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TEXT: ANDREAS REICHEBNER | Fotos: Simon höllerschmid, zvg

eines seiner Steckenpferde – zahllose Ausstellungen und auch das Stadtarchiv hat er mit wichtigen Erinnerungstücken schon unterstützt. Erinnern und daraus Konsequenzen und Lehren ziehen, das wird Helmut auch in seiner journalistischen Karriere immer wieder in den Vordergrund stellen. Auf nach St. Pölten Aber so weit sind wir noch nicht. Der heute 80-Jährige macht 1954 zunächst einmal die Matura und will Deutsch und Geschichte studieren. Aber Geld ist knapp, daher ist er froh, als ihn sein Bruder Walter ins VoithKinderheim, das von der sowjetischen USIA-Verwaltung betrieben wird, als Erzieher holt. Ohne Ausbildung, aber mit unendlicher Herzenswärme, wird er zum beliebten Betreuer. Nach dem Staatsvertrag verliert er seinen Job und bewirbt sich bei der ÖBB. Trotz Einstufung als Kommunist, was ihm viele Nachteile bringt (Weber tritt später aus Protest gegen den Einmarsch in Prag 1968 aus der Partei aus), schafft er es bis zum Bahnhofsvorstand am St. Pöltner Alpenbahnhof. Im Laufe seiner Bahnkarriere hilft er, auch wenn manchmal nicht ganz den strengen Regeln entsprechend, vielen Menschen. Dem bloßfüßigen Portugiesen, der nach Zürich wollte, oder dem Maler, der gar seine gemalte „Hl. Johanna“ bei ihm für seine Hilfestellung zurückgelassen hätte. Nicht bei Weber, denn Hilfsbereitschaft, ohne dafür eine Gegenleistung dafür zu verlangen, ist für ihn selbstverständlich. „Mitte der 60er-Jahre hat mich dann mein Bruder zu den St. Pöltner Nachrichten geholt, da gab es keine Kulturseite. Die habe ich aufgebaut“, so Weber, der schon immer kunst- und kulturaffin war. Von da an ist er aus der gesellschaftlichen und kulturellen Szene in St. Pölten nicht mehr wegzudenken. Er sieht viel, erweitert seinen

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Horizont und kann, Gedächtnis sei Dank, dem erstaunten Schreiber dieser Zeilen noch heute die Besetzungen der kulturellen Events, die er über die Jahrzehnte gesehen hat, beinahe lückenlos aufzählen. Weber lebt im Geiste der Personen, die als Sozialdemokraten, ChristlichSoziale und Kommunisten damals im 45er-Jahr, wie er sagt, „Berndorf aus dem Gatsch gezogen haben.“ Quer über alle Unterschiede der Religion, Hautfarbe hinweg sieht er sich den Menschenrechten verpflichtet: „… so ist jeder Mensch vor dem Gesetz gleich …“ Wenn er einen Bettler sieht, dann kauft er ihm etwas zu essen, wenn er afghanischen Flüchtlingskindern begegnet, versorgt er sie mit Spielzeug. Er lädt armenische Familien zu einem Kinobesuch eines Filmes, der sie mit ihrer Geschichte konfrontiert. „Menschen wie ich“, ist seine Devise, und denkt dabei auch immer wieder an seinen Onkel Franz Schmaldienst, der 1943 als Mitglied einer Untergrundbewegung und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus von der Gestapo hingerichtet wurde.

Helmut Webers Geschichte ist auf den ersten Blick eine vermeintlich ganz normale und zugleich eine ganz besondere, weil der Mensch dahinter ein außergewöhnlicher ist: Erstens erzählt seine Geschichte anhand eines Einzelnen die Historie eines ganzen Landes, zweitens erzählt sie davon, dass man mit Menschlichkeit viel bewirken kann und drittens, dass soziales und gesellschaftspolitisches Engagement auch im privaten Bereich sinnvoll ist und die Humanisten und kritischen Geister zum Glück noch nicht ausgestorben sind … und … und … Wie sagt Weber schmunzelnd, wenn er einmal, was nicht oft vorkommt, seinen Unmut zeigen will: „Du hast Begräbnisverbot!“ Ich, der ihn bei den St. Pöltner Nachrichten als junger Kulturredakteur kennenlernen durfte und seit Jahren als Freund begleiten darf, verbiete mir ohnedies die nächsten zwanzig Jahre sein Begräbnis, weil, so wie Helmut geistig und körperlich fit ist, er wahrscheinlich meines erleben wird.

Zeit der Pension In seiner Pension ist er schwer beschäftigt, er gibt literarische Lesungen, tritt als Nikolaus auf, initiiert und unterstützt Mahnmale für Widerstandskämpfer und sucht jederzeit humorvolle und tiefgehende Gespräche. Das kann manchmal auch anstrengend sein, fordernd – als Scheherazade hätte er keinerlei Probleme tausend und eine Nacht zu erzählen – aber es ist in den meisten Fällen befruchtend. Dass er dabei noch immer für seine Familie – Frau Eva, vier Kinder Gerhard, Irene, Sascha und Nadja, vier Enkelkinder Beate, die Drillinge Bettina, Stefan und Bernhard – jede Menge Zeit aufbringt, ist auch aufgrund seines fortgeschrittenen Alters eine Sensation.

„Menschen wie ich.“ Helmut Weber redet nicht nur davon, sondern er lebt dieses Motto auch als praktizierender Humanist. MFG 02.15

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MFG - Das Magazin / Ausgabe 53  

MFG - Das Magazin in hochwertiger Ausführung, durchgehend 4c auf aufgebessertem Papier mit attraktivem Content auf mindestens 56 Seiten. Die...

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