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»Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich. Ein rares Wunderwerk.« Robert Louis Stevenson

Samuel Pepys m aga z i n – au s ga b e n r . 1

Zum ersten Mal:

Samuel Pepys Die Tagebücher 1660 – 1669 Vollständige Ausgabe in 9 Bänden nebst einem »Companion«. Deutsche Erstausgabe im Haffmans Verlag bei www.Zweitausendeins.de


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London Bridge von Claude de Jongh, um 1639.

»Nie zuvor haben wir eine so reiche Darstellung des Innern eines Menschen gesehen wie in diesen Bänden.« Sir Walter Scott »Das intimste Erlebnisprotokoll, das bis dahin je ein Mensch geschrieben hatte … Das Tagebuch zeigt eine ungemein entwickelte Fähigkeit zur Registrierung von Details. Zum ersten Mal sehen wir die mikrologische Optik, die dem Alltag ästhetischen Reiz abgewinnt. Es ist diese Optik, die die Voraussetzung für die Entstehung des Romans darstellt.« Dietrich Schwanitz, »Englische Kulturgeschichte« »Von der ersten Seite an ist das Tagebuch so vieles zugleich, daß einem schwindelig werden kann. Es ist eine zeitgeschichtliche Chronik: Londoner entzünden Freudenfeuer, weil sie ein verhaßtes Parlament losgeworden sind; die wilden Feiern, die auf die Wiedereinsetzung des Königs folgen. Es ist aber auch der erste ausführliche und unmittelbare Erlebnisbericht eines Mannes, der seine ersten unsicheren Schritte in der Berufswelt unternimmt und zu seiner Überraschung feststellt, daß ihm die Arbeit allergrößte Befriedigung verschafft. Es liefert eine Fülle von Details aus seinem Berufsalltag, aber auch aus seinem häuslichen Alltag. Es ist voller Musik,voller Theaterstücke und Predigten, es wimmelt von Gemälden, Büchern und wissenschaftlichen Geräten. Es ist eine Geschichte von Ambitionen und wachsendem Wohlstand. Geld ist denn auch ein immer wiederkehrendes Thema: wie es hergestellt wird, wie es geliehen und verliehen, ausgegeben und gespart wird und London Bridge von Claude de Jongh, um 1639.

wie man es versteckt. Geld in jeder Form: in Form von Goldstücken und Säcken voller Silber, als Schiffsladung mit Gewürzen und Seide, in Form von Bestechungsgeldern, Löhnen, Schulden, Darlehen und Erbschaften oder in Form von Kerbhölzern des Schatzamts (Stöcken aus Haselnußholz, auf denen die Höhe jedes Darlehens an den Staat eingekerbt wurde) oder in Form erster Banknoten. Zu Beginn des Tagebuchs besitzt Pepys kaum £25; am Ende, knapp zehn Jahre später, beträgt sein Vermögen £10 000.« Claire Tomalin, »Samuel Pepys – The Unequalled Self«

»So wie Louis Armstrong zur Trompete und Picasso zum Pinsel gegriffen hat, so hat Pepys sich seinem Tagebuch gewidmet.« Independent on Sunday »Unser größter Tagebuchschreiber.«

J. H. Plumb, Spectator

»Pepys war – mit seiner unerschöpflichen Energie, seiner Lebendigkeit, seiner Beobachtungsgabe – ein ganz und gar außergewöhnlicher Mensch mit einem ganz und gar gewöhnlichen Geist. So pflegen wir uns ein Genie nicht vorzustellen, und doch ist es diese Mischung, die das Tagebuch zu dem Werk eines Genies macht. Wer hat die Vielgestaltigkeit der Welt so unvergeßlich eingefangen wie er – ein Ritt am Morgen bei klarem Frost, zwei Mädchen im Park,


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Blick auf London, um 1660.

die um die Wette laufen, der Ärger im Büro, der Streit im Ehebett? Er war vielleicht ein Karrierist, ein rücksichtsloser Lüstling, berechnend und egoistisch, aber er vermochte es wie kein zweiter, das pulsierende Leben einzufangen.« Ferdinand Mount, The Times Literar y Supplement

»Sex, Alkohol, Feuer, Musik, Ehekrisen, der Sturz von Königen, Korruption und Zivilcourage, Kriege, Seefahrt, öffentliche Hinrichtungen, Kerkerhaft im Tower: das Leben des Samuel Pepys ist voller unwiderstehlicher Details.« Her mione Lee

»Das große Vergnügen, das uns die Pepys-Lektüre bereitet, ist das Vergnügen, das Pepys sich selbst bereitet bei seinen Lebenserkundungen … Das Pepys’scheTagebuch ist der genüßliche Lebensbericht nicht des historisch bedeutenden Marinebeamten, sondern des unermüdlichen Hedonisten.« The Guardian

»Trotz der zahlreichen banalen Einzelheiten, der vielen Bemerkungen über Freunde und Kollegen,der Freude an der exakten Wiedergabe von Situationen und Gesprächen wirkt Pepys nicht geschwätzig und klatschsüchtig. Denn neben einer glänzenden Beobachtungsgabe und scharfen Zunge besitzt er auch Gerechtigkeitssinn und einen Blick für das rechte Maß.« Jörg Drews, »Kindlers Neues Literaturlexikon« »Pepys berührt immer wieder wie ein großer realistischer Romanautor, der Jahrhunderte zu früh geboren wurde. Das hängt zum Teil mit dem Stoff selbst zusammen: Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit Charme

und Geschick die Karriereleiter erklimmt. Das ist kein Stoff des 17. Jahrhunderts, sondern der Stoff eines Thackeray oder Balzac. Und Pepys’ Unterfangen, das tägliche Erleben in seiner Totalität darzustellen, begegnet uns im Grunde erst wieder bei Joyce oder in den Tagebüchern von Virginia Woolf. Man könnte eine Zeitleiste ziehen, wann der englische Roman welchen Raum im bürgerlichen Haushalt betrat: Im 19. Jahrhundert begab er sich vom Wohnzimmer in die Küche, danach ging es ins Schlafzimmer, und zu Anfang des 20. Jahrhunderts betrat er zum ersten Mal das Badezimmer und das Klo. Ein langsamer Prozeß der Inbesitznahme. Pepys ist lange vorher in jeden einzelnen Raum gegangen, und er hat uns alles erzählt.« Philip Hensher, The Atlantic Monthly

»Ich=für=mich habe mir alles, was in Tagebuch=Form auftritt, seit langem schon in 4 Klassen eingeteilt; und, daß ich es nur frei heraus sage: keine davon taugt sonderlich viel. – Trotzdem habe auch ich in dieser Gattung, selbstredend, meine relativen Lieblinge. / Angefangen beim ›König‹ SAMUEL PEPYS –: ›1 seidenen Frack gekauft, der mich viel Geld kostet; anschließend zu GOtt gebetet, daß er mich instand setzen möge, ihn abzubezahlen.‹ – bedeutendere, in Deutschland noch ganz ungekannte Stellen zu zitieren, verhindern mich unsere g’schamig verschmitzten Pressegesetze.« Ar no Schmidt, »Das Tagebuch und der moder ne Autor« »Helmut Schmidts Ferienlektüre: Das Tagebuch des Samuel Pepys. Der Bundeskanzler nahm es an den Brahmsee mit.« Der Spiegel


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The East India Company’s yard in Deptford, 1660.

»Es gehört durchaus nicht zu den Pflichten des Herausgebers eines anerkannten Klassikers, darüber zu entscheiden, ob etwas „die Geduld des Lesers überstrapazieren“ könnte oder nicht. Wir wollen wie gebildete Menschen und nicht wie Kinder behandelt werden.« Robert Louis Stevenson »Pepys schrieb nicht nur über Newton und Shakespeare, sondern auch über seine ständige Lust und Liebe, andere Frauen anzumachen und zu verführen, und über seine Eifersucht, wenn seine hübsche Frau alleine mit dem Tanzlehrer zu Hause war, und er prüfte, ob das Bett zerwühlt war. Seine Tagebücher sind so freizügig wie Casanovas Memoiren.« Hellmuth Karasek, Hamburger Abendblatt

»Als sie Anfang des 19. Jahrhunderts in England entdeckt worden waren, waren sie eine Sensation. Und das sind sie heute auch.« Volker Weider mann, FAS »Niemand hat je seine Zeit so vollständig und so vielseitig abgebildet wie der erste Privatmann der Literaturgeschichte.« Roger Willemsen

»Bunter, ausschweifender und wechselvoller als das Leben von Samuel Pepys lässt sich keine Biografie denken.« Felicitas von Lovenberg, FAZ Blick auf Greenwich von Hendrick Danckerts, um 1669.

»Das nennen Sie Pepys’ Tagebuch? Das ist nicht Pepys’ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von Exzerpten aus Pepys’ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor! Wo ist der 12. Januar 1668, als ihn seine Frau aus dem Bett jagt und mit einem glühend heißen Feuerhaken quer durchs Schlafzimmer verfolgt? Wo ist Sir Penns Sohn, der allen mit seinen QuäkerVorstellungen so sehr zu schaffen macht? Eine Erwähnung bekommt er grade mal in diesem sogenannten Buch, und das mir, die ich aus Philadelphia bin! Ich füge zwei abgeschabte Dollar-Scheine bei. Ich werde mich mit diesem Ding behelfen, bis Sie mir einen richtigen Pepys finden. Und dann, dann werde ich dieses Ersatzbuch auseinandernehmen, Seite für Seite, und Sachen darin einwickeln.« Helene Hanff, »8 4 , Charing Cross Road« Aus dem Amerikanischen von Rainer Moritz


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Wer war Samuel Pepys?

Die Tagebücher des Samuel Pepys

Samuel Pepys [sæmjuel pi:ps] wurde 1633 als Sohn eines Schneiders in London geboren. Er besuchte die St.-Paul-Schule in London und studierte am Magdalene [mo:dlin] College in Cambridge. 1655 heiratet er. Etwa zur gleichen Zeit tritt er in die Dienste eines adligen Vetters ein, Edward Mountagu, des späteren ersten Grafen von Sandwich. 1660 beginnt Samuel Pepys, ein Tagebuch zu führen. Fast zehn Jahre lang, bis Ende Mai 1669, hält er jeden einzelnen Tag fest – und erschafft ein literarisches Werk ohnegleichen.

Samuel Pepys verfaßte seine Tagebuchaufzeichnungen in einer von Thomas Shelton entwickelten Kurzschrift. Von 1660 bis 1669 füllte er sechs Schreibbücher, die er binden ließ und in seine Bibliothek integrierte, an der er als leidenschaftlicher Büchersammler sein Leben lang arbeitete: 3’000 einheitlich gebundene und katalogisierte Bände, die nach seinem Tod (1703) in den Besitz des Magdalene College in Cambridge übergingen.

Pepys schildert als Augenzeuge und aus erster Hand die Ereignisse einer der aufregendsten Epochen der englischen Geschichte – die Rückkehr zur Monarchie nach zwölf Jahren CromwellRepublik, den Ausbruch der Pest im Jahr 1665, den großen Brand von London im Jahr 1666, den zweiten englisch-holländischen Seekrieg. Auf nie zuvor dagewesene Weise verknüpft Pepys die große Weltgeschichte mit seiner nicht minder ereignisreichen privaten Lebensgeschichte, berichtet von seinem beruflichen Aufstieg im Navy Board, dem britischen Flottenamt, von den Wonnen und Qualen, die der wachsende Wohlstand mit sich bringt, von seiner großen Leidenschaft für die Musik, das Theater, die neuen Wissenschaften, für gutes Essen und schöne Bücher und nicht zuletzt für Frauen. Pepys ging mit weit geöffneten Augen durchs Leben, seine Neugier kannte keine Grenzen, sein Wissensdurst war unstillbar. Ihn interessierte das Leben in all seinen Aspekten. Davon sprechen konnte er nur im Tagebuch: Überschäumend vor Details, erschütternd-komisch in seiner rückhaltlosen Offenheit, schildert es die erstaunlich moderne Geschichte eines jungen Mannes, der sich seinen Platz in der Welt erobert.

von der ersten Eintragung am 1. Januar 1660 bis zur letzten am 31. Mai 1669

Erst über hundert Jahre später wird man auf die Tagebücher aufmerksam. Drei Jahre dauert die mühevolle Arbeit des Transkribierens. 1825 erscheint eine erste Auswahledition. Das Tagebuch macht seinen Verfasser schlagartig berühmt. Zu den frühesten Bewunderern zählen Sir Walter Scott und Samuel Taylor Coleridge. Das große Interesse der Öffentlichkeit macht zahlreiche erweiterte Neuausgaben notwendig. Eine erste Gesamtausgabe, die den Namen verdient, erscheint von 1893 bis 1899 in acht Bänden. Doch auch sie ist gekürzt – um die erotischen Passagen, die dem viktorianischen Publikum nicht zuzumuten sind. Fast ein weiteres Jahrhundert muß vergehen, bis die erste und einzige vollständige, historisch-kritische Ausgabe von Robert Latham und William Matthews erscheint, von 1970 bis 1983, die von der Times zu Recht als eine verlegerische Großtat und editorische Meisterleistung gepriesen wurde. Jetzt wird ein Knabenmorgenblüthentraum Wirklichkeit. Der ganze Pepys erscheint auf deutsch. Kein kleiner Pepys, keine Auswahl, kein weiteres Stück- und Flickwerk, sondern Die Tagebücher des Samuel Pepys komplett. Erst das vollständige Tagebuch mit Pepys’ Eintragungen Tag für Tag, Jahr um Jahr, fast ein Jahrzehnt lang, erzählt den ganzen Roman seines Lebens.

340 Jahre nach seiner Niederschrift, 110 Jahre nach der ersten nennenswerten englischen und 25 nach der ersten vollständigen historischkritischen Originalausgabe erscheinen Samuel Pepys’ Tagebücher vollständig auf deutsch. Auf total 4’416 Seiten. Fünf Jahre Arbeit für sechs Übersetzer und einen Lektor.

Nur knapp 20% der Tagebücher liegen bisher in verschiedenen, sich überschneidenden Auswahlbänden auf deutsch vor. Im August 2010 erscheinen Die Tagebücher des Samuel Pepys, von der ersten Eintragung am 1. Januar 1660 bis zur letzten am 31. Mai 1669, zum ersten Mal vollständig auf deutsch. Aus dem Englischen übersetzt von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter und Marcus Weigelt. Nach der Latham-&-Matthews-Edition mit Anmerkungen und Karten eingerichtet, redaktionell begleitet und überwacht von Heiko Arntz. Dazu ein »Samuel Pepys Companion« mit dem grundlegenden Aufsatz zum Thema von Robert Louis Stevenson („Der klügste Aufsatz, der je zu Pepys geschrieben wurde“, Claire Tomalin), mit Stammbaum, Entschlüsselung des erotischen Vokabulars, Chronik, ausführlichem Personenverzeichnis und Materialien in Wort und Bild, herausgegeben von Heiko Arntz & Gerd Haffmans. Neun schöne Bände und der »Companion« als Broschur. Mit eigens gefertigten Umschlagbildern von Jonathan Wolstenholme.

Blick auf Whitehall Palace und St James’s Park von Hendrick Danckerts, um 1685.


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Robert Louis Stevenson

Ein unverwechselbares Ich Dieser ganz und gar einzigartige Mann – ist einzigartig aus drei guten Gründen: erstens, weil ihn zu Lebzeiten ein Nimbus von gerade historischem Gepräge umgab, während wir das Gefühl haben, mit ihm fraternisieren zu können; zweitens, weil er in der hohen Kunst oder Tugend der Selbstoffenbarung die gesamte Konkurrenz weit hinter sich gelassen hat; und drittens, weil er zugleich ein ganz normaler Mensch war und sich doch der Öffentlichkeit präsentiert in einer Detailfülle und Umfassendheit, die ein Genie wie Montaigne wohl vor Neid erblassen lassen müßte.

Nicht nur um seiner selbst willen verdient Pepys daher unser anhaltendes Interesse und intensives Studium, sondern weil dieser einzigartige Mensch mit seinem einzigartigen Talent das Einzigartige des menschlichen Geschlechts insgesamt zu beleuchten im Stande war.

daß ich seither an nichts anderes denken konnte als an die Schuld, die ich mir selbst an dem Desaster zuschreiben muß, und der bloße Anblick bereitete mir nicht weniger Pein, als würde ich mich in Michelangelos Hölle wiederfinden. Dies möchte auch als Entschuldigung dienen, warum ich nicht früher Euer großes Geschick gelobt habe, mit dem Ihr die Zeichnung anfertigtet, wie es die Höflichkeit geboten hätte. Aber es ist gewiß nicht Höflichkeit, die mich viel eher wünschen läßt, daß diese Eure Zeichnung Platz im Oberhaus fände, dort wo bislang der Wandteppich die Armada zeigt, zur ewigen Mahnung, bis wieder der Geist jener Zeit in unserem Land herrscht, in der noch Gottes Segen auf unserem Tun ruhte, was für unser Zeitalter, wie ich fürchte, nicht gilt.«

Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1660

Das Tagebuch Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich. Pepys verkörperte in einer korrupten, dem Laster verfallenen Zeit den unbestechlichen, fleißigen Beamten. Vieles von dem Wenigen, was sich Gutes über James den Zweiten sagen läßt, geht, wenn man ehrlich ist, auf das Konto von Pepys. Für einen König mag es wenig sein, für einen Untertan ist es sehr viel. Die Seemacht England verdankt seinem klar denkenden, regen Verstand nicht wenig. Noch die späteren Heldentaten eines Hawke, Rodney oder Nelson wären ohne ihn schlecht denkbar. Samuel Pepys hielt im Jahr des großen Brandes von London bis zuletzt die Stellung im Flottenamt. Er wurde von einigen der größten Köpfe seiner Zeit geliebt und verehrt. Er war Vorsitzender der Akademie der Wissenschaften (der Royal Society). Von seiner Sterbestunde hieß es, er sei so würdig gestorben, wie er gelebt habe, und damit war alles gesagt. Er führte in der Tat ein würdiges Leben, zuweilen begleitet von Leibgardisten, während Untergebene sich vor seiner Allongeperücke beugten, und wenn er sich äußerte, dann in wohlgesetzten Worten, die seinem Rang und Stand entsprachen. Am 8. Februar 1668 schreibt er an John Evelyn einen kurzen Brief. Es geht um den holländischen Krieg, und Pepys vergleicht verbittert die jüngsten Ereignisse mit der einstigen glücklichen Zerschlagung der spanischen Armada im Jahr 1588: »Sir, ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, daß ich mich nicht früher für Eure Zeichnung bedankt habe, die Ihr mir bereits vor längerem zusandtet und die zeigt, wie die Holländer ungehindert auf dem Medway vordringen konnten, wenn ich Euch erkläre,

Dieser Brief ehrt seinen Verfasser, aber entscheidend ist nicht so sehr der Wortlaut, sondern der Gestus. So wollte Pepys von seinen Zeitgenossen gesehen werden, als jemand, der so denkt, sich so ausdrückt. Wenden wir uns nun dem Tagebuch zu, durch das er in späteren Generationen berühmt wurde. Der Eintrag vom selben Tag beginnt in derselben Tonart wie der Brief: er verurteilt »die große Verblendung des Unterhauses« und »die schändliche Handlungsweise des Oberhauses«. Und dann, ohne jeden Übergang, fährt unser Tagebuchschreiber fort: »Von dort zu meinem Buchhändler an der Strand, wo ich eine Stunde blieb und das schändliche, unzüchtige Werk L’Ecole des filles kaufte, aber nur einfach gebunden, weil ich entschlossen bin, es nach dem Lesen sofort zu verbrennen und es nicht ins Bücherverzeichnis und in meine Bibliothek aufzunehmen, Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 6


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um meinen Büchern keine Schande zu machen, wenn es dort gefunden wird.« Selbst heute, wo die Dienstpflicht viel stärkeren Kontrollen unterliegt, verdiente der Briefschreiber noch unsere Achtung. Doch was soll man bitte zu dem Tagebuchschreiber sagen, der nicht nur ein unzüchtiges Buch kauft, sondern der sich dessen schämt, der es aber dennoch tut und dann beides ins Tagebuch schreibt – daß er es tut und daß er sich schämt.

Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1661

Jeder von uns, ob er schreibt oder spricht, muß eine gewisse Haltung annehmen, wenn er sich an ein Gegenüber wendet. Bei verschiedenen Gegebenheiten erleben wir uns sehr verschieden, wir sind fröhlich mit dem einen, ernst mit dem anderen, je nachdem wie es die Art der Beziehung und die Situation erfordert. Es geht dabei nicht um Verstellung, denn der Mensch ist ein wandelbares, unbeständiges Wesen, ist Teil einer Umwelt, die ihn fortwährend verändert, und diese Anpassungsfähigkeit ist das beste, was einer in der Schule des Lebens lernen kann. Wer zu jedem Zeitpunkt unverrückbar auf seinem Standpunkt beharrt, oder wer geradlinig wie ein Tambourmajor durchs Leben marschiert, ist eine Plage für seine Mitmenschen und ein Narr dazu. Aber für wen nimmt Pepys in seinem Tagebuch eine bestimmte Haltung an, und wie soll man diese Haltung charakterisieren? Hätte er das unzüchtige Buch einfach nicht erwähnt oder hätte er es gekauft und sich dessen heimlich gefreut und diese Freude dann im Tagebuch notiert, wir hätten ihn nur zu gut verstanden. Aber nein, er ist ängstlich darauf bedacht, die »Schande« des Buchkaufs zu verbergen, und kann es doch nicht lassen, die ganze Angelegenheit schwarz auf weiß festzuhalten. Das Verhalten der Menschen ist widersprüchlich, was auch an einer anderen Stelle im Tagebuch sehr deutlich wird.

22. April 1661: Umzug des Königs vom Tower nach Whitehall.

Mrs. Pepys hat ein Schreiben verfaßt, in dem sie ihre nur allzu berechtigten Klagen über ihren Ehemann in klaren Worten und in aller Schärfe zusammengefaßt hat. Pepys gerät in Panik, entreißt es ihr brutal und vernichtet das verräterische Dokument, auf daß es ja niemand zu sehen bekommt. Und dann – man traut seinen Augen nicht – landet die ganze Geschichte im Tagebuch, ungeschönt und mit allen grausamen Details. Ganz offensichtlich ist ihm nichts wichtiger, als seinen guten Ruf zu wahren, und doch hält er sich ein Tagebuch, in dem er beweist, daß er diesen guten Ruf kaum verdient. Das mag uns für einen Moment an die selbstquälerische religiöse Bekenntnisliteratur der Zeit erinnern, aber doch nur für einen Moment. Pepys will durchaus nicht erbaulich sein, die Niederschrift seiner vielen kleineren und größeren Sünden ist keine Form der Buße, wenn er auch immer wieder seine Handlungen bereut – und auch das muß gesagt sein: auf seine ehrliche Reue folgt häufig eine deutliche Besserung. Nein, die Sünden der religiösen Bekenntnisliteraten folgen einem sehr gleichförmigen Schema, und der Ton, in dem sie vorgetragen werden, ist geflissentlich zerknirscht. Bei Peyps erleben wir vielmehr, wie sich einer schlicht und ergreifend danebenbenimmt, in seinem Blick sehen wir ein Funkeln, von dem wohl allein Pepys nichts ahnt. Gesunde Wutausbrüche der triebhaften Sorte, lächerliche Versuche, sich selbst etwas vorzumachen – ein Verhalten, das nur allzugut nachvollziehbar ist und oft unser Mitleid verdient. Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 7

23. April 1661: Krönungszeremonie in Westminster-Abbey.


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Pepys war jugendlich für sein Alter, er eroberte seinen Platz in der Welt erst allmählich, stieß sich die Hörner spät ab, und er bewahrte sich etwas entschieden Jungenhaftes, noch bis er fast vierzig war. Um den Geist, in dem das Tagebuch geschrieben wurde, recht erfassen zu können, müssen wir uns eine Gemütslage in Erinnerung rufen, die die meisten von uns spätestens mit dem zwölften Lebensjahr abgelegt haben. In unseren jungen Jahren haben wir sie noch gekannt, diese Lust am bloßen Existieren. Wir ließen uns hinreißen von den Ereignissen, ohne im mindesten an die Folgen zu denken, die Erinnerung an vergangene Abenteuer war unendlich rührend, und an die eigene Zukunft dachte man mit begeisterter Neugier. Ich denke, Pepys hatte etwas von einem solchen jungen Menschen. Er war nicht sentimental im landläufigen Sinne, aber sehr wohl, wenn es um seine eigene Person ging. Er hing an seiner Vergangenheit, bewahrte sie in seinem Herzen. Er war den Erinnerungen hilflos ausgeliefert. Er konnte nicht an Islington vorbeifahren, wohin ihn sein Vater einst zu Gebäck und Bier mitgenommen hatte, ohne im King’s Head einzukehren, »dem alten Mr. Pitts zu Ehren«, der damals dort der Wirt war. Er freute sich, wenn er eine Nacht in Epsom verbringen konnte, um einmal wieder auf den alten Pfaden zu wandeln, die er mit der jungen Mrs. Hely gewandelt war, denn »sie war die erste Jungfer, für die ich Liebe und Zuneigung empfand, und ich suchte gern ihre Gesellschaft und nahm sie bei der Hand, denn sie war sehr hübsch«. Er begibt sich nach Woolwich, wo die »arme Assurance« geborgen werden soll, und ergänzt in Klammern: »an die ich nur angenehme Erinnerungen habe; zweimal war ich bei Kapitän Holland an Bord gewesen, in der Ostsee.« Er besichtigt die alte Naseby, die inzwischen die Charles ist, und bekennt, »daß es eine große Genugtuung war, das Schiff zu besichtigen, auf dem mein Glück begonnen hatte«. Der Blasenstein, der ihm herausgeschnitten worden war, bewahrte er in einem Kästchen auf, und den Turners bewies er zeitlebens für ihre Hilfeleistung in jenen schweren Tagen seine Dankbarkeit, indem er

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sie zu einem jährlichen Fest- und Gedenkessen einlud, auch noch, als er in die höheren Kreise aufgestiegen war. Weder Hazlitt noch Rousseau hatten eine romantischere Beziehung zu ihrer Vergangenheit, sie haben sie allenfalls mehr romantisiert. Und wenn Pepys mit beiden Autoren diese kindliche Begeisterung teilte – teilte nicht ebenso Rousseau, der uns seine Bekenntnisse hinterließ, wie Hazlitt, der sein Liber Amoris mit überschäumender Liebe zum Detail schrieb, mit Pepys das Selbstherrliche, den Egoismus? Denn beides gehört zusammen, oder genauer: das erstere macht das letztere erst möglich oder genießbar.

Um Pepys wirklich gerecht zu werden, müssen wir uns noch einmal in die Welt des Kindes versetzen. Ich weiß noch, daß ich in mehr als einem Buch auf dem Vorsatzpapier notiert habe, wann und wo ich es gelesen habe, oder ob ich vielleicht gerade krank war und im Bett lag oder irgendwo im Garten saß. Es war dies für mein späteres Ich gedacht. Ich dachte, es wäre gewiß ergreifend, wenn ich dermaleinst auf diese Notizen stieß und mir über die Distanz der Jahre hinweg mein altes Ich vergegenwärtigen würde. Wenn ich heute diese Eintragungen sehe, bin ich leider kein bißchen ergriffen – was beweist, daß ich irgend etwas in meinem Leben falsch gemacht habe, oder ich bin einfach älter geworden, als Samuel Pepys es je war. Denn im Tagebuch finden wir mehr als einmal selbstherrlich kindliche Zeugnisse dieser Art, etwa wenn er erklärt, daß seine Kerze zu erlöschen droht – »weshalb ich dies so eilig hinsudele«. Oder die im Grunde überflüssige Eintragung: »Nach Hause in mein Arbeitszimmer, wo ich nur die Ereignisse dieses Tages bis hierher aufschrieb – und dann wieder aus dem Haus.« Oder mehr im Zusammenhang: »Ich blieb auf, bis der Nachtwächter mit seiner Glocke unter meinem Fenster vorbeikam und gerade, als ich diese Zeile schrieb, rief: ›Ein Uhr vorbei und es geht ein kalter, frostiger Wind.‹« Solche Stellen sind unmißverständlich. Sie sind für die späteren Jahre gedacht. Samuel Pepys möchte dem unbekannten Pepys der Zukunft zeigen, wer er Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 8


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war. Der spätere Pepys soll wissen, warum diese oder jene Stelle hingesudelt wurde, soll sich an den Ruf des Nachtwächters erinnern (wir können uns vorstellen: mit einem Seufzen), und an die Kälte an jenem Morgen. Es war sein romantisches Ich, das diese Zeilen schrieb. Unser Mann, das ist zu spüren, war dabei, Erinnerungen zu produzieren – um eine Art Echoeffekt zu genießen, was wir alle zuweilen tun (was manchem zum Trost dient, andere erst recht schwermütig macht). In diesem Sinn kann das ganze Buch als ein Kunstwerk betrachtetwerden,dessenAdressatPepys selbst ist.

Dies ermöglicht uns, die Frage nach der Haltung zu beantworten, die Pepys in seinem Tagebuch annimmt, die rückhaltlose – um nicht zu sagen: naive – Offenheit, die dieses Buch zu einem raren Wunderwerk macht. Nicht daß er seine Fehler nicht gesehen hätte – ganz im Gegenteil, häufig genug schämt er sich für sie in Grund und Boden, bessert sich, legt Gelübde ab und bricht sie wieder. Aber ob er nun etwas Gutes oder Schlechtes tat, es war doch stets sein unverwechselbares Ich, das diese Dinge tat; und es war dieses faszinierende ego, über das zu schreiben ihn interessierte; und auch nur, weil er sich des Lohns gewiß war, der ihn erwartete, wenn dermaleinst die Rollen vertauscht wären und der Schreiber lesen würde, was er geschrieben hatte. Was immer er tat oder sagte oder dachte oder erlitt, es war immer ein Aspekt seines Charakters, ein Teil seiner Lebensgeschichte; und da wenigstens für ihn dieser Mann interessanter war als ein Moses oder Alexander, mußte alles sehr getreulich aufgezeichnet werden. Ich habe das Tagebuch ein Kunstwerk genannt. Nun, wenn ein Autor einen Einfall hat – eine Bemerkung, eine Handlungsweise, die exakt zu einem bestimmten Helden in einem Theaterstück oder einem Roman paßt –, dann wird er diesen Einfall nicht unterdrücken, auch wenn die Bemerkung für sich genommen töricht ist oder die Handlungsweise niederträchtig. Das Zaudern Hamlets, die Grausamkeit Othellos, die Naivität Emma Bovarys oder das Liederliche des Mr. Swiveller hatten für ihre Autoren durchaus nichts Unbefriedigendes, und ebenso erging es Pepys mit seinem Helden. Er hat seine Hauptfigur geliebt, wie ein Autor seine Hauptfigur zu lieben pflegt, nicht blind, sondern mit besonderer Einsicht und duldender Toleranz. Ich habe große Teile des Tagebuchs immer und immer wieder gelesen, und die Stellen, in denen der Autor sich seinem Gegenstand nicht vollständig gewachsen zeigt, sind, selbst wenn man überkritisch ist, so gering an Zahl, daß sie zu nennen sich verbietet. Man könnte wohl sagen, daß wir alle ein solches Tagebuch schreiben, im Geiste, in unserem Kopf, aber ich fürchte, es ist von etwas anderer Art. Ich fürchte, der Bericht, mit dem wir uns täglich über unsere Erlebnisse und Taten Rechenschaft ablegen, ist nur allzu häufig ein fragwürdiges Gewebe aus Verklärung und Schönfärberei, und selbst wenn Peyps naiv war und feige, wie man ihm nachgesagt hat, so müssen wir wenigstens bekennen, daß wir ihm darin in nichts nachstehen. Vor der nackten Wahrheit über uns selbst schrecken wir alle zurück, und nur die Törichteren unter uns wollen nicht glauben, daß es sie überhaupt gibt. Pepys hat sie erkannt und schonungslos zu Papier gebracht. Es ist wenig wahrscheinlich, daß der Geist, mit dem Pepys sein Tagebuch zu schreiben begann, unverändert blieb bis Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 9

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The Navy Office.

The Royal Exchange.

The Coffee-House.


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Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1665

Am 31. August 1665 notiert Pepys: »Allein in der City starben in dieser Woche 7’496 Menschen, darunter 6’102 durch die Pest.«

zum Schluß. Pepys war nicht dumm, irgendwann muß ihm aufgegangen sein, was für ein ungewöhnliches Werk er dort schuf. Er war ein großer Leser, er wußte, wie andere Bücher aussahen. Ihm muß wenigsten zuweilen der Gedanke gekommen sein, daß jemand das Manuskript entziffern könnte und er, Pepys, mit all seinen Freuden und Leiden wieder zum Leben erweckt werden würde. Der Gedanke dürfte ihm behagt haben. Aber da er nicht dumm war, war ihm auch klar, daß er dort in seinem Schreibtisch hochexplosives Material, Schießbaumwolle und Herkulespulver, verwahrte. Hätte ein Zeitgenosse das Tagebuch entdeckt, Pepys’ gesellschaftlicher, politischer Untergang wäre besiegelt gewesen. Es gibt Indizien dafür, wie die Furcht vor der Entdeckung zunimmt. 1660, als das Tagebuch noch jung war, zeigte er es ganz unbefangen einem Leutnant zur See, 1669 aber, als das Tagebuch fast an sein Ende gekommen war, hätte er sich ohrfeigen mögen dafür, daß er es einem so vertrauenswürdigen Freund wie Sir William Coventry gegenüber nur erwähnte. Und es gibt Indizien, aus denen man schlußfolgern kann, daß er den Gedanken an eine postume Leserschaft wenigstens als Möglichkeit in Erwägung gezogen hat. Das wichtigste: Die Tagebücher wurden nicht vernichtet. Und die Tatsache, daß er sich so auffallend große Mühe gab, die »unanständigen« Passagen zu verschlüsseln, zeigt wohl zweifelsfrei, daß er noch an andere Leser dachte. Während alle Welt ihn für seine »würdigen Taten« bewunderte, mochte er also, wer weiß, auf ein Stückchen Unsterblichkeit hoffen.

Ein freier Geist Eines Sonntags im Winter, nachdem er ein Abführmittel genommen hat, verbringt Pepys einen großen Teil des Tages damit, ein Gedicht zu schreiben, »das Loblied eines Freigeists (für den ich mich selbst halte) auf die Wissenschaften und alle Formen des Genusses«. Aus dem Gedicht wurde nichts, doch das Tagebuch wurde im gewissen Sinne ebenjenes Loblied, das er ins Auge gefaßt hatte; und sein Porträt von Hayls, das in der Ausgabe von Mynors Bright so vorzüglich reproduziert wurde, illustriert genau dies. Hayls verstand ganz offensichtlich sein Handwerk; und selbst wenn er seinem Modell das Leben schwermacht und Pepys so sitzen läßt, daß »viel Schatten« auf sein Gesicht fällt, wobei dieser sich »fast den Hals verrenkt«, eingehüllt in eine »indische Toga«, die eigens zu diesem Zweck ausgeliehen wurde, so verzichtet der Maler doch sehr auf vordergründige Effekte und konzentriert sich ganz auf den Menschen. Ob wir nun das Bild mit Hilfe des Tagebuchs oder das Tagebuch mit Hilfe des Bildes deuten, fest steht, daß Hayls zu denjenigen Malern zählt, die lesen können, was jemandem »ins Gesicht geschrieben« steht. Da wäre der Schmollmund, die begehrlich feuchten Lippen; gierig sich umsehende, große Augen, die auch Tränen vergießen können; eine markante Nase, sowohl vom Charakter wie von den Dimensionen her; alles in allem eine sehr fleischliche, fast weichliche Erscheinung. Das Gesicht wirkt anziehend, weil es einem entgegenzukommen scheint. Ich habe das Wort gierig verwendet, und der Leser soll nicht glauben, er könne es durch das verwandte Wort hungrig ersetzen, Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 10


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denn dieser Blick hat nichts Sehnsüchtiges, in die Ferne Gerichtetes, sondern genießt mit animalischer Lust, was mit Händen greifbar ist. Es ist dies durchaus nicht das Gesicht eines Künstlers, sondern das des Bonvivant – freundlich, zufrieden mit sich und anderen, und diese Zufriedenheit setzt er nicht durch Exzesse aufs Spiel, sondern bewahrt sie sich durch fortwährenden Wechsel der Genüsse. Nur ein einzelnes Begehren kann eigentlich ein Laster genannt werden; Abwechslung hingegen ist gesund – das eine Verlangen gleicht das andere aus und hält es im Zaum.

Die ganze Welt, Stadt wie Land, war für Pepys ein Lustgarten. Wohin er auch ging – die größten Erwartungen beflügelten seine Schritte; was er auch tat – er tat es mit der lebhaftesten Begeisterung. Eine unersättliche Neugier auf das große Welttheater und die Geheimnisse aller Wissensgebiete erfüllte ihn und trieb ihn zu Reisen und vielfältigen Studien an. Er träumte zeitlebens von Rom; nichts machte ihn glücklicher, als über die Ewige Stadt zu lesen oder von ihr reden zu hören. Als er in Holland ist, ist er »begierig, alles Sehenswerte zu sehen«. Er trifft sich in einem Schloßpark in der Nähe von Den Haag mit Mitreisenden, und er kann seine Begeisterung kaum in Worte fassen, »und das um so mehr, da wir uns an einem so herrlichen Ort und in einem fremden Land befanden, so daß ich von einem Wohlgefühl ergriffen wurde, wie ich es noch nie erlebt habe«. Er rannte stets zu allen berühmten Hinrichtungen. Er mußte unbedingt die Leiche des Ermordeten sehen, und der Anblick der klaffenden Wunde machte, daß ihm noch bei der Niederschrift, wie er sagt, die Hand zitterte. Er nahm Tanzunterricht und vermerkt, daß »alle sagen, ich hätte das Zeug zu einem guten Tänzer«. Er nahm Gesangsunterricht, spazierte über die Gray’s-Inn-Promenade und versuchte »die ganze Zeit, einen trillo zu singen (was zu meinen Gesangsübungen gehört), und ich habe das Gefühl, daß es schon besser geht«. Er lernte, Laute zu spielen, Blockflöte, Flageolett und Theorbe, und es war nicht mangelndes Interesse, was ihn davon abhielt, auch noch ein Tasteninstrument zu erlernen. Er lernt Arien zu komponieren, und sein Kopf »ist ganz voll davon, eine Theorie der Musik zu entwerfen, wie sie noch nie versucht worden ist«. Als er einen Musikanten hört, der »ganz ausgezeichnet« pfeifen kann, »wie ein Vogel«, beschließt er, wiederzukommen und ihm ein Goldstück zu geben, damit er ihm die Kunst beibrächte. Einmal schreibt er: »Ich segelte mit der Bezan zurück und gelangte bei kräftigem Wind und günstiger Strömung bis zur Reede von Hope. Lernte unterwegs, was die Seemänner aussingen, wenn sie die Wassertiefe loten, sehr zu meiner Zufriedenheit.« Wenn er merkte, daß sein Latein einer Auffrischung bedürfe, nahm er sich wieder seine Grammatik aus der Schulzeit vor. Er war Mitglied der RotaGesellschaft (James Harringtons politischem Debattierklub) bis zu dessen Auflösung sowie der Akademie der Wissenschaften, der »Royal Society«, noch bevor sie diesen Namen erhielt. Als er in Barn Elms spazierengeht, liest er in einem Buch über Hydrostatik von Robert Boyle, zu seiner »großen Zufriedenheit«. Er vergleicht Bibelkonkordanzen miteinander, bekrittelt Predigten, ist vertraut mit Descartes ebenso wie mit Aristoteles. Er beschäftigt sich in ein und demselben Jahr mit den verschiedenen Holzarten und der Vermessung von Bauholz, den verschiedenen Arten von Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 11

Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1666

Panorama von London vor dem grossen Feuer.

Und so erlebt Pepys am 2. September 1666 den Ausbruch des Feuers: »Gegen drei Uhr früh weckte uns Jane und berichtete, in der City sei ein grosses Feuer zu sehen.«

Panorama von London nach dem grossen Feuer.


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Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1667

Blick auf die zugefrorene Themse von Abraham Hondius, 1667.

Am 12. Juni 1667 schreibt Pepys in sein Tagebuch: »Die Holländer haben die Sperrkette durchbrochen und unsere grossen Schiffe

in Brand gesetzt (darunter auch die ›Royal Charles‹) … Ich fürchte inzwischen, dass das ganze Königreich verloren ist.«

Teer, Öl, Hanf und mit der Herstellung von Tauwerk, mit Mathematik und Buchführung, mit dem Linienschnitt des Schiffkörpers und der Takelung anhand eines Schiffmodells und macht sich kundig über die Verwaltung der Magazine auf den Werften, und zwar – wie sollte es anders sein – »sehr zu meiner Zufriedenheit«. Dies waren gewiß andere Vorlieben, als ein Shelley sie hegte, aber sie waren damit nicht weniger erfüllend. Er braucht nur etwas zu kopieren, und schon – hört ihn euch an! – bereitet es ihm »großes Vergnügen, die Linien zu ziehen und die Überschriften mit roter Tinte zu schreiben«. Selbst wenn sein Kohlenkeller geleert und geputzt wird, geschieht dies – natürlich – »sehr zu meiner Zufriedenheit«. Ein Gericht aus Schweineinnereien ist ein Gericht, das er »sehr liebt«. Er kann nicht in der Kutsche von Lord Sandwich nach Hause fahren, ohne das »noble, prächtige« Gefährt zu loben. Wenn er zu einem Festessen eingeladen wird, malt er sich bereits im vorhinein die zahlreichen Köstlichkeiten aus. Als er eine neue Uhr hat, ruft er aus: »Himmel, wie kindisch ich bin, daß ich den ganzen Nachmittag in der Kutsche die Uhr in der Hand halten und wohl hundertmal nachsehen mußte, wie spät es war.« Im Park von Vauxhall spazierenzugehen, die Nachtigallen und andere Vögel zu hören, oder hier eine Harfe und dort eine Maultrommel, und die vornehmen Leute zu sehen, all dies ist »ein großes Vergnügen«. Und vor allem die Nachtigallen haben es ihm angetan; auch auf dem Weg nach Woolwich macht er halt, um ihnen, sehr zu seiner Zufriedenheit, zuzuhören, während ringsum die Aprilnebel aufsteigen und die Sonne durchbricht.

Er mußte stets etwas »zu seiner Zufriedenheit« tun, oder besser noch: zwei Dinge zur gleichen Zeit. Er hatte in seinem Haus eine große Werkzeugkiste, zwei Hunde, einen Adler, einen Kanarienvogel, eine Amsel, die Melodien singen konnte – auf daß in seinem erfüllten Tagesablauf nur ja kein Moment der Leere eintrete. Wenn er einmal auf sein Essen, eine Portion Verlorene Eier, warten muß, nutzt er die Zeit, um Flageolett zu spielen; wenn die Predigt öde ist, liest er im Buch Tobit oder überlegt, wie er sich der schönen Frau in der Bank nebenan nähern könne. Wenn er über Land ging, hatte er stets ein Buch dabei, um unterwegs zu lesen, für den Fall, daß die Nachtigallen nicht zur Stelle wären. Selbst in der Stadt, wo es so vielen schönen Gesichtern nachzusehen galt, markierten Weinkäufe hier und Bilderkäufe dort seinen Weg – Kennzeichen eines Lebens, das keine Langeweile duldet. Was den Genuß anging, war er Idealist; wie die Prinzessin im Märchen bemerkte er sofort, wenn irgendwo ein Rosenblatt nicht an seinem Ort war. Sosehr er es liebte, sich zu unterhalten, er konnte es nicht genießen oder gar vor anderen glänzen, wenn er das Gefühl hatte, unpassend gekleidet zu sein. Sosehr er das Essen liebte, er konnte nicht allein essen, weil er dies »nicht gewohnt« war. Der Rahmen mußte stimmen; Auge und Ohr mußten ebenso auf ihre Kosten kommen wie der Gaumen. Ein gutes Essen wollte ihm nicht recht schmecken, wenn es in einer »schäbigen Gasse« im »Haus eines Perückenmachers« serviert wurde; und selbst ein einfacher Imbiß wurde verdorben durch schlechte Musik. Sein Körper war unverwüstlich und leistete ihm treue Dienste auf seiner unermüdlichen Freudenjagd. Am 11. April 1662 vermerkt er: »War sehr erschöpft, als ich zu Bett ging, was mir selten Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 12


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passiert«; und er war bereits über dreißig, als er frohgemut die Nacht durchmachte, um einen Kometen zu beobachten. Der Genuß kann den Genußsuchenden nicht ermüden; bei der Freudenjagd gilt wie in anderen Disziplinen auch: nur der Fehlschlag schmerzt.

Eine Uhr konnte ihn ebenso begeistern wie eine Kutsche, ein Kuttelngericht oder eine Geigenweise; doch am meisten bewunderte er seine Mitmenschen, ihre Schönheit, ihre Verdienste, ihre Lebensfreude oder sei es auch nur ihre pittoreske Erscheinung. Er erweist sich hier als wahrer Humanist. Denn wer sich selbst liebt, nicht in eitler Selbstgefälligkeit, sondern mit klarem Verstand, ist besser geeignet als jeder andere, seinen Nächsten zu lieben. In diesem Sinne kann man sehr wohl davon sprechen, daß Wohltätigkeit in den eigenen vier Wänden beginnt. Ganz gleich, welchen Vorzug ein Mensch auch hat, Pepys kann ihn dafür lieben und bewundern. Er »verschlingt« Lady Castlemaine »förmlich mit Blicken«; und er ist in der Tat in ihren Anblick über Jahre hinweg ganz vernarrt; wenn eine Frau gut aussieht und nicht geschminkt ist, läuft er meilenweit, nur um sie ein zweites Mal zu sehen; und als eine Dame ihn im Theater versehentlich anspuckt, ist er doch sogleich versöhnt, als er bemerkt, daß sie sehr schön ist. Auf der anderen Seite ist er gerührt vom Anblick der knienden jungen Mrs. Pett; und über seine Tante James äußerte er sich so: »eine liebe, gute, gottesfürchtige Seele, die von nichts anderem spricht als vom lieben Gott, aber mit einem treuen Biedersinn, der mir wohl gefiel.« Er läßt sich anstecken von Penns Ausgelassenheit und seinen schmutzigen Liedern, aber er bewundert nicht minder den verdienten Mr. Coventry. Er ist lustig mit einem betrunkenen Seemann, aber hört aufmerksam und geduldig zu, als ihm bei einem Ritt nach Essex ein Quäker die Geschichte seiner religiösen Bekehrung erzählt. Er leiht der Rede von Königen und Herzögen sein kritisches Ohr. Er verbringt einen Abend im Garten von Vauxhall zusammen mit Killigrew und Newport: »In eine schöne Gesellschaft war ich da geraten«, schreibt er, »obwohl sie gleichzeitig sehr geistreich und witzig waren und es sich lohnt, sie einmal erlebt zu haben, um zu wissen, was sie reden und treiben.« Was soll man von einem Stil sagen, der sechs dicke Bände lang unendlich lebendig, beredt und bilderreich ist, der das ganzen Spektrum menschlicher Erfahrungen zum Gegenstand hat und kaum eine ermüdende Passage kennt, der sich in die unglaublichsten Details verliert, und doch ist alles getragen vom großen Fluß echter Narration – man kann seinen Stil ungrammatisch nennen, man kann ihn unelegant nennen, man mag ihm Fehler nachweisen, aber die erzählerischen Qualitäten kann man ihm nicht absprechen. Er erfüllt seinen Zweck, den eigentlichen Sinn und Zweck des Erzählens, und dies vollkommen. Mag die Form, in der Pepys sich äußert, auch kindlich ungeschickt sein, der Stoff wird doch zu Poesie, weil er ihn sich anverwandelt, durch seinen unverstellten Blick, seine ungetrübte Begeisterung. Die Begeisterung, die aus dem Mann spricht, entzündet uns noch heute, nach all den Jahren. Denn der eigentliche Unterschied zwischen Pepys und Shelley, um den etwas unseriösen Vergleich von oben noch einmal aufzugreifen, ist ein qualitativer, kein gradueller; in seiner Welt fühlte Pepys Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 13

Sa m u e l Pe pys Tagebücher 1668/69

nicht weniger kühn als Shelley, und seine Welt ist die wahre Prosa der Poesie – Prosa, weil sein Geist ganz diesseitig und begrenzt war, und Poesie, weil der Mann so hinreißend lebendig war. Deshalb ist eine Passage wie die mit dem Schäfer in Epsom für den Leser so restlos überzeugend und ein reines Vergnügen. Man fühlt: So und nicht anders war es; und man würde daran ebensowenig etwas ändern wollen wie an einem erhabenen Passus bei Shakespeare, einer schlichten Pointe bei Bunyan oder an einer teuren Erinnerung aus unserer eigenen Vergangenheit.

Er war so sehr Künstler, wie man es nur sein konnte, ohne einer zu sein.

Der gute Ruf Die Sorge um das Ansehen saß tief. Ein Ideal von Wahrheit kannte er nur im Tagebuch. Ihn interessiert nicht, was etwas an sich sei, ihn interessierte die äußere Erscheinung; er gibt vor, ein großes Erbe gemacht zu haben, dabei hat er sich im wesentlichen einen lästigen Rechtsstreit aufgehalst; er freut sich, wenn man ihn für großzügig hält, obwohl er weiß, daß er kleinlich gehandelt hat. Er protzt, aber in Maßen. Ihn hätte man nie für einen Stutzer halten können wie den jungen Penn; wenn er sich in Schale schmiß, dann stets seinem Rang und seiner Würde gemäß. Lange Zeit zögerte er, bis er sich zum Kauf der berühmten Perücke entschloß. Denn ein Mann der Öffentlichkeit folgt der Mode gemessenen Schritts, eilte ihr nicht voraus wie ein Geck (und hinkt ihr nicht hinterher wie ein Provinzler) – es war das oberste Gebot des Zeitalters. Lange Zeit wagte er es nicht, eine Kutsche anzuschaffen, denn es wäre in seiner Position unschicklich gewesen. Doch die Zeiten ändern sich; während sein Vermögen wächst, bekommt das, was unschicklich ist,


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ein anderes Gesicht, und es ist ihm »fast peinlich, in einer Mietkutsche gesehen zu werden«. An einer Stelle überlegt er, ob Penn Quäker geworden sei »oder einfach nur schwermütig« – die Anhänger des Schicklichen und der gesellschaftlichen Verpflichtungen werden von diesen Dingen nicht losgelassen, sie verfolgen sie; und der Weg, der sich zunächst als Rosenpfad zum Glück dargestellt hat, erweist sich als steil und dornig wie jeder andere Weg auch. Und es kommt die Zeit für Pepys, wie für alle anständigen Bürger, wo er nicht nur seine Vergnügungen, sondern auch sein Rechtsempfinden den gesellschaftlichen Gepflogenheiten anpassen muß. Als Steuern erhoben werden sollen, sinnen die Beamten auf Mittel und Wege, die Vermögenssteuer zu umgehen. Die Ungerechtigkeit stößt Pepys auf, in einer Anwandlung von Großmut beschließt er, freiwillig sein Vermögen mit 1000 Pfund anzugeben; doch da niemand ihm mit leuchtendem Beispiel vorangehen will, keiner »unserer wohlhabendsten Kaufleute« mit ihrer natürlichen Vorliebe für weiße Westen, befindet er, es sei »nicht angebracht«; er fürchtet, es könne ihm als »Ehrsucht« ausgelegt werden, und ist, statt ein ehrlicher Einzelgänger, lieber ein Dieb unter vielen.

Krethi und Plethi und Mummenschanz, Wein, Weib und Gesang werden seine ständigen Begleiter; Schauspieler und Schauspielerinnen, betrunkene, grölende Höflinge finden sich an seiner Seite; bis er sich so sehr an dieses Leben gewöhnt hat, daß der große Ehekrach von 1668 ihn völlig unvorbereitet trifft. Es mußte so kommen; er hatte es sich selbst eingebrockt. Wie einer, der sein halbes Leben lang neben einem Pulverfaß arglos seine Pfeife raucht und sich wundert, wenn er eines Tages eine Katastrophe auslöst, so erging es dem arglosen Pepys mit seinen vielen kleinen und größeren Sünden. Eben noch umgeht er mit schlafwandlerischer Sicherheit alle Fallen, die das Doppelleben bereithält, summt den trillo und denkt an nichts Böses, und im nächsten Moment nimmt ihm das Schicksal das Heft aus der Hand und führt ihm schlagartig vor Augen, was er angerichtet hat. Die Entdeckung seines Ehebruchs – für jemanden wie Pepys, der seine Frau doch liebt, nach all den Jahren und trotz allen Aufs und Abs nach wie vor liebt, und der, nicht zu vergessen, so sehr auf den guten Ruf bedacht ist – für jemanden wie ihn mußte dies ein verheerender Schlag sein. Die Tränen, die er vergoß, sind nicht zu ermessen, und die Schmach, die er empfand. Und Mrs. Pepys, eine einfache Frau, die jetzt mit vollem Recht außer sich ist vor Wut, unternahm nicht das geringste, diese Schmach zu mindern. Sie wird handgreiflich, rückt ihm mit der Feuerzange zu Leibe; sie schert sich keinen Deut um seinen guten Ruf; sie zwingt ihn, seiner Geliebten einen beleidigenden Brief zu schreiben, nachdem sie ihn bereits gezwungen hat, sie aufzugeben. Sie war in ihrem Reden und Tun hoffnungslos inkonsequent, und das war vielleicht das schlimmste; bald ist sie auf Versöhnung aus, dann bricht mit unverminderter Kraft die alte Wut wieder aus. Pepys hat es seiner Frau nicht leichtgemacht; er hat sie mit seiner Eifersucht verfolgt, als er ihr bereits untreu war; er war knauserig, wenn es um ihre Kleider und Vergnügungen ging, und gönnte sich selbst beides im Übermaß. Er hat sie verletzt, nicht nur mit Worten; einmal trägt

sie ein blaues Auge davon. Aber jetzt, wo er sich schuldig weiß, kennt seine aufrichtige Zuneigung zu seiner Frau, seine Geduld und Nachsicht, keine Grenzen. Solange man ihm noch nicht auf die Schliche gekommen war, war seine Reue nie besonders groß, ein Theaterbesuch mit seiner Frau, eine Fahrt mit ihr über Land, ein neues Kleid reichten aus, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Doch jetzt, wo alles herausgekommen ist, scheint er vor sich selbst jede Achtung verloren zu haben. Seine Frau kann mit ihm tun und machen, was sie will; er mag jammern und zagen, aber nie äußert er auch nur den leisesten Vorwurf; er ist völlig wehrlos, ihm bleiben nur seine Tränen und eine Demut, die an Unterwürfigkeit grenzt. Ich glaube, daß wir ihn lieben, gerade weil er so war, wie er war.

In all diesen Jahren hütete er das Tagebuch, das Geheimnis seines Lebens mit all seinen Widersprüchen und Eskapaden, wie ein Heiligtum. Wir können also davon ausgehen, daß er den so teuren Erinnerungen seiner frühen Jahre bis zum Schluß die Treue gehalten hat. Er gedachte noch immer der jungen Mrs. Hely in den Wäldern von Epsom, und er kehrte wieder ein ins Wirtshaus in Islington, um das Glas auf die Toten zu erheben, und wenn er die Musik hörte, die ihn damals so in Verzückung versetzte, wird ihn die Erinnerung an die Liebe ergriffen haben, die ihn einst mit seiner Frau verband. Erstmals aus dem Englischen von Heiko Arntz. Die vollständige Fassung mit Anmerkungen folgt im »Samuel Pepys Companion«.

Sa m u e l Pe pys Companion

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Peeps, Peppies oder

Pipes Artikulationsschwierigkeiten »Übrigens glaube ich, daß die Peeps- oder Peppies- oder Pipes-Tagebücher heute viel populärer wären, wenn es eine allgemein verbindliche Aussprache seines Namens gäbe. Wie häufig hatte ich nicht in einer vornehmen Abendgesellschaft das Bedürfnis, über die Tagebücher zu sprechen, aber ich war mir nie sicher, wie der Name richtig auszusprechen sei. Wenn man zum Beispiel »Peeps« sagte, dann würde die Dame zur Linken unweigerlich bemerken: »Pardon, Sie meinen gewiß Pipes?« Und der Herr zur Rechten würde sagen: »Verzeihung, aber Sie irren beide. Es heißt Peppies.« Wenn Peeps, Pipes oder Peppies klug gewesen wäre, hätte er sich einen Namen wie Joe Blow zugelegt, und jeder Schuljunge in Amerika würde heute seine Tagebücher lesen, statt auf der Straße herumzulungern und Radkappen zu klauen.« Groucho Marx

Die Unsicherheit, wie der Name Pepys auszusprechen sei, herrschte bereits unter den Zeitgenossen im 17. Jahrhundert, und entsprechend variantenreich fiel die Schreibweise aus. Das Taufregister notiert: „Samuell sonn to John Peapis wyef Margaret“, und im Hochzeitsregister zweiundzwanzig Jahre später findet sich: „Samuel Peps of the perish (gent).“ Als Beamter im Flottenamt erhält er Schreiben, die an „Squire Peaps“ gerichtet sind, und James Carkesse, Pepys’ alter Feind aus dem Jahr 1667, rächt sich dreizehn Jahre später an seinem ehemaligen Vorgesetzten mit einem Spottgedicht und reimt: „Him I must praise, who opened has my lips / Sent me from Navy to the Ark by Pepys.“ Im Sterberegister findet sich schließlich die Variante „Peyps“, und für Lord Braybrooke, den Herausgeber der ersten Ausgabe der Tagebücher (1825), stand fest, daß diese Schreibweise die genaue Aussprache wiedergebe. Um es gleich vorwegzunehmen – die heute allgemein verbindliche (und verbindlich heißt: vom Magdalene College in Cambridge gepflegte) Aussprache ist: „Peeps“ (oder in deutscher Schreibweise: „Pieps“). Aber mit welcher Begründung? Sa m u e l Pe pys M aga z i n N r . 1 Seite 15

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Ein entscheidender Hinweis auf die Aussprache findet sich im Tagebuch selbst. Das ist bekanntlich in Kurzschrift verfaßt, aber Namen pflegte Pepys für gewöhnlich in Langschrift auszuschreiben, so auch den seinen. Doch an zwei Stellen, am 27. Juli 1665 und 7. Oktober 1667, macht er sich diese Mühe nicht und notiert bei Erwähnung zweier entfernter Vettern das entsprechende Kurzschriftsymbol. Beide Male liest es sich als „P-e-p-s“. Das ist interpretationsbedürftig. Die von Pepys verwendete Kurzschrift von Thomas Shelton verwendet, vereinfacht gesagt, vor allem Symbole für Konsonanten. Die Vokale ergeben sich durch die unterschiedliche Positionierung der Konsonanten-Symbole oder durch Punkte, die über, unter oder neben das Konsonanten-Symbol gesetzt werden. Die Vokale a, e, i, o, u müssen dabei sowohl für lange, wie für kurze Vokale als auch für Diphtonge herhalten. So daß ein in Kurzschrift geschriebenes b-o-t sowohl „bott“ als auch „bout“, „boat“, „bought“ und „boot“ bedeuten kann. Entsprechend kann das Zeichen für P-e-p-s gedeutet werden als (englische Schreibweise:) „Peeps“, „Pepps“ oder „Payps“. Eindeutig ist immerhin, daß Samuel Pepys seinen Nachnamen einsilbig ausgesprochen hat. Zwischen diesen Varianten herrscht nur eine scheinbare Konkurrenz. Dazu muß man wissen, daß es Ende des 17. Jahrhunderts in England zu einer lautlichen Verschiebung des „ey“-Lauts zum „ee“-Laut kam. Die Schreibweise „ea“ repräsentiert bis dahin den „ey“/(„äi“)-Laut, heute hingegen den „ee“/(„ie“)-Laut wie in „heap“, „leap“ usw. Nur wenige „ea“-Wörter haben die alte Aussprache bewahrt. Dazu zählen etwa „great“ und „break“. In Samuel Butlers satirischem Versroman „Hudibras“ (um den sich Samuel Pepys in den Jahren 1662 und ’63 so redlich bemüht) findet sich folgendes Reimpaar:

Samuel Pepys Magazin

Impressum Das Samuel Pepys Magazin erscheint als Werbemittel zu Samuel Pepys Die Tagebücher 1660 – 1669 Berliner Ausgabe. Umschlag Magazin – Ausgabe Nummer 1: Samuel Pepys von John Hayls, 1666. Umschlagbilder der Bücher & Vignetten von Jonathan Wolstenholme, 2009. Texte & Redaktion: Heiko Arntz, Gerd Haffmans & Till Tolkemitt. Konzeption & Gestaltung: Werbeagentur Edelweiss & Reingold in Winterthur. Lithos: Fotosatz Amann, Aichstetten. Druck: Memminger MedienCentrum. Das nächste Magazin erscheint im April / Mai 2010: im Inhalt eine ausführliche Chronik, die Entschlüsselung des erotischen Vokabulars, Karten, Schauplätze & ein Besuch in der ibliotheca. epysiana.

Doubtless the pleasure is as great In being cheated as to cheat. In Alexander Popes The Rape of the Lock reimt sich noch tea auf obey (und noch im 18. Jahrhundert bei William Cowper sea auf survey), und in Irland hat sich die alte Aussprache ohnehin erhalten: he gave him a nate bating (a neat beating). So daß sich ergibt: Die korrekte, aber altertümliche Aussprache dürfte Peyps („Päips“) sein. Für den modernen Menschen des frühen 18. Jahrhunderts, der seinen „täi“ (tea) nicht mehr auf “ßäi“ (sea) trinkt, sondern seinen „tie“ auf „ßie“, ergibt sich die Aussprache „Peeps“ („Pieps“). H. A.

Verlage Haffmans & Tolkemitt Alexanderstraße 7 · D-10178 Berlin Telefon 030 / 200 95 366 · Fax 030 / 200 95 368 www.haffmans-tolkemitt.de


»Sein Selbstporträt ist unvergleichlich, sein London unvergeßlich. Ohne Pepys wüßten wir wesentlich weniger über das spannendste Jahrhundert unserer Geschichte, das 17., und auch entschieden weniger über die Natur des Menschen. Sein Tagebuch ist das größte, das je geschrieben wurde.« Claire Tomalin, The Guardian, 10.1.2010

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Companion

Am 24. August 2010 erscheint:

Sa m u e l Pe pys Die Tagebücher 1660 – 1669. Vollständige Ausgabe zum ersten Mal vollständig auf deutsch in 9 Bänden. Aus dem Englischen übersetzt von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter und Marcus Weigelt. Nach der Latham-&-Matthews-Edition mit Anmerkungen und Karten eingerichtet und lektoriert von Heiko Arntz. Dazu ein

Samuel Pepys Companion mit dem grundlegenden Aufsatz von Robert Louis Stevenson, mit Stammbaum, Entschlüsselung des erotischen Vokabulars, Chronik, ausführlichem Personenverzeichnis und Materialien in Wort und Bild, herausgegeben von Heiko Arntz & Gerd Haffmans. 9 schöne Leinen-Bände und 1 Companion als Broschur. Mit eigens gefertigten Umschlagbildern von Jonathan Wolstenholme.

Einladung zur Pepyskription: Wer bis zum 21. Juni 2010 bestellt (und gleich bezahlt) wird doppelt belohnt. Sie sparen nicht nur ein Viertel des Preises und zahlen nur 129,90 € statt 169,90 €, sondern werden auch als mutige Unterstützerin oder Unterstützer der ersten Gesamtedition im Pepys Companion namentlich verzeichnet. Verschenken läßt sich die Namensnennung natürlich auch. Wer nach dem 21. Juni bestellt, kann leider aus drucktechnischen Gründen bei der Namensnennung nicht mehr berücksichtigt werden. Der Pepyskriptionspreis von nur 129,90 € statt 169,90 € läuft mit Auslieferung der Tagebücher ab. 4’416 Seiten, 9 Bände Tagebuch, in Leinen gebunden, im Format 12 x19 cm; mit einem Companion, 128 Seiten, Broschur. Subskriptionspreis bis zum 24. August 129,90 € statt 169,90 €. Bestell-Nummer 250 011 Deutsche Erstausgabe im Haffmans Verlag nur bei www.Zweitausendeins.de Die Bücher bekommen Sie im Versand, Postfach, D-60381 Frankfurt am Main, Telefon 069-420 8000, Fax 069-415 003. Internet www.Zweitausendeins.de. E-Mail: info@Zweitausendeins.de. Oder in den Zweitausendeins-Läden in Aachen, Augsburg, Bamberg, Berlin, Bochum, Bonn, Bremen, Darmstadt, Dortmund, Dresden, 2 x in Düsseldorf, in Duisburg, Erfurt, Essen, Frankfurt am Main, Freiburg, Göttingen, Gütersloh, 2 x in Hamburg, in Hannover, Karlsruhe, Kiel, Köln, Konstanz, Leipzig, Ludwigsburg, Mannheim, Marburg, München, Münster, Neustadt/Weinstraße, Nürnberg, Oldenburg, Osnabrück, Speyer, Stuttgart, Trier, Tübingen, Ulm und Würzburg. In der Schweiz über buch 2000, Postfach 89, CH-8910 Affoltern a. A.

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