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Christiane Jacquat

Die Pflanzenbilder des «I. H.» Eine rätselhafte Sammlung handkolorierter Glasdiapositive

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Josef Hanel (1865-1940) 00000000000000

Josef Hanel wird am 29. März 1865 in Hennersdorf geboren, vielleicht im Schein einer der ersten Petroleumlampen, die im Dorf verwendet wurden. Das Neugeborene wird, wie es damals üblich war, bereits einen Tag nach der Geburt getauft. Sein Vater Anton ist zunächst Schuhmacher und arbeitet später als Maurer. Gemeinsam mit seiner Frau Johanna, geb. Wurst, wohnt er in einem der für die Region typischen Holzhäuser, die Hausnummer ist 167. Heute steht an dieser Stelle ein Wohnhaus aus den 1950er-Jahren. 1865 gehörte das im Sudetenland gelegene Hennersdorf zum Kaisertum Österreich. Heute muss man es unter dem Namen Jindřichov (ve Slesku) in der Region Mähren-Schlesien im Nordosten der Tschechischen Republik, unweit der polnischen Grenze suchen. Das Dorf erstreckt sich beidseits des «Petersbachs» und besitzt ein Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Es zählt etwa 3000 Einwohner, doppelt so viele wie heute. Seit Generationen leben die Dorfbewohner von der Landwirtschaft. Aber die Region entwickelt sich zunehmend; es siedeln sich Betriebe für Textilverabeitung und Musikinstrumentenbau sowie Brauereien an. Der kleine Josef ist vier Jahre alt, als in Hennersdorf eine Poststelle eröffnet wird. Drei Jahre später, im Jahr 1872, kann der Junge die Ankunft der Eisenbahn miterleben. Der direkte Zugang zum Eisenbahnnetz der österreichisch-ungarischen Monarchie, aber auch nach ganz Europa ist nunmehr möglich und eröffnet neue Horizonte. Mit der Geburt des Bruders Eduard im Jahr 1875 wächst die Familie, nachdem zwei Geschwister, Anton und Johanna, kurz nach der Geburt gestorben waren. Die Familie Hanel bewohnt jetzt das Haus Nr. 279. Am 21. Juli 1890 werden Josef Hanel und die aus Weichs in Oberbayern stammende Anna Maria Westermaier in der Mariahilfer Kirche in Wien getraut. Hatte die Braut sich gewünscht, an diesem Wallfahrtsort zu heiraten, nachdem sie selbst den Vornamen Maria bevorzugte? Die jungen Eheleute,

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25 und 23 Jahre alt, beziehen in der Magdalenastrasse 65 im 6. Bezirk ihr Domizil. Wien ist eine pulsierende Stadt, in der sich überall kleine und mittelgrosse Unternehmen niederlassen. Zahlreiche Handwerker kommen auf der Suche nach einem Broterwerb in die Stadt. Josef findet Arbeit als «Zimmermalergehilfe»; die Dekorationsmalerei ist am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebt. Die städtische Entwicklung beschert der Bauwirtschaft eine Hochkonjunktur. Zahlreiche Gebäude werden im Stil der Zeit, oft mit Trompe-l’œil-Malereien, die die Natur nachstellen, geschmückt. Ausgefeilte Techniken und anspruchsvolle Kenntnisse machen es möglich, mit geringem Kostenaufwand Holz und Stein zu imitieren oder Gipsstuck wie wertvollen Marmor aussehen zu lassen. Josef Hanel besucht vielleicht Ausbildungskurse, die während der Wintermonate in den neuen Dekorationsmalereischulen angeboten werden. Oder folgt er bereits anderen künstlerischen Wegen, die ihn zur Fotografie bringen? Die ersten handlichen Fotoapparate sind begehrt, aber das fotografische Material ist teuer. Die Einschreibung an einer der Fachschulen kann nicht nachgewiesen werden, weder an der Akademie der Bildenden Künste noch an der Kunstgewerbeschule oder der 1888 ganz neu gegründeten Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, an der nunmehr die zukünftigen Fotografen ausgebildet werden. Was man aber weiss, ist, dass sein jüngerer Bruder Eduard von Beruf Fotograf ist. Hat er Josef bei seinen autodidaktischen Anfängen begleitet, als er versucht, die Natur nicht mehr auf einer Wand, sondern auf einer Glasplatte abzubilden, die er mit der Präzision eines Dekorationsmalers koloriert? Das Ehepaar Hanel verlässt Wien in den Jahren zwischen 1904 und 1910. Im März 1915 ziehen Maria und Josef Hanel aus dem österreichischen Dorf Furth bei Göttweig (Krems), etwa 60 Kilometer von Wien entfernt, nach München. Dort wohnen


«Kornblumen im Roggenfeld», mit Hennersdorf im Hintergrund. (Naturkundemuseum im Ottoneum, Kassel.)

sie zunächst in der Oberländerstrasse 9/3 und ein knappes Jahr danach in derselben Strasse Nummer 16/3. Im Alter von fünfzig Jahren arbeitet Josef als Maler und Fotograf, der sich auf die «Herstellung farbiger Lichtbilder zu Lehrzwecken» spezialisiert hat. Als Mitarbeiter von Hans Schnegg (1875–1950), einem Fachmann der Hefereinzucht und Professor an der Akademie für Landwirtschaft und Brauereien Weihenstephan, vertieft Josef Hanel sicherlich seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse. Hanel wird selbst ein guter Mykologe und widmet sich nun dem Fotografieren von Pilzen in ihrer natürlichen Umgebung. Um auf einem einzigen Negativ die notwendigen Bestimmungsmerkmale einer Art und die Charakteristika ihrer ökologischen Nische darzustellen, inszeniert er mehrere Pilze auf einem Bild. Die botanische Komposition und der natürliche Lebensraum werden dank der von ihm perfekt beherrschten fotografischen Technik naturgetreu wiedergegeben. Dazu kommt die mit höchster Genauigkeit ausgeführte Kolorierung. Die Glasdiapositive, die Josef Hanel erstellt, sind wegen ihrer Exaktheit von grossem wissenschaftlichem Wert

und zugleich künstlerisch äusserst ansprechend. Sie wurden von Hans Schnegg für Vorträge und Publikationen verwendet. Seit 1914 tobt der Erste Weltkrieg. Es sind harte Zeiten in Deutschland und den anderen kriegsbeteiligten Ländern. Die Knappheit der Lebensmittel erfordert unkonventionelle Lösungen, um den Hunger in der Bevölkerung zu lindern. Ratgeber wie zum Beispiel die Bücher «Es muss reichen!», «Das sparsame Kochen» oder «Kochbuch für fleischlose, fettlose und eiersparende Kost» dienen als Anregungen, wobei die fehlenden Zutaten mit viel Fantasie und einfachen Mitteln ersetzt werden. Professor Schnegg empfiehlt seinen Mitbürgern den Verzehr von Pilzen, die reich an Proteinen, Vitaminen und Mineralsalzen sind. Um das Sammeln zu unterstützen, Vergiftungen aber zu vermeiden, verfasst er drei kleine Bestimmungshefte, die mit Fotos von Josef Hanel bebildert sind. «Die essbaren Pilze und deren Bedeutung für unsere Volkswirtschaft und als Nahrungsmittel» erscheint 1916 in Schwarz-Weiss, im selben Jahr dann «Unsere

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Wohnorte des Ehepaars Hanel. (Grenzen des ehemaligen Sudetenlands,1938.)

Giftpilze und ihre essbaren Doppelgänger», das im Vierfarbendruck erstellt wird, eine echte Hilfe für Anfänger unter den Pilzsammlern. 1917 folgt «Unsere Speisepilze. Auswahl der häufigeren und wichtigeren Markt- und Liebhaberpilze»; ausserdem veröffentlicht er Merkblätter für alle Haushalte, wie das «Merkblatt über Pilze» und das «Merkblatt für die Giftpilze mit Berücksichtigung einiger der häufigsten ungeniessbaren Arten». Illustrierte und mit Legenden versehene Kartenserien, Auszüge aus den von Hans Schnegg veröffentlichten Büchern, werden ebenfalls verkauft. Die aussergewöhnliche Qualität der Arbeit von Josef Hanel wird in den Werken hervorgehoben, ebenso wie die Bemühungen des Verlegers, der das für den Druck benötigte Material auftreiben konnte. Bilder von Josef Hanel, die in den Büchern von Hans Schnegg publiziert waren, werden auch vom Versandhaus Eduard Liesegang in Düsseldorf angeboten, das für seine Projektionsapparate bekannt ist. Eine Serie von Glasdiapositiven mit dem Titel «Unsere Pilze», die mit einem Erläuterungsheft ausgestattet ist, vereint 63 seiner Werke.

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Josef Hanel macht sich 1917 in München selbstständig. Im September desselben Jahres zieht er nach Solln, heute ein Vorort von München, und im Oktober 1918 in das 60 Kilometer entfernte Bad Aibling. Von dort aus vertreibt er seine Glasdiapositive «Früchte des Waldes» an verschiedene Pilzsammlervereine, die diese wertvollen Glasplatten von unvergleichlicher Qualität mit Begeisterung aufnehmen. In dieser Zeit erweitert Josef Hanel wohl sein Repertoire, das bis dahin eher auf Pilze beschränkt war. Er fertigt nun Illustrationen der bayerischen Wälder an, dokumentiert die Nutzung der Torfgebiete in der Gegend von Bad Aibling mit ihrer besonderen Vegetation, fotografiert Flechten, Laubmoose und Lebermoose. Die meisten dieser Arten werden in ihrem natürlichen Biotop wiedergegeben, aber einige Objekte fotografiert er jetzt im Studio. Ludwig Klein (1857–1928), Professor für Botanik an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, wirbt Josef Hanel, wie aus einem Briefwechsel hervorgeht, zur Mitarbeit an seinem 1921 publizierten Buch


Werbeannonce von Josef Hanel in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. (Beiträge zur Biologie der Pflanzen,1927, hintere Umschlagseite.)

Arbeit hervorzuheben. Obwohl Farbfilme seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erschwinglich werden, sind handkolorierte Glasplatten weiterhin für die Projektion auf Grossbildleinwand besser geeignet, weil sie gestochen scharf sind. Für kleine Lehrinstitute waren handkolorierte Glasplatten jedoch oft zu teuer, und diese gingen bald dazu über, die billigeren Farbfilme und neuen kleinformatigen Projektionsapparate zu kaufen. Josef Hanel bietet seine Glasdiapositive für 1,80 Reichsmark pro Stück an und übernimmt die Zollgebühren für Sendungen ins Ausland. «In 1a handgemalter Ausführung», ohne jedoch den Namen des Urhebers anzuführen, werden sie von der Firma Wachenfeld & Schwarzschild für 2,50 Reichsmark verkauft. Die Auswahl umfasst mehr als 1200 Motive: Pilze, Flechten, Moose, Farne, Blütenpflanzen, PflanzenPilzkrankheiten, Pflanzenkrankheiten verursacht

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durch Insekten, nützliche bzw. schädliche Insekten. In den Katalogen, die Hanel selbst in Hennersdorf und in Wiesegräflich herausgibt, fügt er eine weitere Kategorie hinzu: Landschaftsbilder («Wald und Heide»). Ende der 1930er-Jahre erwerben die Hanels in Wiesegräflich (heute Łąka Prudnicka, Polen) im Kreis Neustadt in Oberschlesien, ein paar Kilometer von Hennersdorf entfernt, ein Grundstück mit Haus. Die Hausnummer 13K der Strasse Różana 2, die später in Nr. 11 umbenannt wird, existiert heute nicht mehr. An ihrer Stelle in der Głuchołaska 6 steht nun ein anderes Haus. 1931 werden neue Bilder in Otto Gessners medizinischem Ratgeber «Die Gift- und Arzneipflanzen von Mitteleuropa» veröffentlicht, in dem Josef Hanel auch die Schwarz-Weiss-Fotografien des Autors koloriert hat. 1937 wird in verschiedenen Bienenzucht-Zeitschriften das Buch von Rudolf Gasch, «Die besten Bienennährpflanzen», zitiert, in dem bis dahin unveröffentlichte Fotografien des Künstlers abgebildet sind. Die Verwendung von handkolorierten Diapositiven von Pilzen wird auch 1939 noch nachdrücklich empfohlen, obwohl nun auch andere Serien, die mit Agfacolor-Filmen erstellt wurden, auf dem Markt angeboten werden. Josef Hanel stirbt am Abend des 12. November 1940 gegen 23 Uhr im Alter von 75 Jahren im Hospiz der Barmherzigen Brüder in Neustadt an einer fortgeschrittenen Tuberkulose. Zehn Tage zuvor wurde er dort eingeliefert. Er wird am 16. November in seinem Geburtsort bestattet. Seit dem Münchner Abkommen gehörte das Dorf zum Deutschen Reich und hatte seinen alten Namen Hennersdorf zurückerhalten. Ein letztes Mal werden Josef Hanels Talent als Kunstmaler und seine prächtigen Diapositive von Pilzen in einem Nachruf der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde in der Zeitschrift für Pilzkunde sowie durch die Nederlandse Mycologische Vereniging gewürdigt.


Farne Links: Athyriaceae Athyrium filix-femina (L.) Roth Wald-Frauenfarn Rechts: Dryopteridaceae Dryopteris carthusiana (Vill.) H. P. Fuchs Dorniger Wurmfarn

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Rechte Seite: Dryopteridaceae Dryopteris filix-mas (L.) Schott Echter Wurmfarn


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Brassicaceae Brassica rapa L. RĂźben-Kohl

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Brassicaceae Capsella bursa-pastoris (L.) Medik. Gemeines Hirtentäschel


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Rosaceae Fragaria vesca L. Wald-Erdbeere

Rosaceae Fragaria viridis Duchesne HĂźgel-Erdbeere

Linke Seite: Rosaceae Fragaria moschata Duchesne Moschus-Erdbeere

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