausflüge und besuchten mehrere Wayana-Dörfer entlang des Tampok- und des Litani-­ Flusses,7 unter anderem die Dörfer Aloïke, Elahé, ­Wempi und Twanike. Bei Tolinga, einem Dorf der Boni Marron südlich des Marouini-Zuflusses, kehrten sie um und fuhren zurück nach Maripasoula, da die direkte Weiterreise nach Osten wegen des bereits zu niedrigen Wasser­ standes nicht mehr möglich war. Von dort flogen sie über Cayenne in den Osten nach Saint-Georges 2 . Nun begann der zweite Teil der Expedition, diesmal auf dem Grenzfluss zu Brasilien, dem Oyapock. Am 26. November legten sie mit Pirogen die Strecke über Maripa bis nach Saut Cachiri zurück. Nach einer schwierigen und langsamen Weiterfahrt erreichten sie zwei Tage später den Posten Camopi. In den nächsten Tagen fuhren Harrer und König Leopold III. (ohne Gosse, der in Saint-Georges geblieben war) zusammen mit dem französischen Gendarm Tixier und vier lokalen Kanuführern weiter stromaufwärts, um schliesslich ihr Ziel, die Wayãpi-Dörfer Zidoc und Trois-Sauts, zu erreichen. Über Alicoto, Massikiri, Akoumenaye, Oscar, Pahan Tapele und Maripa Itou erreichte die Gruppe am Mittwoch, dem 3. Dezember, Zidoc. Im einen Kilometer weiter südlich gelegenen Trois-Sauts, dem Sitz des Häuptlings Palassissi, durften sie in einer der Hütten ihre Hängematten aufhängen. Ganze fünf Tage blieben Harrer und König Leopold III. in diesen beiden Dörfern, bis sie von einem Helikopter abgeholt wurden und ihre Rückreise antraten. Über Camopi und St. Georges gelangten die beiden am 11. Dezember wieder nach C ­ ayenne. Am 20. Dezember traten sie den Rückflug nach Paris an. Eine Problematik bei der Beschäftigung mit der sehr kleinen ethnografischen Sammlung dieser Reise liegt darin, dass Harrer selbst sie nie gesondert behandelt hat. Auch in der oben genannten Fernsehfolge bespricht er nur wenige der Objekte, die er in den beiden Wayãpi-­ Dörfern sammeln konnte. Um die Kulisse interessanter zu gestalten, wurden im Studio jedoch zahlreiche Ethnografika aus früher zusammengetragenen Sammlungen aufgehängt oder auf den Tisch gelegt. Diese stammen von

3 Vier massue. Gesammelt am 5.12.1969 in Trois-Sauts. VMZ 27187– 27190 (L 64/55/64.5/35 cm).

Xinguano- und vermutlich auch Wayana-Gruppen, die Harrer 1966 in Brasilien und Surinam besucht hatte. Die Objekte der Wayãpi gehen in den Objektlisten zu Surinam und in der „Indianer-Liste“ (Brasilien und Surinam 1966 sowie Französisch-Guyana 1969) auf beziehungsweise unter. Zudem scheinen sich die Gesellschaften der Wayana und Wayãpi in vielen kulturellen Aspekten sehr ähnlich zu sein, so dass eine Zuordnung anhand der Fotos schwerfällt. Die genaue Kenntnis der Reiseroute macht zumindest klar, dass Harrer 1969 nicht nur Wayãpi, sondern auch mehrere Dörfer von Wayana besucht hat. Einige Objekte der Wayana-Sammlung könnten also auch erst 1969 in Franzsösisch-Guyana nahe Maripasoula gesammelt worden sein. Zusammen mit den Beschreibungen

des Audiotagebuches lassen sich bei vergleichender Forschung Situationen und Individuen entlang der Reiseroute erkennen, die nach und nach Rückschlüsse auf das Zustandekommen der Sammlung möglich machen.

„Vier schöne Totschläger“ Anhand des Beispiels von vier gleichartigen Objekten wird im Folgenden das Extrahieren und Verarbeiten von Informationen aus dem Audiotagebuch vorgeführt. Die jeweils etwa 60 cm langen Holzobjekte mit Ritzverzierungen und mit Baumwolle umwickelten Griffen


2

Faustflechten (der Wurfarme).

genau übereinstimmen, werden die Vierkantschnüre vermutlich während des Annähens der Pfanne fortwährend verlängert und erst dann wieder zur Doppelqua­ dratschnur zusammengeführt, wenn auch das Ende des Webstückes eingenäht ist.

Zweiter Wurfarm und Griff: Doppelquadrat­schnur, Faustgeflecht Nun wird mit der Doppelquadratschnur fortgefahren und, wenn diese die vorgesehene Länge erreicht hat, zurück in ein Faustgeflecht gewechselt. Das Faust­ geflecht basiert auf einer Verkreuzung von vier unabhängigen Zwirnen. Diese Zwirne können entweder in S- oder Z-Richtung gedreht sein. Je nachdem, wie die flechtende Person diese Drehungen einsetzt, entsteht eine andere Struktur des Geflechts. So führt das Verdrehen aller Fäden in derselben Richtung zu einem spiralförmigen Muster, das entsprechend in S- beziehungsweise Z-Richtung verläuft. Werden die Partien jedoch im Wechsel in verschiedene Richtungen verdreht, können geradlinige Muster erzeugt werden. Die Verwendung und Verteilung verschiedenfarbiger Fäden erwei-

3

tert die Möglichkeiten der Musterbildung zusätzlich. Während sich die Musterung des zuerst geflochtenen Wurfarms der Schleuder auf ‚Augen‘23 und auf ein Zickzack-Muster, das rund um das Geflecht, also quer zur Flechtrichtung verläuft,24 beschränkt, zeigt der zweite Wurfarm ein ganzes Repertoire verschiedenartiger Muster.25 Sobald dieser Wurfarm genügend lang ist, geht die flechtende Person in zwei Faustgeflecht-­Stränge mit halber Fadenanzahl über. Diese sind nun spiralig geflochten, das heisst, die Richtung der Verdrehung der Zwirne bleibt gleich. Allerdings wird ein Strang in Z-Richtung und der andere in S-Richtung gedreht. Schliesslich werden die Fäden wieder zusammengenommen, nochmals kurz verflochten, und am Ende geht der Wurfarm in den Griff über. Dieser zeigt wiederum das Herzmuster. Das Ende des Geflechts wird zurückgeschlagen, und mit rotem, grünem und gelbem Faden umwickelt und vernäht, damit die Faden­enden halten.

Abschluss An die allererste Schlaufe am Beginn des ersten Wurf­arms wird schliesslich mit einem Einhängeknoten eine gedrill-

Doppelquadratschnur.

te Kordel geknüpft. Daran wiederum wird ein Scheingeflecht aus vier mit Nadel und Faden durchdrungenen Zwirnen mit offenen Enden befestigt. Schliesslich werden alle im Diagonalgeflecht hergestellten Teile der Schleuder (Griff und Mittelteil) mit einem Zopf aus schwarzer Wolle, der mit zwei gegenläufigen weissen Fäden an den Rand genäht wird, abgeschlossen (finishing off).

Von der Herstellung zur Verwendung Gemäss Janchup Büwang und Peter Ghung muss bei einer Steinschleuder auch die Beschaffenheit der Wolle stimmen.26 Massgebend ist unter anderem, wer die Schleuder künftig verwenden wird. Für Frauen oder Kinder werden tendenziell feinere Wollfäden verflochten, während die Schleudern der Männer eher aus robusteren Grundfäden bestehen. Im Gespräch mit den beiden Tibetern konnte ich erfahren, dass es sich bei Hersteller/in und Benutzer/in einer Schleuder meistens um zwei Personen handelt. Sie teilen sich das Wissen und Können

der Herstellung und Verwendung, das also nicht zwingend von einer einzigen Person beherrscht werden muss. Jede Schleuder wird individuell für einen bestimmten Nutzer/eine Nutzerin gefertigt. Die Bemessung der Länge der Wurfarme und der Breite und Länge der Schleuderpfanne orientiert sich an den Körpermassen dieser Person. In der Mitte gefaltet, soll die Schleuder den Oberkörper auf Schulterhöhe umfassen. Die Pfanne soll ungefähr vier Finger breit sein und in der Länge der Spannweite zwischen Daumen und Mittelfinger entsprechen. Die Beschaffenheit, das Muster, die Farbgebung und die Länge der Steinschleuder 14941 lassen vermuten, dass sie von einer Frau verwendet wurde – wenn sie überhaupt jemals zur Anwendung kam.27 Obwohl traditionelle Schleudern nur aus schwarzer und weisser Wolle hergestellt sind, kann grundsätzlich aus jedem beliebigen Faden in einer frei wählbaren Farbe eine funktionstüchtige Schleuder geflochten werden. Wenn Hersteller/in und Nutzer/in zwei verschiedene Personen sind, ist die Kommunikation zwischen ihnen entscheidend, damit aus Wolle und Faden am Ende ein auf den Nutzer/die Nutzerin abgestimmtes Produkt entsteht.28


2

Faustflechten (der Wurfarme).

genau übereinstimmen, werden die Vierkantschnüre vermutlich während des Annähens der Pfanne fortwährend verlängert und erst dann wieder zur Doppelqua­ dratschnur zusammengeführt, wenn auch das Ende des Webstückes eingenäht ist.

Zweiter Wurfarm und Griff: Doppelquadrat­schnur, Faustgeflecht Nun wird mit der Doppelquadratschnur fortgefahren und, wenn diese die vorgesehene Länge erreicht hat, zurück in ein Faustgeflecht gewechselt. Das Faust­ geflecht basiert auf einer Verkreuzung von vier unabhängigen Zwirnen. Diese Zwirne können entweder in S- oder Z-Richtung gedreht sein. Je nachdem, wie die flechtende Person diese Drehungen einsetzt, entsteht eine andere Struktur des Geflechts. So führt das Verdrehen aller Fäden in derselben Richtung zu einem spiralförmigen Muster, das entsprechend in S- beziehungsweise Z-Richtung verläuft. Werden die Partien jedoch im Wechsel in verschiedene Richtungen verdreht, können geradlinige Muster erzeugt werden. Die Verwendung und Verteilung verschiedenfarbiger Fäden erwei-

3

tert die Möglichkeiten der Musterbildung zusätzlich. Während sich die Musterung des zuerst geflochtenen Wurfarms der Schleuder auf ‚Augen‘23 und auf ein Zickzack-Muster, das rund um das Geflecht, also quer zur Flechtrichtung verläuft,24 beschränkt, zeigt der zweite Wurfarm ein ganzes Repertoire verschiedenartiger Muster.25 Sobald dieser Wurfarm genügend lang ist, geht die flechtende Person in zwei Faustgeflecht-­Stränge mit halber Fadenanzahl über. Diese sind nun spiralig geflochten, das heisst, die Richtung der Verdrehung der Zwirne bleibt gleich. Allerdings wird ein Strang in Z-Richtung und der andere in S-Richtung gedreht. Schliesslich werden die Fäden wieder zusammengenommen, nochmals kurz verflochten, und am Ende geht der Wurfarm in den Griff über. Dieser zeigt wiederum das Herzmuster. Das Ende des Geflechts wird zurückgeschlagen, und mit rotem, grünem und gelbem Faden umwickelt und vernäht, damit die Faden­enden halten.

Abschluss An die allererste Schlaufe am Beginn des ersten Wurf­arms wird schliesslich mit einem Einhängeknoten eine gedrill-

Doppelquadratschnur.

te Kordel geknüpft. Daran wiederum wird ein Scheingeflecht aus vier mit Nadel und Faden durchdrungenen Zwirnen mit offenen Enden befestigt. Schliesslich werden alle im Diagonalgeflecht hergestellten Teile der Schleuder (Griff und Mittelteil) mit einem Zopf aus schwarzer Wolle, der mit zwei gegenläufigen weissen Fäden an den Rand genäht wird, abgeschlossen (finishing off).

Von der Herstellung zur Verwendung Gemäss Janchup Büwang und Peter Ghung muss bei einer Steinschleuder auch die Beschaffenheit der Wolle stimmen.26 Massgebend ist unter anderem, wer die Schleuder künftig verwenden wird. Für Frauen oder Kinder werden tendenziell feinere Wollfäden verflochten, während die Schleudern der Männer eher aus robusteren Grundfäden bestehen. Im Gespräch mit den beiden Tibetern konnte ich erfahren, dass es sich bei Hersteller/in und Benutzer/in einer Schleuder meistens um zwei Personen handelt. Sie teilen sich das Wissen und Können

der Herstellung und Verwendung, das also nicht zwingend von einer einzigen Person beherrscht werden muss. Jede Schleuder wird individuell für einen bestimmten Nutzer/eine Nutzerin gefertigt. Die Bemessung der Länge der Wurfarme und der Breite und Länge der Schleuderpfanne orientiert sich an den Körpermassen dieser Person. In der Mitte gefaltet, soll die Schleuder den Oberkörper auf Schulterhöhe umfassen. Die Pfanne soll ungefähr vier Finger breit sein und in der Länge der Spannweite zwischen Daumen und Mittelfinger entsprechen. Die Beschaffenheit, das Muster, die Farbgebung und die Länge der Steinschleuder 14941 lassen vermuten, dass sie von einer Frau verwendet wurde – wenn sie überhaupt jemals zur Anwendung kam.27 Obwohl traditionelle Schleudern nur aus schwarzer und weisser Wolle hergestellt sind, kann grundsätzlich aus jedem beliebigen Faden in einer frei wählbaren Farbe eine funktionstüchtige Schleuder geflochten werden. Wenn Hersteller/in und Nutzer/in zwei verschiedene Personen sind, ist die Kommunikation zwischen ihnen entscheidend, damit aus Wolle und Faden am Ende ein auf den Nutzer/die Nutzerin abgestimmtes Produkt entsteht.28


K PA

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L du PA an thm a K

Taipeh TAIWAN

Hong Kong

Calcutta

ila

PACIFIC OCEAN

no

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Bangkok

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THAILAND

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‚Aberglaube‘ als Inspiration für eine Forschungsreise 1968

Tokyo

CAMBODIA

Delhi

kfu

INDIA

Fra n

Karachi

m n Pe h

ANGELA WIDMER

IN

La Paz

INDIAN OCEAN

BOLIVIA

Bereits im tibetischen Hochland, vor allem aber während seiner Expeditionen ab 1953 war Harrer wiederholt auf aus seiner Sicht abergläubische Vorstellungswelten aufmerksam geworden. Im Gebiet des Alto Xingu etwa bemerkte er Wurzelholz am Fortsatz des Dachgiebels, das aus technischer Sicht keine Funktion erfüllte, und das er der Abwehr böser Geister zuschrieb; bei den Saamaka Marron in Surinam fand er Palmenvorhänge am Eingang der nicht missionierten Dörfer zum Schutz vor Wassergeistern, wie er vermutete. Derartige Beobachtungen veranlassten ihn im Jahre 1968 dazu, eine ausgedehnte Forschungsreise anzutreten, die er eigens dem Sammeln von „Schutz- und Abwehrzeichen“ widmete 1 . Ziel der Reise sollte es sein, mittels der gesammelten Objekte Vergleiche zwischen verschiedenen Gesellschaften und ihren religiösen Vorstellungen zu ermöglichen. Harrer trug insgesamt 270 Objekte zusammen, die sich heute grösstenteils im Völkerkundemuseum befinden.

O

N

ES

Jakarta IA

Surabaya

Java

50 Jahre später

AUSTRALIA

Sydney

Heinrich Harrers Flugroute auf der Forschungsreise 1968. 1

Reise überhaupt Tagebuch schrieb. Lediglich Listen zu den Objekten, auf denen Hinweise zur Herkunft und zur Funktion festgehalten sind, lieferten weitere Anhaltspunkte. Dabei handelt es sich um mehrere Listen, die Harrer zu unterschiedlichen Zeitpunkten für unterschiedliche Zwecke angelegt hat. Die Gründe für sich darin teilweise widersprechende Angaben können heute, mit dem grossen zeitlichen Abstand, nicht mehr vollständig nachvollzogen werden. Besonders auffällig ist, dass einige Herkunftsländer der Objekte nicht mit Harrers Reiseagenda von 1968 übereinstimmen, in der er alle Reiseziele notierte. Manche Objekte stammen, so ergab die vergleichende Recherche, von früheren Expeditionen – etwa in den Kongo 1957, ins westliche Neuguinea 1962, nach Brasilien und Surinam 1966 –, andere sogar aus seinem heimatlichen Umfeld – aus Österreich, Liechtenstein und dem damaligen Jugo­

N

LA

N

D

on

EW

A ZE

gt

Die unter dem Oberbegriff „Abwehrzauber“ inventarisierte Sammlung bietet eine faszinierende Vielfalt an Objekten, die in Grösse, Aussehen und Materialität nicht unterschiedlicher sein könnten. Von schlicht aussehenden Halsketten bis zu kunstvoll gefertigten Dachreitern liegt eine überwältigende Fülle an Zeugnissen verschiedener Gesellschaften vor, die doch eines vereint: Sie alle sind nach der Auffassung von Harrer Abwehr- und Schutzzeichen der jeweiligen Kultur, aus welcher sie stammen. Besonders zu Beginn der eigenen Annäherung an die Objekte war diese Klassifizierung ein wichtiger Anhaltspunkt, um davon ausgehend an der Sammlung forschen zu können.2 Schnell stellte sich heraus, dass eine vertiefte ethno­logische Recherche zu dem kulturellen Phänomen von Schutz- und Abwehrzeichen unumgänglich war, da Harrer zu der Sammlung sowie zu den einzelnen Objekten nur wenige Hintergrundinformationen zusammengetragen hatte. Einzig in seinem eingangs zitierten Buch Geister und Dämonen aus dem Jahr 1969 und in drei TV-Folgen der Sendereihe Heinrich Harrer berichtet zu Geisterfallen und Dämonen, die im gleichen Jahr erstmals ausgestrahlt wurden, präsentierte er seine Erkenntnisse. Obwohl der Leserschaft und dem Fernsehpublikum hier interessante Informationen dicht verpackt vermittelt werden, ist lediglich ein kleiner Teil der Sammlung durch diese Medien aufbereitet. Auch auf Tagebücher, die Harrer auf allen seinen Reisen konsequent führte, konnte in diesem Fall nicht zurückgegriffen werden. Es ist unklar, ob er während dieser

lin

„Riesenhaft ist die Erde, unerschöpflich ihre Vielgestalt, undurchschaubar die Unterschiedlichkeit der Kulturen, die sich Menschen auf ihr errichten. Und doch ist, bei aller Verschiedenartigkeit, eines, das alle kulturellen Schichten durchformte, überall zu finden: der Wunsch des Menschen, sich vor drohendem Unheil zu schützen, Gefahren zu bannen, Kraft und Heil zu sichern und zu mehren. Ob in den Steinmauern von New York oder in der Hütte der Papua auf Neuguinea, überall finden sich Zeichen und Bilder für dieses Streben nach Wahrung des Glücks und Abwehr des Bösen.“1

D

W el

BEGEGNUNG

Von Geisterhäusern und Hausgeistern

JAPAN

N TA IS

slawien. Sie wurden offensichtlich später von Harrer selbst in die Abwehrzauber-Sammlung integriert. Immer wieder erwähnte er bereits während früherer Reisen das Auffinden solcher Gegenstände, die vermutlich den Anstoss für die Reise 1968 lieferten.3 Aufgrund der zahlreichen offenen Fragen und Ungereimtheiten diente am Beginn der Forschung Harrers eigene Klassifizierung der Objekte als „Schutz- und Abwehrzeichen“ der Orientierung. Davon ausgehend konnten die Angaben zu Herkunft oder Funktion der einzelnen Objekte auf den Listen überprüft und in einem zweiten Schritt, auch durch das Hinzuziehen von Literatur, bestätigt oder verworfen werden.4 Dieses Vorgehen sollte den roten Faden durch die Sammlung sichtbar machen, und gleichzeitig die spannende Frage­stellung Harrers nach materiellen Formen von Schutz und Abwehr wissenschaftlich einbetten.


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‚Aberglaube‘ als Inspiration für eine Forschungsreise 1968

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Bereits im tibetischen Hochland, vor allem aber während seiner Expeditionen ab 1953 war Harrer wiederholt auf aus seiner Sicht abergläubische Vorstellungswelten aufmerksam geworden. Im Gebiet des Alto Xingu etwa bemerkte er Wurzelholz am Fortsatz des Dachgiebels, das aus technischer Sicht keine Funktion erfüllte, und das er der Abwehr böser Geister zuschrieb; bei den Saamaka Marron in Surinam fand er Palmenvorhänge am Eingang der nicht missionierten Dörfer zum Schutz vor Wassergeistern, wie er vermutete. Derartige Beobachtungen veranlassten ihn im Jahre 1968 dazu, eine ausgedehnte Forschungsreise anzutreten, die er eigens dem Sammeln von „Schutz- und Abwehrzeichen“ widmete 1 . Ziel der Reise sollte es sein, mittels der gesammelten Objekte Vergleiche zwischen verschiedenen Gesellschaften und ihren religiösen Vorstellungen zu ermöglichen. Harrer trug insgesamt 270 Objekte zusammen, die sich heute grösstenteils im Völkerkundemuseum befinden.

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50 Jahre später

AUSTRALIA

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Heinrich Harrers Flugroute auf der Forschungsreise 1968. 1

Reise überhaupt Tagebuch schrieb. Lediglich Listen zu den Objekten, auf denen Hinweise zur Herkunft und zur Funktion festgehalten sind, lieferten weitere Anhaltspunkte. Dabei handelt es sich um mehrere Listen, die Harrer zu unterschiedlichen Zeitpunkten für unterschiedliche Zwecke angelegt hat. Die Gründe für sich darin teilweise widersprechende Angaben können heute, mit dem grossen zeitlichen Abstand, nicht mehr vollständig nachvollzogen werden. Besonders auffällig ist, dass einige Herkunftsländer der Objekte nicht mit Harrers Reiseagenda von 1968 übereinstimmen, in der er alle Reiseziele notierte. Manche Objekte stammen, so ergab die vergleichende Recherche, von früheren Expeditionen – etwa in den Kongo 1957, ins westliche Neuguinea 1962, nach Brasilien und Surinam 1966 –, andere sogar aus seinem heimatlichen Umfeld – aus Österreich, Liechtenstein und dem damaligen Jugo­

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Die unter dem Oberbegriff „Abwehrzauber“ inventarisierte Sammlung bietet eine faszinierende Vielfalt an Objekten, die in Grösse, Aussehen und Materialität nicht unterschiedlicher sein könnten. Von schlicht aussehenden Halsketten bis zu kunstvoll gefertigten Dachreitern liegt eine überwältigende Fülle an Zeugnissen verschiedener Gesellschaften vor, die doch eines vereint: Sie alle sind nach der Auffassung von Harrer Abwehr- und Schutzzeichen der jeweiligen Kultur, aus welcher sie stammen. Besonders zu Beginn der eigenen Annäherung an die Objekte war diese Klassifizierung ein wichtiger Anhaltspunkt, um davon ausgehend an der Sammlung forschen zu können.2 Schnell stellte sich heraus, dass eine vertiefte ethno­logische Recherche zu dem kulturellen Phänomen von Schutz- und Abwehrzeichen unumgänglich war, da Harrer zu der Sammlung sowie zu den einzelnen Objekten nur wenige Hintergrundinformationen zusammengetragen hatte. Einzig in seinem eingangs zitierten Buch Geister und Dämonen aus dem Jahr 1969 und in drei TV-Folgen der Sendereihe Heinrich Harrer berichtet zu Geisterfallen und Dämonen, die im gleichen Jahr erstmals ausgestrahlt wurden, präsentierte er seine Erkenntnisse. Obwohl der Leserschaft und dem Fernsehpublikum hier interessante Informationen dicht verpackt vermittelt werden, ist lediglich ein kleiner Teil der Sammlung durch diese Medien aufbereitet. Auch auf Tagebücher, die Harrer auf allen seinen Reisen konsequent führte, konnte in diesem Fall nicht zurückgegriffen werden. Es ist unklar, ob er während dieser

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„Riesenhaft ist die Erde, unerschöpflich ihre Vielgestalt, undurchschaubar die Unterschiedlichkeit der Kulturen, die sich Menschen auf ihr errichten. Und doch ist, bei aller Verschiedenartigkeit, eines, das alle kulturellen Schichten durchformte, überall zu finden: der Wunsch des Menschen, sich vor drohendem Unheil zu schützen, Gefahren zu bannen, Kraft und Heil zu sichern und zu mehren. Ob in den Steinmauern von New York oder in der Hütte der Papua auf Neuguinea, überall finden sich Zeichen und Bilder für dieses Streben nach Wahrung des Glücks und Abwehr des Bösen.“1

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Von Geisterhäusern und Hausgeistern

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slawien. Sie wurden offensichtlich später von Harrer selbst in die Abwehrzauber-Sammlung integriert. Immer wieder erwähnte er bereits während früherer Reisen das Auffinden solcher Gegenstände, die vermutlich den Anstoss für die Reise 1968 lieferten.3 Aufgrund der zahlreichen offenen Fragen und Ungereimtheiten diente am Beginn der Forschung Harrers eigene Klassifizierung der Objekte als „Schutz- und Abwehrzeichen“ der Orientierung. Davon ausgehend konnten die Angaben zu Herkunft oder Funktion der einzelnen Objekte auf den Listen überprüft und in einem zweiten Schritt, auch durch das Hinzuziehen von Literatur, bestätigt oder verworfen werden.4 Dieses Vorgehen sollte den roten Faden durch die Sammlung sichtbar machen, und gleichzeitig die spannende Frage­stellung Harrers nach materiellen Formen von Schutz und Abwehr wissenschaftlich einbetten.


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BEGEGNUNG

Von Geisterhäusern und Hausgeistern

an der Decke des gemeinschaftlichen Rundhauses als eine Art Schutzschild platziert wird, kann sie ihre Wirkkraft nach aussen entfalten, und das ganze Dorf ist vor diesen bösen Monstern beschützt.17

Glück – ein Taubenpaar aus China Das vierblättrige Kleeblatt oder das Hufeisen sind nicht nur in der Schweiz als Glücksbringer bekannt, sondern auch in anderen Gesellschaften zu finden. Nebst solch weit verbreiteten Symbolen kennen Gesellschaften aber auch eigene kulturspezifische Glücksbringer in den verschiedensten Formen. Auch sie wirken aktiv, jedoch nicht wie Apotropaia, indem sie etwas abwehren, sondern indem sie etwas anziehen – nämlich Glück. So wie Glück für jede Person etwas Unterschiedliches bedeuten kann, so variiert auch die Wirkweise eines Glücksbringers und reicht von einer allgemeinen Ebene bis hin zu konkreten Anliegen. Die Analyse der Sammlung mit dem Fokus auf Glück liess mich zu dem Schluss kommen, dass einige Symbole gerne im Zusammenhang mit einem einzelnen Thema verwendet werden. Ein exemplarisches Beispiel ist die symbolische Verwendung von Tauben in China in Verbindung mit der Ehe. Da Tauben ihr ganzes Leben mit nur einem Partner verbringen, stehen sie sinnbildlich für Treue und Langlebigkeit.18 Taubenpaare in gegenständlicher Form sind etwa an Häusern zu finden, zum Beispiel in Form von Dachreitern, wie Harrer sie sammelte.

und Peru, als Gott von Reichtum und Wohlstand verehrt 3 4 . Der Figur werden Miniaturgegenstände jener Dinge angehängt, die man gerne hätte. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Wünsche innerhalb eines Jahres in Erfüllung gehen. In La Paz wird bis heute jedes Jahr am 24. Januar ein Fest zu Ehren des Ekeko gefeiert, an dem unzählige Marktstände Minia­turausgaben von Autos, Zertifikaten (zum Beispiel für Schulabschlüsse, Eheschliessungen und sogar Scheidungen), Häusern und so weiter zum Kauf anbieten. Dabei kann ein Ekeko sowohl für sich selbst erworben, als auch einer anderen Person als Geschenk überreicht werden. Mittlerweile ist es allerdings so, dass die Wirkung eines geschenkten Ekeko ungleich stärker ist als bei einer selbst erworbenen ­Figur. Damit er seine Kraft entfalten kann, ist es ausserdem wichtig, dass er an einem ehrenvollen Platz, erhöht und gut sichtbar, im Haus aufgestellt wird.19

Schutz- und Abwehrzeichen als universelles Phänomen? Die von Harrer als Schutz- und Abwehrzeichen klassifizierten Objekte seiner Abwehrzauber-Sammlung zeugen nicht nur von seinem persönlichen Interesse

Wunscherfüllung – ein Ekeko aus Bolivien Im Unterschied zum Hoffen auf Glück ist das Äussern von Wünschen darauf ausgerichtet, dass ein spezifischer Wunsch in Erfüllung gehen möge. Ein Objekt aus der Abwehrzauber-Sammlung, welches diesem Zweck dient, ist eine kleine Figur aus dem Hochland von Bolivien. Der Ekeko, wie diese Gestalt genannt wird, wird in verschiedenen Ländern Südamerikas, vor allem aber in Bolivien

Eine Bolivianerin in La Paz zeigt Harrer ihren Ekeko. Foto: Heinrich Harrer, 1968. HHM, xxx_11075. 3

4 Ekeko, Hausgeist aus Bolivien. VMZ 27914 (19 × 18 × 13 cm).20

an solchen Gegenständen und von seinen Beobachtungen in den von ihm besuchten Gesellschaften, sondern sie belegen in ihrer regionalen und inhaltlichen Bandbreite überdies das weltweite Vorkommen von Vorstellungen übernatürlicher Kräfte und dem Umgang mit ihnen in materieller Form.21 Dahinter liegt, wie gezeigt wurde, einerseits der Glaube an die Gegenwärtigkeit von bösen Geistern oder anderen übernatürlichen Wesen, die das Wohlbefinden der Menschen beeinträchtigen könnten und die mittels apotropäischer oder schutzbringender Handlungen gebannt werden müssen.22 Andererseits verkörpert sich darin auch die Sehnsucht nach Glück und die Hoffnung auf Wunscherfüllung. Stellvertretend für die vier Bereiche Abwehr, Schutz, Glück und Wunscherfüllung wurden hier vier Objekte unterschiedlicher Herkunft und Erscheinungsform herausgegriffen – ein Geisterhaus, eine Deckenscheibe, ein Taubenpaar und eine Figur. Nebst ihrer individuellen Zugehörigkeit zu je eigenen kulturspezifischen Systemen lassen sich, mit Blick auf die gesamte Sammlung, jedoch auch interkulturelle Parallelen zu weiteren Objekten feststellen. Ein Beispiel sind Tiere oder tierähnliche Gestalten sowie menschliche Figu-

ren, die in der Sammlung relativ häufig vertreten sind. Ein wiederkehrendes Thema ist auch das Haus beziehungsweise der Schutz des Hauses – insbesondere an den Stellen, die gefährliche Mächte ‚einladen‘ einzutreten, etwa Türen, Fenster und Dächer. Die Tatsache, dass Objekte aus völlig unterschiedlichen Kulturen wiederholt Ähnlichkeiten aufweisen, ist faszinierend und mag auf den ersten Blick erstaunen. Nicht minder erstaunlich ist aber, dass es Harrer auf seiner Reise 1968 gelang, diese grosse Vielfalt trotz seiner extrem kurzen Aufenthalte an den einzelnen Destinationen zusammenzutragen. Inwieweit er wie bei der akribischen Planung seiner Reise gezielt vorbereitet gesammelt hat, lässt sich aufgrund fehlender Belege nicht eindeutig sagen. Mir scheint es jedoch naheliegend, dass er zumindest einen Teil der Objekte, die er vor Ort erwarb, bereits vorher im Kopf hatte. Der Menge und Vielgestaltigkeit der Objekte stehen die eher spärlich vorhandenen Detailinformationen kontrastierend gegenüber.23 Dies wiederum weist zurück auf die Art, wie die Reise angelegt war und – vielleicht – auch auf eine Facette von Harrer selbst. Innerhalb von nur wenigen Tagen an einem Ort ist es kaum möglich, mit den Menschen in einen angemessen intensiven Kontakt


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Von Geisterhäusern und Hausgeistern

an der Decke des gemeinschaftlichen Rundhauses als eine Art Schutzschild platziert wird, kann sie ihre Wirkkraft nach aussen entfalten, und das ganze Dorf ist vor diesen bösen Monstern beschützt.17

Glück – ein Taubenpaar aus China Das vierblättrige Kleeblatt oder das Hufeisen sind nicht nur in der Schweiz als Glücksbringer bekannt, sondern auch in anderen Gesellschaften zu finden. Nebst solch weit verbreiteten Symbolen kennen Gesellschaften aber auch eigene kulturspezifische Glücksbringer in den verschiedensten Formen. Auch sie wirken aktiv, jedoch nicht wie Apotropaia, indem sie etwas abwehren, sondern indem sie etwas anziehen – nämlich Glück. So wie Glück für jede Person etwas Unterschiedliches bedeuten kann, so variiert auch die Wirkweise eines Glücksbringers und reicht von einer allgemeinen Ebene bis hin zu konkreten Anliegen. Die Analyse der Sammlung mit dem Fokus auf Glück liess mich zu dem Schluss kommen, dass einige Symbole gerne im Zusammenhang mit einem einzelnen Thema verwendet werden. Ein exemplarisches Beispiel ist die symbolische Verwendung von Tauben in China in Verbindung mit der Ehe. Da Tauben ihr ganzes Leben mit nur einem Partner verbringen, stehen sie sinnbildlich für Treue und Langlebigkeit.18 Taubenpaare in gegenständlicher Form sind etwa an Häusern zu finden, zum Beispiel in Form von Dachreitern, wie Harrer sie sammelte.

und Peru, als Gott von Reichtum und Wohlstand verehrt 3 4 . Der Figur werden Miniaturgegenstände jener Dinge angehängt, die man gerne hätte. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Wünsche innerhalb eines Jahres in Erfüllung gehen. In La Paz wird bis heute jedes Jahr am 24. Januar ein Fest zu Ehren des Ekeko gefeiert, an dem unzählige Marktstände Minia­turausgaben von Autos, Zertifikaten (zum Beispiel für Schulabschlüsse, Eheschliessungen und sogar Scheidungen), Häusern und so weiter zum Kauf anbieten. Dabei kann ein Ekeko sowohl für sich selbst erworben, als auch einer anderen Person als Geschenk überreicht werden. Mittlerweile ist es allerdings so, dass die Wirkung eines geschenkten Ekeko ungleich stärker ist als bei einer selbst erworbenen ­Figur. Damit er seine Kraft entfalten kann, ist es ausserdem wichtig, dass er an einem ehrenvollen Platz, erhöht und gut sichtbar, im Haus aufgestellt wird.19

Schutz- und Abwehrzeichen als universelles Phänomen? Die von Harrer als Schutz- und Abwehrzeichen klassifizierten Objekte seiner Abwehrzauber-Sammlung zeugen nicht nur von seinem persönlichen Interesse

Wunscherfüllung – ein Ekeko aus Bolivien Im Unterschied zum Hoffen auf Glück ist das Äussern von Wünschen darauf ausgerichtet, dass ein spezifischer Wunsch in Erfüllung gehen möge. Ein Objekt aus der Abwehrzauber-Sammlung, welches diesem Zweck dient, ist eine kleine Figur aus dem Hochland von Bolivien. Der Ekeko, wie diese Gestalt genannt wird, wird in verschiedenen Ländern Südamerikas, vor allem aber in Bolivien

Eine Bolivianerin in La Paz zeigt Harrer ihren Ekeko. Foto: Heinrich Harrer, 1968. HHM, xxx_11075. 3

4 Ekeko, Hausgeist aus Bolivien. VMZ 27914 (19 × 18 × 13 cm).20

an solchen Gegenständen und von seinen Beobachtungen in den von ihm besuchten Gesellschaften, sondern sie belegen in ihrer regionalen und inhaltlichen Bandbreite überdies das weltweite Vorkommen von Vorstellungen übernatürlicher Kräfte und dem Umgang mit ihnen in materieller Form.21 Dahinter liegt, wie gezeigt wurde, einerseits der Glaube an die Gegenwärtigkeit von bösen Geistern oder anderen übernatürlichen Wesen, die das Wohlbefinden der Menschen beeinträchtigen könnten und die mittels apotropäischer oder schutzbringender Handlungen gebannt werden müssen.22 Andererseits verkörpert sich darin auch die Sehnsucht nach Glück und die Hoffnung auf Wunscherfüllung. Stellvertretend für die vier Bereiche Abwehr, Schutz, Glück und Wunscherfüllung wurden hier vier Objekte unterschiedlicher Herkunft und Erscheinungsform herausgegriffen – ein Geisterhaus, eine Deckenscheibe, ein Taubenpaar und eine Figur. Nebst ihrer individuellen Zugehörigkeit zu je eigenen kulturspezifischen Systemen lassen sich, mit Blick auf die gesamte Sammlung, jedoch auch interkulturelle Parallelen zu weiteren Objekten feststellen. Ein Beispiel sind Tiere oder tierähnliche Gestalten sowie menschliche Figu-

ren, die in der Sammlung relativ häufig vertreten sind. Ein wiederkehrendes Thema ist auch das Haus beziehungsweise der Schutz des Hauses – insbesondere an den Stellen, die gefährliche Mächte ‚einladen‘ einzutreten, etwa Türen, Fenster und Dächer. Die Tatsache, dass Objekte aus völlig unterschiedlichen Kulturen wiederholt Ähnlichkeiten aufweisen, ist faszinierend und mag auf den ersten Blick erstaunen. Nicht minder erstaunlich ist aber, dass es Harrer auf seiner Reise 1968 gelang, diese grosse Vielfalt trotz seiner extrem kurzen Aufenthalte an den einzelnen Destinationen zusammenzutragen. Inwieweit er wie bei der akribischen Planung seiner Reise gezielt vorbereitet gesammelt hat, lässt sich aufgrund fehlender Belege nicht eindeutig sagen. Mir scheint es jedoch naheliegend, dass er zumindest einen Teil der Objekte, die er vor Ort erwarb, bereits vorher im Kopf hatte. Der Menge und Vielgestaltigkeit der Objekte stehen die eher spärlich vorhandenen Detailinformationen kontrastierend gegenüber.23 Dies wiederum weist zurück auf die Art, wie die Reise angelegt war und – vielleicht – auch auf eine Facette von Harrer selbst. Innerhalb von nur wenigen Tagen an einem Ort ist es kaum möglich, mit den Menschen in einen angemessen intensiven Kontakt


Etwa äusserte Kimberley M. Blaser, Mitglied des Minne­ sota Chippewa Tribe in den USA und ausserordent­ licher Professor für englische und vergleichende Literatur an der University of Wisconsin: „Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass das Mündliche nie vollständig im Schriftlichen ausgedrückt werden kann, Erfahrungen können nicht im Text vervielfältigt werden. Kontext, Muttersprache und Kultur können letztlich nicht übersetzt werden.“12 Auch die Bildsprache eines Comics ist weder eine universale Sprache, noch kommt sie ohne Sprechblasen aus. Dennoch stellt ein Comic eine alternative Erzählmöglichkeit dar und ist leichter zugänglich als reiner Text. Zweitens geht dem Comic, den wir präsentieren, eine eigene Geschichte voran, die sich auf eine koloniale, in diesem Fall niederländische, Geschichtsschreibung der Sklaverei in Surinam bezieht. Die Rede ist hier von Quaco, einem älteren Comic, der 2015 von dem niederländi-

schen Comiczeichner Eric Heuvel und der Bildungsprojektentwicklerin Ineke Mok entwickelt wurde.13 Quaco erzählt die Geschichte eines afrikanischen Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Dorf gefangen genommen und als Sklave an eine Plantage in Surinam verkauft wurde. Dieser Comic wurde von Saamaka Marron in Surinam aus zwei Gründen mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Erstens wurde ihre Geschichte erneut von Personen ausserhalb ihrer Gesellschaft erzählt, zudem von Bürgern der ehemaligen Kolonialmacht. Vinije Haabo erklärt dazu: „Die Idee war es, einen neuen Comic herauszu­­­ bringen, der, im Gegensatz zu Quaco, die Geschichte aus der Perspektive der Saamaka erzählt, die auf Oralität und nicht auf Schrift basiert. Diese Geschichte wird grundlegend anders erinnert, erzählt und weitergegeben. Oralität bringt ein anderes Narrativ hervor, das auf

eigene Weise nicht nur die Vergangenheit erinnert, sondern im Moment des Erzählens auch mit der Gegenwart verknüpft ist.“14 Zweitens basieren Heuvels und Haabos Comics auf ganz unterschiedlichen Narrativen. Die Anfänge beider Arbeiten zeigen diese Unterschiede, vor allem in Bezug auf ihre Darstellungen von Menschen aus Afrika. Während im ersten Comic Afrikaner als Opfer aus jenem von Europäern und hier speziell von Niederländern konstruierten ‚anderen‘ Afrika eingeführt werden, ist die Saamaka-Version der Geschichte letztlich eine Heldengeschichte. Die Handlung von Haabos Comic beginnt in Daume, einem wohlhabenden Königreich in Afrika, das für seinen Handel und seine mächtigen Krieger bekannt war.15 Die Menschen dieses Königreichs trieben Handel mit Europäern, die sie auch einluden, an einigen Missionen zur Eroberung neuer Gebiete in der neuen Welt teilzunehmen. Doch trotz seines Wohl-

stands wurde das Königreich Daume von Feinden aus der Ethnie der Komati angegriffen, die ebenfalls mit Europäern handelten. Unter anderem tauschten sie Kriegsgefangene als Sklaven gegen Waffen. Dank der Überlegenheit ihrer Waffen gewannen die Komati den Kampf gegen Daume. Die Menschen von Daume gerieten in Gefangenschaft und wurden als Sklaven an die Europäer verkauft. Während der transatlantischen Reise nach Surinam rebellierten die Gefangenen gegen ihre Lebensbedingungen, und es kam zu einem Aufstand, der zu einer Verbesserung ihrer Situation an Bord führte. Diese Erzählung stellt nicht die Opferrolle der Sklaven in den Mittelpunkt, sondern ihren Mut und ihre Tatkraft.16 Hier werden sie als mutige Menschen dargestellt, die trotz ihrer fast aussichtslosen Lage für ihre Rechte gekämpft haben. Im Gegensatz dazu erzählt Heuvel von Schwäche und Passivität. Der junge Quaco lebt in einem kleinen


Etwa äusserte Kimberley M. Blaser, Mitglied des Minne­ sota Chippewa Tribe in den USA und ausserordent­ licher Professor für englische und vergleichende Literatur an der University of Wisconsin: „Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass das Mündliche nie vollständig im Schriftlichen ausgedrückt werden kann, Erfahrungen können nicht im Text vervielfältigt werden. Kontext, Muttersprache und Kultur können letztlich nicht übersetzt werden.“12 Auch die Bildsprache eines Comics ist weder eine universale Sprache, noch kommt sie ohne Sprechblasen aus. Dennoch stellt ein Comic eine alternative Erzählmöglichkeit dar und ist leichter zugänglich als reiner Text. Zweitens geht dem Comic, den wir präsentieren, eine eigene Geschichte voran, die sich auf eine koloniale, in diesem Fall niederländische, Geschichtsschreibung der Sklaverei in Surinam bezieht. Die Rede ist hier von Quaco, einem älteren Comic, der 2015 von dem niederländi-

schen Comiczeichner Eric Heuvel und der Bildungsprojektentwicklerin Ineke Mok entwickelt wurde.13 Quaco erzählt die Geschichte eines afrikanischen Jungen, der Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Dorf gefangen genommen und als Sklave an eine Plantage in Surinam verkauft wurde. Dieser Comic wurde von Saamaka Marron in Surinam aus zwei Gründen mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Erstens wurde ihre Geschichte erneut von Personen ausserhalb ihrer Gesellschaft erzählt, zudem von Bürgern der ehemaligen Kolonialmacht. Vinije Haabo erklärt dazu: „Die Idee war es, einen neuen Comic herauszu­­­ bringen, der, im Gegensatz zu Quaco, die Geschichte aus der Perspektive der Saamaka erzählt, die auf Oralität und nicht auf Schrift basiert. Diese Geschichte wird grundlegend anders erinnert, erzählt und weitergegeben. Oralität bringt ein anderes Narrativ hervor, das auf

eigene Weise nicht nur die Vergangenheit erinnert, sondern im Moment des Erzählens auch mit der Gegenwart verknüpft ist.“14 Zweitens basieren Heuvels und Haabos Comics auf ganz unterschiedlichen Narrativen. Die Anfänge beider Arbeiten zeigen diese Unterschiede, vor allem in Bezug auf ihre Darstellungen von Menschen aus Afrika. Während im ersten Comic Afrikaner als Opfer aus jenem von Europäern und hier speziell von Niederländern konstruierten ‚anderen‘ Afrika eingeführt werden, ist die Saamaka-Version der Geschichte letztlich eine Heldengeschichte. Die Handlung von Haabos Comic beginnt in Daume, einem wohlhabenden Königreich in Afrika, das für seinen Handel und seine mächtigen Krieger bekannt war.15 Die Menschen dieses Königreichs trieben Handel mit Europäern, die sie auch einluden, an einigen Missionen zur Eroberung neuer Gebiete in der neuen Welt teilzunehmen. Doch trotz seines Wohl-

stands wurde das Königreich Daume von Feinden aus der Ethnie der Komati angegriffen, die ebenfalls mit Europäern handelten. Unter anderem tauschten sie Kriegsgefangene als Sklaven gegen Waffen. Dank der Überlegenheit ihrer Waffen gewannen die Komati den Kampf gegen Daume. Die Menschen von Daume gerieten in Gefangenschaft und wurden als Sklaven an die Europäer verkauft. Während der transatlantischen Reise nach Surinam rebellierten die Gefangenen gegen ihre Lebensbedingungen, und es kam zu einem Aufstand, der zu einer Verbesserung ihrer Situation an Bord führte. Diese Erzählung stellt nicht die Opferrolle der Sklaven in den Mittelpunkt, sondern ihren Mut und ihre Tatkraft.16 Hier werden sie als mutige Menschen dargestellt, die trotz ihrer fast aussichtslosen Lage für ihre Rechte gekämpft haben. Im Gegensatz dazu erzählt Heuvel von Schwäche und Passivität. Der junge Quaco lebt in einem kleinen


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SPUR

„Dies könnte eine eigene Story abgeben  …“

„Dies könnte eine eigene Story abgeben  …“

Spuren von Geschichte(n)

„Wir haben einen zerlegbaren Gasherd mit einer riesigen Bombe mit, auch eine Petroleum Lohmann Lampe, und das Forscherleben ist so recht bequem. […] [I]n 3 St. Arbeit hat man aus Palmenblättern ein Dach für uns über einen Teil des Bootes gebaut.“5 Heinrich Harrer sitzt unter dem Dach im Einbaum. Foto: vmtl. Herbert Raditschnig, 1966. HHM xxx_05511. 2

Autoritäten, damit wir ihnen von der Arbeit in Zürich berichten konnten. So begann eine neue „Story“, die an die vorgängige anknüpft. Gemeinsam mit Angehörigen der Saamaka – in diesem Beitrag vertreten durch Vinije Haabo – blicken wir aus heutiger Sicht auf das von Harrer gesammelte Material.

Das heutige Surinam wurde im Jahr 1498 erstmals von einem Europäer, von Christoph Kolumbus, von der Atlantikküste her betreten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb danach das Landesinnere jenseits des relativ schmalen und weniger bewaldeten Küstenstreifens für unbegleitete Europäer/innen nahezu undurchdringlich. Dabei fehlte es ihnen nicht an Interesse: 80 % Suri­ nams sind bedeckt mit dichtem tropischem Regenwald, der immer wieder Naturforscher/innen anzog, die dort noch unentdeckte Pflanzen- und Tierarten fanden.6 Expeditionen ins Landesinnere der gesamten Guyana-Region wurden vor allem von der Suche nach dem legendären El Dorado angetrieben.7 Eine systema­ tische geografische und ethnografische Erforschung des Landes erwies sich aufgrund seiner Unzugänglichkeit indes als äusserst schwierig.8 Die Kolonialgeschichte der Region beginnt erst mit dem Jahr 1651, als die Engländer Surinam als Kolonie einnahmen. 1667 wurde Surinam niederländische Kolonie.9 Die Niederländer entwickelten dort sehr schnell die profitabelste aller Plantagen-Kolonien Amerikas,10 für die man in grossem Massstab Menschen aus Afrika verschleppte: „8000 afrikanische Sklaven arbeiteten für 800 Europäer – der grösste Teil der indigenen Bevölkerung hatte sich schlicht in das Hinterland zurückgezogen.“11 Später wurden im Rahmen des atlantischen Sklavenhandels immer mehr Sklaven nach Surinam gebracht. Dies war vermutlich nicht nur einem steigenden Bedarf an Arbeitskräften geschuldet, sondern einem besonderen lokalen Verlust an Sklaven. Sklaven wurden regelrecht zum umkämpften Gut. Schon Angehörige der ersten Generation der aus Afrika geraubten Menschen ergriffen im unwegsamen Territorium Gelegenheiten zur Flucht, und es gelang ihnen, sich in versteckten Dörfern im Landesinneren anzusiedeln. Die Selbstbefreiung von Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen Afrikas, die vielfach nicht einmal eine gemeinsame Sprache teilten, bildet eine Art Grundstock, vor dessen Hintergrund sich mit Hilfe der

Harrer-Sammlung Geschichte und Geschichten neu erzählen lassen. Im Laufe der Zeit organisierten sich die Entflohenen in sechs neuen Gemeinschaften: Saamaka, Kwinti, ­Matawai, Ndyuka, Aluku und Paamaka. Man nannte sie Marron, abgeleitet vom spanischen Wort cimarrón, Entflohener.12 Da sie sich vor den Plantagenbesitzern im dichten Regenwald versteckten, nannten diese sie auch Bosnegers (Buschneger) – ein Begriff, der im Saamaka­tongo, der heutigen Sprache der Saamaka, zu Businenge wurde. Diese trafen im Inland auf indigene Gesellschaften, die sie vermutlich einerseits weiter nach Süden verdrängten und ihnen andererseits halfen, sich in dem für sie gänzlich neuen Lebensumfeld zurechtzufinden.13 Verschiedene Faktoren führten dazu, dass die Verbindungen zu den Plantagen mit der Flucht nicht endeten. Es entwickelte sich ein regelrechtes Ringen: Die Entflohenen fielen immer wieder in die Plantagen ein, um für das Leben im Regenwald notwendige Werkzeuge zu stehlen und vor allem auch um weitere Sklaven zu befreien.14 Strafexpeditionen und politische Präventionsmassnahmen liessen nicht auf sich warten: Die

3 Herbert Raditschnig filmt vom Einbaum aus die Umgebung am Oberen Suriname. Foto: Heinrich Harrer, 1966. HHM SA_00003.

SPUR

Plantagenbesitzer zogen grosse Milizen zur Verfolgung der Entflohenen zusammen. Die Milizen wiederum wurden zum überwiegenden Teil aus afrikanischen Sklaven gebildet. Machten diese Gefangene, so liessen die Plantagenbesitzer jene grausam verstümmeln oder töten, um an ihnen für Sklaven mit Fluchtabsichten Exempel zu statuieren. Dörfer und Gärten der aufgespür­ ten Marron wurden weitestgehend zerstört. Die Marron wiederum entwickelten eigene Strategien, um diesem Druck standhalten und Angriffe bestenfalls abwehren zu können.15 Zweifelsohne wirkte sich die permanente Verfolgung auf ihr gesamtes praktisches, soziales und spirituelles Leben aus. Der Druck wuchs auf beiden Seiten, so kam es zu Verhandlungen. Anfang der 1760er Jahre handelten drei Gemeinschaften Entflohener – Ndyuka, Saamaka und Matawai Marron – jeweils eigene ­Friedensverträge mit Vertretern der Kolonialregierung aus, die allen ­gewisse Vorteile brachten: Man anerkannte von kolonialer Seite die Selbstbefreiung, handelte allerdings auch aus, dass keine weiteren Menschen befreit werden durften. Zwar endete damit die Verfolgung der Marron, wirklich frei waren sie aber dennoch nicht. Die Kolonial­

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KARTE

Ethnografisches Dokumentieren

Ethnografisches Dokumentieren

6 „Blick gegen Westen, vorne Kyirong, links die alte Burg, Dzong Shar, r. unterhalb davon unser Haus, bei den grossen Bäumen“ (Bildaufschrift Aufschnaiter). VMZ B 15/S_013 (61.9 × 26 cm). Zeichnung: Peter Aufschnaiter, Kyirong 1.5.1945.

7 Dorfteil von Kyirong. Foto: Peter Aufschnaiter, Kyirong Januar 1952. VMZ 401.41.004.

ganze Panoramen als Bildabfolge auf, so wie er sie ohne Kamera gezeichnet hatte. Beispielhaft zeigen diese Arbeitsweise zwei Gegenüberstellungen aus Kyirong mit den Zeichnungen von 194530 und den entsprechenden Fotografien von 1952 6 7 8 9 . In der Handhabung der Dokumentationsmedien als eigenständige Grössen bei gleichzeitigem Zusammendenken scheint eine weitere Parallele zu Hedin durch. Dies macht die folgende Passage aus Hedins bereits zitiertem Brief vom 1. Januar 1948 deutlich: „Machen Sie sich von modernen Hilfsmitteln soweit wie möglich unabhängig. Ihre Zeichnung des Tempels

war vorzüglich. Sie können durch Übung, Beobachtungsschärfe und starken Willen viel schönere Bilder herstellen als alle Kameras der Welt. In meinem Werk ,Southern Tibet‘ habe ich 553 Panoramas von Gebirgen in Tibet publiziert, die ich alle mit der Hand gezeichnet habe und die absolut zuverlässig sind. Ein paar Mal habe ich Foto und Zeichnung von denselben Panoramas, so dass sie kontrolliert werden konnten.“31 Neben Fotografie und Zeichnung kombinierte Aufschnaiter immer wieder auch gerne Text und Zeichnung, sei es, dass er seine Zeichnungen mit ausführlichen Beschriftungen versah, sei es, dass er die Einträge

in seinen Tagebüchern durch Zeichnungen ergänzte. Auffallend ist dabei, dass Aufschnaiter – wie im Übrigen auch Harrer – einen Grossteil seiner Tagebucheinträge in Stenografie verfasste.32 Vielleicht nutzte er die Kurzschrift, um möglichst viele Inhalte auf kleinstem Raum und in relativ kurzer Zeit zusammenzupacken, vielleicht ging es aber auch lediglich darum, Stifte und Papier zu sparen, die es unterwegs nicht zu kaufen gab.33 Die aussagekräftigsten Beispiele für die kombinatorische Verbindung von Text und Bild sind Beschreibungen und Darstellungen von Gipfeln und Gebirgszügen einerseits, Pflanzen und Blumen andererseits 10 11 . Im Manuskript zu seinem Buch lesen wir: „Kyirong war auch ein Pflanzenparadies. Im Laufe des Frühjahres und Sommers zählte ich über 20 verschiedene Primelarten; elfenbeinweisse, rosafarbene, violette, blaue und andere. Im Frühjahr wuchsen sogar auf manchen Wiesen auf etwa 3500 m Höhe grosse gelbe und blaue Primeln neben blauen Enzianen. Ebenso vielfältig wie die Primelarten waren die Rhodo­dendren, von denen eine Art bis an die obere Baumgrenze (bei 4000 m) hinauf wuchs, und sich hangabwärts legte, um der Schneelast widerstehen zu können. Ich sah in der Kyirong-Gegend auch Bodenorchideen.“34 Beide Schwerpunkte, Makro- wie Mikro-Landschaften, hier am Beispiel von Blumen dargelegt, sind bei Aufschnaiter wiederkehrende Themen. Das häufige Vorkommen zeugt von seiner Liebe zur Natur, die Art und Weise der Beschäftigung damit von seinem Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit, bis hin zu Pedantismus, und Wissensgenerierung. Ebenso scheinen hier Aufschnaiters technische und handwerkliche Fertigkeiten durch, welche ihm diese Art des Dokumentierens überhaupt erst ermöglichten. In der Umge­ bung von Kyirong fand er alles, was er begehrte und ihm ein heimatliches Gefühl gab, in Hülle und Fülle – „mit dunkelgrünen Wäldern bewachsene Hänge“, „riesige glänzend-weisse Schneeberge“, ein „idyllischer Rhythmus alter Zeiten, nach dem dieses Dorf lebte“, eine „landwirtschaftliche Gegend“.35 Der erzwungene monatelange Aufenthalt verschaffte ihm die gewünschte Zeit, sich ausgiebig damit zu beschäftigen.

KARTE

8 „Unser Haus in Kyirong – rechts Phagpa Gompa. Hintergrund links der Thangchengletscher“ (Bildaufschrift Aufschnaiter). VMZ B5/B_019 (28.6 × 23.9 cm). Zeichnung: Peter Aufschnaiter, Kyirong 27.8.1945.

Das Wohnhaus von Peter Aufschnaiter und Heinrich ­ arrer in Kyirong. Foto: Peter Aufschnaiter, Kyirong Januar H 1952. VMZ 401.41.018. 9

Indem Aufschnaiter die Landschaft, die Dinge und das Leben darin aufmerksam durchwanderte, indem er vermass, beschrieb, zeichnete, später fotografierte, beobachtete und analysierte, bildete er das, was ihm begegnete und seine Schritte lenkte, nicht einfach nur ab.

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Ethnografisches Dokumentieren

Ethnografisches Dokumentieren

6 „Blick gegen Westen, vorne Kyirong, links die alte Burg, Dzong Shar, r. unterhalb davon unser Haus, bei den grossen Bäumen“ (Bildaufschrift Aufschnaiter). VMZ B 15/S_013 (61.9 × 26 cm). Zeichnung: Peter Aufschnaiter, Kyirong 1.5.1945.

7 Dorfteil von Kyirong. Foto: Peter Aufschnaiter, Kyirong Januar 1952. VMZ 401.41.004.

ganze Panoramen als Bildabfolge auf, so wie er sie ohne Kamera gezeichnet hatte. Beispielhaft zeigen diese Arbeitsweise zwei Gegenüberstellungen aus Kyirong mit den Zeichnungen von 194530 und den entsprechenden Fotografien von 1952 6 7 8 9 . In der Handhabung der Dokumentationsmedien als eigenständige Grössen bei gleichzeitigem Zusammendenken scheint eine weitere Parallele zu Hedin durch. Dies macht die folgende Passage aus Hedins bereits zitiertem Brief vom 1. Januar 1948 deutlich: „Machen Sie sich von modernen Hilfsmitteln soweit wie möglich unabhängig. Ihre Zeichnung des Tempels

war vorzüglich. Sie können durch Übung, Beobachtungsschärfe und starken Willen viel schönere Bilder herstellen als alle Kameras der Welt. In meinem Werk ,Southern Tibet‘ habe ich 553 Panoramas von Gebirgen in Tibet publiziert, die ich alle mit der Hand gezeichnet habe und die absolut zuverlässig sind. Ein paar Mal habe ich Foto und Zeichnung von denselben Panoramas, so dass sie kontrolliert werden konnten.“31 Neben Fotografie und Zeichnung kombinierte Aufschnaiter immer wieder auch gerne Text und Zeichnung, sei es, dass er seine Zeichnungen mit ausführlichen Beschriftungen versah, sei es, dass er die Einträge

in seinen Tagebüchern durch Zeichnungen ergänzte. Auffallend ist dabei, dass Aufschnaiter – wie im Übrigen auch Harrer – einen Grossteil seiner Tagebucheinträge in Stenografie verfasste.32 Vielleicht nutzte er die Kurzschrift, um möglichst viele Inhalte auf kleinstem Raum und in relativ kurzer Zeit zusammenzupacken, vielleicht ging es aber auch lediglich darum, Stifte und Papier zu sparen, die es unterwegs nicht zu kaufen gab.33 Die aussagekräftigsten Beispiele für die kombinatorische Verbindung von Text und Bild sind Beschreibungen und Darstellungen von Gipfeln und Gebirgszügen einerseits, Pflanzen und Blumen andererseits 10 11 . Im Manuskript zu seinem Buch lesen wir: „Kyirong war auch ein Pflanzenparadies. Im Laufe des Frühjahres und Sommers zählte ich über 20 verschiedene Primelarten; elfenbeinweisse, rosafarbene, violette, blaue und andere. Im Frühjahr wuchsen sogar auf manchen Wiesen auf etwa 3500 m Höhe grosse gelbe und blaue Primeln neben blauen Enzianen. Ebenso vielfältig wie die Primelarten waren die Rhodo­dendren, von denen eine Art bis an die obere Baumgrenze (bei 4000 m) hinauf wuchs, und sich hangabwärts legte, um der Schneelast widerstehen zu können. Ich sah in der Kyirong-Gegend auch Bodenorchideen.“34 Beide Schwerpunkte, Makro- wie Mikro-Landschaften, hier am Beispiel von Blumen dargelegt, sind bei Aufschnaiter wiederkehrende Themen. Das häufige Vorkommen zeugt von seiner Liebe zur Natur, die Art und Weise der Beschäftigung damit von seinem Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit, bis hin zu Pedantismus, und Wissensgenerierung. Ebenso scheinen hier Aufschnaiters technische und handwerkliche Fertigkeiten durch, welche ihm diese Art des Dokumentierens überhaupt erst ermöglichten. In der Umge­ bung von Kyirong fand er alles, was er begehrte und ihm ein heimatliches Gefühl gab, in Hülle und Fülle – „mit dunkelgrünen Wäldern bewachsene Hänge“, „riesige glänzend-weisse Schneeberge“, ein „idyllischer Rhythmus alter Zeiten, nach dem dieses Dorf lebte“, eine „landwirtschaftliche Gegend“.35 Der erzwungene monatelange Aufenthalt verschaffte ihm die gewünschte Zeit, sich ausgiebig damit zu beschäftigen.

KARTE

8 „Unser Haus in Kyirong – rechts Phagpa Gompa. Hintergrund links der Thangchengletscher“ (Bildaufschrift Aufschnaiter). VMZ B5/B_019 (28.6 × 23.9 cm). Zeichnung: Peter Aufschnaiter, Kyirong 27.8.1945.

Das Wohnhaus von Peter Aufschnaiter und Heinrich ­ arrer in Kyirong. Foto: Peter Aufschnaiter, Kyirong Januar H 1952. VMZ 401.41.018. 9

Indem Aufschnaiter die Landschaft, die Dinge und das Leben darin aufmerksam durchwanderte, indem er vermass, beschrieb, zeichnete, später fotografierte, beobachtete und analysierte, bildete er das, was ihm begegnete und seine Schritte lenkte, nicht einfach nur ab.

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Ein auffälliges Merkmal dieser beiden Schmuckduette ist die Dominanz von Türkisen. Wie Lobsang Yongdan in seinem Beitrag ausführt, wurde Türkis in Tibet nicht nur als kostbarer Halbedelstein sehr geschätzt und über weite Distanzen gehandelt, sondern man schrieb ihm auch und vor allem beschützende Kraft zu. Neben Koralle und Bernstein ist er mit Abstand der am häufigsten verwendete Schmuckstein für am Körper getragene Zier. Mit Türkisen besetzte Amulette oder Ohrgehänge, aber auch Fingerringe oder Hutaufsätze (s. Altarfalz) waren also Multifunktionsträger, die nicht bloss einen ästhetischen und materiellen Wert besassen, sondern bestimmte Körperstellen – etwa den Scheitel, das Ohr oder die Brust – rein halten sollten. Damit weisen sie in ihrer Bedeutung weit über die Kategorie Schmuck, über die Zeit der 1930er/40er Jahre und über den tibetischen Kulturraum hinaus. In ihrer konkreten Materialität lassen sie sich neu auch als Ausdruck globaler Warenströme verstehen, und in ihrer konkreten Bedeutungsbelegung als Ausdruck von Lokalkultur lesen. Eigensinnige Arten der Schmuckgestaltung gingen dabei Hand in Hand mit Schutzeigenschaften zur Bewahrung des Körpers. Von hier aus nun öffneten sich die Wege für die Erforschung aller Nuancen der Verbindung von Ästhetik, sozialem Zusammenhalt, Gabe und Gegengabe, Anlässen und Gepflogenheiten zum Tragen von Schmuck, welche die Schmuckstücke in der Sammlung von Harrer als Mosaikstücke in einer Landschaft farbenfroher zeitgenössischer tibetischer Körperästhetik verortbar und lesbar machen.

Mustersammlungen: Rollbilder, Votivtafeln und Schriften

8

Rollbild (thangka) mit Buddha Śa-kyamuni und ­Ja-taka-Geschichten. VMZ 14431 (141 × 87.5 cm).

Folgt man den Zitaten Harrers zu Beginn dieses Beitrags und deutet die beiden Einzelobjekte als Ausdruck seines Ausschauhaltens nach „interessanten Gegenständen“, die Serien als Zeugnis seines Strebens nach „Komplettheit“ und die Sachgruppen als Zeichen seiner

9 Votivtafel (tsha-tsha) mit Tsongkhapa. VMZ 14663 (4 × 3.3 × 1.1 cm).

Bemühung um „Ergänzung“, können die abschliessend betrachteten Mustersammlungen als Spiegel seiner Suche nach einer „Systematik des Anschaulichen“ inter­ pretiert werden. Harrers Tibet-Bestand im Völkerkunde­ museum umfasst 112 religiöse Rollbilder (thangka) 8 , rund 65 kleine Votivtafeln aus Ton (tsha-tsha) 9 sowie an die 40 Manuskripte und gedruckte Schriften mit mehrheitlich geistlichem Inhalt 10 . In allen drei Mustersammlungen gibt es einzelne kunsthandwerklich herausragende Stücke und viele andere, die eher schlicht ausgeführt sind. Gemeinsam ist ihnen ihre grosse inhaltliche Breite. Auf den t­ hangka und tsha-tsha findet sich fast alles, was in der tibetisch-­ buddhistischen Vorstellungswelt Rang und Namen hat: prominente Buddha und Bodhisattva, friedfertige und zornvolle Wesen, weibliche und männliche Gottheiten, Gründer und Lehrmeister wichtiger religiöser Schulen, Heilsfiguren, aber auch Bildsymbole und Diagramme. Die Schriften enthalten Auszüge aus dem religionsphilosophischen Gedankengut, Geschichten, Lehrreden, Kommentare. Betrachtet man diese drei Konvolute aus der Perspektive von Harrers Sammelinteressen in Tibet und später in Nepal und Indien, lässt sich hier ein ähnliches Anliegen feststellen, wie es uns bei Wilfrid Spinner in Japan bereits begegnete (s. Beitrag Flitsch), nämlich


Ein auffälliges Merkmal dieser beiden Schmuckduette ist die Dominanz von Türkisen. Wie Lobsang Yongdan in seinem Beitrag ausführt, wurde Türkis in Tibet nicht nur als kostbarer Halbedelstein sehr geschätzt und über weite Distanzen gehandelt, sondern man schrieb ihm auch und vor allem beschützende Kraft zu. Neben Koralle und Bernstein ist er mit Abstand der am häufigsten verwendete Schmuckstein für am Körper getragene Zier. Mit Türkisen besetzte Amulette oder Ohrgehänge, aber auch Fingerringe oder Hutaufsätze (s. Altarfalz) waren also Multifunktionsträger, die nicht bloss einen ästhetischen und materiellen Wert besassen, sondern bestimmte Körperstellen – etwa den Scheitel, das Ohr oder die Brust – rein halten sollten. Damit weisen sie in ihrer Bedeutung weit über die Kategorie Schmuck, über die Zeit der 1930er/40er Jahre und über den tibetischen Kulturraum hinaus. In ihrer konkreten Materialität lassen sie sich neu auch als Ausdruck globaler Warenströme verstehen, und in ihrer konkreten Bedeutungsbelegung als Ausdruck von Lokalkultur lesen. Eigensinnige Arten der Schmuckgestaltung gingen dabei Hand in Hand mit Schutzeigenschaften zur Bewahrung des Körpers. Von hier aus nun öffneten sich die Wege für die Erforschung aller Nuancen der Verbindung von Ästhetik, sozialem Zusammenhalt, Gabe und Gegengabe, Anlässen und Gepflogenheiten zum Tragen von Schmuck, welche die Schmuckstücke in der Sammlung von Harrer als Mosaikstücke in einer Landschaft farbenfroher zeitgenössischer tibetischer Körperästhetik verortbar und lesbar machen.

Mustersammlungen: Rollbilder, Votivtafeln und Schriften

8

Rollbild (thangka) mit Buddha Śa-kyamuni und ­Ja-taka-Geschichten. VMZ 14431 (141 × 87.5 cm).

Folgt man den Zitaten Harrers zu Beginn dieses Beitrags und deutet die beiden Einzelobjekte als Ausdruck seines Ausschauhaltens nach „interessanten Gegenständen“, die Serien als Zeugnis seines Strebens nach „Komplettheit“ und die Sachgruppen als Zeichen seiner

9 Votivtafel (tsha-tsha) mit Tsongkhapa. VMZ 14663 (4 × 3.3 × 1.1 cm).

Bemühung um „Ergänzung“, können die abschliessend betrachteten Mustersammlungen als Spiegel seiner Suche nach einer „Systematik des Anschaulichen“ inter­ pretiert werden. Harrers Tibet-Bestand im Völkerkunde­ museum umfasst 112 religiöse Rollbilder (thangka) 8 , rund 65 kleine Votivtafeln aus Ton (tsha-tsha) 9 sowie an die 40 Manuskripte und gedruckte Schriften mit mehrheitlich geistlichem Inhalt 10 . In allen drei Mustersammlungen gibt es einzelne kunsthandwerklich herausragende Stücke und viele andere, die eher schlicht ausgeführt sind. Gemeinsam ist ihnen ihre grosse inhaltliche Breite. Auf den t­ hangka und tsha-tsha findet sich fast alles, was in der tibetisch-­ buddhistischen Vorstellungswelt Rang und Namen hat: prominente Buddha und Bodhisattva, friedfertige und zornvolle Wesen, weibliche und männliche Gottheiten, Gründer und Lehrmeister wichtiger religiöser Schulen, Heilsfiguren, aber auch Bildsymbole und Diagramme. Die Schriften enthalten Auszüge aus dem religionsphilosophischen Gedankengut, Geschichten, Lehrreden, Kommentare. Betrachtet man diese drei Konvolute aus der Perspektive von Harrers Sammelinteressen in Tibet und später in Nepal und Indien, lässt sich hier ein ähnliches Anliegen feststellen, wie es uns bei Wilfrid Spinner in Japan bereits begegnete (s. Beitrag Flitsch), nämlich


5 Schlagfeuerzeug eines Mannes. VMZ 14958 (9.7 × 5.8 × 3.2 cm).

von Feuerzeug, die von durchschnittlichen Tibetern verwendet wurden. Alle Teile des Grundmodells und auch die Bestandteile der Dekorelemente tragen unterschiedliche Namen 4 .

Hauptvarianten Generell gibt es in Tibet zwei unterschiedliche Arten von Schlagfeuerzeugen: eine für Männer, die andere für Frauen 5 6 . Der grösste Unterschied besteht darin, ob an der Unterseite ein Schlagstück aus Stahl angebracht ist oder nicht. Schlagfeuerzeuge für Männer haben eines, solche für Frauen nicht. Alle Schlagfeuerzeuge besitzen eine Ledertasche zur Aufbewahrung von getrocknetem Gras, Baumwolle oder Wolle. In den Schlagfeuerzeugen für Frauen sind darüberhi-

naus auch Feuerstein und Stahl in der Tasche verstaut. Wird der Feuerstein gegen den Stahl geschlagen, entstehen Funken, die in Kombination mit einem brennbaren Material ein Feuer entzünden. Unter den Tibetern herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Täschchen der Frauen zur Aufbewahrung von Stahl, Feuerstein und brennbarem Material bestimmt waren oder ob sie nur als Behältnis für Silber- und Kupfermünzen entworfen und verwendet wurden. Solche Behältnisse werden als lokhuk oder Geldtaschen bezeichnet. In einigen Teilen Tibets, etwa in der Region Golok in Amdo, dienten lokhuk definitiv auch als Schlagfeuerzeuge und waren mit den benötigten Materialien gefüllt. Deshalb werden auch solche Objekte hier mitberücksichtigt.

6 Schlagfeuerzeug und/ oder Geldtäschchen einer Frau. VMZ 14964 (13.8 × 7.5 × 5.5 cm).

Werkstoffe Stahl Die wichtigste Komponente eines mechak im Hinblick auf seine Funktion ist Stahl. Wie in anderen Gesellschaf­ ten, etwa in China und Indien, wurde auch in eini­gen Gebieten Tibets Stahl hergestellt. Die Stahlproduktion fiel in den Aufgabenbereich des Eisen- oder Schwarzschmieds. Er folgte in der gesellschaftlichen Hierarchie auf den Gold-, Silber- und Kupferschmied. Die häufig erblich organisierten Familienbetriebe konnten bei grösseren Aufträgen, beispielsweise beim Bau eines Klosters, erweitert werden.35 Normalerweise waren es einzelne Familienmitglieder, die Stahl produ­zierten. Wenn jemand einen Metallgegenstand wünschte, verlief das Prozedere ungefähr so: Eine Person wandte sich an

einen Schmied und bat ihn, das gewünschte Objekt zu fertigen. Laut Dorje Tsering gab es zwei Arten von Schmieden. Die einen waren auf die Herstellung von Haushaltsgegenständen wie Messer, Schwerter und Nägel spezialisiert, die anderen stellten sakrale Objekte her.36 Ein Schmied, der sich nur auf die Herstellung von Alltagsgegenständen konzentrierte, war in manchen Gemeinschaften nicht sehr angesehen. Deshalb kannten sich die meisten Schmiede auch in der Herstellung von buddhistischen Statuen und religiösen Gegenständen aus. Aufgrund dieses Haupt- oder ‚Nebengeschäfts‘ waren Schmiede finanziell recht gut situiert und wurden für ihre Fertigkeiten und ihre Arbeit respektiert.37 Sie übten ihr Handwerk in Städten, Dörfern oder als Wanderschmiede aus.


5 Schlagfeuerzeug eines Mannes. VMZ 14958 (9.7 × 5.8 × 3.2 cm).

von Feuerzeug, die von durchschnittlichen Tibetern verwendet wurden. Alle Teile des Grundmodells und auch die Bestandteile der Dekorelemente tragen unterschiedliche Namen 4 .

Hauptvarianten Generell gibt es in Tibet zwei unterschiedliche Arten von Schlagfeuerzeugen: eine für Männer, die andere für Frauen 5 6 . Der grösste Unterschied besteht darin, ob an der Unterseite ein Schlagstück aus Stahl angebracht ist oder nicht. Schlagfeuerzeuge für Männer haben eines, solche für Frauen nicht. Alle Schlagfeuerzeuge besitzen eine Ledertasche zur Aufbewahrung von getrocknetem Gras, Baumwolle oder Wolle. In den Schlagfeuerzeugen für Frauen sind darüberhi-

naus auch Feuerstein und Stahl in der Tasche verstaut. Wird der Feuerstein gegen den Stahl geschlagen, entstehen Funken, die in Kombination mit einem brennbaren Material ein Feuer entzünden. Unter den Tibetern herrscht Uneinigkeit darüber, ob die Täschchen der Frauen zur Aufbewahrung von Stahl, Feuerstein und brennbarem Material bestimmt waren oder ob sie nur als Behältnis für Silber- und Kupfermünzen entworfen und verwendet wurden. Solche Behältnisse werden als lokhuk oder Geldtaschen bezeichnet. In einigen Teilen Tibets, etwa in der Region Golok in Amdo, dienten lokhuk definitiv auch als Schlagfeuerzeuge und waren mit den benötigten Materialien gefüllt. Deshalb werden auch solche Objekte hier mitberücksichtigt.

6 Schlagfeuerzeug und/ oder Geldtäschchen einer Frau. VMZ 14964 (13.8 × 7.5 × 5.5 cm).

Werkstoffe Stahl Die wichtigste Komponente eines mechak im Hinblick auf seine Funktion ist Stahl. Wie in anderen Gesellschaf­ ten, etwa in China und Indien, wurde auch in eini­gen Gebieten Tibets Stahl hergestellt. Die Stahlproduktion fiel in den Aufgabenbereich des Eisen- oder Schwarzschmieds. Er folgte in der gesellschaftlichen Hierarchie auf den Gold-, Silber- und Kupferschmied. Die häufig erblich organisierten Familienbetriebe konnten bei grösseren Aufträgen, beispielsweise beim Bau eines Klosters, erweitert werden.35 Normalerweise waren es einzelne Familienmitglieder, die Stahl produ­zierten. Wenn jemand einen Metallgegenstand wünschte, verlief das Prozedere ungefähr so: Eine Person wandte sich an

einen Schmied und bat ihn, das gewünschte Objekt zu fertigen. Laut Dorje Tsering gab es zwei Arten von Schmieden. Die einen waren auf die Herstellung von Haushaltsgegenständen wie Messer, Schwerter und Nägel spezialisiert, die anderen stellten sakrale Objekte her.36 Ein Schmied, der sich nur auf die Herstellung von Alltagsgegenständen konzentrierte, war in manchen Gemeinschaften nicht sehr angesehen. Deshalb kannten sich die meisten Schmiede auch in der Herstellung von buddhistischen Statuen und religiösen Gegenständen aus. Aufgrund dieses Haupt- oder ‚Nebengeschäfts‘ waren Schmiede finanziell recht gut situiert und wurden für ihre Fertigkeiten und ihre Arbeit respektiert.37 Sie übten ihr Handwerk in Städten, Dörfern oder als Wanderschmiede aus.


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