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Edith Kammer Diese Br端cke war mein Schicksal


Edi th Ka mme r

Diese Br端cke war mein Schicksal

Z Y Tgl o g ge


Alle Rechte vorbehalten Copyright: Zytglogge Verlag, 2013 Korrektorat: Monika Künzi, Jakob Salzmann Coverfoto: Simmenbrücke bei Wimmis (Urs Breiter) Gestaltung/Satz: Zytglogge Verlag Lithos: FdB – Für das Bild, Fred Braune Druck: fgb, freiburger graphische betriebe ISBN 978-3-7296-0867-2 Zytglogge Verlag, Schoren 7, CH-3653 Oberhofen am Thunersee info@zytglogge.ch, www.zytglogge.ch


In h a lt

Vorwort

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1. Kapitel Kindheit������������������������������������������������������������������������������������������  11 2. Kapitel Jugendzeit ������������������������������������������������������������������������������������  55 3. Kapitel Erste Ehe ����������������������������������������������������������������������������������������  87 4. Kapitel Zweite Ehe ������������������������������������������������������������������������������������ 108 5. Kapitel Trennung ���������������������������������������������������������������������������������������� 165 6. Kapitel Wiederverheiratung���������������������������������������������������������������� 190 7. Kapitel Witwenzeit������������������������������������������������������������������������������������ 219


Vo r wo r t vo n S a nd r a Rutsc hi

Eine Thunerin öffnet ihr Fotoalbum Edith Kammer verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Wohnheim Riggisberg und erlebte die Mobilmachung im Zweiten Weltkrieg. Später wurde sie als Minderjährige schwanger – zu einer Zeit, als dies ein schweres Verbrechen war. Heute, 80-jährig, ist sie glücklich. Etwas lädiert sei ihr Fotoalbum, sagt Edith Kammer und legt das Buch auf den Wohnzimmertisch. In der Stube in ihrer Wohnung in Thun duftet es nach frisch gebackenem Nidlechueche, Hund und Katze beobachten das Geschehen interessiert. Etwas lädiert ist es schon, ja. Deckel hat das Album keinen mehr, die dünnen Schutzblätter zwischen den schwarzen Albumkartons sind angerissen, die zum Teil 100-jährigen Fotos haben einen Gelbstich. «Diese Gesichtchen. Das sind Kinder, die aussehen wie Greise», sagt Edith Kammer und deutet auf ein Klassenfoto ihrer Mutter, die in Riggisberg zur Schule ging. Sie hat ihre Mama mit einem Kreuz gekennzeichnet, und gemeinsam mit ihr hat sie das Album vor wenigen Jahren in weisser Schrift beschriftet. «Wenn ich einmal nicht 7


mehr da bin, weiss sonst niemand mehr, was auf diesen Bildern zu sehen ist», sagt Edith Kammer. Zum Beispiel Pfleglinge im heutigen Wohnheim Riggisberg, das man damals noch als Anstalt bezeichnete. Dort arbeitete Edith Kammers Mutter als Tagelöhnerin. Ihre beiden kleinen Kinder Hermann und Edith waren stets dabei, bastelten gemeinsam mit den Bewohnerinnen und gingen ein und aus. «Die Pfleglinge halfen mit bei einfachen Arbeiten», sagt Edith Kammer und zeigt auf ein Foto, auf dem eine Gruppe Männer wahrscheinlich bei der Kartoffelernte mit anpackt. Im Vordergrund kehrt ein Mann mit Reisigbesen den Boden. «Das ist der ‹Stöubu›. Ihm sagten wir immer: ‹Tu ausharren!›, und dann hielt er die Luft an, bis er umfiel.» Die Kinder fanden das witzig – die Mutter eher weniger, als sie es mitbekam. Sie verbot den beiden das gefährliche Kinderspiel.

Der Papa geht an die Front Die junge Familie war nicht auf Rosen gebettet. Die Mutter verdiente mit einem Tageslohn von 5 Franken mehr als der Vater mit seinem Stundenlohn von 45 Rappen auf der Baustelle. «Mutter sagte immer: Zum Glück gabs Krieg», erinnert sich Edith Kammer. An die Mobilmachung im September 1939 ­erinnert sich Edith Kammer noch gut. An das Durcheinander auf dem Bahnhofplatz, die Abschiedstränen, den Vater in Uniform. Die Männer und auch die Pferde waren danach weg – und die Arbeitskraft der Mutter war gefragter als je zuvor. Sie lebte mittlerweile mit den beiden Kindern und einer Schar Tiere in einem Heimetli in Höfen bei Thun. «Dort zog es immer durch alle Ritzen. Aber wir waren glücklich», sagt Edith ­Kammer. Sie und ihr nur neun Monate älterer Bruder sammelten ­stehen gebliebene Ähren und fischten Krebse aus dem Amsoldingersee, der etwa 200 Meter von ihrem Haus entfernt lag. Ein gefährliches Spiel, das die Kinder und auch die nächtli8


chen Fischer trieben: Denn der See gehörte Madame de Meuron, Fischen war verboten. Manchmal entgingen sie den Fängen der Aufseher nur knapp. Trotzdem ist auf einem der Bilder Edith Kammers Vater abgebildet, der stolz einen grossen Fisch präsentiert – einen aus Madame de Meurons See.

Auf der Alp mit 300 Schafen Mittlerweile verdiente Edith Kammers Vater als Schmied satte 2.75 Franken pro Stunde – ein grosser Unterschied zum Stundenlohn als Bauarbeiter. Trotzdem fand Edith Kammers glückliche Kindheit ein jähes Ende, als ihr Bruder mit 15 Jahren über Nacht völlig unerwartet verstarb. Für die Familie brach eine Welt zusammen. Der Bruder hätte zudem im Sommer auf der Alp Rotenfluh Schafe hüten sollen – und der Hirt forderte einen Ersatz. Also kümmerte sich die 15-jährige Edith Kammer einen Sommer lang um 300 Schafe. Verhängnisvolle erste Liebe Als sie wieder zurückkam, waren zwei Arbeitskollegen aus dem Wel­ schland bei ihren Eltern eingezogen: Moritz und Jules. Sie arbeiteten gemeinsam mit ihrem Vater im Kohlebergwerk in der Klus in Schwarzenmatt oberhalb von Boltigen im Simmental. Jules wurde für Edith Kammer zum Ersatzbruder, Moritz zu ihrer ersten grossen Liebe. Viel zu früh, mit 16, wurde sie schwanger – damals ein grosses Verbrechen. Moritz, der seinen Sohn auf der Gemeinde anmeldete und sie heiraten wollte, sobald sie volljährig wäre, wurde verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung zwei Jahre nach Bellechasse ins Gefängnis gesperrt. Der Knabe verstarb, «damals brachte man ein Kind, das im achten Monat auf die Welt kommt, kaum durch», sagt Edith Kammer. «Es war wohl besser so für den Kleinen.»

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Sie selber hatte die Wahl: Entweder ging sie freiwillig als Magd auf einen Bauernhof im Niedersimmental, oder auch sie würde in eine Anstalt gesteckt. Sie ging auf den Bauernhof, wo sie drei Jahre lang arbeitete und die eindeutigen Avancen des Bauern immer wieder abzuwehren wusste. «Gesagt habe ich nie etwas – wer hätte mir schon geglaubt. Ich wäre sonst wohl doch noch in einer Anstalt gelandet.»

Als Seniorin endlich glücklich Edith Kammers Lebensgeschichte geht turbulent weiter. Ihren Moritz sah sie nie wieder; als sie ihn Jahre später suchen ging, war er kurz zuvor verstorben, vom Alkohol und von Sorgen zermürbt. Vom ersten Ehemann liess sie sich wegen sexueller Grausamkeit scheiden; der zweite hatte bereits eine Geliebte, als er Edith Kammer heiraten musste, weil sie schwanger war. Eine Geliebte, die er nicht aufgab. Kammer wusste davon, doch sie blieb bei ihm: wegen der Kinder und weil sie gemeinsam ein gut laufendes Geschäft aufgebaut hatten. Kurze Zeit nacheinander verlor sie Mutter, Vater und Sohn. Am Ende ihrer Kräfte schleppte sie sich auf eine Brücke – doch sie konnte nicht runterspringen, weil dort ein Liebespaar sich küsste. «Diese Brücke war mein Schicksal» lautet auch der Titel ihres Manuskripts, in dem sie ihre Lebensgeschichte festgehalten hat. Es ist eines von mehreren Manuskripten, die in ihrem Schrank auf die Veröffentlichung warten. Vier Bücher hat Kammer bereits publiziert, sie hält regelmässig Vorträge über die Arbeit ihres Vaters und über den Kohlebergbau im Berner Oberland. Seit sie alleine lebe, sei sie glücklich, sagt die vife Seniorin. Im Schreiben hat sie ihre Erfüllung gefunden – und kann nun ihr Leben geniessen.

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Aus der Serie ‹Seniorensommer›



Berner Zeitung, 3. Juli 2012


1. K a p i te l  

Kindheit

Das Licht der Welt erblickte ich im Dezember 1932. Mein Geburtshaus stand hinter dem Schloss Nyon VD. Mein Bruder Hermann, genannt Fisu (vom französischen ‹fils›) war nur zehn Monate älter und in Südfrankreich geboren. Meine Eltern, besonders mein Vater, im Jahr 1900 geboren, waren etwas abenteuerlustig. Da fand er in meiner Mutter, die sieben Jahre jünger war, gerade die richtige Partnerin. Nicht dass sie auch Abenteuer suchte. Bei ihr war es mehr eine Flucht in die Zukunft. Ihr Zuhause war für sie nicht das, was man schön nennt. Als ältestes Kind von fünf Geschwistern musste sie für alles die Schuld übernehmen. Dazu wurde sie von den jüngeren Geschwistern immer schikaniert. Zu uns Kindern war ‹Mama›, wie wir sie nannten, eine strenge, aber liebe Mutter. Sicher war unser Aufenthalt im Welschland daran schuld, dass wir unseren Eltern Mama und Papa sagten. Die Dreissigerjahre waren hart und durch Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. In Gland VD fanden sie trotzdem Arbeit. Wir wohnten in einem kleinen Haus am Rande eines Reb­berges. Papa arbeitete beim Eigentümer des Rebbergs. Wenn die Trauben zu reifen begannen, arbeitete er nur nachts. Seine Aufgabe war, die Trauben vor Dieben zu schützen. Dazu trug er eine Uniform und ein Gewehr. In Begleitung unseres deutschen 11


Schäferhundes Rino umrundete er mehrmals nachts den ganzen Rebberg. Mama betreute das dorfeigene Seebad. Ihre Aufgabe bestand darin, die Eintrittsgelder zu kassieren und die paar dort verankerten Boote zu vermieten. Mit seinem Motorrad, einer ‹Indian›, führte uns Papa jeweils am Morgen hin, und am Abend holte er uns wieder ab. Wir Kinder durften auf dem Benzintank sitzen, während Mama auf dem Sozius Platz nahm. Voller Stolz sassen wir wie Könige auf dem dröhnenden Vehikel. Bei schönem Wetter verbrachten wir ganze Tage lang am See. Dabei führten wir natürlich auch manchen Streich aus. So hatten wir einmal ein Boot losgebunden und ruderten einfach drauflos. Wir waren schon fast auf der französischen Seite von Evian, als ein Dampfschiff an uns vorbeifuhr. Der Kapitän hatte sofort gesehen, dass das Boot nur mit zwei kleinen Kindern besetzt war. Er alarmierte die Seepolizei. Die brachte uns dann wieder heil zurück. Mama stand schon ganz verzweifelt auf dem steinernen Steg, der etwa hundert Meter in den See hinaus gebaut war und an dem die Boote zur Vermietung angebunden waren. Sie hatte natürlich längst bemerkt, dass ein Boot fehlte. Da wir auch nirgends zu finden waren, wusste sie, dass wir draussen auf dem Wasser sein mussten. Nun aber war es bald einmal vorbei mit der schönen Zeit am See. Mein Bruder sollte in die Schule gehen. Ich wollte aber nicht begreifen, dass nur er gehen durfte. Am ersten Tag, als Mama Fisu in die Schule brachte, durfte ich sie begleiten. Dort weinte ich so heftig, weil ich bei Fisu bleiben wollte, dass die Lehrerin Erbarmen hatte. Ich durfte probieren. Sie sagte, wenn ich dem Unterricht folgen könne, dürfe ich bleiben. Für mich war das kein Problem. Also besuchten wir nun immer dieselbe Klasse. Am Morgen verliessen wir unser Zuhause und sagten auf Deutsch ‹auf Wieder­ 12


sehen›. Am Mittag kamen wir nach Hause und sprachen nur noch Französisch. Mama sagte immer, sie habe Französisch erst durch uns richtig gelernt. Die Zeit wurde immer härter, für einen Deutschschweizer immer schwieriger. Die Welschen wollten die Arbeitsplätze selber haben. So bekam Papa eines Tages die Kündigung. Der Wegzug traf uns alle hart. Mama weinte sehr viel in der Zeit. Wir waren gezwungen, uns von unseren Haustieren, den Kaninchen, Enten und Hühnern, zu trennen. Aber Rino durfte mit, weil ein Bruder von Papa in Uetendorf bereit war, den Hund zu sich zu nehmen. Und auch die Katze konnte mit uns umziehen und bei uns wohnen. Den Zügeltag vergesse ich nie. Es war November 1938 und eisig kalt. Auf einem kleinen Lastwagen, nur mit einer Plane zugedeckt, sass Mama mit uns zwei Kindern auf einem Sofa. Hinter uns miaute die Katze jämmerlich. Sie war in einem Schrank eingeschlossen. Ihr gefiel dieser Umzug auch nicht. Unsere neue Wohnung in Uttigen befand sich in einem alten Dreifamilienhaus unter dem Dach. Nur gerade drei kleine Zimmer, wovon zwei abgeschrägt waren, und eine Küche waren die Räume, die wir bewohnen konnten. Die Toilette befand sich draussen beim Treppenaufgang. Unsere neue Schule war das Schulhaus Uttigen bei Thun. Am Anfang waren wir wegen unserer Sprache die Aussenseiter. Wir waren die Ausländer und wurden auch dementsprechend behandelt. Zum Glück legte sich dieser Zustand. Kinder akzeptieren das Fremde manchmal etwas schneller als deren Eltern. Papa war gelernter Schmied, fand aber zu der Zeit keine Arbeit in seinem Beruf. Aus diesem Grunde war er froh, dass er bei einem Baumeister vom Ort als Handlanger arbeiten konnte. 13


Mit einem Lohn von 45 Rappen in der Stunde reichte das Geld aber nicht aus. Deshalb ging Mama an den verschiedensten Orten waschen und putzen. Für einen ganzen Tag Arbeit bekam sie fünf Franken. Deshalb waren Fisu und ich viel allein und mussten selber zurechtkommen. Zwischendurch hatten wir kleine Streitereien. Das dauerte aber nie lange, dann hatten wir wieder Frieden. Papa war ein guter Handwerker. Aus der nahe gelegenen Abfallgrube sammelte er alles zusammen, was er brauchte, um uns Kindern jedem ein Fahrrad zu basteln. Zuletzt wurden diese himmelblau angestrichen, und wir waren sehr stolz auf unsere fahrbaren Untersätze. Weil wir so viel herumfuhren, nützten sich die Pneus schnell ab. Schon bald schimmerte an meinem Hinterrad der rote Schlauch durch. Neue Pneus zu kaufen kostete zu viel. Papa hatte es gesehen und uns verboten, die Räder hervorzuholen. Aber wir gehorchten nicht. Als ich beim Bahnhof den kleinen Weg hinunterfuhr, gab es einen lauten Knall, und ich lag am Boden. Beide Knie geschunden, sonst noch Schmerzen überall, schrie ich lauthals los. Papa, der etwa hundert Meter weit entfernt auf einer Baustelle arbeitete, hörte mich und rannte so schnell wie möglich herbei. Zu allem Elend bekam ich noch ein paar auf den Hintern, weil wir nicht gehorcht ­hatten. Am Abend waren wir dann wieder friedlich vereint. Unsere Nachbarn hatten einen leicht zurückgebliebenen Sohn. Er hatte nie eine Schule besucht und musste einfach bei seinen Eltern und Brüdern im Geschäft helfen. Die betrieben ein Transportgeschäft und führten hauptsächlich Kohle und Kartoffeln aus. Der Junge spielte ab und zu mit uns Kindern. Als Papa bemerkte, dass der Bursche jassen konnte, lud er ihn manchmal zu uns ein. Dies bemerkte des anderen Nachbarn Sohn. Dessen Eltern hatten einen ziemlich grossen Bauern­ 14


betrieb. Am Abend kam nun auch der manchmal zu uns, und so konnten sie zu viert einen Jass klopfen. Fisu und ich mussten jeweils ins Bett, durften aber die Türe etwas offen stehen lassen. Die beiden Burschen kamen nie mit leeren Händen. Der eine brachte eine Tasche voll Kartoffeln oder Kohle, der andere manchmal in einer Flasche einen Liter Milch oder ein paar Eier, die er aus dem Hühnerstall geholt hatte, bevor seine Mutter sie holte. Dafür bekamen sie nach dem Jass noch einen guten Kaffee. Eines Nachts erwachten Fisu und ich, weil es hektisch zu und her ging in unserer Wohnung. Wir wollten nachschauen, was los sei. Aber Papa schickte uns sofort wieder ins Bett. Am Morgen war Mama nicht da. Papa erklärte uns, Mama sei im Spital Thun. Erst viele Jahre später erfuhr ich, dass sie damals eine Frühgeburt erlitten hatte. Unser Hausarzt hatte ihr dazu verholfen, denn genau wie meine Eltern wusste auch er, dass ein drittes Kind finanziell untragbar war. Ein paar Tage später war Mama wieder zu Hause. Im Spital hatte sie eine Frau aus dem Dorf kennen gelernt. Viele Sonntagnachmittage verbrachten wir dann bei diesen Leuten. Da passierte einmal etwas, das ich mein ganzes Leben lang nie vergessen habe: An einem Sonntagnachmittag spazierten wir gemeinsam dem Au-Bächlein, das zwischen Uttigen und Uetendorf fliesst, entlang. Papa suchte nach einem Krebs, möglichst gross musste er sein. Als er einen solchen hatte, legte er ihn in das mitgebrachte Milchkesseli, in dem etwas Wasser war. Anschliessend begaben wir uns zu der befreundeten ­Familie. Wir Kinder mussten mit dem ledigen Sohn in der Küche spielen. Mama, Papa und der Mann der Frau begaben 15


sich in das Schlafzimmer, wo die Frau im Bett lag. Plötzlich ertönte ein fürchterliches Schreien. Wir wussten natürlich nicht, was das zu bedeuten hatte. Erst als wir Kinder immer wieder fragten, was denn passiert sei, versuchte Mama uns den Zusammenhang zu erklären. Die Frau hatte Brustkrebs. Irgendjemand hatte ihr gesagt, sie müsse einen lebenden Flusskrebs auf die Brust legen. Dieser würde dann gegen den Krebs in ihrer Brust kämpfen. Dabei muss der grosse Krebs die Frau so hart gezwickt haben, dass sie grosse Schmerzen ertragen musste. Soviel ich weiss, starb die Frau dann doch sehr bald da­rauf. Eines Tages kehrte Papa schon am Vormittag wieder von ­seinem Arbeitsplatz nach Hause. Mit Mamas Hilfe packte er seine Militärsachen zusammen. Immer wieder fiel das Wort ‹Mobilmachung›, und was jetzt alles passieren könnte. Gegen Mittag begleiteten wir Papa zum Bahnhof. Auf dem Platz davor herrschte ein grosses Durcheinander. Viele weinten und alle waren aufgeregt, überall wurde Abschied genommen. Erst als Papa uns Kinder auf die Arme nahm, um sich ebenfalls von uns zu verabschieden, begannen auch wir zu weinen. Erst jetzt hatten wir begriffen, dass wir ihn wohl für längere Zeit nicht mehr sehen sollten. Auf dem Heimweg versuchte Mama uns zu erklären, was Krieg ist und was Mobilmachung heisst. Sie sagte, an einem solchen Tag werde ein zuvor bestimmter Offizier zum General erklärt, und der übernehme somit das Kommando über die ganze Schweizerarmee. Der nun amtierende General heisse Guisan. Das dürften wir nicht vergessen. Es war September 1939. Schlagartig änderte sich vieles. Und Mamas Arbeitskraft war gefragter denn je. Fast aus jedem Haus waren ein bis zwei Mann eingerückt. Teilweise mussten sogar die Pferde in den Militärdienst. Die 16


Ernte war in vollem Gange, Kartoffeln und Getreide mussten eingebracht werden. Ab sofort zahlten die Bauern das Doppelte für einen Taglohn und waren auch einverstanden, dass wir Kinder gleich nach der Schule auf den Hof kamen. Als Entgelt für das Mittagessen mussten wir am Nachmittag bei der Ernte helfen. Arbeit für uns Kinder gab es genug. Manchmal erhielten wir dann noch einen Korb voll Äpfel. Endlich kam ein Brief von Papa. Er teilte uns mit, dass er am Grenzfluss Doubs im französischen Jura einquartiert sei und dass er vorläufig nicht nach Hause kommen könne, um uns zu besuchen. Nicht einmal an Weihnachten konnte er kommen. Dafür besuchten wir unsere Grossmutter in Uetendorf. Uttigen und Uetendorf liegen etwa eine halbe Wegstunde auseinander. Zu Fuss erreichten wir Papas Elternhaus. Das Wiedersehen mit unserem Hund Rino entschädigte uns für vieles. Der Grossmutter durften wir ‹Omi› sagen. Wir hatten sie ja noch nie gesehen; aber sie hatte sehr Freude an unserem ­Besuch. Omi war nicht sehr gross und kräftig, dennoch hatte sie elf Kinder grossgezogen. Am meisten Freude hatten Fisu und ich an ihrer Sprache. Sie war eine geborene Polin und hatte trotz der vielen Kinder die deutsche Sprache nie richtig gelernt. Im Frühjahr sagte eine Bekannte zu Mama, in der nahe gelegenen Gemeinde Höfen sei ein kleines Heimwesen zu pachten. Sie wusste, dass Mama schon lange so etwas suchte. Der momentane Pächter und seine Frau waren zu alt geworden. Mama versäumte keine Zeit und fuhr sofort mit dem Fahrrad hin. Am Abend kam sie strahlend zurück. Im Frühjahr konnten wir umziehen. Zum Glück bekam Papa zum Zügeltag seinen ersten Urlaub. Und auch mit der Hilfe des Onkels lief alles glatt ab. Rino kam nun wieder zu uns, und die Eltern besorgten noch andere 17


Haustiere. Unsere Welt war wieder in Ordnung, obwohl wir sehr viel zu tun hatten. Zu dem kleinen Heimwesen gehörten sieben Jucharten Land, inklusive Wald. In der Hofstatt hinter dem Haus standen einige Apfel- und Birnbäume. Die Auswahl an verschiedenen Sorten war umfangreich. Da hatte es die schönen Bernerrosen, Sauergrauech, Lebel, ja sogar noch einen Baum mit Prinzen. Die Äpfel waren manchmal so gross wie ein Kindskopf. Zu der Zeit herrschte Anbaupflicht. Jeder, der etwas Land hatte, musste Kartoffeln und Getreide anpflanzen. Dazu legte Mama einen grossen Pflanzplätz an. Nun waren wir fast Selbstversorger, und das war gut so, denn kaufen konnte man nur gerade das, wozu man Marken hatte, und das war reichlich wenig. Die Rationen waren so klein, dass es für eine Familie mit Kindern kaum reichte. Alles war rationiert: Lebensmittel, Stoffe, Schuhe, einfach alles, was man kaufen wollte. Selbst Confiserie-Marken waren auf der Karte. Die Schokoladenstängel waren zwar sehr trocken, doch wir genossen es jeweils sehr, wenn Mama uns jedem einen schenkte. Obwohl wir selber mit dem Heimet viel zu tun hatten, ging Mama immer noch zu den Bauern, um auszuhelfen. Das Geld hatten wir bitter nötig. Und nun wurden Frauen wie Mama aufgeboten, ebenfalls Dienst zu tun. Es war obligatorisch. In speziellen Kursen wurden sie für ihre Aufgaben ausgebildet. Zwar durften die Frauen in der Wohngemeinde bleiben, hätten aber, wenn es nötig geworden wäre, sofort einrücken müssen. ‹Ortswehr› wurden die Truppen genannt und wären je nachdem, wo es nötig gewesen wäre, eingesetzt worden. Dazu bekam jede Frau ein Militärbuch, eine Gasmaske und eine Jacke mit Gurt. Jeden Monat einmal fand eine Übung statt. Heute frage ich mich, was mit uns Kindern passiert wäre, wenn es wirklich Krieg in der Schweiz gegeben hätte. Wir zwei wären alleine daheim geblieben, wenn Mama ihren Dienst hätte antreten müssen. 18


Mein Bruder und ich mussten halt auch hart anpacken. Papa kam nur sehr selten auf Urlaub. Die Anreise dauerte zu lange. Also sparte er ein paar Tage zusammen. Immer wenn er zu Hause war, ging er in den nahe gelegenen Amsoldingersee zum Fischen, obwohl es eigentlich verboten war. Die Besitzerin des Sees, Madame de Meuron, suchte immer das Ufer nach Fischern ab. Papa war aber bei weitem nicht der Einzige, der dort fischte. Wir Kinder mussten jeweils in der Nähe spielen. Wenn wir die Madame kommen sahen, sollten wir ein Indianergeheul ertönen lassen. Das war dann das Zeichen für Papa, für eine gewisse Zeit zu verschwinden. Einmal, als wir wieder zu heulen begannen, rannten gleichzeitig fünf Mann in das Versteck im Kornfeld. Keiner wusste vom anderen. Jeder der Männer wollte auf diese Weise den Speisezettel seiner Familie etwas bereichern. Die grösste Bedrohung für die Schweiz, in die Kriegswirren gezogen zu werden, schien langsam vorbei zu sein. Aus diesem Grunde wurde Papa in die deutsche Schweiz zurückversetzt. Lange Zeit war er in der Umgebung von Murten einquartiert. Zwei-, dreimal besuchten wir ihn dort. Dazwischen kam er nach Hause. Aber die Vorschriften waren immer noch sehr streng. Jeden Abend musste man die Fenster mit schwarzen Tüchern verhängen, damit ja kein Lichtstrahl hinausdringen konnte. Alle Wegweiser waren demontiert, und es brannte nirgends eine Strassenlampe. Dies alles, damit sich ein eventueller Feind an nichts orientieren konnte. Es kam vor, dass fremde Flieger die Schweiz überflogen. Dann wurden in Thun sofort Scheinwerfer eingeschaltet, und die Sirenen fingen an zu heulen. Jedes Mal, wenn aus der Ferne das tiefe Brummen der Überflieger ertönte, begaben wir uns auf den Balkon, um nachzuschauen, was ablief. Manchmal konnte man die Flieger im Scheinwerferlicht sehen. Die woll19


ten aber ihrerseits auch nicht gesehen werden. Deshalb liessen sie einen Regen von sehr vielen Stanniolplättchen fallen. Wenn die in den Strahl fielen, ergab sich eine Rückblendung, und sie konnten nicht mehr richtig geortet werden. Irgendwie bekam man da schon ein komisches Gefühl. Einmal, wir standen wieder draussen und wussten wegen des Dröhnens, wo die Bomber sich ungefähr befanden, da hörten wir einen unerwartet ohrenbetäubenden Knall. Zugleich erschien am Horizont über dem Seftigamt ein heller Licht­ kegel. Erst am anderen Tag erfuhren wir, dass in Riggisberg eine Bombe gefallen war. So bekamen auch wir eine kleine Ahnung, was es heisst, im Krieg zu sein. Aber im grossen Ganzen litten wir nicht darunter. Wir hatten alles, was wir brauchten. Beim Spielen mit den Nachbarskindern fand ich einmal in unserem Weizenfeld einen grossen Haufen Eier. Ich packte diese in meine Schürze und brachte sie nach Hause. Mama sagte: «Wenn die Hühner unseres Nachbarn schon unseren Weizen fressen, so behalten wir halt die Eier.» Wer mehrere Hühner hatte, war gezwungen, Eier bei der Gemeinde abzuliefern. Jeder Lieferant bekam einen Stempel mit einer Nummer, jedes Ei musste einzeln markiert werden. Dies geschah zur Kontrolle, damit niemand auf die Idee kam, schlechte oder gar faule Eier zu liefern. Das Zuchtschwein beim Nachbar Oppliger hatte in der Nacht Junge geworfen. Mama ging mit uns Kindern hin, um diese anzuschauen. In dem Moment wollte der Bauer das kleinste der Ferkel töten. Mama fragte, ob sie das Kleine haben dürfte. Er reichte ihr das Ferkel mit den Worten: «Das bringst du ohnehin nicht durch, es ist zu schwach.» Weil gerade in der Zeit viel Schnee fiel und die Temperatur ziemlich unten war, durfte nun das Ferkel in einer Kiste in der Küche neben dem Kochherd bleiben. Und mit viel Geduld und 20


Liebe wuchs unser Schweinchen von Tag zu Tag mehr und wurde dann doch noch eine stattliche Sau. Es konnte aber nicht ausbleiben, dass das Schwein geschlachtet wurde. Mama verliess mit uns Kindern an diesem Tag das Haus. Wir gingen in den Wald, um Holz zu sammeln. Dennoch gab es sehr viele Tränen und erst die frischen Bratwürste konnten uns dann über den Verlust unseres Haus­ genossen etwas hinweghelfen. Unser neues Zuhause war nur mit viel Holz einigermassen warm zu halten. Die Fenster schlossen sehr schlecht und trotz der Vorfenster waren die Scheiben den ganzen Winter mit den schönsten Eisblumen bedeckt. Es gab Tage, da mochten diese auch bis zum Abend nicht abtauen. Die Betten, respektive die Ottomanen von Fisu und mir, standen in der Stube, weil es dort am wärmsten war. Auch wenn alles an dem Haus alt und baufällig war, wir waren glücklich. Mama verstand es, die Wohnung gemütlich einzurichten, obwohl sie dazu nur alte Möbel zur Verfügung hatte. Wenn Papa auf Urlaub war, gingen wir alle in den Wald, um Pilze zu suchen. Aber auch Äpfel und Birnen, die am Wegrand lagen, sammelten wir ein. Am Abend sass dann die ganze ­Familie am Küchentisch und rüstete Äpfel, um sie dörren zu können. In unserem Estrich hingen manchmal bis zu zehn Baumwollsäcke, gefüllt mit den verschiedensten Schnitzen, Bohnen, getrockneten Pilzen und Teekräutern. Wenn die Bauern die Ernte eingebracht hatten, schickte uns Mutter zum Ährensammeln. Meistens taten wir das mit nackten Füssen, denn Schuhe hatten wir jedes gerade nur ein Paar, und zu diesen hiess es Sorge tragen. Wir hatten zuletzt so viele Ähren gesammelt, dass es beim Dreschen ganze siebzig Kilo Mehl ergab. Das war für uns wie ein kleines Vermögen. 21


Viel freie Zeit verbrachten wir unten am See. Dieser lag ja nur etwa zweihundert Meter von unserem Haus entfernt. Grosse Krebse krabbelten dort dem Ufer entlang. Wenn wir diesen eine lange Rute zwischen die Scheren steckten, klammerten sie sich fest, und wir konnten sie an Land ziehen. Auch handtellergrosse Muscheln steckten im Schlamm am Boden, und die schlossen sich sofort, wenn die Rute zwischen ihre Schalen kam. Einmal waren wir so vertieft in unser Spiel, dass wir den Aufseher und die Madame de Meuron nicht kommen sahen. Erst als der Mann mit barscher Stimme fragte: «Was macht ihr da?», liessen wir die Rute fallen und rannten davon und schauten immer wieder zurück, ob der Mann uns nicht folgt. Ein Bub aus der Nachbargemeinde wusste, dass mein Bruder und ich viel am See waren und fischten. Er war der Sohn des Dorflehrers. Er hatte immer Geld im Sack; aber vom ­Fischen verstand er nichts. Deshalb schloss er sich uns gerne an. Alle Leute nannten ihn nur «Zeuginu». Wir dachten, das sei sein richtiger Name. Als er einmal ein paar Tage nicht zum ­Fischen kam, wollten wir nachschauen, was mit ihm los war. Wir fuhren zu seinem Wohnhaus. Auf unser Klingeln öffnete eine gepflegte Frau die Haustüre. Weil wir nicht unhöflich sein wollten, fragte Fisu ganz höflich, ob Zeugineli zu Hause sei. Die Frau sah uns entsetzt an, dann sagte sie: «Ihr meint wohl den Päuli, Zeugin ist unser Familienname.» Dann schloss sie verärgert die Haustüre und liess uns einfach ­stehen. In der Schule von Höfen erging es uns fast so wie damals in Uttigen, auch hier waren wir wieder die Ausländer, obwohl die Lehrerin Allemann, welche die ersten vier Jahrgänge unterrichtete, gut zu uns war. Mit der Zeit wurden wir aber auch da als Kameraden angenommen. Das Nachbarskind Vreni lief ja auch alle Tage mit uns zum Schulhaus. Der Weg dorthin dauerte eine halbe Stunde. 22


In der Zwischenzeit war Papa nach Steffisburg verlegt worden, und dort war auch unser Nachbar Bickel, der Vater von Vreni. Aus diesem Grunde wollten Mama und dessen Frau an einem Abend gemeinsam ihre Männer besuchen. Mama wollte nur noch schnell für die Kaninchen und Ziegen Gras mähen. Weil sie pressiert war, schnitt sie sich beim Wetzen der Sense so arg in den rechten Zeigefinger, dass sie am selben Abend noch ins Spital Thun eingeliefert werden musste. Ganze drei Wochen dauerte ihr Aufenthalt dort. Manchmal verzweifelte sie fast. Papa war ja noch im Militärdienst und wir Kinder mit all den Tieren mussten allein zu Hause klarkommen. Aber wir schafften es auch so. Fisu und ich ­fütterten am Morgen die Tiere, dann gingen wir zur Schule, und jeden Tag durften wir irgendwo zum Mittagessen gehen. Schon am Morgen kamen die Mitschüler und sagten: «Mutter hat gesagt, heute sollt ihr bei uns zum Essen kommen.» Danach gingen wir nach Hause und erledigten wieder das Nötigste. Dazwischen fuhren wir mit unseren Fahrrädern schnell zu Mama nach Thun ins Spital. Der Weg dorthin ­dauerte immerhin jedes Mal eine gute halbe Stunde, und unsere Fahrräder hatten natürlich noch keine Übersetzungen, und die Strassen waren damals auch noch nicht asphaltiert. Im selben Zimmer wie Mama lag auch ein Fräulein Trudy. Als der Arzt eines Morgens sagte, sie dürfe das Spital ver­ lassen, begann das Fräulein zu weinen, denn sie wusste gar nicht, wohin sie gehen sollte. Die Stelle, die sie vorher hatte, war ihr gekündigt worden und ein Zuhause hatte sie scheinbar nicht. Mama hatte Bedauern mit dem Fräulein Trudy und bot ihr an, wenn sie wolle, könne sie zu uns nach Hause. Sie machte sie aber darauf aufmerksam, dass sie ihr nichts dafür geben könne und dass es vermutlich nicht sehr sauber und aufgeräumt sei, da sie nun schon zwei Wochen auch im Spital liege. 23


Trudy war das egal. Sie war froh zu wissen, wohin sie gehen konnte. Gemeinsam fuhren wir dann mit unseren Rädern nach Hause. Schon am ersten Tag begann Trudy zu putzen, und bald schaute unser Heim wieder sauber und gepflegt aus. Zu all der Arbeit sang und jodelte sie. Offenbar gefiel es ihr bei uns. Als eine Woche später Mama ebenfalls nach Hause konnte, gab es Kuchen und Kaffee. Überall hatte Trudy Blumen zum Empfang aufgestellt, und Mama war froh, dass Trudy bereit war, noch einige Zeit zu bleiben, denn Mama war noch sehr behindert mit ihrem Verband an der Hand. Erst als es ihr wieder besser ging, schaute sich Trudy für eine neue Stelle um. Wir blieben aber immer in Verbindung. Trudy sagte, sie habe bei uns ein Zuhause gefunden. Papa wurde nun aus dem Aktivdienst entlassen, musste aber weiterhin in Bereitschaft bleiben. Man wusste zu der Zeit ja noch nicht, wie sich die Kriegswirren entwickelten. Arbeit fand er in der entfernt gelegenen Pulverfabrik Wimmis als Bewacher. Seine Aufgabe war, die in der Gegend verstreut stehenden Munitionsdepots zu kontrollieren. Mittlerweile hatten wir einen anderen Hund bekommen. Rino musste wegen seines hohen Alters abgetan werden. ­Unsere neue Hündin Anita war ebenfalls eine deutsche Schäferhündin und sehr gut dressiert, denn sie gehörte vorher einem Polizisten. Weil der das Fressen für Anita nicht mehr aufbringen konnte, übergab er sie Papa. Ab und zu kam er mit seiner Frau zu einem Kurzbesuch, nur um zu schauen, ob es seinem ehemaligen Hund gut ging. Für seinen neuen Job konnte Papa den Hund sehr gut gebrauchen. Weil der Nachtdienst besser bezahlt war, arbeitete Papa mehrheitlich nachts. 24


Auf seinem Fahrrad hatte er vorne ein grosses Brett montiert, damit Anita den ganzen Weg über den Zwieselberg nicht hinterhertraben musste. Die Hündin legte sich so auf das Brett, dass Papa gut fahren konnte. Wenn ein Anstieg kam, sprang sie ab und lief nebenher. Wenn es dann wieder bergab ging, sprang sie wieder auf. Durch diesen Dienst war Papa nun vermehrt zu Hause. Unser Haus stand ganz in der Nähe von einem Wald. Weil wir Hühner und Kaninchen hatten, schlichen auch Füchse und Dachse um das Haus. Nun stellte Papa Fallen auf und fing ab und zu ein solches Tier. Das ergab für uns ein schönes Stück Fleisch; aber auch unser Hund und die Katzen bekamen etwas davon ab. Wenn Papa im Winter ein Tier schlachtete, hängte er es ein paar Tage zum Gefrieren draussen auf, dann legte er es in eine spezielle Beize. Die Leute wussten, dass wir solche Tiere assen. Aus diesem Grund kam es auch vor, dass uns ab und zu ein Hund oder eine Katze angeboten wurde. Auch Hühner, die nicht mehr Eier legen wollten, wurden uns gebracht. Dadurch konnte Mama die sehr gefragten Fleischmarken andernorts teuer verkaufen. Unsere Hündin Anita wurde auch läufig und zog so andere Hunde an, besonders die Rüden. Einer war ein ganz frecher. Der zerkratzte das Tor, hinter dem unsere Hündin eingesperrt war, und machte sehr viel Krach. Papa sagte: «Wenn der noch einmal kommt, erschiesse ich ihn.» Und tatsächlich kam der grosse Hund wieder. Papa hatte das Gewehr mit dem Schalldämpfer schon bereitgelegt und erschoss diesen Hund. Wir wussten nicht, wem er gehörte; aber Papa befahl uns, Stillschweigen über den Vorfall zu wahren. Durch Zufall hörten wir in der Käserei, dass die Gross­ mutter Schwendimann gestorben sei. Der Hund müsse dies vorausgeahnt haben, denn dieser sei schon seit Tagen ver25


schwunden. Nun wussten wir, wessen Hund Papa erschossen hatte. Als ihm einen Monat später ein junger Hund angeboten wurde, nahm er diesen sofort mit nach Hause. Fisu und ich mussten dann mit dem jungen, lustigen Sennenhund zur ­Familie Schwendimann gehen und dort sagen, wenn sie uns so viel Speck gäben, wie der Hund wiege, könnten sie den Hund haben. Die Kinder der Familie waren natürlich begeistert für den Ersatz ihres Hundes, der leider nie mehr nach Hause gekommen war. Mit drei Kilo Speck kehrten wir nach Hause zurück. Zu der Zeit wurden Kinder aus Frankreich in die Schweiz gebracht. Sie sollten für drei Monate wieder einmal genug essen und ohne Angst schlafen können. Mama meldete sich auch für ein solches Kind. Da wir die französische Sprache noch beherrschten, hatten wir kein Problem, so ein Kind zu bekommen. Vom Roten Kreuz wurden die Kinder per Bahn in Frankreich abgeholt. Mama musste nach Thun zum Bahnhof, um das uns zugeteilte Kind abzuholen. Wir warteten voller Spannung auf das, was da kommen sollte. Danielle war ein Jahr jünger als wir, sehr bleich und mager. Dafür hatte sie übergrosse braune Augen. Am Anfang redete sie kein Wort und weinte nur. Das Essen schmeckte ihr auch nicht. Erst ein paar Tage später taute sie auf und fing an mit uns zu spielen; aber mit dem Essen wollte es noch immer nicht klappen. Mama sagte zu ihr: «Jetzt musst du essen, nachher hast du dann wieder nichts mehr.» Dann sagte Danielle, sie habe eben nur vier Sachen gerne. Als Mama fragte, was das denn sei, sagte Danielle: «Pommes, Kuchen, Beafsteaks und Koteletts.» Da musste Mama lachen und ihr erklären, dass wir das auch gerne hätten, aber auch schon lange nicht mehr gegessen hätten. 26


Allmählich bekam Danielle wieder Farbe im Gesicht und wurde zusehends schwerer, und aus alten Kleidern nähte Mama ihr viele neue Kleider. Die drei Monate, die sie bei uns bleiben durfte, waren viel zu schnell vorbei. Auch für uns war es gut gewesen, denn wir konnten die französische Sprache wieder auffrischen. Beim Abschiednehmen gab es auf beiden Seiten sehr viel Tränen. Danielle hatte ihre zwei Koffer voll mit Kleidern gestopft, dazu noch vieles zum Naschen. Als sie ankam, hatte sie in den Koffern nichts als drei Hüte. Auch einen Brief an ihre Mutter, mit der Bitte, sich doch zu melden, hatte Papa geschrieben. Der lag mit im Koffer. Aber leider hörten wir nie mehr etwas von ihnen. Ein Erlebnis besonderer Art hatten wir zu dieser Zeit auch. Eines Morgens, als wir in die Schule kamen, fehlten zwei Buben, sie waren Brüder. Der Lehrer klärte uns darüber auf, dass keines von uns auf den Theiler-Hof gehen dürfe. Dort herrsche zur Zeit Maul- und Klauenseuche. Wir hatten natürlich keine Ahnung, was das sein sollte. Aber als Fisu und ich am Abend in die Käserei mussten, sahen wir unterwegs, dass der Theiler-Hof grossräumig abgezäunt war. Zudem stand ein Mann der Feuerwehr Wache, so dass niemand zum Hof gehen konnte. Also musste die ganze Sache doch sehr schwer­ wiegend sein. Auf jeden Fall beeindruckte dieser Vorfall uns beide sehr. Obwohl wir nicht auf Rosen gebettet waren, durfte ich nach Thun in die Musikschule Notter gehen, um das Handharmonikaspielen zu erlernen. Und jedes Mal gab Mama mir fünfzig Rappen mit auf den Weg, damit ich mir irgendetwas kaufen konnte. Beim Bahnhof Thun führten zwei ältere Frauen einen Kiosk. Dort ergriff ich ein Päckli Tutti-Frutti für vierzig Rappen, stellte mich vor die Kasse und wollte bezahlen, aber die Frauen 27


bedienten immer andere Leute und liessen mich einfach stehen. Ich dachte, die wollten mein Geld nicht, setzte mich um die Ecke auf eine Bank und öffnete die Tüte. Kaum hatte ich den ersten Bissen im Mund, stand eine der Frauen hinter mir und fragte barsch: «Was hast du da?» Und sie riss mir das Tutti-Frutti aus der Hand. Ich wollte ihr erklären, dass ich ja hatte bezahlen wollen, aber sie liess mich nicht reden und drohte mir mit der Polizei. Nun bekam ich es mit der Angst zu tun, und wie von Wespen verfolgt, fuhr ich mit meinem Fahrrad nach Hause, immer voller Angst, die Polizei komme mir hintennach. Dass die ja gar nicht wussten, woher ich war, kam mir gar nicht in den Sinn. Mama und Papa fuhren nun ab und zu nach Thun, um einen Film im Kino anzusehen. Nach einem solchen Ausflug kamen sie in Begleitung einiger Männer nach Hause. Sie trugen khakifarbene Uniformen und sprachen polnisch. Die Männer waren internierte Polen, die in der Nähe von Allmendingen in einer Baracke wohnten. Weil Papa durch seine polnische Mutter die Sprache noch ein wenig beherrschte, hatten sie Kontakt zueinander gefunden. Fast jeden Sonntag marschierten nun fünf bis sechs Polen nach Höfen und verbrachten den Tag bei uns. Als sie dann von ihrer Bleibe in Allmendingen wegmussten, schenkte uns einer von ihnen als Dank seinen Radio. Das war ein Erlebnis. Nun konnten wir auch Radio hören. Als Papa den Apparat einrichtete, ertönte ausgerechnet als Erstes ein Jodellied mit seiner Kusine Grittli Wenger, sie war Solo-Jodlerin. Das war natürlich ein grosser Zufall und Papa freute sich sehr darüber. Eine Schwester von Papa wohnte damals mit ihrem Mann und fünf Kindern in der Thuner Länggasse. Auch bei ihnen reichten die Lebensmittelmarken nie bis zum Ende des Monats. 28


Deren drei Buben und zwei Mädchen waren genau in dem Alter, wo sie so recht viel essen mochten. Jeden Sonntag marschierte deshalb die ganze Familie der Tante von Thun nach Höfen und zurück. Immerhin waren das acht Kilometer ein Weg. Aber den nahmen sie unter die Füsse, nur damit sie alle wieder einmal genug essen konnten, und auf dem Nachhauseweg trug jedes noch eine Tasche mit irgendetwas Essbarem darin. Unsere Nachbarin, Frau Oppliger, sagte einmal zu Mama: «Wie machen Sie das nur? Ich könnte unmöglich so viele Personen verpflegen.» Aber bei uns wurde eben alles gegessen. Einmal rief die Tante aus Thun an und fragte Mama, ob es möglich wäre, dass sie auf den kommenden Sonntag, der ja zugleich Bettag war, einen Zwetschgenkuchen machen könnte. Sie habe so grosse Lust auf diesen. Auch das machte Mama möglich. Diese Tante aus Thun war Mitglied bei den Sabbatisten, einer Sekte, bei der man eigentlich kein Fleisch oder Fett von Tieren mit gespaltenen Hufen essen dürfte. Aber wir hatten immer Fett genug. Papa bekam bei einem Metzger, der gerne zwischendurch einen Fisch ass, manchmal einen «Kuhgrind». Daraus konnte Mama ziemlich viel Fett gewinnen. Dieses war aber sehr hart. Deshalb mischte sie jeweils einen Teil Katzenfett und einen Teil Ziegenbutter darunter, und die Familie aus Thun konnte sich mit Kuchen vollstopfen und war begeistert. Kein Mensch hatte je gefragt, womit der Kuchen gebacken wurde. Wir besuchten nun die Oberschule. Fisu hatte mit dem Lehrer Neuenschwander sehr grosse Probleme. Das Lernen fiel ihm viel schwerer als mir. Zudem hatte er Angst vor ihm. Zu viele Ohrfeigen hatte er schon einstecken müssen. Das änderte sich schlagartig, als der junge Lehrer Chapuis gewählt wurde. Der 29


nahm sich Zeit, den etwas schwächeren Schülern den Lehrstoff beizubringen, und vor allem schlug er nicht zu. Bei diesem Lehrer lernten wir sehr viel für unser späteres Leben. Anstatt in der Schulstube Naturkunde zu büffeln, ging er mit uns hinaus. So lernten wir, welche Kräuter sich als Tee eigneten. Oder er ging mit der ganzen Klasse zum Pilzesammeln, und wir lernten so, die guten und die schlechten auseinanderzuhalten. Wenn wir viele gesammelt hatten, fuhr der Lehrer mit den Pilzen nach Thun zum Markt. So brachte er Geld in unsere Reisekasse und anstelle von Turnstunden sammelte er mit uns Tannenzapfen. Die wiederum waren sehr gefragt, wurden in Thun verkauft und das Geld wanderte in die Reisekasse. Als einmal an einem 1. Mai ein Meter Schnee fiel, teilte er die Klasse in Gruppen ein. Wir mussten mit Hacken und Rechen bewaffnet den Schnee von den Bäumen schütteln, damit die Äste unter der Last nicht knickten. Ein andermal suchte die ganze Klasse bei den Bauern auf den Kartoffeläckern nach Kolorado-Käfern. Pro Stück gab es 2 Rappen. So verdienten wir so viel Geld, dass die Klasse sogar während den Kriegsjahren eine Schulreise von zwei Tagen machen konnte, ohne dass die Eltern Geld drauflegen ­mussten. Einmal machte er mit uns eine Tageswanderung: Über den Zwieselberg Richtung Reutigen durften wir zum Stauwehr nach Wimmis laufen, um dort die alte und die neue Brücke anzusehen. Ich war schon damals ganz fasziniert von diesem Bauwerk. Mich beeindruckte bei der alten Brücke das Wehr. Das Wasser fällt da etwa acht bis zehn Meter steil auf einen betonierten Boden. Dabei entsteht ein feiner Nebeldunst. Je nach Sonnenstand entwickelt sich ein kleiner Regenbogen. Direkt unter der Brücke ist ein Stollen, um das Überwasser aus dem Stausee abzulassen. Dieser fast drei Meter dicke Strahl schiesst mit einer enormen Wucht heraus und läuft dann mit lautem 30


Getöse in das eigentliche Flussbett. Dass gerade diese Brücke in meinem späteren Leben immer wieder eine Rolle spielte, ahnte ich damals noch nicht. Schade. Nur weil Chapuis in der politisch unerwünschten Partei der Jungbauern war, wurde er weggewählt, obwohl wir Kinder keinen besseren Lehrer hätten haben können. Mittlerweile waren wir elf Jahre alt geworden. Da fragte der Bauer Oppliger Mama, ob wir für ihn jeden Abend die Milch in die Käserei bringen könnten. Sie sagte zu. Sie fand, dass wir dies ganz gut tun konnten. Der zweirädrige Karren mit den rund gebogenen Zugstangen war aber nicht leicht zu ziehen. Die Strasse war ja auch noch nicht asphaltiert. An einem solchen Abend machte ich meine erste Erfahrung mit einem Mann. Es war Spätherbst, um sechs war es schon dunkel. Auf einer unbewohnten Strecke fuhr uns plötzlich der Hodler aus der neunten Klasse mit seinem Fahrrad nach. Bei uns hielt er an, und er bot Fisu an, er dürfe mal mit seinem Rad fahren. Wenn er bis zurück zum Bauern Eberhard fahre, gebe er ihm zusätzlich 50 Rappen. Fisu nahm das Rad und fuhr davon. Auf diesen Moment hatte der Bursche gewartet. Kaum war mein Bruder ausser Sichtweite, packte er mich, drängte mich auf den Boden und legte sich auf mich. Ich bekam es mit der Angst zu tun, und so laut ich konnte, schrie ich. Fisu muss dem Ganzen auch nicht getraut haben, denn er fuhr nicht bis zum Haus Eberhard. Sofort war er zur Stelle, warf das Rad hin und gab dem Burschen so harte Fusstritte, dass er mich sofort losliess. Mit seinem Fahrrad machte er sich dann davon. Weil Mama uns immer wieder gewarnt hatte, dass wir immer zusammenbleiben sollten, getrauten wir uns nicht, etwas von dem Vorfall zu sagen. Der Sohn des Bauers kam 31

Edith Kammer – Diese Brücke war mein Schicksal  

Eine Autobiografie

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