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DOSSIER EUROPÄISCH

Impact | März 2016

Seismograf für die Eurozone

Robin Schlup möchte einmal zur Weltraumorganisation ESA.

International profiliert

Seit 2014 studiert Robin Schlup Elektrotechnik an der ZHAW School of Engineering. «Das ist kein Zuckerschlecken, weil das Studium sehr breitgefächert ist», sagt er. Seit dem dritten Semester werden ausgewählte Vorlesungen und Praktika auch in englischer Sprache unterrichtet. Denn Robin Schlup studiert im Internationalen Profil. Neben dem englischsprachigen Unterricht umfasst das schweizweit einzigartige Programm den Erwerb eines Sprachzertifikats und einen längeren Auslandsaufenthalt. Damit hat der 24-Jährige Erfahrung: Nach seiner Lehre bei Rieter half er ein halbes Jahr beim Aufbau einer Lehrwerkstatt in China mit. Für den anstehenden Studienaufenthalt im Ausland wären die Vereinigten Staaten oder Skandinavien Wunschdestinationen. 2017 wird er mit dem Bachelor of Science in Elektrotechnik abschliessen; auch seine Leistungen im Rahmen des Internationalen Profils werden auf dem Diplom verzeichnet. Sein Ziel: «Ich würde gerne in der Luft- und Raumfahrt arbeiten, etwa bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA.» ◼ Bettina Bhend

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Die neue Linksregierung in Portugal will die Austeritätspolitik lockern. Spaniens Sozialisten bekunden wochenlang Mühe, eine tragfähige Regierung zu bilden. Finanzmarktspezialist Peter Schwendner visualisiert, wie die iberischen Staatsanleihen unter Druck geraten. «Sehen Sie hier», sagt der Forscher und Dozent an der ZHAW School of Management and Law und zeigt auf eine interaktive Europakarte. Verschiedenfarbige Pfeile symbolisieren die Kräfte, die auf die Staatsanleihen der Eurozone einwirken. Wöchentliche Auswertungen erlauben es einzuschätzen, wie gross die Gefahr ist, dass die Schwäche einzelner Staaten auf andere Euroländer übergreift.

Beim ESM offene Türen eingerannt Dieses Instrument – es nennt sich «Contagion Risk Monitor» – hat der 44-jährige Forscher am Institut für Wealth & Asset Management zusammen mit Physikern des ZHAW-Instituts für Angewandte Simulation entwickelt. Es handelt sich um eine Art Seismografen, der selbst minime Erschütterungen an Märkten für Staatsanleihen registriert. Entstanden ist der Ansatz im Rahmen eines Projekts in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), der in Luxemburg als Teil des Euro-Rettungsschirms tätig ist.

Beim ESM schien Schwendner offene Türen einzurennen, als er sein Vorhaben per Mail vorstellte. Der ESM interessierte sich für das Projekt des Finanzmarktpraktikers, um Gespräche mit Investoren und Politikern besser mit evidenzbasierten Aussagen begleiten zu können. Die Resultate sind im «Journal of Network Theory in Finance» nachzulesen. Es zeigte sich, dass die Investoren den ESMAnleihen vertrauen und dass die technischen Instrumente genügen, um die Stabilitätsprobleme in der Eurozone zu lösen, solange der politische Konsens intakt bleibt. Der Clou am Seismografen ist, dass er sich auf echte Signale beschränkt. Zufällige Ausschläge filtert er heraus. Damit ist er aussagekräftiger als der übliche Blick auf die Zu- oder Abnahme von Renditen unterschiedlicher Staatsanleihen. Fehlsignale gibt es im Alltag viele, etwa in illiquiden Märkten. Das weiss Schwendner aus seiner Finanzmarktpraxis. Während 15 Jahren analysierte der promovierte Physiker die Ausschläge und die Muster von Börsendaten, zuletzt bei einem Anbieter von Staatsanleihen-Absicherungsprodukten für Pensionskassen, davor in der Derivateabteilung einer renommierten deutschen Privatbank: «Finanzmarktakteure versuchen, Marktbewegungen zu antizipieren, andere reagieren darauf, Netzwerkeffekte entstehen.»

Weshalb verhält sich der Markt anders? Unversehens aber veränderten sich die lange gültigen Muster, nachdem die Notenbanken die Finanzkrise mit ihrer beispiellosen Liquiditätsschwemme bekämpft hatten. Keiner konnte die Vorgänge erklären. Schwendners Forscherehrgeiz war geweckt. 2013 wechselte er an die ZHAW, um die Zusammenhänge zu ergründen. Nach der Studie mit dem ESM will er das Instrument mit weiteren europäischen Partnern breiter nutzen. Ziel ist, den Zusammenhang von Wirtschafts- und Kapitalmarktdaten sowie der politischen Stimmung in diversen Ländern aufzuzeigen. Damit liessen sich Verhandlungen vielleicht rationaler führen, und es könnte verhindert werden, dass monatelang blockierte Entscheidungen den Volkswirtschaften schaden. ◼ Thomas Müller

Peter Schwendner liefert Argumente für rationalere Verhandlungen in der Eurozone.

ZHAW IMPACT APP Wie reagieren die Renditen und Staatsanleihen der Euroländer auf externe Schocks? Eine historische Bildstrecke.

ZHAW Impact 32/16  

Bewegte Zeiten in Europa. Und die Schweiz mittendrin. Die ZHAW forscht nach Lösungen bei Horizon 2020 und anderen Netzwerken.

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