Issuu on Google+


Renata Burckhardt Hätti sÜtti wetti


F端r Marc und Arthur


Renata Burckhardt

Hätti sötti wetti Schnöde u chlööne uf Bärndütsch

Zytglogge


Alle Rechte vorbehalten Copyright: Zytglogge Verlag, 2012 Lektorat: Hugo Ramseyer Korrektorat: Monika K端nzi, Jakob Salzmann Coverfoto: Renata Burckhardt Gestaltung/Satz: Franziska Muster Schenk, Zytglogge Verlag Druck: CPI books GmbH, Ulm ISBN 978-3-7296-0857-3 Zytglogge Verlag, Schoren 7, CH-3653 Oberhofen am Thunersee info@zytglogge.ch, www.zytglogge.ch


Inhalt

  7

• Vorwort

11

• Terhor im Matter  30.10.2009

13

• Prokraschtination hei aui  27.11.2009

15

• Pflotsch u Piefsker   8.1.2010

18

• I schänke dir es Huli  5.2.2010

20

• Gut durchlesen, gell!  5.3.2010

22

• Dittel! Titel! Titu!  9.4.2010

24

• Gang geng gredi  7.5.2010

26

• Aafang  4.6.2010

29

• Büscheli-Tag  3.7.2010

31

• Kreucht und fleucht  31.7.2010

33

• E Gschicht  27.8.2010

35

• Hätti sötti wetti: Es Spili  24.9.2010

38

• Experimänt  22.10.2010

40 • Ketzerei  19.11.2010 42

• Geng die Ängscht  17.12.2010

44 • Moudi u Tüüfu  14.1.2011 46 • Schnöde u chlööne  11.2.2011 49

• Säuber dschuld  11.3.2011

51

• Füdlebürger?  8.4.2011

53

• Zorro oder Zebra  13.5.2011

55

• Chifle u zangge im Chäri-Cheib  10.6.2011

57

• Idee u Ferie  8.7.2011

60 • Drei Buechstabe  12.8.2011 62

• Nünnele  9.9.2011

65

• Itz isch gnue  7.10.2011

67

• Chouffe für e Ghüder  4.11.2011


69

• Der Wahnsinn dusse  2.12.2011

72

• Ds letschte Wort isch ds erschte  6.1.2012

74

• Der Wäg isch ds Ziu  3.2.2012

77

• Scho geng  2.3.2012

79

• Pflüdere u tschädere ir Wermi  30.3.2012

81

• C’est la vie  4.5.2012

83 • Kokon  1.6.2012 85

• Ke Ahnig  29.6.2012

88 • Thun  27.7.2012


Vorwort

«Cha me stouz uf ne Sprach sy? Weiss nid. Fröid ha, ja.» Für Renata Burckhardt ist die Sprache nicht selbstver­ ständlich, sondern verändert sich, passt sich an, manchmal unbeabsichtigt. So geht die Autorin in sich, als sie plötzlich etwas ausspricht, was sie nicht für möglich gehalten hatte: Sie benutzte völlig unerwartet die in Zürich übliche Gruss­ formel ‹Hoi›. Und dies erst noch in der fröhlichen, an einen Sirenenton gemahnenden Variante: «Mit der Stimm unger aafa, obsi gah un am Ändi churz wider nidsi.» Die gebürtige Bernerin mit starkem Basler Familienhinter­ grund ist bekannt geworden mit hochdeutschen Theater­ stücken und DRS-Morgengeschichten in Mundart. Nach einem längeren Deutschland-Aufenthalt lebt sie seit einigen Jahren in Zürich. Wo ist, fragt sich der auf klare geografi­ sche Zuordnungen pochende Leser, diese Autorin im Ber­ mudadreieck Basel-Bern-Zürich sprachlich verwurzelt? Ist am Ende ‹Bahnhofbuffet Olten› der kleinste gemeinsame Nenner? Auf dem Umschlag steht unter dem Titel ‹Hätti sötti wetti› unmissverständlich die Läster- und Klageansage: ‹Schnöde u chlööne uf Bärndütsch›. Also ist sie letztlich doch eine Bernerin? So einfach macht es uns Renata Burckhardt glücklicherweise nicht. «I bi i Sache Mundart auso weder Fisch no Vogu.» Mit diesem entwaffnenden Ein­geständnis hat sie im Herbst 2009 in ihrer allerersten Mundart-­ Kolumne in der Berner Tageszeitung ‹Der Bund› allen ge­   •  7


strengen Mundart-Puristen und Hütern des reinen Bern­ deutsch den Wind aus den Segeln genommen und sich als fröhliche Aussenseiterin, als bunten Dialekt-Mischling vor­ gestellt – getreu dem Motto: Ist der Ruf gleich zu Beginn ­ruiniert, schreibt sichs fortan ganz ungeniert. Und auch die Spezies der Mundartphobiker wird von ihr einfühlsam ­behandelt, streut sie doch hin und wieder hochdeutsche ­Passagen in ihre Texte oder verwickelt den Berner und den Basler Dialekt kurzerhand in einen rhetorischen Schwing­ kampf. Wer indes eine nostalgische Heimweh-Bernerin erwartet, wird von dieser unsentimentalen Autorin gleich in den Sen­ kel gestellt: In allen drei Städten habe sie «glücklechi u hi­ mutruurigi Stunden erläbt». Allerdings kann sie die Hektik im vorweihnächtlichen Zürich schon etwas ins Grübeln bringen: «Z Bärn wär das nid eso. Z Bärn gits nid so nen ­aggressivi Stimmig, nid di böse Blicke …» Aber diese Auto­ rin interessiert sich weniger für pubertär anmutende Städte­ rivalitäten als für die Realität in diesem Land, das Schweiz heisst. Und da ist er im Alltag eben immer spürbar, dieser Graben zwischen einem Leben, wie es sein könnte, ja sein sollte, und einer ziemlich unvollkommenen Realität. Der dreifache Konjunktiv im Titel verweist auf eine Utopie am Horizont dieses reichsten Landes der Welt. Der selbst er­ nannte Musterschüler Schweiz kommt Renata Burckhardt wie ein ‹Sonderschüeler› vor, dem es weniger an intellektuel­ 8  • 


len Fähigkeiten als an Sozialkompetenz mangelt. In einigen ‹Fächern› leidet dieser Kleinklässler zudem an akuter ‹Pro­ kraschtination› – an einer Erledigungsblockade. Renata Burckhardt doziert aber nicht, sie sucht und wühlt vielmehr lustvoll in den Dialekten und macht ebenso ver­ spielt wie scharfsinnig Politisches im Privaten fest. So kann es durchaus passieren, dass diese Autorin eine tiefschürfende Einsicht von Blaise Plascal vierhundert Jahre später en pas­ sant auf eigenständige Weise bestätigt. Bei Pascal lautet die Diagnose so: «Das ganze Unglück der Menschen rührt ­allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu blei­ ben vermögen.» Renata Burckhardt fasst diese anthro­po­ logische Konstante in ein prägnant geschnittenes Mund­ artsprach­k leid: «Der Möntsch isch e krasse Zwaschpel, mues geng fägnäschte und umebaschtle, o wenns vilecht nid müesst sy.» Diese Autorin ist in ihren Kolumnen bissig, aber sie über­ beisst nie, sie ist hellwach, aber sie hyperventiliert nicht – ob­ wohl sie, wie sie eingesteht, immer «ds letschte Wort» haben muss, wobei das nicht die schlechteste Eigenschaft für eine Kolumnistin sein muss. Da ist jemand, der sich einmischt und aufregt und der uns dazu auffordert, die verbalen Aus­ einandersetzungen zu suchen, Wortgefechten nicht auszu­ weichen, sich in verbale Scharmützel zu stürzen, den pro­ duktiven Streit zu bejahen. Reden ist für die bekennende «Närvesagi» Gold, Schweigen höchstens Silber.   •  9


«Niemer wott schytere», stellt sie einmal lapidar fest. ­Renata Burckhardt scheitert nicht mit ihren Kolumen, weil sie sich nicht davor scheut, von ihren und unseren Ängsten zu sprechen, etwa der Neophobie (Angst vor allem Neuen). «D Angscht vor em Schytere», schreibt sie, «isch deschtruk­ tiver aus ds Schytere säuber. Wäge dere Schyter-Phobie göh di grossen Idee flööte.» Aber jetzt ist genug, das letzte Wort gehört natürlich Renata Burckhardt. Vorhang auf für ein sprachliches Mischwesen aus Frau, Vogel und Fisch, das uns durch seinen betörenden Gesang anlockt, um uns – nein, nicht zu meucheln, sondern – zu mehr Lebenslust anzu­ Alexander Sury stiften.  9.7.2012

10  • 


Terhor im Matter 30.10.2009

«Lalads mat Terhor nla lad smatter hornla la dsmat­ terhorn la la ds Matterhorn isch schön …» Nei, i schaffe nid für e Schwyzerisch Turismusverbang, un i wott o ke Wärbig für ds Matterhorn mache. Aber i wett gärn es paar Sache klarsteue – oder unger üs gseit: I wett mi scho itz vo jeglecher Kritik freichouffe. Suber schnure chan i nämlech weder Bärn- no Basu- no Züridütsch (bim letschte chan i sogar nume ds ‹nöd›). I bi geng wider derwäge gföpplet worde. Won i ir Prim bi gsi, het myni Mueter mau zuen ere Lehrere i d Sprächstung müesse – u für mi isch klar gsi: Itz mues d Mamma go lehre Bärndütsch schnure. Wes um suberi Dialäkte geit, müesst ir Schwyz äuä geng di einti Bevöukerigsheufti vo der angere Heufti gföpplet wärde, di Junge vo den Aute, di Sprachbegabte vo de Sprachunbegabte. Mängi Fründe vo mer wei hütt no, dass i i ihrer Aawäse­ heit nid Basudütsch schnure. Si chönni dä Gäggsiton nid ghöre. I tüeg mi de so i ne Gäggsnase, i ne Scheesä, i nes ­R iibise oder ömu sicher i ne Daigaff verwandle. Umgekehrt het mer ersch ei Chummerfurz verbotte, Bärndütsch z schnure. I weis nümm wär, äuä besser so. Aber sy die ganze Verbot itz der so genannt salonfähig Rassismus? S isch jede­ faus es Chrüz mit der Sprach. Ds erschte Mau Mundart gschribe han i ersch mit Dryssgi. I bi us emene Usslandjahr hei cho u ha im ne Baaaaasler Drämmmmmli disi Wärbig gseh: ‹Die drey scheenschte Dääg im Joohr›. Di Buechstabe hei für mi usgseh wie Hüro­   •  11


glyphe. Ersch mit der Zyt hei sech latinische Buechstabe usekrischtallisiert. I bi de heiggange u ha säuber öppis gschribe, uf Bärndütsch. I bi i Sache Mundart auso weder Fisch no Vogu. Un i wett mi da dermit grad scho mau offizieu u uf ne biuigi Art frei­ chouffe, bevor i überhoupt irgendöppis gseit hätt. Sech frei­ chouffe isch gang u gäb. S git serigi, di maches mit Gäud, i probieres hie mit bärndütsche Wort, dasch emu no edu vo mer. Aber äbe: Dihr chöits äuä besser, das Bärndütsch. Drum go for it, schlöt mer der Gring y. I bi mit aune Wäs­ serli gwäsche. U faus das öpperem nid passt, nimen i aues zrügg u säge ds Gägeteil. Dasch in. Das machen aui so. Mei­ nigsfreiheit ja, so lang de wischiwaschi blybsch, so lang de nid z klar bisch – süsch gits medial eis uf e Gring. Apropos Sechfreichouffe: Das cha me gly sowiso nume no mit Wort, u nümm mit Gäud. Der Peter Licht het scho vor drü Jahr gsunge: «Das ist das Ende vom Kapitalismus, jetzt ist er endlich vorbei. Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns nur auf der Tasche gelegen, la la.» Mit em La-la-Singe chumen i zrügg zum Aafang: «Lalas mat Terhor nla la smatter hornla la smatterhorn la la ds Mat­ terhorn isch schön.» Das het es chlyses Meitschi im Tram gsunge, stundelang. Scho fasch e Räp isch das gsi oder Free­ jazz im Loop. Ds Meitschi het so lang gsunge, bis aui drum­ ume stiu i sech yne hei afa ‹blödi Gumsle› möögge – un ig o. Die ändlosi Schlouffe het eim fasch wahnsinnig gmacht. «Lalas mat Terhor nla la smatter hornla la smatterhorn la la ds Matterhorn isch schön.» Aber ungereinisch han i bim Zue­lose im Wort ‹Matterhorn› ds Wort ‹Terhor› ghört u bi bim Wort ‹Terror› glandet. Dasch weder e verschlüssleti Bot­ 12  • 


schaft, no süsch en Ussag vo mir. Aber i ha de ddänkt, dass me ja mau mit de Wort ‹Antiminarettinitiative›, ‹Zwöiklas­ semedizin›, ‹Chrankekasseprämie›, ‹Früschluftfanatismus› e chly Freejazz chönnt singe – u chönnt luege, was derby use­ chiem. Oder o mit em Wort ‹Chürbistomatehaubrahm­ suppe›, das wär de weniger politisch.

Prokraschtination hei aui 27.11.2009

Mir aui tüe prokraschtiniere. Prokraschtination het aber nüt mit der Proschtata z tüe. U o nüt mit em Protesch­ tantismus oder mit ere Pro-Kräsch-Nation. Ähä. S geit o nid um ne Vor-Kaschtration vom ne Kater, wo eim geng ds Sofa verbyslet. Aber mit hundertprozäntiger Sicherheit mues i öich säge: Mir aui sy vor Prokraschtination betroffe. Mir aui hei Prokraschtinationsproblem. Mir aui sy prokraschtinie­ rendi Wäse. Dasch hert, aber wahr. Eis Prokraschtinations­ problem ändet byspiuswys am 24. Dezämber im ne rise­ grosse Grangu. A däm Tag bruuche mer aui no es Gschänkli, öppis z ha­ bere, e Gans oder zmingscht e chli ‹Äntäläbärä›. Mir stung­ gen üs auso wi di Pickte dür d Stadt, ir letschte Sekunde, uf em letschte Drücker. Pynlech, we mer bim Gschänkli­ chouffe öppe no d Schwoscht oder der Schwager träffe u de zwo Stung speter genau das Gschänkli unger em Wiehnachts­ boum lyt. Wäre mer doch zytiger go kömerle. En exempla­ rische Fau vo re Prokraschtination.   •  13


Wäg der Prokraschtination ischs am 24. Dezämber ir Stadt geng so, aus würd d Wäut ungergah. Aus würd zmingscht der Emmerich eine vo syne Wäutungergangs-Fiume drääie. I sym nöischte Fium söu d Wäut wägen ere Klimakatasch­ trophe ungergah – am 21./22. Dezämber Zwöituusiguzwöuf. D Maya hei das Datum voruusgseit, d Tibeter, di auten Ägypter u o d Hopi-Indianer. Mir wüsse auso syt Tuusige vo Jahr, dass im Zwöituusiguzwöuf d Wäut ungergeit, aber was tüe mer dergäge? Nüt. Voilà. E wytere Fau vo re Prokraschti­ nation. Stärneföifi, was heisst itz das choge Wort? S git eis Wort, da gheit bi aune ds Zwänzgi abe: Stüür­ erklärig. Wenn ömu bi mir d Stüürerklärig nachen isch, de steuen i ungereinisch aui Möbu ir Wohnig um; de mues i juschta­ mänt aui Fänsch­ter putze; de mues i plötzlech mys Büe­ chergsteu ufruume; de chochen i eis Chacheli Tee nach em angere; de suechen i ewigs nach eme bstimmte Schrybi, wöus mi düecht, i chönn nume mit däm Schrybi d Stüürer­ klärig usfüue. Es isch aber o würklech es Gschleipf mit dere Stüürerklärig. Zum Göögge. Bsungers hüür, wo der Gloube i Staat o scho besser isch gsi, wo me fasch es ‹Dotteli› oder e ‹Schangli› isch, we me brav syni Stüüre erklärt. Sunntige lang chrüpple, dermit me de darf e Rächnig übercho! In Dütschland nimmts eim dr Staat wenigschtens grad vom Monetslohn, bim Jahresändi bisch der säuber lieb: Ent­ weder füllsch d Stüürerklärig uus u bechunsch öppis zrügg – süsch bisch säuber dschuld. Kes Wunger auso, tüe mir hie das Gniet uf di längi Bank schiebe, verlauere, vertrödle, use­ stüdele. Prokraschtiniere äbe. 14  • 


Aber ‹Usestüdele› tönt weniger gfürchig. ‹Usestüdele› tönt doch no ganz härzig. Syg ja schyns o kes mönschlechs Ver­ säge. Syg sogar totau normau – bis zum ne gwüsse Grad. Me söu mit Fründe offe drüber rede. Me söus e chli locker näh u sech wäge der Prokraschtinations-Angscht nid z fescht unger Druck setze. Süsch sitze mer de öppe no vor luter Pro­ kraschtination-Schueudgfüeu brieggend oder ulydig vor em Wiehnachtsboum. Das wei mer nid. Apropos: I ha nadina der Bammu gha, i wärdi nümm fer­ tig mit dere Kolumne. Ha schlaflosi Nächt gha. Bi i Hinder­ lig grate. Jede Morge bim Erwache isch mer gschmuech worde: «Ou, d Kolumne, hü!» Ha se haut usegstüdelet. Un itz han i bis zur letschte Sekunde vor Abgab müesse dranne ‹chnifle›. Auso bis genau itze. I armi Hutte. Aber wie ufhöre? Dasch äbe o d Prokraschtination: d Angscht, mit öppisem ufzhöre, nid z wüsse, wenn me söu ufhöre, nid z wüsse, wie me söu ufhöre. Iu … Itz hör i eifach uuf.

Pflotsch u Piefsker 8.1.2010

Chürzlech het der Bernd wöue wüsse, was eigent­ lech e Pflötsch syg. Der Bernd isch e Dütsche us em Schwarz­ waud u redt fasch wien i, wen i nid Bärndütsch rede. Min­ dischtens ömu tönt der Bernd us em Schwarzwaud wie früecher my Basler Grossbappe. Früecher isch für mi dä Schwarzwaud ir Vorstellig sehr schwarz gsi; u vor auem cheibe wyt ewägg, im nen angere Land, wo irgendwo z Basu   •  15


hinger em Huus vo de Grosseutere het aagfange u wo Lüt hei gwohnt, wo ganz angers hei gredt aus mir säuber. Länder, Dischtanze u Sprache hets für mi aus Ching i däm Sinn nid ggä, nume ds Wort angers. Angeri aus säuber. U itz chürz­ lech äbe der Bernd us em Schwarzwaud, wo wott wüsse, was e Pflötsch isch. Es heissi Pflotsch, nid Pflötsch, het ihm d Ursle gseit. Pflotsch syg ersch Pflotsch, wenns richtig viu Wasser im Schnee drinne heig. Pflotsch giebs auso, wenns heig i Schnee yne gschiffet. Gnauer gno gäbs Pflotsch ersch, wenn syg gsauze worde. Denn wärd jede Fuessabdruck zum ne chlyne Tümpu. «Ach so, Schneematsch», het der Bernd drufabe gseit. Nei, Schneematsch entstöndi äbe ohni ds Sauze, son­ dern nume dürs Matschiglouffe. U das syg äbe Matsch, nid Pflotsch. Matsch syg aber nid öppe ds Glyche wi der Mätsch. Zwar chönns bim ne Mätsch o Matsch gä, aber sicher e ke Pflotsch. Hie het der Bernd wöue wüsse, ob der Mätsch de itz ds Glyche syg wi das Mätsch, das Mätsch aber chiem doch us em Öschtrychische. Da het d Ursle gsüüfzget: «Dihr Piefsker geng!» Vilecht mues a dere Steu gseit wärde: Ds Wort Piefke (auso Piefsker) isch es Schimpfwort für Dütschi. U gnau gno isch Pflotsch ja eigentlech o nes Schimpfwort. Derby sy mer säuber dschuld. Pflotsch gits nume, wöu mer sauze. U der Piefsker gits vilecht nume, wöu mer e Suppe wei versauze. E nachbarschaftlechi, fründschaftlechi. Jesses, was für ne These. He ja. Jedi Jahreszyt bringt ihri journalistische Byträg, der Summer angeri aus der Winter. So ischs o mit dene Zyle. Egau, won i im Momänt häre luege u lose, i gseh u ghöre 16  • 


nume no di zwöi Wort (s isch fasch wie mit em Verliebtsy): Pflotsch u Piefsker. Beidi Wort hei irgendwie mit Gränze z tüe. Ab wenn isch Schnee nümm Schnee, sondern Pflotsch, wenn isch Pflotsch nümm Pflotsch, sondern Wasser, wenn isch Pflotsch Pflotsch? Ab wenn redt der Bernd Schwarzwäudlerisch u nid Basu­ dütsch, ab wenn reden i Basudütsch u nid Schwarzwäudle­ risch, ab wenn isch e Dütsche e Piefsker, e Basler e Piefsker, e Bärner e Basler – u werum chunt der Bernd nid us Bern. I de Füfzgerjahr het my Basler Grossbappe das Gnusch gfähr­ lech gfunge: Mer lääbe z nooch an fremde Landesgränze. Kai Wunder, dass me s Baaseldytsch verliert. Wie soll me denn in dääre Sprooch no glänze, wenn rächts e Waggis, linggs e Schwoob barliert. Kumm, Bebbi, gib der Mieh, d Sprooch suuber z halte. I gib zue, s isch männgmool zimlig schwäär. Und trotzdäm, fir die Jungen und die Alte blybts d Haimed … Angeri Zyte? Typisch Füfzgerjahr? D Schwarzwäudler gränze sech übrigens widerum vo de Norddütsche ab u schimpfe disi Fischchöpf. So geits immer wyter.

  •  17


I schänke dir es Huli 5.2.2010

Es isch vor drü Wuche passiert. Ungereinisch. I hätts nid für müglech ghaute. Ha nüt dergäge chönne mache. Vor drü Wuche han i ungereinisch «Hoi» gseit. Ja, Dihr läset richtig: «Hoi» han i gseit. Zum erschte Mau. Gnau gno han is eso gseit: «Hooooooiiiiiiii.» Töne mues das e chli wien e ­Sirene: Mit der Stimm unger aafa, obsi gah un am Ändi churz wider nidsi. Versuechets emau: Hoooiiii. Das wär di gfreuti Variante. Je nachdäm, wäm me Hoi seit, mues me der Verlouf vo de Tonhöchine natürlech aapasse. Unger aafa, churz obsi gah un obe gleitig ufhöre: Das wär di gran­ tigi ­Variante. Vor drü Wuche auso isch mer so nes Hoooiiii use­ grütscht. Sider sägen is allpott, fasch täglech. «Hoi du!» I weis nid, was passiert isch. Vilecht bin i nach sächs Jahr Züri in Züri aacho. Vilecht ischs eifach der Zang vor Zyt. I säge chuum meh ‹Grüessech›. Won i vor sächs Jahr uf Züri züglet bi, sy der Zügumaa un i nach der ganze Büez, nach em ganze Gschleik mit es paar Blöiele u Müüssi i myre nöie Züri-Wohnig ghöcklet u hei no es Bierli trunke. Da het dä Zügumaa nach eme Rüngli un­ gereinisch i d Stiui yne bbrümelet: «U das söus itz sy, das Züri?» I ha gfragt, was er meini. «Eh, i chönnt das nie, ä-ä; z Züri usse, das wär nüt für mi.» Är isch irgendwie tüpft gsi, dass e Bärnere uf Züri use geit, u de öppe no freiwiuig. Sider wohnen i auso nümm dinne, sondern z Züri ‹usse›. E ja, schliesslech isch Bärn früecher e Territorialstaat gsi, e Staat, wo sys Territorium klar definiert: hie dinne, dert 18  • 


dusse. I bi auso e Stimm vo dusse, e Stimm us em Off, us em Schatterych. Un i wohne dusse vor de Stadtmuure. Mit e Bitz angerne Wort het mi chürzlech e Bärner Fründ zöiklet u per ÄsÄmÄs gschribe: «Immer diä frömdä Fötzlä, aus ­Heiweh-Bärner tarnät, wo i üsärär Zytig umäschrybä!» Drufabe han i mi gfragt, ob i öppe Heiweh ha. Nach Bärn. Nach vierzäh Jahr dusse, nach de Jahr z Basu, in Dütschland, z Züri. Ob i da ungereinisch Heiweh ha. S wär ja vilecht no öppis, mau wider dinne z wohne, nümm dusse. Aber ä-ä. I ha no nie Heiweh gha (numen einisch im Pfadi­ lager; dert hei mer zwo Wuche lang müesse im Waud ume­ seckle, hei nid einisch chönne Zähn putze u hei wäg ere Mage-Darm-Grippe ds Zäut vougchörblet). Aber süsch: Heiweh nach emne früechere Wohnort? Ä-ä. Ui. I bi e schlächte Kanton, wöu weder z Bärn, no z Basu, no z Züri däheime. Mit serige Bürger cha me nid wirt­ schafte. Der Rudolf Suter wär ömu nid zfride, är schrybt: «Wer an ein Gemeinwesen glaubt und sich mit Stolz für das­ selbe mitverantwortlich hält, der wird auch immer mit Stolz dessen Sprache sprechen.» Cha me stouz uf ne Sprach sy? Weiss nid. Fröid ha, ja. I vergisse nie, wo mer ds Wort ‹Huli› gschänkt worden isch. I bi mit ere Bärner Fründin i ihrem Garte gstange, mir hei emne Chüngu zuegluegt, bis dä i sym Schöchli drinne ver­ schwunden isch. «Dä geit go nünnele, dä het dert es Huli», het di Bärner Fründin drufabe gseit. Sider kennen i das Wort, s isch wien es Gschänk gsi: ‹Huli›. U ‹Hoi› isch … o nes Gschänk.

  •  19


Gut durchlesen, gell! 5.3.2010

Oha lätz! Het eppen epper eppis gsait? Isch öppe ­öpperem öppis i lätz Haus cho? Ha nämlech ds letschte Mau vo heimatleche Gfüeu, mängem Wohnort und vom Zügle gschribe. U vo derige Lüt, wo nid ganz eso verwurzlet sy wi angeri. Ha i däm Zämehang o vom Nid-Heiweh verzeut u dadervo, wi mer emau ds Wort ‹Huli› gschänkt worden isch. Zueggä: Es bitzeli symbolisch han i das natürlech scho gmeint, das mit em ‹Huli›, mou. Dass me vilecht mit jedem Wort, wo me nöi gwinnt, o es bitzeli Heimat in ere Sprach fingt? Aber dä Schuss isch hingeruse. Ere Läsere isch d Töibi obsi cho, u si het e Lischte gschickt. Mit Fähler i mym Bärn­ dütsch: Unkorräkti Schrybwys! Besser ds Wort ‹Längizyti› aus ds Wort ‹Heiweh›! Derby isch ds Wort Heiweh juscht es Zitat us emene ÄsÄmÄs vom ne urchige Bärner. «He joo derno, ä Rippstigg», chönnt me itz uf Basudütsch säge u di Sach gsorget gä. Aber so eifach ischs nid. S isch äbe ja so, dass derigs geng wider uf mi zuechunt. Scho my Baasler Groossbappe het allewyyl mit em Botsch gwagglet und gsait: «Du gheersch gar nit rächt zur Fa­ myylie.» Ä Väärslidichter, geboore im Joohr 1898, schryybt doo­ derzue: «Y wott my Freihait haa … au in der Sprooch, die wandlet sich wie s Lääbe, goot em nooch. Wär hit no ‹Ruum­ milch› breediged, ‹Hoschehoo› und ‹Noodisch› anstatt Des­ seer, kaa mir bloose. So biin i halt … und miir schleen d ­K inder noo, und wie die schwätze, daarf me z Basel loose …» Vo wääge Kinder: Friehner hänn mir dehaim s Woort 20  • 


‹mömerlig› erfunde. Mi dunggts, me miest das Woort offi­ ziell yyfiere, s isch e Mischig zwische gmietlig, fein und hai­ melig. Ebbe, aifach ‹mömerlig›. U chürzlech han i vo Chind das hie ghört: «Wird doch schwanger!» Me sägi das, we der anger – oder di angeri, s isch unabhängig vom Gschlächt – bsungers schwirig tüeg. Vi­ lecht heisst Schwangerwärde ja scho bau so viu wie schwirig tue. Wünsche tuen i mer das aber nid. Un i wünsche mer o nid, dass ds Wort Längizyti verlore gieng. S isch viu z schön. Ke Bärner aber het mer chönne säge, wenn är ‹Längizyti› seit u wenn ‹Heiweh›, was genau der Ungerschid isch. Längizyti isch gloubs sehnsüchtiger, spiut pärsee mit der Zyt: Viu Zyt isch vergange, ds grosse Plange nach öppisem fat aa. Heiweh tuet pärsee meh weh u isch vilecht meh a nen Ort gchnüpft? Was aber isch mit em ‹Fernweh› uf Bärndütsch? Färnweh? D Portugiese fasse di Gfüeu zäme u säge ‹Saudade›. E ­Mischig us Truurigkeit, Wehmuet, Sehnsucht u Melancho­ lie. Öppe ds Glyche wi bi üs ‹I ha dr Blues›. Di vertöubti Läsere schrybt apropo no, dass si e ke Leh­ rere syg – won i aber ihre Name lise, gheit mer ds Härz i d Hose: Si heisst drum glych wie myni Erschtklasslehrere. Ersch bim besser Läse gsehn i, dass es e munzig chlyni Ab­ wychig im Name git – mys Härz chräsmet auso wider zrügg a di richtigi Steu u seit zue mer: «Du, dasch es gfungnigs Frässe; lue doch mau nache, was dyni Erschtklasslehrere aube zu dym Schrybe gmeint het.» Und, eh voilà: Unger eim Erschtklass-Ufsatz steit mytüüri: «Gut durchlesen, gell!»

  •  21


Dittel! Titel! Titu! Wäär boodiget wäär. Wäär böödelet wie. 9.4.2010

Letschthi wiider, der Arndt us Norddytschland. Äär schafft an der Uni z Basel. Und het e Brobleem ghaa. Äär het sich per Internet für e Kurs ‹Schweizerdeutsch Konversation› aamälde welle. I haa gsait, so eppis gääbs nit. Gits aber. Der Arndt het dooderfür syni Personaalie usfille miesse. Namme? Adrässe? Geburtsjoohr? Bim Woort ‹Dittel› isch r verdatte­ ret gsi. Arndt: «Was bitte heisst Dittel? Dattel, Titte oder was?» I haan em ergläärt, dass Dittel ‹Titel› haisst. Syyg jo nit so schwäär. Arndt: «Dittel, wie bescheuert! Wie heissts auf Berndeutsch?» I: «Titu». Arndt: «Süss! Titu! Viel besser als Dittel und Titel!» I: «Deent aber wie Tito oder Titus, nit so siess.» Arndt: «Es ist nun mal so: Hochdeutsch ist klar, Bern­ deutsch klingt süss-sexy, Baseldeutsch aber ist ein ähm … Halszapfenkrampf.» Aua. Do isch s Baaseldytsch bboodiget gsi. Drum dodermit in dääre Kolumne erscht rächt alles uff Baaseldytsch. Dittel! Titel! Titu! Immer das Ringe. S isch fascht wie bim Schwinge, dääre schwyzerische Äigenart. En uurspringligs Hirte- und Buurespiel us em 13. Joohrhundert. Aber hitte e modäärni Schpoortart (sogar die Frauen dürfens heute). E Kampf zwüsche staargge Gstalte. Mit klaare Reegle, Griff und Schwüng. Boodeständig wird in boodeschyyche Hoose bboodiget. E boodegueti Sach! E Schwinget zwüsche de ­Dialäkt gsäächt eppe so us: 22  • 


phäggle! – päckle! haue! – brätsche! schmaisse! – pänggle! gruchzge! – bärze! briele! – möögge! stolpere! – stürchle! boodige! – bodige! Internet! – Internet! EU! – EU! Obama! – Obama! Und: Iirbsi! – Gröibschi! (Eine Ehrenmedaille erhalte hier die deutsche Version: «Kerngehäuse des Obstes») Wäär boodiget also wäär? Boodige isch iibrigens nit s Glyyche wie Böödele. Beides het mit em Boode z tue, das scho. Bim Böödele aber wirsch nit vom Geegner phägglet, sondern us buurer Fraid. Zeerscht gramslets dr in de Fiess, denn stampfsch zu Muusig uff e Boode. Wie dr Hömfri Böugart in ‹Singing in the rain›. Oder isch s dr Giin Kelly gsi? Anyway. Böödele. En oschtund innerschwyzerische Folkloredanz. E Fraidedanz. E Wäärbe­danz, e Pfauerad, numme lut. E boodegueti Sach. Dr lutischt, ooriginellscht Böödeler isch dr Bescht. Heute bödelen auch Frauen und drehen sich nicht mehr nur im Kreis. Will nicht allen Mannen gefallen. «Isch jede gärn dä wo obenabe stampfet», würde M. Matter vielleicht sagen? S Nätte bim Böödelen isch: Me bruucht d Sprooch nit. Numme Muusig, e Paartner und e Boode. S Nätte au bim   •  23


Renata Burckhardt – Hätti sötti wetti