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marie 59/ April 2021

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#59 / April 2021

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davon 1,40 Euro für die Verkäuferin/ den Verkäufer

Trotzdem das Leben leben! Bianca Riedmann ist 33 Jahre jung. Mit 18 bekam sie die Diagnose ALS. Der marie gewährte die junge Frau einen berührenden Einblick ins Thema Behinderung und ihr Leben mit der unheilbaren Krankheit. Seiten 6 bis 9

Foto: Christian Burtscher

Wie geht‘s eigentlich der Kunst und Kultur?

Das Corona-Virus hat in den letzten zwölf Monaten das Kulturleben auch in Vorarlberg fast vollständig zum Erliegen gebracht. Jetzt gibt es erste vorsichtige Öffnungsschritte und scharfe Kritik an der Politik. Die marie wollte wissen, wie es Kunstschaffenden nach einem Jahr Pandemie geht. Das große Kultur-Extra finden Sie auf den Seiten 27 bis 43.


Neue Zeiten. Neue Perspektiven.

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Du wirst gebraucht. Informationsportal für Betreuungs- und Pflegeberufe in Vorarlberg: www.vcare.at connexia Implacementstiftung Betreuung und Pflege 6900 Bregenz, 05574 48787-0, stiftung@connexia.at

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Inhalt

Editorial

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Bild des Monats Unheilbare Krankheit Bianca Riedmann (33) erzählt über ihr Leben mit ALS

das Leben beginnt wieder. Also nicht nur, weil der Frühling vor der Tür steht. Eher weil man jetzt mehr selbst 10 Bio-Gemüse aus eigenem Anbau aus seinen eigenen vier Wänden herauskommt. Darüber Pachten Sie eine Parzelle auf dem Selbst-Ernte-Acker freuen wir uns wohl alle, mit am meisten sicherlich die Menschen der Berufssparte „Kulturschaffende“. Bis das 11 Sudoku Kulturleben wieder in seiner Fülle erblühen kann, wird 12-13 Ein Armutszeugnis es aber noch dauern. Oder wird es überhaupt so sein kön Simon Köldorfer (32) über die Leiden eines Junglehrers nen, nach einem Jahr eines mehr oder minder (völligen) Erliegens des gesellschaftlichen Lebens? Die marie hat 21 14 Fröhliches Fastenbrechen Künstlerinnen und Künstler gefragt, wie es ihnen eigent Schokokuchen und Mokka-Crème aus Dan‘s Probelokal lich geht (Seiten 28 bis 33). Theaterautor und Kabarettist 15 Rechenrätsel, Schachecke Stefan Vögel wiederum rechnet mit der Politik ab und 16-18 Von Keksen und anderen Liebschaften kritisiert auch die Uneinigkeit innerhalb der Kulturszene (Seiten 34/35) und Mirjam Steinbock von der IG Kultur Zu Besuch in der Keksmanufaktur von Sabine + Xaver Vorarlberg fragt sich, wie viel Spaß Kultur unter den ein20-21 Von Menschen und koanen Menschen geschränkten Rahmenbedingungen überhaupt machen Hans Platzgumer über Tirol, Corona und Schuld kann (Seiten 36 bis 38). Weitere Themen dieser Ausgabe sind der Nachholbedarf im österreichischen Bildungssys22 Rätsellösungen tem, den Neulehrer Simon Köldorfer in einem Gastbei24-26 30 Jahre „do it yourself“ trag verortet (Seiten 12/13), das 30-jährige Jubiläum des Verein in Bludenz ist Zufluchtsort für Suchterkrankte Vereins „do it yourself “ (Seiten 24 bis 26) und natürlich die überaus berührende Geschichte unserer Titelfrau 26 Impressum über ein Leben mit einer unheilbaren Krankheit (Seiten 28-33 Wie geht es eigentlich der Kunst und Kultur? 6 bis 9). 21 Künstler über ihr Leben mit der Corona-Pandemie Viel Freude beim Lesen der April-Ausgabe der marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung! 34-35 Corona & die Küntsler Stefan Vögel und seine Abrechnung mit der Politik Herzlich, 36-38 Die Suche nach dem Spaßfaktor Christina Vaccaro, Redakteurin Interview mit Mirjam Steinbock, IG Kultur Vorarlberg 40-41 Alle können Künstler sein! Rainer Roppele und Armin Weber erzählen über ihren Kunstbegriff und die Kunstszene während der Pandemie 42-43 Meine Freunde, der Tumor und die Kunst Die marie zu Besuch im Atelier von tOmi Scheiderbauer 44-45 Du bist nicht alleine Die wertvolle Arbeit von Selbsthilfegruppen 46-47 Kein Hüsle und kein Trauschein für arme Leute Wie man früher versuchte Armut zu verhindern

Kontaktieren Sie uns marie ist Mitglied im Weltverband der Straßenzeitungen. www.insp.ngo

Sie haben Anregungen, Wünsche oder Beschwerden? Dann schreiben Sie uns doch einfach. marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-Maximilian-Straße 18, 6845 Hohenems. E-Mail: redaktion@marie-strassenzeitung.at oder Sie rufen uns an unter 0677/61538640. Internet: www.marie-strassenzeitung.at. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!

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Bild des Monats

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Osternest am Alten Rhein Fotos: Frank Andres

Pünktlich zu Ostern hat sich Walter Batruel am Alten Rhein quasi sein eigenes Nest gebaut. Drei Monate lang arbeitete das 73-jährige Hohenemser Original an seinem neuen Werk. Schleppte Holz, sammelte Tannenzweige und nagelte Bretter zusammen. Das Baumhaus entspricht nicht nur allen Sicherheitsauflagen, sondern ist zudem absolut „coronasicher“, wie der Bauherr gegenüber der marie betont.


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Mittendrin in V

„ Bin heute so stark, wie ich es nie mehr sein werde“ Im Leben geht es nicht darum, was einem passiert oder was einem auferlegt wird. Es geht darum, wie man darauf reagiert und damit lebt. Das sagt Bianca Riedmann, 33. Ihre Krankheit ALS ist unheilbar und sie kam zu einem Zeitpunkt, als sie und ihre Freundinnen gerade flügge wurden. Dokumentation: Simone Fürnschuß-Hofer, Bianca Riedmann Fotos: Christian Burtscher

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it 16 hatte sie erste Symptome, mit knapp 18 bekam sie auf fragwürdige Art die Diagnose „juvenile ALS“ (siehe Factbox) übermittelt. Seitdem verliert Bianca „Bibi“ Riedmann, 33, nach und nach ihre Muskelkraft. Zukunftsplanung? Schwierig. Ihren nächsten Übersee-Roadtrip hat sie dennoch im Visier – wenn nicht gerade ein Virus ihre Vorhaben durchkreuzt. Mit ihrem Lebensgefährten Christian Burtscher ist sie schon mehrfach quer durch Amerika getuckert. Ihre Instagram-Posts bilden nicht nur traumhaft schöne Panoramen ab, ihre Texte stimmen auch nachdenklich und geben berührenden Einblick in das Thema Behinderung und Leben mit ALS. In ihrer Gegenwart vergisst man dann fast wieder, mit welcher Dimension von Schicksal sie zurechtkommen muss. Fernweh, Job, Partnerschaft, der Lockdown-Koller oder der kleine Glücksmoment, wenn Katze Kiki verrückt spielt: Es gibt so vieles, das Berührungs- und Anknüpfungspunkte schafft. Und doch. Doch kann man wohl nur erahnen, kaum wirklich begreifen, was es bedeutet, mit der Diagnose ALS zu leben. Eine Gesprächsaufzeichnung ...

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Als alles begann ...

Mit 16 sind mir erste Veränderungen in meiner Art zu gehen aufgefallen. Ich kann mich nicht daran erinnern, gleich extrem besorgt gewesen zu sein. Ich war allerdings mehrfach für Untersuchungen in verschiedenen Krankenhäusern, und da entdeckte ich einmal in den Entlassungspapieren, die mir unkommentiert übergeben wurden, den Vermerk „V. a. ALS“ (Anm. der Red.: Verdacht auf ALS, siehe Factbox). Ich recherchierte im Internet und war schockiert, lesen zu müssen, was

Zum Weiterlesen: bibi_wheelchair_traveller – Biancas Instagram-Account mit Reiseberichten und Einblicken ins Leben mit ALS. Beruflich ist Bianca Riedmann als grafische Angestellte engagiert und ihre Urlaube verbringt sie am liebsten in den USA – einem Vorzeigeland bezüglich Barrierefreiheit.

2005

2019

mich in der Zukunft erwarten könnte. Man sagte mir dann zwar, dass das noch keine fixe Diagnose sei, aber die Untersuchungen über die folgenden Monate hinweg verhärteten den Anfangsverdacht. Eineinhalb Jahre nach dem Auftauchen der ersten Symptome war es dann ein Arzt, der mir während der Besuchszeit – ich war wieder in einer Klinik, das Zimmer voller Leute – im Beisein all dieser fremder Menschen ALS als endgültige Diagnose bestätigte. Jahre später ist mir erst bewusst geworden, wie krass das eigentlich war. Ich war damals 18 Jahre alt, meine Freunde gerade auf Maturareise.


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Recherchestopp und Leben im Hier und Jetzt Meine Recherche zuvor hatte mir die zukünftigen Verluste und meine begrenzte Lebenszeit bereits vor Augen geführt. Das reichte mir fürs Erste und hat bewirkt, dass ich nicht darüber reden wollte. Ich wollte mich einfach nicht mit solch düsteren Aussichten beschäftigen! Mir war bewusst, je mehr ich recherchiere, desto schrecklichere Details würde ich erfahren. So habe ich mich dazu entschieden, solange der Körper noch so gut funktioniert, mir nicht die Zukunft in den dunkelsten Farben auszumalen, sondern lieber zu genießen, was noch geht. Selbst in meiner Beziehung mit Christian war das Thema wenig präsent. Wir sind sogar nach Wien gezogen, wo ich ein Semester Publizistik studiert habe. Aber es war bereits ein Kampf, weil ich beim Gehen schon sehr eingeschränkt war. Gleichzeitig war ich noch nicht bereit, mir in Wien ein Leben im Rollstuhl aufzubauen, dieses ganze Netzwerk an Hilfen zu aktivieren.

„Man kann aus einem Funken Hoffnung schon ein ganzes Feuer machen. Aber nach jeder Enttäuschung brennt die Flamme der Hoffnung ein wenig schwächer.“ Zurück nach Hause So bin ich alleine zurück nach Vorarlberg zu meinen Eltern gezogen – während gerade alle anderen um mich herum erwachsen wurden. Das hat schwer an meinem Selbstwert genagt. Genau zu dieser Zeit, 2008, musste ich auch beginnen, einen Rollstuhl zu benutzen – und ich habe mich anfangs nicht gerne darin blicken lassen. Diese Scham und mein angekratzter Selbstwert haben eine soziale Phobie ausgelöst. Nachdem Christian dann aus Wien zurückgekommen ist und wir uns eine gemeinsame Wohnung gesucht haben, wurde es besser. Ich fand zu mehr Selbstsicherheit zurück und durfte erkennen, dass die Art, wie ich mein Leben führe und der Rollstuhl nichts sind, für das ich mich schämen muss. Der Rollstuhl ist im Gegenteil eines der genialsten Hilfsmittel überhaupt, um am Leben teilzunehmen.

Berlin 2019

Wären da nicht die Barrieren ... Inklusion ist allerdings leider oft nur ein leeres Versprechen. Ich vermisse bauliche Maßnahmen. Zumal ja mangelnde Barrierefreiheit nicht nur die Menschen mit Behinderung betrifft. Barrieren schränken auch deren Familien und Freunde in ihren Entfaltungsmöglichkeiten ein. Von Barrierefreiheit wiederum profitieren auch alte Menschen, Eltern mit Kinderwagen und all jene, die erst später durch eine Krankheit oder einen Unfall eingeschränkt werden. Die Behinderten-Community braucht jedenfalls mehr Verbündete – also Leute, die nicht unmittelbar betroffen sind und sich trotzdem dafür stark machen. Es kann nicht sein, dass einem Ladenbesitzer die Rampe wegen Denkmalschutz untersagt wird. Da sieht man, wo man als Rollstuhlnutzer gereiht wird. Barrierefreiheit ist in unserer Gesellschaft leider nach wie vor optionaler Luxus anstatt Selbstverständlichkeit mit Nutzen für Alle.

Sensibilisierung durch Lockdowns Ich glaube, dass Menschen, die wegen Corona nicht an Orte gehen können, die sie gerne besuchen würden, nun einen Eindruck bekommen, wie es sich anfühlt, mit mangelnder Barrierefreiheit zu kämpfen. Für nicht-behinderte Menschen ist diese Bewegungseinschränkung für ein paar Wochen lang Realität, für mobilitätsbehinderte Menschen ist und bleibt sie Realität – und zwar so lange, wie Barrierefreiheit vergessen, als überflüssig oder zu teuer deklariert wird. >>

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Mittendrin in V

Gesetz ohne Schlupflöcher Mein Vorschlag: Ein Gesetz ohne Schlupflöcher, das zu Barrierefreiheit verpflichtet, so wie der „ADA“ („Americans with Disabilities Act“) in den USA. Egal, ob bei Neu- oder Altbauten, mit oder ohne Denkmalschutz. Ich bin außerdem dafür, dass bei Bauvorhaben immer auch Personen mit verschiedenen Behinderungen hinzugezogen werden. Dann würde in Zukunft vielleicht nicht mehr nur nach irgendwelchen Richtlinien gebaut werden, die in Wahrheit kaum jemandem etwas bringen, nur um die Förderung beim Bau zu kassieren.

Therapeutikum Reisen Reisen bedeutet für mich: Ein Freiheitsgefühl. Mich lebendig fühlen. Behinderungs- und krankheitsbedingt bin ich doch sehr viel der Routine ausgesetzt, Aktivitäten und Hobbys sind kaum mehr machbar, vor allem im Winter. Da gibt es nur minimal neue Inputs und Reize. Ein Tapetenwechsel tut einfach der Psyche gut. Reisen ist für mich ein Mittel, um mental gesund zu bleiben.

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Zukunft ohne Planung Ich werde im April 33 und habe mich mit 20 gefragt, ob ich meinen 30er überhaupt erleben werde. Soviel dazu. Ich plane nicht gerne weiter als ein Jahr voraus, weil ich einfach nicht weiß, was sich bis dahin verschlechtert. Eines der schwierigsten Dinge bei der ALS ist das dauernde Sich-Anpassen-Müssen an neue körperliche Grenzen. Hat man sich gerade damit abgefunden, dass der Daumen seine Funktion aufgegeben hat und zu kompensieren gelernt, stellt man fest, dass das Handgelenk lahm wird. Also entwickelt man wieder neue Methoden, schafft Hilfsmittel an – bis zum nächsten Verlust. Ständig mit schlechteren Bedingungen von vorne beginnen zu müssen, ist wirklich mühsam.

„Auf Hilfe angewiesen zu sein, bedeutet zwangsläufig, anderen Menschen sagen zu müssen, was sie zu tun haben. Das ist etwas, das ich lernen und an das ich mich gewöhnen musste – und immer noch muss.“ Schreiben hilft In dunklen Tagen hilft mir das Wissen, wenn ich ins Bett gehe und drüber schlafe, wird es wieder besser. So verschlingt es mich nicht. Auch das Schreiben hilft. Ich finde es wichtig, dass auf Instagram nicht immer nur die heile Welt vorgegaukelt wird. Manchmal könnte man beim Stöbern auf Social-Media-Plattformen ja wirklich meinen, dass es nur superfrohe, positive, starke und inspirierende Menschen gibt, die niemals ein Tief erleben.

USA Capitol Reef 2016

Traum-Urlaubsland USA Wir haben bereits vier Roadtrips durch die USA gemacht. Dort ist es viel einfacher, auf diese Art zu reisen. In den USA komme ich fast überall hin, es funktioniert so vieles. Ich muss mir zum Beispiel kaum Sorgen machen, ob ich ein rollstuhlgerechtes WC finde, ob ein Restaurant für mich zugänglich ist, oder ob es barrierefreie Parkplätze gibt – alles Dinge, die bei uns eher die Ausnahme bilden. Das ist in den USA fast immer selbstverständlich. Und solche grundlegenden Dinge sind das Um und Auf, um sich uneingeschränkt bewegen zu können und sich dabei auch noch wohl zu fühlen.

Warum Hoffnung mitunter auch weh tun kann und gute Ratschläge Schläge sind Es ist so: Wenn man sich einlässt auf angepriesene „(Wunder-)Heilungen“ bzw. alternative Behandlungen, muss man in sich Platz machen für die Möglichkeit, dass sich etwas zum Guten wendet. Du schenkst also der Hoffnung Platz. Und dann passiert nicht, was du dir erhofft hast. Du fällst zurück auf die Ausgangssituation, bist aber ein Stück enttäuschter. Das tut weh. Ich musste lernen, solche falschen und zermürbenden Hoffnungen gegen echte und stabilisierende Haltungen einzutauschen. Und zu den Ratschlägen: Es ist nur menschlich, dass man Ratschläge gibt. Jemandem zu sagen, „Hast du es schon damit probiert, weil es hat der Anna geholfen“ hinterlässt aber den Eindruck: Es gäbe Wege, wenn


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https://fundraise.als.net/bibi Ob ich die Krankeit inzwischen akzeptiert habe? Ja. Schwierig bleibt dennoch, dass sich mein Zustand fortlaufend verschlechtert. Mir hilft der Gedanke: Verglichen mit gestern wird der heutige Tag immer der schwächste sein. Verglichen mit morgen bin ich heute immer so stark, wie ich es nie mehr sein werde.

Starke Partnerschaft Mein Freund Christian erlebt seit Anbeginn meiner Krankheit meine zunehmende Schwäche in allen Stadien mit und steht gemeinsam mit mir immer wieder vor neuen Herausforderungen. Dank ihm bin ich bis heute trotz allem ein aktiver und positiver Mensch geblieben und kann noch Dinge erleben, von denen ich sonst nur träumen könnte.

Florida Key West 2014

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du es nur willst. Als wäre es ein persönliches Versagen, als wäre man nicht stark genug oder würde nicht genug dagegen unternehmen, wenn keine Heilung eintritt.

Verhalten, auf das man verzichten könnte Mich ärgert es auch, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird. Ich erinnere mich an unzählige Situationen, in denen vor mir und sogar im direkten Dialog mit mir das Wort „behindert" als Bezeichnung für etwas Dummes, Schlechtes oder Minderwertiges verwendet wurde. Einmal wurde zum Beispiel ein Handy, das nicht mehr richtig funktionierte, vor mir lautstark als „behindertes Handy“ bezeichnet. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, dass sie durch eine derartige Sprache Menschen mit Behinderung als minderwertig darstellen. Oder wenn bei Einladungen nicht auf Barrierefreiheit geachtet und an Orten gefeiert wird, die für mich gar nicht oder schwer erreichbar sind. Wenn ich dann die Barrierefreiheit erfragen muss, fühle ich mich als Last bzw. als jemand mit Extrawünschen. Nicht zu erwähnen brauche ich wohl das Thema „besetzte Behindertenparkplätze oder -toiletten“ und das unverhohlene Angeglotztwerden, wenn man im Rollstuhl sitzt.

ALS heute etwas bekannter Die Ice-Bucket-Challenge 2014, (Anm. d. Red.: Internetclips mit Menschen, die sich Eiswasser über den Kopf gießen), die mit Spenden für die ALS-Forschung verbunden war, hat der Krankheit einen enormen Bekanntheitsschub gebracht und eine Tür geöffnet, ins Gespräch zu finden. Ich sehe mich als Sprachrohr für ALS-Betroffene, weil sie selber meist zeitlich nicht mehr die Möglichkeit bzw. auch nicht die Energie haben, darüber aufzuklären. Mein Bruder hat außerdem im Herbst letzten Jahres eine Kampagne gestartet, um die stark unterfinanzierte Forschung zu unterstützen:

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Florida Clearwater 2014

Factbox ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) ist eine bisher unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark degenerieren und keine Nachrichten mehr an die Muskeln senden, sodass diese allmählich schwächer werden und verkümmern. Die Krankheit ist progressiv, das heißt die Symptome verschlimmern sich mit der Zeit. Betroffene verlieren die Fähigkeit zu sprechen, zu essen, sich zu bewegen und zu atmen. ALS bricht typischerweise zwischen dem 50. und dem 70. Lebensjahr aus mit meist rasch fortschreitendem degenerativem Verlauf bei einer Lebenserwartung von nur wenigen Jahren. Sehr selten tritt ALS im jungen Alter auf, man spricht dann von „juveniler“ ALS. Diese Form verläuft extrem langsam, junge Betroffene können ein hohes Alter erreichen. Stephen Hawking – der wohl bekannteste Patient – bekam ALS mit 21 diagnostiziert und wurde 76 Jahre alt! Die Häufigkeit von juveniler ALS wird mit unter 1 zu 1.000.000 angegeben.


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Ihr neues Hobby 2021:

Das eigene Bio-Gemüse setzen und ernten

Text: Arnold Feuerstein Foto: Andrea Feuerstein

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Das Team von Adam & Eva in Klaus, Barbara und Patrick Bechtold, setzt Bio-Obstbäume alter Sorten auf dem Selbsternteacker

elber gärtnern, frisches Gemüse – natürlich bio gezogen – ernten und das Aroma reifer Früchte vom Beet genießen – was gibt es Besseres? Wer keinen eigenen Garten hat, kann jetzt auf eine Ernteparzelle ausweichen. Seit heuer bietet Arnold Feuerstein auf einem Acker in Brederis unmittelbar am Maldina-Radweg Selbsternteparzellen in unterschiedlichen Größen zum Mieten an. Ab 190 Euro pro Saison ist man dabei. Die Parzellen sind in Größen zwischen 30 und 60 m2 abgesteckt, die Ernte deckt den Bedarf von einer zwei- bis vierköpfigen Familie. „Wir bereiten den Boden auf und säen zum Teil bereits verschiedene Bio-Gemüsesorten ein“, erzählt Arnold Feuerstein, Initiator und begeisterter Hobby-Landwirt. Auf den freien Flächen setzen die Mieter weitere Pflanzen nach ihrem Geschmack, übernehmen das Gießen, Hegen und Pflegen ihrer grünen Schützlinge. Und natürlich das Ernten. Der Zeitaufwand beträgt zirka zwei Stunden pro Woche. Als Draufgabe gibt es verschiedene Früchte und Beeren je nach Saison.

Gärtnern macht Spaß, ist eine sinnstiftende und gesellige Freizeitbeschäftigung und führt zurück zum Ursprünglichen und Wesentlichen. Es dient vor allem Familien zu mehr als dem bloßen Nahrungsgewinn an hervorragendem Biogemüse. Arnold Feuerstein: „Das gemeinsame Gärtnern mit Freunden, Kindern oder Enkelkindern macht Spaß, es bringt allen die Natur in ihrer Vielfalt als lebenden Organismus näher. Das Säen, Setzen und Ernten, das Pflegen, Hegen und Gießen, das Wachsen und Gedeihen im Jahreskreis und in saisonaler Vielfalt, eingebunden in einen natürlichen Prozess ist eine tolle Erfahrung. Schön und wertvoll ist auch der Austausch mit den anderen Parzellen-Nachbarn, den Mit-Gärtnern.“ Je kürzer der Weg vom Acker zum Teller, desto besser für den Geschmack und für viele wertvolle Inhaltstoffe. Ist dieser Acker auch noch mit dem Fahrrad erreichbar ist eigentlich schon viel getan – für das eigene Wohlbefinden und für die Umwelt. Weitere Infos und Anmeldung: Arnold Feuerstein, 0664/4036671 oder unter arnold.feuerstein@gmail.com


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aktuelle Infos unter www.stauden-kopf.at

Staudengärtnerei Elke und Thomas Kopf Kontrolliert biologischer Anbau Haltestelleweg 2 6832 Sulz-Röthis

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Sudoku So geht‘s: Füllen Sie die leeren Felder so aus, sodass in jeder Reihe, in jeder Spalte und in jedem Block (= 3×3-Unterquadrat) die Ziffern 1 bis 9 genau einmal vorkommen. Viel Spaß!

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Kathi Lampert Schule Die Kathi-Lampert-Schule für Sozialbetreuungsberufe (SOB) in Götzis bietet vier Ausbildungsstufen an: • Vorbereitungslehrgang für Erwachsene (ab 19 Jahre) – 1 Jahr • Behindertenarbeit (ab 17 Jahre) – 2 Jahre (Fach); 3 Jahre (Diplom) • Behindertenbegleitung (ab 19 Jahre) – 2 Jahre (Fach); 3 Jahre (Diplom) • Ausbildungsmodul Sozialpädagogik (nach der Diplomausbildung) – 1,5 Jahre

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Anmeldung bis 30. April 2021 Infos unter: www.kathi-lampert-schule.at

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Ein Armutszeugnis Er ist motiviert, den Lehrerberuf zu ergreifen. Sein Wunsch, Wissen an die nächste Generation weiterzugeben, wird jedoch gleich zu Beginn hart auf die Probe gestellt. Simon Köldorfer (32, aus Dornbirn) schreibt in einem Gastbeitrag für die marie, wie er als Neulehrer mit bürokratischen Hindernissen begrüßt wurde. Eine Kritik, die nach Veränderung im Bildungsbereich ruft. Text: Simon Köldorfer, Illustration: iStock

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ls Lehrer wird man aktuell sehr häufig auf die Corona-Situation angesprochen. Gerade als Neulehrer stellen die immer neuen, und als Techniker oft nicht logisch nachvollziehbaren, Verordnungen eine besondere Herausforderung dar. Insbesondere da die Politik der letzten Jahrzehnte die Digitalisierung nicht nur verschlafen, sondern schlichtweg ignoriert hat (Österreich ist EU-Schlusslicht was den Internet-Ausbau betrifft!). Dies büßen wir aktuell im Distance Learning-Unterricht. Auch die fehlende Bereitstellung von Equipment für Lehrer und Schulen, die Online-Unterricht abhalten sollten, stellt eine nicht zu unterschätzende Hürde dar. Ein Grund, weshalb ich gleich zu Arbeitsbeginn fast einen ganzen Monatslohn in eine entsprechende Ausrüstung investiert habe, um adäquaten Unterricht abhalten zu können. Keine Angst, mein Monatslohn fällt aktuell gering aus. Geringer als der meiner Schüler, wenn sie nach der Matura zu arbeiten beginnen. Dazu aber später mehr. Die Schwierigkeiten, die mit der aktuellen Corona-Situation einhergehen, waren für mich aber absehbar und als „junger“ Techniker, der mit digitalen Technologien aufgewachsen ist und diese im täglichen Berufsleben einsetzt, hat mich das Ganze nicht ganz so stark belastet wie manch erfahrene Lehrerkollegen. Auch die anfangs unterschätzten Aufgaben eines Klassenvorstandes, der ich nun bin, verblassen im Angesicht grober Unwägbarkeit der österreichischen Bürokratie und deren Verwaltungsstrukturen. Ich hatte in meinem Berufsleben schon mit sehr vielen Behörden in Ländern auf der ganzen Welt zu tun, und ähnlich lange Bearbeitungszeiten sowie der Umfang an Fehlinformation hatte ich bisher erst einmal erlebt: im Sudan. Aber alles der Reihe nach. Nachdem ich nach rund zehn Jahren Berufstätigkeit im technischen Bereich den Beschluss fasse, mich neu zu orientieren, antworte ich auf eine Mail mit einem Stellenangebot meiner alten Schule. Das Bewerbungsgespräch verläuft sehr gut und die Bedingungen für eine Anstellung scheine ich zu erfüllen. Die Bewerbung erfolgt direkt beim Ministerium, die offenen Lehrerstellen werden in Österreich in der Wiener Zeitung und online auf einer Bewerbungsseite ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist von sechs Tagen verpasse ich beinahe, da online zuerst keinerlei Informationen abrufbar sind, auch nicht


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über den Start der Bewerbungsfrist. Nachdem ich Mitte Mai sämtliche Daten an das Bildungsministerium übermittle, passiert ein ganzer Monat lang gar nichts, bis ich Mitte Juni erneut in die HTL eingeladen werde. Die Bewerbung ist erfolgreich und ich werde um eine mündliche Zusage gebeten. Bei der Frage nach dem Gehalt werde ich an die Bildungsdirektion verwiesen. Aufgrund sehr vieler Lehrer in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis, die alle mit ihrem Einkommen auskommen, gebe ich meine mündliche Zusage. Ein weiterer Monat vergeht, ehe ich Mitte Juli bei der Bildungsdirektion nachfrage, ob ich denn nicht zeitnah einen „Auch die anfangs Arbeitsvertrag unterschreiben müsse. „Der Arbeitsvertrag unterschätzten wird erstellt, sobald im AuAufgaben eines gust die Schulen Rückmeldung geben, wer bei ihnen als neue KlassenvorstanLehrkraft zu arbeiten beginnt, und wird dann voraussichtlich des, der ich nun im Dezember zur Unterschrift bin, verblassen im an Sie weitergeleitet.“ Auf meiRückfrage, wie dies rechtAngesicht grober ne lich aussieht, dass ich bis dahin Unwägbarkeit der keinen gültigen Vertrag habe, folgt die Antwort: „Machen österreichischen Sie sich keine Sorgen, Sie werden ja für die geleistete Arbeit Bürokratie und bezahlt.“ „Was werde ich denn deren Verwaltungs- verdienen?“, frage ich zurück. „Das kann ich so nicht sagen, strukturen.“ ich muss erst Ihre Unterlagen auf anrechenbare Vordienstzeiten durcharbeiten.“ Weitere Nachfragen bleiben bis in den Herbst unbeantwortet, bis ich Mitte Oktober schließlich meinen ersten Gehalt von 2700 Euro Brutto (Besoldungsstufe ohne Berufserfahrung) erhalte. Nach mehrmaliger Nachfrage wird mir schließlich mittgeteilt, ich müsse einen Antrag auf Anerkennung der Vordienstzeiten einreichen. Dies geschieht im Dezember, nachdem ich zuvor mehr als einen Monat versucht habe, das entsprechende Formular zu erhalten und von jedem bisherigen Arbeitgeber zusätzlich zum Dienstzeugnis noch eine Dienstzeitbestätigung einholen musste. Bis zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich noch nicht, was ich effektiv verdiene.

Bereits Ende Juli tritt das dritte Glied im Bildungsverbund, die Pädagogische Hochschule (PH), in mein Leben. Ich werde aufgefordert, mich bei der PH zu einem Weiterbildungskurs anzumelden. Ab diesem Zeitpunkt komme ich mir vor wie Asterix und Obelix, die versuchen, „Passagierschein A39“ zu erhalten. Denn bei welchem Kurs ich mich anmelden muss, kann mir zuerst niemand sagen. Eine Mitarbeiterin der PH teilt mir schließlich mit, dass ich innerhalb der ersten fünf Unterrichtsjahre zusätzlich zu meinem Bachelorstudium der Elektrotechnik ein acht Semester langes Bachelorstudium an der PH absolvieren muss, um nach Ablauf der Frist weiterhin an der HTL unterrichten zu dürfen. Selbst die Schulleitung ist von dieser Erfordernis überrascht, insbesondere weil das sechste Semester ein Vollzeit-Semester ist, und somit die Lehrperson der Schule fehlt. Die Ausbildung kann aber nur begonnen werden, wenn man über einen Dienstvertrag verfügt, was erst seit Mitte März auf mich zutrifft. Die Frist läuft dennoch ab dem ersten Arbeitstag – ein Faktum, welches der Bildungsdirektion bisweilen unbekannt war. Einen Negativ-Höhepunkt stellte die sogenannte „Einführungswoche“ der PH in der ersten Septemberwoche dar. Den ersten Kurs mit dem Titel „Zeitmanagement“, den ein unter Mitteilungsdefizit leidender Schrei-Yoga-Enthusiast abhält, hätte ich unter normalen Umständen bereits nach den ersten paar Minuten verlassen. Auch die weiteren Kurse glänzen nicht durch Qualität, sondern lediglich durch Zeitaufwand. Die einzige, sehr positive Ausnahme stellt eine Rechtsbelehrung dar, die von einem Abgesandten der Bildungsdirektion gehalten wird. Die Schulleitung sowie die Bildungsdirektion bemühen sich aktuell intensiv um eine Entrümpelung des PH-Curriculums, aber es bedarf mehr, um in Zukunft Personen mit entsprechender Qualifikation für den Lehrerberuf zu gewinnen. Insbesondere weil viele HTL-Lehrer in den technischen Gegenständen kurz vor der Pensionierung stehen. Neben einer Bildungsreform ist auch eine Verwaltungsreform lange überfällig, Dienstvertag und Gehalt müssen vor Dienstantritt stehen. Personen mit finanziellen Verpflichtungen kommen schwer acht Monate mit dem Gehalt eines 21-jährigen PH-Absolventen durch. Investitionen in die Schule 4.0 werden zudem darüber entscheiden, ob Österreich beim Thema Bildung nicht auf der Strecke bleibt.

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Von Daniel Mutschlechner, probelokal.com

Fröhliches Fastenbrechen Schokoladekuchen und Mokka-Crème

Zutaten:

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Weiße Mokka-Crème: • 40g Kaffeebohnen • 250g weiße Schokolade • 4 Eier • 25g Rohrzucker • 500ml Rahm • ein Schuss Kaffeelikör • 4 Blatt Gelatine • Prise Zimt

Dunkler Schokoladekuchen: • 250g Schokolade (etwa 60 % Kakaoanteil) • 250g Butter • 8 Eier • 250g Rohrzucker • 50g Mehl • 100g gemahlene Mandeln – und noch etwas Butter und Mehl für die Form

Zubereitung: Schokoladekuchen: Butter bei Zimmertemperatur weich werden lassen. Schokolade hacken und im Rührkessel über Dampf schmelzen. Eier trennen, Eigelb mit Zucker verrühren, Butter und Schokolade unterrühren, Mehl hin­einsieben und Mandeln dazu geben. Ofen auf 160° Umluft vorheizen. Fünf Eiweiße zu Schnee schlagen (restliche Eiweiße anderweitig verwenden) und vorsichtig unterheben. Eine Form (28 cm Durchmesser) ausbuttern und bemehlen, Teig einfüllen und 45 Minuten backen. Weiße Mokka-Crème: Am Vorabend Kaffeebohnen mit 200 ml Rahm aufkochen, vom Herd nehmen und eine Stunde ziehen lassen. Abseihen, Bohnen wegwerfen, Rahm über Nacht kühlstellen. Am nächsten Tag Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Eier und Zucker im Rührkessel über Dampf schaumig schlagen, beiseite stellen. Schokolade über Dampf schmelzen. Kaffeelikör erwärmen, ausgedrückte Gelatine darin auflösen und mit der Schokolade in die Zucker-Ei-Masse rühren. Kaffeerahm mit weiteren 300 ml Rahm aufschlagen und gut einrühren. Masse abdecken und kühl stellen. Kuchen und Crème anrichten, Staubzucker über den Kuchen und etwas Zimt über die Crème rieseln lassen.

Fast hätte ich sie durchgezogen, die 40 Tage Fastenzeit. Immerhin 38 davon habe ich vorsätzlich ohne Kaffee und Schokolade ausgehalten. An den restlichen beiden Tagen feilte ich an diesem Rezept. Zum Fastenbrechen darf die korrekte Alltags-Ernährung nun erst recht einmal pausieren. Ich betone das, weil das Krümelmonster offenbar auf Diät gesetzt worden ist. In den USA soll es mit Gemüse auftreten, um ein Vorbild zu sein. Ob das gut geht? Besser wäre, den Helden meiner Kindheit ihre Glaubwürdigkeit zu lassen. Dem frechen Pudding-Fan Pumuckl, der bärenstarken Pippi Langstrumpf oder dem rülpsenden Außerirdischen Alf. Kinder mit Hausverstand können diese Typen mit ihren Ecken und Kanten einordnen. Wenn nun alles politisch korrekt sein soll, pädagogisch und moralisch einwandfrei, dann wundert mich nicht, dass die Schattenseiten umso heftiger über Umwege an die Oberfläche quellen. Etwa in den Online-Foren oder bei den unerträglichen Populisten. Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit in der breiten Mitte der Gesellschaft gut. Einen Anfang macht das Genießen ohne schlechtes Gewissen. Guten Appetit!

Musiktipp: Der letzte Konzertbesuch vor der Pandemie führte mich zur Band „The National“. Deren Sänger Matt Berninger hat gerade sein erstes Solo-Album namens „Serpentine Prison“ veröffentlicht, das mich bei der ersten Tasse Kaffee seit langem begleitet. Weitere Rezeptgeschichten und Musiktipps finden Sie auf www.probelokal.com.


#59 | April 2021

Lösen Sie es in 60 Sekunden Beginnen Sie die Kopfrechnung mit der Zahl im Feld ganz links. Rechnen Sie von links nach rechts – Kästchen für Kästchen. Die Lösung im leeren Feld rechts eintragen. Jede Rechnung unabhängig von der Schwierigkeit sollte in weniger als 60 Sekunden gelöst werden. Keinen Taschenrechner verwenden! Lösung

Für Anfänger

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Für Fortgeschrittene

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Für Genies

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der Summe

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S C HAC H E C K E Die Corona-Krise und deren Maßnahmen unterbinden weiterhin „normale“ Turnierpartien. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass diese Situation noch einige Monate anhält. Neben den Absagen von Meisterschaften und Turnieren ist natürlich auch das Training in den Klubräumen stark beeinträchtigt bzw. schlichtweg unmöglich. Der Vorarlberger Nachwuchskader, unter der Leitung von Jugendreferent Christian Leitgeber, hat sich bereits vor Monaten entschlossen, das Kadertraining bis auf Weiteres online abzuhalten. In drei Trainingsgruppen werden die größten Nachwuchstalente aus Vorarlberg von der A-Trainerin Julia Novkovic sowie den beiden Internationalen Meistern Milan KafabulanKa (Türkei) coronacasero (Österreich) Lichess 2021 1

Novkovic und Henryk Dobosz nunmehr über „distance training“ in die Geheimnisse des Schachs eingeweiht. Wir bringen diesmal drei Kombinationen aus Blitzpartien, welche Jugendliche des Vorarlberger Nachwuchskaders auf Lichess gespielt haben. Die Dornbirner Nachwuchshoffnung Daniel Erwin-Casero (coronacasero) erreichte im ersten Diagramm ebenso einen Mattangriff wie der talentierte Lustenauer Uros Nisavic (Uros2003) im zweiten Diagramm. Der zweifache Österreichische Meister Benjamin Kienböck (Benkie) aus Hohenems entschied im dritten Diagramm die Partie bereits kurz nach der Eröffnung für sich.

paarth_kaushik (Indien) Uros2003 (Österreich) Lichess 2021

Wie setzt Schwarz am Zug den gegnerischen König in drei Zügen matt?

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Benkie (Österreich) chessking007007 (Schweiz) Lichess 2021

Auch hier gibt es ein Matt in drei Zügen. Wie erreicht Schwarz am Zug dieses Matt?

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Wie nützt Weiß am Zug die unsichere schwarze Königsstellung aus?

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Mittendrin in V

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Sabine Burtscher und Xavier Le Guennec backen nicht nur nachhaltige Kekse. Mit ihrer (positiv gerichteten) Wut setzen sie Ideen um, während andere noch überlegen, ob man davon leben kann. Ein Besuch in Raggal bei „Sabine + Xaver“ über französische Inspiration und Großmutters Rezepte. Text: Christina Vaccaro Fotos: Bettina Bohne

Von Keksen & anderen Liebschaften

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abine verbringt in ihrer Kindheit viel Zeit mit ihrer Großmutter, die sie mit in den Garten nimmt, mit ihr kocht und bäckt und ihr viel traditionelles Wissen mitgibt. Hinter „Sabine“ steckt Sabine Burtscher, in Raggal aufgewachsen, der Vater von Ludescherberg, die Mutter aus Stuttgart. Früh weiß sie, dass sie später einmal entweder mit der Natur oder dem Menschen arbeiten will. Nach der Matura möchte die heranwachsende Frau Biologie studieren, doch das Studium ist ihr zu technisch-theoretisch. „Ich habe mich mehr als Forscherin im Urwald gesehen und hatte so Ideen im Kopf “, erinnert sich Sabine Burtscher und lacht dabei. In Salzburg lernt sie dann die Ergotherapie kennen und lieben. Sie absolviert eine Ausbildung in Oberösterreich, kehrt anschließend zurück nach Vorarlberg und arbeitet 20 Jahre lang hauptberuflich als Ergotherapeutin sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern. Nebenberuflich macht sie die Ausbildung zur Yogalehrerin und beginnt zu unterrichten. Dem nicht genug, kommt später noch eine Kräuterpädagogik-Ausbildung dazu, „weil das meine Leidenschaft ist und ich nach wie vor noch mehr wissen möchte“. 1200 Kilometer entfernt führt Xaver „ein ganz normales Leben“ in der kleinen Küstenstadt Saint-Brieuc in der Bretagne. „Xaver“ heißt eigentlich Xavier Le Guennec, ist ein Vielgereister und gleichzeitig noch immer leidenschaftilcher Bretone. Dennoch verschlägt es den jungen Xavier nach dem Gymnasium in den Süden Frankreichs nach Toulouse, wo er Mathematik und Statistik studiert, später auch ein wenig Betriebswirtschaftslehre. Für den Einstieg ins Berufsleben zieht er in die Landeshauptstadt, denn „Wie jeder Mensch in der Bretagne muss man irgendwo beginnen, und zwar in Paris, dem Zentrum der Welt.“ Xavier Le Guennec sagt das mit leicht ironischem Unterton; Paris hat ihn nie angezogen. Er beginnt bei Ford, obwohl er „wirklich keine Leidenschaft für Autos“ hat. Es ist eine gute Gelegenheit, Dinge über Produktionsprozesse zu lernen, doch nach einem Jahr braucht er eine Pause und geht auf Reisen. Was danach passiert, im Schnelldurchlauf erzählt: Xavier Le Guennec möchte unbedingt Produkte aus der Bretagne fördern, denn „durch ein Produkt kann man auch eine Kultur verbreiten“. Er fragt sich, wieso die Iren so gut ihre Pro-


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„ Ich glaube, die Veränderung muss von privaten Initiativen kommen.“

Xavier Le Guennec

dukte am europäischen Markt verbreiten, und gründet eine eigene Firma in Irland, wo er beginnt, bretonische Produkte zu verkaufen. Es läuft gut, doch einer seiner wichtigsten Lieferanten lässt ihn im Stich. Le Guennec gibt sein Unternehmen auf, arbeitet zunächst in London im Headquarter bei Kraft Foods, später in Zürich. Absolviert noch einen Master of Business Administration.

Walsertal trifft Bretagne

Der unerwartete Kreuzungspunkt zweier sehr unterschiedlicher Leben – und die Wende für beide – war ein großes Geburtstagsfest in Brand. Dort lernten sich Sabine Burtscher und Xavier Le Guennec kennen. Zu einer Zeit als die langjährig als Ergotherapeutin tätige Sabine mit dem Gedanken spielt, sich als Yogalehrerin selbstständig zu machen und der seit zehn Jahren beim Kraft Food Konzern beschäftigte Xavier eine Veränder­ung sucht. „Sabine hat viel über Yoga und einen anderen Aspekt des Lebens gesprochen. Für mich war das wirklich Chinesisch – etwas Neues, Interessantes, eine neue Perspektive“, erinnert sich Le Guennec. „Es war interessant und spannend. Ich bin jemand, der offen ist für Neues, gerne dazu gelernt. Wir haben uns überlegt: Was könnte man Tolles machen in Vorarlberg? Wir haben Butter, Eier, Milch, Mehl – da war es naheliegend, dass wir Kekse machen“, erinnert sich Burtscher. Ihr Lebensgefährte ergänzt: „Lebensmittel sind nicht nur etwas zu essen und zu genießen. Es gibt eine Philosophie, eine Botschaft zu teilen. Das war die Idee. Mittlerweile hat Le Guennec die Ausbildung zum

Patissier in Frankreich absolviert. 2016 starten die beiden Schritt für Schritt, trotz anfänglicher Schwierigkeiten. Sabine Burtscher erzählt offen: „Manchmal hatte ich Zweifel und meine Familie hatte viele Zweifel. Es waren Widerstände da – was wollen wir da Verrücktes machen? Viele Fragezeichen. Gerade im Walsertal, wo es vor allem Käse gibt und es quasi nichts anderes geben kann.“ Xavier Le Guennec fügt hinzu: „Ich komme von Außen, da waren die Leute sozusagen neugierig, was ich machen möchte. Sie konnten nicht wirklich verstehen, warum ich hier bin. Wir haben aber auch Leute kennengelernt, die uns unterstützt haben. Leo Simma, beispielsweise. Wir konnten unsere Kekse bei ihm verkaufen und er hat auch Energie ins Projekt eingebracht.“ Ursprünglich wollen sie mehr Partnerschaften im Tal, finden jedoch nur schwierig die richtigen Kontakte. Dennoch merken die beiden Mutigen: Ihre Kekse kommen an, die Leute mögen sie. Die Entscheidung fällt, es zu wagen und von der Produktion bis zum Verkauf alles selbst in die Hand zu nehmen. Bald wird Raggal zu klein und es zieht sie in den Bregenzerwald, doch nicht lange. Das ehemalige Sportgeschäft von Sabines Mutter im Dorfzentrum soll aufgegeben werden. Das Thema steht im Raum, zu Weihnachten steht fest: Es soll zur Produktionsstätte und zum Laden der Bio Gourmet Manufaktur Sabine + Xaver werden. Anfang März 2020 wird die Holzdecke herausgenommen, am 9. März kommt der erste Lockdown. Während der Umbauten lernt Sabine Burtscher in Graz Konditorei (Quereinstiegerlehrgang) und absolviert die Prüfung erfolgreich. >>

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Mittendrin in V Von Mut und Wut

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„Wir dachten: Oh je, was kommt hier auf uns zu? Keine Gäste und Touristen, die bei uns einkaufen. Vielleicht hätten wir das Projekt nicht in die Hand genommen, wenn wir das gewusst hätten“, beschreibt Sabine Burtscher den kritischen Moment. Von über 20 geplanten Besuchen bei Themenmärkten kann lediglich einer stattfinden. Im Direktverkauf läuft wenig, dafür werden online Kekse bestellt – in ganz Österreich und darüber hinaus in München, Düsseldorf, Wangen und Wiesbaden in Deutschland. Vielleicht sei es naiv, doch wo er herkomme, würde man nicht fragen, ob man von so etwas leben kann, sagt Xavier Le Guennec. Man würde sagen: Es ist toll, mach es. Probier es! Für Veränderung brauche man viel Wut, so der Bretone. Wut sei eine negative oder positive Energie, die – wenn sie gut kanalisiert ist – eine gute Energie zur Veränderung wird. „Die Leute sprechen ständig über Veränderung, doch die Veränderung ist nicht sichtbar. Wir wollten sofort etwas tun und nicht zuwarten. Die Zeit läuft. Der Klimawandel passiert. Unser Motto ist: Yes we do!“ Heute werden in der 900-Seelen-Gemeinde am Taleingang des Großen Walsertals Bio-Kekse und Bio-Berg­ käsesnacks gebacken. Mit Butter, Dinkel, Eier, Milch und Käse aus Vorarlberg. Auch die Verpackungen stammen aus dem Ländle, die Logistik darauf bedacht, Kilometer zu sparen, das Hygienemanagment darauf, den Wasserverbrauch zu minimieren. Noch sind Sabine + Xaver zu zweit, doch es ist geplant, zu erweitern. Neben ihrer Keks-Produktion engagiert sich inbesondere Sabine für Biodiversität im Dorf und hat ein Blumenwiesen-Projekt in Raggal initiiert. Es gibt eine Kunstausstellung im Keksladen über Schmetterlinge und in Zusammenarbeit mit der inatura ist ein Vortrag geplant. Mit Schulgruppen ist eine Revitalisierung von Gemeindewiesenstücken, die „Insekten-paradiesisch“ werden sollen für Mai vorgemerkt. Die Stimmen der Zweifler und Kritiker verstummen. Der Mut hat sich gelohnt.

28. Mai, 18 Uhr im Laden der Bio-Keks Manufaktur: Vortrag über Schmetterlinge von der inatura sowie Illustrationsworkshop Schmetterlinge für Jugendliche mit Bettina Bohne. sabineundxaver-gourmet-manufaktur. com/ausstelung-2/

Endlich Frühling in der Luft Fenster auf! ein süßer Duft strömt rein ins Zimmer Freiheit wird erhofft doch wieder spricht das C uns an es fragt, WO und WAS man kaufen kann Viele Läden sind geschlossen andere Geschäfte lassen zeitweise offen Leere Räume klagen an wer hat uns das angetan? Voraussichtlich wird's nicht besser reichen müssen Löffel, Gabel, Messer sparen, verzichten, einteilen, rationieren niemand soll sich jetzt operieren wenn man sich der Situation anpasst und Altes neu erfindet und erfasst verwertet und verwendet Bastler unterstützt und Kleidung ändert Ähnliches war schon mal da auch diesmal sagen wir dazu „Ja!“ Man hilft einander wo's nur geht und freut sich, wenn was Neues entsteht. Margot Menardi, marie-Leserin (78 Jahre, aus Bregenz)


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Mittendrin in V

Von Menschen und Text: Hans Platzgumer, Illustration: AdobeStock

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as wurde in letzter Zeit nicht überall der Kopf geschüttelt über Tirol und mit dem Finger gezeigt auf die Tiroler. Selbst reflektierte Zeitgenossen hatten den Buhmann schnell ausgemacht, zu griffig war das Bild. Zuerst Ischgl, dann Jochberg, dann das südafrikanische Zillertal. Es passte so wunderbar zusammen. Doch auch wenn die Versuchung nahelag und -liegt, auf dieses sich selbst zu Fall bringende Landl einzudreschen, es sollte nicht vergessen werden, dass man niemals gut damit beraten ist, einseitig Schuld zuzuweisen. Die Pandemie beweist seit einem Jahr mit erschreckender Hartnäckigkeit, dass nichts eindeutig, nichts bloß Schwarz und Weiß ist, sondern alles mit allem zusammenhängt und in unzähligen Graustufen verläuft. Unser pandemisches Wissen in jeder Corona-Phase ist lückenhaft, und jeder, der behauptet, die Wahrheit zu kennen, spricht damit Unwahrheit aus. Das Virus ist zu komplex, es agiert mit tausenden Geheimnissen und attackiert die Menschheit aus dem Hinterhalt. Es ist uns immer einen Schritt voraus, und diesen Schritt holen wir nicht auf, indem wir behaupten, die Schuldigen ausgemacht zu haben und sie wegsperren. Ausgrenzung ist kontraproduktiv. Das Grenzenziehen ist eine nationalistische, populistische Maßnahme, die wie jeder Populismus auf dem Prinzip der Vereinfachung beruht. Ausgrenzung mag in Zeiten großer

Ratlosigkeit die schnellste Antwort auf heikle Fragen sein. Doch sie hat, wie jeder Inklusionsforscher weiß, noch nie ein Problem gelöst und befeuert höchstens das Selbstverständnis innerhalb der ausgegrenzten Gruppe – im Tiroler Fall den Lokalpatriotismus jener Häuptlinge,

die sich „an den Pranger gestellt“ fühlten. Diese Herren sollte man, anstatt sie in ihrem Reich einzusperren, besser zur Fortbildung nach Schweden schicken, wo ihnen Greta Thunberg die Zusammenhänge zwischen Skitourismus, SUVs und dem Klimakollaps, zwischen Bodenversiegelung und dem Arten­ sterben erklärt.


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koanen Menschen Zugegeben, ein des Hochdeutschen nicht mächtiger Sturschädel wie der Tiroler Landeshauptmann bietet eine herrliche Projektionsfläche. Seine öffentlichen Auftritte zeigen ein ums andere Mal, dass es ihm in erster Linie darum geht, die eigenen Leitln zu protegieren. In Tirol ist der Lobbyismus der Tourismusbranche so tief verwurzelt, dass nicht mehr unterschieden werden kann zwischen dem Tirol, das es als bergiges Land mit einer dreiviertel Million Einwohnern wirklich gibt, und jenem Tirol, das als Hochglanzmarke nach außen hin bislang so erfolgreich vermarktet wurde. Tirol hat sich so konsequent dem Massentourismus unterworfen, dass es zur Disney-Version seiner selbst verkommen ist. Das Zillertal, kürzlich Epizentrum des Mutationsgebiets, ist ein durch und durch ausgeschlachteter Ort, dessen Berge nichts als Kulisse, Dörfer Folklore und Einwohner Darsteller geworden sind. Das ist genau das Setting, in dem sich Corona am wohlsten fühlt, es ist kalt, eng und geil. Die Schuldzuweisungen müssen sich jene in diese massentouristischen Strukturen verstrickten Tiroler durchaus gefallen lassen, vor allem die, die behaupten, „alles richtig gemacht“ zu haben. Und doch sind nicht nur sie daran schuld, dass es ein Ischgl gibt und ein neues Ischgl und in absehbarer Zeit mit Sicherheit ein weiteres Ischgl geben wird. Denn Massentourismus und skrupelloser Raubbau an der Natur sind nicht nur Sache jener, die die Infrastruktur bereitstellen. Ebenso macht sich jeder Reiseanbieter und jeder Tourist schuldig, der sie annimmt. 25 Millionen Deutsche nächtigen

pro Jahr in Tirol. Einige von ihnen fühlten sich zuletzt von den heuchelnden Hoteliers und Liftbetreibern nicht ausreichend virologisch geschützt. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie sich im Jahr darauf den Urlaub in der vermeintlichen Idylle wieder nicht entgehen lassen werden. Leider sind nicht nur die Tiroler lernresistent, sondern alle anderen auch. Die Tiroler sind ein besonderer Fall, ich weiß es, ich bin ja selber einer, aber Schuld an der Pandemie tragen nicht nur sie, das tun wir alle. Zugunsten des Leseflusses wurde in diesem Text auf Gender-gerechte Bezeichnungen verzichtet. Dies bedeutet keine Diskriminierung. Alle erwähnten Buhmänner sind ebenso Buhfrauen. Zum überwiegenden Teil aber sind die genannten Akteure ohnehin männlichen Geschlechts.

Buchtipp „Hans Platzgumer ist ein Meister darin, Extremsituationen fühlbar zu machen“ (Profil). Der Autor von „Am Rand“ fragt in seinem neuen Roman: Ist am Ende nur schuld, wer sich schuldig fühlt? Eine Kreuzung in Innsbruck. Ein Unfall mitten in der Nacht. Ein Fußgänger ist tot. Was ist passiert? Und wer ist schuld? Andreas Bogner, der die Schusswaffe seines Schwiegervaters eigentlich nur zeichnen wollte? Nicole Pammer, die an diesem Abend ausnahmsweise ein Glas zu viel getrunken hat? Ihre Mutter, die ohne Zögern alle Spuren verwischt? Oder gar der Kunstkritiker Kurt Niederer selbst, der schließlich immer schon sehr genau gewusst hat, wie man anderen das Leben zur Hölle macht? Geschickt webt Hans Platzgumer in seinem neuen Roman ein Netz aus Eitelkeiten und Unzulänglichkeiten. Ist am Ende nur schuld, wer sich schuldig fühlt? Hans Platzgumer Bogners Abgang Paul Zsolnay Verlag 144 Seiten, 20 Euro ISBN: 978-3552072046

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Mittendrin in V klare berechnung, gute freunde dumm und dämlich gelaufen und sich abgemüht hoffend auf sicherheit und zukunft in freundesland lehrabschluss und job zum greifen nah auch der asylrichter bescheinigt respektgebietende tüchtigkeit, resilienz und integrationsfähigket kurz um geradezu ideale voraussetzungen um fuß zu fassen von neuem im zugegeben nicht ganz einfachen herkunftsland dumm gelaufen wie gesagt

Großes Sparpotential liegt oft im Kleinen — Ein Heizlüfter zum Preis von zehn Euro, der alte Kühlschrank vom Nachbarn – geschenkt. Was auf den ersten Blick vielleicht günstig erscheint, kann spätestens nach Erhalt der Stromrechnung zur „bösen“ Überraschung werden. Der kostenlose Energiesparcheck der Caritas hilft einkommensschwachen Haushalten dabei, Energie effizienter einzusetzen und somit Geld zu sparen.

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Nicht alle Menschen haben auf Grund ihrer Einkommenssituation die Möglichkeit, energiesparendere Waschmaschinen oder Kühlschränke zu kaufen. „Ausgaben für Strom, Heizung und Wasser sind oft ein großer Ausgabeposten im Haushalts-budget. Steigende Kosten bringen viele Familien in Vorarlberg finanziell an ihre Belastungsgrenze“, weiß Projektkoordinatorin Andrea Wüstner.

Lebensqualität verbessern Der kostenlose Energiesparcheck, den die Caritas Vorarlberg gemeinsam mit den Kooperationspartnern Illwerke/VKW seit Jahren anbietet, hilft den Stromverbrauch zu senken und bares Geld zu sparen. Freiwillige Energieberater, die für diese Aufgabe speziell geschult wurden, beraten direkt vor Ort und bringen kostenlose Energiesparartikel, sowie hilfreiche Tipps und Tricks rund um das Thema Energie sparen mit. „2020 wurden 117 Haushalte energietechnisch beraten. Insgesamt haben wir 726 Energiesparartikel im Zuge der 242 Energieberatungen an unsere KlientInnen kostenlos weitergegeben“, so Andrea Wüstner weiter. „Wir unterstützen Haushalte bei Bedarf mit einem Paket Energiesparartikel von LED-Lampen bis hin zu wassersparenden Duschköpfen. So kann das Haushaltsbudget entlastet und die Lebensqualität erhöht werden“, so die Caritasmitarbeiterin weiter. „Für uns ist es wichtig, dass unser Angebot der kostenlosen Energiesparchecks einkommensschwache Haushalte erreicht. Und wir möchten mit diesem Angebot eine nachhaltigere Verhaltensveränderung bewirken.“ Anmeldung und Informationen unter: Energiesparcheck Vorarlberg Andrea Wüstner T: 0676 884 205 727, E: energiesparcheck@caritas.at Download: Gutschein kostenloser Energiesparcheck: www.caritas-vorarlberg.at/energiesparcheck

Josef Thaler aus Wolfurt marie-Leser und pensionierter AHS-Lehrer für Deutsch und Psychologie/Philosophie. Unterstützt seit 2015 Geflüchtete beim Spracherwerb und Fußfassen in unserer Gesellschaft. LÖSUNGEN Schachecke 1 1...Sd3+!? [Auch die Partiefortsetzung 1...Sf3+ führt zum Matt. Allerdings benötigt Schwarz einige Züge mehr: 2.Kf1 Lh3+ 3.Tg2 Lxg2+ (Ein noch schnelleres Matt erreicht der Nachziehende mit 3...Sxh2+!? 4.Ke1 Dxg2 5.d4 (5.Sf4 Df1#) 5...Sf3#.) 4.Kxg2 Sh4+ 5.Kf1 (5.Kh3 Dg2+ 6.Kxh4 Dxh2+ 7.Kg5 Lh6# oder 7...Dh6#) 5...Dg2+ 6.Ke1 Sf3# Mit einem schönen Matt beendet Schwarz die Partie.] 2.Kf1 Lh3+ 3.Tg2 Dxg2# 2 1...Sf3+!? Der schnellste Weg, um den gegnerischen König matt zu setzen. 2.Kh1 Der einzige Zug, da sowohl der weiße Turm auf g3 als auch der weiße Bauer g2 gefesselt sind. 2...Dxg3 Die Mattdrohung 3...Dh2# kann nicht abgewehrt werden. In der Partie folgte noch: 3.Lg4 [3.gxf3 Dh2#] 3...Dh2# 3 1.exf6 Da5 [Nach 1...gxf6 2.Lh4 Lb4 (Auch nach 2...Le7 3.Se4 hat Weiß eine Mehrfigur.) 3.a3 La5 4.b4 gewinnt Weiß eine Figur.; In der Partie gab Schwarz nach 1...dxc3? 2.Dxd8+ Kxd8 3.fxg7+ bereits auf, da sich Weiß im nächsten Zug mit 4.gxh8D eine neue Dame holt.] 2.Dxd4 [Der Computerzug 2.Lb5! gewinnt ebenfalls, allerdings sind die daraus entstehenden Varianten ziemlich kompliziert und „unmenschlich“ ...] 2...Dxg5 3.Sb5! Nun wird es für den schwarzen König ungemütlich. 3...cxb5 [3...Dxf6 4.Sc7+ Ke7 5.Dxf6+ Kxf6 6.Sxa8 ist für Schwarz materiell völlig hoffnungslos.] 4.Td1! Die Drohungen 4.Dd8# und 4.Lxb5+ können von Schwarz nicht gleichzeitig pariert werden. 4...Le7 [4... Dd5 5.Lxb5+! mit weißer Gewinnstellung, da 5...Dxb5 an 6.Dd8# scheitert.] 5.fxe7 Dxe7 6.Lxb5+ Danach kann Schwarz großen Materialverlust nicht mehr vermeiden. 6...Kf8 [6...Ld7 7.Lxd7+ ist genauso hoffnungslos.] 7.Dd8+ Dxd8 8.Txd8+ und der schwarze Turm auf h8 geht verloren. Rechenrätsel Für Anfänger = 48, Für Fortgeschrittene = 29, Für Genies = 54 Sudoku 4

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Die Firma blum unterstützt die Berichterstattung über privat initiierte, gemeinnützige Projekte in Vorarlberg.


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Pandemie (Vorher schon) Vorher schon die Besuchsangst (aktiv und passiv), die Mühsal des Schenkens und Gästebeschwer Auch vorher hat das Lächeln schon gekostet, und niemand verstand dich Lang vorher die langweiligen Nachrichten, die dir abgehen Tag für Tag Vorher schon die Allwissenheit der Kommentare ein Grauen, zum Fürchten die Sicherheit der Foren und Leserbriefseiten

Einfach Stehpult und Hocker sind bei KLEIDHEIT in Hohenems zu Besuch.

und lang vorher schon stützten einander die Lügen im Panzer der schamlosen Frechheit, in ihren Karosserien, und Verschieben, Verdrängen, Vergessen mit Masken und ohne schauten ihnen vom Straßenrand zu Aufgegeben und vergeben, gegeben vergeblich vorher schon die Mühen der Meister und Lehrer (und Lehrerinnen und Meisterinnen), vorher schon die Tröstungen des Glaubens in ihrer Hilflosigkeit, die ihre Stärke ist

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Willibald Feinig

Zum Autor Geboren 1951 in Feldkirchen. Willibald Feinig studierte germanische und romanische Philologie in Wien und an der katholischen Theologie in Salzburg. Er unterrichtete am Gymnasium Schoren und arbeitet als Übersetzer, Redakteur, Herausgeber und Kritiker. Sein Schwerpunkt im Bereich der eigenen Veröffentlichungen sind Erzählungen. Er führte auch eine Art lyrisches Tagebuch. Heute lebt Feinig in Altach. Der neue Prosaband von Willibald Feinig heißt „Der Vorübergang“ und ist erschienen im Verlag der Provinz. ISBN 9 78 3 99126 011 0. Gestaltet von Laurenz Feinig. Lesungen: Freitag, 9. April, 19.30 Uhr im Bildungshaus Batschuns, Meditation nach Ostern Sonntag, 18. April, 11 Uhr in der Holzwerkstatt Faißt in Hittisau, Matinee (Lesung mit Musik)

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Mittendrin in V

Ohne Stigmatisierung Ein Ort, an dem keine Fragen gestellt werden, keine Verurteilungen und Diskriminierungen stattfinden, der geschützt ist und der für Suchterkrankte ein Zufluchtsort mit Respekt ist. Das und noch mehr war die Vision dreier Menschen, die vor 30 Jahren den Verein „do it yourself “ in Bludenz gründeten. Ehrenamtlich, mit viel Enthusiasmus und Herzblut. Das hat bis heute Bestand. Die Anzahl der Suchtkranken aber leider auch. 24 |

Text: Christine Mennel, Fotos: do it yourself

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uerst waren es zwei, dann fünf, dann sieben. Heute kommen im Durchschnitt 20 bis 30 Menschen mit einer Suchterkrankung in die Kontakt- und Anlaufstelle „do it yourself “ am Kasernplatz in Bludenz. Sie kommen zum Essen, um Wäsche zu waschen, ein bisschen Normalität zu erleben und auch Unterstützung zu erfahren. Oberste Priorität war den Gründungsmitgliedern der niederschwellige Zugang zur Institution. Denn einer der Initiatoren war selbst Betroffener: Albert Schallert, 1996 verstorben, stammte aus einer bekannten Unternehmerfamilie aus dem Raum Bludenz. Durch einen Verkehrsunfall verlor er seine Frau und wurde mit einem tragischen Schlag alleinerziehender Vater zweier Kleinkinder. Zuviel für ihn. Er rutschte ab in die Drogenszene, begab sich aber in Therapie. Die dortigen strengen Regeln verboten es, dass Schallert seine Kinder an Weihnachten sehen konnte. Es kam zu herzzerreißenden Szenen: Albert Schallert brach die Therapie ab. Sein damaliger Betreuer, Elmar Sturm – Mitbegründer des Vereins und heute Sozialarbeiter in der Maria Ebene – erinnert sich noch gut daran, denn Albert Schallert war sein Klient. „Wir haben Albert unterstützt. Er war sehr motiviert, abstinent zu bleiben, und für ihn war klar, dass etwas passieren musste.“ Betroffene sollten einfach und ohne Stigmatisierung Hilfe erhalten. „Im Februar 1991 organisierten wir als Initiativgruppe eine Diskussionsveranstaltung zum Thema „Drogenhochburg Bludenz – Das Café im Kapuzinerkloster Bludenz Was bringt die Zukunft?“, erinnert sich Elmar Sturm, der 16 Jahre lang Obmann des Vereins war. Berichte über Probleme mit den Drogenszenen im Land und über junge Drogentote waren zu der Zeit ein Dauerthema in den Medien. 1991 starben an nur einem Wochenende vier Süchtige. Während der Veranstaltung, zu der über 130 Menschen kamen, „outete“ sich Albert Schallert mit seiner Suchtgeschichte. Er schilderte eindrücklich, dass Vorurteile abgebaut werden müssen und dringend Hilfe und Aufklärung nötig sind. Sturm: „Etwa 40 Personen haben sich anschließend gemeldet, um beim Verein aktiv mitzuwirken. Ende April 1991 konnten wir ihn offiziell gründen. Albert Schallert war der erste Obmann und Motor für eine tolle Entwicklung.“

Enorme Vorurteile

Nur wenige Monate später bezog der Verein „do it yourself “, der heute überwiegend vom Vorarlberger Sozialfonds und den Gemeinden des Bezirkes Bludenz finanziert wird, kostenlos im Kapuzinerkloster in Bludenz seine Räumlichkeiten. In Eigeninitiati-


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„Mir war es immer wichtig, dass unser Bestreben dahingehen soll, dass die Betroffenen von der Sucht wegkommen, sie optimale Behandlungen und Therapieplätze erhalten.“ Dr. Ingo Broeg ve schuf das Team aus einer Rumpelkammer einen adäquaten Bereich mit gebrauchten Möbeln und startete unter anderem mit einer regelmäßigen Selbsthilfe-Montagsgruppe. Mit immer wieder neuen Veranstaltungen versuchte man Menschen aus medizinischen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen für das Thema zu sensibilisieren. „Die Drogenhilfe hatte früher noch einen viel höherschwelligeren Zugang mit einem großen Erfolgsdruck für die Betroffenen. Es gab kein Spritzenaustauschprogramm. Manche haben ihre Spritzen und Nadeln im Kochtopf nur unzureichend ausgekocht. Viele sind aufgrund von Überdosierungen und an den Folgen einer Hepatitis C- oder HIV-Infektion gestorben“, erinnert sich Sturm. „Nach unserer Veranstaltung war eine tolle Aufbruchstimmung zu spüren, aber die Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber „Junkies“ und die Unwissenheit über deren Lebenssituation waren enorm. Uns war und ist immer noch wichtig, zur Selbsthilfe zu motivieren, Freiräume und Betätigungsfelder für Abhängige und Ex-Abhängige zu schaffen, in denen die Menschen ihren Selbstwert stärken und positive Erfahrungen machen können.“ Betroffene und ehemals Abhängige in die Vereinstätigkeiten einzubinden ist daher ein wichtiges Prinzip des Vereins. „Die Struktur ist bedeutend“, pflichtet Dr. Ingo Broeg bei. Er ist Psychologe, Gründungsmitglied und war von 2009 bis 2019 Obmann-Stellvertreter des Vereins. Für ihn standen und stehen aber noch andere Ziele im Vordergrund. „Mir war es immer wichtig, dass unser Bestreben dahingehen soll, dass die Betroffenen von der Sucht wegkommen, sie optimale Behandlungen und Therapieplätze erhalten.“ Es ist ein teuflisches Gift, das vom Mensch Besitz nimmt. Die Rezeptoren vermehren sich und schreien immer heftiger nach der Droge – kaum jemand hat dagegen eine Chance. Deshalb hat der Psychologe vieles versucht: „Meine Grundmotivation war, mit etwas unkonventionelleren Ausstiegshilfen zu experimentieren. Alternative Methoden haben mich interessiert und wir haben Geräte verwendet wie den ‚Samadhitank‘.“ Dabei handelt es sich um ein Gerät, ähnlich einer eiförmigen Badewanne, in die sich Klienten legten. In die Lösung wurden neuroakustische Signale, Farbtöne, Düfte oder Musiktöne eingespielt. Es wurde beobachtet, wie die Signale auf das Gehirn wirken. Mittels Neurofeedback war man bestrebt, die beiden Gehirnhälften wieder zu verbinden. Angewendet wurde auch die CES-Methode (Craniale Elektro Stimulation): Hinter den Ohren werden minimalste Stromstöße durch das Gehirn geleitet, was den Entzug erleichtern solle. „Die Rezeptoren schreien dann weniger“, sagt Broeg, „wir sind damit recht erfolgreich gewesen.“ Erfolgreich war auch das Sommerprojekt auf der Nonnenalp des Klosters St. Peter oberhalb von Bürs. Die Suchtkranken konnten sich in der Natur inmitten des Rätikongebirges erholen. Mehr Kreativität, Experimentierfreudigkeit und Mut wünscht sich der Psychologe von medizinischer und politischer Seite: „Dann hätten wir vielleicht statt einer zweiprozentigen Erfolgsquote, eine zehnprozentige.“ In den letzten 30 Jahren sind hunderte Drogentote in Vorarlberg zu beklagen. Aber es wurden auch viele gerettet. Auch Andernorts hat sich einiges gegenüber früher verändert. Denkt man an die Drogenszene am Züricher Platzspitz in den 80ern, die sich dann zum Bahnhof Letten verschob – in den Medien als „Drogenhölle“ angeklagt. Ein totales Elend aus Schlamm, Dreck und Ratten, die Menschen eingesperrt von der Polizei. Nach öffentlichem Druck sind auch dort andere Hilfsstrukturen entstanden. Nach 30 Jahren ist „do it yourself “ ein richtiger Mitgliederverein geblieben mit Betroffenen und Ehrenamtlichen, aus dem viele Initiativen gestartet wurden und werden. >>

Karin Pfister

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Elmar Sturm

† Albert Schallert


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Impressum

Veränderter Schwarzmarkt

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„Die Zielgruppen der Kontakt- und Anlaufstelle haben sich im Laufe der Jahre erweitert“, erklärt Karin Pfister. Sie ist seit 2019 Obfrau des Vereins. „Zunächst waren fast nur drogenkonsumierende Menschen – nicht zuletzt aufgrund des damaligen akuten Bedarfs – Adressat*innen der Angebote der Einrichtung. Mittlerweile werden die Angebote auch von anderen Menschen in unterschiedlichsten prekären Situationen genutzt.“ Suchtkranke Menschen ohne fixe Wohnung haben die Möglichkeit, mit Hilfe der Sozialarbeitenden, eine Post- bzw. Meldeadresse zu nutzen. Der Bedarf ist steigend und macht die prekäre Situation am Wohnungsmarkt im Land sichtbar. 2016 waren es 105 Menschen; 2019 bereits 136. Steigende Mietpreise verhindern sicheres Wohnen, die Voraussetzungen für einen Zugang zu gemeinnützigem Wohnbau sind schwer zu erreichen. Momentan beschäftigt den Verein besonders die Veränderung am Schwarzmarkt. So verbreiten sich etwa speziell synthetische Cannabinoide, hochdosierte Ecstasy-Tabletten und die „Neuen-Psychoaktiven-Substanzen“. Aus diesen Entwicklungen ergeben sich neue Anforderungen und eine erweiterte Angebotspalette in der Suchthilfe. Karin Pfister: „Die Abgabe von Naloxon, eines Opioidantagonisten und eine Erste-Hilfe-Maßnahme bei Opioidüberdosierung, soll das Harm-Reduction-Angebot um eine Maßnahme erweitern. Zusätzlich wäre eine Erweiterung hin zum Angebot des Drug Checking eine gesundheitsfördernde sowie den aktuellen Entwicklungen entsprechende Maßnahme.“ Multiplikator*innen/Expert*innen der Suchthilfe fordern schon seit längerem Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dieses Angebot umzusetzen. Die Zahlen mögen niederschmetternd sein – nämlich seit Jahrzehnten gleichbleibend. Jeder Gescheiterte ist ein trauriges Ergebnis mehr in der Statistik, jeder Einzelne einer zuviel. „Man darf nicht zu hohe Erwartungen haben und sich nur an Zahlen orientieren“, sagt Ingo Broeg. „Jeder, der gerettet wird, zählt.“ Und das Schönste ist, wenn jene Menschen zu Besuch in den Kasernplatz kommen, die es geschafft haben. Die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, vielleicht sogar Familie haben. Für nur einen Einzigen lohnen sich dann 30 Jahre Ehrenamt. Der Spritzentausch ist in den letzten 5 Jahren exponentiell

2018 steigt die Zahl der Spritzenausgaben stark, von damals noch 57.536 ausgegebenen Spritzen ist die Zahl im Jahre 2020 auf 76.281 Spritzen gestiegen. Die Rücklaufquote – darunter wird die Rückgabe gestiegen. Vor allem seit dem Jahr

der benutzten Spritzen verstanden – liegt konstant bei

über 98%.

Auch die Anzahl der Besucher*innen der Anlaufstelle steigt stetig seit 2016. Lediglich im Jahr 2020 ist die Besucher*innenzahl gesunken, dies hängt mit der Corona-Pandemie bedingten Schließung des Kontaktcafés zusammen. Waren es im Jahre

2016 noch 7.243

Kontakte in der Anlaufstelle, so waren es im Jahre 2019 8.708. Dieses Jahr wurden bereits 11.626 Spritzen ausgegeben und es fanden 452 Kontakte statt.

Grundlegende Richtung Die Straßenzeitung marie versteht sich als Sprachrohr für die Anliegen von Randgruppen unserer Gesellschaft. marie ist ein Angebot zur Selbsthilfe für Menschen an oder unter der Armutsgrenze, die ihren Lebensmittelpunkt in Vorarlberg haben. Ziel ist die Förderung des Miteinanders von Menschen am Rande der Gesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Die Hälfte des Verkaufspreises von 2,80 Euro verbleibt den Verkäufern. marie ist ein parteiunabhängiges, soziales und nicht auf Gewinn ausgerichtetes Projekt. Redaktion marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-Maximilian-Straße 18, 6845 Hohenems, Telefon: 0677 61538640, eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at, Internet: www.marie-strassenzeitung.at Redaktion: Frank Andres, Christina Vaccaro MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: Daniela Egger, Daniel Furxer, Simone Fürnschuß-Hofer, Guntram Gärtner, Christine Mennel, Daniel Mutschlechner, Hans Platzgumer, Brigitta Soraperra, Gerhard Thoma Zeitungsausgabestellen: Dornbirn: Kaplan Bonetti Sozialwerke, Kaplan-Bonetti-Straße 1, Montag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 9 Uhr Bregenz: dowas, Sandgrubenweg 4, Montag und Donnerstag 8.30 bis 10.30 h Feldkirch: Caritas-Café, Wohlwendstraße 1, Montag bis Freitag 8.30 bis 14 h Bludenz: do it yourself, Kasernplatz 5-7/3b, Montag und Mittwoch 14 bis 16 Uhr Anzeigen Kontakt: anzeigen@marie-strassenzeitung.at Medieninhaber und Herausgeber Verein zur Förderung einer Straßenzeitung in Vorarlberg, ZVR-Zahl 359044778 6833 Klaus, eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at Externe Beiräte DSA Markus Hämmerle, DSA Heidi Lorenzi, Cornelia Matt, Mag. Peter Mayerhofer, Dr. Claudio Tedeschi Druck: Russmedia Verlag GmbH, Schwarzach Auflage: 15.000 Exemplare, Erscheinungsweise monatlich Layout/DTP/Bildbearbeitung :TAGWERK Grafik|Design Monika Dür Bankverbindung & Spendenkonto Raiffeisenbank im Rheintal, IBAN: AT94 3742 0000 0648 3580, BIC: RVVGAT2B420 © 2021 marie. Alle Rechte vorbehalten.

Die nächste marie erscheint am 30. April.


#59 | April 2021

© Victor Marin

WIE GEHT ES EIGENTLICH DER KUNST U ND KULTUR? Eine Bestandsaufnahme von Brigitta Soraperra

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in winziger Virus und eine zunehmend nicht nachvollziehbare Krisenpolitik haben die „Kulturnation Österreich“ seit einem Jahr lahmgelegt und womöglich dauerhaft beschädigt. Ein Kanzler, der Kulturbegeisterte und Kulturschaffende als „Kulturverliebte“ bezeichnet, dies aber keineswegs positiv meint, entscheidet mit seinem Regierungskabinett, dass Kunst und Kultur nicht „systemrelevant“ sind. Gleichzeitig gibt es Studien, die besagen, dass Menschen, die regelmäßig kulturelle Veranstaltungen besuchen, geistig gesünder bleiben und länger leben1. Diese Regierung schafft es dann auch, im Jahr 2020 erst nach vielen Wochen des kulturell ignoranten Krisenmanagements und mithilfe eines Wechsels der zuständigen Personen, die ernsthaften existentiellen Sorgen der ca. 150.000 (!) im Kulturbereich tätigen Menschen im Land zu sehen und auch in diesem Sektor mit Hilfspaketen zu reagieren. Wohlgemerkt einem Sektor, der gemäss einer Untersuchung vom Juni 2020 in direkten und indirekten Wertschöpfungseffekten vor Corona immerhin 9,8 Milliarden Euro erwirtschaftete, was knapp 3% des österreichischen Bruttoinlandsprodukts entspricht.2 Mit dem Verbot von Veranstaltungen in mittlerweile bereits drei Lockdowns gingen für viele Kulturschaffende die Existenzgrundlagen von heute auf morgen verloren. Besonders die Freie Kulturszene treffen die Pandemie-Maßnahmen bis ins Mark, da ihre Protagonist*innen nicht durch die Möglichkeit von Kurzarbeit abgesichert sind wie etwa Angestellte in den größeren Kultur-Betrieben. Sie bewegen sich schon unter „normalen“ Umständen immer am Rande des Existenzminimums. Die marie hat sich deshalb bei Vorarlberger Künstlerinnen und Künstlern erkundigt, wie es ihnen geht. Es zeigt sich ein ernüchterndes Bild – ohne Aussicht auf Veränderung trotz „Modellregion“ und ersten Öffnungsschritten im März. Und was macht das Land Vorarlberg? Es kürzt das Kulturbudget für das Jahr 2021 auf insgesamt 23,4 Millionen3 und stockt die einzige Branche, die während des vergangenen Jahres boomte, nämlich die Baubranche, mit zusätzlichen 30 Millionen auf 190 Millionen Euro4 auf… 1

www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/An_Kultur_Interessierte_leben_laenger1771015590772.html 2 „Ökonomische Bedeutung der Kulturwirtschaft und ihre Betroffenheit in der COVID-19-Krise“ abzurufen unter https://www.bmkoes.gv.at/Service/Publikationen/Kunst-und-Kultur/berichte-studien-kultur.html 3 vorarlberg.orf.at/stories/3080600/ 4 Pressemitteilung Land Vlbg, am 02.02.21

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Wie hat sich Corona und die damit verbundenen politischen Maßnahmen im vergangenen Jahr auf dein Leben ausgewirkt?

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Wovon hast du gelebt? Wie schaut es aktuell bei dir aus?

Wie schätzt du die Krisenpolitik der Bundesregierung ein? Was hat oder hätte dir geholfen?

Das sind die vier Fragen, die die marie insgesamt 21 Vorarlberger Kulturschaffenden quer durch alle Sparten gestellt hat. >>


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Christine Lederer, 44 / Bildende Künstlerin, Grafikdesignerin / Bludenz

Günter Marinelli, 60 / Festivalleiter Dornbirn und andere

Felix Bernhard Huber, 26 / Musiker, Komponist / Gaißau

1 Jeglicher Rhythmus war

1 Der Verlust unserer beiden

1 Es kam alles ziemlich über-

weg. Statt regelmäßiger Arbeitszeiten hieß es Kochen und 150 Prozent präsent sein als Mutter. Alles war durcheinander, viel Stabilität Gebendes war weg. Letztes Jahr hatte ich große Existenzängste, Schlafstörungen und viel Unruhe zu Besuch. Es blieb kaum Zeit für Erwerbsarbeit und meinen Erholungsraum. Sehr geschätzt habe ich trotz aller Absurdität die Ruhe im Außen, die im Innen viel sortiert hat. Wir leben von Fleisch und Pizza (mein Sohn) und Vegetarischem (doppelte, kontrastreiche Haushaltsführung), von mehr Yoga und Wald, vom mentalen Support meiner Super-Freund*innen, vom Verkauf meiner Kunst an Sammler*innen und Unterstützer*innen, den treuen Kund*innen meines Grafikbüros und von Hilfsfonds. Immer wieder hole ich mir bewusst Vertrauen und Freude her – wohl fast mehr wegen der Pubertät meines Sohnes als der Coronakrise. Beides werden wir meistern. Mir persönlich haben die Hilfsfonds sehr geholfen. Sie haben mich freigespielt von Existenzpanik. Dafür bin ich Österreich sehr dankbar, unserem Sozialstaat. Ich stelle die Art und Weise der Führung sehr stark in Frage. Für mich gleicht das eher einer Kindererziehung, bei der mit Macht, Bestrafen und Hinhalten gearbeitet wird und nicht mit Respekt und Zuversicht.

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Tanzfestivals führte direkt in eine betäubende Isolation. Die Lebendigkeit und die positiven Schwingungen, die Künstler­­innen und Künstler mit sich bringen, aber auch die von unserem Publikum, das uns ja Alle trägt, hat mir sehr gefehlt. Der Verein ist trotz der abgesagten Festivals von Land und Bund unterstützt worden und einiges ging von meinem kleinen Erbe weg, welches eigentlich für die Altersvorsorge gedacht war. Wir haben anstatt der beiden Festivals unser Programm über das ganze Jahr verteilt, ein Versuch, nicht wieder alles zu verlieren. Das erste Projekt hat Ende März online stattgefunden. Im Juni hoffe ich aber sehr, dass wir wieder live auf der Bühne stehen können. Es gibt einen Spruch der für die derzeitige Bundesregierung für mich zutrifft: den Karren in den Dreck fahren. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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© Lisa Mathis

© Maximilian Witsch

© Stefan Hauer

© Mark Mosman

Thema

raschend, denn von heute auf morgen wurden alle Veranstaltungen und Konzerte abgesagt. Ich wurde im April bei der Miliz einberufen, um bei der Bekämpfung des Virus mitzuwirken. Aktuell befinde ich mich schon im dritten Einsatz, denn Konzerte zu geben ist immer noch nicht möglich. Nach meinem Einsatz freue ich mich dann aber auch wieder ab April in meinem zivilen Beruf als Komponist zu arbeiten. Mir hätten Transparenz und gutes Krisenmanagement geholfen. Was meiner Meinung nach wirklich gefehlt hat, war, dass jemand Verantwortung übernimmt und uns nicht ein Jahr lang im Dunkeln zappeln lässt. Ich kann jeden Künstler verstehen, der sich neu orientiert hat, denn hätte ich die Möglichkeit mit der Miliz nicht gehabt, hätte ich wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal.

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Barbara Herold, 59 / Regisseurin, Theatergruppe „dieheroldfliri.at“ / Bregenz

1 Es war ein dauerhaftes

Hoffen und Bangen. Ende März war der Jahrestag der nicht stattgefundenen Premiere von KIND.ERBE.REICH in Feldkirch. Dreimal wurde verschoben, derzeit sehen wir dem Mai optimistisch entgegen. Man steht immer in den Startlöchern und das mehrfache vergebliche Umplanen, das mit viel Arbeit verbunden ist, zehrt an den Nerven. Absurderweise waren die Momente klarer Entscheidungen zum Veranstaltungsverbot sogar eine Erleichterung, weil man dann zumindest die Entschleunigung des Lockdowns genießen konnte. Dank der Flexibilität der Förderstellen wurden die Förderungen 2020 in voller Höhe ausbezahlt, auch wenn Vorstellungen verschoben werden mussten. Bangen und Hoffen Kapitel 4. Ich hoffe sehr, dass das regionale Modell Vorarlberg mit den ersten Öffnungsschritten gelingt und die Zahlen dauerhaft im niedrigen Bereich bleiben. Erschreckend ist, dass man der Politik im „Kulturland Österreich“ ständig in Erinnerung rufen musste, dass Kunst und Kultur spezifische Bedingungen brauchen, und dass man die Gleichbehandlung permanent einzufordern hatte. Es gab viel Aufbegehren aus der Kultur und viele Bekenntnisse zur Kultur. Letztere haben sich aber gerade zu Beginn der Pandemie oft als Lippenbekenntnisse herausgestellt.

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1 Corona hat mich als frei-

schaffende Sängerin sozusagen von heute auf morgen arbeitslos gemacht – das letzte Konzert mit Publikum fand am 8. März 2020 statt. Bis auf ein paar kleine Auftritte in Gottesdiensten ging 2020 schlussendlich „sang- und klanglos“ vorüber. Da ich ausschließlich freischaffend tätig war, erhielt ich zum Glück Zahlungen aus dem Härtefallfonds der Wirtschaftskammer. Außerdem gab es ein Arbeitsstipendium vom Land Vorarlberg. Ich bin sehr dankbar für diese Unterstützungsmaßnahmen, auch wenn sie nur einen Teil dessen abdecken, was mir durch die vielen Absagen verloren ging. Die Aussichten im kulturellen Bereich sind nicht gerade rosig. Meine Konzerte sind vorerst bis Herbst alle abgesagt. Inzwischen habe ich einen Halbtagsjob in einem Büro angenommen, um finanzielle Sicherheit und eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Man kann ja nicht ewig zu Hause sitzen und auf bessere Zeiten warten. Eine Perspektive zu haben, wie es weitergeht – das hätte mir geholfen, mit der Situation besser umgehen zu können. Es gab bzw. gibt ja bis heute nie klare Ansagen. Als „Kulturland Österreich“ ist es dringend nötig, die Kultur wieder erlebbar zu machen – sowohl für uns Künstler*innen als auch für das Publikum!

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© Mark Mosman

Martina Gmeinder, 44 / freischaffende Konzertsängerin / Wolfurt

© Stefanie Beck

© Jasmin Elmi

#59 | April 2021

Sebastian Gerer, 44 / Zirkuspädagoge, Artist, Musiker / Dornbirn

Brigitte Walk, 60 / Regisseurin, Schauspielerin, Theaterpädagogin / Feldkirch

1 Im ersten Moment hat

es mich von heute auf morgen aus dem Leben gerissen. Gerade beruflich standen viele Projekte an, die dann zum Teil auch gar nicht mehr umgesetzt werden konnten. Auf der anderen Seite hab‘ ich es dann auch als Chance gesehen. Es war schon was Besonderes, einmal soviel Zeit am Stück mit der Familie zu haben. Im Sommer und im Herbst konnten wir glücklicherweise noch einige Zirkusprojekte umsetzen. Außerdem habe ich auch staatliche Entschädigungen in Anspruch nehmen können. Wir sind derzeit gerade voll in der Sommerplanung. Wir werden wieder einige Zirkusferienwochen für Kinder und erstmalig auch speziell eine Woche nur für Jugendliche in den Sommerferien durchführen. Außerdem sind wir neu Teil vom Orgateam des “Freakwave Festival“, welches dieses Jahr wieder stattfinden wird und zwar erstmals mit einem Schwerpunkt zu zeitgenössischem Zirkus, den wir kuratieren. Aus meiner Sicht wird gar nicht – oder nur von oben herab – auf die Bedürfnisse und Nöte der Menschen in der jetzigen Situation eingegangen. Es findet kein offener Dialog auf Augenhöhe statt, so wie es in einer Demokratie eigentlich sein sollte.

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1 Die Pandemie hat uns alle

in dieselbe Situation gebracht, die Möglichkeiten damit umzugehen sind jedoch für alle äußerst unterschiedlich und Ungleichheiten wurden sichtbar verstärkt. Das finde ich sehr bedrückend. Als Kunstund Kulturschaffende mit einem breiten Betätigungsfeld habe ich die Zeit aber genutzt für organisatorische Arbeiten für unsere Compagnie, mit Plänen für einen Neustart „danach“ und mit Ideenaustausch, wie wir in der Pandemie dennoch künstlerisch tätig sein könnten. Das hat im Sommer zu drei wunderbaren Stücken geführt, die Mut machten, dass es mit Eigenverantwortung und Ideen – wofür die Freie Szene ja steht – zu Kulturproduktionen kommen kann. Dann kam es zu einer Infektion in der Familie, Stress, die Sorge um die alten Eltern, der Ärger über die Versäumnisse der Politik. Gleichzeitig habe ich Online-Seminare und Online-Teachings besucht, diese für den Unterricht an der PH und Uni eingesetzt und somit wenigstens ein wenig etwas verdient und viel dazugelernt. Erspartes, wenig Ansprüche, ausstehende Honorare, Online-Unterricht, Zuwendungen der SVS. Unser Jubiläumsstück zum 20-jährigen Bestehen von walktanztheater.com mussten wir mehrmals verschieben, jetzt werden wir es aber umsetzen, Premiere ist am 24. April in Feldkirch in irgend-

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einer Form, halbdigital, ganz analog, draußen und drinnen, im schlimmsten Fall nur als Stream. Wir beschäftigen uns seit nunmehr zwei Jahren mit den Texten und Theorien von Hannah Arendt und werden ein Stück entwickeln mit Tanz, Text, Clown und Chor. Mutig planen wir auch für den Herbst, eine internationale Koproduktion mit Jugendlichen in mehreren Mittelmeerstaaten entlang der Route, die ich für die Recherche zum Therese Zauser Stück gefahren bin. Die Ansprache an die Bürgerinnen und Bürger hätte ganz andere Wege gehen müssen und viel direkter und niederschwelliger sein müssen. In jeder Gemeinde oder Stadt hätte ich mir ständige Präsenz in der Öffentlichkeit gewünscht von Expertinnen, Politikern, Ansprechpersonen ähnlich wie in Wahlkampfzeiten. Parallel dazu hätte ich mir direkte Kommunikation über lokale Kanäle und Peers vorstellen können, von Migrantenvereinen bis Jugendarbeit. Auch die Verbindungen zu lokalen Kulturschaffenden hätte man suchen können, um Ideen zu entwickeln, wie Kunst und Kultur sichtbar gemacht werden können. Viel mehr Unkonventionelles hätte ich mir gewünscht, viel mehr kreative Schritte und viel mehr Gemeinsames.

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Carolina Fink, 44 / Tanz- & Yogapädagogin, freischaffende Tänzerin, Mutter von 3 Kindern / Wolfurt

1 Viel berufliche Unsicher-

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heit. Nicht wissen, wann man wieder arbeiten darf. Neuorientierungen. Zugang zu den Medien durch Online-Unterricht, musste mich umstellen und investieren. Die ständigen Änderungen der Gesetze machten es unmöglich zu planen. Es ist sehr schwer, Kunden zu halten. Mit Maske zu Tanzen ist eine Qual und es schmerzt mich, Kinder mit Maske im Tanz unterrichten zu müssen. Von meinem Teilzeitjob an der MS Dornbirn, von Gespartem und vom Corona-Hilfsfonds – sparsam. Bin an einem künstlerischen Projekt „Seilence“ am Weiterarbeiten, ohne zu wissen, ob das Showing im April in Wien auch wirklich stattfinden kann. Das ist nicht sehr motivierend. Ich wünsche mir keine krankmachende Politik, sondern eine gesundheitsfördernde. Wenn alles, was einem gut tut, Spaß macht, nicht mehr erlaubt ist, werden auch unsere Abwehrkräfte einbüßen. Außerdem will ich meinen Kindern keine Angst vorleben müssen.

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Alfred Vogel, 49 / Schlagzeuger / Bezau

1 Ich habe schon lange nicht

mehr soviel geübt und bin eigentlich richtig gut in Form. Aber was einem abgeht, merkt man nach dieser langen Spielpause erst, wenn man endlich wieder einmal mit anderen Musikern spielen kann. Die zwischenmenschlichen Schwingungen zwischen Künstlern und Publikum fehlen am meisten. Meine Frau versorgt mich bestens. Dafür bin ich im Moment quasi Hausfrau und Familien-Koch. Inzwischen habe ich meinen zweiten Live-Stream gespielt und langsam kommen ein paar Daten in den Kalender. Aber wie fix die sein werden, das soll sich noch zeigen. Ich bin zuversichtlich, dass es bald besser wird. Deswegen arbeite ich einfach weiter an all meinen Projekten. Und langsam denke ich an eine mögliche Ausgabe der Bezau Beatz im August nach. Ich möchte an dieser Stelle nur sagen, dass für mich die grundsätzliche Frage, die wir uns als Gesellschaft überhaupt stellen sollten, folgende ist: Wie wollen wir leben? Wenn darüber Klarheit entsteht, dann finden wir einen Ausweg aus dem pandemischen und ökologischen Schlamassel. Wir befinden uns leider in einem hysterischen und populistischen Zeitabschnitt.

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Muhammet Ali Baş, 30 / Autor & Kulturvermittler / Wien, aufgewachsen in Dornbirn

© Guenter König

© Hibatullah Khelifi

© Adolf Bereuter

© Christina Anzenberger-Fink

Thema

Erika Lutz, 55 / Pädagogin, Tischlerin, Kulturschaffende / Frastanz

1 Im Frühjahr 2020 kam alles 1 Persönlich, also im privaten

recht überraschend und im ersten Lockdown musste ich mich in der neuen Realität zurechtfinden. Ich war ziemlich verloren in der angeblichen Bedeutungslosigkeit der Kultur(branche). Gleichzeitig habe ich die unverhoffte Freizeit genutzt, mich Herzensprojekten zu widmen. Als Kulturvermittler in einem Bundesmuseum hatte bzw. habe ich das Privileg, in Kurzarbeit zu sein. Ich habe in dieser (für viele) schwierigen Phase keine großen Sorgen um Finanzielles gehabt und bin sehr dankbar darüber. Ich hoffe, dass für „die Zeit danach“ die Politik grundsätzlich die Arbeitsverhältnisse überdenkt und Schritte in Richtung Bedingungsloses Grundeinkommen einleitet. Aktuell arbeite ich an verschiedenen Projekten. Künstlerisch widme ich mich Texten von befreundeten Autor*innen, die ich gemeinsam mit ihnen filmisch umsetze, und möchte demnächst mehrere solcher „Literafilme“ online zugänglich machen. Aktuell verfolge ich die Krise nicht mehr aus der ersten Reihe. Mein Interesse an Pressekonferenzen ist gestillt. Ich wünsche mir hauptsächlich mehr Augenhöhe und innovative Ideen für die Zukunft.

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Bereich, konnte ich durchaus die positiven Seiten für mich nutzen, indem ich die Zeit und die freie Werkstatt mit eigenen Projekten füllen konnte. Beruflich hatte ich einige Einbußen. Sämtliche Workshops mit Kindern und Jugendlichen, die ich mehrmals im Jahr durchführe, wurden abgesagt. Die ARTquer Künstler*innen durften das Atelier im Lockdown auch nicht besuchen. Jetzt wird offensichtlich, wie viel sie in der Zwischenzeit verlernt haben. Sprachlich und handwerklich, im Umgang mit Werkzeug. Da ich als selbstständige Gewerbetreibende arbeite, konnte ich einen Teil der entgangenen Einnahmen durch Unterstützung vom Härtefallfond ausgleichen. Derzeit können wir in der Ateliergemeinschaft wieder zusammenarbeiten, allerdings dürfen Künstler*innen, die in Institutionen betreut werden, immer noch nicht kommen, da dort strengere Regeln gelten. Ich glaube schon, dass die Regierung einiges richtig gemacht hat. Aber bei den Maßnahmen für Kultur und Bildung hat sie meiner Meinung nach völlig versagt, darauf vergessen oder sie schlicht ignoriert. Bildung und Kultur gehören zusammen und sind lebensnotwendig für eine funktionierende, fortschrittliche und gesunde Gesellschaft. Nach wir vor vermisse ich den Feminismus in der Politik.

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Lisa Suitner, 35 / freischaffende Clownfrau & Schauspielerin, Musikschulclown der MS Feldkirch

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Die Situation hat mich wirklich überfordert und ich habe eine Zeit gebraucht, bis die Inspiration wieder zu mir fand. Die Situation hat neue Wege gefordert und plötzlich war da auch viel Zeit, die es mir ermöglichte, mit ganz anderen künstlerischen Ausdrucksformen zu spielen – wie Video, Maskenbau und Zeichnen. Die ersten Monate hat mich tatsächlich die finanzielle Überbrückung meiner Eltern gerettet, auch Initiativen wie „locart” oder „Kunst hilft Kunst” waren eine wirklich große Hilfe. Ab dem Sommer haben dann für mich auch die Unterstützungen von Seiten des Bundes gegriffen – die Überbrückungsfinanzierungen waren und sind noch immer bitter nötig. Ich spüre den Frühling gerade sehr und blicke zuversichtlich in die Zukunft. Einige sehr spannende Projekte stehen an – sowohl in der Clownerie, als auch musikalisch und im Film. Und mein großer Traum nach Raum, einem Proberaum und Atelier wird gerade wahr in einem Gemeinschaftsatelier in der Feldkircher Neustadt. Für mich hat sich im letzten Jahr vor allem gezeigt, wie wichtig es ist, an einem Strang zu ziehen und wie wertvoll Interessengemeinschaften wie die IG Kultur und die IG freie Theater für uns Künstler sind – sie haben sich wirklich stark gemacht für uns. Wir haben keine Lobby und müssen deshalb sehr laut schreien, um auf uns aufmerksam zu machen.

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Klaus Christa, 55 / Musiker, künstlerischer Leiter von Musik in der Pforte / Klaus

1 Corona war ein großer Ein-

schnitt. Bei all den traurigen Seiten bin ich dankbar dafür, dass etwas, was wir im Kopf immer wussten, mehr unsere Herzen durchdrungen hat: Im Leben kommt es darauf an, dass wir uns als Menschen begegnen, miteinander reden, voneinander lernen, miteinander spielen und feiern. Ich habe eine Unterrichtsstelle am Landeskonservatorium und Gott sei Dank konnten wir auch bis auf die Zeit des ersten Lockdowns immer Präsenzunterricht machen. Ökonomisch war die Krise für mich keine ernsthafte Bedrohung, im Gegensatz zu vielen Menschen, die als freiberufliche Künstler*innen leben. Wir von „Musik in der Pforte“ haben auch während der Lockdowns versucht, den Kontakt zu unserem Publikum aufrechtzuerhalten und haben die kurzen Lücken, in denen Konzerte möglich waren, gut genützt. Nun bereiten wir uns auf die Saisoneröffnung im April vor. Für mich war das Krisenmanagement immer zu einseitig auf die materielle Seite der Pandemie ausgerichtet. Menschen haben ja nicht nur einen virenanfälligen Körper, sondern eine Seele, die intensiv mit dem Körper zusammenwirkt. In Krisen brauchen wir eine gewisse Gelassenheit und ein gutes Angst-Management. Wir müssen dem Leben gerade dann vertrauen, wenn es gar nicht läuft.

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© Elke Capelli

© Victor Marin

© privat

#59 | April 2021

Ursula Sabatin, 61 / freischaffende Tänzerin, Choreografin / Bregenz

1 Der erste Lockdown war

schon etwas schockartig, plötzlich durfte ich meine Arbeit in allen Bereichen nicht mehr ausüben. Keine Proben, keine Aufführung, keine Tanzvermittlung, keine Workshops und auch Arbeitsreisen und Auslandsprojekte waren nicht mehr möglich. Ausweichen online und ins Freie, mögliche Varianten, erschienen mir nur bedingt sinnvoll. Und natürlich war da noch wenig Wissen über die Krankheit und ich wollte kein Risiko eingehen. Die Tanzarbeit lebt von Begegnungen vor allem in der Gruppe, Nähe und körperliche Berührung ist die Basis für die künstlerische Arbeit, aber auch im Tanzunterricht. Der Verlust dieser Möglichkeiten war und bleibt schwierig, vor allem wegen der fehlenden Perspektiven zurzeit. Als dann im Sommer wieder einiges möglich wurde, war das wie ein Aufatmen und ich habe mich in die praktische Arbeit gestürzt und nachgeholt. Im Verlauf der weiteren Lockdowns entwickelte ich neue Ideen. Inzwischen bin ich intensiv am Vorbereiten für die Zeit „danach“. Gebe Soloproben mit Sicherheitsabstand mit meinem Ensemble und trainiere, probe viel alleine, oft auch im eigenen Wohnzimmer oder online mit Kolleginnen. Als Künstlerin vor allem im Tanz kenne ich prekäre Situationen nicht erst seit Corona. Ich bin es gewohnt, in unsicheren Lebens- und Arbeitszusammenhängen zu sein, da war ich

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vorbereitet, flexibel zu reagieren. Ich habe auf Erspartes zugreifen können und wurde von meinem Bruder unterstützt. Die öffentlichen Hilfen und Zuschüsse haben auch Absicherung gebracht. Im März habe ich ein Stipendium der Stadt Bregenz zuerkannt bekommen, das erleichtert Vieles und lässt Projekte zu bzw. ist es natürlich auch eine schöne Anerkennung meiner kontinuierlichen Arbeit im zeitgenössischen Tanz. Ich bin mir bewusst in allem, dass ich hier in Österreich sehr privilegiert bin. Es gibt ein gut funktionierendes Gesundheitssystem, diese Absicherung haben viele Menschen in anderen Ländern nicht, auch das Sozialsystem funktioniert und es gibt jetzt gute Unterstützung. Am meisten irritierte mich allerdings von Anfang an die Art der Kommunikation. So oft hatte ich das Gefühl, als Bürgerin nicht ernst genommen zu werden. Menschen ernst nehmen und in die Verantwortung bringen, scheint mir aber ein sinnvollerer Weg als verbieten und strafen.

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Yener Polat, 58 / Lehrer & Kulturvermittler / Bregenz

1 Ich bin wie alle gleich

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betroffen und es war für mich als Mensch eine große Herausforderung. Ich habe meine Familie in der Türkei und besonders meine Eltern seit nunmehr zwei Jahren nicht mehr gesehen. Beruflich hat es mich als Lehrer und auch meine Schüler*innen, die oft einen migrantischen Hintergrund haben, sehr getroffen. Für den Kulturverein MOTIF war es eine sehr schwierige Zeit. Wir mussten ständig unsere geplanten Veranstaltungen auf unbestimmte Zeit verschieben. Ich bin Lehrer und dadurch abgesichert, im Gegensatz zu vielen unserer selbstständigen Kulturpartner*innen. Im April können nun unter den aktuellen Auflagen unsere Theaterworkshops für Kinder und Jugendliche in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch und Lustenau stattfinden. Wir freuen uns schon sehr darauf. Durch die aktuellen Öffnungen blicke ich dem Kulturjahr 2021 optimistisch entgegen. Die Regierung hat unheimliche Bemühungen gezeigt, die Bevölkerung zu schützen. Es war nicht einfach, die Situation, die sich kontinuierlich veränderte, zu kontrollieren. Im Lockdown wurde Kultur wie Musik oder Filme über Medien zuhause konsumiert und es wurde deutlich, dass Kultur eine Art Nahrungsmittel und damit essentiell für die Gesellschaft ist.

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Mona Ida, 23 / Musikerin, Studentin, Lehrerin, Träumerin / Bregenz, direkt am Bodensee

1 Vieles hat sich vor den

Laptop verlagert, so auch mein letztes Semester an der PH. Ich bin sehr, sehr viel spazieren gegangen. Musikalisch hatten wir nicht viel geplant, weshalb auch nicht wirklich viel abgesagt worden ist. Von Luft und Liebe und Prosecco (größtenteils). Ich hatte Glück im Unglück, nicht von meiner Musik leben zu müssen. Ich bin seit Herbst Lehrerin. Ich habe unlängst meine erste Solo-EP (Mona Ida – „5 Lieder“) auf Spotify, Apple Music & Co veröffentlicht. Ein weiteres Album „New Normality“, mit Liedern, die hauptsächlich im Lockdown entstanden sind, ist in Planung und wird noch im Frühling unter Mona Ida veröffentlicht. Am 29. Juni (20 Uhr) wird es mit meiner Band Stereo Ida einen Liveauftritt beim ORF Radio Vorarlberg geben. Ich verstehe viele getroffene Maßnahmen der Bundesregierung gut. Ich möchte keinesfalls in der Haut der Entscheidungsträger stecken, weshalb ich mich auch gar nicht traue, zu beurteilen, was da jetzt gut oder schlecht war/ist. Fragwürdig finde ich aber schon, wieso ich im dichten Gedrängel am Schilift stehen darf, nicht aber mit getroffenen Maßnahmen und Auflagen ins Konzert/Theater/etc. gehen kann.

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Sarah Mistura, 34 / Fotografin und Videografin, Videokünstlerin / Hörbranz

1 Die erste Leichtigkeit,

mit der man in den ersten Lockdown gegangen ist, ist leider schon länger verflogen. Mein Leben fühlt sich generell einfach anstrengender an. Meine Arbeitswelt hat noch mehr Raum eingenommen. Das Privatleben wurde etwas vernachlässigt. Mein Berufsfeld hat sich etwas gedehnt. Wo ich noch in der ersten Hälfte 2020 ein paar künstlerischen Arbeiten nachgehen konnte, wurde das dann durch Live-Streams und etwaige Inhalte für Webauftritte abgelöst. Meine Tätigkeit mit und für das Theater und als Kunstschaffende läuft langsam wieder an. Auch eigene Projekte sind schon wieder aktiviert worden. Die Unberechenbarkeit der aktuellen Situation ist sehr anstrengend. Viele Jobs sind nicht sicher, werden unabsehbar verschoben oder gar abgesagt. Die finanziellen Hilfestellungen für selbständige Kreative und Kunstschaffende habe ich in Anspruch genommen. Sie haben mir ein wenig über die erste Flaute hinweggeholfen. Ich denke, wir sollten nochmal tief Luft holen und durchbeißen, wie wir es schon zu Beginn der Pandemie hätten tun sollen. Ich halte nichts von diesem Hin und Her, auf und zu. Das ist sehr kräftezehrend.

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© Martina Gantschnig

© Kirstin Tödtling

© Zeliha Arslan

© Angela Lamprecht

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Victor Mangeng, 29 / Bildhauer / Wohnatelier & Campervan

1 Große Aufträge sind einge-

froren oder ganz abgebrochen. Letztes Jahr musste ich meine Arbeit in Italien frühzeitig beenden. Den meisten Input für meine Arbeiten bekomme ich durch das Reisen und den Austausch mit anderen Menschen, das fiel jedoch seit Dezember komplett weg. Von meinem Ersparten. Derzeit arbeite ich an meinem Portfolio. Als freischaffender Künstler muss man ungewisse Situationen immer wieder bewerkstelligen. Reisefreiheit und Kontaktsperre zwingen mich derzeit, neue Quellen für mein Schaffen zu entdecken, wodurch ich aber auch die Gelegenheit habe, mein Selbst besser kennenzulernen. Ich denke, man hätte das übersichtlicher gestalten können, dann wäre nicht so ein „Förderdschungel“ entstanden.

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Erika Kronabitter, 61 / Schriftstellerin & Präsidentin der LITERATUR VORARLBERG / Bregenz

1 Künstlerisch/Schriftstel-

lerisch wurde auftrittsmäßig komplett alles auf Null gefahren. Innerhalb der LITERATUR VORARLBERG allerdings war es möglich, neue Ideen umzusetzen und zum Beispiel über den ORF und das Felder-Archiv digitale Lesungen anzubieten. Allerdings: Das Zwischenmenschliche, der Austausch mit dem Publikum, Gespräche und das Strahlen der Augen sind unersetzbar. Durch meinen „Brotjob“, den ja viele von uns haben, habe ich ein Minigrundeinkommen. Weiters erhielt ich ein Arbeitsstipendium. Privatberuflich: Alles, das über existenzsichernd hinausgeht, läuft über Lesungen und Workshops. Diese sind großteils weggefallen und bedeuten eine ziemliche finanzielle Einbuße. Neben einer neuen Homepage sind wir seit letztem Jahr auf Facebook und Instagram präsent, Texte wurden „in die Welt“ gesendet, Blicke aus dem Fenster-Texte, „Schreibwütig“ (mit dem TaS), und es gibt neue spannende Möglichkeiten mit der Stadt Bregenz. Bei allen Unsicherheiten, der die Bundesregierung in ihren Entscheidungen ausgesetzt war und ist, glaube ich, dass die Regierenden ihr Bestes versucht haben. Fehler und Fehlstellen sind passiert. Richtig wäre es jetzt, das echte Grundeinkommen einzuführen. Die Zeit dazu ist reif. Wann, wenn nicht jetzt, frage ich.

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Miriam Feuersinger, 42 / Sopranistin, „Bachkantaten in Vorarlberg“, Vokalwerkstatt M31 / Bregenz

1 Es kam zuerst zu einem

kompletten Stillstand – von ausgebuchtem Kalender ins Nichts. Wirklich nichts. ARBEITSVERBOT. Auch Hilfe war sehr lange nicht in Sicht, was zu großer Verzeiflung führte. Ich muss meiner Familie ein großes DANKE aussprechen, denn sie hat uns (wir sind beide freischaffende Musiker) regelrecht durchgefüttert: ganz konkret mit Essen. Mein Glück im Unglück war, dass ich durch Rücklagen für Steuer und SVS meine laufenden Kosten decken konnte. Seit letztem Sommer darf ich – zwar nicht im gewohnten Ausmaß – wieder singen. Das steigert den Selbstwert und hilft, finanziell etwas besser über die Runden zu kommen. Punktuelle Arbeitsstipendien vom Land Vorarlberg und der Stadt Bregenz ermutigen auch, dran zu bleiben. Jeder von uns macht einen Unterschied. Zu Beginn war es für mich sehr schwierig. Ich schrieb zwei Vorarlberger Politiker mit einem Hilfeschrei an und erhielt nicht einmal eine Antwort. Nur, weil man keine finanzkräftige Lobby hat, verdient es eine Sparte, die wirtschaftlich tatsächlich (!) beachtlich ist, versorgt und wahrgenommen zu werden. Das hätte ich mir von Beginn an anders gewünscht.

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© Caroline Begle

© Brigitte Fässler

© Petra Rainer

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Andreas Paragioudakis, 40 / freischaffender Musiker, Komponist, Musikpädagoge / Bregenz

1 Die Maßnahmen zur Ein-

dämmung von Covid-19 haben mich um etwas Essenzielles beraubt und mir etwas Essenzielles erlaubt: Zum einen die Begegnungseinschränkungen und die fehlenden Zusammenkünfte. Ich bin in einer Art Abenteuerfiktion gelandet, um Überlebensstrategien zu entwickeln, nicht isoliert zu werden, all diese Situationen zu filtern und eine möglichst würdige Existenz zu pflegen. Zum anderen hat die plötzlich vorhandene Zeit mir den Raum und die Ruhe gegeben, um über wichtige Lebensthemen zu reflektieren und Pläne zu schmieden, wie ich meine Kunst weiterhin machen kann. Ich bin seit September 2020 als Musiker und Musikpädagoge selbständig. Großteils habe ich meine Miete und einen Teil meines Unterhalts durch Privatunterricht und durch die Härtefallfonds der WKO finanziert. Aktuell bin ich bei mehreren wunderbaren Projekten dran: Eine CD-Produktion des Laterne Quartetts, eine CD-Produktion mit Robert Bernhard, eine audiovisuelle Produktion mit Musik, Texten und Bildern in Zusammenarbeit mit der Schweizer Künstler­in Lucie Schaeren, eine Video Orpheus-Triologie mit dem Schweizer Musiker Marcello Wick, eine Märchenerzählreihe mit Live-Musik zusammen mit Monika Hehle.

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Ich bewerte jegliche Politik, die aus Angst handelt und trotzdem Entscheidungen trifft, die nur einem steigenden Wirtschaftswachstum zugutekommen, als sehr sehr schlecht. Wenn kein konkreter Plan, keine konkreten Vorschläge für das Überleben der Kunst und Kultur gemacht werden, droht Kultur zu verschwinden, und damit der Ausdruck und somit die Stimme der Menschen. Ich sorge mich um die Zukunft der Demokratie. | 33


Thema

Corona & die Künstler

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C

orona hat die Bevölkerung in vielerlei Hinsicht gespalten: in Corona-Akzeptierer und Corona-Ungläubige, in Verschwörungstheoretiker und solche, die an die Wissenschaft glauben und an die leidige Tatsache, dass die Natur die Menschheit seit Bestehen alle Jahrhunderte lang mit Pandemien überzieht, deren Auswirkungen und Ausformungen erstaunlich gleichgeblieben sind. Vor allem aber hat diese Seuche unsere Erwerbsgesellschaft unterteilt in Berufsgruppen, die von Corona profitieren (oder deren Arbeitsalltag zumindest größtenteils davon unberührt bleibt) und in solche, deren Existenz davon massiv bedroht ist. Die Kulturbranche zählt zu letzteren, und das in ihrer Gesamtheit mit Ausnahme von Film und Fernsehen, die zwar unter erschwerten Bedingungen arbeiten, aber zumindest arbeiten dürfen: Theater- und Konzertsäle dagegen sind entweder geschlossen oder Veranstaltungen in ihrer „Corona-Form“ unrentabel, und alle Großevents mit viel Publikum auf engem Raum ohnehin undenkbar, da dieses eben nicht festgenagelt auf zugeteilten Stühlen sitzt, sondern sich unkontrollierbar bewegt genau wie der Virus selbst. Nun ließe sich gewiss argumentieren, dass der Staat bei jenen Berufen einschränkend handeln soll, die die Verbreitung des Virus besonders fördern (ob das bei der Kultur tatsächlich so ist, steht auf einem anderen Blatt). Was jedoch bis heute unverständlich und vor allem unerklärt bleibt, ist, wieso manche Branchen, denen die Ausübung ihrer Berufe verboten wurde, in den Genuss üppiger Unterstützungsleistungen kommen und andere kaum bis gar nicht. Diese Unterteilung findet – Beamtendenken sei Dank – schon allein im Kulturbereich statt: So können beispielsweise angestellte Künstler in Kurzarbeit gehen (Ensemblemitglieder öffentlich-rechtlicher Bühnen etwa, und es sei ihnen gegönnt!), während die Schauspieler der freien Szene meist durch die Finger schauen oder selbständige Unternehmer, die einst Steuern zahlen durften, zu Bittstellern von Regierungen degradiert wurden, deren Prioritäten ganz woanders lagen, sofern sie uns Kunst- und Kulturschaffenden nicht schlichtweg ignorierten. Jedenfalls fühlt es sich für uns Künstler bis heute so an, und die „da oben“ machen auch erstaunlich wenig, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Lange Zeit herrschte unter den Künstlern (nach dem blanken Entsetzen, dass unser Fehlen von der Politik nicht wahr- oder nicht ernstgenommen wird) die Meinung vor, man müsse den Regierenden, ja sogar der ganzen Bevölkerung, nun ein für alle Mal den Wert von Kultur für eine Gesellschaft klarmachen – dann würden Unterstützungen schon kommen, aufgrund eines gesteigerten Kulturverständnisses und des demokratischen Zusammenhalts. Bis auf mitleidige Blicke ist davon wenig geblieben. Kulturpolitiker, die selbst noch nie auf einer Bühne gestanden sind, schlugen uns parallel dazu vor, wie sich der Künstler nun an diese neuen Gegebenheiten anzupassen habe – ja einige davon boten gar schon mögliche Konzepte an, welche der wendige Kunstschaffende im Corona-Heute nun implementieren könne, ja sogar müsse, da sie zukunftsweisend seien. Als hauptamtlicher Künstler möchte ich diesen antworten: Einen Scheiß muss ich. Soweit kommt’s noch, dass ihr mir sagt, wie ich Kunst zu machen habe. Erstens kenne ich mich mit Kunst und meinem Publikum tausendmal besser aus als ihr, weil ich das seit 30 Jahren jeden Tag mache, und zweitens: Wie unsere Kultur aussähe, wenn sie sich nach den Wünschen und Vorstellungen der Politik richtete, das will ich mir gar nicht ausmalen. Das Umgekehrte ist der Fall: Nicht wir haben uns nach den Politikern zu richten, sondern die Politik hat – auch und gerade in Zeiten wie diesen – für stabile Arbeitsbedingungen und Existenzgrundlagen bei Künstlern zu sorgen. Denn wie alle anderen sind wir unverschuldet in diese Krise geraten, zu deren vielleicht größten Opfern wir nun aber leider geworden sind. Und: Wir sind, obwohl wir oft so wahrgenommen werden, eben nicht nur Förderungsempfänger, sondern auch Unternehmer, Steuerzahler und Wahlbürger.

Text: Stefan Vögel, Foto: Lisa Mathis

„Wir sind, obwohl wir oft so wahrgenommen werden, eben nicht nur Förderungsempfänger, sondern auch Unternehmer, Steuerzahler und Wahlbürger.“


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Doch auch die Kulturwelt muss sich, was die Reaktion auf diese Pandemie betrifft, selbst an der Nase nehmen. Wir sind, gelinde gesagt, ein ziemlich heterogener Haufen, auch nicht selten neidisch aufeinander, und vor allem viel zu oft damit beschäftigt, was denn nun „richtige Kultur“ ist und wer von uns Künstlern diese tatsächlich macht und wer ganz sicher nicht. Anders als im angelsächsischen Raum teilt sich die deutschsprachige Kultur sprachlich, gedanklich – und vor allem freiwillig! – in die zwei Reichshälften U und E (Unterhaltung und Ernste Kunst), die einander zumindest argwöhnisch betrachten, wenn nicht gar je nach Standpunkt gegenseitig als „seicht“ oder „elitär-snobistisch“ titulieren. Dabei gälte es spätestens jetzt zu begreifen, dass wir zusammen in einem Boot sitzen und abseits unseres jeweiligen Kulturbegriffs schon allein durch unsere Arbeitsformen und unseren Arbeitsalltag eine gemeinsame Branche bilden, die dazu deutlich schlagkräftiger sein könnte, wäre sie geeint und organisiert statt zerstritten oder neidisch aufeinander. Dazu kommt erschwerend, dass manche Untergruppen tatsächlich stärker von Förderungen abhängig sind als andere – und das sind wohlgemerkt eben nicht nur die prekär arbeitenden Künstler, sondern gerade auch viele in der vergleichsweise üppig unterstützten Hochkultur. Diese Gruppen halten sich mit der Solidarisierung für die Belange der anderen (zumindest öffentlich) tunlichst zurück, da sie sich’s mit der Gunst ihrer Förderer auch in Zukunft nicht verderben wollen. Das ist verständlich, schwächt aber die Belange der Gesamtheit aller Künstler. Was wir daher bräuchten, ist eine beitragsgestützte anonymisierte Künstlergewerkschaft, die unsere Belange professionell rechtlich vertritt, wie dies in anderen Branchen längst selbstverständlich ist. Und genau darum stehen diese im Moment auch besser da. Ich persönlich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Politik die momentane Lage der Künstler verstehen oder ändern wird. Ehrlich gesagt glaube ich nicht einmal daran, dass der tiefere Wert von Kultur wahrgenommen wird, egal ob wir nun Maler, Komponisten, Autoren, Musiker oder Tänzer sind: dass wir eben nicht nur den „schöneren Teil“ des Lebens für andere bereitstellen, einen Genuss für die Freizeit, Beiwerk und Schmuck sind, sondern Chronisten unserer Generation, Seismographen von Stimmungen, Deuter unserer Gesellschaft und der Zeiten, in die wir steuern oder uns schon befinden. Wir selbst aber haben es verabsäumt, uns als Branche zu organisieren. Und doch leben wir – auch die Künstler – in einem Rechtsstaat. Damit wir aber zu diesem unserem Recht kommen, sollten wir das Argument endlich wegführen von der Wichtigkeit der Kunst und hin zu einer rechtlichen Auseinandersetzung mit Staaten, die uns diese Rechte verwehren. Denn wie kann es sein, dass nach neuesten Studien eine größere epidemiologische Gefährdung von Büros ausgeht als von Theatersälen – und „normale“ Firmen dennoch weiterarbeiten dürfen und wir nicht? Wieso müssen wir Umsatzverluste von über 90 Prozent klaglos hinnehmen und andere nicht? Wie ist das alles mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz vereinbar? Und wie stehen unsere Chancen für Schadensersatz- und Sammelklagen? Es scheint leider so: Der Staat versteht nur die Sprache des Rechts, und wir Künstler sollten endlich lernen diese zu sprechen, gemeinsam und organisiert. Wir müssen es endlich schaffen, ernstgenommen zu werden. Sonst verdienen wir das Image, das wir im Moment haben – und stehen bei nächster Gelegenheit wieder genauso nackt da wie heute.

„Wie unsere Kultur aussähe, wenn sie sich nach den Wünschen der Politik richtete, das will ich mir gar nicht ausmalen.“

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Thema

Die Suche nach dem Spaßfaktor

Interview: Frank Andres, Foto: Niklas Koch, Matthias Rhomberg

Mirjam Steinbock (47) ist Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg. Die marie sprach mit ihr über Live-Erlebnisse, digitale Plattformen, wie die neuen Corona-Regeln unser Kulturleben beeinflussen werden und natürlich über das liebe Geld.

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Wann waren Sie zuletzt bei einer Kulturveranstaltung live vor Ort? Das weiß ich gar nicht mehr genau, allerdings ist mir ein Konzert beim poolbar Festival in Feldkirch letzten Sommer stark in Erinnerung geblieben. Hätten Sie es zu diesem Zeitpunkt für möglich gehalten, dass Corona noch länger ein Thema bleiben wird? Ich habe vermutet, dass uns die Wintermonate wieder einschränken werden, was sich leider bewahrheitet hat. Und was die Situation langfristig für den ganzen Kultursektor und in Folge für die Gesellschaft bedeutet, kann man noch gar nicht absehen. Dem entgegenzuwirken ist enorm wichtig. Bei dem Konzert von Nneka letzten Sommer, das ja zugunsten der Gesundheit der Besucher*innen bis ins Detail durchorganisiert war, wollte ich mit Freund*innen unbedingt zur Musik tanzen, das ging gar nicht anders, weil wir so inspiriert waren durch den Ort, die Musik, die Atmosphäre, das Beisammensein. Ich war sehr überrascht, dass ich mich zum ersten Mal ernsthaft gefragt habe: „Darf ich das jetzt überhaupt?“

Hatten Sie Hemmungen sich zur Musik zu bewegen? Dieser Drang, mit meinem Körper Freude zu zeigen, ist etwas Urnatürliches für mich. Das ist das verbindende Element zwischen mir und den anderen. Es entsteht ein Resonanzraum, der meist für alle spürbar ist und den ich als heilsam empfinde. Klatschen, sich bewegen und tanzen gehören unbedingt dazu. Aber gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob das für die anderen Besucher*innen auch gut ist oder ich für andere eventuell ein Risiko darstelle. Das ist schon verrückt, oder? Das heißt, Sie haben seit Sommer 2020 keine Kulturveranstaltung mehr besucht. Wie sehr haben Sie das Kulturleben vermisst? Wahrscheinlich habe ich mehr Veranstaltungen besucht vor dem zweiten Kulturlockdown. Erschütternd finde ich aber, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Es braucht einen Freiraum, damit Kunst und Kultur spürbar werden und etwas auslösen kann. Diese Begegnung, die wie eine Initialzündung wirkt, uns zum Nachdenken, zum Lachen bringen oder zu Tränen rühren kann, braucht Raum für all unsere Regungen. Wir sind aktuell aber derart eingeschränkt und in größter Anspannung, dass das komplett im Widerspruch zum Potential des Kulturlebens steht. Und zurück zu Ihrer Frage: Ich vermisse es schmerzlich!

Kulturleben via Livestream im Internet kann also nicht funktionieren? Doch, ergänzend schon. Es gibt da ganz gute Plattformen, bei denen man von zuhause aus selbst interaktiv werden und sich in einem Chat mit anderen Zuhörer*innen unterhalten kann. Applaus ausdrücken, sich doch irgendwie verbinden ist – wenn auch eingeschränkt – möglich. Bei dem Vorarlberger Format „Stream in“ hat das ähnlich gut funktioniert, das Theatergarage-Team um Armin Weber hat sich in die Thematik unglaublich reingewühlt. Das ist zwar schön, aber wo bleibt das Geld, der Lohn für die Arbeit? Guter Einwand. Beim Konzert von David Helbock im Spielboden Dornbirn über die Plattform dringeblieben.de war für die Besucher*in sofort sichtbar, wie viel Geld für das Konzert gezahlt wird, was eine große Dynamik ausgelöst hat. Der Eintritt wurde mit dem Austritt eingehoben, das fand ich neu und gut. Man erkennt und begreift, dass auch ein Live-Konzert im Internet einen Wert hat und sich in Geldeinnahmen niederschlägt. Aber ganz ehrlich. Das kann doch niemals ein Ersatz für ein echtes Live-Erlebnis sein? Da gebe ich Ihnen völlig Recht. Das Gefühl des Miteinanders kann das Internet nicht abfangen. Beim analogen Mu-


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„Wenn wir in diesem Live-Erlebnis zusammen mit vielen anderen Menschen sind, dann ergibt sich daraus eine neue Person namens Publikum.“ Poolbar Festival / Matthias Rhomberg / rhomberg.cc

sik-Erlebnis bist du in einem Raum mit anderen Menschen. Jeder von uns hat schon erlebt, was alles im Publikum passieren, welche Gänsehautmomente entstehen können. Johannes Rausch vom Theater der Figur und zugleich das weise Urgestein der IG Kultur Vorarlberg hat einmal gesagt: „Wenn wir in diesem Live-Erlebnis zusammen mit vielen anderen Menschen sind, dann ergibt sich daraus eine neue Person namens Publikum.“ So etwas ist im digitalen Raum nur spürbar, wenn das Gesamtpaket stimmt. Seit 15. März ist Kulturleben in Vorarlberg wieder eingeschränkt möglich. Es dürfen indoor nur maximal 100 Besucher*innen an einer Veranstaltung teilnehmen, es gilt eine FFP2-Maskenpflicht, man braucht einen negativen Corona-Test, es gilt die Zwei-Meter-Abstand-Regel, Sperrstunde ist um 20 Uhr und es gibt keine Gastronomie. Wie viel Spaß macht Kulturarbeit unter diesen Rahmenbedingungen? Ich habe mit so vielen Mitgliedern in der IG Kultur gesprochen, die sich genau das fragen. Wie soll ich meinem Publikum Spaß vermitteln, wenn ich selbst keinen empfinde? Aber trotz aller Widrigkeiten gibt es Einrichtungen in Vorarlberg, die den Menschen genau dieses lang vermisste Kulturerlebnis bieten wollen. Und sie nehmen Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen und bieten den

Raum, der in Datenerhebungen als der beschrieben wird, in dem die wenigsten Infektionen zu verzeichnen sind. Eine Studie der TU Berlin beweist, dass die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus, allerdings ohne Berücksichtigung der neuen Mutationen, in Theatern halb so groß ist wie im Supermarkt. Die IG Kultur Vorarlberg ist eine Interessensgemeinschaft für autonome Kulturarbeit. Und dort findet sehr viel ehrenamtlich statt. Das bedeutet, dass viele Kulturschaffende einem anderen Brotberuf nachgehen. Wie soll da ein Kulturbetrieb mit einer Sperrstunde um 20 Uhr funktionieren? Sehr schwierig. Wenn ich zum Beispiel an den „kulturverein bahnhof Andelsbuch“ denke, bei dem alle Arbeiten ehrenamtlich getätigt werden, ist das schlichtweg unmöglich. Wenn eine Veranstaltung spätestens um 19 Uhr enden muss, weil beispielsweise Besucher*innen aus dem Montafon pünktlich zur Sperrstunde um 20 Uhr zuhause sein müssen, ist das ein Wahnsinn. Entsprechend früh muss man beginnen und das schließt ganz viele Besucher*innen aus. Es ist ja zudem nicht einmal klar, ob unser Publikum unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt noch ins Theater oder ins Konzert gehen wird. Bedenklich ist es für den Amateurbereich, der ja ganz eng mit dem professionellen Bereich zusammen arbeitet. Für

Erwachsene im Laienbereich ist trotz der Öffnungsschritte in der Modellregion Vorarlberg gar nichts möglich. Für kleine und mittlere Einrichtungen verunmöglichen die Publikumsobergrenzen und das Konsumationsverbot ein Öffnen der gemeinnützigen Einrichtung. Das ist wirtschaftlich nicht tragbar und ausreichende Rücklagen hat eine gemeinnützige Einrichtung, die keine Gewinne machen darf, auch nicht. Führen die Einschränkungen durch das Corona-Virus zu einem Kahlschlag in der Vorarlberger Kulturszene? Das ist durchaus möglich. Durch das gesetzlich verordnete Nichtstun herrscht neben dem permanenten Bestreben, Möglichkeiten und innovative Ansätze zu finden, auch eine große Müdigkeit in der Vorarlberger Kulturszene. Und wir fragen uns, wie belastbar sind die Kulturschaffenden und auch das Publikum. Ich sehe da ein unglaubliches Versäumnis unserer Landesregierung und verstehe einfach nicht, warum nicht mit mehr kulturpolitischem Weitblick agiert wird. Man hätte nur in die Nachbarregionen schauen müssen, wo in Zukunftsprojekte investiert wird, wie beispielsweise die Schweiz mit ihrem Aufruf an Kultureinrichtungen, jetzt Transformationsprojekte einzureichen, um zukunftsfähig zu bleiben. Oder das Bundesland Kärnten, das in enger Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft für >>

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Thema Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška (IG KIKK) Stipendien für Kulturinitiativen und deren Entwicklung anbietet. Dabei wird auch Recherche oder das Ausprobieren neuer Formate unterstützt, es muss nicht alles gleich vorzeigbar sein. Da wird investiert, so etwas brauchen wir jetzt. Hier in Vorarlberg hingegen wird gespart, der politische Wille geht ganz offensichtlich andere Wege. Auf der Homepage der IG Kultur findet sich eine wunderschöne Grafik mit den Fördermöglichkeiten für Kunstschaffende. Mir als Laie fehlt der Durchblick. Wie geht es Ihnen? Wenn man sich nicht dauernd mit diesem Thema beschäftigt, wird man von der Materie erschlagen, aber uns geht es mittlerweile genauso. Die Frustration unter den Kulturschaffenden ist enorm groß, weil dieses Fördergeflecht kaum mehr zu entwirren ist. Jahrzehntelang wurde in der Förderpolitik nicht berücksichtig, wie der Kultursektor arbeitet und welche Mittel und auch Erhöhungen in Fördergeldern es braucht. Ein Kulturbudget in Zeiten der Krise zu kürzen, ist im Grunde eine Kampfansage an das gesamte Kulturschaffen. Es bräuchte vielmehr eine Verdoppelung des Budgets, um vor allem den autonomen Kulturbereich aus dem Prekariat herauszubekommen. Und man muss wissen, dass dieses Thema Teil des Arbeitsprogramms der Landesregierung bis 2024 ist.

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Apropos faire Bezahlung: Wäre es da nicht schon längst an der Zeit für die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens? Oh ja, ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle könnte uns enorm entlasten und in jene Kraft bringen, die wir so notwendig brauchen, um neu starten zu können.

Infobox Die IG Kultur Vorarlberg ist die Interessenvertretung autonomer Kulturinitiativen. Sie wird von einem ehrenamtlich tätigen Vorstand und von einer hauptamtlich tätigen Geschäftsführerin geführt und informiert, vernetzt und berät aktuell rund 50 Kultureinrichtungen. Dieses Jahr feiert sie ihr 30-jähriges Jubiläum. www.igkultur-vbg.at

! ... – Das kulturelle Leben kann zumindest in eingeschränktem Umfang wieder stattfinden. Alle aktuellen Veranstaltungs-Termine gibt es im Internet unter kulturzeitschrift.at/monatsprogramm Wenn Corona es zulässt, gibt es ab der Mai-Ausgabe wieder wie gewohnt den Veranstaltungskalender.

Ausstellung WASSER vom 6.- 30. April 2021 im WirkRaum Dornbirn Wasser ist für uns Mitteleuropäer/innen ein so gewöhnliches Gut, dass wir kaum einen Gedanken daran verschwenden. Aber: Für die Produktion der Jeans, die ich anhabe, braucht es 8000 Liter Wasser. Ein Brunnen in Burkina Faso kostet rund 1500 Euro. Der Klimawandel verursacht Naturkatastrophen mit viel zu viel an Wasser. Sauberes Wasser ist für viele nicht selbstverständlich. Der WirkRaum der Caritas (Bahnhofstraße 9, Dornbirn) widmet sich mit dieser Ausstellung den Themen virtuelles Wasser, Brunnenbau und Wasser als Lebensgrundlage. Interessierte können aus einem umfangreichen Programm auswählen und vor Ort die Ausstellung besichtigen. So., 7. April 2021 Leiterin Nicole Kantner und die Kinderbotschafter/innen der Caritas bauen im Rahmen eines Workshop einen Brunnen. Laminierte Regentropfen können symbolisch in den Brunnen gelegt werden. Do., 15. April 2021 um 18 Uhr Vortrag „Wasser ist Lebensgrundlage“ Die Auslandshilfe und die vielfältige Arbeit rund um das Thema Wasser, Lösungen im globalen Süden, Michael Zündel – Caritas Auslandshilfe Fr., 23. April 2021 um 16 Uhr Die unendliche Brunnengeschichte von Burkina Faso in WORT und BILDERN, 70. Brunnen-Jubiläum Moderation: Jimmy Gut, Projekt Brunnenbau: Heribert Gut Do., 29. April 2021 um 18 Uhr und Fr., 30. April um 16 Uhr Vortrag „Wir bauen Brunnen“ Projekt des 3. Aufbaulehrganges der HAK Bregenz, Erdal Palta Freitag, 30. April 2021 um 16 Uhr Finissage der Ausstellung Malerin Margit Seeberger präsentiert ihre Bilder zum Thema Wasser: Das Zusammenspiel von „Erde – Mensch – Himmel – Wasser“, 50 Prozent des Verkaufserlöses kommt dem Brunnenbau in Burkina Faso zu Gute. Anschließend Projektvorstellung Brunnenbau von Erdal in Kenia


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Bildungshaus Batschuns Ort der Begegnung

„Wir betreuen Menschen und nicht Betten!“

Alles Frauensache? | Seminar für Frauen Sa 24. April 9.00 – 17.00 h Sonja Hämmerle, Psychotherapeutin, Feldkirch — Danzas magicas | Gitarrenkonzert Tres Cordas So 2. Mai 18.00 h | Mit: Batschuns kulturell — Zeit für Körper, Geist und Seele | Strömen Sa 8. Mai 9.00 – 17.00 h Daniela Niedermayr-Mathies, Göfis — Das Leben neu entdecken – von der Sterblichkeit zur Geburtlichkeit | FrauenSalon Dr. in Ina Praetorius, Wattwil | CH Mi 12. Mai 19.00 h — Heute breche ich auf | Lesung Ingeborg Berta Hofbauer Mi 26. Mai 19.30 – 21.00 h — Pädagogische Fachtagung | Was wirklich zählt Potentialentfaltung in Zeiten des Wandels Fr 11. Juni 14.00 – 21.00 h

Prof. Erwin Böhm

In Wolfurt pflegen wir ausgezeichnet, u.a. mit dem Psychobiografischen Pflegemodell Erwin Böhms. MEHR Pflegepersonal im Einsatz bedeutet MEHR Zeit für unsere Bewohner/innen. Im Rahmen einer Pensionsnachfolge suchen wir für einen gut geführten Wohnbereich eine:

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Thema

Alle können Künstler sein! Rainer Roppele war langjähriger Obmann des freien Radio Proton. Jetzt ist er dort als Programmgestalter und Ausbildungskoordinator angestellt. Armin Weber gründete 2019 die Kleinkunsttankstelle Theatergarage in Sulz und streamte im Pandemiejahr 2020 40 Konzerte im Internet. Beide erzählen von ihrem Kunstbegriff und berichten, was sie in der alternativen Kunstszene während der Pandemie erlebten.

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Text: Daniel Furxer, Fotos: Radio Proton, Theatergarage Sulz

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Rainer Roppele, Radio Proton

ass die Kultur in der Krise ist, ist offensichtlich“, konstatiert Rainer Roppele. „Die Pandemie brachte hier, wie in anderen Bereichen, nur die Krise noch deutlicher zutage. Die Gesellschaft ist leider immer weniger bereit, für Kultur zu zahlen.“ Sei dies bei MusikhörerInnen, die nur billig via Streams konsumieren oder auf der Seite der Veranstalter, bei denen MusikerInnen zahlen müssen, damit sie überhaupt spielen dürfen. „Pay to play“ laute die Devise. Nur einige große internationale Namen können um horrende Preise ihre Tickets anbieten. Gewinner sind dabei oft nur die wenigen großen Ticketfirmen, die es weltweit gibt. KünstlerInnen müssen zudem oft auf Tour gehen, damit sie überhaupt etwas verdienen. Ein Kreislauf, der nicht schnell durchbrochen werden kann, bleibt man in der Logik der jetzigen Marktwirtschaft. Der Ansatz, den Rainer Roppele verfolgt, ist nicht neu, würde aber gerade auch Kulturschaffende entlasten. „Ich bin für ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle, die das wollen. Dann können KünstlerInnen ihrer Kunst nachgehen, und müssen nicht immer darauf schielen, ob diese Kunst kommerziell verwertbar ist.“ Künstler sein ist für Rainer Roppele sowieso ein breiter Begriff, der mit den Vollmondvarieté-Veranstaltungen des Zirkusvereins ZackundPoing! im ProKonTra schon gelebt wurde. „Jeder Mensch ist ein Künstler und kann sieben Minuten lang auf der Bühne vortragen, was er will. Ganz nach der These von Joeseph Beuys. Der Applaus und die Wertschätzung richten sich dann an die Person, die den Mut aufgebracht hat, auf die Bühne zu treten“, so Roppele. Und was hat das alles mit der Pandemie zu tun? Die Kunst müsse auch lernen, sich wieder der Natur anzunähern. „Kunst sollte auch einen Beitrag dazu leisten, die Natur zu retten. Ansonsten gibt es den Menschen bald nicht mehr und damit auch keine Kultur. Die Pandemie ist der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Denn es ist erst der Anfang, wenn wir so weiterwirtschaften wie bisher. Das gilt auch für die Künstler.“


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Auch was das freie Radio betrifft, agieren die RadiomacherInnen selbstbestimmt. „Jede und jeder, der Radio machen will, kann Radio machen. Wir stellen das Radio für Leute zur Verfügung, die etwas sagen wollen und etwas zu sagen haben. Man muss nicht darauf warten, bis man zufällig oder durch gute PR von einem Medium wie dem ORF oder der VN interviewt wird. Hier kann man selber tätig werden. Leider nützen die MusikerInnen diese Gelegenheit noch viel zu wenig.“ Ein positives Beispiel für eine Kultur, die sich in Vorarlberg Gehör verschafft, ist der Hip Hop. Einmal im Monat präsentieren engagierte Vorarlberger Hip Hopper in ihrer Sendung „Audio Bunka Soundsystem“ das neueste aus ihrer Musikrichtung, führen Interviews und spielen viel regionale Hip-Hop Musik. „Kunst hat etwas

mit Berufung und Leidenschaft zu tun, und sollte nicht auf das Kommerzielle reduziert werden“, bekräftigt Rainer Roppele. Proton – das freie Radio versteht sich als Kulturradio: frei von Werbung und Kommerz. Zudem finden die verschiedensten Kulturen Platz im Programm.

Künstler helfen Künstler

Armin Weber blickt auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Seit April 2019 hat er in seiner Busgarage eine Theaterbühne eingerichtet. Als das Konzert von Bluatschink am 12. März 2020 in Götzis abgesagt wurde, bot er Toni Knittel, dem Sänger der Band, kurzerhand an, dass sie in der Kleinkunsttankstelle Theatergarage in Sulz auftreten können. Dies war das letzte Livekonzert und zugleich das erste Streamingkonzert. 39 weitere sollten folgen. Bis zu 4000 Personen haben pro Stream zugeschaut. „Mir war es wichtig, dass der Hunger auf Konzerte wach bleibt. Die Vorarlberger MusikerInnen wollten gerne spielen und wir boten ihnen die Bühne dazu. Gleichzeitig riefen wir die Aktion ‚Kunst hilft Kunst‘ ins Leben. Mit Bernie Weber (Schellinski, Never Do Well, Twiste Of Fate) hatte ich einen Partner, der sofort mit im Boot war“, erklärt Armin Weber. Statt eines Eintritts wurden die ZuschauerInnen gebeten, auf ein Spendenkonto einzuzahlen. Mit den Spenden konnten 2020 35 Vorarlberger KünstlerInnen geholfen werden. Die Förderungen wurden unbürokratisch und einfach gewährt. Die Streamingkonzerte konnten nur mit Hilfe eines Teams umgesetzt werden. Martin Beck, Michael Summer, Mathias Ehrne und Sabrina Schlager waren für die Technik zuständig, Matthias Zuggal kümmerte sich um die Bildregie. Zwei Mal die Woche streamten sie aus der Theatergarage. „Das Spezielle dabei war, dass wir zwei Bühnen hatten, eine in der Garage, die andere im Bus. Dort führten wir Interviews mit den Künstlern, die sich mit den spielenden Musikern abwechselten. Das sorgte für eine kurzweilige Unterhaltung“, so Weber. Von Tanz, Literatur, Blues über Klassik bis zu Dialektmusik war alles vertreten. „Das Team ist durch diese Livestreams extrem zusammen gewachsen.“ Ein Highlight war die 50-Jahre-Feier von FLINT, bei der Reinhold Bilgeri, Michael Köhlmeier und Nolde Luger vom Musikfestival auf der Burgruine Neuburg erzählten. Wie geht es mit der Theatergarage weiter? „Jetzt ist einmal eine Pause angesagt, dann schauen wir weiter. Sicher ist, dass diese Art von alternativer Theaterkunst ein Minderheitenprogramm bleiben wird. Das war vor Corona so und wird auch danach so bleiben. Einen gewissen Stellenwert wird Kunst jedoch immer in unserem Leben haben. Für mich waren die Ereignisse Tschernobyl und 9/11 einschneidender als diese Pandemie. Die Kontrolle und Überwachungen seit 9/11 haben extrem zugenommen und haben auch Auswirkungen auf die Kulturszene. Es gibt keine Veranstaltungen mehr, bei der nicht der Rucksack und die Handtasche kontrolliert werden. Das ist mittlerweile Normalität geworden.“ Die Veranstalterszene wird sich mit den neuen Begebenheiten arrangieren, davon ist Armin Weber überzeugt. „In der Programmauswahl bin ich zum Glück frei, da ich keine Förderungen bekomme, mir kann also auch niemand dreinreden“, freut sich Weber. „Diese Inseln an alternativer Kultur wie die Theatergarage sind wichtig. Es braucht sie genauso wie die großen Massenveranstaltungen“, ist er überzeugt.

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Die Streamingkonzerte können alle auf theatermobil.jimdo.com/ stream-in-kunst-hilft-kunst/ nachgehört werden. Homepage von Radio Proton: radioproton.at Empfangbar auf UKW 104,6MHz Bludenz/Walgau/Montafon – UKW 104,3MHz Feldkirch/Göfis/ Vorderland – UKW 101,1MHz Dornbirn/Hofsteig/Lustenau – UKW 92,7MHz Bregenz/Hofsteig oder über Livestream.


Thema

MEINE FREUNDE, —

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Der in Italien lebende Künstler tOmi Scheiderbauer (60) arbeitet bis Ende April in seiner Heimat Vorarlberg, unterstützt von einem Stipendium des Landes Vorarlberg und der Stadt Bregenz, die Wohnung und Atelier zur Verfügung stellt.

— DER TUMOR

Text: Daniela Egger, Fotos: Frank Andres, omiotu.com

UND DIE — KUNST —


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er interdisziplinär arbeitende Künstler tOmi Scheiderbauer lebt in Lecce, der Hauptstadt des Salento im Süden Apuliens. Sein Lebensweg ist geprägt von langen Auslandsaufenthalten und zahlreichen Kooperationen mit anderen international arbeitenden Kunstschaffenden. Deshalb lässt sich seine Arbeit nicht so einfach eingrenzen, sie ist so vielfältig wie visionär. Beispielsweise war er Mitbegründer der Künstlergemeinschaft calc – Casqueiro Atlantico Laboratorio Cultural, einem frühen Laboratorium für künstlerische Prozesse, das er gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Teresa Alonso Novo an der spanischen Atlantikküste initiierte. Nicht lange danach waren beide mit dem Aufbau der cittadellarte und der UNIDEE in Zusammenarbeit mit Michelangelo Pistoletto beschäftigt. Sieben Jahre lang haben sie in dem riesigen Gebäudekomplex einer stillgelegten Fabrik in der Nähe von Mailand gelebt und gemeinsam mit Pistoletto gearbeitet, den sie am Bregenzer Seeufer anlässlich der Eröffnung des Kunsthauses Bregenz kennengelernt hatten.

„WAS AUCH IMMER ES SEIN WIRD, ICH MÖCHTE NICHTS ERSCHAFFEN, WAS IN ABSEHBARER ZEIT WIEDER VERPUFFT – DAVON HAT DIE KUNSTWELT SCHON GENUG.“

Tiny House der Kunstwelt

Damals waren sie Teil der Eröffnungsausstellung und setzten in Zusammenarbeit mit den Architekten Koeppel & Martinez einen für das Jahr 1992 wirklich visionären, eiförmigen Holzbau ans Ufer, ganz in der Nähe des Fischerstegs. Im Inneren der Kapsel mit dem Namen „Nave“ entstanden auch erste Skizzen zu einem der weltweit ersten vollkommen partizipativen Kunstwerke, zu sehen unter www.communimage.net. Über das noch junge Internet wurde ein Bild generiert, an dem sich mit der Zeit über 190 Länder beteiligten und das laufend ergänzt und erweitert wird. Das Objekt steht jetzt in Asturias im Nordwesten Spaniens und wird dort als Künstlerresidenz verwendet, es war wohl auch eines der ersten Tiny Houses, die derzeit einen solchen Trend erleben.

Was kann ein Stadtplan noch?

2009 zog es Thomas Scheiderbauer dann nach Süditalien, wo er seither das erste Mal alleine arbeitet – und dabei unter anderem einer beeindruckenden Anzahl von Einwanderern aus Afrika eine Einkommensmöglichkeit geschaffen hat. Nach drei Buchprojekten, die für die Straßenverkäufer noch immer einen beträchtlichen Gewinn einbringen, folgte eine Stadtkarte, die sowohl Touristen wie auch Einwanderern die für sie relevanten Plätze aufzeigt. Er verkauft sich nicht nur wegen seiner ästhetischen Qualität sehr gut – und bietet den Straßenverkäuferinnen wiederum eine wichtige Einkommensquelle – es ist auch und vor allem ein Projekt, das die Sensibilisierung für beide Arten von Besucherinnen und Besuchern einer Stadt vorantreibt und die Bedürfnisse beider Gruppen thematisiert.

Recherchen im Kulturraum

Mehr über seine Arbeit: omiotu.com und zum Blog: ildailyjetzt.com —

Derzeit ist er nach einem Jahr gesundheitsbedingten Rückzugs mit einem Arbeitsstipendium in Bregenz und bereitet zwei Ausstellungen im Herbst vor. Eine Gruppenausstellung im QuadrART in Dornbirn wie auch eine große Einzelausstellung im Bregenzer Magazin 4 sind geplant. Eine schwere Erkrankung (die er Herausforderung nennt) schärfte ihm den Blick auf die wesentlichen Bedürfnisse und Erfahrungen. Unter dem Arbeitstitel „Meine Freunde, der Tumor und die Kunst“ soll diese Grenzerfahrung für ein hoffentlich live anwesendes Publikum sichtbar und erlebbar werden. Auch ein Buch mit den Notizen und Texten aus dieser Zeit nimmt bereits Gestalt an. „Für mich ist das Stipendium eine Gelegenheit für eine breite Recherche, was die Qualität und die Mankos des Kulturraums Vorarlberg angeht. Ich suche nach Möglichkeiten, die ethischen Grundsätze des Stadtplans für Vorarlberg in ein anderes Projekt zu übersetzen. Möglicherweise kommt am Ende auch eine Art ‚Gütesiegel‘ heraus, um gesellschaftlich marginale Vereine, Projekte und Menschen zu unterstützen. Was auch immer es sein wird, ich möchte nichts erschaffen, was in absehbarer Zeit wieder verpufft – davon hat die Kunstwelt schon genug.“ Man darf den Herbst mit Spannung erwarten, in der Zwischenzeit lohnt sich ein Blick auf Scheiderbauers Blog „il daily jetzt“.

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Mittendrin in V

DU BIST NICHT ALLEINE

Geschützter Raum zum Reden und Zuhören: Selbsthilfe-Gruppen leisten einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft und leben von ehrenamtlichem Engagement und jeder Menge Löwenherzblut.

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D

er amerikanische Börsenmakler Bill W. war 22, als er zu trinken begann. Trotz der Einsicht, an einer Krankheit zu leiden, trotz mehrfachen Entzugsphasen und kraftvollen spirituellen Erfahrungen verspürte er eines Abends – allein in einem Hotel in einer fremden Stadt – wieder den mächtigen Zug zur Flasche. Da überkam ihn ein Gedanke, der den Anfang für eine weltweite Bewegung markieren sollte: Wenn er jetzt nur mit einem Menschen in einer ähnlichen Situation reden könnte, würde er vielleicht dem Suchtdruck entkommen. Also rief er die Pfarren der Umgebung an, ob man ihm nicht jemanden vermitteln könne, der alkoholkrank war. Es kam zur entscheidenden Begegnung mit dem für seine Trinksucht bekannten Chirurgen Bob S. Und es sollte sich tatsächlich bewahrheiten: Reden, zuhören – und helfen – hilft. Diese rudimentär gefasste Erzählung bildet den Anfang der Erfolgsgeschichte der Anonymen Alkoholiker, jener Selbsthilfe-Initiative, die von den genannten Protagonisten 1935 in den USA gegründet wurde und inzwischen in rund 185 Staaten dieser Erde vertreten ist. Was für diese Bewegung Ausgangspunkt war, ist bis heute auch der eigentliche Kern der Selbsthilfe-Idee: eine Gemeinschaft zu bilden, die Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilt, um sich gegenseitig bei einem gemeinsamen Problem zu helfen. Egal, ob es dabei um eine Nahrungsunverträglichkeit geht, ein schweres Schicksal oder ein Suchtverhalten. Oberstes Gründungsprinzip: Du musst selbst betroffen sein. Der geschützte Rahmen und die Anonymität sollen dafür sorgen, dass sich Betroffene gut aufgehoben fühlen und sich mit ihren Sorgen dem Kollektiv öffnen können.

Text: Simone Fürnschuß-Hofer, Fotos: AdobeStock, privat

Selbsthilfe-Netz Vorarlberg

In Vorarlberg sind fast 100 unterschiedlichste Selbsthilfe-Vereine und Gruppen unter dem Dach der Plattform „Selbsthilfe Vorarlberg“ versammelt. Geschäftsführer Nikolas Burtscher: „Selbsthilfegruppen entstehen immer dann, wenn es eine Versorgungslücke im Staat gibt. In unserem Netzwerk dreht es sich zu 85 Prozent um gesundheitliche Themen wie Behinderung oder chronische Erkrankungen, die anderen 15 Prozent sind psychosozialen Themen zuzuordnen: beispielsweise verwaiste Eltern, Hinterbliebene nach einem Suizid oder vereinsamte Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammentun.“ Die Selbsthilfe Vorarlberg sieht sich als Anlauf- und Servicestelle für Mitglieder und Neugründungen. Ihre Aufgaben reichen vom Organisieren von Räumlichkeiten bis hin zu „Übersetzungs-Nachhilfe“ bei Gesetzestexten. „Die Gruppensprecher*innen werden bei Bedarf auch in ihrer Kommunikation geschult. Und darin, wie sie psychischen Druck abwenden und sich abgrenzen können. Das gelingt, indem sie sich ihrer Rolle bewusstwerden: dass ihre Arbeit keinen professionellen Anspruch hat, sondern lediglich einen Rahmen bietet“, sieht Nikolas Burtscher einen wichtigen Auftrag in der Befähigung engagierter Personen. „In die Inhalte mischen wir uns nicht ein, bei unseren Schulungen geht es mehr um Haltung und Sprache. Dass zum Beispiel kein ‚du musst‘ formuliert wird und ich nicht meine Lösung als die richtige für andere empfinde“, erklärt Burtscher, wie wichtig diese Unterscheidung zwischen Expertise und dem Selbsthilfe-Prinzip ist. „Bei schwierigen Themen kann man natürlich durchaus auch einmal eine Fachperson in ein Treffen einladen.“

Kooperation statt Konkurrenz

Es läge im Selbstverständnis der Selbsthilfe-Communities, sich in keinen Wettbewerb zu Institutionen zu begeben. Statt in Konkurrenz zu denken würde man viel lieber Anknüpfungspunkte suchen und gemeinsam projektieren. Der studierte Sozialarbeiter dazu: „Vielleicht war das früher anders, aber jetzt ist der Blick beidseitig ein zugewandter. Wir suchen ganz aktiv Kooperationen

Geschäftsführer der „Selbsthilfe Vorarlberg" Nikolas Burtscher


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wie beispielsweise mit dem Fraueninformationszentrum femail, wo aktuell ein Projekt im Kontext psychische Gewalt und Bewusstseinsbildung entsteht.“ Und gemeinsam mit der Krankenhaus-Betriebsgesellschaft wird zum „Selbsthilfefreundlichen Krankenhaus“ ausgezeichnet. „Wir wollen bewusst machen, wie hilfreich es ist, wenn dir beispielsweise bei der Spitalsentlassung ein Folder zugesteckt wird, der darauf aufmerksam macht, dass es bereits eine Gemeinschaft für ein spezifisches Problem gibt und du dort andocken kannst.“

„Selbsthilfegruppen entstehen immer dann, wenn es eine Versorgungslücke im Staat gibt.“ Selbsthilfe in der Pandemie

Seit Mitte März dürfen sich Selbsthilfegruppen wieder treffen. Davor gab es lockdownbedingt eine längere Durststrecke zu überwinden, die auch die Gruppenverantwortlichen und den Verein gefordert hat. „ZOOM ist für die meisten kein probates Mittel, weil es nicht barrierefrei ist. Wenn nun die gewohnten Gespräche mit der Gruppe komplett wegfallen, prasselt oft alles auf die Gruppensprecher*innen ein und bringt diese in die Bredouille. Umso wichtiger war das Backup mit uns, um zu entlasten.“ Jetzt freue man sich jedenfalls über die Wiederaufnahme der Präsenztreffen und auch das Contact Tracing sei gesichert, ohne dabei den für die Teilnehmenden so wesentlichen Datenschutz zu vernachlässigen. Ganz aktuell sei im Übrigen auch eine Selbsthilfegruppe für Covid-Patient*innen mit Langzeitfolgen in Planung. Grundsätzlich sollten Selbsthilfe-Treffen auf möglichst neutralem Boden und wohnortnah stattfinden. In diesem Sinne stehen Räumlichkeiten in allen vier Bezirken zur Verfügung. Auf Barrierefreiheit wird geachtet und an den Versammlungen kann ohne Voranmeldung teilgenommen werden. Interessant dabei auch: Selbsthilfe kennt keine Grenzen und spricht auch Menschen von den benachbarten Ländern an. Wie auch umgekehrt manche Betroffene aus Vorarlberg lieber nach Deutschland oder in die Schweiz pendeln – zumindest in Zeiten ohne Reisebeschränkungen. Burtscher findet, es wäre an der Zeit, den ökonomischen Nutzen von Selbsthilfe zu erforschen: „Interessant wäre es schon, einmal in Factbox Zahlen zu bemessen, was sich der Staat durch dieses Ehrenamt erspart.“ Nein, rechtfertigen müsse man sich heutzutage nicht mehr. Gründung der Selbsthilfe Vorarlberg 2009 (davor Die Akzeptanz und Wertschätzung sei spürbar besser als früher, ge„Club Antenne“), finanziert vom Sozialfonds. rade dank der gebündelten Kräfte durch genannte Kooperationen Der Vorstand setzt sich mit Werner Gohm, Joe oder auch durch Schulterschlüsse mit Plattformen wie dem Verein Meusburger, Sebastian Spiegel und Verena Wil„Lebensraum Bregenz“. Nikolas Burtscher freut sich jedenfalls auf helm aus Personen zusammen, die mit sozialer weitere Gründungswillige: „Es braucht mutige Personen, die sich hinArbeit vertraut sind. Hauptamtlich geführt wird stellen und für die Sache einstehen. Die aus eigener Betroffenheit und der Verein von Nikolas Burtscher. mit Löwenherz agieren, die Sprachrohr sind. Das erfordert Kraft und Ein Folder mit einer Übersicht über alle Selbstwir unterstützen dabei, wo und wie es nur geht.“ hilfe-Vereine und Gruppen ist in Arbeit, derweil bietet die Rubrik „Gesundheit“ der VN oder die Website des Vereins tagesaktuelle Informationen. Kontakt: +43 664 434 96 54, info@selbsthilfevorarlberg.at bzw. selbsthilfe-vorarlberg.at

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Gsi

Kein „Hüsle“ und kein Trauschein für arme Leute Wer zu wenig Geld hatte, durfte früher in Vorarlberg kein Haus bauen und auch nicht heiraten. Mit diesen Verboten wollten die Gemeindevertreter Armut bekämpfen und zudem verhindern, dass sich finanzschwache Leute in ihre Ortschaft niederlassen und Kinder bekommen könnten.

Text: Gerhard Thoma, Foto: pixabay

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B

is in die 1920er Jahre war es nämlich so, dass hauptsef Salzmann durfte sich freuen, da seine Braut 8000 Gulden in sächlich die Gemeinden für ihre verarmte Bürger die Ehe mitbrachte. Weniger Glück hatte Kaspar Thurnher, der bezahlen mussten. Deshalb wurde genau geprüft, 468 Gulden und 36 Kronen ins Treffen führte – zu wenig für wer würdig war, ein Mitbürger bzw. eine Mitbürger­ eine Traumhochzeit. Sein Namensvetter Josef Thurnher hatin zu werden. Der Historiker Hubert Weitensfelder te 600 Gulden zu bieten. Die Gemeinde lehnte ab, weil er „nur hat unter die Lupe genommen, wie das konkret ein Bauer“ sei und auch sonst keine „Profession“ in Dornbirn funktioniert hat. Die Methode war habe. Deshalb könne er nur wenig Geld verdienen jedoch in allen anderen Ortschaften gleich oder und keine Familie ernähren. Der Baumwollweber ähnlich. Martin Hilby argumentierte, er habe ein Haus anBauchweh verursachten den Gemeindevergekauft und mit Mäusefangen im laufenden Jahr tretern zunächst einmal die Häuslebauer. Wer ein 32 Gulden verdient. Seine Braut sei Stickerin und Haus bauen wollte, musste sein Einkommen im besitze 70 Gulden. Die Ortsvorsteher vermerkten, Gemeindeamt und beim Landgericht offenlegen, dass Hilbys Eltern bereits im Armenhaus seien und erklärt Weitensfelder: „Als der Baumwollverleger von der Gemeinde versorgt werden müssten, zuJohann Huber ein Haus und einen Stadel bauen dem würden seine Eltern Hölzer aus den GemeinGernot Egger, Historiker dewäldern stehlen. Ansuchen abgelehnt. Martin lassen wollte, hatte man nichts einzuwenden. Er besitze ein ‚beträchtliches Fabrikswesen‘ und sei Bobleter wurde vorgeworfen, er könne schon sein ‚überaus begütert‘. Doch beklagten die Ortsvertreter beim Landerstes Kind nicht ernähren und habe jetzt auch noch seine zweigericht, dass die vielen Hausbaubewilligungen eine vermehrte te Frau geschwängert; dies zeuge von seiner mangelnden MoZahl von Familien zur Folge hätten; und oft verschwiegen die ral. Apropos Moral: Des öfteren platzten Hochzeiten, weil die Antragsteller ihre Schulden.“ Die Zahl der Häuser sollte eher Heiratskandidaten faul, versoffen oder kriminell seien. Mitunter vermindert als vermehrt werden. So wurde das Ansuchen der wurde auch Leuten, die den Sonntagsgottesdienst schwänzten, Witwe des Adam Klocker, ein Haus zu bauen oder zu kaufen, abder Weg zum Traualtar verwehrt. gelehnt. Ebenso erging es Thomas Salzmann. Aufatmen konnten die Familien von Johann und Ferdinand Kleinbrod: Sie führten Lustenauer durften am Samstag betteln in ihrem Ansuchen im Jahr 1846 an, ihr Vater habe das WohnDie Versorgung derjenigen, die arm geboren wurden, sowie haus an beide Brüder vererbt. Beide Familien durften einziehen. jener Menschen, die zunächst Arbeit hatten, dann aber ihren Ein weiterer Hebel, das Ausbreiten von Armut zu verhinJob verloren und verarmten, wurde seit dem 16. Jahrhundert dern, war das Eheverbot. Wer heiraten und eine Familie gründen ein Problem, das bis ins frühe 20. Jahrhundert immer größer wollte, musste zuerst das Ja-Wort beim Landgericht einholen. wurde. Der Historiker Gernot Egger verweist auf Feldkirch. Das Urteil des Richters stützte sich meistens auf die Meinung Dort bestimmte im Jahr 1551 ein Gesetz, dass alle neu ankomder Gemeindevertreter. Diese wiederum trafen ihre Entscheimenden Bettler zurückzuschicken seien. Bereits in der Stadt dung meistens gemeinsam mit dem örtlichen Pfarrer. „Wer reich befindliche Bettler müssen ein Abzeichen an der Kleidung trawar, brauchte eine Ablehnung nicht zu fürchten“, erläutert Weigen. Trotzdem blieb die Bettlerei landesweit Jahrhunderte lang tensfelder. Dem Eheglück zwischen Hirschenwirt Franz Martin verbreitet – oft waren es Einheimische. In Fußach beispielsRhomberg und seiner Braut Magdalena Luger standen Immoweise konnten zu Beginn des 19. Jahrhunderts 103 Familien bilien und ein Vermögen von 12.000 Gulden zur Seite. Johann ihre Steuern nicht mehr bezahlen, dabei zählte die Gemeinde Thomas Huber und seine Braut pochten auf 5000 Gulden. Jonur 114 Häuser. In Dornbirn waren es 556 Familien, bei gerade

„Waisenkinder wurden in Vorarlberg versteigert.“


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Staatliche Sozialhilfe gab es früher nicht. Etliche verarmte Familien wurden im 18. Jahrhundert aus den Vorarlberger Alpentälern ins Banat umgesiedelt. Sie erhielten dort Land und Hof und waren ein Teil von 150.000 Kolonisten. Das Banat ist ein Teil Rumäniens und gehörte zur Donaumonarchie. Die „Banater Schwaben“ sollten das Land flott machen und dann Steuern bezahlen.

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einmal 5500 Einwohnern. „In Lustenau war der für’s Betteln vorgesehene Tag der Samstag“, verdeutlicht Egger, „in anderen Gemeinden wurden die Armen für eine bestimmte Zeit einer Familie zugeteilt, die sie für diesen Zeitraum ernähren musste – so in Bartholomäberg bis 1905. Die Versteigerung von Waisenkindern ist in Vorarlberg mehrfach belegt, zum Beispiel in Sulzberg bis 1860, als das dortige Armen- und Versorgungshaus errichtet wurde.“ Die meisten Armenhäuser wurden zwischen 1860 und 1880 errichtet. Wer durch Geburt, Wohnort oder Verehelichung Bürger einer Gemeinde war, hatte ein Recht darauf, im Armenhaus versorgt zu werden. Vermeintlich arbeitsscheue Mitbürger wurden oft in Arbeits- und Zuchthäuser außerhalb Vorarlbergs gebracht. Von drakonischen Maßnahmen wie in Rom und Amsterdam blieben die Vorarlberger aber verschont. „In Rom gab es eine Razzia unter den Armen“, erklärt Gernot Egger: „Wer keine schwieligen Hände hatte, wurde im Arbeitshaus interniert. In Amsterdam wurden die Zellen im Arbeitshaus langsam mit Wasser geflutet. Der Insasse hatte das steigende Wasser mit einer kleinen Pumpe zu senken.“ Die Vorarlberger Lösung sah anders aus. Wer konnte, verdingte sich als Saisonarbeiter im Ausland. Wer mutig genug war verließ seine Heimat, meist in Richtung Amerika. Der Rest hoffte auf bessere Zeiten und lebte von Almosen, Zuteilungen von Getreide und als Industriearbeiter. Noch vor 100 Jahren zogen Vorarlberger Kinder jeden Sommer ins Schwabenland, wo sie in der Landwirtschaft arbeiteten.

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marie 59/ April 2021 by marie - Die Vorarlberger Straßenzeitung - Issuu