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nr.3/2012

Teil 2

Der Fluch der bösen Tat

Die Katastrophe des jüdischen Alpinismus in der Ersten Republik Österreich und der Weimarer Republik

Von der Gründung der alpinen Vereine zum Tat-Antisemitismus der Zwischenkriegszeit Der radikalste Propagandist des antisemitischen Deutschnationalismus in Wiens Alpinvereinen wird Eduard Pichl, die alpine Brücke von Schönerer zu Hitler. Pichl, der fanatische Jünger des deutschnational-antisemitischen Anschlusspolitikers Georg Ritter von Schönerer, leitet seine völkische Agitation 1921 mit seiner manipulierten Einschleusung in die Austria ein, die 1924 zum Ausschluss der Juden aus dem Alpenverein führen wird. 1918 – Vom Revanchismus zum Rassenkampf Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wird in Österreich wie in Deutschland die grenzüberschreitende alldeutsche Volkstumsideologie zum Integrationsinstrument revanchistischer Wiedererstarkungsbemühungen, der „Arierparagraph“ ihr irrationales Allheilmittel. Die Volkstumsideologie vom Alldeutschtum stellt einerseits die Legitimation für den Wiedergewinn der im Krieg verlorenen deutschen und österreichischen Gebiete dar, andererseits macht sie mit ihrem deutsch-jüdischen Gegensatz den „Arierparagraphen“ zum „Allheilmittel“ der deutschen Volksgemeinschaft. Die Ausbreitung dieses Irrationalismus erfolgt dabei am stärksten in den Ideologieverbänden der Gruppierungen des Bürgertums. Hier ergreift der Nationalsozialismus bereits in den 1920er Jahren vor allem die Jugend.

1921 – Die Austria verstößt ihre Juden

Ein erster österreichischer Antrag auf die Einführung des „Arierparagraphen“, 1919 von der Sektion Villach gestellt, wird wegen eines Formalfehlers abgelehnt: Das AustriaMitglied Robert Grienberger stellt daraufhin als Verwaltungsausschuss-Vorsitzender des DÖAV den Antrag, die Einführung des „Arierparagraphen“ den Sektionen selbst zu überlassen, was vom Alpenvereins-Hauptausschuss mit überwiegender Stimmenmehrheit genehmigt wird. Nach den ersten „Arierparagraphen“ in den Sektionen Villach und Graz 1920 führen zahlreiche Sektionen, vor allem in Österreich und Süddeutschland, den „Arierparagraphen“ in ihre Statuten ein. Als Hauptagitator im Deutschen und Österreichischen Alpenverein fühlt sich Eduard Pichl nach dem Tod Schönerers 1921 dazu berufen, dem Tatantisemitismus im Alpenvereinswesen zum Durchbruch zu verhelfen. Mit Hilfe der sogenannten „Arierpartei“ in der Austria, an deren Spitze Mitglieder des Mariahilfer Turnvereins unter der Führung des Austria-Funktionärs Anton Baum stehen, wird Pichl für die Kandidatur als Vorsitzender lanciert. In einer manipulierten Vorstandswahl gelingt Pichl im Februar 1921 der Durchbruch als neuer Vorsitzender der Sektion. Im Frühjahr 1921 bereitet Pichl dann die Abstimmung um den „Arierparagraphen“ in der Austria vor: Tausende sogenannter deutscher Volksgenossen werden – sogar in Zeitungsinseraten – zum bezahlten Eintritt in die Austria

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Die manipulierte Einschleusung Eduard Pichls in die Alpenvereinssektion Austria im Wiener Rathaus Februar 1921. In: Austria-Nachrichten, Wien 1941, Folge 11, S. 86

Die Ausbildung der Alpenvereinsjugend als systematische Vorbereitung für den Zweiten Weltkrieg – das programmatische Fanal auch der Akademischen Sektion Wien des DÖAV 1937. In: Festschrift 50 Jahre Akademische Sektion Wien des Deutschen Alpenvereins 1887-1937, Wien

geworben, mit ihren Stimmen wird der „Arierparagraph“ durchgesetzt, die zweitausend jüdischen Mitglieder der Austria damit zum Austritt gezwungen. Gleichzeitig gründet Pichl zur Wiederaufrichtung der „Wehrhaftigkeit“ nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Austria-Jungmannschaft und als deren Leistungsgruppe die Austria-Bergsteigerschaft, deren Mitgliederscharen auch zum Beitritt in den nationalsozialistischen Terrorverband „Deutsche Wehr“ gebracht werden.

Die Faschisierung der Wiener Alpinvereine

Pichls Radikalismus bringt die faschistischen Tendenzen auch in jenen Alpinvereinen Wiens zum Durchbruch, die ihren „erzwungenen Abwehrkampf “ gegen „Unterjochung und Aussaugung durch das Judentum“ nicht schon vor dem Ersten Weltkrieg begonnen hatten. 1921 folgt auch der Österreichische Touristenklub, mit 35.000 Mitgliedern in 44 Sektionen der zweitgrößte österreichische Alpinverband, Dr. Rainer Amstädter dem Vorbild der Austria. 

ÖTK Klubmagazin 4/2012  

Das Klubmagazin für ÖTK-Mitglieder. Ausgabe Juli-August 2012.

ÖTK Klubmagazin 4/2012  

Das Klubmagazin für ÖTK-Mitglieder. Ausgabe Juli-August 2012.

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