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Christian Dell

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Wiesbaden

Inhalt

Grußwort Sabine Philipp

Geleitwort Brigitte Franzen

Einführung Michael Siebenbrodt

Lehrjahre in Hanau

Ausbildung und frühe Jahre als Silberschmied, 1907–1922

Christianne Weber-Stöber

Staatliches Bauhaus in Weimar

Werkmeister der Metallwerkstatt am Staatlichen Bauhaus in Weimar, 1922–1925

Michael Siebenbrodt

Frankfurter Kunstschule und Umfeld

Leiter der Frankfurter Metallklasse, 1926–1933

Frank Werner

Die Silberobjekte der 1920er und 1930er Jahre

Christianne Weber-Stöber

Die Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt-Riederwald

Johannes Bergmann

Leuchten

Die Metallleuchten

Johannes Bergmann

Rahmenbedingungen für erfolgreiche Arbeitsleuchten

in den 1920er Jahren

Peter M. Kleine, Johannes Bergmann

Vorwort zum Verzeichnis der Leuchten

Johannes Bergmann

Verzeichnis der Leuchten

Johannes Bergmann

Keramik

Interaktionen. Die Bauhaus-Werkstätten für Keramik, Metall und Bildhauerei – eine Spurensuche

Katja Schneider

„Das Streben nach dem Typischen“ – die Wächtersbacher

Steingutfabrik

Joana Brauhardt

Kunststoff

Entwürfe für die Kunststoffindustrie

Josef Straßer

Wanderjahre und Wiesbaden

Im Nationalsozialismus, 1933–1945

Frank Werner

„Come and see my display“ – die Zeit in Wiesbaden

Vera Klewitz

Christian Dells Schüler in Frankfurt

August Agatz (1904–1945) Frank Werner

Alfred Becker (1909–1998) Johannes Bergmann

Wilhelm Naumann (1910–1995) Johannes Bergmann

Walter Reuel (1914–2007) Ulrich Berting

Ludwig Wolpert (1900–1981) Sharon Weiser-Ferguson

Form braucht keinen Dekor – sie muss funktional sein

Beate Alice Hofmann im Gespräch mit Sandor Dell

Ausblick Joana Brauhardt, Vera Klewitz

Christian Dell – Kurzbiografie

Personen | Firmen | Institutionen

Personen- und Firmenindex

Literaturverzeichnis

Staatliches Bauhaus in Weimar

ABB. 51: Hugo Leven, Entwurfszeichnungen von zwei Kannen, undatiert. Städtische Museen Hanau, Foto: Kai Jakob

ABB. 52: Josef Wilm d. J., zwei Skizzen zu Scharfkantigen Teekannen, 1925. Gehrig 1925, S. 35

Weimar, S. 31–59, hier S. 48

Einfluss seiner Lehrer August Bock und Hugo Leven an der Königlichen Zeichenakademie Hanau zu sehen. Levens zahlreiche Entwürfe aus den 1920er Jahren zeigen einen völlig neuen Gestaltungsansatz, der mit Sicherheit Einfluss auf seine Schüler genommen hat. Seine Gefäße und Service sind von der Eleganz des Art déco geprägt, u. a. finden sich polygonale, kantige Gefäßkörper mit Ergänzungen geometrischer Elemente als Griffe oder Deckelknäufe (Abb. 51).7 Zur gleichen Zeit experimentierte auch der Silberschmied Josef Wilm d. J. in Berlin mit konstruktiv gestalteten Gefäßen, wie „Zwei Skizzen zu scharfkantigen Teekannen“ und entsprechende Ausführungen belegen (Abb. 52, 53).8 Eine vor der Übersiedlung nach Weimar entstandene Teekanne Dells in Neusilber verweist auf einen Kannenentwurf Levens (Abb. 54), allerdings ließ sich der junge Dell bei der Gestaltung der Standfüße, des Ausgusses und des Griffs eine wesentlich elegantere Lösung einfallen (Abb. 55).9 Sein am Bauhaus 1922 als Meisterstück angefertigtes Bowlegefäß (vgl. Abb. 28) aus Messing mit extravaganten, mondsichelförmigen Griffen aus Eberzähnen weist in der Ausbildung der Gefäßwandung horizontale Kanneluren auf, die sich im Deckel fortsetzen und einen hohen technischen Schwierigkeitsgrad betonen. In vertikaler Ausrichtung zeigt sich eine ähnliche Gestaltung an einem großen Deckelgefäß, das in der Klasse Professor Levens entworfen und von August Bock ausgeführt wurde. Eine ähnlich außergewöhnliche Gestaltung wird an einer 1921 gefertigten kleinen Deckeldose des Hamburger Silberschmieds Josef Arnold deutlich.10

Während ein 1922 in Weimar entstandenes, verschollenes Kaffee- und Teeservice Dells (Abb. 56) mit Tablett seinem um 1919 entstandenen, ersten nachweisbaren Service sehr nahesteht, zeigt sich in einem weiteren in diesem Jahr

ABB. 53: Josef Wilm d. J., Teeservice auf Ebenholzbrett mit Brenner, 1922. Gehrig 1925, Tafel XIII
>

ABB. 54: Hugo Leven, Entwurfszeichnungen von zwei Kannen, undatiert. Städtische Museen Hanau, Foto: Kai Jakob

ABB. 55: Christian Dell, Teekanne mit vier Beinen, 1922 oder 1924. Neusilber, versilbert. Galerie ,Blaue Brücke‘, Dresden. Foto: GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, Esther Hoyer

ABB. 73: Christian Dell, Entwurfszeichnung für eine Tischleuchte der Firma Gebr. Kaiser und Co. (Mod.-Nr. 6554, auch DK 136), 1934. BHA, Inv.-Nr. 1560

Die Metallleuchten

In dem Grundsatzwerk über Beleuchtung aus dem Jahr 1928 Licht und Beleuchtung, herausgegeben von Wilhelm Lotz,1 heißt es zu Beginn: „In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Verwendung künstlichen Lichts brauchen wir eigentlich nur die Beleuchtung. Das Leuchten ist die Ursache der Beleuchtung. Es ist technisch notwendig, brauchbar ist nur die Wirkung.“2

Zur Gestaltung von Beleuchtungskörpern entwickelt er folgende, provokanten Bezüge: „[…] wenn auf einem Schreibtisch eine Vase, ein Telefonapparat und eine Schreibtischlampe stehen, wem ist der Beleuchtungskörper seiner Natur nach näher verwandt, der Vase oder dem Telefonapparat […]?“3 Sodann werden zum damaligen Zeitpunkt im Handel befindliche Leuchtenbeispiele gezeigt und beschrieben: So wird die aus der Metallwerkstatt Bauhaus Dessau von Carl Jacob Jucker und Wilhelm Wagenfeld 1923/24 entworfene sog. Bauhaus-Lampe (vgl. Abb. 17) als zu traditionell und statisch in ihrer Erscheinung beurteilt.4

Lotz bemängelt lichttechnisch insbesondere den Reflektor, der das Beleuchtungsmaximum unmittelbar zum Lampenfuß lenkt. Als positives Gegenbeispiel wird die Midgard-Lampe, entworfen von Curt Fischer, mit universell einstellbarem, blendfreiem Reflektor angeführt. Beachtenswert ist, dass die gezeigte Midgard 113 bereits um 1924, also vier Jahre vor Buchveröffentlichung, auf den Markt kam. Auch die Rondella-Leuchte, 1926 von Christian Dell entworfen, wird in der Schreibtisch- und Ständerleuchtenversion als besonders vorbildlich hervorgehoben.

Lotz misstraut in seiner Abhandlung dem Künstler im Allgemeinen, sieht aber auch den Kaufmann, der auf moderne Formen dringt, als Verursacher für missratene Entwürfe. Er präferiert ein Hand-in-Hand-Arbeiten des Lichtingenieurs mit dem Künstler, der besser als Gestalter fungieren und im Produktionsprozess „einfühlend“5 agieren soll.

Christian Dell nahm zum Jahresbeginn 1926 seine Tätigkeit als Kunstschullehrer und Leiter der Metallklasse an der Frankfurter Kunstschule auf. Frankfurt ist zu dem Zeitpunkt das Zentrum des Neuen Bauens und am Beginn einer programmatischen Entwicklung, die die nächsten fünf Jahre andauern wird. Dell ist durch Fritz

> Frankfurt, Leitung Metallklasse, S. 62–73

7

Christian Dell / Vogel GmbH & Co., Rondella Ständerleuchte, 1928 Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, ab Ende 1928–1931

Ebenholzfußplatte mit vernickeltem Messingring, Ständer und Reflektor vernickelt; einfache Variante mit Metallfuß und Aluminiumreflektor BHA, Inv. Nr. 3885

8 Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, Rondella Doppelpult-Lampe, um 1929 Bünte & Remmler, ab 1931 Verschiedene Varianten mit unterschiedlich langem Ausleger; Schirm Aluminium schwarz lackiert, Fuß Eisen, Blech ummantelt schwarz lackiert, Ständer vernickelt BuR Kat. 324 (1933), S. 64

SONDERLEUCHTEN

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Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Rondella Polo Urtyp, Mod. 123, um 1928

Verschiedene Varianten: Metall, z. T. vernickelt, schwarz DNF, Jg. 3: H. 5 (1929), S. 101, BHA, Inv. Nr. 2019/657

Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Rondella Polo Urtyp, um 1928

Verschiedene Varianten: Metall, z. T. vernickelt, schwarz; hohes Standrohr

DNF, Jg. 3: H. 5 (1929), S. 101

9 Christian Dell / Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, Untersuchungslampe für den Arzt, 1929 DNF, Jg. 5: H. 5 (1929), S. 101

10

Christian Dell / Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, Deckenhängende Leuchte auf Basis der Rondella, verwendet in der sog. Zahnstation der Frankfurter Ortskrankenkasse, 1930 Wasmuths Monatshefte, H. 2 (1931), S. 23, Abb. 23

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Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Rondella Polo Urtyp, Mod. 122, um 1928

Verschiedene Varianten: Metall, z. T. vernickelt, schwarz; halbhohes Standrohr

DNF, Jg. 3: H. 5 (1929), S. 101

Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Rondella Polo mit drei Gelenken, um 1930

Metall, z. T. vernickelt, schwarz

Anzeige in: Licht u. Lampe, H. 1/2 (1930), S. 72

Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Rondella Polo, Mod. 132, 1929

Bünte & Remmler, ab 1931

Halbhohes gerilltes Standrohr aus Duroplast; Verschiedene Varianten; ab 1930 auch mit Fußschalter; Schirm Aluminium schwarz lackiert; Fuß Eisen, Blech ummantelt, schwarz lackiert; Ständer vernickelt

Anzeige in: DNF, Jg. 4: H. 11 (1930), S. dv

Christian Dell / Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, Rondella Polo klein, Mod. 124, 1929

11 Christian Dell / Rondella Beleuchtungskörper bzw. Gelenkleuchten GmbH, Wandhängende Leuchte auf Basis der Rondella Polo, verwendet in der sog. Zahnstation der Frankfurter Ortskrankenkasse AOK, 1930 Wasmuths Monatshefte, H. 2 (1931), S. 23, Abb. 24

Niedriges Standrohr; verschiedene Varianten; Schirm Aluminium, schwarz lackiert (auch in Grau oder Weiß nachweisbar), Ständer vernickelt; Schirm Kupfer, Ständer vernickelt, Fuß aus Eisen mit Blech ummantelt, schwarz lackiert; Schirm, Ständer und Fuß vernickelt

Die Form, Jg. 4: H. 13 (1929), S. 345

Foto © bildhübsche fotografie, Andreas Körner

RONDELLA POLO

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TYPE-K

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Christian Dell / Rondella GmbH, Rondella Polo klein, 1929

Bünte & Remmler, ab 1931

Basis Standrohr; verschiedene Varianten; Schirm Aluminium, schwarz lackiert (auch Versionen in Grau oder Weiß nachweisbar), Ständer vernickelt; Schirm Kupfer, Ständer vernickelt, Fuß aus Eisen, Blech ummantelt, schwarz lackiert; Schirm, Ständer und Fuß vernickelt

Die Form, Jg. 4: H. 13 (1929), S. 345

Christian Dell / Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule, Type-K

Urtyp (Dell-Lampe), 1927

Schirm Aluminium, schwarz lackiert, Fuß Eisen, schwarz lackiert, Ständer vernickelt

Die Form, Jg. 4: H. 13 (1929), S. 345

BHA, Inv. Nr. 2019/ 660

Christian Dell / Christian Zimmermann GmbH, Type-K, Mod. 233, 1929

DNF, H. 7/8 (1929), Beilage, Frankfurter Register Nr. 8

Christian Dell / vermutlich BELMAG, Zürich / Schweiz, Type-K klein, Mod. 236, um 1930

Der neue Wohnbedarf (1935), S. 53

Christian Dell / Christian Zimmermann GmbH, Type-K (Dell-Lampe), Mod. 211, 1929

Schirm Aluminium, schwarz lackiert, Fuß Eisen, schwarz lackiert, Ständer vernickelt

Chr. Zimmermann, Katalog Liste Nr. 17 (um 1929),

Anzeige in: Licht und Lampe, H. 4 (Februar 1930), S. 202

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Christian Dell / Christian Zimmermann GmbH, Ständerleuchte

Type-K, Mod. 213, 1929

DNF, H. 7/8 (1929), Beilage, Frankfurter Register Nr. 8 22

Christian Dell / Christian Zimmermann GmbH, Type-K, Mod. 231, 1929

DNF, H. 7/8 (1929), Beilage, Frankfurter Register Nr. 8

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BELMAG, Zürich / Schweiz, Type-K, um 1930

Wiederauflage: BUMA Design, Niedergösgen / Schweiz

BELMAG, Zürich / Schweiz, Type-K, Doppelfuß, um 1930

Wiederauflage: BUMA Design, Niedergösgen / Schweiz

BELMAG, Zürich / Schweiz, Polo Populär, Mod. 4068, nach 1933

Metall, schwarz lackiert

BELMAG Qualität und Form (um 1940), S. 282

Christian Dell / Bünte & Remmler Polo Populär, 1933

Metall, schwarz lackiert

BuR (1935), S. 65,

Der Neue Wohnbedarf (1935), S. 53

BELMAG (AUSWAHL)
POLO POPULÄR
ABB. 129: Christian Dell / H. Römmler AG, Tasse mit Ebenholzgriff und Silbermontierung sowie Dessertteller, um 1930. BHA, Inv.-Nr. 12087

Entwürfe für die Kunststoffindustrie

Eine Tasse aus glänzendem Silber, schwarzem Ebenholz und hellrotem Kunststoff (Abb. 129) – drei unterschiedliche Materialien sowohl was Verarbeitung und Herstellung (handwerklich, industriell) als auch Eigenschaften und Wertigkeit betrifft.1 Wie passt das zusammen? Eigentlich gar nicht! Dennoch steht diese eigenwillige und auch ziemlich einmalige Materialkombination nicht nur exemplarisch für Christian Dells Schaffen zwischen Tradition und Moderne,2 zwischen (Kunst-)Handwerk und Industrie, sondern auch für seine Auseinandersetzung mit dem damals neuen Material Kunststoff.3 Der eigentliche Gefäßkörper besteht aus einem hellroten Kunststoff. Als ausgebildetem Silberschmied fiel es Christian Dell sicherlich leicht, dafür eine Silbermontierung zu fertigen, die die halbkreisförmig endende Griffscheibe aus Ebenholz aufnehmen konnte. Ausgangspunkt war für ihn eine kleine, vermutlich von ihm selbst entworfene Kunststoffschale, auf deren Unterseite sich mit der Fabrikmarke „RR Resopal“ und der Modellnummer 1086W wichtige Hinweise finden. Erstens auf den Hersteller, die H. Römmler GmbH in Spremberg in der Niederlausitz.4 „RR“ steht für Römmler Resopal. Das 1867 gegründete und 1917 in eine AG umgewandelte Unternehmen gehörte zu den führenden Herstellern von plastischen Massen in Deutschland. Ein Jahr nachdem 1907 Leo Hendrik Baekeland (1863–1944) den weltweit ersten vollsynthetischen Kunststoff (Bakelit) in den USA zum Patent angemeldet hatte, patentierte die H. Römmler AG ihr Phenoplast mit dem Handelsnamen Hares. Die folgenden Patentstreitigkeiten führten 1919 schließlich zu einem Vergleich und dazu, dass Römmler ein lizenzfreies Mitbenutzungsrecht für Bakelit erhielt. Wenig später entwickelte die H. Römmler AG den Kunststoff, aus dem die hellrote Tasse besteht. Der zweite Punkt, der sich aus dem Prägestempel auf der Unterseite ablesen lässt, ist der Name des Kunststoffs, genauer der Markenname Resopal. Dabei handelt es sich um ein Aminoplast, ein Harnstoff-Formaldehyd-Harz. Mitte der 1920er Jahre gelang es der Kunststoffindustrie, neue farblose Kunstharze (Aminoplaste) herzustellen, die im Gegensatz zu den dunklen Phenoplasten wie Bakelit in den verschiedensten Farben und sogar in Weiß eingefärbt werden

154: Hotel ‚Goldener Brunnen‘, Baujahr 1905, Goldgasse 10, undatiert. Rechts: Fassade des Hauses, in dem sich von 1948 bis 1954 das Ladengeschäft von Christian Dell befand. Postkarte, Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden

ABB. 155: Visitenkarte des Wiesbadener Geschäfts von Christian Dell, Goldgasse 12, eingeklebt im Album der ehemaligen Firma Werbe-Licht Wiesbaden. Privatsammlung

ABB.

„Come and see my display“ – die Zeit in Wiesbaden

Mit diesem Gruß lädt Christian Dell auf einer größtenteils englischsprachigen Faltkarte im Visitformat zur Betrachtung der Schaufensterauslagen seines Ladengeschäfts ein, das sich in der Wiesbadener Innenstadt befand (Abb. 155). Es trug den Namen ‚Geräte, Kunst, Schmuck‘ und war zunächst nur über das angrenzende ehemalige Hotelgebäude ‚Goldener Brunnen‘ in der Goldgasse 10 (Abb. 154) zugänglich. Danach wurde der Eingang über die Goldgasse 12 eingerichtet, der von zwei Schaufenstern flankiert war.

Laut der oben genannten Visitenkarte bestand das Angebot des „Meisters der Edelschmiedekunst“ aus feinster Handarbeit, selbst entworfenen und hergestellten Kaffee-Services aus Sterlingsilber und weiteren Preziosen (Abb. 156, 158). Zudem reparierte Dell Metallwaren. Es erscheint kurios, dass er seine exquisiten Silberarbeiten als sein „Hobby“ und Kuckucksuhren als eine seiner „Spezialitäten“ bezeichnete.

Allerdings reagierte er mit dieser Gewichtung wie auch mit der Sprache der Visitenkarte auf einen kaufkräftigen Kundenkreis. Denn nachdem amerikanische Einheiten Wiesbaden am 28. März 1945 besetzt hatten, befanden sich hier zahlreiche amerikanische Staatsbürger, die sich für besondere Andenken interessierten.1

In einem Gespräch, das Beate Alice Hofmann 1994 mit Christian Dells Sohn Sandor führte, beschreibt dieser, wie es zu dem Ladengeschäft in Wiesbaden kam: Vor der Anmeldung des Gewerbes 1948 habe sein Vater zahlreiche Aufträge US-amerikanischer Offiziere für Silbergerät erhalten und Ringe ziseliert.2 Sandor Dell (1927–2003) war das einzige Kind aus der 1923 in Wiesbaden geschlossenen Ehe mit der Schneiderin Helene Wenzlau (1896–1949),3 Tochter des Vorstands der örtlichen katholisch-apostolischen Gemeinde Wilhelm Wenzlau (1855–1943), wohnhaft in der Emserstraße 49. Im selben Haus wohnten seit 1934 weitere Familienmitglieder,4 darunter Dells ehemaliger Frankfurter Schüler und Neffe Wilhelm Naumann (1910–1995).5 Der Kontakt mit Dells Schwiegerfamilie soll eng, in politischen Fragen aber konfliktreich gewesen sein.6 Dennoch zog Dell 1936 in die Heimatstadt seiner Ehefrau, wo die Familie spätestens seit 1937

> Gespräch mit Sandor Dell, S. 252–259, hier S. 258/259

ABB. 162: August Agatz: o. T. (Entwurf für einen Samowar), um 1942. Aquarell, weiß gehöht, über Bleistift; montiert auf weißem Karton. Stiftung Bauhaus Dessau, Inv.-Nr. I 2850 G

August Agatz (1904–1945)

Die biografische Aufarbeitung von August Agatz ist heute nur noch fragmentarisch möglich. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1945 sind Dokumente, Fotografien und andere Zeugnisse rar. Auch mündliche Überlieferungen aus dem Familienkreis sind kaum bekannt. Einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Erschließung seiner Biografie leistete Friedrich-Wilhelm Geiersbach um die Jahrtausendwende.1 Der folgende Text stützt sich größtenteils auf dessen Forschungsergebnisse sowie auf Gerhard Franke (1979).2 Eigene Recherchen blieben in vielen Fällen ergebnislos und brachten nur wenige neue Erkenntnisse.3 Agatz wurde am 26. Januar 1904 in Hagen geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Wie aus amtlichen Unterlagen hervorgeht, absolvierte er nach dem Schulabschluss eine Ausbildung als Feingraveur und Silberschmied (Abb. 162).4 Anschließend bildete er sich beim Hagener Künstler Karel Niestrath (1896–1971) im Bereich Bildhauerei weiter. In einem Brief, den Niestrath 1958 an Agatz’ Witwe Anna schrieb, heißt es: „Ich kann heute bestätigen, dass er sich mit großer Aufrichtigkeit den Aufgaben seines Handwerks und der künstlerischen Gestaltung seiner Ideen gewidmet hat. […] Gelungene Stücke zeugten damals schon von einer starken Begabung. Er war auf Ausstellungen vertreten.“5 Dank einer finanziellen Förderung durch die Stadt Hagen konnte Agatz ein weiterführendes Studium am Bauhaus in Dessau aufnehmen.6 Er war dort vom Sommersemester 1927 bis einschließlich Wintersemester 1928/29 eingeschrieben (Abb. 163). Nach dem obligatorischen Vorkurs wurde er Mitglied der Metallwerkstatt unter der Leitung von László Moholy-Nagy und besuchte darüber hinaus die Werkstatt für Stein- und Holzbildhauerei von Oskar Schlemmer.7 Ab dem Sommer 1928 ließ er sich aus heute unbekannten Gründen beurlauben. Vermutlich stand er zu diesem Zeitpunkt bereits in Kontakt mit der Frankfurter Kunstschule, denn es ist überliefert, dass er dort im Laufe des Jahres 1928 eine Stelle in der Metallklasse von Christian Dell annahm.8 Abgesehen von der Erwähnung durch den Mitschüler Alfred Becker und von einer Fotografie mit Kollegen der Metallklasse (Abb. 164) sind aus dieser Phase kaum Informationen überliefert. Es erscheint jedoch plausibel, dass Agatz,

ABB. 163: August Agatz als Student am Bauhaus, um 1928. BArch, Inv.-Nr. BILDY 10-175-455-81
> Frankfurter Schüler, Alfred Becker, S. 228–233
Christian Dells Schüler in Frankfurt

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