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Stephanie Turzer
Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Auf Pilgerreise in Mitteldeutschland
Schibri-Verlag
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Satz und Layout: Nicole Helms Cover: Nicole Helms unter Verwendung der Zeichnungen von Stephanie Turzer Zeichnungen und Skizzen: Stephanie Turzer © 2020 • Schibri-Verlag Mail: info@schibri.de Homepage: www.schibri.de Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany ISBN: 978-3-86863-216-3
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Inhalt Vorwort 9 1. Teil Freitag, der 23.03.2018 – Anreise LICHTERFELDE - LEGDE
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Samstag, den 24.03.2018 Tag 1 – LEGDE – HAVELBERG 20 km
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Sonntag, den 25.03.2018 Tag 2 – HAVELBERG – WERBEN 9 km
23
Montag, den 26.03.2018 Tag 3 – WERBEN – HOHENBERG / KRUSEMARK 22km
31
Dienstag, 27.03.2018 Tag 4 – KRUSEMARK – TANGERMÜNDE 25 km
38
Mittwoch, den 28.03.2018 Heimreise TANGERMÜNDE – LICHTERFELDE
45
2. Teil Donnerstag, den 05.07.2018 Anreise nach JERICHOW
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Freitag, den 6.7.2018 Tag 5 – JERICHOW – TANGERMÜNDE 18 km
58
Samstag, den 7.7.2018 Tag 6 – TANGERMÜNDE – BITTKAU 16,5 km
68
Sonntag, den 8.7.2018 Tag 7 – BITTKAU – ROGÄTZ 24,2 km
75
Montag, den 9.7.2018 Tag 8 – ROGÄTZ – MAGDEBURG 32,4 km
81
Dienstag, den 10.07.2018 Tag 9 – MAGDEBURG – SCHÖNEBECK 18,7 km
88
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Mittwoch, den 11.07.2018 Tag 10 – SCHÖNEBECK – ATZENDORF (EGELN) 21 km
96
Donnerstag, den 12.07.2018 Tag 11 – EGELN – KLOSTER GRÖNINGEN 18,8 km
104
Freitag, den13.07.2018 Tag 12 – KLOSTER GRÖNINGEN – HALBERSTADT 26,2 km
110
Samstag, den 14.07.2018 Tag 13 – HALBERSTADT – WESTERHAUSEN 15,2 km (QUEDLINBURG)
116
Sonntag, den 15.07.2018 Tag 14 – QUEDLINBURG – GERNRODE 9 km
125
Montag, den 16.07.2018 Tag 15 – GERNRODE – BALLENSTEDT 10 km
131
Mittwoch, den 18.07.2018 – Heimreise MEHRINGEN – LICHTERFELDE
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Teil 3 Fast ein Jahr später Freitag, den 21.06.2019 – Anreise SCHORFHEIDE – MEHRINGEN
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Samstag, den 22.06.2019 Tag 16 – BALLENSTEDT – Forsthaus FRIEDRICHSHOHENBERG 11,4 km
150
Sonntag, den 23.06.2019 Tag 17 – Forsthaus FRIEDRICHSHOHENBERG – WALBECK 19 km Montag, den 24.06.2019 Tag 18 – WALBECK – LUTHERSTADT EISLEBEN 23 km
160
Dienstag, den 25.06.2019 Tag 19 – EISLEBEN – QUERFURT 23 km
178
168
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Mittwoch, den 26.06.2019 Tag 20 – QUERFURT – MÜCHELN 10 km (eigentlich 27 km)
186
Donnerstag, den 27.06.2019 Tag 21 – MÜCHELN – FREYBURG 16,1 km
197
Freitag, den 28.06.2019 Tag 22 – FREYBURG – BAD KÖSEN 16,8 km
207
Samstag, den 29.06.2019 Tag 23 – BAD KÖSEN – ECKARTSBERGA 16,5 km
217
Sonntag, den 30.06.2019 225 Tag 24 – ECKARTSBERGA – WEIDEN ( BUTTELSTEDT ) 21 km Montag, den 01.07.2019 Tag 25 – WEIDEN – WILLICHEN 20 km
232
Dienstag, den 02.07.2019 Tag 26 – Ruhetag in ERFURT
238
Mittwoch, den 03.07.2019 Tag 27 – ERFURT – WECHMAR 24,1 km
247
Donnerstag, den 04.07.2019 Tag 28 – WECHMAR – NEUFRANKENRODA 22,2 km
251
Freitag, den 05.07.2019 Tag 29 – NEUFRANKENRODA – EISENACH 22,6 km
256
Samstag, den 06.07.2019 Tag 30 – EISENACH – OBERELLEN 14,4 km
262
Sonntag, den 07.07.2019 Tag 31 – OBERELLEN – VACHA 25 km
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Montag, den 08.07.2019 – Heimreise VACHA – LICHTERFELDE
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Nachwort 289
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Vorwort 9
Vorwort „Jetzo kommt für unsereinen doch die allerschönste Zeit. Wenn das Frühjahr tut erscheinen, da geht’s lustig in die Weit`. Wir schnüren die Bündel vor Freude und singen...“ heißt es schon in einem alten deutschen Volkslied. Sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen die Erde berühren, juckt es den Wanderer in den Füßen. Nach der Durchwanderung von BRANDENBURG im letzten Jahr, von der SCHORFHEIDE bis in die PRIGNITZ, soll es nun nahtlos weitergehen mit SACHSEN-ANHALT. Und wer weiß, vielleicht komme ich ja irgendwann noch mal in SANTIAGO de COMPOSTELA an. Aber das sind Träume in weiter Ferne. Im Moment ist mein Terminkalender so was von voll, dass ich befürchte, nicht mal mein diesjähriges Ziel in Gänze zu erreichen, SACHSEN-ANHALT zu durchwandern. Der größte Hinderungsgrund ist mein Job. Seit vier Jahren bin ich wieder als Lehrerin tätig, so dass ich mich auf die Ferienzeiten beschränken muss. Ja, Lehrern geht es in der Beziehung vielleicht ein wenig besser als anderen Leuten. Aber die Ferien lassen sich nun mal nicht verschieben. Wenn ich wählen könnte, würde ich im Mai oder Juni laufen. Was nützen mir zwei Wochen rund um Ostern? Da kann die Pilgerreise in eine Winterwanderung ausarten, wie die Erfahrung der letzten Jahre zeigt. Das macht sich ganz schlecht, wenn man unterwegs auch malen will. Das Malen ist mir wichtig. Einfach nur pilgern kann jeder. Ich bin aber nicht jeder. Ich bin die Malerin vom JAKOBSWEG. Mein neuer Reiseführer vom Verlag JANOS STEKOVICS verrät mir, dass ich auf der ersten europäischen Kulturstraße pilgern werde. Und um alle wichtigen Kulturstätten kennenzulernen, ist der Weg stolze 400 Kilometer lang. Oh, mit soviel hatte ich jetzt gar nicht gerechnet. Der Weg schlängelt sich von BERLIN kommend nordwestwärts über JERICHOW und TANGERMÜNDE nach STENDAL, von dort in südlicher Richtung gen MAGDEBURG und SCHÖNEBECK, dann einen großen Haken gen Westen schlagend bis hin nach HUYSBURG und HALBERSTADT, am HARZ entlang von QUEDLINBURG bis HETTSTEDT und nun wieder südwärts über LUTHERSTADT EISLEBEN, QUERFURT und NAUMBURG bis hin nach ECKARDSBERGA an der thüringischen Grenze. So kommt man auf 20 Tagesetappen mit je 20 Kilometern im Durchschnitt. Von wegen in den Sommerferien mal von einer Schwester zur anderen laufen, wie ich mir das so schön vorgestellt hatte, könnte schwierig werden. Zumal ich am Ende der Ferien mal eben zwei Wochen Urlaub in ÖSTERREICH mit meinen Kindern geplant habe. Das muss auch mal sein. Wir sehen uns ja nicht
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
so oft. Ich freue mich doch, dass sie mich mitnehmen wollen. Notfalls muss ich den JAKOBSWEG stückeln. Und dann gibt es da noch gute Bekannte in ASCHERSLEBEN, zwei ehemalige Kollegen, die schon vor der Wende dorthin in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind. Wenn ich durch SACHSEN-ANHALT laufe, soll ich sie unbedingt besuchen. Ein Besuch wäre überfällig. Das mag ja sein. Aber wie soll ich das hinkriegen? Der Weg führt nicht durch ASCHERSLEBEN, sondern im großen Bogen drumherum. Wir sind nun übereingekommen, dass sie mich in BALLENSTEDT abholen, der Ort, der ASCHERSLEBEN auf meiner Route am nächsten kommt. Und dann ist da noch das Ding mit meiner Schwester, die ich auch seit ewigen Zeiten nicht besucht habe. Sie wohnt mit ihrer Familie im südlichen Harzvorland in der Nähe von NORDHAUSEN. Ich hatte mir vorgestellt, den HARZ zu überqueren, am besten gemeinsam mit meiner Schwester. Das ginge auch ganz gut von BALLENSTEDT aus. Dann würde ich allerdings alle Etappenziele, die südöstlich davon liegen, zu einem späteren Zeitpunkt absolvieren. So nehmen meine Pläne langsam Gestalt an. Einen Haken hat die Sache noch. Da ich nicht von BERLIN komme, sondern von Norden aus dem brandenburgischen BAD WILSNACK beziehungsweise LEGDE, wo meine Pilgerreise im letzten Jahr endete und ich genau dort weiterlaufen will, kommen noch mal schlappe vier Etappen bis TANGERMÜNDE hinzu. Das ist genau der Abschnitt, der in meinem alten Reiseführer auch noch beschrieben war. Diese vier Etappen hätte ich natürlich noch geschafft. Zeit hatte ich. Aber ich wurde von meinem alten Vater ausgebremst, der es natürlich nur gut mit mir meinte und mich unbedingt am Ostermontag in LEGDE bei meiner Schwester abholen wollte. Er wollte mich nach Hause bringen und endlich meine neue Behausung begutachten. Also werter Leser, Sie merken schon, meine Sommerferien sind eindeutig zu kurz. Ich kenne die Sprüche, so viel Urlaub hätten Sie auch gerne. Aber was sage ich da, es hätten alle Lehrer werden können. Wenn das Wetter zu Ostern einigermaßen mitspielt, könnte man ja schon mal ein paar Etappen absolvieren. Es läuft alles auf eine kurzfristige Entscheidung hinaus, zumal die Osterferien in diesem Jahr schon in der letzten Märzwoche beginnen. Als ich Ende Februar / Anfang März krank darnieder liege, mit einer wirklich schrecklichen Grippe das Bett hüten muss, ruft mich meine alte Schulfreundin an, was nicht so oft vorkommt. Umgekehrt aber auch nicht. Wir sehen uns selten, vielleicht ein oder zwei mal im Jahr, obwohl sie gar nicht so weit weg wohnt. Es hat eben jeder mehr oder weniger mit sich zu tun. Sie arbeitet in Schichten in einer REHA-Klinik und bekommt ohne schulpflichtige Kinder nur außer-
Vorwort 11
halb der Ferien Urlaub. Sonst hätten wir sicherlich schon mal was zusammen gemacht. Sie ist genau so eine Wandertante wie ich. Auch sie ist schon ein Jahr vor mir ebenfalls ganz alleine nach BAD WILSNACK gepilgert. Jedenfalls ruft sie mich jetzt an und erzählt mir, sie hätte bis Ostern Urlaub. Nachdem wir eine Weile gequatscht haben, kommen wir auch zufällig auf mein diesjähriges Vorhaben zu sprechen. Weißt du, was ich machen will, frage ich sie. Es dauert eine Weile, bis der Groschen bei mir fällt, dass wir tatsächlich beide in der Woche vor Ostern frei haben. So frage ich sie doch einfach, ob sie nicht Lust hätte, mich zu begleiten. Vorausgesetzt, das Wetter spielt mit und ich bin bis dahin wieder gesund. Mit dieser Wendung des Gespräches haben wir beide nicht gerechnet. Klar will sie mit mir wandern. Ich soll sie auf dem Laufenden halten, die Wetterentwicklung beobachten und dann kurzfristig die Quartiere buchen. Der März zeigt sich dann von seiner winterlichen Seite. Klirrende Nachtfröste von bis zu minus 20 Grad Celsius lassen uns zittern. Der Winter zieht noch mal alle Register. Doch mit Beginn der Osterferien wird ein laues Frühlingslüftchen angekündigt. Am Donnerstag buche ich alle Quartiere, also wirklich erst einen Tag vor Abfahrt, obwohl es den ganzen Tag dicke Flocken schneit. Erst gegen Abend geht der Spuk in Regen über. Egal, die Wetterprognosen versprechen Besserung zumindest für das Wochenende. Ein paar Kleinigkeiten und eine Fahrkarte sind noch einzukaufen, einfach um morgen Zeit zu sparen. Bargeld muss ich noch auftreiben und der Uschi den Schlüssel für mein neues Tor bringen. Seit letzter Woche bin ich stolze Besitzerin eines schmiedeeisernen Zauns mit elektrischem Schiebetor. Man gönnt sich ja sonst nichts. Der unansehnliche grüne Maschendrahtzaun gekrönt von Stacheldraht ist endlich Geschichte. Da geht es hin, mein liebes Geld. Eigentlich wollte ich jetzt kürzer treten, was Geld ausgeben betrifft. Doch diese Pilgerreise wird auch nicht ganz billig, sowie das direkt folgende Osterfest mit Familientreffen in THÜRINGEN. Die Familie meines Mannes, nein Exmannes, trifft sich. Schon deshalb kann ich jetzt nur vier Tage wandern, genau wie meine Freundin, die Ostern wieder arbeiten muss. In den Sommerferien geht es dann aber definitiv alleine weiter, so wie sonst auch immer. Am Freitag nach dem Unterricht packe ich schnell meinen Rucksack und mache mich per Bus und Bahn auf den Weg nach BAD WILSNACK.
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1. Teil Freitag, der 23.03.2018 – Anreise LICHTERFELDE - LEGDE Der Zug rollt durch plattes Land. Die Felder warten auf ihre Bestellung. Noch ist der Frost im Boden. Auch ich konnte im Garten noch keine Erdarbeiten durchführen. Während bei uns im Osten des Landes noch Schneereste von gestern zu sehen waren, ist es hier in der PRIGNITZ nur noch grau. Die Bäume recken ihre kahlen Äste in einen trüben Himmel. Zum Wandern lädt das Wetter gerade gar nicht ein. In der WUNDERBLUTKIRCHE in BAD WILSNACK hole ich mir den ersten Stempel für meinen nagelneuen Pilgerpass, denn die Kirche von LEGDE ist bestimmt wieder verriegelt und verrammelt. Ob ich jetzt hierher gepilgert wäre, will die Dame in dem kleinen Laden wissen. Ja und nein, sage ich ihr, angekommen bin ich im letzten Jahr, jetzt will ich hier starten. Da erinnert sie sich sogar an mich und zieht zu meiner Überraschung mein Buch aus dem Regal. Toll! Besser kann mein Start gar nicht sein. Das ist eine echte Überraschung. Vor einem Jahr äußerte ich mein Empfinden, dass dieser Pilgerroman hier perfekt passen würde. Und tatsächlich hat sie schon mehrere Exemplare davon verkauft. Nach Verlassen der Kirche muss ich keine zwei Minuten warten, da kommt meine Schwester um die Ecke gerollt. Das nenne ich Timing. Sie kommt gerade von der Arbeit und nimmt mich mit nach LEGDE, wo unsere Wanderung morgen früh starten soll. Fehlt nur noch meine Freundin Regina. Wo bleibt sie nur? Ich schicke schon ganz aufgeregt SMS durch´s Land, ohne eine Antwort zu bekommen. Wir machen uns wirklich Sorgen, zumal weiter östlich noch Schnee liegt und sich mit der Dunkelheit auch Nebel über das Land gelegt hat. Von vielen Unfällen ist in den Nachrichten die Rede. Aber sie will unbedingt mit dem Auto anreisen. Ich habe keine Ahnung, was sie noch für Kühe zu melken hat. Kurz nach sieben, wir sind schon beim Abendbrot, erscheint sie endlich. Da hat sie aber Glück, dass sie von diesem Supermenü meiner Schwester noch was abbekommt. Nach Geschnetzeltem mit Pilzen, Brokkoli und Kroketten, hinterher ein leckerer Rucolasalat, lassen wir den Abend bei einem Glas Wein ausklingen. Allein dafür hat sich das Herkommen doch schon gelohnt. Meine Schwester ist das absolute Küchenwunder. Bei ihr wird immer gebrutzelt und gebacken nach allen Regeln der Küchenkunst. Sie verwöhnt die ganze Familie, in erster Linie Mann und Sohn, die gerne ein Stück Fleisch auf dem Teller haben. Auch das Nesthäkchen, die inzwischen 15-jährige Alyssa, ist kein Kostverächter.
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Rike will sich überlegen, ob sie uns auf der ersten Etappe begleitet. Das sollte sie auch. Als sie das letzte Mal mit mir gepilgert ist, hat ihr großer Zeh ein wenig gelitten. Oder auch etwas mehr. Er musste sogar operiert werden. Sie hatte einfach die falschen Schuhe an.
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Samstag, den 24.03.2018 Tag 1 LEGDE – HAVELBERG 20 km Aufbruch zu dritt Meine Schwester hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen mitzukommen. Das freut mich sehr. Ihr lieber Micha will sie auf Zuruf in HAVELBERG abholen. Gegen 9:20 Uhr marschieren wir nach einem kräftigen Frühstück Richtung Dorfmitte am QUITZOW-Denkmal vorbei. Hier soll das Pferd eines Herrn von QUITZOW begraben sein, also nicht er selbst, sondern sein adeliger Gaul. An der ewig verschlossenen Kirche, die natürlich auch heute zu ist, wie ich schon vermutet hatte, schießen wir ein Selfie von uns Dreien, um der Welt zu berichten, dass es jetzt losgeht. Genau hier bin ich am Ostersonntag, am 16. April des vergangenen Jahres angekommen. Nun bin ich voller Erwartungen und gespannt, was das neue Abenteuer so bringt. Da meine Schwester inzwischen über Ortskenntnisse verfügt, sie wohnt seit bestimmt 30 Jahren hier im schönen Dorf LEGDE, schlägt sie uns statt Asphaltstraße gleich mal einen schöneren Weg nach LENNEWITZ, ins Nachbardorf, vor. Wirklich sehr schön, aber mindestens doppelt so weit wandeln wir auf Feldwegen. Vielleicht musste sie genau hier früher Rüben hacken. Die Gaststätte im Zentrum des Dorfes, in der sie damals einen Job bekommen hatte, gehörte mit zur LPG. Alle Angestellten waren automatisch Mitglied in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft des Dorfes. Als ordentliches Mitglied bekam auch sie zwei Reihen Rüben zugewiesen, um die sie sich zu kümmern hatte. Für eine junge Frau aus der Stadt war das was ganz Neues. Wir sind immerhin im Plattenbau in PERLEBERG groß geworden. Und die letzte Zeit hatte sie in MEININGEN gelebt. In der Gaststätte hat sie dann ihren Micha kennengelernt, der zu den Ureinwohnern des altehrwürdigen Dorfes zählt und hier niemals weggehen würde. Im Jahre 1274 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt im Rahmen eines Grenzstreits mit der südlichen Nachbargemeinde RODDAN. Das Wetter meint es tatsächlich gut mit uns. Alle Vorhersagen sind eingetroffen. Die Sonne scheint und die Natur feiert erstes Frühlingserwachen. Rehe und Hasen springen über die Felder. Regina ist entzückt über die vielfältige Vogelwelt.
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Sie hat sogar ein Fernglas dabei und lässt uns an ihren ornithologischen Entdeckungen teilhaben. Traktoren pflügen die Äcker, Scharen von Möwen im Gefolge. Nach etwa einer Stunde marschieren wir in LENNEWITZ ein, 1310 erstmals urkundlich erwähnt, wahrscheinlich jedoch älter. Der Name stammt aus dem Slawischen und hat was mit „Faulpelz“ zu tun. Die Einwohner scheinen aber fleißig zu sein, denn wir befinden uns in einem neckischen Rundlingsdorf mit vielleicht zehn Bauernhöfen und einer schönen Jugendstilkirche mittendrin, deren Uhr an dem schlanken Turm besonders ins Auge sticht. Das grau und weiß verputzte Gotteshaus wurde 1909 errichtet nach den Plänen des Berliner Architekten Georg Büttner. Die Verzierungen stammen vom Kunstmalereiunternehmen Otto Linnemann aus FRANKFURT am MAIN. Als die Landwirtschaft vor dem ersten Weltkrieg noch ordentlich was einbrachte, ersetzten die reichen Bauern die alte inzwischen unansehnlich gewordene Fachwerkkirche durch diesen modernen Bau. Auf dem mit roten Ziegeln eingedeckten Dach des Turmes thront ein weiteres Türmchen, so dass es weithin sichtbar ist. Ackerbau im großen Stil wird von den hiesigen Familien nicht mehr betrieben. Aber einen Sack Kartoffeln kann man trotzdem kaufen. Die vollbeladene Schubkarre gleich vor dem ersten Gehöft ist nicht zu übersehen. Allerdings sind diese Erdfrüchte das Letzte, was ich im Moment brauche. Ich habe nicht vor, unterwegs etwas zu kochen. Und mein Rucksack darf wie immer nicht schwerer als neun Kilogramm sein. LENNEWITZ gehört genau wie LEGDE zur Gemeinde QUITZÖBEL, benannt nach diesem alten Adelsgeschlecht der QUITZOWS, im Landkreis PRIGNITZ. Wir befinden uns also noch immer im Land BRANDENBURG. Alle drei Orte haben zusammen knapp 600 Einwohner. Es ist eine wirklich dünn besiedelte Gegend, dafür landschaftlich sehr reizvoll mit ihren ELB- und HAVELAUEN. Nach QUITZÖBEL nehmen wir dann doch die Straße. Irgendwann wollen wir ja mal ankommen. Viel Verkehr ist hier nicht zu befürchten. Auch von diesem Dorf sind wir begeistert, dem früheren Stammsitz des märkischen Adelsgeschlechts derer von QUITZOW, gegen Ende des 14. Jahrhunderts vorübergehend das mächtigste Adelsgeschlecht BRANDENBURGS. Das muss passiert sein, als die Linie der ASKANIER, mit denen wir es auf dieser Reise auch noch zu tun kriegen, ausgestorben ist mit dem frühen Tod des jungen WALDEMAR, auf dem alle Hoffnungen der Familie ruhten. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Der berühmt berüchtigte Raubritter Dietrich von QUITZOW ist ebenfalls aus diesem hier ansässigen Geschlecht hervorgegangen, der durch Brandschatzung und Plünderung seine Besitztümer vermehrte, der diebische Halunke. In des Dorfes Mitte drehen wir eine Runde um die eindrucksvolle spätgotische Backsteinkirche mit auffallend schönem Ostgiebel. Dort treffen wir an ei-
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nem Gehöft auf der Westseite auf den Herrn Idel, das einzige menschliche Wesen weit und breit. Was für ein Glück! Zufällig ist er der Verantwortliche für den Kirchenschlüssel und gewährt uns Einlass in die heiligen Hallen. Er erzählt uns, dass die Kirche Anfang des 16. Jahrhunderts hier errichtet wurde. Natürlich hat er auch einen Pilgerstempel, und was für einen. Er zeigt die drei Hostien der WUNDERBLUTKIRCHE von BAD WILSNACK und die Jakobsmuschel. Es ist nun schon mein zweiter Stempel in dem neuen Pilgerpass, den ich mir von der St. Jakobus Gesellschaft SACHSEN-ANHALT habe schicken lassen. Die grüne Stempelfarbe leuchtet richtig. Als Dankeschön schreiben wir einen Vers ins Gästebuch, das interessante Einträge zu bieten hat. Herr Idel erzählt auch noch ein paar Geschichten von besonderen Begegnungen. Auch diese Kirche füllt ihre Räumlichkeiten durch kulturelle Veranstaltungen, zum Beispiel Konzerte im Rahmen des PRIGNITZ-Sommers oder Lichtbildvorträge von Sommerfrischlern. Dann müssen wir aber weiter. Rike will unbedingt noch das Schloss sehen, in dem ihr Mann einst die Schulbank drückte, nachdem auch von den QUITZOWS und deren adligen Nachfolgern hier keiner mehr wohnte. Inzwischen geht hier kein Kind mehr zur Schule. Alle werden mit dem Schulbus bis nach BAD WILSNACK und die Größeren sogar nach WITTENBERGE kutschiert, für die Kinder eine halbe Weltreise. So befindet sich das ungenutzte Gebäude in einem ruinösen Zustand. Es wächst langsam zu, wie einst das Dornröschenschloss im Märchen, und ist absolut keine Sehenswürdigkeit mehr. Wahrscheinlich fehlt es an Geld und vor allem an der zündenden Idee, wie man das Gemäuer nutzen kann. Mit meinem laienhaften Sachverstand würde ich sagen, für dieses Haus kommt jede Hilfe zu spät. Auch in meinem Dorf, in LICHTERFELDE, gibt es ein Schloss. Genau wie hier wurde auch dieses Gebäude zu DDR-Zeiten als Schule genutzt. Mir war als Bewohnerin des Nachbardorfes durchaus bewusst, dass es diese Schule gab und man sogar zehn Schuljahre dort absolvieren konnte. Ich habe aber nie einen Schritt hinein gesetzt, da meine Kinder genau wie alle ALTENHOFER noch ein Stück weiter fahren mussten, nämlich bis in die CLARA-ZETKIN-SIEDLUNG, ein Ortsteil von EBERSWALDE. Obwohl die Schule dort sehr schön, klein und familiär war, meine Kinder dort gut aufgehoben waren, bedauere ich bis heute alle Fahrschüler. Als wir dann viele Jahre später nach LICHTERFELDE zogen, kam mir das Wort „Schloss“ erstmalig zu Ohren. Dass dieser steinerne grau verputzte Kasten ein Schloss sein sollte, sogar ein echtes SPARRENSCHLOSS, wollte ich erst gar nicht glauben. Tatsächlich ließ ein Herr von SPARR in den Jahren 1565 bis 1567 hier von einem Venezianer diesen Bau errichten. Sehr einladend muss es nicht gewesen sein. Es hatte noch im 19. Jahrhundert weder Treppe noch Küche. So schrieb es Theodor Fonta-
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
ne in seinen „Wanderungen durch die MARK BRANDENBURG“. Es existierten lediglich zwölf Zimmer und zwölf Klosetts. Immerhin! In einer Sage heißt es, der Edelmann verzichtete bewusst auf eine Treppe, um die Unschuld seiner Tochter zu bewahren, also ungewollte Liebhaber fernzuhalten. Das Edelfräulein musste den Vater bei Bedarf in einem Korb in die obere Etage befördern. Wie schon bei Rapunzel blieb der Vorgang nicht unbeobachtet. Und zack war es um die Jungfräulichkeit geschehen. So wurde dann im Nachhinein außen die Treppe angebaut. Um 1970 wurde das hohe Krüppelwalmdach wahrscheinlich aus Kostengründen abgerissen und durch ein Flachdach ersetzt. Das Gebäude wurde neu verputzt und dabei sämtliche Stuckelemente entfernt. Damit änderte sich das Erscheinungsbild vollkommen. Für Nichteingeweihte war es nicht mehr als Schloss zu erkennen. Zu irgendeinem Dorffest habe ich doch mal einen Fuß über die Schwelle des Gemäuers gesetzt. Ich war dann echt beeindruckt von den noch vorhandenen Gewölben im Untergeschoss und den wahnsinnig dicken Mauern. Inzwischen hat sich die Gemeinde in Unkosten gestürzt, wahrscheinlich auch Fördergelder aufgerissen, ein neues Dach spendiert und die Fassade hell verputzt. Die Außenanlagen wurden zur Freude aller Kinder in Spielplätze umgewandelt. Nun ist es wieder ein Schloss. Die Lichterfelder Kinder haben ein neues Schulgebäude bekommen auf der anderen Seite des Schlossparks, allerdings nur für eine kleine einzügige Grundschule, die sehr um ihre Existenz kämpfen muss, wie das auf den Dörfern so ist heutzutage. Als ich dort vor Kurzem mal als Lehrer einspringen durfte, war es ein sehr angenehmes Arbeiten mit teilweise nur 15 Kindern in einer Klasse. Das einstige Schlossgebäude wird mittlerweile vom ganzen Dorf genutzt. Es ist zu einer Begegnungsstätte für jung und alt geworden. Es beherbergt den Jugendklub, den Faschingsverein, ein Tonstudio und einen Seniorentreff. Sogar heiraten kann man dort. Ich wollte mal eins der zwölf Zimmer als Atelier mieten. Leider war für mich nichts mehr frei. Vielleicht wäre das noch eine Idee für das Schloss in QUITZÖBEL, hier eine Künstlerkolonie ins Leben zu rufen. Schöne Landschaft in Form der ELBTALAUEN ringsherum ist reichlich vorhanden. Aber Künstler sind ja meistens arme Schlucker. Wir laufen dann weiter in Richtung Deich, nehmen zur Abwechslung mal eine Abkürzung durch ein Waldstück am Brackwasser vorbei. Alles sehr idyllisch! Ich würde mich hier am liebsten auf die Wiese legen an diesem sonnigen und windgeschützten Fleckchen. Erste zarte Frühlingsgefühle kommen auf. Dann überqueren wir mehrere imposante Wehranlagen, die sogenannten Vorfluter, die hier kurz vorm Zufluss der HAVEL in die ELBE die Landschaft vor Hochwasser schützen sollen. In den Niederungen beider Flüsse hatte die Bevölkerung schon immer gegen Hochwasser zu kämpfen. Während der Wasserstand
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der ELBE sich in Spitzenzeiten um sage und schreibe vier Meter erhöhen kann, sind es in der HAVEL höchstens zwei Meter. Das heißt, das Wasser der HAVEL kann nicht mehr abfließen und staut sich bis RATHENOW zurück. Ohne diese vier Wehre bei QUITZÖBEL und auch GNEVSDORF würde bei Hochwasser auch das Wasser der ELBE in diese Richtung gedrückt. Trotzdem kommt es immer wieder zu dramatischen Situationen. Seit dem letzten ELBE-Hochwasser finden umfangreiche Sanierungsmaßnahmen von Wehr- und Deichanlagen statt, die zum Teil immer noch anhalten. Meine Schwester Rike erzählt, dass auch ihre Männer, Mann und Sohn, beim Hochwasser im Einsatz waren zum Füllen der Sandsäcke. Die Bewohner der Nachbardörfer wurden evakuiert. Die Einwohner von LEGDE konnten bleiben. Sie hatten Glück.
Willkommen in SACHSEN-ANHALT Hinter dem letzten Wehr ist dann die HAVEL überquert. Dort steht ein großes Schild, das uns mit zahlreichen Informationen in SACHSEN-ANHALT begrüßt. Wir erfahren, dass der ELBE-Radweg, den auch wir hier benutzen wollen, wegen der oben genannten Bauarbeiten gesperrt ist. Wir blicken auf eine wirklich wüste Baustelle. Aber das soll uns als Fußgänger nicht stören, zumal heute am Samstag nicht gearbeitet wird und sich auch hier die Ruhe des Wochenendes breit macht. Dieser Deichabschnitt ist von Baumaschinen total aufgewühlt und zerfahren. Die Stämme einiger Weiden, die man hier gefällt hat, liegen ordentlich aufgestapelt am Wegesrand. Auf einem solchen Stamm lassen wir uns nieder zur ersten Rast, vertilgen unser Brötchen und beobachten dabei mehrere Seeadler, die wie ein Brett, wie Regina es bezeichnet, über dem Gewässer schweben. Sie ist ganz aus dem Häuschen über das rege Treiben in der Luft und auf dem Wasser der hier recht breiten HAVEL. Wir befinden uns jetzt genau zwischen den zwei Flussläufen. Milane, Silberreiher, Graugänse und Schwäne sorgen für weitere ornithologische Ergüsse. Und nebenbei machen die auch noch ordentlich Krach. Auf unserem Weg kommen wir dann an fünf oder sechs niedlichen liebevoll hergerichteten Häusern vorbei, die unmittelbar am Deich stehen, sich regelrecht hinter den Deich ducken, und teilweise zu Ferienzwecken vermietet werden. Das muss die kleine Siedlung NEU WERBEN sein. Von hier hat man einen schönen Blick über die majestätisch dahinfließende ELBE bis hin nach WERBEN, die Stadt am gegenüberliegenden Ufer, morgen unser Etappenziel. Bestimmt gibt es hier schöne Sonnenuntergänge. Und hier schlägt uns ein eisiger Wind entgegen. Wir ziehen die Pudelmütze tiefer ins Gesicht. Inzwischen tun uns die Beine und vor allem die Füße weh. Das muss am Asphalt liegen. Unser JAKOBSWEG verläuft hier auf dem Fahrradweg, der sich
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auf der Deichkrone entlang schlängelt. Der Dom von HAVELBERG ist schon zu sehen, aber er will einfach nicht näher kommen. Das tut er natürlich auch nicht. Das müssen wir schon selber machen. Wir versuchen nun, wenigstens mit einem Bein neben dem Asphalt zu gehen, auf die Dauer auch keine Lösung. Rike meint, sie hätte schon Bleifüße. Dann sollte sie das Autofahren nachher ihrem Ehemann Micha überlassen. Da er diese Tätigkeit über alles liebt, gibt er den Platz hinterm Lenkrad sowieso nicht freiwillig her. Vor uns sehen wir auf einmal eine Menge Autos auf dem Deich stehen. Dürfen die das? Haben die was mit dem Dampfer zu tun, der da unten auf der ELBE kreuzt? Nein, ein Stück weiter treffen wir auf eine Menschengruppe, die hier übt, wie man Sandsäcke aufstapelt. Also alles Leute, die zum Katastrophenschutz gehören wie THW (Technisches Hilfswerk) und LHW (Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft SACHSEN-ANHALT). Sie proben in regelmäßigen Abständen für den Ernstfall, falls die Wasser über die Ufer treten oder trotz aller Baumaßnahmen ein Deich bricht. Der Weg nach HAVELBERG zieht sich. Jetzt rächen sich die zusätzlichen zwei Kilometer von heute früh. Durch das viele Wasser müssen wir eigentlich am Ort vorbeilaufen, um dann von Süden her einzumarschieren. Das letzte Mal war ich hier zur BUGA. HAVELBERG war einer der vier Orte, die durch das blaue Band, die HAVEL verbunden sind und zeitgleich die Bundesgartenschau ausrichten durften. Meiner Meinung nach war das nicht die allerbeste Idee, dieses Ereignis so großflächig zu verteilen. Von RATHENOW weiß ich, dass die Veranstalter jetzt auf einem Schuldenberg sitzen. Allerdings hatten sie auch Pech mit dem Wetter. Zwei Mal haben Stürme großen Schaden angerichtet. Ein Besucher wurde sogar von einem herunterfallenden Ast erschlagen. Das ist schon der reinste Horror. Jedenfalls hatte sich HAVELBERG unheimlich herausgeputzt. An allen Ecken und Enden waren verschiedene Gärten und Grünanlagen zu besichtigen. Das Schönste war im Stadtzentrum die Kirche mit der Dahlienschau. Das war eine Vielfalt an Formen und eine Farbenpracht. Man musste sogar anstehen, um dort hineinzukommen. Und auch sonst konnte man vor Menschenmassen kaum treten. Und ich dachte so bei mir, hier musst du unbedingt nochmal herkommen, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist. Nun bin ich also wieder da und erkenne als Erstes das HAUS der FLÜSSE wieder, das speziell für die BUGA hier am südlichen Ortseingang errichtet wurde. Es beherbergt eine durchaus sehenswerte und vor allem bleibende Multimediaausstellung mit interessanten Informationen zur HAVEL-Niederung und zum Biosphärenreservat MITTELELBE. Nach Überquerung von Hauptstraße und HAVEL sind wir schon am alten Postamt, wo Regina und ich heute übernachten wollen. Natürlich ist das keine
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Post mehr. Die wurde hier wegrationalisiert wie vielerorts. Jetzt befindet sich in diesen Räumen die „Inselpension“. Da ich uns erst für 16 Uhr angemeldet habe, gehen wir auf die Suche nach einem Kaffee und werden fündig im BILDERBUCH-CAFÉ am Markt. Der gut besuchte Laden kann mit selbstgemachten Torten punkten. Mittels Mandarinen-Quarktorte und Cappuccino gelingt die Wiederbelebung. Rike geht es mit Himbeer-Sahne und Regina mit Apfel-Sahne-Torte auch wieder gut. Das Lokal können wir mit gutem Gewissen weiterempfehlen. In unserer Pension wird schwer gearbeitet – gemalert und gewerkelt. Eigentlich eröffnen sie erst am 1. April. Für uns machen sie eine Ausnahme und geben uns das Zimmer zum Sonderpreis. Hauptsache, zu nachtschlafender Zeit wird nicht mehr gehämmert. Ich brauche meine Ruhe. Wir werfen die Rucksäcke ab und wollen uns oben im Dom, der hoch über der Stadt thront, einen Pilgerstempel holen. Da kommen wir leider zu spät. Wir kriegen einen Stempel im benachbarten PRIGNITZ-Museum. Hier erfahren wir auch Wissenswertes über die alte Hansestadt, die bis zum Jahre 1952 noch zur brandenburgischen WESTPRIGNITZ gehörte. ALBRECHT der BÄR war es, der HAVELBERG im Jahre 1136 endgültig den Slawen streitig machte, so dass hier ein Domkapitel gegründet und 1150 der Bau des Domes begonnen werden konnte, der dann 1170 geweiht wurde. Dieser übernahm zusätzlich die Funktion einer Wehranlage in der noch nicht vollständig befriedeten Region. Ausdruck dafür ist der wehrhafte Charakter des mächtigen Turmes, des sogenannten Westwerks. Mit der Ansiedlung des Bischofssitzes begann auch die Entwicklung HAVELBERGS zur Stadt. Sie entstand ebenfalls in der Mitte des 12. Jahrhunderts räumlich getrennt und unterhalb vom Dombezirk auf einer Landzunge in einer Flussschleife der HAVEL, durch den künstlich geschaffenen Burggraben nun eine Insel. Die Stadt erhielt drei Stadttore. Weitere Befestigungsanlagen waren wegen der Insellage nicht nötig. Dafür hatte der Dombezirk mit Kathedrale, Kloster und den dazugehörigen Nebengebäuden auf dem Höhenrücken eine eigene Befestigungsanlage. Nach dieser Aktion der Wissenserweiterung verlässt uns mein sieben Jahre jüngeres Schwesterchen. Ihr Micha holt die müde Wanderin heim. Ich fand es schön, dass sie uns an diesem ersten Tag begleitet hat. Genau so habe ich es mir gewünscht. So viel Zeit verbringen wir sonst nicht zusammen. Und ihr hat es trotz schmerzender Füße auch gefallen, hoffentlich dieses Mal ohne so schwerwiegende Folgen, wie bei unserer letzten gemeinsamen Wanderung. Ich verspreche ihr, sie die nächsten Tage auf dem Laufenden zu halten. Regina und ich, wir zwei Alten, bleiben dann noch ein wenig da oben in der Sonne sitzen – schreiben und malen bis uns die Kälte wieder in die Knochen zieht. Mein erstes Bild in SACHSEN-ANHALT zeigt den Blick über die Dächer von HAVELBERG.
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Stephanie Turzer – Die Malerin vom Jakobsweg Teil III
Havelberg
Im FONTANE-Restaurant lassen wir uns noch ein kleines Abendbrot in Form von mediterranen Vorspeisen schmecken, während sich die Dunkelheit über die Stadt legt. In der Pension wird immer noch lautstark gehämmert, dass der Putz rieselt. Mann oh Mann, das kann ja heiter werden. Die scheinen echten Termindruck zu haben.