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Denise Broer

Mr A Alzheimer des Vaters

Zytglogge


Alle Rechte vorbehalten Copyright: Zytglogge Verlag, 2012 Lektorat: Hugo Ramseyer, Bettina Kaelin Korrektorat: Monika K端nzi, Jakob Salzmann Coverfoto: verkehrt verknotet (Denise Broer) Gestaltung/Satz: Franziska Muster Schenk, Zytglogge Verlag Druck: fgb, freiburger graphische betriebe, www.fgb.de ISBN 978-3-7296-0843-6 Zytglogge Verlag, Schoren 7, CH-3653 Oberhofen am Thunersee info@zytglogge.ch, www.zytglogge.ch


F端r dich


Vorwort

Du und Mr A*, ihr beiden, ihr seid ein schicksalhaftes Paar geworden, ungewollt. Du bist ein aussergewöhnlicher Mensch. Mr A ist eine aussergewöhnliche Krankheit. Du bist liebenswürdig, humorvoll, distinguiert, intelligent. Mr A ist oft unverständlich, gemein, peinlich, beängstigend. Und doch habt ihr euch, trotz eurer Gegensätze, irgendwie, irgendwann miteinander arrangiert. Das Leben hat euch zusammengeführt. Was nützt es, zu fragen warum. Was nützt es, zu verzweifeln, traurig zu sein. Es ist, wie es ist. Mr A, du und ich haben das Beste daraus gemacht. Haben oft zu dritt gelacht. Manchmal auch geweint.

* Alzheimer mit Ausprägung Lewy Bodies

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Ich bin dankbar, dass ich dich ein St端ck weit begleiten durfte. Mit Mr A. Der dich ungefragt besucht hat. Und den Rest deines Lebens bei dir blieb. Mr A hat mir dich nahe gebracht, hat mich dich lieben gelehrt, hat mich 端ber dich mehr erfahren lassen als je. Mit und ohne Worte. Durch dich und Mr A hab ich auch mich neu kennen gelernt.

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Sommer

Laue Abende. Geselligkeit. Fröhlichkeit. Leichtigkeit. Hitze. Abkühlung.

Er

2007 Alles dreht sich. Seine Hände fassen an den Kopf, der kurz vor dem Zerspringen ist. Er schreit, hält es nicht aus. Unsägliche Schmerzen. Sirenen kreischen. Drei Männer kommen. Er wehrt sich, mit Händen und Füssen. Ein Überfall! Sie halten ihn, mit eisernem Griff, binden ihn fest, nehmen ihn mit, bringen ihn fort. Sperren ihn ein. 9


Männer und Frauen in weissen Kitteln bedrohen ihn. Er hat Angst. Ich

Du bist im Krankenhaus, bist verwirrt. Du fantasierst, weisst nicht, wer du bist, weisst nicht, was in deinem Kopf vorgeht, was mit dir vorgeht. Du hast deine Sprache verloren, hast dich verloren. Dein gehetzter Blick streift umher. Um sich kurz darauf ins Nichts aufzulösen. Rückblende

2006 Seine Frau fragt, gibt Anweisungen. Ob er seine Milch schon getrunken hat? Den Autoschlüssel eingesteckt hat? Ob er mit ihr einkaufen geht? Ob er nicht die dickeren schwarzen Schuhe, statt der braunen dünnen, anziehen will? Er soll die Schildmütze nicht vergessen, wenn er das Haus verlässt. Die Sonnenbrille liegt im Schlafzimmer auf dem Tisch, wenn er sie sucht. Er soll sich doch hinsetzen und die Zeitung lesen. 10


Er soll noch im Keller Orangensaft holen. Soll noch die Büsche beim Hauseingang schneiden. Noch bei Frau F klingeln und fragen, ob er waschen kann. So geht das tagein, tagaus. Er findet, das Leben ist voller Stress. Stress, Stress, Stress! Einfach zu viel! Er hält das nicht mehr aus! Er

Sie fragen, fragen. Testen, testen. Worte wie durch Watte. Weit entfernt. Dumpf. Gebrochenes Deutsch. Italienische Wortfetzen. Beunruhigende Momente. Er will nach Hause. Einfach nur nach Hause. Er erhält kleine weisse Pillen. Er will keine kleine weisse Pillen. Er muss sie schlucken. Gegen seinen Willen. Ein Schleier legt sich über ihn, dämpft seine Wahrnehmung. Sein Geist driftet davon. Er will ihm nachrennen. Kann ihn nicht einholen. Unerklärliche Dinge passieren. Dann gibt er auf. 11


Ruhe durchdringt ihn. Er l채sst es geschehen. Ich

Du bist dir selbst fremd. Du wehrst dich gegen deinen Zustand, suchst nach Fragen. Du kannst keine formulieren. Suchst nach Antworten. Kannst keine finden. Dein Geist gibt keine Signale. Du bist sprachlos. Er

Er wartet, l채sst unz채hlige Tests 체ber sich ergehen, wartet. Auch seine Familie wartet. Er sieht in ernste Gesichter, ist verzweifelt, versteht nicht, was hier geschieht. Ich

Wir warten auf Resultate. Der weisse Kittel spricht zu dir. Du versuchst, dich zu konzentrieren, verstehst nicht. Der weisse Kittel wendet sich an mich, ich verstehe. Der Schock sitzt tief. 12


Alzheimer! Das Abc beginnt mit A wie Alzheimer. Du spürst sie nicht, meine Wut, spürst sie nicht, meine Verzweiflung, meine Angst. Alzheimer hat sich in dein Leben gedrängt, hat Besitz von dir ergriffen. Die Krankheit hat dich gewählt, ohne dich zu fragen. Ohne auf dich Rücksicht zu nehmen. Einfach so. Er

Er sieht die weiss gekleidete Frau. Sie umklammert sein Handgelenk. Er will sich entziehen. Sie lässt es nicht zu. Ihr Griff ist unerbittlich. Sie bindet ihm etwas ans Handgelenk. Sie sagt ihm, es sei eine Uhr. Der Uhrmacher in ihm stimmt zu. Aber wo sind die Zeiger? Wo der tickende Herzschlag? Egal! Er will weg, nur noch weg! Er muss mit dem ‹Obersten› der weissen Kittel sprechen, muss ihn suchen. Der muss ihm helfen.

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Ich

Du bist total verstört, wirkst anders, bist undurchdringlich, unverständlich. Du wirkst fremd. Einige Male bist du bereits spurlos verschwunden aus dem Spital. Das Pflegepersonal brach in Panik aus. Du hast es einfach satt hier. Wie gut ich dich verstehen kann. Die fremde Sprache. Die nüchterne Atmosphäre. Du wirkst verloren und allein gelassen. Das Armband an deinem Handgelenk ist neu. Du trägst einen Sender, damit sie dich finden. Du wirst überwacht. Wie ein Gefangener. Wo immer du bist, immer du hingehst, sie holen dich zurück. Dorthin, wo du nicht sein willst. Er

Er starrt auf die zwanzig Meter hohen Bäume vor dem Spitalfenster. Er hat Angst, zittert. «Sie kommen!» Sie wollen ihn holen. 14


Er wird sich wehren. Einfach wird er es ihnen nicht machen. Er wird bis zuletzt Widerstand leisten. Ich

Vermeintliche Fantasterei. Der Krieg. Sie sitzen da draussen in den Bäumen, hoch oben. Sie haben Maschinengewehre, schiessen auf dich. Panzer rollen mit Getöse durch die Strassen. Du hörst das stählerne Geräusch der Raupen auf dem Asphalt, hörst die Maschinengewehre, rattattatatt … ganz deutlich. Sie kommen, einer nach dem anderen, im Gänsemarsch. Du zeigst mit dem Finger auf sie. «Da sind sie! Dort, in den Strassen! Auf den Bäumen! Sie sind überall! Ja, siehst du sie denn nicht?» Die Panzer! Die Soldaten! Du hast Angst. Du legst dich in dein Spitalbett. Rollst dich zusammen. Wie ein Fötus. 15

MR A – Leseprobe  

Einen Menschen mit Alzheimer zu begleiten, heisst, den Weg mit ihm jenseits der Normen zu gehen. Manchmal ohne Sprache, dafür mit Gespür. Si...

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