Julia Kalenberg: ‹Und jetzt zeigst du uns, wie Sterben geht›

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Und jetzt zeigst du uns, wie Sterben geht

Sterben lernen heißt leben lernen

Julia Kalenberg

JuliaKalenberg

Undjetztzeigstduuns,wieSterbengeht

AutorinundVerlagdankenfürdieUnterstützung:

GemeindeWaldBE

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Umschlaggestaltung:Hug&Eberlein,Leipzig Layout/Satz:3w + p,Rimpar Druck:CPIbooksGmbH,Leck ISBN:978-3-7296-5115-9 www.zytglogge.ch

Undjetzt zeigstduuns, wieSterbengeht

Sterbenlernenheißtlebenlernen

JuliaKalenberg

Haftungsausschluss

DieInformationenindiesemBuchhabeichsorgfältigrecherchiertundzusammengestellt.DieMedizinsowiedieDiskussion überTodundSterbenwandelnsichständig.Washeutegilt, kannmorgenschondurchneuereErkenntnisseüberholtsein. DieentsprechendenVerweiseaufexterneInhaltewurden zumZeitpunktderDrucklegungüberprüft.FüretwaigeÄnderungenderdigitalenInhaltebzw.derInternetadressen übernehmenwederderZytgloggeVerlagnochichalsAutorin dieHaftung.

EchteGeschichten – SchutzderPrivatsphäre

UmdiePrivatsphäredererwähntenPersonenzuschützen, habeichindenmeistenGeschichtenNamenundOrteso verändert,dassRückschlüsseaufrealePersonenundSituationenausgeschlossensind.

GeschlechtergerechterSprachgebrauch

NachreiflicherÜberlegunghabeichmichdazuentschieden, indiesemBuchmanchmaldiemännlicheundmanchmaldie weiblicheFormzuwählen.TeilweisehabeichauchdengeschlechtsneutralenPluralverwendet.Ichhabemichmitder UnterstützungmeinerLektorinumeinegeschlechtergerechte Sprachebemüht,dieverständlichundgutlesbarist.Ichhoffe, dasssichalleMenschenangesprochenfühlen,gleichwelchem Geschlechtsiesichzugehörigfühlen.

Inhalt

Einleitung ..................................................... 13

TeilI

SichmitdemSterbenvertrautmachen –MutmachendeVorbilder .................................. 19 MomentedesgrößtenGlücksundVerlust –manchmalsonah ............................................. 21 EinungewöhnlichesErinnerungsfoto .................... 23 SichdemSterbenstellen – auchwennmandas Lebengeliebthat ............................................. 27 KrankheitundSterbenselbstbestimmtgestalten –biszuletzt ...................................................... 29 AbschiedbeiKäseundWein .............................. 35

Den«bestenSommer»gestalten – auchwennes derletzteist .................................................... 38

EintragendesNetzwerkkanndenVerlustein bisschenleichtermachen .................................... 44

Annehmen,wasist,Kranichefaltenundgutfürsich selbstsorgen ................................................... 46 EinekleineNotizausdem«Nachlass»lädtmich zumNachdenkenübersLebenein ........................ 49

TeilII

Jetztzeigstduuns,wieSterbengeht –ChronologiedesAbschieds ............................... 55 EineZeitdertiefenDankbarkeit .......................... 56

NeueMöglichkeitentunsichauf

SoetwaswieeineselbstformulierteTodesanzeige .... 66 ZumAbschiedgehörenimmerzwei

ZwischenOrganisationundSelbstfürsorge

DerHausbesuchderBestattungsunternehmerin ....... 79 Schreibenhilftmir,zuverarbeitenundinBalancezu bleiben

Wennesorganisiertist,wirdesplötzlichleicht ........ 86 DieletztenTagemitdir

GroßerRespektvorderAbschiedsfeier

WasmirdasLoslassenleichtermacht

Wohlandenn,Herz,nimmAbschiedundgesunde... 120 Kraftortebesuchenundmichschreibendbegleiten... 121 WiedereinStückAbschied – dieUrnenbeisetzung.. 123

......................... 62
...................... 68
............. 73
.......................................................... 81
.................................... 86 RitualegebenHalt ........................................... 103 DieOrganisationderAbschiedsfeier ..................... 108
.................. 112
.................... 115
..........................................
...........................................
Sterbenlernenheißtlebenlernen .......................
TeilIII InsGesprächkommen – imGesprächbleiben ...... 139 Versuche,denTodinsLebenzuholen ................ 141 WasstehtmöglicherweiseimWeg? ...................... 142 Wiekönnteestrotzdemgehen? ........................... 145
EinestilleRückschaututgut ............................... 126 InGedankenbegleitestduunsdurchsJahr ............. 128 SchreibenimAlltag
130 DerersteJahrestag
131
133

WashätteCarlajetztgetan? ............................... 153 WiesoerfuhrenwirsospätvomBrustkrebsunserer Mutter? ......................................................... 155 Schade,dasswirunsnichtrichtigvonAnna verabschiedenkonnten ...................................... 156 Alles,wassiewissenmüssen,istinderschwarzen Mappe .......................................................... 159 Klar,wirkönnengernedarübersprechen ............... 161 Ichweißgarnicht,wasichsagensoll ..................... 163 MeinerstesBabyhabeichinderzwanzigstenWoche verloren ......................................................... 164 Komm,wirgeheneinfachbeiErnstvorbei ............. 166 Wastun,wenndieNachbarnsichabwenden? ......... 168 HätteichdochmeineFreundindaraufangesprochen. 170 WirhabeneigentlichnichtüberdasSterben gesprochen,sondernüberdasDanach ................... 171 Gibtesetwas,waswirfürdeineFamilietunkönnen? 174 Washättenwirgemacht,wennwirnureinenZettel gefundenhättenmitdem,wasunsereMamisich wünscht? ....................................................... 176 IchhabezunächstmeineBedürfnissemissachtetund erstspätergemerkt,dassesniemandemetwasbringt. 180 Ichwünschte,ichkönntesooffenmitmeinenEltern sprechen ........................................................ 182 SchenkenwirihrdocheineBlume ....................... 186 BeiunsinderFamiliehatmannichtüberGefühle gesprochen ..................................................... 188 WelcheRitualegibtesineurenFamilienrundum dieBeerdigung? ............................................... 192 Dannzweifeltmandochsicheranmeiner Leistungsfähigkeit ............................................ 195 Markus’ Suizid:WieElfieseinLebenehrt ............. 198

Geschichten ................................................... 153

Danke,dassdusonachmeinemSohnfragst ........... 201 Ichwusstenicht,dassichihmsovielbedeute .......... 205 KommunikationinderletztenLebensphase –online,offline,imgrößerenoderkleinerenKreis ...... 207 LetzteWorte .................................................. 210 EinletztesFamilienfotobeimHeumachen ............. 211 DieunglaublicheSchwere,dieTabusundAnsprüche sindofteinegrößereBelastungalsderAbschiedan sich .............................................................. 213 VieleLeutemeinen,meineArbeitseisotraurig ....... 218

Epilog ........................................................... 225

Wirmüssenweiterreden! NachwortvonDr.med.GabrieleVetsch ................ 229 Literaturverzeichnis ......................................... 237

Wirsolltenstetseingedenksein,dassderheutigeTag nureinmalkommtundnimmerwieder.

ArthurSchopenhauer

FürMicky,ChristinaundKonstantin

Einleitung

DerTiteldiesesBucheskammireinesTagesindenSinn,als wirmeinenVaterindenletztenWochenseinesLebensim Sterbenbegleiteten.AlswirKinderwaren,brachteunsunser VatervielenützlicheDingebei.Erzeigteuns,wiemaneinen KastendrachenbasteltodereinModellflugzeug,wiemanein FahrradflicktodereinenStockschnitzt,umdamiteine WurstüberdemFeuerzubraten.AlserbewundernswertgelassenmitseinemeigenenEndeumgingundesunsdadurch ebensoerleichterte,dachteichplötzlich:«So,undjetztzeigst duuns,wieSterbengeht.»

DieUhraufdemTitelbildistübrigensdieArmbanduhr meinesVaters.ErlegtesieeineWochevorseinemTodab. EinJahrspäterüberreichtemeineMuttermirdieUhr – sie waram24.5.2020stehengeblieben.

IndieserZeitdesAbschiedswurdemirbewusst,wieviel ichdenzahlreichenGesprächenundbisherigenBegegnungen mitSterbenundAbschiednehmenzuverdankenhabe.Wie vielleichteresmirdadurchwurdeundwievielmehrichmir dieBegleitungmeinesVaterszutraute.DurchvieleunterschiedlicheErlebnisse,indenenichmichbewusstoderunbewusstmitdemSterbenauseinandergesetzthatte,warmein Vertraueninmichselbstgewachsen.TodundSterbenhaben vielvonihremSchreckenverloren,dieVorstellungdaranist erträglichergeworden.IchverdrängedieGedankenansSterbennichtmehr.SiehabeneinenPlatzinmeinemLebengefunden.DieaktiveAuseinandersetzungdamithatspürbar LeichtigkeitinmeinLebengebracht:Einerseitsistdielatente FurchtvordemSterbenwesentlichkleinergeworden.Andererseitsdenkeichhäufigerdarübernach,waswirklichwichtig istimLeben.Sterbenlernenheißtlebenlernen!

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Ichdankeallen,diemitmiroffenüberihreErlebnisse rundumsSterbengesprochenundsichdabeiauthentischund inihrerganzenVerletzlichkeitgezeigthaben.DasssieFragen zuließenundohneSchamüberihreGefühleredeten.Dasssie mirEinblickgewährteninihreSituationundmitmirteilten, wasihnenimUmgangmitdemSterbengeholfenhatund wasvielleichtauchnicht.

ImSommer2020ludenmichdreiFrauenein,sieeinStück aufdemJakobswegsüdlichvonGenfzubegleiten.Dader VerlustmeinesVatersnochsehrpräsentwar,warichfroh, überdieZeitdesAbschiedserzählenzukönnen.Dasaufmerksame,nichtwertendeZuhörenohneKommentareund vorallemohnedasAufdrängeneinereigenenGeschichte empfandichalsechtesGeschenk.DieFrauenermutigten mich,meineErfahrungenundErkenntnisseschriftlichfestzuhaltenundzuveröffentlichen.

SpäterkamenwiruntereinemBaumsitzenderneutauf mein«Projekt»zusprechen.Ichsagte,ichseibezüglichder Formnochnichtschlüssig.Außerdembeschäftigemichdie Frage,wievielichvonmirpreisgebenwolle.Dennhiergeht esumdenAbschiedvonmeinemVater – persönlichergeht eskaum.ImGesprächwurdemirbewusst,dassichmeineErfahrungenteilenwollte,offenundauthentisch.DieFrauen regtenmichmitihrenFragenzum«Warum»meinesBucheszumNachdenkenan.«Waswillstdudamiterreichen, Julia?SolleseinFachbuchsein,einRatgeber?»,wolltensie wissen.Zweimal:Nein!ZueinemFachbuchfühleichmich nichtberufen.EinRatgeber,indemichanderensage: «Schauther,somüsstihresmachen,dannwirdesgut»? Dasgehtschongarnicht.

MeinBeweggrundistfolgender:Ichbinsehrdankbar,dass ichvonvielenganzunterschiedlichenVorbildernlernendurf-

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te.VonMenschen,diemirgezeigtodermitmirdarübergesprochenhaben,wiesiemitdemSterbenumgehen.Jeechter, offenerundverletzlichersiesichdabeigezeigthaben,desto mehrkonnteichfürmichmitnehmen.VieleBegegnungen habenmichimHerzenberührt.Ichbedankemichbeiallen, diemiraufirgendeineWeise – undseisienochsoklein –, geholfenhaben,michmitTodundSterbenunddamitletztendlichauchmitdereigenenEndlichkeitauseinanderzusetzen.

DiesenreichenSchatzmöchteichmitIhnenteilen.Denn erhatmirgeholfen,inderganzenSchwereauchimmerwiederLeichtigkeitzuempfindenundhandlungsfähigzubleiben.IchmöchteSieermutigen,auchIhreErfahrungenzuteilenundmitIhrenpersönlichenGeschichtendazu beizutragen,dasSterbenwiedermehrinsLebenzuholen.

DasvorliegendeBuchistindreiTeilegegliedert.Imersten TeilschildereicheineReihevon – wieichfinde – stimmigenBeispielen,diezeigen,wiedasSterbenundderAbschied gestaltetwerdenkönnen.SiesindeinwichtigerTeildesgelungenenAbschiedsvonmeinemVater,weilichmichdurch dasTeilhabendürfen,dasDabeiseindürfenschonmitdem Sterbenvertrautmachenkonnte.WährendichdieGeschichtenerlebtodergehörthabe,warmirmeistdiespätereBedeutungnochnichtbewusst.Eswarvielleichtnochnichtaktuell fürmich,aberdennochklar,dasseseinesTageseinmal«so weitsein»würde.Manchmalfragteichmich,obsichdasErlebtestimmiganfühlte.DurchdieunterschiedlichenAbschiedeverfügteichübereineAuswahlanErfahrungsfacetten,die mirwomöglicheinesTagesbeimAbschiedeinesElternteils helfenkönnten.EineArtNotfallkofferoderSchatzkiste,aus derichwürdeschöpfenkönnen.ErstinderRückschau,nach demTodmeinesVaters,wurdemirbewusst,wiemichdieses

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MosaikpositiverErfahrungendurchdieZeitdesAbschieds getragenhat.Eshatmirgeholfen,meinenVaterimSterben zubegleitenunddieZeitbewusstmitihmundseinemUmfeldzugestalten.

ImzweitenTeilnehmeichSiemitindieWochendesAbschiedsundderZeitdanach.AnhandvonTagebucheinträgen erhaltenSieeinenoffenenEinblickinGelungenesund SchwierigesausdieserZeit.Ichschildere,wasmirgeholfen hat,stabilzubleibenindieserintensivenundnatürlichauch oftbelastendenZeit.

DaderTodunddasSterbeninunsererGesellschaftnoch immerstarktabuisiertwerden,untersucheichimdrittenTeil dieFrage,washilft,darüberinsGesprächzukommenundzu bleiben.SeidaufgeschlossenfürGesprächeüberdasSterben! Geht – wannimmermöglich – offenaufeinanderzu,anstatt denanderen«schonen»zuwollen.DasistmeinepersönlicheErkenntnisundauchdievielermeinerGesprächspartner undGesprächspartnerinnen,diedenSchrittgewagthaben.

ImerstenunddrittenTeilfindenSiePlatzfürIhreeigenenGedanken.GönnenSiesichdieZeit,dieseaufzuschreibenunddadurchdasvorliegendeBuchzuIhremganzpersönlichenwerdenzulassen.FallsderdafürvorgesehenePlatz nichtausreichensollte,nehmenSiesichwährendderLektüre gerneeinNotizbuchzurHand,umReflexionenundInspirationenfestzuhalten.WasSiesuchen,liegtvielleichtbereitsdirektvorIhrerNasenspitze.

Wirkönnenversuchen,sowohlunsereigenesalsauchdas SterbenvonunsNahestehendensowiedieAuseinandersetzungdamitmöglichststimmigundakzeptabelzugestalten. IchmöchteSieermutigen,inZukunft(nochmehr)hinzuschauenundZutrauenzuentwickeln,damitSieaktivdazu beitragenkönnen.

EinenVersuchisteswert,findeich.

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TeilI

SichmitdemSterbenvertrautmachen –

MutmachendeVorbilder

InderZeitdesAbschiedsvonmeinemVatererfuhricham eigenenLeibdieKraftmeinergesammeltenErfahrungen.Ich konntedasGeschenkannehmen,dasunserwartet,wennwir einengeliebtenMenschenanseinemLebensendebegleiten. Zugegeben:AlsGeschenkbetrachteicheserstinderRückschau!

DiefolgendeSammlungvonErlebnissen,Vorbildern,BeobachtungenundGedankenermöglichtemir,gelassen,geistesgegenwärtigundmitoffenemHerzenzuhandelnundaktivdenWegzugestalten,anstattvorSchreckzuerstarrenwie dasbesagteKaninchenvorderSchlange.Ichkonntehin-,anstattwegschauen,alsesbeimeinemVatersoweitwar.Der TodhatvielvonseinemSchreckenverloren.Stattdessenbin ichdankbarfürdietiefereEbenedesLebens,diemirdadurch eröffnetewurde.DennparadoxerweiselässtunsdieVergegenwärtigungdesTodesdasLebennochintensivererfahren.

ImJahr2007erkrankteichanBrustkrebs.Nacheinersehr überraschenden,niederschmetterndenDiagnosegingallesrasendschnell.IchhatteselbsteinenwinzigenKnotengetastet – direktamDekolleté,nichteigentlich«inderBrust». MeinMannbestanddarauf,ichsollemirvomFrauenarztbestätigenlassen,dassdanichtssei.EineWochenachdieser IdeelagichbereitsaufdemOperationstisch.Aufgrundder BeschaffenheitdesTumorswurdemirempfohlen,michanschließendeinerHormontherapiezuunterziehen.Miteiner SpritzeundTablettendieweiblichenHormoneabstellen. Zack,einHineinkatapultierenindieWechseljahre.Mein Onkologewiesmichwohlmeinenddaraufhin,dassdiese

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Therapieoftschlechtvertragenwerde – vorallempsychisch. IcherinneremichsehrgutanmeinedamaligenGedanken: Beimirdochnicht!Ichversucheimmer,dieChancen,anstattdieProblemezusehen.Ichpack’ dasschon.Etwavier WochennachdiesererstenSpritzeahnteichplötzlich,was meinOnkologewohlgemeinthatte.Einemeinerbesten FreundinnenhattemirschonvorderOperationempfohlen, psychoonkologischeBetreuungzusuchen,umdieAngelegenheitbesserverarbeitenzukönnen.Dashatteichnochvorder OperationmitmeinembehandelndenFrauenarztbesprochen.Erhieltesnichtfürnötig.Deshalblegteichesersteinmaladacta.MitdemEingriffunddemErholenwürdeichja auchgenugzutunhaben.Ermeintedamals,umsoeinPrivatcoachingmüsseichmichselbstkümmern.Heutehatdie PsychoonkologiezumGlückeinenfestenPlatzimUmgang mitKrebserkrankungen!

Warumerzähleichdas?Nachdemich – ausgelöstdurch dieHormontherapie – ineineDepressiongerutschtwar, suchteichmirdocheineTherapeutin.DadieFrau,diemir mehrfachundeindringlichempfohlenwordenwar,vollausgebuchtwar,empfahlsiemirzunächsteineandereKollegin. EinTischmitWassergläsernundeinerKleenex-Boxinder Mitte.WieimFilm.Ziemlichbaldimersten(undeinzigen) Gesprächsagtesiezumir:«Ja,FrauKalenberg,Siemüssen sichjetztmitdemSterbenauseinandersetzen.»Wieauf KnopfdrucköffnetensichbeimirdieTränenschleusen,ich bekamfurchtbareAngst.IrgendwiebrachteichdieTherapiestundehintermich,kannmichheuteallerdingsannichts mehrerinnern.Mirwarallerdingsklargeworden:«Zuder geheichniemehr.Undichbestimmeselbst,wannichmich mitdemSterbenauseinandersetze.Jetztsichernicht.»

ZahlreicheMosaiksteineausderZeitvormeinereigenen KrebserkrankungbisheutehabenmichimLaufederJahre

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inspiriertundermutigt,meineneigenenWegderAnnäherungansSterbenzugehen.DasHinschauenhatmeineZuversichtgenährt,eseinesTagesnichtnuraushalten,sondern imbestenFallemitgestaltenzukönnen.VielekleineSchritte aufdiesemWeglassenmeinVertrauenwachsen,dassmir auchinZukunftdieKräftezuwachsen,dieichinderjeweiligenSituationbenötigenwerdeunddassichauchzukünftige Abschiedewerdeannehmenundverarbeitenkönnen.

Ichwürdemichfreuen,wenndienachfolgendenGeschichtenIhnenMutmachenundSieinspirieren,nützlicheAnregungenfürIhreneigenenUmgangmitdemSterben(demeigenenoderdemvonanderen)zusammeln.WennSieIhren ganzeigenenWegimGehenentstehenlassenunddadurch mehrLeichtigkeitentwickeln.NachjederGeschichtehabe icheinigemeinerpersönlichenErkenntnisseaufgeführt.AnschließendfindenSieRaumfürIhreeigenenÜberlegungen.

MomentedesgrößtenGlücksundVerlust – manchmalso nah

MeinGroßvater(Jahrgang1900)hattesichimmergewünscht,einmaldieSonneausdemMeeraufgehenzusehen. ErhattedieSonneoft hinter Bergenaufgehensehenoderden Sonnenuntergang über demMeerbeobachtet,abereinSonnenaufgang aus demMeerstandganzobenaufseiner Wunschliste.SeitJahrenverbrachtenmeineGroßelternmit einemTeilderGroßfamiliedieFerienamMeeranderCosta Brava.1975solltederWunschnacheinemSonnenaufgang ausdemMeerinErfüllunggehen.MeinGroßvaterplantedie ZeitfüreineWanderungso,dasserrechtzeitigzumSonnenaufgangaufdemCapOrfeowäre.Eswareineanstrengende Tourfüreinen75-Jährigen,abergutmachbar.MeineGroßmutterwarauchdabei,ebensomeinOnkelundmeinCousin.ObenangekommensetztesichmeinGroßvateraufeinen

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großenSteinundbetrachtetefasziniert,wiedieSonneals glutroteKugelausdemMeeraufstieg.Plötzlichhörtemeine GroßmuttereinendumpfenSchlag.MeinGroßvaterwar nachhintenumgekippt.Tot.ErwarindemMomentgestorben,alssichseingrößterWunscherfüllte.

ImNachhineinbeeindrucktmichbesonders,wiedieFamiliemitdemTod,derihrzuBeginnihrerlangersehntenFerienbegegnete,umging.Siebliebeneinigermaßengelassenund warensicheinig,dasssiedieFerieninRuhezuEndebringen undgenießenwollten.AlsowurdemeinGroßvaterineinem ZinksarggekühltaufbewahrtundzweiWochenspäternach Deutschlandüberführt,woanschließenddieTrauerfeierlichkeitenorganisiertwurden.Siewarenüberzeugt,meinGroßvaterhättenichtgewollt,dassdieFamiliedenUrlaubabbricht.

Erkenntnisse

* SterbenimschönstenMomentkannauchfürdieAngehörigeneinGeschenksein

* MandarfsichZeitlassenfürdieOrganisationderTrauerfeierlichkeiten

* Esistwichtig,dassdieAngehörigenineinersolchenSituationgutfürsichsorgen

WasinspiriertmichandieserGeschichte?

Wiewürdeichmirwünschen,ineinerähnlichenSituationzureagieren?

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Waskönntemirhelfen,ineinemsolchenAugenblick präsentzuseinunddenMomentsozunehmen,wieer ist?

EinungewöhnlichesErinnerungsfoto

MeineGroßmuttermütterlicherseitswurde1905geboren undhatteein – wieichfinde – facettenreichesundbeeindruckendesLeben:TrümmerfrauimZweitenWeltkrieg,zwei KinderohnedenEhemannzwischendenTrümmerndeseigenen,zerbombtenHausesgroßgezogen.Alsichetwa25Jahrealtwar,batichsie,ihreLebenserinnerungenaufzuschreiben.Siemeintezuerst,daslohnesichdochnicht,wen interessieredasschon?SieseidocheineganzeinfacheFrau. Heutebinichfroh,dassichsiedazuüberredethabe.Dadurch kannichunsereneigenenKindernbesservonihremLeben erzählen.DerplötzlicheTodmeinesGroßvaterswareineinschneidendesErlebnisfürmeineGroßmutter.TrotzdembegannsienacheinerZeitgroßenKummers,sichwiederimeigenenLebenzurechtzufinden.Siewareinesehr kommunikativeFrau,kamlockermitanderenMenschenauf derStraßeinsGespräch,warimTurnverein.Heutewürde mansagen,siewargutvernetzt.DiesesumfangreicheNetzwerkhalfihr,sichnachdemTodihresEhemannsinihrem neuenLebenzuorientieren.

SieversorgtesichbisinshoheAlterimeigenenHaus selbst,kochtesichtäglichzuMittageinewarmeMahlzeit, trankzumMittagesseneinAchtelWeinundzumAbspülen

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daszweite.IrgendwanngingesmitdemSelbstversorgennicht mehr.MeineMutterhattesichzumZielgesetzt,meineGroßmutterzuunsnachHausezunehmen.Siehatteextraeine AusbildungzurSchwesternhelferingemacht,umfürdiemöglichePflegevorbereitetzusein.MeineMutterwarenttäuscht übersichselbstundhattedasGefühlzuversagen,alssienach einpaarMonatenanihreGrenzenstieß.MeineGroßmutter warsehrpräsentundimmerda,wennmeineElternGäste hatten.Siemischtesichhäufigungefragtein.SiezogsichselteninihreigenesZimmerzurück,ummeinenElternFreiräumezulassen.Vielleichtwäreesbesseroderlängergegangen, wennsiebesprochenhätten,wieeinZusammenlebenfüralle Parteiensinnvollgestaltetwerdenkönnte.Schließlichsahsich meineMuttergezwungen,ihreeigeneMutterineinAltersheimzugeben.Wiedasschonklingt.GebenklingtwieAbgeben.EsgeschahnichtaufdenWunschmeinerGroßmutter. TrotzdemwaresausmeinerheutigenSichtdierichtigeEntscheidung.IchermutigtemeineElterndazu,alsichsah,was meineMutterdurchmachte.

MeineGroßmutterkamineinschönes,vonAnthroposophen geführtesAltersheim.IhrekommunikativenFähigkeitenkamenihrauchdortzugute.Sielebtesichschnelleinundhatte baldeinenumfangreichenFreundeskreis.Ichwillnichtsbeschönigen:Anfangserwähntesiehäufig,dasssieinsAltersheimgestecktwordensei.

EinesTagesstarbsie.Woransiestarbundobsievorher langekrankgewesenwar,weißichnichtmehr.Ichkönntedie Szenenochzeichnen,wieeswar,alswirdieNachrichtvon ihremTodbekamen.UnsereKinderwarendamalssehrklein. WirfuhrenumgehendzurBeerdigungnachDeutschland.

Ichhabelangemitmirgerungen,obichdienachstehende sehrpersönlicheGeschichteüberhauptschreibensoll.Ich

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kannmirvorstellen,dassesvieleMenschengibt,dieanders überdiesesThemadenken.IhreGefühlerespektiereich.

Abereinsnachdemanderen.Ichwarunsicher,obichmeine Großmutternocheinmalsehenwollte.Einerseitswollteich michvonihrverabschieden,andererseitshatteichAngstvor demAnblick.DennichhattenochnievorhereineTotegesehen.ImNachhineinbinichfroh,dassichsieangeschaut habe.ZusammenmitmeinerMutterbetratichdengekühlten Raum,indemsieaufgebahrtwar.Siesahfriedlichaus,hatte dieHändegefaltet.EinpaarBlumenlagenaufdenweißen Laken.DieFingerwarenandenNägelneinbisschenblau. Alleswarneufürmich.Icherlaubtemir,genauhinzuschauen.PlötzlichfragteichmeineMutter:«Meinstdu,wir könnteneinpaarFotosmachen?»MeineMutterhatteauch schondarangedacht,sichabernichtgetraut,michdaraufanzusprechen.WirmachtenAufnahmenvonmeinerGroßmutter.JetzterzähleichzumerstenMaldavon.Irgendwiehatte ichdasGefühl,dass«mansoetwasnichttut».Heutebin ichdankbarfürdieFotos.Ichbinfroh,damalsmeinerIntuitiongefolgtzusein,obwohlwirmeineGroßmuttervorab nichtgefragthatten,obwirsienachihremTodfotografieren dürften.NatürlichsinddieseFotosnichtzumHerumzeigen da,sondernunserganzpersönlicherSchatz.

ZurBeerdigungmeinerGroßmutterkamenengeFreundinnenmeinerMuttervonweither.Wahrscheinlichmehr,um meineMutterindiesenschwierigenStundenzuunterstützen undnahebeiihrzusein,alsmeinerGroßmutterdieReferenz zuerweisen.

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Erkenntnisse

* FreundeundeingutesNetzwerktrageneinenimLeben generellundbesondersinschwierigenSituationen

* DasZusammenlebenderverschiedenenGenerationenund diePflegederÄlterenimHausderjüngerenGeneration istheutekeineSelbstverständlichkeitmehr

* DieGestaltungdesMiteinanderskanneineHerausforderungsein.EsmachtSinn,offendarüberzusprechen

* Lebenserinnerungenaufzuschreibenlohntsichundistein SchatzfürdieAngehörigen

* FotosvonverstorbenenAngehörigenmachen – warum nicht?SiekönneneinewertvolleunddurchnichtszuersetzendeErinnerungsein

* MitderAnwesenheitbeiderBeerdigungunterstütztman dieAngehörigenundehrtdieToten

WasinspiriertmichandieserGeschichte?

WiestelleichmirmeinenLebensabendvor?Mitwem möchteichdarübersprechen?

WenndieUmständesichandersentwickelnalsgeplant,wiewerdeichtrotzdemgutdamitumgehenkönnen?

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SichdemSterbenstellen – auchwennmandasLeben geliebthat

BeiderBeerdigungvonHansEnglerwardieKirchebrechend voll,eswareinedergrößtenKircheninderStadt.Esberührte michsehr,wievieleMenschenzuseinemAbschiedgekommenwaren.DieTrauergästesaßeninGruppenzusammen: seineFreundeausverschiedenenberuflichenGruppierungen undVereinigungen,indenenerMitgliedgewesenwarund sichengagierthatte.Ichsahgleich,wodieengenVertrauten seinerTochterClaudiaausihremprivatenUmfeldundihremberuflichenNetzwerkzusammensaßenundsetztemich stilldazu.ImAltarraumstandderSarg,davoreinschönes PortraitdesVerstorbenen.DieTrauerfeierwarsehrpersönlich und gutorganisiert.SietrugerkennbardieHandschrift desVerstorbenenunddieseinerFamilie.Erhattemitseiner FamilieimDetailbesprochen,wieersichdieTrauerfeiervorstellte.«HansEnglerhatsichseinemSterbengestellt,auch wennerdasLebengeliebthat»,sagtediePfarrerin.

DieTrauerfeierhatmichnachhaltiggestärkt!Während derFeiererlaubteichmir,einpaarNotizeninmeinemTagebuchzumachen.Ichspürte,dassdieFeieralssolcheundbesondersauchClaudiamirinvielerHinsichteinesTagesals Vorbilddienenwürden.«Insgesamteinewunderschöne, würdigeundpersönlicheFeier,diemirlangeinErinnerung bleibenwirdundausderichvielfürsLebenmitnehme», schriebichinmeinTagebuch.

DenAblauffandichsehrstimmig.DieRedederPfarrerin warphilosophischundnahmBezugaufdas,wasHansEngler wichtiggewesenwarundwasihnausgemachthattezuseinen Lebzeiten:Freundschaft.SiesprachvonDankbarkeitfürall diehinterlassenenSpurenvonFreundschaftundverwendete einepassendeMetapher:«EinguterFreundisteingroßer Schatz.»

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AnschließendhieltenClaudia,ihrBruderundeinenger FreundjeweilskurzeReden.ClaudiasRedeberührtemich sehr.IndemAugenblick,alssiesprach,wussteich,daswürde ichgerneauchkönnen.UndindendarauffolgendenJahren wuchsinmir – nichtzuletztdurchsiealsVorbild – dieGewissheit,dassichesmireinesTagesauchzutrauenwürde. EinebekannteJazz-SängerinundweitereFreundemitCello undOrgelgabenderFeiereinenstimmigenmusikalischen Rahmen.DieMusikwarfeierlichundrührtetrotzdemnicht zuTränen.

GegenEndederTrauerfeiergabendieKinderdenzahlreichenAnwesendengenaueInstruktionen:Dassalle,wirklich alle,zumanschließendenEmpfangeingeladenseien.Durch welcheTürdiejenigendieKircheverlassensollten,diezum Empfangmitgehenwürden(unddortkondolierten),und durchwelchediejenigen,dienichtmitkommenkönnten (undderTrauerfamilienochvorderKirchekondolierten).

Erkenntnisse

* Esistsehrbereichernd,wenndieAbschiedsfeierdieHandschriftdesVerstorbenenundseinerFamilieträgt

* WenndieausgewählteMusiknichtsofortzuTränen rührt,wirdesleichter

* AmSargdesVaterszusprechenisteineHerausforderung. Dochesistmöglich,undeineehrlicheRedevonHerzenist eingroßesGeschenkfürdieTrauergästeunddieHinterbliebenen

* EineguteOrganisationundklareInstruktionenhelfendabei,dassalleAnwesendensichaufgehobenfühlen

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«In dieser Zeit des Abschieds wurde mir bewusst, wie viel ich den zahlreichen Gesprächen und bisherigen Begegnungen mit Sterben und Abschiednehmen zu verdanken habe. […] Einerseits ist die latente Furcht vor dem Sterben wesentlich kleiner geworden. Andererseits denke ich häufiger darüber nach, was wirklich wichtig ist im Leben. Sterben lernen heißt leben lernen!»

«Ein unglaubliches Buch. Mit jeder Seite schwindet die Angst vor dem Sterben und wächst die Lust auf das Leben.» Tobias Haberl, Süddeutsche Zeitung Magazin

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