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Wie machen Sie das, Herr Bogatu?

Illustration: Anita Allemann

Gibt es die Bretter noch? Mit der Formulierung «die Bretter, die die Welt bedeuten» hat Friedrich Schiller 1803 eine weit verbreitete Metapher für die Theaterbühne geprägt. Über 200 Jahre danach wird auf der Bühne noch immer gemordet, verraten, Treue geschworen, verachtet, be­wun­dert, geliebt und gehasst... Doch wie steht es um «die Bretter», auf denen Shake­speares Romeo und Julia ihr Leben aushauchten? Gibt es diese Bretter auf der Bühne noch? In der Regel gibt es einen von der Bühnenbildnerin oder dem Bühnenbildner gestalteten Boden, der aus Gründen der Praktikabilität und des Designs nicht aus einzelnen Brettern besteht, da das Legen und Befestigen von einzelnen Brettern (zu) viel Zeit braucht, die Bretter sich verziehen können und schwerlich nach Marmor oder Sandstein aussehen. In der einfachsten und preisgünstigsten Version kann solch ein Boden nur aus einem bemalten festen Tuch bestehen, einem sogenannten Bodentuch, auf dem z. B. unsere Carmen das Zeitliche segnet. Häufiger trifft man in unseren Bühnenbildern je­doch auf dünne, bemalte Hartfaserplatten (preiswertes Material, aus dem ein Möbel­ haus aus Skandinavien z.B. Rückwände von Schränken herstellt). Auf diesen wird in Parsifal der Heilige Gral enthüllt. In Idomeneo und Maria Stuarda bestand der Boden aus 2 x 1 m grossen, 20 mm dicken Bodenplatten, die mit einem Stoff beklebt wurden, den unsere Malerinnen und Maler als Bretterboden gestaltet haben. Im Ballett Romeo und Julia sterben unsere Protagonisten auf einem schwarzen PVC-Boden – das Standardmaterial für Tanzböden –, der in langen Bahnen ausgerollt und mit Klebeband verbunden wird. Unter dem Tanzteppich liegt der «Schwing­ boden» – dieser besteht aus federnd gelagerten Holzplatten, die den Tänzerinnen und Tänzern bei Sprüngen weiche Landungen garantieren. In Faust – Das Ballett ist der PVC-Boden allerdings direkt auf Holzplatten geklebt; die schwere, fahrbare Rückwand, das fahrende Studierzimmer von Faust und die rollenden Tische hätten Bahnen, die nur mit Klebeband fixiert sind, sonst abgerissen. Neben dem Design, der Stabilität, der Praktikabilität, dem Preis und der «Be­ tanzbarkeit» gibt es auch akustische Ansprüche an unsere Böden. So besteht z. B. der Boden im Orchestergraben aus «Resonanzplatten», das sind 5 cm starke Platten mit eingearbeiteten Hohlkörpern, die den Klang des Orchesters positiv beeinflussen. In Lunea wurden die Bodenplatten auf Wunsch des Bühnenbildners mit einem bedruck­ ten Teppich beklebt. Dieser schluckte die Geräusche der schnellen Möbel-Umbauten und die Schritte unserer Technikerinnen und Techniker ganz hervorragend. In La forza del destino haben wir den Boden aus zwei Holzplatten mit einer da­ zwischenliegenden Korkschicht zusammengeleimt: Diese Trittschalldämmung er­wies sich in Tests als äusserst effektiv und reduziert das unerwünschte Getrampel auf einem Holz-Hohlboden. Bretter gibt es im Bühnenbild also nur noch ganz selten; doch wer die Gelegen­ heit hat, einmal unsere leere Bühne zu betreten, der kann unter einer schwarzen Farb­ schicht Bretter erkennen. Diese 5 cm starken Bretter aus Schwarzkiefer sind am besten geeignet, um die tonnenschweren Dekorationen zu tragen und gestaltete, schwingen­ ­de, musizierende oder schweigende Böden auf ihnen zu befestigen. «Die Bretter, die die Welt bedeuten» – sie bilden auch heute noch die Grundlage für alle unsere Insze­ nierungen. Sebastian Bogatu ist Technischer Direktor am Opernhaus Zürich

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Profile for Opernhaus Zürich

MAG 59: La forza del destino  

Schwerpunkte: Premiere «La forza del destino», «oper für alle» am 16. Juni 2018, Wiederaufnahmen «Schwanensee» und «Das Land des Lächelns»

MAG 59: La forza del destino  

Schwerpunkte: Premiere «La forza del destino», «oper für alle» am 16. Juni 2018, Wiederaufnahmen «Schwanensee» und «Das Land des Lächelns»