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Magazin für alltagstheorie AUSGABE 08 / 2011 DE 6 € EU 7,50 € BERLIN dntrm.tumblr.com

editorial alles ist geschichte unwahrscheinliche wahrhaftigkeiten essay zeitzeug #1 der koffer wertlose bilder von fremden fotogeschichten zeitzeug #2 die briefe mythos band sieben musiker eine wirkung zeitzeug #3 der abgang

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keine fremden geschichten sind alles impressum vorschau

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I'd be a story in your head But that's OK   We're all sto  ries in the end  «

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Als Doctor Who#1, der exzentrische zeitreisende Alien aus der gleichnamigen britischen Kultserie, diese Weisheit aussprach, hatte unsere Ausgabe ihr Motto. Wenn man sich die Aufgabe gibt, vom Erzählen zu erzählen, die Assoziationen von Anekdoten bild- und schriftlich anzugehen, wird natürlich auch jeder Titel jeder Rubrik bedeutungsschwanger. Doch der Doctor hat recht. Menschen machen nicht nur Geschichten, Geschichten erzeugen Wahrnehmung. Und wir meinen nicht einfach nur die alten Familienanekdoten von all diesen Weihnachtsabende oder dem Kaffee bei Oma. Das, was man aus freien Stücken von sich preis gibt, in den Situationen in denen man dies tut, die Bilder, die man im Zuhörer enstehen lässt — all dies, ist es Selbst- & Gruppenbestätigung? Das gegenseitige Abtasten, die Einschätzungen, langweilt man etwa sein Gegenüber? Will dieses nichts von dem hören, sind die Bilder nicht die gleichen, die Details, die Ausschmückungen nicht bekannt oder als irrelevant angesehen, wird man dadurch verkannt? Teilen schafft Vertrauen, vielleicht sogar mit einem Mal. Ein Ausdruck, eine Referenz, und auf einmal ist man gleichgeschaltet. Das/der Fremde rückt näher, mehr als das, man reist zusammen, zurück durch die Ströme zum Ursprung einer gemeinsamen Kultur des Erzählens, oder auch zu den Kanten und Überschneidungen mit dem, was fremd schien.

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Die äußere, virtuelle Schale wird angekratzt. Verrauchte Bartische, eine Bank im Park, ein verkaterter Morgen, ein Moment allumfassender Ruhe. Ob wir, als soziale Tiere, über Jahrhunderte am Lagerfeuer oder zwischen Mittagsessen und Kuchen Informationen erzählerisch weitergeben, das eine Bollwerk bleibt bestehen. Der Kontakt, die Gestik, der Geruch, die komplette Sensation der Begegnung, die Liebe zum Detail, die Selbstironie, die Persönlichkeit, die Nähe. Kein Tastaturkürzel findet sich dafür, keine Statusmeldung#2. Die geteilte Anekdote als menschliche Annäherung, als visuelle Reise aufgeschlüsselt in Wort und Bild — vielleicht wird man sich Geschichten erzählen, dass wir uns verhoben haben. Vielleicht kann keiner die Verbindungen erkennen, die zwischen den Bildern der Wegwerfkameras entstanden sind. Möglicherweise sind die Inhalte des Koffers dieses unbekannten, namenlosen Fliesenlegers belanglos und es entfaltet sich kein lückenhaftes Leben vor dem eigenen Auge, das man zu füllen versucht. Und ja, auch über die Texte mag man stolpern. Aber schlimmstenfalls hat man etwas Neues zu erzählen. Und darum ging es uns schließlich von Anfang an.

#1 Den Doktor umgibt zu Anfang ein Geheimnis. Man erfährt zunächst nicht mehr über ihn, als dass er eine Enkelin namens Susan hat, die ihn als Companion auf seinen Reisen begleitet, und dass er seine ZeitRaum-Maschine TARDIS (ein Akronym für »Time And Relative Dimension(s) In Space«) besitzt, die meist nicht richtig funktioniert, von außen wie eine altmodische englische Polizei-Notrufzelle aussieht und innen wesentlich größer ist. Der erste Doktor kann in seiner TARDIS nicht nur Zeitreisen unternehmen, sondern auch mit einem Zeitfernsehgerät durch die Zeit schauen. Mit diesem rezipiert er u. a. seine Lieblingsband, die Beatles.

#2 Exemplarisch sind Facebooks Statusmeldungen, hier man kann mit Hoffnung auf Kommentare und »Gefällt mir«-Benachrichtigungen kurze Alltagsbemerkungen und Anekdoten mit allen Befreundeten teilen. Mittlerweile sind sogar Anwendungen entstanden (wie z.B. StatusKing), die die erfolgreichsten dieser Meldungen sammeln, eine bizarre Enwicklung einer sozialen Idee.

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UNWAHR ˜ 

TEXT mato corres

UNWAHR-  SCHEIN ˜ LICHE 6 8 10 12 14

WAHR ˜ 

dialog vincent dold 

HAFTIG ˜ KEITEN 7 9 11 13 15

Die wirkungsvollsten Anekdoten#1, also die Vermittlung einer bemerkenswerten oder charakteristischen Begebenheit, erzählen uns meistens Freunde. Man antizipiert Übertreibungen, das weitschweifende Ausschmücken der Begebenheiten, das Abdriften von der ursprünglichen Abfolge der Dinge. Auch das Spiel von Mimik und Gestik, dessen Bedeutung durch lange Beobachtung bekannt ist, erschließt sich uns. Wie der Prozess von Teilen und Vermitteln zwischen Fremden abläuft, wird literarisch in dem Dialog ab der gegenüberliegenden Seite gezeigt. Wie geht man hier allerdings analytisch vor? Welchem Ansatz kann man folgen? Natürlich teilt jeder Mensch mit, was macht Anekdoten schon so besonders. Vermutlich waren es über Jahrhunderte ähnliche Szenarien, gewisse Inhalte, die Vertrauten und sich Annähernden am Lagerfeuer, dem Bartresen oder in der Cafeteria vermittelt wurden. Mit der Explosion des Internets und der sozialen Netzwerke ist eine Welt, die gleichzeit expandierte, etwas weniger geheimnisvoll geworden. Wer uns fremd oder kaum erwähnenswert erschien, der trat auf einmal wieder in unsere Leben, sogar in unseren Alltag. Wenn man auf sozialen Netzwerken seine tagtäglichen Erlebnisse in welcher abstrahierten Art und Weise auch immer veröffentlicht, haben daran alle Befreundeten beziehungsweise Verknüpften Anteil. #2

Denn strafrechtlich gesehen liegt nach herrschender Auffassung ein Eventualvorsatz vor, wenn der Täter den Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hält und ihn zugleich billigend in Kauf nimmt und sich damit abfindet. Auch wenn der Täter den Taterfolg für möglich hält und nicht vermeiden will.

#1 Der Philosoph und Genießer von Absinth Friedrich Nietzsche sprach schon in seiner Abhandlung über die griechische Philosophie davon, dass sich aus drei Anekdoten das Bild eines Menschen ergibt. Natürlich sind die Geschichten, die sich um diesen weithin interpretierten Mann ranken, noch spannender. Passend hierzu seine eigenen Worte: »Jedes Wort ist ein Vorurteil.«

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Ob das nun alte Bekannte aus Schulzeiten sind, ebensolche, die man nur wegen des bekannt erscheinenden Namens in seinen Kreis gelassen hat, oder wirkliche, im unpixelierten Leben stattfindende Kontakte sind, ist im Kontext des menschlichen Mitteilungsbedürfnisses vollkommen egal. Die allseits erörterte Hemmschwelle ist gesunken. Während man bezweifeln kann, ob Videospiele einen größeren Anteil an der Verrohung der Jugend haben als Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, ist das Mitteilungsbedürfnis in unserer invidualisierten Gesellschaft unabstreitbar gestiegen. Interessanterweise kann man den strafrechtlichen Begriff des »Eventualvorsatzes«#2 wiederum auf die virtuelle Erzählsituation der sozialen Netzwerke ummünzen. Jeden Beitrag hinterlässt man mit einem gewissen Ausblick: Es stehen verschiedenste Resultate in Aussicht, Kommentare oder Gefälligkeiten von anderen Nutzern, resultierende Verknüpfungen innerhalb des eigenen Kreises oder Konfrontation mit anderen — vor dem Bildschirm teilt man Charaktereigenschaften oder Erlebnisse an einem gigantischen Lagerfeuer, in Erwartung von oder trotz dem, was da kommen mag. Etwas, das in der realen Situation manch einen hindert, nimmt auf einmal eine klar definierbare Größe ein: die Sorge, dass das Geteilte nicht auf Anklang stößt.

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hi, fliegst du auch nach tokyo? Nein, Seattle. cool, hat sicher besseres wetter als hier. Hm. Vielleicht ein bisschen heiss im Moment, aber wahrscheinlich okay. ist doch schick, dann kommst gesonnt zurück. Ja mal sehen. Wie ist denn Tokyo? das wetter oder was meinst du jetzt? Ja, so insgesamt.  rockt schon. gerade sind die hotels auch nicht so teuer und die stadt ist schon hammer designed. wurde mir in london empfohlen. london ist auch geil, die pubs, die leute, absolute international, da bist du voll dabei. HM. ich bin übrigens mark. Tobi. nice to meet you! Hm. was machst du so? ich versuche mich zu orientieren, chancen anschauen, auslandspraktika und so. Und du? klar, ausland muss sein. kennst du london eigentlich? das war ja mein letzter trip, ich hab noch bilder auf dem ipad, soll ich dir welche zeigen? okay.

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ah…moment…ja das hier, das war cool, das ist nike town. hammer gebäude, so ein altes teil aber dann so ein frischer store drinnen, hier, krasses ding oder?

hm.

da gabs den alten prototyp vom nike lunar noch in der vitrine, in lila. Ich war total erstaunt. der ist so smooth, kaum eine naht und oben und sohle irgendwie cool miteinander verbunden.

ja ich war auch mal da. Da kam gerade der erste vapor raus. ich dachte, jetzt wird fussball wieder barfuss gespielt.

sagt mir nichts, aber die machen schon immer gute schuhe.

hm.

was hast du sonst in london gemacht? warst du bei den docklands? da kann man wasserski fahren, total krass, in london wie am strand. die stimmung war bombe danach, wir haben dann diese party bus nightclub tour gemacht, einmalig. kennst du die?

ich glaube eher nicht.

okay, naja, da verpasst man echt was. das ist ein must-do, eine einzige party über vier stationen.

hm.

hey, ich hab da noch bilder von … zu cool, matze, der hier, der kleine, übel am grölen, aber da war auch geile stimmung in dem pub, der absolute schlager, und das bier halt, zwei drei pitcher müssens pro bar schon sein. zwar nicht billig, aber lohnt sich.

HM.

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Und das schlimmste könnte ja passieren: Es folgt keine Reaktion auf das Mitgeteilte. Wenn sogar die heimliche Freude über Widerspruch, wie bei einer dreckigen Zote, ausbleibt. Oder noch schlimmer, ein offensichtlich gefälliger Mitleidskommentar von jemandem, der es doch nur gut meint. Diese Angst kann noch gesteigert werden durch die mathematische Messbarkeit#3 von Reaktion in sozialen Netzwerken, denn wer keine Antworten, sei es Wohlgefallen oder Missmut, produziert, nimmt nicht teil, spricht keine gemeinsame Sprache. Die, die am Rand stehen, verwirren sich aus Panik in ihren eigenen Vorstellungen, was wertvoll und mitteilungswürdig zu sein scheint. Äußerst verstörend war im Frühjahr dieses Jahres, mitten im Laufe des »arabischen Frühlings«, die Enthüllung, dass eine syrische Lesbe, die durch ihre erschütternden Veröffentlichungen in ihrem Blog und ihr apartes Portraitfoto weltweite Bekanntheit erhielt, sich als amerikanischer Mann mittleren Alters erwies. Dieser nahm an, dass die Geschichten seines Alter Egos über die Folterverbrechen an ihrer Familie durch das Regime und die vermeintliche Lage als junge, lesbische Frau mehr Anklang finden würden als die Kommentare eines amerikanischen Langzeitstudenten. Und wie aus der Feder eines Satirikers schien es, als sich erwies, dass ein weiterer seiner Landsmänner als politisch aktive Lesbe im Internet mit ihm »Sexting« betrieb. #4

Der Suchbegriff »Krankheit vortäuschen« ergibt 93.500 Ergebnissen bei Google. Schon der erste Eintrag rät einem Wehrdienstleistenden dazu, Jod und Zucker zum Vortäuschen von Fieber zu konsumieren oder, für ein schwereres Krankheitsbild, Blut unter den Stuhl zu mischen. Der Erfolg dieser Unternehmungen ist nicht bekannt, der Eintrag endet – wie im Internet so oft üblich – in Unfähigkeitsbezichtigungen und Unterstellungen.

#3 Durchschnittlich verbringt jeder Nutzer 15 Stunden und 33 Minuten monatlich aktiv auf Facebook (mit einer durchschnittlichen Verweilzeit von 23 Minuten und 20 Sekunden), hochgerechnet auf alle Nutzer 9,3 Milliarden Stunden pro Monat. Der gewöhnliche Nutzer hat 130 Freunde, fragt 8 weitere monatlich an, klickt 9-mal auf den »Gefällt mir«-Button und schreibt 25 Kommentare im Monat.

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Aus der Furcht vor der Einsamkeit in einer Welt voller Kontakte und Information ergeben in der virtuellen Parallelgesellschaft sich allerdings auch noch tiefere Abgründe. Ende 2010 wurden mehrere Fälle bekannt von Nutzern medizinischer Ratgeberforen, die ernsthafte Krankheiten vortäuschten#4, um dann in längere Dialoge mit anderen Nutzern zu treten und Nachrichten wie Mitleidsbekundungen austauschten — ohne böse Absicht, versteht sich. Ist das Bedürfnis, mit Fremden wie Vertrauten Begebenheiten und Charakteristiken zu teilen, in der virtuellen Welt und der damit gegebenen Möglichkeit der Anonymität nun vollständig aus den Fugen geraten, oder ist die Spaltung von der realen Situation doch noch nicht vollständig abgeschlossen? Von den genannten Extremstfällen abgesehen beschäftigen sich natürlich die meisten hinterlassenen Nachrichten im Internet mit Belanglosigkeiten und Nebensächlichkeiten, die nur durch die Reaktionen und eventuellen Diskussionen an Interesse gewinnen. In diesem Sinne unterscheidet sich dieser Vorgang kaum von der ausgeschmückten Anekdote vom letzten Freitag, als man bis sieben Uhr früh feierte und zufällig in den Junggesellenabschied einer Rockerbande geriet. Mögen diese Rocker nun Hells Angels oder friedliche Steppenwölfe gewesen sein, die assoziative Kraft der Erzählung würde in jedem Rahmen bestehen.

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Allerdings geht eine gewisse Spannung unweigerlich verloren. Das Erkennen von körperlichem Verständnis, diese Momente, wenn man merkt, dass der Zuhörer wirklich versteht und verfolgt, was man zu erzählen hat — das ist der unabstreitbare Vorteil des persönlichen Gesprächs. Man bestimmt die Zeit und den Ort, sogar spezifisch die Personen. Denen kann desweiteren durch die Art der Mitteilung gezeigt werden, was man mit ihnen teilen will, welche Form von gegenseitigem Vertrauen erreicht wurde. Historisch gesehen war die Anekdote übrigens auch immer mit einer gewissen Spannung verknüpft, der der offenen »Geheimgeschichte«. Das Dokument, das den Begriff schuf, war eine Kritik an einem oströmischen Kaiser, verfasst von einem Historiker des sechsten Jahrhunderts, der hier die Objektivität seines Berufs aufgab. Von einer zunächst mündlichen Erzählung entwickelte sie sich zu einer eigenständigen literarischen Form, verwandt mit dem mitteldeutschen »Schwank«#5. Hier schwebt die ganze verrauchte, verschmitzte Atmospäre der Situationen mit, in denen die eingangs erwähnten besten Anekdoten erzählt werden. In einer entspannten, bedenkenlosen Offenheit zwischen Gleichgesinnten, bei der das gemeinsame Vertrauen in die Kommunikation Geschichten aus Geschichten entstehen lässt, alte Zeiten wiederbelebt werden. #6

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand der Begriff des »Behaviorismus«, ein wissenschaftstheoretischer Standpunkt, dessen radikalste Auslegung das Verhalten eines Organismus auf den Wunsch nach Beeinflussung und Veränderung seiner Umwelt reduziert, und das Anfang der 1950er Jahre, also mehr als 45 Jahre vor den ersten Blogs und sozialen Netzwerken.

#5 »Vorsichtigkeit besser, als ein solches Versehen« — Ein Pommer wollte einen Westfählinger schrauben, und sagte, er habe gehört, daß man in Westfahlen die Täuflinge immer erst sorgfältig besichtige, um nicht etwa ein Schwein anstatt eines Menschen zu taufen. Wie man mir gesagt hat, erwiederte der Westfählinger, ist man in Pommern nicht so pünktlich; daher läuft auch so manches Schwein mit unter.

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Und wenn übermäßig gelogen und verbogen wird, dann kann man sich entweder auf die erlangte Kommunikationsebene#6 verlassen, oder man ist derjenige im Gefüge, der immer übertreibt. Dem man zwar zuhört, aber nicht unbedingt das Gehörte unterschreiben würde. In jedem Fall sitzt derjenige nicht vor dem Bildschirm, angespannt wartend auf Reaktionen, denn die tiefsten Befürchtungen, das enttäuschende Resultat des Eventualvorsatzes, wären im Gespräch mit saloppen Zurechtweisungen beseitigt. In sozialen Netzwerken hingegen steht das Geteilte dann in schriftlicher Form da, fest verknüpft mit dem eigenen Profil, und schlimmstenfalls unkommentiert, ignoriert oder heftigst kritisiert. W��hrend eine interessante Erzählung eher in Erinnerung bleibt als eine uninteressante, sind beide Einträge in der virtuellen Welt an den Nutzer festgeschrieben. Selbstverständlich kann der Nutzer die Einträge löschen, in Blogs auch bearbeiten, doch werden der größte Teil höchstwahrscheinlich nur vom Verfasser freigegeben, wenn dies von vornherein ausgeschlossen werden kann und sich die Möglichkeit nicht ergeben sollte.

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schau hier, trafalgar square, die silvesterparty dort soll der hammer sein, vielleicht klappt das ja mal, den kennst du aber oder?

ja klar, ein grosser platz, da scheints ja geregnet zu haben. typisch, als ich da war hats auch viel geregnet.

ja das nervt an england. du machst das jetzt ja richtig, ich habe gehört amerika hat gerade wetter wie australien.

für seattle haben sie jetzt 25 grad, vorausgesagt, leicht bewÖlkt, aber regenwahrscheinlichkeit fÜrs wochenende nur 20 prozent.

in tokyo kanns regnen oder nicht, eigentlich wärs mir gerade egal. das hotel habe ich schon gebucht, die clubs sind nur zwei metrostationen entfernt.

warum gehst du nach Tokyo?

ist halt eigentlich ein hotspot zurzeit, und halt so günstig nach diesem fukushima ding.

klar, nachfrage gering, preise billig. Und wenn viele hin wollen, können die preise wieder anziehen. Ein bisschen lern ich das gerade bei meinem praktikumsbereich, es geht eigentlich um international management, darum einen Überblick zu bekommen, was wo wie laufen koennte, welche wirtschaftssektoren wo am besten aufgehoben waeren etc. das Ändert sich dann auch, je nach standort und konjunktur. okay, cool.

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wusstest du, dass kaum mehr als 5 prozent der deutschen in unserem alter ein praktikum im ausland machen? Und die meisten davon in kanada. Australien hat halt viel work and travel, aber das zähle ich jetzt mal nicht, ein praktikum in der wirtschaft machen die wenigsten, die verschlafen das irgendwie. ja, der matze hier, der von dem foto, der macht das genau so wie du. warte mal… hier, ich habe irgendwo ein video, da sagt der sowas,… ach klar, bei madam tussauds war das, bei al capone stand er rum, moment… so jetzt läufts…

»ist er ja, bongiorno maifoso, krass fett war er ja am ende. und oben drauf ein megabrain. der wusste wie der hase läuft, ey, remember mark, risk control and you will gain control.« und so weiter. ich seh das auch so, was…

der spruch war nett, aber die italiener bekommens ja auch nicht hin gerade hm.

musst du nicht eigentlich zum check-in jetzt? Die tafel hat deinen flug gebracht.

oh thanks, ja ich mach dann mal los. aber die bilder waren doch cool, oder? tokyo gibt sicher auch wieder hübsche her… und dir dann viel spass bei den kängurus da.

äh, ja, tschüss.

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Denn das geschriebene Wort besitzt immer noch eine Form der Autorität, auch im flüchtigen Gebilde des Internets. Ist das persönliche Vermitteln von Geschichten dadurch ein Zwang? Nein. Solange Telepathie kein Teil einer Art von Vonnegutschen' Evolution#7 ist kann man davon ausgehen, dass Menschen von sich aus ihre Geschichten, und damit auch sich selbst, mit anderen teilen. Die Beweggründe können so vielfältig sein wie die teilnehmenden Erzähler, die Geschichten sind es mit jeder Erzählung ja auch. Man kann soweit gehen, dass die Geschichte, die Situation ihres Erzählens und ihr Erzähler selbst eine Anekdote ergeben, über den Menschen und diejenigen mit denen er seine Äußerungen, seine unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten, teilt. Eine Anekdote die das Gegenüber instinktiv und kulturell geprägt verarbeiten und verorten kann. Mittlerweile haben die Teilnehmer unseres Dialoges sich wieder voneinander getrennt. Missverständnisse, falsche Erwartungen, aber auch geteilte Vorstellungen von Orten, Gelegenheiten und Ereignissen prägen diese Art von Gesprächen. Ein gleichzeitiges Entfernen und wieder Annähern. Achten wir auf diese Gespräche, würden wir sie ständig mehr als nur unterbewusst katalogisieren, wäre unser Alltag wohl kaum mehr ertragbar. Dennoch gibt es diese Momente, wenn sich alles richtig fügt, die Bilder nach und nach Gestalt annehmen und man an #8

Der Erfinder des Begriffes »Déjà vu«, Émile Boirac, beschäftigte sich neben der erinnerungstheoretischen Aspekte der menschlichen Interaktion übrigens auch mit den unterbewussten Wirkungen zwischen ihnen, zum Beispiel mit dem »Animal Magnetism«, der unabstreitbar physischen Anziehungskraft bei sexueller Attraktion.

# 7 In seinem Roman »Galapagos« würden die Menschen nach Kurt Vonnegut weder Telepathie noch Anekdoten benötigen, da sich die Menschheit nach einer Million Jahre zu Wesen mit flossenartigen Armen und Kiemen entwickelt haben, mit klaren Bedürfnissen und Aufgaben, die nur über die rötlichen Spitzen ihrer Flossen miteinander kommunizieren und auch keinen Grund haben, sich Geschichten zu erzählen.

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Ort und Zeit der vermeintlichen Begebenheiten steht, und seien es auch nur wenige Sekunden. Das Déjà-vu-Erlebnis#8 umgibt eine Situation, die man vielleicht nicht identisch, aber doch ähnlich erlebt hat, und verleiht der Anektdote das gleichzeitig unheimliche wie erfreuliche Erlebnis der Vertrautheit. Als soziale Wesen durchlebt man diese Abläufe fast tagtäglich. Manchmal erkennt man diese bewusst und mit ihrer vollen Prägnanz, kann innerhalb einer Runde von Zuhörern einen Schritt zurück tun und verfolgen. Wenn Menschen aus Worten entstehen und es kaum einen Unterschied macht, ob hier Wahrheit das erste Gebot ist. Wenn das Erzählte einem mehr über den Erzähler verrät als es jede Profilseite jemals schaffen könnte. Und wenn man dies voneinander weiß, gemeinsam in vollem Bewusstsein eine vielleicht schon bekannte Reise antritt, dann tritt der Inhalt der Anekdote sogar in den Hintergründ, und die Reise wird zu ihrer eigenen Sensation — einer unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeit sondergleichen.

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zeit˜

zeug #1 der koffer

Im letzen Winter wurde ein Koffer auf einem Kölner Dachboden entdeckt. Dem unauffindbaren Besitzer nähern wir uns in drei Teilen mithilfe seines speziellen und rätselhaften vermächtniSSes.

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wie kann man ein einzelnes leben in einer anderen epoche erklären? verarbeitet man literarisch die fragmente, die dieser junge mann hinterlassen hat, der verschwand und gegenstände hinterließ, vom rasierzeug über schmerzmittel bis zu liebesbriefen? man könnte sich herausnehmen, jeden schritt dieses mannes herbei zu dichten   und seine gedankengänge darzustellen.

wir haben uns entschieden, dieses leben und seine womöglichen geschichten durch eben diese zurückgelassenen gegenstände frei zur interpretation zu stellen, durch die paar fakten angereichert, die sich in briefen und dokumenten fanden. der abschluß der drei kapitel, die einen groben geschichtsverlauf beschreiben, ist rein fiktiv und nur als anreiz zur eigenen interpretation gedacht.

dieser junge mann also ließ seine schwester, mutter und kranken vater zurück, um seine heimat rügen in richtung köln zu verlassen. hier kam er an, 23 jahre alt, gelernter fliesenleger und junggeselle, in den späten 1950er jahren in einer wohnung im damaligen rotlichviertel kölns.

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WER  LOSE neu

BILD ER 22 24 26 28 30

kö-

VO N vier einwegkameras, ohne vorgaben verteilt an vier junge leute — was erzählen die bilder? TEXTE joshua stasser

lln 23 25 27 29 31

wars-

354 minuten kateraugen, kartenspielen, goldfische, sitzkissen und kopfhörer

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zawa schattenspiel vorhangblicke, gras, debatte, geschichte und gruppengefühl

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grill

99-Cent-schwein halloumi, flaschenbier, gequatsche, morgendliche stadtluft und kopfschmerzen

fest 22 24 26 28 30

alt-

sommergewitter regenlachen, kneipenflucht, anstoSSen, weitermachen und hinlegen

stadt

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rock zäuneklettern grinsen, zeltkapern, partypiraterie, securities und bändchenklau

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palettenbier händezittern, grillgeplänkel, sonnenbrillen, filzköpfe und nägeldreck

ring am

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spiel atz plerinnerungsloser 1. mai weimarer würste, kopfgedudel, billigbier, wartezeiten, geschwadergeschnatter und aufmüpfigkeit

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kö-

filmliebe kamerasurren, japanische 90°-sportlichkeit, naturbüro und büronatur

ln

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zeit˜

zeug #2 die briefe

der junge fliesenleger hinterließ auch ein konvolut an briefen, nebst seinem kleinen schwarzen buch — mit persönlichen, beruflichen und auch strafrechtlichen hintergründen.

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Ein liebesverhältnis, das gesellschaftlich geächtet würde, wenn es denn bekannt würde. wo haben sich die vermutlich ältere frau und der 23-jährige handwerker getroffen? auf einer baustelle, womöglich in  ihrem haus? und später zufällig begegnet   in einer kneipe, wo dann beide anschließend der verlockung verfielen?

der junge kölner fliesenleger war, wie aus briefen mit der familie hervorgeht, in jedem fall junggeselle. woher kamen dann die schulden, die anscheinend so umfangreich waren, dass ein rechtsanwalt mit haftbefehl und pfändung, in anderen briefen die vermieterin mit raus-schmiss und rechtlichen schritten drohte?

ist er geflohen? waren diese einschneidenden briefe, die ständig an verfehlungen und schulden erinnerten, der grund? oder hätte man bei der flucht diese spuren eher verwischt statt sie so dürftig versteckt und komprimittierend zurückzulassen?

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MYTHOS 

BAND

fotos jesse benjamin TEXT Nicolas Divar

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Ein Keller in der dörflichen Vorstadt von Leverkusen, voller junger Musiker in ihren frühen Zwanzigern. Diese fünf jungen Männer und zwei Frauen formieren die Band »Like People On Train«#1, deren zarte Musik mit ihrer eklektischen Instrumentierung von zwei Gitarren, Piano, Gesang, Bass, Violine und ausgeklügelten Schlagzeugrhytmen prädestiniert scheint als Projektionsfläche. Gerade ihre verschlossenen Liveauftritte fügen dieser Annahme etwas hinzu. Die beiden attraktiven jungen Frauen, an Piano und Violine, sind eineiige Zwillinge. Der Bassist spielt verträumt, der Sänger haucht zwischen Zigarettenzügen und Wein seine Texte ins Mikrofon, und die Gitarristen wie der Schlagzeuger verströmen leicht exzentrische Professionalität. Um Bands, ihre Enstehungen und Eskapaden, haben sich schon immer große Anekdoten gerankt. Es scheint, dass zum Beispiel Gruppen wie »Arcade Fire« nicht nur wegen ihrer ausgesprochen originellen Musik an Beliebtheit gewonnen haben. Die immense Symbolik, die das Konstrukt der Band repräsentiert, hat eine starke Anziehungskraft. Wunschvorstellungen finden hier ihr direktes Ziel. Ähnlich wie bei Künstlerkollektiven ist eine vorherrschende Meinung, dass die gediegenen, alternativen und etablierten Bands in einer Art kreativer Kommune unter den interessantesten Bedingungen gemeinsam etwas schaffen, das einen weiten Anklang findet und tatsächlich gesellschaftlich signifikant ist. #2

Eine der bekanntesten dieser Idealkollektive waren »The Mamas and the Papas«, die sich Anfang der 1960er Jahre formierten. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich die Besetzung der Kommunenband aus San Francisco durch Affären, Seitensprünge und Streitigkeiten so oft getrennt und gleich wieder zusammengefunden hat, dass »California Dreaming« wohl kaum richtig klingt.

#1 Der Bandname bekleidet eine ambitionierte junge Kölner Indie-Band. Ihre Debüt-EP ist unter likepeopleontrain.blogspot.com zu finden. Die Band ist Teil eines großen Freundeskreises aus Musikern, vereinigt unter anderem in dem Kollektiv POWER TO PETER, wiederum mit vielen Band vertreten unter www.powertopeter.com

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Diese Erwartungshaltung macht durchaus Sinn, historisch gesehen. Die Einführung des Begriffes »Band« im deutschen Sprachgebrauch fällt mit der Entstehung gesellschaftlicher Umbrüche sowie der formulierten Ideen der freiheitlichen Aussteigerkommune zusammen, anfang der 1960er Jahre#2. Dieses Gebilde ist derart eng verknüpft mit der heutigen Popkultur, dass wohl jeder zumindest Teile der Legenden kennt, die die Beatles und Rolling Stones umweht, und diese als Vergleich bereithalten kann. Diese Mythen sind so eindringlich, dass man die Einzelpersonen fasst darüber vergisst. Wie die »People« sagen, sind die meisten jungen Leute, die in einer Band spielen, selber so besessen von Musik, dass man nicht in diese Formen von Wunschvorstellungen einstimmt. Vielleicht ist die Form von Verehrung, die manchen Musikergruppen zuteil wird, der Wunsch des einfachen entfremdeten Großstädters nach etwas familiärem, einer liebevollen Zusammenkunft von Gleichgesinnten, die, anders als in der Berufswelt, etwas schaffen, dass ohne Zwang nach Profit oder Konformität entsteht. Im Gegensatz dazu wird der Solo-Künstler, der aus Karrieredenken in die Musikbranche einsteigt und seine Kollegen nicht bei einem Konzert oder in einer alternativen Kneipe kennengelernt hat, oftmals regelrecht verschmäht. Aber man sollte statt den Wunschvorstellungen der Anhänger oder deren Kritiker manchmal die Band selbst zu Wort kommen lassen.

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Denn trotz allem gibt es diese Geschichten, von der Entstehung und des Fortbestehens einer Band, die immer wieder grandios zum Vorschein kommen. Von dem Konzert im höchstoffiziellen Rahmen, als der zottelige Altfreak alleine in der ersten Reihe tanzte und immerzu »Hallelujah!« rief #3. Oder der Ausflug nach Holland, als man im Sommerregen badete und am Strand schlief. Geschichten wie diese, vom Zufall im bestehenden Rahmen, sind typisch, auch für die eigentliche Formation der Band. Diese geschah unter einer klaren Idee mit dem allgegenwärtigen Zufall als entscheidender Prise. In einer früheren, lokal mäßig erfolgreichen Band wurden einige Stücke eines Mitgliedes nicht gespielt. Nach einigen Querelen wurden neue Wege eingeschlagen, und die Gefährten auf diesem Weg waren teilweise schon durch frühere Bekanntschaften klar. Bei gemeinsamen Bieren hat man schon geklimpert und getextet, nun sollte es wirklich passieren. Soweit nur wenig arbiträr. Entscheidender kam der Zufall ins Spiel. Den Sänger aus Koblenz traf der Kopf der neuen Band als Mitfahrer, vermittelt durch ein anonymes Internetportal, als beide ihre jeweiligen Freundinnen in Berlin besuchten. Die eineiigen Zwillinge, seit der frühesten Kindheit Musikerinnen und prädestiniert für das Gefüge einer Band, traf man wiederum auf einem Konzert einer befreundeten Musikergruppe, #4 Ein gutes Beispiel sind die hochfunktionalen Kollektivbüros, in denen junge Kreative einen Arbeitsbereich teilen, weitverbreitet in Berlin. Hier mag die Factory von Andy Warhol als romantisiertes Vorbild dienen, die Funktionalität nimmt den Projekten allerdings oft den Schleier der Kommune.

#3 Diesen Altfreak, in seinen mittleren Sechzigern und offensichtlich originaler 68er, kann man öfter im Kölner Raum auf diversen kleineren Konzerten treffen, immer in der ersten Reihe, immer tanzend und lobpreisend. Abgesehen von der skurrilen Erscheinung ist dieses Aufgehen in der Musik erfrischend, zwischen all den jungen Leuten die aussehen wollen wie alte Leute.

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denen wiederum der zukünftige Schlagzeuger der »People« aushalf. So bizarr und lose diese Geschehnisse erscheinen, so kann man auch sehen, dass bei allen Beteiligten die Fäden schon vorhanden waren, und diese mussten nur gemeinsam verbunden werden. Obwohl es bekannt ist, dass kaum ein Umstand unsere Leben so prägt wie der Zufall, kann die Zuversicht darin, dass sich die Dinge sinngemäß ergeben könnten, gut tun. Die Idee des kreierenden Kollektivs, dass durch Liebe an dem Gedanken der gemeinsamen Kreation Bedeutsamkeiten erschafft, ist eine sehr romantische, seien es Künstler, Aktivisten, Architekten oder eben Musiker#4. Aber zum Glück ist dieses Kollektiv kein einzelner Organismus. Es rumpelt und kracht wie in jeder sozialen Verbindung. Und wenn von außen trotzdem dieser ideale Organismus wahrgenommen wird, dient er eher zum Anzapfen der eigenen Traumvorstellungen. Innerhalb wird man glücklich, wenn man die Zufälle wertschätzt und wenn gemeinsame Freundschaften und Erlebnisse entstehen statt nur gemeinsamem Output. Die »People« glauben, ohne jeden falschen Pathos, dass dies alles, die Traumvorstellungen, die Wunschgebilde, das Gefüge und Entstehen einer Band auf einen der ursprünglichsten Triebe hinter der menschlichen Gesellschaft zurückgeht: Man will nicht alleine sein, draußen ist es kalt. Man sucht und andere stoßen zu diesem Verlangen hinzu. Und die »People« erzählen von diesem Verlangen.

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zeug #3 der abgang

wie konnte dieser mann nun verschwinden, warum wurden diese dinge zurück gelassen? wir versuchen, das endgültige verschwinden des jungen mannes verständlich zu machen — hinter die leeren seiten, die bloßen objekte zu blicken.

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Das Schmerzmittel Doriden war zu Anfang der 1960er Jahre ein frei erwerbliches Medikament. Zu den Nebenwirkung lässt sich in älteren Enzyklopädien folgendes finden: »[...] das in mehreren Fällen als Mittel zum Suicid, zur Sucht und zur Erzeugung eines Rausches mißbräuchlich verwandt worden ist.«

Ein Pfefferminzdragee, das zum kaschieren von Alkoholfahnen benutzt wird, verbreitet in Nordrhein-Westfalen.

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Ein Mittel gegen Regelschmerzen ( Originaltext: »für die Unpässlichkeiten während der kritischen Tage« ), das genauso gut als Schmerzmittel benutzt werden kann. Zu den Zutaten gehören Cola-Extrakte und Koffein.

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immense schulden, unmögliche liebschaften, eine zurückgelassene familie und unsichere lebensbedingungen — dazu eine große menge an schmerzmitteln, die nach heutigem verständnis sicherlich nicht über den apothekentresen gewandert wären. und das konservative noch-nachkriegs-deutschland,   für einen jungen mann mit osteuropäischem namen bestimmt auch kein einfaches terrain.

vermutlich ist das genug, um jeden jungen mann in jeder epoche zur verzweiflung zu bringen. vielleicht liegt unsere auslegung des verschwindens ja leider richtig — der druck war zu viel, der ausweg musste endgültig sein. vielleicht ging dieser junge mann in die wogen des rheins, oder in die noch wilden wälder vor der stadt um sich in aller ruhe von allem zu befreien.

ob dies nun sein gerechter lohn war oder es eine ganz andere wendung genommen hat ist nicht unbeding wichtig. für uns war dieser koffer wie eine reise zu einer person, dessen geschichte, man gerne von ihr selbst gehört hätte. dennoch: dieses vermächtnis hat er doch mit uns allen geteilt. vielen dank hans.

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people are strange when you're a   stranger  «

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Die vier jungen Leute, denen wir Einwegkameras überreichten um zu sehen, was sie ohne Kontrollbildschirm, ohne Löschfunktion oder 4 Gigabyte-Speicherkarten ablichten würden, wurden alle Ende der 1980er geboren. Wie der ursprüngliche Besitzer des Koffers voller Zeitzeugs sind sie Anfang 20, zwar in einem anderen Jahrzehnt und ohne die meisten der sozialen Zwänge der 60er Jahre, aber mit ähnlichen Bedürfnissen und Lebensabschnittsproblemen. Während man in den mysteriösen Inhalten des Koffers versucht zu erkennen, wie ein Leben sich durch Abhängigkeiten, Liebschaften, beruflichen Zwängen oder sozialer Herkunft zum Tragischen entwickelt haben mochte, besitzen die Momentaufnahmen den unmittelbaren Charakter der unbekümmerten Anekdote. Vielleicht ist die Abwesenheit der Schwermütigkeit allerdings eine weitere Aussage. Diese vier Studenten — sie haben womöglich andere Lasten zu tragen als der junge Fliesenleger, der eines Tages einfach verschwand. Letzteres scheint wohl kaum möglich mehr heutzutage, man ist auf so viele Arten präsent, sowohl on- als auch offline, was sollte man dagegen tun, oder tun wollen? Entzieht man sich dem Ganzen, verliert man den Kontakt, als ultimative Konsequenz folgt man dem Fliesenleger, verwischt seine Spuren und hinterlässt Objekte, die Jahrzehnte später faszinieren und in ihrer Verbindung verwirren. Würden die Spuren, die wir heute im virtuellen Raum hinterlassen, ähnliche Wirkungen erzielen, nur im Mindesten unsere Fantasie dazu anregen, sich ein eigenes Bild aus Fragmenten zu bilden. Wohl kaum. Die Intention ändert das natürlich nicht. Fremde, Freunde oder Familie — wir möchten teilen und auch geteilt werden. Solange das Fremde in unseren Mitmenschen einen Reiz ausübt, das womöglich seltsame, unvorhersehbare Verhalten, das familiäre Erkenntnis bei einem gemeinsamen Bild, dass durch Worte entstanden ist, die fantastische Reise, die in Millionstelsekunden durch unsere Nervenstränge jagt, sobald wir teilen und erkannt werden — die entzückende Kuriosität des Ganzen wird immer erfreuen, bewusst oder unbewusst, aber am liebsten immer frei, neugierig und unbeschwert. Nehmt euch die Worte von Jim Morrison zu Herzen und danke für euer Interesse.

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»unwahrscheinliche wahrhaftigkeiten«  ERSTAUSGABE 08/2011 ˜ 

inhalt/gestaltung jesse benjamin beitragende autoren mato corres, joshua stasser, vincent dold, nicolas divar beitragende fotografen rabea hoffmann, leon willmanns, leonard kreis, hans matkowska benutzte schriften memphis slab serif © rudolf wolf, interstate schriftfamilie © Tobias Frere-Jones, neutra text ® house industries, eames century modern ® house industries vielen dank hans matkowska, julia fuchs,   marcel franke, Karola Fings, thomas schindler, Anatol schulz,   like people on train, niklas wandt, jan müller, dennis jüngel, hanitra & tiana wagner, martin steinke, maik vleurinck, hugh guthrie, davor löffler, martin mosch, kodak disposable cameras, deutsche bahn kopierzentrum, berliner technische kunstschule, weekend, taschen, dummy, vice, lodown, wesereck, tristeza, yumyum und allen freunden und geliebten, jeder nacht und jedem tag, die erfüllen.

˜  »RÜCKWÄRTSTRIEB«  NÄCHSTE AUSGABE 11/2011 ˜ 

inhalt wir treffen uns mit jenen, die gerne einen schritt zurück machen würden: romantische hedonisten, bodybuilder mit tiergötzenbildern, stock-und-hut-walzern, live-action-role-playern zuhause und auf dem schlachtfeld, kleinen autonomen bauernhöfen in der mecklenburger einöde.

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AD INTERIM — Magazin für Alltagstheorie #1