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IN HALT ÜBER DIE NOTWENDIGKEIT ZU SENSIBILISIEREN UND INFORMIEREN

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THEMEN UND MATERIALIEN

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THEMENVORSCHLÄGE NACH ADRESSATENKREIS

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MATERIALIEN ZU AUSGEWÄHLTEN THEMEN

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ANHANG 1 BASISBILDUNG DEFINITIONEN

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ANHANG 2 TESTIMONIALS

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ANHANG 3 BEISPIELE FÜR BASISBILDUNGSTRAININGS IN UNTERNEHMEN

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ZUM THEMA BASISBILDUNG SENSIBILISIEREN UND INFORMIEREN Basisbildung ist eine der wichtigsten Voraus-

Doch häufig bleiben Basisbildungsdefizite bei

setzungen, um in der heutigen Gesellschaft

Beschäftigten unerkannt. Denn trotz zuneh-

aktiv an Ausbildung, Fort- und Weiterbildung

mender medialer Präsenz (oft unter Verwen-

teilzunehmen und auf dem Arbeitsmarkt be-

dung der Begrifflichkeiten Alphabetisierung

stehen zu können. Auch die zunehmenden

und Grundbildung) ist das Thema Basisbil-

Veränderungen am Arbeitsplatz und der Ein-

dungsdefizite Erwachsener weitgehend ein

satz von digitalen Technologien erfordern

Randthema geblieben. Wahrscheinlich auch

vermehrt die sichere Beherrschung von Ba-

aufgrund der Annahme, dass in einem Land

sisbildungskompetenzen.

mit einem ausgebauten Bildungssystem wie

Während vor 20 Jahren über die Hälfte der

Deutschland die wichtigsten Basiskompeten-

Geringqualifizierten im produzierenden Ge-

zen mühelos beherrscht werden müssten.

werbe beschäftigt war, sind es heute weniger

Dass diese Sicht der Dinge jedoch nicht zu-

als 20 Prozent. Immer mehr Menschen mit

treffend ist, belegen inzwischen mehrere Stu-

geringer Qualifikation arbeiten in Dienstleis-

dien.

tungsbranchen wie Verkehr und Logistik, im

Nach den Schlussfolgerungen der Leo-Level-

Hotel- und Gastronomiegewerbe oder im Ge-

One-Studie aus dem Jahr 2011 liegt demnach

sundheits- und Sozialwesen.

der Anteil von erwerbsfähigen Personen mit

Aber auch in diesen Branchen steigen an den

nicht ausreichender Basisbildung bei ca. 14%,

sogenannten Einfacharbeitsplätzen die An-

was unter anderem bedeutet, dass diese Per-

forderungen an Basisbildung, vor allem was

sonengruppe über nicht ausreichende Lese-

Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen be-

und Schreibkenntnisse verfügt, um komple-

trifft.

xere Anforderungen am Arbeitsplatz und im alltäglichen Leben selbstständig zu meistern.

So erfordern die komplexen Herausforderungen in der heutigen Arbeitswelt regelmäßig

Eine breite Öffentlichkeit zu informieren und

Lese- und Schreibkompetenzen, um z. B.

für das Thema zu sensibilisieren ist also auch

neue Maschinen zu bedienen oder um Doku-

weiterhin notwendig. Plakatkampagnen wie

mentationspflichten nachzukommen. Zuneh-

in Deutschland oder Frankreich (siehe eng-

mend wird von Arbeitnehmerinnen und Ar-

lischsprachige Beispiele aus dieser Kampagne

beitnehmern der sichere Umgang mit dem PC

auf der nächsten Seite) sind zwar medien-

verlangt, z. B. für den Arbeitszeitnachweis o-

wirksam, wirken dafür aber nur sehr kurzfris-

der das Dokumentieren von Vorkommnissen.

tig.

Hinzu kommt ein Sicherheitsrisiko, wenn Sicherheitshinweise am Arbeitsplatz nicht gelesen werden können. .

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Basisbildungsdefizite sind ein komplexes

kungen von Basisbildungsdefiziten am Ar-

Problem, am Arbeitsplatz, aber auch im Le-

beitsplatz im Besonderen, z. B. auf die Effizi-

bensalltag, und die unterschiedlichen und

enz und Flexibilität von Arbeitnehmerinnen

vielfältigen Lebenslagen der Beteiligten er-

und Arbeitnehmern.

fordern eine Intervention vieler Institutionen,

Dieser Reader soll Sie unterstützen bei der

um die vorhandenen Ressourcen und Struk-

Planung von Sensibilisierungs- und Informati-

turen aktiv nutzen zu können. Sensibilisie-

onsveranstaltungen. Wir stellen Ihnen The-

rungs- und Informationsveranstaltungen fällt

men und dazugehörige Materialien vor, die

nun die Aufgabe zu, die Bedeutung und Rele-

sich bei unterschiedlichen Adressaten und

vanz von Basisbildung zu artikulieren und her-

hinsichtlich unterschiedlichen Interessen be-

vorzuheben, und zwar für die Lebensqualität

währt haben und die Sie gerne nutzen kön-

der Person im Allgemeinen und die Auswir-

nen.

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Informationsveranstaltungen müssen Interesse wecken Eine erfolgreiche Veranstaltung setzt eine

rem privaten und vor allem beruflichen Um-

gute Planung voraus. Informieren Sie sich

feld als Multiplikatoren wirken.

möglichst genau über die Adressaten. Stim-

Stimmen Sie auch die Dauer der Informati-

men Sie sich mit den Veranstaltern bzw. ih-

onsveranstaltung und das Setting (eher Vor-

ren Auftraggebern soweit wie möglich be-

tragscharakter, eher Rollenspiele und Übun-

reits im Vorfeld über Interessen, Ziele und

gen, Kleingruppenarbeit, Erfahrungsberichte

Absichten, mögliche thematische Schwer-

von Lernenden/ehemaligen Lernenden) ab

punkte, Erfahrungen, Vorkenntnisse, Funk-

und stellen Sie Informationen zu lokalen An-

tion und Tätigkeit der Teilnehmerinnen und

geboten und ggf. Ansprechpartnern zur Ver-

Teilnehmer ab.

fügung, denn nach einer erfolgreichen Ver-

Denn: Sie wollen mit der Veranstaltung für

anstaltung werden sehr häufig entspre-

das Thema Basisbildung werben und errei-

chende Angebote vor Ort nachgefragt.

chen, dass die anwesenden Personen in ih-

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Informationsveranstaltungen müssen informieren Das Beherrschen von Basisbildungskompe-

Die Vermittlung der Hintergrundinformatio-

tenzen wird zumeist als so selbstverständlich

nen dient dazu, auf die Relevanz des Themas

vorausgesetzt, dass Basisbildungsanforde-

und mögliche Handlungs- und Gestaltungsan-

rungen im konkreten Fall kaum wahrgenom-

sätze aufmerksam zu machen, die nicht nur

men werden und häufig sogar darüber Un-

auf gegenwärtige Problemlagen zielen, son-

glauben besteht, dass jemand damit Schwie-

dern auch langfristige Effekte haben.

rigkeiten haben könnte. Daher ist es wichtig, konkrete Beispiele aus

Analyse und Reflexion

Arbeit und Alltag anzuführen. Steht genü-

Hier steht die ‚Entdeckung’ und ‚Aufdeckung’

gend Zeit zur Verfügung sind beispielsweise

von möglichen Zusammenhängen im Vorder-

Aufgaben („Tests“) hilfreich, um zu demonst-

grund. Vermittelt wird, dass Basisbildungsde-

rieren, wo Basisbildung alltäglich gefragt ist,

fizite die Arbeits- und Leistungsfähigkeit be-

und um verständlich zu machen, mit welchen

einflussen und eine volle Teilhabe am gesell-

Herausforderungen Menschen mit (erhebli-

schaftlichen Leben stark beeinträchtigen

chen) Basisbildungsdefiziten in Alltag und Be-

können. Im Plenum oder in Kleingruppenar-

ruf konfrontiert sind.

beit soll diskutiert werden, welche Anforde-

In aller Regel folgt der Ablauf einer Informati-

rungen in Arbeit und Alltag bestehen und wie

onsveranstaltung den folgenden Phasen:

diese Anforderungen bewältigt werden.

Information

Aktivierung

Im Rahmen einer thematischen Einführung

Erst ein umfassendes Verständnis von Basis-

können grundlegende Daten zur Größenord-

bildung und Basisbildungsdefiziten bei Er-

nung von Basisbildungsdefiziten bei Erwach-

wachsenen erlaubt es aktiv zu werden. Disku-

senen vorgestellt werden. Auch die mit dem

tieren und erörtern Sie, welche Möglichkei-

arbeitsmarktlichen Strukturwandel einherge-

ten bestehen, das Problem von mangelnder

henden Veränderungen der Basisbildungsan-

Basisbildung anzugehen.

forderungen können bereits in ihren Auswirkungen skizziert und diskutiert werden.

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THEMEN UND MATERIALIEN

Im Folgenden finden Sie zunächst - nach Ad-

Alle Broschüren, Studien und Dokumentatio-

ressaten gegliedert - Vorschläge zu Themen,

nen finden Sie zum Download auf

die unserer Erfahrung nach für Informations-

www.spinpro.info.

veranstaltungen relevant sind. Im Weiteren stellen wir Materialien vor, die Ihnen Anregungen geben zur konkreten Ausgestaltung Ihrer Veranstaltung und die Sie auch unmittelbar einsetzen können.

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THEMENVORSCHLÄGE NACH ADRESSATENKREIS UNTERNEHMEN (Management, Arbeitnehmervertretungen, Weiterbildungsplaner/innen, Ausbilder/innen, Teamleitungen) Ziel Initiieren von Fortbildungsangeboten für gewerbliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Themen Allgemeine Informationen zur Einführung Welche Auswirkungen haben Basisbildungsdefizite am Arbeitsplatz? Was ist arbeitsplatzbezogene Basisbildung? Mangelnde Basisbildung bei Erwerbstätigen: Wie werden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Basisbildungsdefiziten identifiziert und angesprochen? Was ist zu tun, um gezielt Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu beraten und zu schulen? Basisbildung in der beruflichen Weiterbildung – ein Beispiel

POLITIK UND VERWALTUNG Ziel Ressortübergreifende Verankerung des Themas, Bereitstellen öffentlicher Förderung Themen Allgemeine Informationen zur Einführung Empfehlungen an Politik und Gesellschaft Basisbildung in den (Regel-)Strukturen verankern und Öffentlichkeit für das Thema herstellen Beispiele für Aktionen: Grundbildungszentrum Berlin Trierer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung

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BÜRGER- UND GESUNDHEITSÄMTER, FAMILIEN- UND SOZIALBERATUNG, VERBÄNDE, STADTTEILZENTREN … Ziel Im eigenen Arbeitsbereich als Multiplikator/in fungieren, eventuell: Erstberatung von Betroffenen Themen Allgemeine Informationen zur Einführung Mangelnde Basisbildung bei Erwachsenen: Definition, Ursachen und Wirkungen (Familiäre Situation, Bezugspersonen, Schule, Berufliche Situation, typische Verhaltensweisen sowie Täuschungsund Vermeidungsstrategien) Anzeichen und Merkmale für funktionalen Analphabetismus (Sprechen und Zuhören, Lesen und Verstehen, Schreiben, Alltagsmathematik) Beratung von Personen mit unzureichender Basisbildung: Gesprächsvorbereitung, Basisbildungsdefizite benennen, Motivation schaffen, begleitend beraten (inklusive Checklisten für das Beratungsgespräch)

ERWACHSENEN- UND BERUFLICHE BILDUNG, JOBCENTER, ARBEITSAGENTUREN, WEITERE BERATUNGSEINRICHTUNGEN Ziel Erkennen von Basisbildungsdefiziten in der Beratung und Vermittlung in entsprechende Kursangebote Themen Allgemeine Informationen zur Einführung Mangelnde Basisbildung bei Erwachsenen: Definition, Ursachen und Wirkungen (Familiäre Situation, Bezugspersonen, Schule, Berufliche Situation, typische Verhaltensweisen und Täuschungsund Vermeidungsstrategien) Anzeichen und Merkmale für funktionalen Analphabetismus in der Beratung (Sprechen und Zuhören, Lesen und Verstehen, Schreiben, Alltagsmathematik) Beratung von Personen mit unzureichender Basisbildung: Gesprächsvorbereitung, Basisbildungsdefizite benennen, Motivation schaffen - Basisbildung annehmen, begleitend beraten (inklusive Checklisten für das Beratungsgespräch) Einschätzen von Grundbildungskompetenzen: Einschätzen der Sprech-, Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen Lernangebote initiieren und zielgruppenspezifisch ausrichten: Angebotsentwicklung und Finanzierungsmöglichkeiten von Basisbildungsmaßnahmen in der Beschäftigungsförderung

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MATERIALIEN ZU AUSGEWÄHLTEN THEMEN THEMA: FAKTEN UND ZAHLEN Dieser Themenbereich führt ein in die Dimen-

vel one - Studie, für den Bereich der Mathe-

sion und Größenordnung von Basisbildungs-

matik die 2012 veröffentlichte Studie „Bür-

defiziten. Inzwischen sind mehrere Studien

gerkompetenz Rechnen“ der Stiftung Rech-

veröffentlicht, die Verbreitung und Umfang

nen und - wer darüber hinaus noch technolo-

der Defizite und möglichen Bedarfe veran-

giebasierte Problemlösekompetenzen heran-

schaulichen.

ziehen möchte - erfährt hierzu mehr in den

Einblicke gewähren für den Bereich Lesen

2013 veröffentlichten Ergebnissen der PIAAC

und Schreiben die im Jahr 2011 von der

- Studie der OECD. Alle Studien kommen zu

Hamburger Universität veröffentliche leo le-

sehr ähnlichen Resultaten.

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THEMA: BASISBILDUNG IN EUROPA Unzureichende Basisbildung ist nicht nur Thema in Deutschland, auch andere europäische Länder und die EU befassen sich damit: EU HIGH LEVEL GROUP OF EXPERTS ON LITERACY - Final Report, September 2012 KEY COMPETENCES FOR LIFELONG LEARNING - European Reference Framework, 2006 FUNDAMENTALS # 1 überBLICK : DIE UNSICHTBARE KRISE IN DER EU Funktionaler Analphabetismus bei Erwachsenen – Ein lange unterschätztes Problem FUNDAMENTALS # 2 einBLICK: BASISBILDUNG - WAS IST DAS? Informationen, Fakten und Best Practice zum Thema Basisbildung und berufliche Bildung

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THEMA: BASISBILDUNG - DEFINITIONEN

Basisbildung ist zunächst ein Begriff, der nä-

ANHANG 1:

her erläutert werden muss. Die Anforderungen und Kontexte der Basisbildung sind sehr

Primärer, Sekundärer und Funktionaler Analphabetismus

unterschiedlich und bieten verschiedene

Literacy /Literalität Basisbildung/Grundbildung

Möglichkeiten, sich Definitionen zu nähern.

Family Literacy

Sei es aus der Sicht des täglichen Lebens oder

Health Literacy

aus der Perspektive der Arbeit. Auch für wei-

Food Literacy

tere Bereiche wie z. B. der Gesundheit und

Computer Literacy

Prävention wird Basisbildung als ein Teilbe-

Information Literacy

reich diskutiert. Details zu Definitionen und

Financial Literacy

Bereichen der Basisbildung finden Sie in

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THEMA: GESCHICHTEN AUS ALLTAG UND ARBEIT

Einen ersten Eindruck über charakteristische

Die persönlichen Geschichten von James aus

berufliche Biographien bieten die Geschich-

Irland, Barara aus Dänemark und Kalle aus

ten aus dem Alltag aus Deutschland und Eu-

Berlin finden Sie in ANHANG 2.

ropa. Anschaulich werden typische Alltagssituationen beschrieben, z. T. auch Ursachen von Defiziten aufgeführt. Die Geschichten erzählen, welche Hürden es zu überwinden gilt und welche positiven Auswirkungen Fortbildungen haben können.

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Gelungene Beispiele f端r Basisbildungstrai-

Diese Beispiele aus einem Reinigungsunter-

ning in Unternehmen zeigen, wie durch ge-

nehmen, aus einem Malereibetrieb und aus

zielt geplante Basisbildungsangebote alle Be-

einem Baustofflager finden Sie Sie in AN-

teiligten langfristig profitieren.

HANG 3.

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SONDERTHEMA DAS BERATUNGSGESPRÄCH Ist der thematische Schwerpunkt der Veranstaltung die Ansprache von Menschen mit Basisbildungsbedarf, so ist eine besondere Vorbereitung unerlässlich, insbesondere dann, wenn die Teilnehmenden kaum oder wenig Erfahrung im Führen von „kritischen“ Gesprächen haben.

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THEMA: WAS IST ARBEITSPLATZBEZOGENE BASISBILDUNG Die Anforderungen an das Qualifikationsni-

Angeboten der beruflichen Fort- und Weiter-

veau der Beschäftigten steigen seit Jahren

bildung.

nicht nur in den höher qualifizierten Berufen,

Weitere Informationen und Beispiele zu AN-

sondern auch in den so genannten einfachen

FORDERUNGEN AN BASISBILDUNG IN DER

oder ungelernten Tätigkeiten. Diese Entwick-

ARBEITSWELT können Sie der Publikation

lung ist in allen Ländern Europas zu beobach-

FUNDAMENTALS#2 einBLICK: BASISBILDUNG

ten. Das heißt im Umkehrschluss, der Anteil

- WAS IST DAS?, dem Leitfaden für Unterneh-

körperlich schwerer Arbeiten oder sprach-

men „Arbeitsplatzbezogene Grundbildung“

und kommunikationsarmer Tätigkeiten wird

[Herausgeber: Helmut E. Klein/Sigrid Schöp-

auch in Zukunft weiter zurückgehen.

per-Grabe, Erstveröffentlichung Köln 2011]

Eine fundierte Basisbildung wird demnach

und der Veröffentlichung „Betriebliche Wei-

von allen „verlangt“, um in den Arbeitsmarkt

terbildung für Geringqualifizierte. Ein Ak-

einzusteigen bzw. in ihm zu verbleiben. Glei-

quise-Leitfaden für Personalentwickler“ [Ab-

ches gilt für eine Partizipation am Prozess des

raham, Ellen, 2010, Bielefeld] entnehmen.

lebenslangen Lernens und die Teilnahme an

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THEMA: ANFORDERUNGEN AN BASISBILDUNG IN DER ARBEITSWELT Die Anforderungen an Basisbildung sollten

das Thema Basisbildung im Kontext von Ar-

Sie möglichst an konkreten Tätigkeitsfeldern

beit und Beruf darstellen können.

darstellen, die Ihrem Publikum auch mehr o-

Wie gehen Sie nun vor?

der weniger vertraut sein sollten.

Sie benötigen detaillierte Beschreibungen

Das heißt, die ausgewählten Tätigkeiten sind

der Tätigkeit/des Tätigkeitsfeldes und der

typisch für eine Branche, ein Berufsfeld oder

den Tätigkeiten zugeordneten Anforderun-

auch ein Unternehmen.

gen an Basisbildung (wir nennen diese Be-

Je näher sie der Realität Ihres Publikums kom-

schreibungen Job-Profile). Hier ein Beispiel

men, desto „begreifbarer“ werden sie auch

aus dem Tätigkeitsfeld Bauhilfskräfte …

Arbeitsfeld: Sanierungsarbeiten Altbausubstanz abreißen und lagern (Mauerwerk, Treppen, Fenster)     

Helfen bei Sanierungsarbeiten Werkzeuge und Geräte für Stemmarbeiten kennen lernen Prüfen des Zustandes von Werkzeugen und Geräten Anreißen des Stemmortes und Feststellen der möglicherweise versteckten Installationen ….

Stemmarbeiten von Hand oder maschinell ausführen

Durchführen der Stemmarbeiten unter Einhaltung von Gesundheitsschutz-vorgaben (persönliche Schutzausrüstung tragen)

Entfernen alter Wand- und Fußbodenbeläge

Auftragen von Hydrophobierungsmitteln und Imprägnieren mit Holz- und Bläueschutzmitteln   

Vorbehandeln von Oberflächen durch Reinigen, Schleifen, Aufrauen und Entrosten

 

 

Werkzeugnutzung erlernen ( z.B. Wand-, Decken-, Fußboden-, Fenster-, Türbearbeitung) …

Ausbessern durch Putzen, Spachteln, Füllen, Glätten und Vorstreichen   

Beseitigen von Belägen aus Holz, Papier (Tapeten), Kunststoff und Metall unter Verwendung von geeigneten Werkzeugen und Geräten Abrissmaterial sortieren und lagern

Vorbereiten der verwendeten Baustoffe für Ausbesserungsarbeiten Anbringen der Baustoffe (Glättmasse, Kitt, Grundmasse) Verteilen des Baustoffes

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Transport der Baustoffe zum Arbeitsplatz Reinigen der Oberflächen vor dem Auftragen der Sperrungen Aufrauhen der Oberfläche für die Haftung der Sperrung Mitarbeit beim Auftragen der Sperrschichten nach technischen Anweisungen Vorbereitung von Werkzeugen und Baustoffen für den Schutz gegen Feuchtigkeit …..


… und ein Auszug der mit dem Tätigkeitsfeld verbundenen Anforderungen an Basisbildung: LESEN REGELMÄSSIG

OFT

AB UND ZU

Sicherheits- und Gesundheitsschutz-kennzeichnung

Informationsblätter zu Arbeits- und Gesundheitsschutz

Gefahrenkennzeichen im Baustellenbereich

Bauzeichnungen Baustellenablaufpläne und Wocheneinsatzplan …

Sicherheitsvorschriften beim Umgang mit elektrischen Arbeitsmitteln (Werkzeuge, Maschinen, Anschlussleitungen) Fachliche Informationen (Pläne, Zeichnungen, Berichte, Beschreibungen, Herstellerinstallationsanleitungen)

Allgemeine Unfallverhütungsvorschriften (Rechte und Pflichten des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers) Allgemeine Vorschriften des Umwelt/Naturschutzes … Lagervorschriften für Baustoffe und Erdaushub

SCHREIBEN REGELMÄSSIG

OFT

AB UND ZU

Dokumentation der täglichen Arbeitsergebnisse

Erstellen einer Skizze mit Erklärungen für die Baustelleneinrichtung

Ausfüllen von Stundenzetteln

Kontrolle der Baustelleneinrichtung anhand der Checkliste und Anfertigen einer Baustelleninformation

Aufnahme, Meldung und Auswertung von Verletzungen protokollieren

Aufstellen von Werkzeug- und Ausrüstungslisten für bestimmte Aufgaben …

Lagerlisten und Inventarverzeichnisse anlegen und führen

Dokumentation der Arbeitsergebnisse als Hinweis für Folgearbeiten (Lage von Rohrleitungen, Untergrund von Wegen usw.) Rezepturen protokollieren für hergestellte Betonproben

MATHEMATIK REGELMÄSSIG

OFT

AB UND ZU

Genau messen (millimetergenau)

Zeit zur Ausführung eines Arbeitsauftrages schätzen

Gewicht beim Beladen von Fahrzeugen kalkulieren

Winkel in Räumen messen

..

Materialkosten berechnen

Lohnberechnung vornehmen

Flächenberechnungen

Berechnung von Arbeitszeit, Stundenlohn, Überstunden

Volumenberechnungen von Baugruben, Sammelgruben, Gräben, Kellern usw.

Materialzuschnitt mit möglichst geringem Abfall

Messen und Zuschneiden der Abdeckungen und Schutzfolien nach angegebenen Maßen …

Prozentrechnung und Mischungsverhältnisse Umrechnung (Formel) von maßstäblichen Größen in reale Werte

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Skizze mit Maßen anfertigen


Ausgewählte, beispielhafte Job-Profile stellen

chen Basisbildungskompetenzen, d. h. die Be-

wir Ihnen auf unserer Website (www.spin-

schreibung zeigt detailliert, welche Kompe-

pro.info) zur Verfügung.

tenzen an Basisbildung nötig sind, um die All-

Die Profile beschreiben die Arbeitsaufgaben

tagsanforderungen am Arbeitsplatz zu bewäl-

inklusive der für die Ausführung erforderli-

tigen.

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THEMA Anforderungen an Basisbildung am Arbeitsplatz [Beispiele] Die Anforderungen an Basisbildung am Ar-

alltäglichen Aufgaben zu erfüllen. Zugleich

beitsplatz lassen sich am besten an konkreten

können sie Anlass geben, um über mögliche

Beispielen illustrieren. Einzelne Arbeitsauf-

Fortbildungsinhalte zu sprechen.

träge zeigen die tatsächlichen Basisbildungsanforderungen, die benötigt werden, um die

Aus komplexen Dokumenten Informationen zu Produkten entnehmen: Artikelbezeichnungen, Artikelnummern, Mengen und Größen, Stückzahlen [Waren kommissionieren -Zusammenstellen für die Lieferung- nach Auftragslisten]

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G채ngige Berechnungen anstellen [Betonmenge zum F체llen eines Zementrohres berechnen]

Informationen aus Gebrauchsanweisungen entnehmen und in die Praxis umsetzen [Berechnen von Dosierungen, Anwendungshinweise verstehen und ber체cksichtigen ...]

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Fachterminologie verstehen [Hinweise zu Anwendung und Verarbeitung in der Praxis umsetzen]

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Informationen zu Arbeitszeiten und Arbeitsorten aus Dienstpl채nen entnehmen [Sich in komplexen Tabellen zurechtfinden]

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Hinweise zu Arbeitssicherheit verstehen [Plakate und Hinweise und deren Fachterminologie ggfs. in k端rzester Zeit lesen/verstehen]

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Formulare ausf체llen [Arbeitsnachweis, Unfallbericht: leserliche Handschrift, vollst채ndige und fachlich richtige Angaben]

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M체ndliche gegebene Informationen bzw. Arbeitsanweisungen verstehen und korrekt weitergeben [Konzentrationsf채higkeit, zeitliche Abl채ufe wiedergeben, Fachterminologie verstehen]

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ANHANG 1 BASISBILDUNG DEFINITIONEN Primärer Analphabetismus Primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat. Eine andere Bezeichnung ist „natürlicher Analphabetismus“. Davon sind vor allem Menschen in Staaten mit einem wenig ausgebauten Schulsystem betroffen, die keine Gelegenheit zum (regelmäßigen) Schulbesuch hatten.

Sekundärer Analphabetismus Von sekundärem Analphabetismus spricht man, wenn nach mehr oder minder erfolgreichem Schulbesuch ein Prozess des Vergessens einsetzt, bei dem einmal erworbene Schriftkenntnisse im Verlauf des Lebens verloren gehen. Die Kinder haben während der Schulzeit lesen und schreiben gelernt, als Jugendliche oder Erwachsene haben sie dies wieder verlernt.

Funktionaler Analphabetismus Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und die Realisierung individueller Chancen zu eröffnen. Eine sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft kritische Ausprägung literaler Kompetenz ist gegeben, wenn die literalen Fertigkeiten nicht ausreichen, um schriftsprachliche Anforderungen des täglichen Lebens und einfachste Erwerbstätigkeiten zu bewältigen. Dies ist z. B. zu erwarten, wenn eine Person nicht in der Lage ist, in einem einfachen Text eine oder mehrere Informationen sinnerfassend zu lesen und/oder sich beim Schreiben auf einem vergleichbaren Kompetenzniveau befindet.

Literacy/Literalität Im ursprünglichen Sinne bezeichnet Literacy die Lese- und Schreibfähigkeit, häufig wird aber auch Rechenfähigkeit (Numeracy) hinzugezählt. Der Begriff „Literacy“ wurde auf weitere Kenntnis- und Kompetenzbereiche ausgeweitet, die für das Leben in modernen (Informations-) Gesellschaften notwendig sind (z.B. Computer Literacy, Health Literacy, Financial Literacy). Literacy orientiert sich an der Anwendungspraxis von Schriftsprachlichkeit im Alltag. Ausgehend von dieser feststellbaren Praxis werden forscherische und didaktische Ansätze zur Schriftsprachvermittlung entwickelt.

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Basisbildung/Grundbildung Der Begriff der Basisbildung beinhaltet, ähnlich wie der heute weniger benutzte Begriff der „Elementarbildung“ oder der in Österreich verwendete Begriff der „Basisbildung“, neben Lese- und Schreibfertigkeiten auch Kompetenzen bei der kulturellen und gesellschaftlichen Teilhabe, z. B.: Beherrschung der Verkehrssprache, mathematische Grundkenntnisse, Selbstregulation des Wissenserwerbs („lebenslanges Lernen“), politische Meinungsbildung und Interessenvertretung, Kompetenz im Umgang mit modernen Informationstechnologien, soziale Kompetenz, fremdsprachliche Kompetenz und allgemeine Handlungsfähigkeit im Alltag und in der Gesellschaft (Mobilität, eigenständiger Kontakt zu Ämtern und Ärzten usw.).

Family literacy Family Literacy sind schriftbezogene Praktiken von Eltern, Kindern und anderen Familienmitgliedern in ihrem Alltag. Family Literacy ist nicht isoliert von den Lebenskontexten der Familienmitglieder, vielmehr ist das familiäre Leben in soziale Umwelten – wie die erweiterte Familie, Freundinnen und Freunde und die Nachbarschaft – eingebettet. Diese Umwelten stellen einen bedeutenden soziokulturellen Rahmen für die Bedingungen von Family Literacy dar. Sie können die Entwicklung der Lese- und Schreibumwelten von Kindern und Erwachsenen fördern, diese aber auch hemmen, etwa wenn Lesen als etwas eingestuft wird, was „nur die anderen“ machen, weil es z. B. als Zeitvergeudung gilt. Zu Family Literacy zählen z. B. das Lesen und Erstellen von Listen, das Lesen von Produktbeschriftungen und Anleitungen, das Schreiben und Lesen von Postings in Internet-Foren, von SMS, E-Mails, Karten und Briefen ebenso wie das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften, von Texten im World Wide Web oder von Büchern, Katalogen, Prospekten etc. Family Literacy umfasst neben diesen auf die pragmatische Ebene der Alltagsbewältigung bezogenen Formen des Lesens und Schreibens auch das gemeinsame Anschauen oder Lesen von Bilderbüchern oder anderen Lesestoffen, das von Erwachsenen oder Kindern initiiert wird, sowie Formen des gemeinsamen Schreibens.

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Health literacy Health Literacy (Gesundheitskompetenz) ist die Fähigkeit des Einzelnen, selbstständig grundlegende Gesundheitsinformationen zu finden, zu verarbeiten und zu verstehen und Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen, um angemessene gesundheitsrelevante Entscheidungen treffen zu können. Ältere Menschen, Zuwanderer und solche mit niedrigem Einkommen sind überproportional häufig mit Problemen beim Lesen und Verstehen von gesundheitsbezogenen Informationen konfrontiert. Diejenigen, die die geringsten Kompetenzen besitzen, neigen eher zu chronischen Erkrankungen, und es ist weniger wahrscheinlich, dass sie die Gesundheitsversorgung bekommen, die sie benötigen würden. Eine geringe Gesundheitskompetenz kann tiefgreifende finanzielle Folgen für das Gesundheitssystem eines Landes haben. Im Jahr 2001 führten die niedrigen funktionalen Gesundheitskompetenzen der amerikanischen Bürger zu geschätzten $32 bis $58 Milliarden Mehrausgaben im Gesundheitswesen.

Food literacy Food literacy ist die Fähigkeit den Ernährungsalltag selbstbestimmt, verantwortungsbewusst und genussvoll zu gestalten. Da Ernährungswissen in Familien und Schulen immer weniger vermittelt wird, droht eine Art „kulinarischer Analphabetismus". Immer mehr Menschen wissen wenig über Herkunft und Qualitätsmerkmale von Nahrungsmitteln und können nicht mehr richtig kochen. Gesundheitliche Risiken und volkswirtschaftliche Kosten von ungünstiger Ernährung werden beklagt. Gleichzeitig befindet sich die Esskultur aufgrund neuer gesellschaftlicher Entwicklungen im Wandel. Traditionelle Ernährungsgewohnheiten verlieren an Bedeutung. Lebensmittelskandale, ein Überangebot an Nahrungsmitteln und widersprüchliche Ernährungsempfehlungen erschweren die Organisation des Ernährungsalltags. Ein Bedarf an neuen Bildungsangeboten entsteht - gerade auch für sozial benachteiligte Gruppen.

Computer literacy Computerkompetenz (Computer Literacy): Fähigkeit, sicher mit Informationstechnologie umzugehen und z. B. den Computer und seine Software als Werkzeug zu nutzen. Digitalkompetenz (Digital Literacy): Fähigkeit, über Computer dargestellte Informationen unterschiedlicher Formate verstehen und anwenden zu können. Internet-Kompetenz (Internet Literacy): Fähigkeit, das Internet zu nutzen und seine grundlegenden Strukturen und Funktionsweisen zu kennen.

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Information literacy Informationskompetenz steht immer in Bezug zu verschiedenen inneren und äußeren Faktoren. Innere Faktoren sind z. B. das fachliche Wissen, die Sprachkenntnisse, die Kreativität und Ambitionen einer Person, während als äußere Faktoren Kultur, Gesellschaft, Informationsformen sowie technische Entwicklungen eine Rolle spielen. Zur Informationskompetenz gehören die Fähigkeiten: einen Informationsbedarf zu erkennen, Informationen zu lokalisieren, Informationen zu organisieren, Informationen zielgerichtet zu selektieren und zweckoptimiert zu gestalten und zu präsentieren.

Financial literacy Ziel der finanziellen Allgemeinbildung ist es, das Individuum und den privaten Haushalt zu befähigen, sämtliche finanziellen Aspekte seiner Existenz sinnvoll und zu seinem Vorteil zu nutzen. Bildungsdefizite in alltäglichen Finanzfragen können zu einer unzureichenden Auseinandersetzung mit der eigenen finanziellen Situation führen. Problematische finanzielle Entscheidungen können z. B. zu Vermögensverlust oder Überschuldung führen. Oft, aber nicht immer, besteht ein empirischer Zusammenhang zwischen Bildung und Überschuldung. Zentrales Bildungsziel der finanziellen Allgemeinbildung ist es nicht nur, den Umgang mit Geld zu erlernen. Auch eine vernünftige Inanspruchnahme unterschiedlicher Finanzdienstleistungen muss inhaltliches Ziel sein, eine Handlungskompetenz in sämtlichen monetären Fragen aufgebaut werden. Die finanzielle Allgemeinbildung beschäftigt sich auch mit Fragen des Umgangs mit Lebensrisiken, des Vermögensaufbaus und der Altersvorsorge, ebenso mit Darlehen und Krediten. Darüber hinaus fördert sie eine politische Urteilsfähigkeit hinsichtlich der Regeln für die Finanzindustrie und ihre Produkte. Zunehmend rücken Fragen der sinnvollen Ausgaben- und Einnahmenkoordinierung privater Haushalte zum Zwecke der Vermeidung einer Schuldenfalle in den Vordergrund der finanziellen Allgemeinbildung, weil Einkommensrisiken bei unverändertem Konsumverhalten zu einer Erhöhung der verschuldeten Haushalte geführt haben.

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ANHANG 2 TESTIMONIALS

James aus Irland James ist 35 Jahre alt. Er hat der Schule mit 14 den Rücken gekehrt und arbeitete dann in einer Autowerkstatt. Als er Jahre später schließlich die eigene Autowerkstatt schließen musste, stellte er fest, dass er - obwohl er alles über das Reparieren von Autos wusste - keine vollständige KFZ-Mechanikerausbildung absolvieren konnte, weil er weder lesen noch schreiben konnte. Daraufhin wurde er LKW-Fahrer, musste um vier Uhr morgens aufstehen und kam nie vor sieben Uhr am Abend nach Hause. Hinzu kam, dass er die profitableren Langstrecken-Aufträge ablehnen musste, weil er die Zielorte nicht ins Navigationsgerät eingeben konnte. Das war bevor er die staatliche Agentur für Erwachsenenbildung anrief, die ihm verschiedene kostenlose Basisbildungskurse anbot. Daraufhin beschloss James einen sechswöchigen Intensivkurs zu absolvieren. Seitdem veränderte sich viel in seinem Leben. Nach nur wenigen Monaten hat er den

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Job gewechselt und betreibt nun wieder eine eigene Autowerkstatt. Außerdem hat er sich für einen Mechaniker- und Geschäftsführungs-Lehrgang am technischen Institut in Dublin beworben. „Jahrelang war meine Strategie mit Dingen umzugehen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich hatte viel Ärger und Wut im Bauch, weil ich nicht tun konnte, was ich tun wollte. Ich hatte einen Plan im Kopf, den ich aber nicht umsetzen konnte. Das ließ mich verzweifeln. Wenn ich den Kurs nicht gemacht hätte, hätte mich meine Wut von innen aufgefressen. Jetzt bin ich sehr glücklich. Es ist wie im Märchen - alles hat damit angefangen, dass ich vom LKW-Fahren weg und KFZ-Mechaniker werden wollte, und genau das passiert jetzt.“ Der Basisbildungskurs hat auch in James’ Privatleben viel verändert. Vor dem Kurs konnte er seinem Sohn nie Geschichten vorlesen. „Wenn ich für jemanden etwas hätte aufschreiben sollen, wäre derjenige nicht in der Lage gewesen, das auch zu entziffern. Jetzt hingegen empfinde ich eine große Zufriedenheit und Sicherheit. Ich bin stolz auf mich.“ [aus: www.nala.ie/james-mccann]

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Kalle B. aus Deutschland

Kalle aus Deutschland Kalle nahm mit 46 Jahren an einem Basisbildungskurs bei der Zukunftsbau GmbH teil. Bereits die Grundschule besuchte er nur sporadisch. Die Oberschule verließ er mit 14 Jahren ohne Schulabschluss und ohne ausreichende Basisbildungskenntnisse. Er konnte ein wenig lesen, kaum schreiben und minimal addieren und subtrahieren. Nachdem er die Schule verlassen hatte, bekam er von der Arbeitsagentur eine Ausbildung als Elektriker vermittelt. Diese brach er - nach drei Jahren - kurz vor der Gesellenprüfung ab. Seine Schreibkenntnisse hätten nicht für die Prüfung ausgereicht. Im Anschluss nahm er zahlreiche Aushilfsjobs an: auf Baustellen, im Garten- und Landschaftsbau, in der Küche und in der Reinigung. Die Jobs erhielt er immer nach persönlicher Kontaktaufnahme. Bei Unternehmen, die Bewerbungsunterlagen einforderten, meldete er sich nicht mehr. Ein Prinzip, das er viele Jahre beibehalten hat. Dann wurde er in ein Produktionsunternehmen, das Fertigsaucen herstellte, vermittelt. Hier arbeitete Kalle viele Jahre. Nach einer Produktionsstörung, die von ihm verursacht wurde (er hatte ein Schild auf einem Kochkessel nicht lesen können), bemerkte der Werksmeister, dass Kalle nicht lesen

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und schreiben konnte. In Pausen und nach Feierabend brachte er Kalle erste Schreib- und Lesekenntnisse sowie die Grundrechenarten bei. Das Werk wurde wenig später geschlossen und Kalle erhielt eine Kündigung. Er fand, bis auf wenige Gelegenheitsjobs, keine Arbeit mehr. Viele Jahre war Kalle arbeitslos. Er hatte erhebliche Konflikte mit seinen Beratern und Vermittlern der Arbeitsagentur. Ein immer wiederkehrender Streitpunkt waren die schriftlichen Nachweise über die Bewerbungsbemühungen. Tabellarisch sollte Kalle auflisten, bei welchen Unternehmen er sich telefonisch oder schriftlich beworben hat. Er konnte diese schriftlichen Nachweise nicht erbringen, auch konnte er keine schriftlichen Bewerbungsunterlagen vorweisen. Infolge dessen besuchte er zahlreiche Bewerbungstrainings und Computerkurse, die ihn in die Lage versetzen sollten, sich selbständig eine Arbeit zu suchen. Aber seine Kenntnisse reichten nicht aus, um Stellenanzeigen in verschiedenen Zeitungen zu lesen, im Internet Stellen zu recherchieren oder Online-Bewerbungen zu versenden. Kalle erhielt viele Kursangebote, die ihn für verschiedene Jobs qualifiziert hätten, er lehnte etliche ab. Er ist deshalb häufig sanktioniert worden. Die Aussage „ich kann das nicht“, oder „ich kann nicht schreiben“ wurde oft als „ich will das nicht“ interpretiert. Kalle galt als schwieriger Kunde, der vehement und lautstark Angebote ablehnte und sich dauernd beschwerte. Dass Kalle Basisbildungskurse bei Zukunftsbau besuchte, war eigentlich eher ein Zufall. Im Rahmen eines Programms des JobCenter für Langzeitarbeitslose sollte er gemeinnützige Arbeit, vermittelt und betreut durch die Zukunftsbau GmbH, verrichten. Im Rahmen eines Profiling fielen die erheblichen Defizite schließlich auf. Heute hat Kalle einen unbefristeten Job als Hausmeister. [aus einem Interview von Karin Zirkelbach, Zukunftsbau GmbH, Berlin].

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Barbara B. aus Dänemark Barbara B. ist seit siebzehn Jahren Büroangestellte bei FROESLEV WOOD, einem dänischen Holzimport-Unternehmen in Süd-Jütland. Barbara ist ehrgeizig, möchte ihr Dänisch verbessern und hat über die Jahre hinweg verschiedene Kurse und Lehrgänge besucht. Im Augenblick bereitet sie sich für die Prüfung der dritten Kursstufe vor. Da sie in ihrem Unternehmen für die interne Kommunikation zuständig ist, ist es ihr wichtig, gute sprachliche Fähigkeiten zu haben. „Ich habe Probleme damit, richtig zu schreiben und arbeite gerade daran, das zu verbessern. Der Kurs hilft mir dabei sehr und ich merke, dass ich besser werde. Deswegen werden mir im Unternehmen auch nach und nach mehr Verantwortlichkeiten übertragen. Ich kümmere mich jetzt sogar schon um den Schriftverkehr - aber natürlich nicht um den externen“ fügt sie schnell bescheiden hinzu. „Ich werde durch den Kurs viel selbstbewusster, nicht nur im Beruf, sondern auch privat. Es ist ein Privileg, dass wir hier in Dänemark den staatlichen Bildungsfond haben, durch den Unternehmen dazu angeregt werden, Basisbildungskurse für Erwachsene anzubieten. Wenn wir das nicht hätten, würden die Firmen viel Potenzial ungefördert lassen.“ [aus einem Interview von Kirsten Cilieborg, VUC Sonderjylland, Haderslev] - 35 -


ANHANG 3 BEISPIELE FÜR BASISBILDUNGSTRAININGS IN UNTERNEHMEN Kommunikation im Betrieb und mit Kunden Herr P. arbeitet in einem Reinigungsunternehmen. Er beginnt nachts mit seiner Arbeit, die häufig erst am späten Vormittag endet. „Nachts arbeite ich lieber, dann ist niemand da, und ich muss nicht sprechen“, meint er, „aber morgens gibt es immer jemand, der etwas wissen möchte. Das macht mein Kollege. Oft fehlen mir die Worte.“ Auch bei Zusatzaufträgen, die von der Zentrale mitunter per SMS gesendet werden, fehlen ihm die Worte. Dann ist er froh über seinen Teamkollegen, den er fragen kann.

Obwohl sich Herr P. im Unternehmen sehr wohl fühlt und gut mit seinen Kollegen zusammenarbeitet, nahm er die Chance, an einem Basisbildungskurs der Zukunftsbau GmbH teilzunehmen, gern - 36 -


und mit Erleichterung wahr. Seit mehreren Wochen besucht er nun diesen Kurs, der sich flexibel nach seinen Arbeitszeiten richtet. Der Kurs beginnt entsprechend später, wenn Herr P. länger arbeiten muss. Sein Ziel ist es, mit Kunden frei sprechen zu können. Gerne möchte er, wenn er einen Zusatzauftrag erhalten hat, sich selbstverständlich und sicher beim Kunden vorstellen, den auszuführenden Auftrag formulieren oder nach technischen Details fragen. Bereits nach den ersten Kursterminen fühlt er sich schon viel sicherer, denn er hat schon wichtiges Fachvokabular gelernt. Das kann er auch gut in seinem Monatsbericht nutzen, denn er muss seine Tätigkeiten dokumentieren. Auch die vielen Abkürzungen im Einsatzplan kann Herr P. nun lesen und weiß, welche Arbeitsaufträge damit verbunden sind.

Lesen und Textverstehen bei der Kommissionierung von Waren Im Lager, in dem Herr F. als Kommissionierer arbeitet, werden über 40.000 Artikel vor allem für gewerbliche Kunden aus den Bauhaupt- und Baunebengewerken, aber auch für Privatkunden zum Kauf bereitgestellt. Das Sortiment reicht von Baustoffen, einer Vielzahl von Schrauben und Dübeln bis zu Werkzeugen und Maschinen. Im Lager arbeiten bis zu zehn Mitarbeiter/innen, im gesamten Unternehmen 490.

Häufig und regelmäßig verlangte Artikel kann Herr F. anhand des Bestellscheins problemlos und schnell zusammenstellen. Hingegen braucht er für das Zusammenstellen von Artikeln, die nur gelegentlich oder vereinzelt angefordert werden, deutlich mehr Zeit. Die Artikelbezeichnungen bestehen oft aus mehreren Wörtern, sie bereiten ihm erhebliche Lesemühe. Auch die Orientierung durch die Artikelnummern hilft nicht immer weiter. Oft vergewissert er sich nochmal bei der Auftragsannahme oder später bei einem Kollegen. Dies ändert sich, seit Herr F. einen Basisbildungskurs der Zukunftsbau GmbH besucht. Der Basisbildungskurs richtet sich nach den Lese- und Schreibanforderungen im Betrieb und den Bedarfen von - 37 -


Herrn F. Zweimal wöchentlich lernt er Bestellscheine zu lesen und Lieferscheine auszufüllen. Zugleich erwirbt er grundlegende PC-Kenntnisse und übt den Umgang mit einer Datenbank. So ist er gut auf die technologische Umstellung des Lagersystems, die für dieses Jahr geplant ist, vorbereitet.

Lesen und Verfassen von Fachtexten in Vorbereitung auf externe Kammerprüfungen „Schon in der Schule hab‘ ich nicht so gern geschrieben, war halt‘ nie so meine Sache“, meint die 29-jährige Frau A., die jetzt ihren Berufsabschluss nachholen möchte. Sie arbeitet als Angelernte im Malerbereich. Sie hat viel Erfahrung: Beschichten und Bekleiden von Innenwänden, Decken, Böden und sogar Fassaden von Gebäuden zählten bereits zu ihren Aufgaben. Doch zu der ausführenden Praxis kommt jetzt die Theorie hinzu. In Fachtexten werden Analysemethoden, Bearbeitungs-techniken, chemische Zusammensetzungen, physikalische Wirkungen beschrieben und erläutert. Komplexe Aufgabenstellungen, z.B. Kundenaufträge, müssen fachgerecht bearbeitet und dokumentiert werden.

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Einmal wöchentlich besucht sie mit vier weiteren Malern/innen und Lackierern/innen einen Basisbildungskurs, der von der Zukunftsbau GmbH durchgeführt wird. Gemeinsam üben sie jetzt, komplexe Fachtexte zu lesen, Arbeitsabläufe zu notieren, Material- und Mengenlisten zu erstellen, Kosten zu kalkulieren und fachgerecht Pläne und Entwurfsskizzen anzufertigen. Regelmäßig müssen sie ihre Ergebnisse präsentieren und lernen so, wie man Kundenwünsche in die Auftragsausführung einbezieht und dokumentiert. Alle wünschen sich, erfolgreich die Gesellenprüfung zu absolvieren, und die Unternehmen unterstützen ihr Ziel. Der Kurs kann in der regulären Arbeitszeit stattfinden.

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IM PRESSUM ZUKUNFTSBAU GMBH CHARLOTTENBURGER STR. 33 A 13086 BERLIN INFO@ZUKUNFTSBAU.DE WWW.GRUNDBILDUNG-UND-BERUF.INFO

KONTAKT DR. KLAUS J. BUNKE KJBUNKE@ZUKUNFTSBAU.DE

DIE VORHABENSPARTNER SIND: ZUKUNFTSBAU GMBH BERUFSFÖRDERUNGSWERK E.V. DES BAUINDUSTRIEVERBANDES BERLIN-BRANDENBURG E.V. TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN, INSTITUT FÜR BERUFLICHE BILDUNG UND ARBEITSLEHRE L.I.S.T. LÖSUNGEN IM STADTTEIL STADTENTWICKLUNGSGESELLSCHAFT MBH

Das Vorhaben „Strategien zur Personalentwicklung gewerblicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ ist Teil des Förderschwerpunktes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“. Dieses Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter den Förderkennzeichen 01AB12017A, 01AB12017B, 01AB12017C, 01AB12017D gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.


GESTALTUNG BILDNACHWEIS pro.fund GmbH

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docb, berlin

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bruzzomont / photocase.de Yunioshi / photocase.de eritropel / photocase.de

Seite 15

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Arbeitsplatzbezogene Basisbildung, Leitfaden für Unternehmen; Helmut E. Klein/Sigrid SchöpperGrabe, Institut der deutschen Wirtschaft Köln und Rolf Klatta/Barbara Grimmer/Eugen G. Breining, Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e.V., Köln 2011

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Jenzig71 / photocase.de kallejipp / photocase.de eins2drei / photocase.de

Seite 20-25

Zukunftsbau

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SPINPRO FUNDAMENTALS # 4 rundBLICK BASISBILDUNG – DIE GROSSE UNBEKANNTE  
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