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(%24(!ÂŹ"3# das Buch zum aufstieg


Augen zu und durch. Die Zweite Liga bringt Hertha BSC und den Fans einen unerwarteten Absturz ein – und doch auch irgendwie einen Neuanfang. Immerhin ist hat man mal Zeit, in sich zu gehen







Weiter, weiter, immer weiter. Wenn Fußball kein Spiel wäre, müsste man Niederlagen wirklich ernst nehmen. So aber sind sie wie jede Lebenskrise: eine Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen







Auf den n채chsten Aufw채rtssieg. Herthas Fans haben am Abstieg schwer zu tragen, aber wenn die neue Saison vorm Stadiontor steht, sind sie da f체r sich und ihr Team. Das Leben ist hart - und manchmal Hertha


PROBIER‘S DOCH MAL MIT TRAINING Vom Fußball-Pralinchen zum gefeierten Spieler mit radarähnlicher Übersicht ist es selbst in der Zweiten Liga ein weiter Weg – der Brasilianer Ronny legt ihn bei Hertha zurück

as Publikum sucht sich seine Lieblinge gern nach seltsamen Kriterien aus. Hätten sonst Spieler wie Robert Huth, Yves Eigenrauch oder Jürgen Kohler zu Fußballgöttern werden können? Allen dreien ist gemein, dass der Ball nicht ihr allerbester Freund ist. Aber wahrscheinlich ist es gerade das Unvollkommene, das so anziehend wirkt. Ein gewisses Handicap, das die Zuschauer mitfühlen lässt. Bei Ronny Heberson Furtado de Araujo sind es nicht die ungeschickten Füße. Es ist das Übergewicht, das er über Wochen mit sich herumgeschleppt hat. Die guten dicken Bohnen zu Hause bei der Mama in Brasilien… Als der jüngere Bruder von Herthas Spielmacher Raffael im Sommer nach Berlin kommt, geht er gerade noch so als Fußball-Pralinchen durch. „Da war uns klar, dass er uns nicht kurzfristig würde helfen können“, erzählt Herthas Trainer Markus Babbel. „Aber er kann kicken, er kann ein Spiel verstehen, und das ist eine Gabe.“ Zuletzt hat Ronny vier Jahre lang in Portugal gespielt, erst in Lissabon und später in Leiria. Es waren vier Jahre bescheidenen sportlichen Erfolgs, von denen am nachhaltigsten eine Veränderung seines Künstlernamens in Erinnerung geblieben ist. 2003, als er mit Brasilien die Junioren- Weltmeisterschaft gewann, stand noch „Tody“ auf seinem Trikot. Markus Babbel hält Ronny für den besten Fußballspieler im Kader

von Hertha BSC, aber wegen der verheerenden Fitnesswerte ist davon erst einmal nicht viel zu sehen. Ronny muss umdenken – und abkochen. Da geht es ihm nicht anders als dem großen wie schlampigen Boxtalent Ralf Rocchigiani, das im fortgeschrittenen Alter ein wenig überraschend noch in den Besitz eines Weltmeistergürtels kam. Zur Erklärung sagte der ältere Bruder von Graciano Rocchigiani nur einen Satz: „Ich habe es einfach mal mit Training probiert.“

Babbel hält Ronny für den besten Spieler im Kader Auch Ronny drängt sich im Training auf. Er brilliert vor allem bei den Spielformen, in denen Ballbeherrschung und Blick für die Situation gefragt sind. Einmal geht es darum, den Ball mit wenigen Kontakten auf großem Raum im Spiel zu haben. Das ist bei großer Hitze ein schweißtreibender Zeitvertreib. Alle Spieler rennen sich die Seele aus dem Leib, nur Ronny erledigt die Arbeit dank seiner radarähnlichen Übersicht und seines perfekten Passspiels fast aus dem Stand. Die Kollegen sind beeindruckt. In der portugiesischen Liga hat er wie früher bei den brasilianischen Junioren das linke Defensivspektrum verantwortet. In Berlin aber will ihn Markus Babbel zur Offensivkraft auf der rechten Seite umschu-



len. Das ergibt durchaus Sinn, denn so gut wie Ronny kann bei Hertha allenfalls noch sein Bruder Raffael mit dem Ball umgehen. Und doch gelingt das Experiment erst einmal nur in Ansätzen. Zunächst schleppt Ronny zu viel Gewicht mit sich rum, und als er endlich spielfit ist für die eher physisch geprägte Zweite Liga, fremdelt er noch ein wenig mit der ihm zugedachten Aufgabe. Zum Saisonauftakt wird Ronny gegen Oberhausen eingewechselt, er hat ein paar gute Szenen und bereitet mit sehenswertem Pass das Berliner Siegtor zum 3:2 vor. Am zehnten Spieltag darf er beim 3:1 gegen Ingolstadt das erste Mal von Beginn an mitspielen. Es wechseln sich großartige Augenblicke mit Phasen ab, in denen er den Kopf in den Nacken legt. Das mag an seiner noch ausbaufähigen Fitness liegen, vielleicht aber auch an der für ihn ungewohnten Position. Nach 82 Minuten verlässt Ronny entkräftet den Rasen des Olympiastadions. Die Zuschauer verabschieden ihn mit Ovationen. Sein Kommentar zum Spiel – ist es ein Japsen oder ein Glucksen? Wahrscheinlich ein Gemisch aus beidem. Durch Ronnys Sprache zieht sich Erschöpfung, seine Augen aber erzählen etwas von Zufriedenheit, ja von Glück. Am nächsten Tag wirkt er entspannt. „Ich will mich anbieten, dann muss sich der Trainer den Kopf zerbrechen und seine Auswahl treffen“, sagt Ronny und lächelt in die Runde. Morgen ist trainingsfrei.

ååPA / THOMAS EISENHUTH (DPA)

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ååVON SVEN GOLDMANN UND MICHAEL ROSENTRITTå

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RONNY Der j端ngere Bruder von Spielmacher Raffael beherrscht das perfekte Passspiel fast aus dem Stand.




SPIELTAG

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Waldklasse

Berlin fährt raus zum Fußball – und zeigt sich beim ersten Punktederby nach sechs Jahrzehnten unsichtbar vereint. Beim 1:1 zwischen Union und Hertha teilt die Stadt ihr Glück Unter den rot-weiß benähten Jeanskutten und den blau-weiß beschalten Lederjacken rattert es, rattat-rattat, während die Bäume verwischt vorbeiziehen am offenen S-Bahnfenster. Heute fährt Berlin raus zum Fußball und überschreitet in Fahrtwindeseile eine unsichtbare Schwelle, die 20 Jahre zu fühlen war für gefühlige Leute wie Fußballfans es sind. Berlins großes Spiel findet diesmal im Süden vom Osten statt, nicht im Westen vom Westen. Dass der 1. FC Union am Wochenendanfang Hertha BSC bloß in der Zweiten Liga empfängt, kümmert hier keinen. Im Wald von Köpenick, der das Stadion An der Alten Försterei umschließt, stehen bemützte Männer am Trampelpfadesrand und fragen: „Noch eena ne Karte über?“ Nee, keena. Wir halten zusammen, wie der Wind und das Meer, die blau-weiße Hertha und der FC Union. So klang das früher, und früher war sogar noch nach dem Fall der Mauer. Herthaner und Unioner hatten sich verbunden über die sichtbaren Barrieren der Stadt hinweg – und

1989 sind sie sich offen in die Arme gefallen wie die wildfremden Menschen an den Grenzübergangsstellen. Aber dann haben sie sich genau beguckt und beschnuppert und sind doch lieber auf Abstand gegangen; unsichtbar, aber fühlbar. Deutsche Einheit eben. 50.000 blau-weiß-rot-weiße Berliner säumten 1990 das Wiedersehen im Olympiastadion, diesmal hätten es doppelt so viele sein können. In die Försterei passen nur 18.430 Leute, aber raus aus dem Wald wollte keiner, ist doch ein Heimspiel. Also kommen die Hertha-Fans angerattert auf der S-Bahn-Linie 3, die zwischen Köpenick und Charlottenburg verkehrt. Die Gäste zeigen sich stimm- und hüpfgewaltig, sie rufen immer wieder „Scheiß-Union“, was man als Zeichen einer Rivalität deuten könnte, obwohl es doch seit sechs Jahrzehnten nicht mehr um Punkte ging. Die Unioner, vor fünf Jahren noch gegen Motor Eberswalde und Anker Wismar auf Provinztour, hören darüber hinweg. Nur einmal antworten sie von der Gegengeraden, die wie die Fanseite nur Stehplätze hat: „Wir haben ein Stadion und ihr nicht!“ Herthas Spiel dauert 90 Sekunden und ein Kopfballtor von Peter Niemeyer lang, danach stolzieren die Favoriten ein wenig zu selbstgewiss übers

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ååPA / THOMAS EISENHUTH ( DPA )

Das Derby ist kein Duell auf Augenhöhe – eher auf Flughöhe.




ååPA / HANNIBAL HANSCHKE ( DPA ) &/4/å

Grün. Union kämpft und rackert sich zurück, rack-rack, die Kulisse wird lauter, lauter, lauter. Schüsse prallen gegen Herthas Latte, gegen einen Spieler auf Herthas Linie, gegen das Gestänge, das Herthas Tor hält. In der Halbzeit klopfen sich die Leute zufrieden auf die Schulter in der Schlange vor dem Toilettencontainer, in dem alte Fliesen hängen und vergilbte Raufasertapete. Diejenigen, die es eilig haben, stellen sich neben den Container an den Zaun und pinkeln Richtung Wald. In der Natur der Sache, um die es hier geht, liegt der Ausgleich für die kämpfenden Unioner. Und als der eingewechselte Santi Kolk kurz vor Schluss zum 1:1 trifft, springt die ganze Arena bis fast unters Dach – und zum ersten Mal erfasst die Hertha-Hüpfburg eine kurze Stille. Als die Menschen bis zum Abpfiff stehen bleiben und ihre Liebe besingen, ihren Stolz, ihren Verein, wippt auf der Ehrentribüne sogar Klaus Wowereit in seinen Lederschuhen im Takt mit. Dabei ist er HerthaMitglied und nach Unions vor-derbylicher Stimmungsmache Vorsteher einer Stadtregierung, die sowieso den anderen Verein bevorzugt. Weil er größer ist. Weil er im Olympiastadion spielt. Weil er aus dem Westen kommt. Hertha kommt eigentlich aus dem Norden. Würde das Team noch am Gesundbrunnen spielen, wäre es vielleicht ein Duell auf Augenhöhe geworden, dieses Berliner Derby im Wald. So aber ist der Unterschied gut zu sehen zwischen den Currywurst-Campingwagen hier und den Ausgabestellen am Olympiastadion, zwischen dem mehrstöckigen getäfelten Atrium für Presse und Vips dort und einem im Schlamm steckenden Zeltund Containerdorf hier, in dem die Spieler im engen, mit Kiezsponsoren vollgepflasterten Kabuff schwitzend stehen und Fragen beantworten. Und Sätze sagen wie: „Die Stimmung war weltklasse.“ Die S-Bahn hält keine Zusatzzüge bereit. Also warten die Leute auf dem durchgetretenen Bahnsteig Köpenick und blicken in die Nacht, durch die man in die Stadtmitte rattert, rattat-rattat, und vielleicht erst am nächsten Tag ankommt. 1:1. Berlins Fußball hat sein Glück geteilt und auch die Punkte in der Zweiten Liga. Herthas Mannschaftsbus rollt zurück. Bei Union wischt eine Frau noch die Container durch. ROBERT IDE

Auswärtsfahrt Parallel zum Derby in der Wuhlheide wird am U-Bahnhof Osloer Straße eine Antifa-Demo abgepfiffen. Die Jungs und Mädels marschieren unter anderem gegen die „rassistische Kolonialromantik“ der Straßennamen im Afrikanischen Viertel.

OOM



Anzeigetafel FREITAG / 17.09.10 / 18 UHR HERTHA BSC

1. FC UNION

1:1 0:1

AUFSTELLUNGEN Glinker _ Menz, Madouni, Rauw 39. Göhlert, Kohlmann _ Peitz, Parensen 80. Savran _ Brunnemann, Mattuschka K 76. Kolk, Mosquera _ Benyamina Trainer: Uwe Neuhaus

Aerts _ Lell, Hubnik, Mijatovic K , Kobiaschwili _ Niemeyer _ Rukavytsya 64. Schulz, Domowtschiski 92. Djuricin, Raffael 46. Perdedaj, Ramos _ Friend Trainer: Markus Babbel

TORSCHÜTZEN 0 : 1 Niemeyer 2. Rukavytsya 1 : 1 Kolk 82.

ZUSCHAUER

18.430 Stadion An der Alten Försterei Dr. Felix Brych München 0 0 Keine

SCHIEDSRICHTER GELB-ROTE KARTEN ROTE KARTEN BES. VORKOMMNISSE WEITERE SPIELE

Fürth Aachen Karlsruhe Oberhausen Augsburg Düsseldorf Bielefeld Aue

– – – – – – – –

FSV Frankfurt Cottbus Paderborn Bochum Osnabrück 1860 München Ingolstadt Duisburg

1:0 2:3 2:1 3:1 2:2 1:2 1:0 1:0

TABELLE

SP

G

U V

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18.

4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4

3 3 3 3 3 3 3 2 2 2 1 1 1 1 0 0 0 0

1 1 1 1 0 0 0 1 0 0 1 0 0 0 2 2 0 0

FC Augsburg Greuther Fürth Energie Cottbus Hertha BSC A MSV Duisburg RW Oberhausen Erzgebirge Aue N Karlsruher SC 1860 München FSV Frankfurt VfL Osnabrück N SC Paderborn 07 Arminia Bielefeld VfL Bochum A 1. FC Union Alemannia Aachen Fortuna Düsseldorf FC Ingolstadt 04 N

0 0 0 0 1 1 1 1 2 2 2 3 3 3 2 2 4 4

1:0 1:1 1:1 1:1 1:0 1:0 0:0 0:0 TORE

9:3 8:3 12 : 8 9:5 9:4 8:5 5:3 11 : 10 8:7 3:3 7 : 10 3:4 4:7 4:8 4:7 5:9 2:7 3 : 11

DIF. PKT.

6 5 4 4 5 3 2 1 1 0 -3 -1 -3 -4 -3 -4 -5 -8

10 10 10 10 9 9 9 7 6 6 4 3 3 3 2 2 0 0


»NATÜRLICH KENNT MAN HERTHA IN KOLUMBIEN« Adrian Ramos spielt seit 2009 für Hertha und ist bester Torschütze der Saison. Im Interview spricht der Kolumbianer über Derbys, sein Faible für Marcelinho und das Trikot von Patrick Ebert

Señor Ramos, als nächstes spielen Sie mit Hertha BSC gegen Osnabrück. Schwieriger Gegner, schwieriger Name. Können Ihre Freunde in Kolumbien etwas damit anfangen? Mit Osnabrück, Paderborn oder Ingolstadt? Alles Gegner von Hertha BSC in der Zweiten Liga. Ich denke mal, mit Osnabrück kann dort keiner was anfangen.

Aber wenn ich mit meinen Freunden telefoniere, dann fragen sie mich nicht nach den Gegnern, sondern nur, wo wir stehen und ob wir aufsteigen. Das ist das Wichtigste. Haben Sie zu Hause schon die Rückkehr in die Bundesliga vermeldet? Abwarten! Im Moment sieht es sehr gut aus, wir stehen kurz vor dem Aufstieg. Vor der



Saison gab es viele Leute, die uns das nicht zugetraut haben. Es hieß, wir hätten nicht die richtige Mentalität für die Zweite Liga, weil wir nicht kämpfen könnten. Ich glaube, wir haben alle eines Besseren belehrt. Die letzte Saison war nicht einfach. Es gab früh einen Trainerwechsel und sportlich lief es nicht gut. Irgendwann waren viele Spieler verunsichert.

ååPA´/ THOMAS EISENHUTH ( DPA )

ååSVEN GOLDMANN UND SEBASTIAN STIER

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Die Angst, Fehler zu machen, war größer als der Mut, etwas zu riskieren. Jetzt haben wir eine andere Mentalität. Vor anderthalb Jahren sind Sie von America Cali zu Hertha BSC gekommen. Haben sich Ihre Freunde gewundert, dass Sie nach Deutschland und nicht etwa nach Spanien oder Italien gegangen sind? Nein, Hertha ist in Kolumbien keineswegs unbekannt. Ich kannte den Verein schon vorher. In Kolumbien kennt man Hertha BSC? Natürlich! Wir haben dort einen Fernsehsender, der die Bundesliga zeigt. Außerdem habe ich Hertha früher immer wegen Marcelinho verfolgt. Ein großer Spieler und in Südamerika sehr bekannt. Ihr Lieblingsspieler? Nein. Ich habe ihn immer sehr gern gesehen. Mein Idol ist aber Faustino Asprilla. Für mich ist Asprilla der beste kolumbianische Spieler aller Zeiten, noch vor Carlos Valderrama. Ich war neun Jahre alt und habe die Spiele der Nationalmannschaft am Fernseher verfolgt. Asprilla, Valderrama, Rincón oder Valencia – das war wunderbarer Fußball. 1993 gab es ein 5:0 in Buenos Aires gegen Argentinien, das ist bis heute unvergessen. Diese Mannschaft hat den Menschen in Kolumbien Freude bereitet. Kolumbien war das letzte Mal 1994 bei einer WM-Endrunde. Wem haben Sie 2010 in Südafrika die Daumen gedrückt? Gibt es da eine südamerikanische Solidarität? Erst einmal finde ich, dass Deutschland im gesamten Turnier großartig gespielt hat. Aber im Halbfinale war Spanien eben ein kleines bisschen besser. Und was meine persönliche Sympathie betrifft: Ich bin totaler BrasilienFan. Natürlich nur, wenn Kolumbien nicht spielt. Bei der U-17-Weltmeisterschaft 2003 in Finnland haben Sie im Halbfinale 0:2 gegen Brasilien verloren. Ihr heutiger Mitspieler Ronny saß damals bei Brasilien auf der Bank. Kannten Sie sich damals schon? Nein. Aber als Ronny nach Berlin kam, hat er mich angesprochen: Hey, ich kenne dich doch von der

WM in Finnland. Wir haben im Internet alte Fotos rausgesucht, und tatsächlich: Der eine auf dem Mannschaftsfoto war der junge Ronny! Wir haben viel gelacht. Ihr Mitspieler Alfredo Morales hat einen peruanischen Vater. Er sagt, er spüre auf dem Fußballplatz seine Latino-Identität. Da hat er recht. Dann erzählen Sie uns doch bitte mal, was diese Identität ausmacht. Spaß am Spiel ist uns ganz wichtig. In Südamerika wird Fußball mit mehr Freude gespielt, in Europa geht es dagegen etwas ernsthafter zu. Das Spiel ist viel körperbetonter, aber auch schneller. Vor allem im Vergleich zu Kolumbien. Dort wird der Ball erst angenommen und dann nach drei, vier Berührungen weitergespielt. Hier hat man nicht so viel Zeit, das Tempo ist höher. Versuchen Sie, den europäischen Stil in Ihr Spiel zu integrieren, wenn Sie für Kolumbien spielen? Ja, aber wir haben dort vorher auch schon versucht,

»In Südamerika wird Fußball mit mehr Freude gespielt.« schneller zu spielen als in der Liga. Unser Nationaltrainer legt großen Wert darauf, dass wir ein bisschen europäischer spielen. Schon dafür hat sich der Wechsel nach Berlin gelohnt. Vor ein paar Wochen haben Sie mit Kolumbien in Madrid gegen Spanien gespielt. Ihr Gegenspieler war Sergio Ramos von Real. Haben Sie Trikots getauscht – Ramos gegen Ramos? Ha, lustige Idee! Tut mir leid, aber das hab ich wohl versäumt. Ich bin eh keiner, der andere Trikots sammelt. In der kolumbianischen Nationalmannschaft spielen Sie mit der Nummer 16, in Berlin mit der 9. Hätten Sie lieber wieder die 16? Oder die 10, der Traum eines jeden Südamerikaners? Nein, nein, meine Lieblingsnummer ist die 20, damit habe ich als Kind immer gespielt, aber die ist bei Hertha ja leider schon vergeben... ...an Patrick Ebert. Tja, Pech gehabt. Aber dass ich ihn nun fra-



gen würde, ob er mit mir tauscht – also so wichtig ist mir das auch nicht mit der Rückennummer. Sie sind nicht der einzige Kolumbianer in Berlin. Beim 1. FC Union spielt John Jairo Mosquera auf einer ganz ähnlichen Position wie Sie bei Hertha. Wahrscheinlich haben Sie privat mit Union mehr zu tun als der Rest von Hertha zusammen. Ach, ich bin in meinem Bekanntenkreis nicht so sehr auf Fußballspieler reduziert, ich kenne schon ein paar Leute, es gibt eine ziemlich große lateinamerikanische Community in Berlin. Aber John ist natürlich ein guter Freund, obwohl er aus Bogota kommt und ich aus Cali, das könnte bei anderen schon ein Problem sein. Auch zu Elkin Soto aus Mainz habe ich Kontakt. Das heißt: Ich hatte Kontakt, aber dann habe ich leider seine Telefonnummer verloren, aber wenn wir uns das nächste Mal bei der Nationalmannschaft sehen, tauschen wir sie wieder aus. Mosquera schoss im Derby den 1:1-Ausgleich, Union gewann 2:1 und zelebrierte den Sieg wie einen Aufstieg. War Ihnen die Brisanz des Spiels denn vorher überhaupt bewusst? Ja, man sagte mir vorher, dass wir Union unbedingt schlagen müssen, weil es sehr wichtig ist für unsere Fans. Und dann ist da natürlich noch diese politische Ost-West-Geschichte, davon habe ich vorher gelesen, die Leute haben mir davon erzählt, von der Teilung und der Mauer und so. Sie spielen im Westen, Mosquera im Osten. Dass das eine so brisante Konstellation ist, hätte ich früher nicht gedacht. Wir haben während des Spiels nicht miteinander geredet, dafür war es ohnehin zu laut im Stadion. Und was den Druck betrifft, den bin ich aus Kolumbien gewohnt. Für mich war dieser Druck nichts Neues. Aus Kolumbien wusste ich, wie viel ein Stadtderby den Menschen bedeutet. In Cali mussten wir mit America immer gegen Deportivo gewinnen, sonst konnten wir die Saison vergessen. Und was glauben Sie, was los war, wenn wir gegen Nacional Medellin oder Millionarios de Bogota gespielt haben!





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ååPA / SOEREN STACHE ( DPA )

Fete mit Felge. Herthas Spieler haben sich in der Saison 2010/11 die einer Radkappe nachempfundene Meisterschale der Zweiten Liga mehr als verdient. Nun dürfen die Berliner in der Bundesliga wieder an einem größeren Rad drehen.




Hertha BSC ist zurück in der Bundesliga. Und Berlin hat sich für Berlins größten Sportverein neu begeistert. Im Buch zum Aufstieg erzählen Tagesspiegel-Reporter die Erfolgssaison neu und bewerten alle Spieler in der Einzelkritik. Erleben Sie in zahlreichen Reportagen und Analysen die Erneuerung Herthas mit, lesen Sie Interviews mit Trainer Markus Babbel, Manager Michael Preetz sowie dem besten Torschützen Adrian Ramos und lassen Sie sich von den Emotionen zahlreicher Fanfotos mitreißen.

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Hertha BSC - Das Buch zum Aufstieg  

Die Saison 2010/2011 neu erzählt