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Leuca, die Flussnymphe der Lütschine

Geschichte

Die Schwarze Lütschine beginnt bei den beiden Gletschern von Grindel­ wald, die Weisse Lütschine bei den Gletschern an der Wetterlücke. Ab Zweilütschinen fliesst die vereinigte Lütschine zwischen den Flanken der Schynige Platte und dem Schwarzhore nach Wilderswil, wo sie auf die Schwemmebene des Bödeli tritt und bei Bönigen in den Brienzersee mündet. Der Interlakner Hausberg Harder bildet denn auch das nördli­ che Ende der Jungfrauregion. Wer die Lütschine und insbesondere ihre oberen Seitenarme in Tro­ ckenphasen sieht, würde sie eher als Flüsschen oder gar als Bach bezeichnen. Bei Hochwasser wird sie allerdings zu einem gewaltigen Gebirgsfluss, der seit Menschengedenken immer wieder den Talboden überflutet und ganze Häuser zerstört hat. Er wird ausser von den ver­ schie­denen Gletschern auch von Dutzenden Bächen gespiesen. Die grösseren unter ihnen fliessen ihm aus dem Sefinental, Trümmelbach­ tal, Soustal, Sulstal, Saxettal, Wärgistal und dem Milibachtal zu. In den Mythen der Vouivre im Jura oder Vuivra im Wallis erscheinen die Flussnymphen als strahlend schöne Frauen, die sich bei Bedarf in geflü­ gelte Schlangen verwandeln können. Auch in der Oberländer Sage tritt ein solches Doppelwesen von Schlange und strahlend schöner Frau auf (vgl. S. 120). Von ihr hat die Lütschine ihren Namen, der im keltischen leuca wurzelt, was weiss, hell oder glänzend bedeutet und als Bezeich­ nung der Flussgöttin zu verstehen ist. Wasser ist ein idealer Energieleiter, was auch für die bisher nicht mess­ baren Schwingungen der Natur gilt. Der Talfluss mit seinen Seiten­ armen bildet so ein Kommunikationsnetz, das die Landschaften der Jungfrauregion über die Lütschine zu einem einzigartigen energeti­ schen Gewebe verbindet.

Nach Bodenfunden zu schliessen, entstanden die ersten kleinen Sied­ lungen am Thunersee bereits in der Jungsteinzeit (ab 3000 v. Chr.). Wie die zahlreichen Funde am Schnidejoch beweisen, wurde der Alpen­ kamm allerdings bereits Jahrtausende früher begangen. Ausser dem Schalenstein bei Dirrenberg oberhalb Wengen sind in der Region jedoch keine verlässlichen Spuren erhalten geblieben. Während der Bronzezeit (ab 1500 v. Chr.) verliessen viele Menschen die Seeufer und zogen in befestigte Höhensiedlungen. Möglicherweise gehen einige der ältesten Siedlungsstandorte wie etwa Heidbiel bei Grindelwald-First auf diese Epoche zurück. Fachleuten zufolge begann die eigentliche Besiedlung durch die so genannten Bergkelten, von denen Gräber bei Unterseen und Flurnamen wie Sulwald zeugen. Damals befand sich die Erde in einer Wärmephase, was den Anbau von Gemüse und Getreide bis auf Höhen von 2000 Metern ermöglichte. Nach dem Ende der römischen Besatzung und den Wirren der Völker­ wanderung liessen sich im Oberland die ersten Alemannen nieder, wie die Gräber bei Wilderswil belegen. Damals gehörte das Gebiet links der Aare – und damit auch die Jungfrauregion – zum Einflussbereich der Burgunder. Als das zähringische Bern seine Macht auf das Oberland ausdehnte, leisteten die burgundischen «Oberländer Barone» Wider­ stand und wurden 1191 bei Grindelwald geschlagen. Zehn Jahre zuvor war das Kloster Interlaken gegründet worden, das mit seiner Macht auch den Landbesitz in den Lütschinentälern stetig ausbaute. Etwa im zehnten Jahrhundert soll eine grössere Gruppe Alemannen ins Stammland der keltischen Uberer im oberen Rhonetal vorgestossen sein. Jene aus dem Lütschinental zogen über die Wetterlücke ins benachbarte Lötschental. Wegen der Klimaverschlechterung wander­ ten im 13. Jahrhundert Gruppen der hier auch Lötscher genannten Wal­ ser wieder zurück. Von allen Walsergemeinschaften im Oberland war die im Lauterbrunnental die grösste. Ihre Dörfer waren jedoch nicht isolierte Siedlungen, wie das sonst der Fall war, sondern Kolonien, die mit ihren Verwandten südlich des Alpenkamms weiterhin verkehrten. 7

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