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FALTER
KLIMAMAGAZIN
„Durch Katastrophismus und Untergangsrhetorik wird unser politisches Denken in falsche Richtungen gelenkt.“ Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hätte sich als Student auch an die Straße geklebt. Heute rät er Jugendlichen, ein technisches Fach zu studieren, statt in Katastrophismus zu verfallen. Ein Gespräch über die Irrtümer der Letzten Generation
GESPRÄCH: FLORIAN KLENK
W
Wie verbessert man die Welt ohne sektiererisch zu werden und ohne in Alarmismus zu verfallen? In einem Wiener Kaffee diskutierte der Falter mit einem scharfen Kritiker der Letzten Generation, dem Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann. Er sieht die Aktionen und Untergangsszenarien der Klimaaktivisten kritisch, warnt vor Katastrophismus, Zurechtweisungsdiskursen und moralischer Selbsterhöhung.
Falter: Herr Professor Liessmann, wenn Sie bei einem Spaziergang durch die Stadt Aktivisten sehen, die sich auf der Straße festkleben, um uns aufzurütteln und uns dazu zu bringen, nicht mit Verbrennungsmotoren zu fahren oder zu viel Fleisch zu essen, was geht da in Ihrem Kopf vor? Konrad Paul Liessmann: Auf dem Weg hierher habe ich zunächst einmal keine Aktivisten gesehen, die sich festgeklebt hätten, sondern unzählige Menschen, die freudig shoppen, ins Kaffeehaus gehen und flanieren. Ich habe also nicht den Eindruck, dass bei uns jene große Weltuntergangspanik ausbricht, die die Letzte Generation beschwört. Ich sehe also einen gewissen Widerspruch zwischen dem imaginierten Bedrohungsszenario und dem realen Leben der Leute.
Offenbar haben die Leute keine Angst vor der Zukunft. Liessmann: Die Sache ist eben komplexer: Die Klimaveränderung, die jetzt so bedrohlich geworden ist, ist ja nicht dadurch entstanden, dass irgendjemand beschlossen hätte, dass wir im großen Stil die Welt zerstören. Sondern es waren lauter kleine Schritte. Wir sind vom Fahrrad auf das Moped, vom Moped auf das Auto umgestiegen. Wir haben begonnen, energieintensive, aber sehr bequeme und das Leben erleichternde Geräte wie Kühlschränke
Konrad Paul Liessmann, 70, ist einer der bekanntesten österreichischen Philosophen. Er unterrichtete an der Universität Wien, ist Publizist und scharfer Kritiker der Umweltverschmutzung, insbesondere durch den Autoverkehr. Er kritisiert zugleich die sektiererischen Auswüchse der Klimabewegung. Zuletzt erschien bei Zsolnay sein Essay „Lauter Lügen“
oder Waschmaschinen zu benutzen. Wir haben dann vielleicht mal einen Flug riskiert, um die Welt zu sehen. Die Flüge sind billiger geworden, also haben immer mehr Menschen diese Chance, Weltoffenheit zu demonstrieren, genützt. Es war eine Alltagspolitik der kleinen Schritte, die in Summe zu dieser Belastung des Planeten geführt hat. Und daher muss man wiederum viele Schritte setzen, um da wieder rauszukommen. Aber ich glaube nicht, dass man dafür tatsächlich ein Katastrophenszenario braucht, dessen religiöser Ursprung unübersehbar ist. Die Aktivisten würden einwenden, man müsse die Leute wecken, wenn sie zufrieden über die Straße gehen, daher diese dramatischen Aktionen. Liessmann: Das Problem bei dramatischen Appellen liegt allerdings darin, dass sie unglaublich schnell an Kraft verlieren, wenn sie sich nicht bewahrheiten. Greta Thunberg hat unter Berufung auf amerikanische Klimaforscher im Jahr 2018 erklärt, wir hätten noch genau fünf Jahre Zeit, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Thunberg hat diesen Tweet nun wieder stillschweigend gelöscht. Die Warnungen müssen auch mit den Erfahrungen der Menschen korrelieren. Zudem weiß ich nicht, ob wir wirklich so gebaut sind, dass wir Veränderungen nur dann in die Wege leiten, wenn wir mit Bildern konfrontiert werden, deren Plausibilität erstens nicht nachvollziehbar ist und deren Drohpotenzial und damit verbundene politische Implikationen zu vordergründig sind. Klimaaktivisten wenden ein, man sehe das Artensterben nicht sofort, man sehe die vielen Kipppunkte, die möglicherweise bald erreicht sind, nicht sofort. Viele Dinge nehmen wir im Westen kaum wahr: Fluchtbewegungen, Hitzetote, Abwanderung. Liessmann: Das kann und soll man ja alles benennen. Es gibt entsprechende Prognosen, es gibt Modelle. Das Problem ist allerdings: Wir reden immer von der Zukunft. Aber wir können über die Zukunft
nur in Wahrscheinlichkeiten sprechen, wir können nur Hochrechnungen anstellen. Und unsere Zukunftsprognosen wirken wieder zurück auf unser Handeln. Es gibt keine wissenschaftlichen Fakten über die Zukunft des Klimas, es gibt nur Modelle, es gibt nur Berechnungen, es gibt Hypothesen. Es gibt ein Abwägen unterschiedlicher Szenarien unter unterschiedlichen Bedingungen. Abgesehen davon muss man natürlich auch Nebeneffekte einrechnen: Natürlich könnten wir sofort unseren Energieverbrauch drastisch reduzieren. Der Preis dafür wäre eine neue globale Armut. Wollen wir das? Können wir das wollen? Was würde das tatsächlich bedeuten? Das heißt, die soziale Frage ist ja hier nicht zu entkoppeln von der reinen klimatechnischen Frage. Die Erzählung von Katastrophenszenarien gibt es, solange es die Menschheit gib. Wann hat man damit begonnen? Liessmann: Die erste mir bekannte Weltuntergangserzählung ist die Geschichte von der Sintflut. Interessanterweise eine Flutkatastrophe, die noch gar nichts mit menschengemachten Klimaveränderungen zu tun hatte, sondern die gottgewollt war. Der Plot: Die Menschen leben so, wie sie nicht leben sollen, deshalb werden sie untergehen müssen. Weltuntergangsszenarien haben immer drei Elemente. Erstens: Der Zustand, in dem wir leben, ist ein Zustand der vollkommenen Sündhaftigkeit, also Klima-Sündhaftigkeit im modernen Fall. Zweitens: Wir haben es aufgrund der Sündhaftigkeit gar nicht mehr verdient, zu existieren. Daher, drittens, braucht es die große Umkehr, die große Einsicht, den großen Wandel, die große Veränderung. Diese Struktur zieht sich durch die meisten unserer apokalyptischen Szenarien. Ganz deutlich wird es bei der „Apokalypse“, der „Offenbarung“ des Johannes.